Bibel aktuell: Zieh deine Schuhe aus!

Manchen ist das ja ein bisschen unangenehm, wenn sie zu Besuch kommen und die Schuhe ausziehen sollen. Aber natürlich machen sie´s dann. Genauso wie Mose in der Bibel. Der begegnet Gott in einem brennenden Dornbusch in der Wüste. Und als Mose auf den Dornbusch zugeht, sagt Gott zu ihm: “Zieh deine Schuhe aus!” Warum ist das in diesem Moment so wichtig, Pfarrer Marvin Lange aus Fulda.


Gesprochen von: Pfr. Marvin Lange

2. Sonntag nach Epiphanias 2019: Antike Tugend-Tabellen gegen geistliche Intuition (Röm 12,9-16)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen. 

Mit Kindern und Jugendlichen muss man manchmal korrektes Verhalten einüben. Was für Erwachsene normalerweise ganz normal ist, muss bei Schulklassen, Konfirmandengruppen extra angesprochen sein. Neulich zum Beispiel bin ich mit zwei achten Klassen in die katholische Kirche St. Paulus gegangen. Da war die Frage vor der Eingangstür: „Wie verhält man sich in einer katholischen Kirche?“ Und die Antworten kamen sehr schnell: nicht rennen, leise sein, keine Gegenstände anfassen, den Altarraum nicht betreten, nicht schreien.

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16. Sonntag nach Trinitatis 2018: Eine frühchristliche Legende (zu Apg 12,1-11)

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

TXT:

1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln.

2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

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Predigt zum Karfreitag 2018: Der Tod Gottes

KARFREITAGSPREDIGT 2018 VON PFARRER MARVIN LANGE IM BONHOEFFERHAUS FULDA ZUR PASSIONSGESCHICHTE NACH MARKUS

1. Einleitung: Wir haben Gott getötet
Jesus Christus, der für unsere Sünden gestorben ist, sei mit euch allen!

Der Tod Gottes! 
So habe ich den heutigen Gottesdienst überschrieben. Es ist Karfreitag.

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Reformation jetzt! (Jes 62,6+7)

Von Pfr. Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!
    Amen.

Einer der Predigttexte für das Reformationsfest steht im Jesaja-Buch im 62. Kapitel, die Verse 6-7+10-12.

Dort heißt es:
6 O Jerusalem, ich habe  Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,
7 laßt ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!
10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg!  Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
11 Siehe, der HERR läßt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der  Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!  Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!
12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«,  »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.


1.    Das wahre Zeitalter der Reformation ist jetzt
Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben in einer großartigen Zeit in diesem Land. Mehr als 70 Jahre kein Krieg auf unserem Boden, ein Vierteljahrhundert Deutschland geeint. Die Wirtschaft brummt nach wie vor. Trotz Euro- und Finanzkrise. Trotz Flüchtlingsströmen und zunehmenden politischen Verwerfungen.

Die Lebensqualität befindet sich auf einem unglaublich hohen Niveau. Ein Land, in dem heute eine Religionsfreiheit herrscht wie niemals zuvor. Ein Land, in dem die wahre Reformation im Religiösen jetzt gerade stattfindet. Das echte Zeitalter der Reformation war nicht zur Zeit Martin Luthers und seiner Nachfolger. 

Das Zeitalter echter Reformation hat jetzt, in den letzten 50 Jahren, begonnen. Denn: Als Luther und seine Mitstreiter berechtigte Kritik an den Zuständen der Kirche übten, waren die Bedingungen für die Durchsetzung dieses Gedankengutes lange nicht reif:
Keine Freiheit in Glaubensdingen. Keine Freiheit der Religion, sondern nach längerem Ringen und Kriegen das damals als Fortschritt empfundene 
„cuius regio, eius religio“. Wem das Land gehört, dessen Religion wird in diesem Land praktiziert – wer anderes glaubt, wer der anderen Konfession angehört, dem wird gerade einmal das Recht eingeräumt auszuwandern.

Unvorstellbar heute. 
Oder noch vor hundert Jahren die Schüler und Soldaten, die zum Gottesdienst beordert wurden, ob sie wollten oder nicht. 

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil wir heute tatsächlich die Freiheit des Gewissens haben, die die damaligen bloß postulierten, ohne wissen zu können, 
wie es ist, wirklich frei in Glaubensdingen zu sein.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil endlich der äußere Druck genommen ist, sich überhaupt einer oder der anderen Religion anzuschließen.
Religion ist etwas rein Freiwilliges geworden, etwas, das tatsächlich nur den Einzelnen und sein Gewissen betrifft. Etwas, das nicht vorgeschrieben wird.

Manche mögen nun unken, dass dieses mein gerade so gepriesenes wahres Zeitalter der Reformation nichts weiter ist als das Zeitalter des Relativismus, 
in der alles dem postmodernen Belieben und der Option unterworfen wird – 
ich halte dagegen, dass dies genau der Boden ist, auf dem echter Glaube, wahres Christentum gedeihen kann, ohne dass sich irgendjemand beugen oder verbiegen muss.

Die Aufforderung des Schreibers des Jesajabuches, aus unserem Predigttext, durch die Tore hineinzugehen, durch die Tore Jerusalems und des neu erbauten Tempels: 
Diese Aufforderung schließt zumindest heute die Freiheit mit ein, sich auch dagegen zu entscheiden. Und dann eben nicht die Tore hoch zu machen, wie es im berühmtesten aller Adventslieder heißt. Und dann auch das Angebot, das Gott bereithält, beiseite zu wischen und für sich zu entscheiden: Das ist nicht mein Weg, den der Prophet vorschlägt.

Ich behaupte: 
Dies ist die Chance für die evangelische Kirche. Dies ist die Chance für die weltweite Kirche Jesu Christi, ihr Angebot von der Rechtfertigung des Gottlosen in die Welt hinein zu rufen. 
Keine Vorteilsnahme durch einen Landesherrn, der bestimmt, dass die Kirchen voll zu sein haben. 
Kein – oder zumindest kaum noch; hier im Fuldaer Land höre ich aus den Familien manchmal noch anderes  – eigentlich kein Druck innerhalb der Familien, etwa mindestens eine Person pro Sonntag abzustellen, der in den Gottesdienst zu gehen hat. 

Diese Zeiten sind gottlob vorbei, wenn auch der Islam zur Zeit der neue Boden für Unmündigkeit und Bevormundung ist, und zwar durch die Bank, von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen. 

Für uns Christen sind diese Zeiten vorbei. Jetzt hat sich das Wort Gottes selber durchzusetzen, das von denen, die mit ihm leben, kommuniziert werden muss. 
Und es ist die Chance so groß wie nie, weil wir allesamt davon ausgehen können, dass diejenigen, die dabei sind, die sich haben taufen lassen und konfirmieren und Kirchenmitglieder sind und bleiben, dass die das wollen und die Botschaft von Jesus für alle Welt gern und aus freien Stücken hören, in Zeiten, wo einem am Arbeitsplatz, wie mir kürzlich berichtet wurde, um die Ohren gehauen wird: „Bist Du etwa noch nicht ausgetreten?“
Oder bei einer Taufe neulich, wo sich kein Pate mehr finden ließ, weil alle Freunde und Verwandte ihre Kirchensteuern lieber sparen wollten.

Das Wort Gottes selber ist es, das sich jetzt durchsetzen muss. Und es sind wir Christinnen und Christen, die es immer wieder und wieder auszurichten haben. 
Als Kommunikatoren des Evangeliums. Als diejenigen, die durch die Tore eingehen, die Tore, die Gott uns geöffnet hat.

Die Prophezeiung des Propheten Jesaja liest sich dabei wie ein Reformprogramm für unser jetziges, m.E. so reformatorisch durchsetztes Zeitalter:

2.    Primäre und sekundäre Religionserfahrungen: „Bereitet dem Volk den Weg!“
„Bereitet dem Volk den Weg“, ruft Jesaja uns zu. 
Dass damals die israelitischen Heimkehrer aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem gemeint waren, hält uns heutige nicht davon ab, darauf zu schauen, was für uns, und damit meine ich in reformatorischer Absicht uns Christinnen und Christen, was also für uns die richtige Wegbereitung für das „Volk“ ist: für unsere Kirche, für unser Land, und für die Welt.

Ja sicher, die Kirchen der Reformation haben es schwer. Es sind nicht die sogenannten primären religiösen Erfahrungen, mit denen wir punkten können. 
Die Unmittelbarkeit des Religiösen im Gottesdienst und im Glaubensvollzug haben wir mit intellektueller Redlichkeit mehr und mehr verbannt: Keine Heiligenverehrung, keine Erfahrung mit allen Sinnen, wie etwa mit Weihrauch, bunter Kleidung, Prozessionen und Wallfahrten. Nicht einmal herausgehobene Ämter mit verschiedenen Weihegraden und bestimmenden Lebensregeln.  

Stattdessen allein das Wort und die Vernunft, der Intellekt und die an Jesus Christus orientierte Auslegung der Bibel. 

„Sekundäre Religionserfahrung“ nennen das die Theologen und Religionswissenschaftler, wenn eine Religion so kühl und verkopft daherkommt, wie zumeist der Protestantismus. 
In den letzten Jahrzehnten hat zum Glück ja wieder eine Hinwendung zum Menschen und zum Gefühlsleben stattgefunden. Es ist die Erkenntnis dabei leitend, dass es vor allem „primäre“, also unmittelbare Religionserfahrungen sind, die distanzierte Menschen ansprechen, ja brauchen, um überhaupt zu verstehen, was Glauben sein kann. Und so erlebt die Kirche zurzeit etwa eine Renaissance von Segnungsgottesdiensten, eine Zunahme der Abendmahlsfrömmigkeit, einen recht guten Zulauf bei Gottesdiensten, die persönlichen Bezug haben, also etwa Taufen, Konfirmationen oder den großen kirchlichen Events, man denke etwa an den Kirchentag. 
Glaube und Religion wird von vielen nur noch wahrgenommen im Erleben – 
oder es wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen. 

Was Martin Luther meinte mit seinem derben „Dem Volk aufs Maul schauen“, das gilt für uns heutige genauso wie 1517 in Wittenberg. Und es gilt mitnichten nur für Pfarrer: Kommunikatoren des Evangeliums sind alle Christinnen und Christen. Jeder ist dem Nächsten Priester, hat Luther in Anlehnung an den Hebräerbrief immer wieder und zurecht betont.

„Bereitet dem Volk den Weg“ heißt dann für uns: Wenn wir als evangelische Kirche überhaupt relevant in unserer säkularen Gesellschaft sein wollen, wenn man uns überhaupt noch verstehen soll, sollten wir auf diejenigen, die das Christentum noch nicht für sich entdecken konnten, offener, freundlicher, aber auch viel kräftiger werbend zugehen als wir es bislang getan haben. Denn tun wir das nicht, dann merkt das sogenannte Volk auch nicht, dass wir eine Botschaft haben, die für sie von Höchsten Interesse sein könnte: Immerhin die Verheißung von Ewigem Leben, Gemeinschaft mit Gott, Befreiung aus er Selbstverfangenheit, Gottvergessenheit und Angst.


3.    Bedingungen schaffen für die Kirche von heute
„Macht Bahn, macht Bahn“, ruft Jesaja uns zu. Sehr viel hübscher – und etwas dichter am hebräischen Wortlaut dran – ist eine englische Übersetzung dieser Stelle: 
„Build up the highway“, heißt es in einer englischen Übersetzung. „Schüttet den Highway, die Schnellstraße, auf.” Bei uns Deutschen kommen noch einmal ganz andere Assoziationen bei dem Wort Highway als bei der lutherischen „Bahn“ oder schlichten „Straße“. Gemeint ist dann auch in der Tat bei Jesaja das persische (Schnell-) Straßennetz, das erste wirklich funktionierende und durchdachte Straßennetz in der Geschichte der Menschheit, lange vor den Römern. 

Ohne Bereitstellung von Highways ist kein Handel und kein Austausch möglich. Ohne das planmäßige Anlegen dieser vielleicht wichtigsten Infrastruktur für größere Länder fallen diese irgendwann einfach in sich zusammen oder auseinander, da keine Zentralgewalt Einfluss auf die entlegeneren Gebiete hat. 

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet das: Baut weiter an der Infrastruktur, lasst sie nicht verkommen! Baut weiter an einer Infrastruktur, die der Kommunikation des Evangeliums dient. Oder wenn schon nicht überall die Zahlen und Mittel es hergeben, Kirchen und Gemeindezentren weiter zu entwickeln (wie es nur noch selten vorkommt), so baut doch weiter an der vorhandenen Infrastruktur, 
dass unsere Räumlichkeiten nicht als Museum, sondern als lebendiger Ort der Gottesbegegnung wahrgenommen werden können. 
Es sind die vielen Kirchen und es sind die Gemeinderäume, die unsere Kirche dringend braucht und erhalten sollte – im Gegensatz übrigens zum Pfarrhaus, das seinen Zenit als Mittelpunkt evangelischen Frömmigkeitslebens längst überschritten hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet diese Aufforderung zur „Aufschüttung des Highways“ genauso, dass unsere innere, spirituelle und religiöse Infrastruktur stets der Überprüfung bedarf: 
Bin ich selbst überhaupt ausgerüstet, um den Anforderungen der Zeit mit meinem Glauben begegnen zu können? Oder ist mein Gottesbild, was ich in meinem Herzen trage, dermaßen in die Jahre gekommen, dass ich eigentlich keine Kraft mehr daraus ziehe, sondern mehr Kraft hineinlegen muss, um dieses – irgendwie götzendienerisch – am Leben zu erhalten? Die Vorstellung, wie Gott sein könnte, ändert sich doch über ein Menschenleben. Den Gott aus Kindheitstagen festhalten zu wollen ist mindestens genauso verfehlt wie nicht zugeben zu können, dass die Haltung zur Politik über die Jahre eine andere geworden ist.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die religiöse Infrastruktur des Herzens ist nicht damit angegangen, indem man sich Kirchensteuern einziehen lässt. Sie lebt davon, be- und genutzt zu werden. Und sie lebt vom Weitersagen: An Kinder und Enkel, dem Lebens- oder Ehepartner. Auch an Freunde und Arbeitskollegen, die den Glauben vergessen haben oder die einer anderen Religion angehören.

4.    Ballast entrümpeln
„Räumt die Steine weg!“ mahnt Jesaja seine Israeliten. „Entrümpelt endlich den ganzen Ballast, den ihr mitschleppt, ohne wirklich der Kommunikation des Evangeliums zu dienen.“ Und wenn ich das so plakativ sage, dann weiß ich freilich, dass dies kein generalstabsmäßiges Kommando sein kann. Denn was die Kommunikation des Evangeliums verhindert statt fördert, das muss jede Gemeinde freilich für sich entscheiden!
Eine solche Entrümpelung muss von Gemeinde zu Gemeinde, von Ort zu Ort, ganz unterschiedlich ausfallen, da die Gepflogenheiten und Notwendigkeiten einfach unterschiedlich sind. Hünfeld ist nicht meine Bonhoeffer-Gemeinde in Fulda ist nicht Mansbach ist nicht Burghaun!

Eine solche Entrümpelung muss sich in dieser heutigen relativen und reformatorischen Zeit sehr viel mehr gabenorientiert darstellen als das in früheren Zeiten der Fall war. Die Zersplitterung und Pluralisierung der Gesellschaft macht vor den Gemeinden nicht halt, und dann ist es gut, in der Fläche, wie hier im Kirchenkreis Fulda, verschiedene Angebote für unterschiedliche Interessen vorhalten zu können. 

Was wollen und können die Christinnen und Christen vor Ort zur Kommunikation des Evangeliums beitragen? Und was lassen sie bleiben?
Solcher Art werden mehr und mehr die Fragen sein, nach der Kirchengemeinden sich ausrichten werden müssen. Ich stelle mir gemeinsam mit dem Münsteraner Theologen Prof.  Grethlein die Frage, ob das Vereinschristentum, wie wir es meist in der Fläche noch pflegen, nicht bald ausgedient haben wird zugunsten vieler anderer, 
durchaus reformatorischer  Formen der Kommunikation des Evangeliums, die von den Gläubigen für die Gläubigen je sehr unterschiedlich ausgestaltet werden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieser Prozess längst begonnen hat und wir Christinnen und Christen uns dabei nicht selbst im Weg stehen sollten. 
Lasst uns die Steine wegräumen und den Highway hochziehen, ihn breit machen, dass die Kommunikation des Evangeliums gelinge! 

Das Zeichen dafür, das wir aufrichten sollen, wie es Jesaja damals seinen Israeliten mit auf den Weg gab, ist für die Christenheit freilich das Kreuz. Indem wir darauf schauen und glauben, können wir mühelos die Infrastruktur unserer Kirchen – sowohl der Gebäude wie auch im Herzen – immer neu reformieren.

5.    Christen: Erlöste des Herrn. Heiliges Volk 
Jesaja spart nicht mit schönen Worten zum Ende seiner Verheißung in unserem Predigttext. Diejenigen, die das erleben, werden „Heiliges Volk“ genannt, „Erlöste des Herrn“. Sei es nun, dass die frühe Christenheit diese Begrifflichkeiten einfach auf sich selbst bezogen hat oder aber die Prophezeiung Jesajas in Jesus Christus aufgegangen ist. Es sei wie es will: Wir Christinnen und Christen sind mit den Juden das Heilige Volk, die Erlösten des Herrn.

Manchmal, da merkt man davon bei uns wenig. Zu wenig! Schau ich mir etwa die Gesichter beim Heiligen Abendmahl an, dann frage ich mich manchmal, 
was Gott uns denn eigentlich noch anbieten muss, damit wir weniger sauertöpfisch drein schauen. Reicht uns denn die Gemeinschaft mit Jesus, Ewiges Leben, die Liebe Gottes und seine unbedingte Anerkennung nicht aus, um frohen Mutes am Heiligen Mahl teilzunehmen? 

Wir Gläubigen dürfen wesentlich fröhlicher in den Tag hineingehen, denn wir haben als „Erlöste des Herrn“ allen Grund, stets positiv in die Zukunft zu blicken: 
Es ist schließlich Gottes Zukunft mit uns, in die wir gehen.

Und am Ende, liebe Schwestern und Brüder, am Ende ist auch die Reformation unsere Kirche, die heute so greifbar ist wie nie zuvor, eine Sache unseres guten und gnädigen Gottes, der das Haupt der Kirche ist und bleibt in alle Ewigkeit.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen!

LIED NACH DER PREDIGT:  EG 320,1-3+6-8: NUN LASST UNS GOTT DEM HERREN DANK SAGEN UND IHN EHREN

5. Sonntag nach Trinitatis 2017 zu Joh 1,35-51: „Was wollen Sie hier eigentlich?“

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
Predigttext
35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger;
36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!


37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wirst du bleiben?
39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.
43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!
44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus.
45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.
46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!
47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.
48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen.
49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!
50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das.
51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

Liebe Gemeinde,
seit einigen Jahren kursiert in den sozialen Medien der Text einer Journalistin, die sich bitterlich darüber beklagt, wie belanglos oder pseudointellektuell Predigten in evangelischen Kirchen seien. Entweder begebe man sich auf Kindergottesdienst-Niveau herab, mache zwischen Altar und Kanzel irgendeinen Quatsch mit Puppen, belanglosen Spielen und trivialen Aussagen, oder aber erzähle hochtrabend irgendwelche Dinge vom Geheimnis Gottes, von der Rechtfertigung des Gottlosen, von Gottes Liebe und Güte, ohne der Zuhörerschaft wirklich begreiflich zu machen, um was es da eigentlich geht. 
Was soll das denn sein, das Geheimnis Gottes? Und was hat es mit der Rechtfertigung des Gottlosen auf sich, wenn man selber überhaupt nicht mehr glaubt, dass man gerechtfertigt werden müsse? Und wie kann man von Gottes Liebe und Güte sprechen, wenn man noch nicht einmal verstanden hat, dass Gott überhaupt da ist. Weihnachten sei es dann ganz besonders schlimm, wenn der Pfarrer mit einem Rucksack kommt und ihn auspackt, Plattitüden zur Krippe erzählt oder ein verdammt schlechtes Theaterstück aufgeführt wird, das nur dazu dient, anwesenden Großeltern und Eltern ein wenig Tränen in die Augen zu zaubern. Die Journalistin verlangte nichts weniger als echte Verkündigung mit Leidenschaft und keine Plattitüden. Übrigens sei das auch der einzige und wahre Grund, warum so wenige Menschen den sonntäglichen Gang zur Kirche auf sich nähmen: Unterhalten kann das Internet tatsächlich besser – und den Geist sprechen kluge Bücher besser an – 
wenn dann der Mann oder die Frau auf der Kanzel eines von beidem versucht, ist es kein Wunder, dass er oder sie scheitert und viele Plätze frei bleiben.
Ich habe in dieser Woche den Ball aufgenommen und auf Facebook ziemlich herumposaunt, dass ich aus Leidenschaft predige, auch die Bereitschaft habe, bei den Menschen, die mir zuhören, gern auch mal anecke; insgesamt hoffentlich verkündige statt nur salbadere. Heute morgen solle sie mal kommen, da sei es im Bonhoefferhaus streitbar, nachdenklich. Und man solle mir sagen, wenn das hier alles nur langweiliger Unsinn ist, den ich verzapfe. Das ist ziemlich starker Tobak, denn Eigenlob richtet sich am Ende gegen denjenigen, der sich selbst so sehr lobt. Selbstkritik hingegen kommt bei den meisten Leuten eher an. Entscheiden Sie selbst, ob ihr Pfarrer einfach nur selbstgefällig ist und die Worte der Journalistin beherzigen sollte, oder ob sie ihm zumindest für heute nicht einfach mal Recht geben!


Anders gesagt: Wird hier und jetzt in diesem Raum das Evangelium verkündigt, die gute Botschaft Gottes ausgerichtet – oder gibt‘s hier nur Plattitüden?
Letzten Endes verbirgt sich hinter ihrer Antwort auch die Frage, was Sie hier eigentlich wollen: 
•    Sind Sie hier hergekommen für eine gute Einmannshow, bei der auch Kirchenvorsteher ein wenig beteiligt werden und es etwas auf die Ohren von unserer Organistin gibt? 
•    Oder erwarten Sie in diesem Raum Ruhe und Meditation? 
•    Oder sind Sie hier, weil sie nicht so recht wissen, was sie mit dem Sonntag sonst anfangen sollen? 
•    Oder sind Sie hier, weil sie hier gerne Bekannte und Freunde treffen? 
•    Von allem ein bisschen? 
•    Oder sollten sie tatsächlich hier sein, weil sie die Nähe Gottes suchen und etwas über den christlichen Glauben erfahren wollen und eventuell sogar noch die hier aufgeschnappten Gedanken in ihr eigenes Weltbild integrieren möchten?
Sollten Sie zu den letzteren gehören und wirklich hier sein, um von Gott zu hören, dann sind sie in bester Gesellschaft (und dies ist auch meistens die Motivation, mit der ich hier rede). 
Letzterer Grund, die Nähe Gottes, ist nämlich tatsächlich die Frage, die Jesus seinen ersten Jünger stellt, als diese ihm (nach einem Hinweis Johannes des Täufers) begegnen. 
Er fragt sie: „Was sucht ihr?“ 
Und die Jünger antworten, für uns erst einmal seltsam zu verstehen: „Wir wollen wissen, wo du wohnst.“ 
Hinter der Antwort verbirgt sich ein ganzer Rattenschwanz von Aussagen, die letzten Endes darauf hin zielen, dass diese Jünger Gott suchen. Denn: Ein Jünger hält sich da auf, wo sein Rabbi wohnt. Er folgt ihm auf Schritt und Tritt und möchte von ihm lernen. Nun ist es aber so, dass in dem Text ziemlich schnell Jesus als der Messias, der Christus, der König von Israel und der Welt bestimmt wird. In dem Moment, wo die Jünger fragen, wo ihr Rabbi Jesus wohnen würde, bedeutet das auch noch, in Erfahrung zu bringen, was es mit Gott auf sich hat, wie man es anstellen kann, selber im Bereich Gottes zu wohnen bzw. zu leben, ob Gott jedem einzelnen Menschen nahe ist oder auch und gerade nicht.
Die Frage die Jesus stellt ist nichts anderes als die Frage, die ich Ihnen gerade gestellt habe: Was wollt ihr hier eigentlich? 
Und meine Frage an die Journalistin: Was erwarten Sie eigentlich in einem Gottesdienst, von einem Gottesdienst?
Anhand der Stelle im Johannesevangelium lässt sich ziemlich gut zeigen, dass die Wege der Verkündigung für verschiedene Menschen ganz unterschiedlich ausfallen müssen. Da haben wir als allererstes Johannes den Täufer, der aus seiner Propheten-Rolle heraus begreift, dass Jesus der angekündigte Messias ist. Für ihn reicht es, dass Jesus an ihm vorüber geht. Da sagt er dann den orakelhaften Satz: „Siehe das ist das Lamm Gottes.“ So mag es manchen Leuten auch ergehen, dass sie in vielleicht frühester Kindheit von diesem Jesus erfahren haben, ihn für ihr Leben akzeptiert haben und seitdem auf diese Art und Weise leben. 
Die erste Jünger-Berufung hingegen bedarf schon wieder einer anderen Form der Verkündigung: Zwei Jünger des Johannes werden von dem Täufer darauf aufmerksam gemacht, dass Jesus das Lamm Gottes sei – und erst auf diese Rede hin springen sie auf Jesus an. Gehen zu ihm, heften sich an seine Fersen. Sie brauchen im Vorfeld jemanden, der ihnen in der Sprache des Mythos weiterhilft. Johannes sagt nicht: „Das ist der Messias, dem folgt mal nach.“ Dieser Art klarer Rede scheinen die beiden Jünger nicht zu brauchen. Für sie ist die orakelhafte Sprache die geeignetere. Die Art der Verkündigung, die diese beiden Jünger bekommen, ist diejenige, welche manche Pfarrer auch heutzutage ganz gerne anwenden, wenn sie Gottes Geheimnis einfach stehen lassen und eben nicht alles erklären wollen. 
Wenn solche Sätze geraunt werden wie: „Gott ist immer der ganz andere.“ Oder auch: „Das können wir nur im Glauben erfahren und nicht wissen.“ Dann werden Menschen angesprochen, wie diese beiden ersten Jünger, Andreas und ein anderer, vielleicht bereits Simon Petrus. (So ganz klar ist das im Evangelium nicht, vermutlich wurde der Text später vom Evangelisten oder einem seiner Schüler verändert). Diese eher mythologische Herangehensweise an die Religion spricht freilich manche Menschen an, andere aber so gar nicht.
Und gleich passiert es auch, dass in unserem Predigttext Simon Petrus von seinem Bruder Andreas zu Jesus geschickt wird, nachdem er ihm ausgerichtet hat, dass sie den Messias gefunden hätten. Als Simon dann zu Jesus kommt, wird ihm von diesem sofort ein neuer Name verpasst: Petrus, Kephas, Fels, auf dem die Kirche gebaut werden soll.
Und wieder können wir den Vergleich ziehen: Ein Verwandter kümmert sich darum, dass dieser von Jesus erfährt. Und in dem Moment, wo er auf Jesus trifft, bekommt er gleich einen neuen Namen. Wir haben diesen Ruf in die Nachfolge in der Kirche im Vollzug des Sakrament der Taufe aufgenommen. Dort werden zwar keine Namen mehr vergeben (das macht das Standesamt ja heutzutage), aber der Name wird nach wie vor laut und deutlich genannt und so in Form eines Rituals der Mensch in den Bereich Gottes gestellt. Wie wird man also ein Jünger? Indem Gott den Menschen zu einem Jünger macht, aber sehr oft doch vermittelt durch Verwandtschaft! Wie verkündigt man aber der Verwandtschaft die gute Nachricht Gottes? Das kann doch nur in einfachen Worten geschehen. Ich denke dabei an die vielen Kinder, die wir taufen, die jungen Leute, die sich konfirmieren lassen: Für diese etwa akademische Lesungen zu halten wäre genauso verfehlt, wie Ihnen heute Morgen mit der Kinderbibel zu kommen. Je nachdem, wer angesprochen werden soll, muss in der Sprache angesprochen werden, die er oder sie verstehen kann, gegebenenfalls sogar mit Theater, mit Puppen oder mit einem Spiel im Gottesdienst – oder er wird die frohe Botschaft nicht verstehen. 
Freilich könnten wir uns überlegen, ob wir unsere Bonhoefferkirche mehr in eine spezielle Richtung ausrichten wollen. Vielleicht wäre es eine Idee, in Fulda die Kirchen nach Neigungen und Milieus zu unterteilen: Hier die Kirche, die mehr Familien anspricht, dort die Kirche, von der sich eher die Traditionalisten angesprochen fühlen, da eine Kirche für die Avantgarde, dann eine andere Kirche für die ganz abgehängten und sozial benachteiligten Leute. Und vielleicht dann noch eine Kirche für die normalen Menschen? Ich vermute, jede Kirchengemeinde würde diese Zielgruppe ansprechen wollen! Was also tun?
Zäsur
Aber es geht ja noch weiter! Mit der Nachfolge des Petrus ist die Geschichte ja noch nicht am Ende! Philippus ist der nächste Jünger, der gefunden wird. Er wird von Jesus direkt aufgesucht und zum Jünger gemacht. Er gehört übrigens zur Nachbarschaft des Andreas und Petrus. 
Hier findet sich der indirekte Aufruf versteckt, in seinem eigenen Umfeld die gute Nachricht weiterzugeben. Also nicht allein darauf zu setzen, dass der Pfarrer es schon macht in seiner Kirche und man da selber ja auch ganz gern am Sonntag hingeht, sondern zu begreifen, dass die Kirche nur dann wachsen und gedeihen kann, wenn sie von den Menschen für die Menschen gemacht und getragen wird.
Ein winziges Detail dieser Berufung soll dabei nicht unerwähnt gelassen werden: Jesus findet den Philippus direkt und macht ihn zum Jünger. Aber was tut Philippus dann? Er geht zu Nathanael und erzählt, er hätte Jesus gefunden. Er macht ziemlich große Worte gegenüber Nathanael, als wolle er damit zeigen, was er doch für ein toller Hecht ist, dass gerade er Jesus gefunden habe. Mich erinnert dieses fast schon ironische Detail an manche unserer Mit-Christen, die einen sehr großen Wert auf das eigene, persönliche Bekenntnis legen und immer wieder betonen müssen, dass sie selbst es ja sind, die Jesus im Herzen tragen. 
Solche Leute können nervig sein. 
In unserer Geschichte aber funktioniert es, und darauf kommt es an: Auch Nathanael wird zum Jünger gemacht, der dazu vom Philippus mit ziemlich vielen frommen Worten dazu gebracht wird. Aber erst nach gewissen Widerständen lenkt er ein: 
Nathanael wundert sich noch, was denn aus Nazareth Gutes kommen könnte. Und erst ein kleines Wunder Jesu – Jesus zeigt seine unglaubliche Allwissenheit – überzeugt Nathanael dann. 
Der Evangelist Johannes will damit zeigen, dass Gottes Wege undurchschaubar und überraschend sind. Ein wenig so, als würde ich Ihnen erzählen, der Messias würde aus Bernhards oder Dietershahn kommen: ein zutiefst seltsam anmutende Gedanke, aber ähnlich muss es Nathanael gegangen sein, als er das von Philippus gehört hat.
Also, was sucht ihr hier im Gottesdienst?
Und vor allen Dingen: Auf welchen Wegen findet ihr das, was ihr sucht?
Habt ihr denn schon gefunden, was ihr sucht?
Ist es irgendwie geschehen, geradezu mythisch, dass ihr zum Glauben gekommen seid, einfach dadurch, dass ihr euer Leben gelebt habt? 
Oder war es irgend ein Lehrer oder ein Pfarrer oder ein kluger Mann oder Frau, die euch auf diesen Weg gebracht hat? 
Oder waren‘s Verwandte, die Eltern oder Großeltern? Ein Patenonkel? War´s jemand aus der Nachbarschaft oder dem entfernteren Bekanntenkreis? 
Oder gehört ihr zu den wenigen glücklichen Auserwählten, die an ihrem eigenen Leib schon einmal ein echtes Wunder erlebt haben?
Wie auch immer ihre Antwort ausfällt, diese ganzen Bekehrungsgeschichten und Erlebnisse, diese Rufe Jesu in die Nachfolge, die die Damaligen genauso getroffen haben wie sie uns heute treffen, sind und bleiben unter einem tiefen Schleier verborgen. 
Jeder und jede hat seine eigene Biografie, was den eigenen Glauben betrifft. Und so ist auch im Johannesevangelium kein psychologisches Interesse erkennbar. Die jeweilige Motivation, warum nun genau nachgefolgt wird, bleibt vollkommen im Verborgenen. Es wird allein die Nachfolge selber herausgestellt.
Denn auf die kommt es im Christentum tatsächlich an.

Und nun könnte die Journalistin wiederkommen, von der ich am Anfang erzählt habe: Das sind doch alte Kamellen, die irgendwie vom Pfarrer mit der heutigen Zeit verbunden worden sind. Allein schon dieses Wort „Nachfolge“. Wer soll das denn verstehen, da ist noch gar nix verkündigt, schon gar nicht mit Leidenschaft, das ist salbadert.
Ich würde ihr antworten, dass ich‘s nicht besser kann! 
Und auch, dass der Text nicht allzu viel mehr hergibt. 
Als Pfarrer ist man nun mal an die Heilige Schrift gebunden und nicht unbedingt daran, was man selber gerade für besonders wichtig und interessant hält: Und heute Morgen ist die Nachfolge dran. Vielleicht ist es an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, inwiefern sie selbst in der Nachfolge lebt oder auch gerade nicht.
Und ich würde die Kritik dann doch irgendwie auch zurückgeben: Ich selber würde ihr die Frage stellen, was sie denn eigentlich will. Was ihr Interesse ist, wenn sie eine Kirche betritt. Ob sie in den Gottesdienst geht, um akademische Reden zu hören, oder erwartet, dass im wöchentlichen Rhythmus der Pfarrer immer wieder neue Gedanken entwirft, die alles, was bisher gedacht wurde, überflügeln? Oder ob sie vielleicht doch einfach nur kritisiert, um sich wichtig zu machen. Und nicht bereit ist, genau hinzuhören, das Gesagte auf sich wirken zu lassen und dann ins eigene Leben zu übertragen. 
Und von Seiten der Kirche darf es durchaus unterschiedlich geschehen: ganz anders, als es etwa der Bischof Algermissen in dieser Woche in der Fuldaer Zeitung behauptet hat: All die vielen Milieus und Gruppierungen, die es gibt, kann man doch nicht einfach unter einem einzigen Gottesdienst subsumieren! Was Jugendliche anspricht, spricht noch lange nicht Erwachsene an, spricht noch lange nicht Ältere an. Ein ländliches Milieu braucht einen anderen Zugang zum Evangelium als ein städtisches, im Seniorenheim sprichst du die Leute anders an als in der Hochschule.
Die Frage ist und bleibt doch, diejenige, die Jesus seinen ersten beiden Jüngern gestellt hat: 
Was sucht ihr eigentlich? Was wollt ihr eigentlich? 
Und erst wenn man diese Frage für sich und sein eigenes Leben beantwortet hat, erst dann kann man überhaupt den nächsten Schritt gehen, und das, was man sucht, bewusster auswählen und aufsuchen. Und, so Gott will, dabei merken, dass man von Christus längst gefunden worden ist, und zwar ganz ohne eigenes Suchen war er längst da.

Eine letzte verborgene Struktur des Predigttextes will ich ihnen nicht vorenthalten: 
An drei Stellen im Text fügt der Evangelist eine Übersetzung ein. Er übersetzt das Wort Rabbi mit Lehrer, das Wort Messias mit Christus, und das Wort Kephas mit Petrus, also Fels. 
Auch hier verbirgt sich eine Struktur der Bekehrung und der Nachfolge. Zunächst einmal wird Jesus von seiner Umgebung und zu Lebzeiten als Rabbi, als Lehrer wahrgenommen: Ein Rabbi ist einer, der große Weisheit mit sich bringt und einfach mehr Dinge weiß, als es andere Leute für gewöhnlich tun. Solange er aber als Rabbi, als Lehrer angesprochen wird, bleibt Jesus noch ganz Mensch und gehört im Denken des Jüngers noch nicht in die Sphäre Gottes. 
Erst im zweiten Schritt fällt einigen Jüngern auf, dass dieser Rabbi ja in Wahrheit der Messias ist, der Christus. Aus der reinen Nachfolge zu einem menschlichen Lehrer oder auch einem Guru, der ja eine religiöse Sondergemeinschaft der Juden angeführt hat, entsteht der Glaube daran, dass sich Gott selber bei Jesus gezeigt hat, ja Gott selber in Jesus anwesend ist. Aus dem reinen Rabbi wird der Messias. 
Und der Messias geht ganz schnell daran und gründet seine Kirche. Dies tut er, indem er Simon den neuen Namen „Kephas“ bzw. Petrus gibt. Petrus, der Fels. Die römisch-katholische Kirche baut ja bis heute ganz darauf dass der Papst in Rom der Fels ist, auf den Jesus seine Kirche gebaut hätte.
Was der Evangelist Johannes hiermit tut, ist uns mit dieser Struktur des Textes mehrere Wege in die Nachfolge zu ebnen: Man kann Christ werden darüber, dass man in Jesus einen besonderen Menschen erkennt. Dann kann man aber auch Christ werden, indem man ihn tatsächlich und gleich als den Christus, den Menschen gewordenen Sohn Gottes erkennt. Und zu guter Letzt führt der Weg über die Kirche selber, d.h. die Kirchengemeinde vor Ort. Also über all die vielen „Petrusse“, die wir hier bei uns haben: 
Klar, das sind die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die vielen Jugendreferenten und was es von Seiten der Kirche noch an hauptamtlichem Personal gibt. Aber es sind auch die vielen Praktikanten und Lektoren, die vielen Ehrenamtlichen, die diese Kirche mittragen und mitbestimmen. 
Und zu guter Letzt jeder getaufte Einzelne, der bei sich Zuhause die gute Nachricht etwa an seine Kinder oder Enkel weitergibt;  gegenüber der Nachbarschaft, Freunden und Bekannten offen und einladend ist und den Gottesdienst des Sonntages in die Woche hineinträgt, indem er oder sie die Nächstenliebe lebt. 
Das ist Nachfolge Jesu Christi. Hoffentlich ohne zu salbadern.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

4. Sonntag nach Trinitatis 2017: Vom Tragen der Schuld des Anderen (Gen 50,15-21)

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

1. Einbettung in die Josefsgeschichte
Die Josefsgeschichte ist bei evangelischen Christen immer noch ziemlich bekannt und gehört zum gemeinsamen Wissen über das Alte Testament. Damit ihr rasch wieder hereinfindet, eine sehr kurze Zusammenfassung: 
Jakob hatte zwölf Söhne. Einer davon, Josef, wurde vom Vater am meisten geliebt, er bekam in vielen Dingen den Vorzug. An einem besonders hübschen Kleidungsstück entzündete sich ein großes Eifersuchtsdrama.


Die Brüder werden neidisch, schmeißen Josef in einen Brunnen und verkaufen ihn daraufhin an eine vorüberziehenden Sklaven-Karawane. Dem alten Vater Jakob erzählen sie, ein wildes Tier habe seinen Lieblingssohn Josef gefressen. Mit den Sklavenhändlern kommt Josef nach Ägypten, wo sie ihn ans Haus des Potifar verkaufen. Nach einigem Trubel (er wird sogar ins Gefängnis geworfen, weil die Frau des Potifar bezichtigt, sie vergewaltigt haben zu wollen) macht er eine Karriere am Hof des Pharao, wird dessen Traumdeuter und schließlich sogar der Vizekönig von Ägypten.

Viele Jahre später herrscht dann in Israel eine Hungersnot, sodass Josefs Brüder kommen, um beim Vize-Pharao Getreide einzukaufen. Die Brüder merken nicht, dass es Josef ist, der ihnen gegenüber sitzt. Doch Josef auf seinem Thron erkennt seine Brüder, erschreckt sie zunächst ein wenig, verzeiht ihnen dann aber alles und versöhnt sich mit ihnen. Für den alten Vater Jakob ist der tot geglaubte Sohn wieder lebendig. 
Und damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ende gut, alles gut! 
Die Geschichte ist aber nicht zu Ende. Als Vater Jakob dann tatsächlich stirbt, haben die elf Brüder große Sorge, dass Josef sie nun für ihr Verhalten von früher bestrafen würde. 
Und genau da setzt unser heutiger Predigttext ein:  


2. Predigttext Gen 50,15-21
15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: „Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“
16 Darum ließen sie ihm sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 ‚So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.‘  
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: „Siehe, wir sind deine Knechte.“
19 Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“ 
Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

3. Vergebung als ein „Tragen“ (afn) 
Das Familienoberhaupt gestorben, für orientalische Verhältnisse ist in dem Moment die Familie selbst bedroht. Die Brüder tischen Josef eine Geschichte auf: Der alte Vater soll noch auf dem Sterbebett gesagt haben, dass Josef seinen Brüdern verzeihen möge! Vielleicht hat das gesagt, vielleicht auch nicht: mir gefällt die Vorstellung besser, dass die Brüder sich besprechen, dass aus dem Testament des Vaters hervorgeht, dass Josef Gnade walten lassen solle. Wir wissen ja: die Geschichte geht gut aus. 
Josef weint sogar, als er seine Brüder vor ihm auf den Knien sieht. Und war es einige Kapitel vorher noch so, dass die Brüder auf die Knie gingen, weil man vor einem Vize-Pharao nun einmal auf die Knie geht und das Protokoll es so verlangt, so ist es nun der Tatsache geschuldet, dass sie vor ihm auf die Knie gehen, weil sie wissen, dass persönliche Schuld zwischen ihnen steht. Wenn Josef wollte, könnte er nun diese seine Familie auslöschen, die Brüder fort schicken, ja sie sogar töten lassen für ihre Vergehen – und weiterhin als Vizekönig regieren.
Aber Josef vergibt Ihnen!

Interessant ist in diesem Zusammenhang der hebräische Begriff der „Vergebung“. In unserer Sprache spielt bei dem Wort Vergebung eine ganze Reihe von Aspekten eine Rolle, die im hebräischen so nicht gegeben sind: Wir interpretieren das Wort „vergeben“ ganz schnell mit seinen christlichen oder alltagsethisch gefüllten Bedeutungen, die zwischen „Edelmut“, „Absolution“ oder auch „Schwamm drüber“ changieren. Die hebräische Wortbedeutung hingegen ist mehr ein „tragen“, „aufheben“. 
Also nicht: „Bitte vergib uns!“ Sondern vielmehr ein: „Bitte trage uns mit!“ Oder auch: „Bitte ertrage uns!“
„Die Last, die auf der Familie liegt durch das, was die Brüder Josef angetan haben, liegt einfach schwer! Sie kann auch nicht einfach so aus der Welt geschafft werden“, auch nicht durch irgendeine Form von Vergebung. “ (vgl. auch im Folgenden stets: GPM 65/3, S.328ff., hier: S. 332f.)
Die Wortwahl zielt auf ein  Einbeziehen der Schuld – und verwehrt den Gedanken an Vergessen oder sich nicht mehr mit den alten Geschichten belasten. 
Was die Brüder Josef angetan haben, ist einfach Teil der Sippengeschichte. Und diese Geschichte wird in der Zukunft, um die es jetzt geht,  nicht verschwiegen! 
Die Bitte an Josef geht dahin: Widerstehe der Versuchung, als einziger und als reiner Held aus diesen Geschichten herauszukommen! Bitte gib dich weiterhin mit deiner Verwandtschaft ab, die genügend schmutzige Wäsche gewaschen hat! Und ehrlich gesagt ist das eine heftige Zumutung. Indem er mit denen, die ihm übles wollten, Gemeinschaft hat, bleibt er nicht unberührt von dem Dreck, den sie am Stecken haben. 

Dieses Tragen der Schuld ist auch in dem Sinn zu verstehen, es auszuhalten, solche Brüder mit solcher Vergangenheit zu haben – und sich von ihnen trotz allem nicht zu distanzieren.

4. Die Mutter und ihre Tochter
Vergangene Woche rief mich eine Frau an, mittlerweile Oma eines Enkelkindes, dass hier im Bonhoefferhaus vor längerer Zeit getauft worden ist. Sie klagte mir, dass sie Kontakt zu ihrer erwachsenen Tochter wünschte – um des Enkelkindes willen. Ich als Pfarrer und Seelsorger solle da etwas vermitteln. Nun ist es immer ausgesprochen schwierig, in solche Familienkonstellationen einzugreifen. Wer weiß, weswegen sich die Tochter von der Mutter getrennt hatte? Wer weiß, was da alles innerfamiliär schief liegt. 
Wie auch immer, ich griff zum Hörer und rief die Tochter an. Ein langes Gespräch folgte, deren Ergebnis war, dass eine Versöhnung zwischen den beiden zur Zeit nicht möglich ist. Zu groß war die Schuld, die aus Sicht der Tochter ihre eigene Mutter auf sich geladen hatte. Auch um des Enkelkindes willen wolle sie keinesfalls einen Kontakt zu ihrer Mutter herstellen, auch nicht gemeinsam mit mir als ihrem Seelsorger.

Und wisst ihr was? Ich kann das total gut verstehen. Ich selbst habe mich in dem Moment ziemlich schlecht gefühlt: Habe mich zum Handlanger dieser Frau gemacht, die in der Vergangenheit wohl nicht gerade glänzend in ihrer Rolle als Mutter aufgefallen ist. Vielleicht. 
Wenn einmal etwas zerbrochen und kaputt ist, dann ist es eben nicht immer heilbar. Nicht alle Geschichten gehen so aus, wie in der Josefsgeschichte. Und es wäre völlig verfehlt, wenn ich euch nun predigen würde, dass diese Tochter dem Treffen mit ihrer Mutter und mir hätte zustimmen müssen. So wie in der Josefsgeschichte er sich gegenüber den Brüdern verhalten hat!Die Tochter muss sich der Mutter eben nicht so verhalten! 
Wir Menschen sind so. Und das kann man beklagen, aber ändern wird man die Menschheit deswegen nicht.

Vergeben kann die Frau ihrer Mutter nicht. Was sie aber damit tut, ist die Schuld, die diese auf das Familienleben gelegt hat, mit zu tragen. Aber eben nicht so, wie bei Josef (da ist dann auch mehr ein Ertragen und Verzeihen!). Durch diese Familie geht ein Riss, und alle die beteiligt sind, haben daran zu tragen. 

5. „Bin ich denn an Gottes Stelle?“
Kommen wir zu den beiden vielleicht wichtigsten Sätzen der Josefsgeschichte, ja vielleicht sogar des gesamten Buches Genesis. Josef spricht ihn aus als in die Brüder um Verzeihung bitten, auf den Knien liegend. 
Er sagt: „Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

„Das ist nun – wenn auch in ganz weltlicher Sprache – konzentrierteste Theologie. Josef spricht zwei Sätze. In dem einen bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das Verhältnis seiner Brüder zu Gott. Bei dem ersten Satz („Bin ich denn an Gottes Stelle?“) muss man sich hüten, die verwunderte Frage im Sinn einer sehr allgemeinen frommen Wahrheit misszuverstehen, also einer demütigen ‚Nichtzuständigkeitserklärung‘, als habe nicht er in dieser Sache zu richten – sondern Gott. Das wäre für seine Brüder ein schlechter Trost, wenn Josef die ganze schwere Sache nur auf eine höhere Instanz abschieben wollte! (Also ich verzeihe nicht, aber vielleicht verzeiht euch ja Gott!). Josephs Meinung ist vielmehr die: Hier, in der wunderbaren Führung des Ganzen, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch das Böse in sein Heilshandeln einbezogen und damit schon eine Rechtfertigung ausgesprochen. Würde Josef jetzt die Brüder verurteilen, so würde er einen eigenmächtigen Spruch neben den stellen, den Gott in den Ereignissen selbst schon ausgesprochen hat, und damit würde er sich „an die Stelle Gottes“ setzen. 

Der zweite Satz („Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“) berührt sich eng mit dem Wort Josephs, dass er schon beim Erkennen gesagt hatte, nur dass er das Rätsel des Ineinander von göttlichem Führen und menschlichem Handeln noch schärfer betont. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in der Hand gehalten. Aber das wird nur behauptet, nicht erklärt; das „Wie“ dieses Ineinanderwirkens bleibt ganz Geheimnis. So stehen sich dieses „Ihr gedachtet“ und jenes andere „Gott gedachte“ letztlich doch sehr spröde gegenüber.“ (Von Rad, Die Josephsgeschichte, in: Biblische Studien 5, 1956, S. 20f.).

Anders gesagt: wir haben einerseits das böse Handeln des Menschen und andererseits das gute Handeln Gottes. Und dann die Frage: Wie fern oder wie nahe ist Gott uns denn eigentlich? Musste es so geschehen, dass Josef erst ein kleines Martyrium durchmacht, um dann Vizekönig zu werden, um dann seine Brüder doch nicht zu strafen, sondern ihre Schuld mitzutragen respektive zu vergeben? 

Das Ende der Josephsgeschichte klingt ganz danach, aber wir sollten uns davor hüten, in unserem Leben nach dem Motto zu verfahren: „‘Man sieht sich immer zweimal im Leben‘ oder auch  ‚Am Ende hat schon alles seinen Sinn‘.  Deswegen nimmt euch mal schön den Josef als Vorbild und dann wird die Welt gut.“
Beides stimmt einfach nicht. Manchmal sieht man sich eben nicht zweimal im Leben: Die Tochter vergibt der Mutter vielleicht niemals und hält den Kontakt nicht mehr. Kommt auch nicht zur Beerdigung, wie es mir neulich geschehen ist, als ich allein mit dem Bestatter am Sarg stand. Und am Ende hat auch nicht alles seinen Sinn. Wer das behauptet, macht es sich zu einfach und spuckt ohne es zu merken, den Opfern von Terror und Gewalt direkt ins Gesicht. Ich verzeihe den Idioten von Hamburg ihr zerstörerisches Werk nicht. Das kann ich nicht, weil ich nicht so barmherzig bin wie Gott es mit uns ist!

Doch ob Gott bei all unserem bösen Tun am Ende gut handelt, können wir immer nur von hinten her sehen, vom Schluss her. Jetzt, wenn uns etwas im Leben widerfährt, können wir eben nicht einfach so davon ausgehen, dass Gott es schon richten werde. Da sind wir selber zu aufgerufen! Wir selber sollen handeln! Und es geht dabei durchaus um den inneren Schweinehund, den man nur sehr schwer besiegen kann. Und das oft mit der Ausrede: Was kann ich einzelner schon machen?

6. Vom freien und vom unfreien Willen: Ein Tanz
„Im Gegensatz zu dem, was die meisten von uns gelernt haben, ist es eben nicht so, dass Gottes Wille unseren eigenen Willen einfach so überflügeln würde. Wenn‘s um den Willen Gottes geht und unseren Willen, dann sollte man sich das ganze vielleicht eher so vorstellen wie ein Tanz. Einen völlig mysteriösen Tanz, der sich zwischen unserer und Gottes Freiheit abspielt, zwischen Gottes Willen und unserem Willen. In diesem Tanz ist es nicht Gottes Angelegenheit, dass er dafür zu sorgen hätte, dass uns bloß keine bösen Dinge widerfahren. Schlimme Sachen passieren. Der Bruder schlägt den Bruder tot. Der Großvater schießt auf seinen Enkel.
Menschen werden gekauft oder sogar verkauft. Hungersnöte entvölkern ganze Landstriche, nach wie vor. Und es ist nicht Gottes Angelegenheit oder Job, uns vor diesen Dingen zu bewahren. Nein! Liebe Tauffamilien, das ist vielleicht etwas hart, das zu sagen, aber auch uns Christenmenschen schützt Gott nicht in dem Sinne, dass er uns vor dem Übel bewahrt!
Gottes Job, Gottes Wirken ist es, in all diesen Dingen präsent zu sein, in allem zu bleiben. Denn nur so bleibt er weiterhin Gott, der ganze Welten aus dem totalen Chaos erschafft, der das Wunder des Lebens aus dem Staub erhebt, der uns totale Sünder und mit unseren Leben nicht klarkommenden Leute nimmt und daraus etwas wunderbares erschafft. Das ist es doch, was Gott ausmacht.“ (aus dem Englischen übertragene Gedanken von Barbara Taylor in GPM 65/3, 333f.)

7. Josef in Christus
Kommen wir noch einmal zum Josef zurück. 
So, wie die Brüder den Josef bitten, so bitten Christinnen und Christen in jedem Gottesdienst ihren Herrn: Jesus Christus! Im Vaterunser kommt das vor: „vergib uns unsere Schuld“ und daraus erwächst ein großer Teil unserer Frömmigkeit. Wir bitten Christus: trage du doch unsere Schandtaten. Und so kann sich dann doch unsere Gemeinde der Sünder aus der Josephsgeschichte heraus auch die Ermahnung des Paulus aus dem Galater-Brief im sechsten Kapitel zu Herzen nehmen, wenn er schreibt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Vergebung und Barmherzigkeit sind schöne Züge Gottes, aber ebenso schöne Züge des Menschen. 
Wo es uns möglich ist, so sollten wir danach unbedingt handeln. 
Und wo es uns nicht möglich ist, so dürfen wir es getrost unserem Herrn überlassen, es am Ende gut zu machen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn!

Predigt an Misericordias Domini 2016 zu Joh 21,1-19

Von Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl                                                            

VERLESUNG von Joh 21,1-19 nach rev. Lutherbibel

Liebe Gemeinde!
Aus mehreren Gründen wird dieses 21. Kapitel des Johannesevangeliums für einen Nachtrag des Evangeliums gehalten. Schliesslich hat das vorige Kapitel 20 einen ausgesprochenen Abschluss: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor Seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes…“ (20, 30f)


Auf der anderen Seite finden sich im darauffolgenden hier verlesenen Kapitel 21 so viele Anklänge und Bezüge zum Johannesevangelium, dass es als wirkliche und authentische Fortsetzung des Evangeliums verstanden werden kann. Es wird am Ende ja auch unter dieselbe Verfasserschaft gestellt : „Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“ (21,24) Und dieser Jünger wird im gesamten Evangelium nicht unter einem persönlichen Namen geführt, sondern als der „Jünger, den Jesus liebhatte“. Es handelt sich dabei wohl um Johannes, einen der Söhne des Zebedäus, neben seinem Bruder Jakobus.
Die Geschichte, die wir hier heute bedenken, zählt zu den vollgültigen Ostergeschichten des Neuen Testaments. Wir verstehen darunter alle die Geschichten, in denen der auferstandene Jesus den Seinen lebendig begegnet. 
In all diesen Berichten schafft der Auferstandene selbst und allein die Bedingungen der Begegnung mit ihm. Keine einzige Ostergeschichte wurde entsprechend von denen herbeigesehnt, denen der Auferstandene diese Begegnung gewährt.
Das sind auf der einen Seite Begegnungen in und um Jerusalem, auf der anderen Seite Begegnungen des Auferstandenen in Galiläa, wo Jeus Seine Jünger einst in die Nachfolge berufen hatte. Den Frauen am Grab war ja gesagt worden: „Geht aber hin und sagt Seinen Jüngern und Petrus, dass Er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr Ihn sehen, wie Er euch gesagt hat.“ (Mark.16,7)
Diese Ankündigung wird unter Anderem in unserer heutigen Predigtgeschichte eingelöst. Dabei erinnern manche Umstände und Einzelheiten an die Zeit des irdischen Jesus mit Seinen Jüngern . Es ist schliesslich auch für uns persönlich nicht egal, wo wir Jesus und Seinem Wort zuerst im Leben begegnet sind. Vielleicht war das in der Kirche, im Schul- oder Konfirmandenunterricht, möglicherweise auch im Abendgebet der Eltern oder Großeltern an unserem Bett.

Die heute gehörte Ostergeschichte beginnt mit dem Zusammensein von Sieben der Jünger am See Tiberias bzw. Genezareth: Simon Petrus, Thomas, Nathanael, die Söhne des Zebedäus Johannes und Jakobus und noch zwei Andere. Es handelt sich also um kein organisiertes Treffen oder eine Zusammenkunft des Zwölfer- bzw. Elferkreises , in dem etwa auf eine Begegnung mit dem Auferstandenen gewartet würde. Die Situation entspricht eher dem Alltag der Männer, die von Beruf Fischer gewesen waren. Dem gehen sie jetzt nach, und zwar wurde nachts gefischt. Aber in dieser Nacht fangen sie nichts. Schon das könnte sie an den Fischzug des Petrus zur Zeit des irdischen Jesus erinnern und damit an die Berufung des Simon zum Menschenfischer. (Lukas 5)
Wir hören weiter: „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wußten nicht, dass es Jesus war.“ – So war es vor ihnen schon Maria aus Magdala am Grab Jesu ergangen: „ Sie wandte sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.“ (Joh.20,14) – Der Auferstandene ist nicht einfach der wiederbelebte Jesus von Nazareth. Er ist der lebendige und bereits verherrlichte Sohn Gottes auf Seinem Weg zurück zum Vater. Als solcher wird Er erkannt an Seinem Wort und an den Zeichen, die Er tut und mit denen Er die Jünger an Seine irdische Zeit mit Ihm erinnert.
„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer.“ – Womöglich ist das auch für uns, die wir im Glauben zu Ihm gehören, unsere ewige Zukunft: dass an dem Morgen, auf denen keine Nacht mehr folgen wird, Er auf uns wartet, um uns von hier nach dort ins Leben zu bringen, das kein Ende mehr hat. 
Den Jüngern am See gibt Er den Auftrag, das Fischernetz zur rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Es kommt zu einem gewaltigen Fischfang. Sie konnten das Netz mit Fischen kaum ziehen. Da endlich erkennt Ihn der Lieblingsjünger und sagt zu Petrus: „Es ist der Herr!“ – Simon wirft sich vom Boot ins Wasser, um nur schnell genug bei Seinem Herrn zu sein. Will er am Ende wieder einmal der Erste und Wichtigste von allen sein?  – Davon wird zwischen Jesus und Petrus noch die Rede sein.
Die anderen Jünger kamen mit dem Boot und dem vollen Netz die etwa 100 Meter hinterher.
An Land wartet Jesus mit einer Mahlzeit aus Fisch und Brot auf sie, zubereitet auf einem Kohlenfeuer. Das griechische Wort für Kohlenfeuer – anthrakia , siehe das eingedeutschte Wort Anthrazit – begegnet im gesamten Neuen Testament nur an zwei Stellen: hier und im Hof des Hohenpriesters Kaiphas, wohin Simon Petrus dem gefangengenommenen Jesus gefolgt war und sich mit den Knechten daran wärmte. Während dieses Aufenthalts leugnete er allerdings dreimal, zu Jesus zu gehören. Wollte der Herr ihn nun mit dem Kohlenfeuer daran erinnern? – Das folgende Gespräch zwischen dem Herrn und Simon lässt darauf schliessen. Doch soweit ist es noch nicht.
Jesus gibt den Befehl, von den gefangenen Fischen zur Mahlzeit dazu zu holen.

„Simon zieht das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriß doch das Netz nicht.“ (V.11) Mit Sicherheit hatte die genaue Zahl der Fische 153 eine bestimmte Bedeutung, doch lässt sich für uns der genaue Sinn nicht mehr herausfinden. Möglicherweise steht die Zahl für die Anzahl der damals bekannten Völker, denen die Apostel das Evangelium predigen sollten. Dass das Netz nicht zerriß, mag man so deuten, dass die Einheit der Christenheit auf der Erde nicht zerreisst, solange sie in der Einheit in Jesus Christus verbunden bleibt.
Der Auferstandene hält die Mahlzeit mit den Seinen, und keiner muss mehr fragen , wer Er ist. Alle wissen es. Dass Er es ist, der diese Mahlzeit austeilt, macht Brot und Fisch zum Sakrament wie sonst Brot und Wein. Mehr als Seine Gegenwart ist an Heil nicht möglich. Sakrament, Mittel zum ewigen Heil, ist bereits jedes lebendige Wort, das Jesus Christus an uns richtet. Alles, was je Sakrament genannt werden darf, hat seinen einzigen Grund im Kreuz und in der Auferstehung Jesu am Ostermorgen.
Liebe Gemeinde! Das ewige Heil in Christus ruft in Seine Nachfolge, hier besonders dargestellt in der Berufung des Simon Petrus in den Dienst an der Herde und Gemeinde Jesu Christi.
„Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? –Er spricht zu Ihm: Ja, Herr, du weiß, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!“ (15)
Dasselbe fragt der Herr noch zweimal, und beim dritten Mal wird Petrus traurig:
„Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!“
Es mag sein, dass die dreifache Frage den Petrus an seine dreifache Verleugnung Jesu im Hof des Kaiphas erinnern soll, aber das muß nicht der einzige Sinn der Ernsthaftigkeit des Fragens Jesu sein. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Jesus Christus im menschlichen Sinn nachtragend ist. Jedenfalls weist der Neutestamentler Rudolf Bultmann in seinem grossen Johanneskommentar darauf hin, dass die urchristliche Überlieferung von einer Rehabilitierung des Petrus nirgendwo etwas weiss oder auch nur andeutet.
Die dreifache Frage Jesu an Seinen Jünger hat doch wohl eher mit der immensen Verantwortung des Simon Petrus für die frühe Gemeinde und Christenheit zu tun. Er vertraut ihm die geistliche Leitung dieser Schar der Glaubenden an. Das ist in erster Linie keine kirchliche Machtstellung , sondern in erster Linie Hingabe an diese Aufgabe und am Ende der Verlust von Leben und Gesundheit für Petrus. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte Er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als Er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“ (V.18f) 

– Noch einmal beruft Jesus den Petrus, Ihm nachzufolgen, und diesmal besteht 
kein Zweifel, dass diese Nachfolge am Ende sein Leben von ihm fordern wird. So wird er in seinem Dienst wie in seiner Leitung der Gemeinde ganz diesem auferstandenen Jesus Christus angehören. Dieser besondere Auftrag des Petrus wird dann auch mit seinem Tod enden. Es ist hier keine Rede davon, dass ein etwaiger Nachfolger des Petrus eine annähernd gleiche Berufung bekäme oder gar, dass hier von Jesus so etwas wie ein dauerndes Amt der Leitung ins Leben gerufen worden wäre.
Gleichwohl dürfen alle, die zu Jesus gehören wolle, die Frage des Herrn hier für sich persönlich hören: „Liebst du mich mehr als alle Andren?“ Oder in etwas kleinerer Münze: „Liebst du mich überhaupt?“ Bin ich dir wichtiger als viele Andere und vieles Andere? Hörst du aus allen Stimmen um dich herum meine Stimme heraus? Und bist du bereit, auf sie zu hören? Am Ende , selbst wenn du Nachteile dafür in Kauf nehmen musst? Oder gar, wenn es dich dein Leben kostet? „Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ (Joh.10)
In vielen Ländern und Gegenden dieser Welt ist Nachfolge Jesu nicht billiger zu haben als um den Preis von Leben, Freiheit und Gesundheit. Wie sicher können diese Jüngerinnen und Jünger Jesu unserer Unterstützung , unserer  Solidarität und unserer Fürbitte sein? 
Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir unsere Geschwister im Glauben noch nicht einmal hier bei uns in Deutschland schützen können, oder sie nicht vor Nachstellungen schützen wollen?
Da sagte ein aktueller evangelischer deutscher Kirchenführer doch allen Ernstes öffentlich, er würde sich ja für verfolgte Christen in Flüchtlingsheimen einsetzen, wenn er nur genau wissen könnte, wie repräsentativ solche Berichte seien. Das darf doch eigentlich gar nicht wahr sein!
Wie wollen und sollen wir 2017 in unserer Evangelischen Kirche ein grosses Reformations- und Lutherjubiläum feiern? Die Wiederentdeckung des Evangeliums von Gottes freier Gnade in Christus brachte Martin Luther in eine Lebensgefahr, der er sich bewusst stellen musste. Den Weg fauler Kompromisse als Weg zurück in den Schoss seiner Kirche lehnte er ab, nicht ohne Angst und nicht ohne Zittern und Zagen. Doch der lebendige Christus half ihm hindurch.
Jesu Frage an Petrus: „Hast du mich lieber, als mich diese haben?“ mag manches an Möglichkeiten in sich tragen, aber eine Aufforderung zu religiöser Toleranz oder zu so etwas wie political correctness ist diese Frage ganz sicher nicht. Die dreifache Frage Jesu: „Hast du mich lieb?“ ist auch keine Einladung an Seine Gemeinde, unsere Kirche als religiöse Gemischtwarenhandlung zu gestalten.
Dann feiern wir das Gedächtnis der Reformation doch lieber mit Barmen 1934, wo es im Bekenntnis der damaligen Synode in grosser Klarheit heisst: 
                                                                                                       

„Jesus Christus, wie Er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung ausser und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (These 1)

Jesu Frage an dich und mich nach unserer Liebe und Treue zu Ihm ist im Kern Seine Zusage wirklichen Lebens, eines Lebens in Seiner Gegenwart und an Seiner Hand. Darum vor allem geht es in der Botschaft von Ostern.
Amen.

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr 2016: Lutheralala (Röm 3,21-28)

Von Pfr. Marvin Lange, Fulda

PREDIGT ZU 3,21-28: LUTHERALALA am 13.11.2016 im Bonhoefferhaus zu Fulda


Gnade sei mit euch und Friede
Von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

1. Der Anlass: „Lutheralala“
Ein Dekan im Süddeutschen hat am vergangenen Reformationstag zur Predigt Ayman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime, eingeladen. Er begründete das unter anderem damit, dass er zum Reformationstag nicht schon wieder diese ganzen „Lutheralala“ machen wolle.


Die Frage, ob man einen Muslim zum Predigen einladen sollte, noch dazu am Reformationstag, möge jeder für sich beantworten. Ich selber hätte keine Probleme damit.
Schwierig wird es jedoch, wenn es lauter „Lutheralala“ waren, die der Dekan in der Vergangenheit zum Reformationstag gehört hätte.
Und, wenn dem so war, er als kirchenleitendes Organ nicht eigenständig dagegen vorgegangen ist.

Ja, es wird auch Luther kommerzialisiert. Ja, es gibt sie: Die Luther-Bonbons, die Luther-Playmobilfiguren, die Lutherkekse. Und ich mache da nur zu gerne mit… Und nun auch die Lutherbibel in neuer Übersetzung. Die Zeitungen waren in der letzten Woche voll mit guten und schlechten Artikeln über den Reformator und sein Werk. 
Ja, es wird auch in unseren Kirchen mit Luther eine ganze Menge Unsinn angestellt. „Lutheralala“ eben, wenn ich höre oder lese, wofür der alte Luther alles herhalten muss. Und wer bis heute kein Buch über Luther geschrieben hat, braucht es wohl in den nächsten 500 Jahren nicht mehr tun. 

Genug gespottet für diesen Morgen: Ich möchte dieses Reformationsjubiläum freudig begehen. Und die „Lutheralala“ gern mit einbeziehen in die großartige Feier, die wir seit Montag ein ganzes Jahr lang vor uns haben. 
Ich nehme nicht nur in unserem Land, sondern auch in unserer Bonhoeffer-Gemeinde einen großen Graben war zwischen dem, was man tatsächlich über Luther weiß – und dem, was man meint über ihn zu wissen. Also: Wissen und Vermuten liegen weit auseinander, und ich möchte den heutigen Sonntag nach dem Reformationstag dazu nutzen, ein paar „Lutheralala“ zum Besten zu geben, die Euch für Euer Leben zu wissen lohnen. Denn auch wenn es in der Religion um Glauben geht: Evangelisches Christentum ist eine Religion, in der man nicht nur Bescheid wissen darf, sondern durchaus sollte.

Anhand des heutigen Predigtextes möchte ich euch einführen in die Grundlagen reformatorischer Theologie: Der Apostel Paulus, insbesondere der Römerbrief, hatte es dem Reformator ja besonders angetan, denn aus ihm entnahm er in erster Linie seine reformatorischen Erkenntnisse. Hört also Röm 3,21-28!
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden
26 in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Eigentlich ist jetzt alles gesagt. Aber bemühen wir doch die reformatorische Theologie, um uns den Abschnitt noch einmal auslegen zu lassen!

2. Die vier Exklusivpartikel
2.1. Die Sola Gratia – allein aus Gnade
„Gnade – was ist das denn?“, fragte ich am Donnerstagmorgen die Schulkinder im Reformationsgottesdienst der Geschwister-Scholl-Schule. Und ich bekam eine ziemlich gute Antwort: „Wenn man jemandem etwas Gutes tut, der das gar nicht verdient hat.“ Prima geantwortet! Und jetzt haben wir die Worte des Paulus: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten.“

Wenn wir von Gott reden und wir von ihm etwas empfangen, so ist das unverdient. Gott tut uns etwas Gutes, obwohl wir das gar nicht verdient haben. Die Reformatoren machten daraus den ersten der Exklusiv-Partikel evangelischen Christentums: Sola gratia – allein aus Gnade! …werdet ihr gerettet, müssen wir ergänzen. Oder, für meine Schüler am Donnerstag auf die Frage: „Wie kommen wir in den Himmel?“ Antwort: „Aus Gnade. Unverdient. Einfach so. Weil Gott uns trotzdem so nimmt, wie wir sind.“ Dafür steht die Taufe. Insbesondere die Kindertaufe, wie sie die kleine Hanne gerade bekommen hat. Verdient hat die sich noch gar nix. Alles, was ihr getan wird, ist lauter Gnade. 

2.2. Allein aus Glaube
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. „Sola fide – allein aus Glaube“ ist der zweite der Exklusivpartikel von uns Protestanten, den es zu wissen lohnt. Und jetzt könnten wir herrlich streiten, was Glauben alles für Bedeutungen hat. „Glauben ist Nichtwissen“, erklären mir die Besserwisser. „Glauben ist ein Für-Wahr-Halten“, sagen die Philosophen. „Glauben ist eine Beziehung“, sagen die evangelischen Theologen.

Glauben als Beziehung?! Ich zeichne es Euch mal an, was aus evangelischer Sicht der Glaube ist.

FLIPCHART Skizze Gott- Mensch – Beziehung Kreis drum.



Das alles ist der Glaube. Es ist nicht ein: „Ich denke schon, dass es Gott gibt.“ Und auch nicht ein: „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich vermute es.“ Und es schrammt auch nur ein den Glauben als eine eigene Tat zu verstehen. 
Glaube in evangelischem Sinne geht darüber weit hinaus. Es ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Überlegt doch mal: Würdet ihr beim Wort Liebe sagen, dass es bloß bedeutet, dass ich jemanden liebe? Oder dass ich vermute, dass mich mein Partner liebt? Da geht es ebenfalls um das gesamte Beziehungsgeschehen mit allen Facetten – und das nennen wir Liebe. Und analog dazu unser Glaube! Glaube ist die Beziehung Gottes zu den Menschen – und umgekehrt.

„Wie komme ich in den Himmel?“ war die Frage an die Schüler – klar, allein aus Glauben.

2.3. Allein Christus
Wie komme ich aber dazu, das so zu sagen. Wer garantiert mir denn, dass Gott mir gegenüber es sich nicht anders überlegt, er zu mir also vielleicht nicht gnädig ist? Der allmächtige Gott ist, schaut euch mal das Alte Testament an, doch etwas launisch. Da kommen wir dann zur dritten Exklusivpartikel: „Solus Christus – allein Christus.“ Der ist der Garant dafür, dass der Rest ebenfalls stimmt. „Durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist“, heißt das in unserem Predigttext. In heutigem Deutsch vielleicht so erklärt: Gott ist Mensch geworden und hat sich für uns geopfert. Zum einen, weil er uns liebt, aber auch um uns zu zeigen, was das heißt: Menschsein. Nämlich: Voll Leben und Tatendrang. Aber auch bereit, den Weg zum Kreuz zu gehen. Wegen dieser Konsequenz der Liebe sind diese fünf frisch getauften Iraner übrigens nach Deutschland geflohen. Kompromisslos zu sagen: Ich glaube an den, der die Religion der Liebe brachte: Jesus Christus – und dafür mit der Konsequenz leben zu müssen, dass, wenn ich abgeschoben werden sollten, im Iran dafür hingerichtet werde (oder als Frau: Lebenslänglich ins Gefängnis zu gehen).

Das bedeutet aber zugleich auch den Abschied vom Wohlfühlchristentum der letzten 50 Jahre! Es bedeutet: Von Gott zu reden reicht nicht. Das Wort „Gott“ haben doch alle anderen Religionen auch. Das Christentum hat die Besonderheit, dass Gott Mensch wurde. Das Christentum hat Christus.

Weswegen ich mittlerweile zunehmend allergisch reagiere auf so gut gemeinte Sätze wie: „Wir glauben doch alle an einen Gott.“ Oder auch: „Am Ende beten alle Religionen zu demselben Gott.“
Ja, mag sein, aber welcher der vielen Götter, die angeblich alle der gleiche sind, ist denn gemeint?! Das ist hier das Entscheidende. Und dass es schon große Unterschiede zwischen dem Gottesbild eines Jesus, Moses oder Mohammed gibt, dürfte mittlerweile wieder zum Allgemeingut des religiösen Wissens gehören.

Ja, wir religiösen oder spirituellen Menschen glauben alle an einen Gott oder eine Kraft oder eine Transzendenz. Aber wenn dieser Gott nicht derjenige ist, der sich in Jesus Christus gezeigt hat, der sich hat für uns kreuzigen lassen und der dann auferstand, dann gehe ich mittlerweile auf freundliche Distanz. Ich will schließlich keine fremden Götter anbeten – auch nicht aus dem guten Willen, dass man Unterschiede verdeckt um des lieben Friedens willen!

2.4. Allein die Schrift
Kommen wir zum vierten Exklusivpartikel christlichen Glaubens. Das evangelische Schriftprinzip: „Sola scriptura – allein die Schrift!“

Allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die kirchliche Tradition. Und auch nicht der Zeitgeist. Und nicht die Meinung einzelner oder größerer Gruppen.
Es ist tatsächlich dieses alte Buch, die Bibel, die für Evangelische nicht nur die Richtschnur, sondern die in Glaubensdingen tatsächlich alles ist. Ich behaupte: Das Schriftprinzip geht der evangelischen Christenheit in Deutschland gerade verloren. Dabei ist es die Klammer, die die anderen drei Punkte zusammenhält. Ja woher soll man denn wissen, dass es um Gnade, Glaube und Christus geht? Das erlebe und erfahre ich doch nicht im Wald, in dem angeblich auch so gut gebetet werden kann. Heilige Orte müssen unsere Wälder mittlerweile sein, wenn sich dort derartig hoher Glaube niederschlägt wie ich es so oft höre: „Zum Beten brauche ich nicht in die Kirche gehen. Beten kann ich auch im Wald.“
Wisst ihr was? Das stimmt! Wir können auch im Wald beten. Aber Hören auf Gottes Wort – das können wir da nicht. Da werdet ihr weder die Gnade und Liebe Gottes zugesagt bekommen noch eine Ansage, dass euer Leben so, wie ihr es führt, eben nicht völlig in Ordnung ist. Das erfährt man dann eben doch nur im privaten Studium der Bibel oder beim Hören auf die Auslegung im Gottesdienst – und beides geschieht gewöhnlich nicht in Wald und Flur, sondern in Haus und Kirche. 

„Allein die Schrift“ kann ab sofort und ganz einfach wieder neu ins Bewusstsein rücken. Die neue Luther-Übersetzung versucht, verschiedenen Übersetzungsansprüchen gerecht zu werden:
1. Sie versucht genau zu sein. 
Die Treue gegenüber dem Ausgangstext ist das zentrale Anliegen der Revision. 
So wurde die gesamte Bibel anhand der hebräischen und griechischen Urtexte überprüft. Nicht zuletzt die Funde von Qumran haben im 20. Jahrhundert die Erkenntnisse der biblischen Textforschung erheblich vorangebracht. 

2. Sie versucht verständlich zu sein. 
Sprache unterliegt einer ständigen Entwicklung. So haben im Lauf der letzten Jahrzehnte einzelne Begriffe ihre Bedeutung gewandelt oder sind aus dem allgemeinen Wortschatz verschwunden. So ist etwa die „Wehmutter“ rausgeflogen und von der „Hebamme“ ersetzt worden.

3. Sie versucht, der Luthersprache wieder mehr Gewicht zu verleihen:
Die kernige Sprache des Reformators soll wieder mehr herausgehoben werden. An Stellen, wo es möglich war, hat man sich wieder an der Lutherbibel von 1545 orientiert. Ein Beispiel:
Lutherbibel 1984: 
„Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“

Lutherbibel 2017:
„Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“ 

Es sind 44% aller Verse verändert worden, die meisten allerdings in den apokryphen Schriften. Und um den Leuten das Lesen schmackhaft zu machen, hat die Deutsche Bibel-Gesellschaft nicht allein einige hübsche Ausgaben veröffentlicht, sondern auch eine Bibel-App, die ein Jahr lang kostenlos zu haben ist. Ich hab es ausprobiert: Auf dem Tablet liest sie sich wesentlich angenehmer als auf Papier – und es gibt mehrere Lesepläne, mit denen man binnen eines Jahres einmal in sinnvoll aufeinander abgestimmten Schritten die ganze Bibel durchlesen kann. Also: Wenn es um Glaubensdinge geht, sollte man als mündiger Christ selbständig in der Bibel nicht nur lesen können, sondern dies auch tun. Allein, damit ihr so Leute wie mich immer wieder neu prüfen könnt.
Allein aus Gnade.
Allein aus Glauben.
Allein durch Christus.
Alles allein nachzulesen in der Schrift.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Luther und die Wirtschaft (Apg 2,42-47)

Von Pfr. Stefan Remmert, Hünfeld

Liebe Gemeinde!
Geld regiert die Welt, so heißt es. Vielleicht regiert nicht Geld die Welt, zumindestens vertrauen wir Christen darauf, dass Gott die Welt regiert, aber es bestimmt unser Leben. Das Bett, in dem sie geschlafen haben, das Frühstück, dass sie heute morgen zu sich genommen haben, die Kleidung, die sie angezogen haben, die Schuhe, in denen sie zum Gottesdienst gelaufen sind, haben sie mit Geld bezahlt, dass sie oder ein anderer erarbeitet hat.


Ohne Arbeit, so kann man sagen, können wir in unserer Gesellschaft nicht leben. Ohne Arbeit verdienen wir kein Geld. Und ohne Geld können wir unseren Lebensunterhalt nicht bestreiten.
Ob jemand Arbeit findet, hängt davon ab, ob ein anderer dafür bereit ist, Geld für seine Dienstleistung oder sein Gewerk auszugeben oder nicht. Nur wenn ich Waren oder Dienstleistungen anbiete, die von anderen benötigt oder gekauft werden, verdiene ich Geld. Dabei geht es nicht darum, ob diese an sich sinnvoll sind. So wird jeder sagen, dass eine gute Pflege bei Krankheit oder Alter sinnvoll und wünschenswert ist, aber trotzdem geben die Menschen mehr Geld für ihren Konsum wie Handys, Computer, Autos etc. aus und sind bereit mehr dafür zu zahlen als für die wohl wichtigere Krankenversicherung.
Ich verdiene also nur dann Geld, wenn ich jemanden finde, der mich für meine Tätigkeit bezahlt. Ansonsten verdiene ich nichts und kann meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Ein Unternehmen, das auf dem Markt nichts verkauft, geht in den Konkurs. Gründe dafür können sein, dass die hergestellten Produkte nicht gekauft werden, weil sie zu teuer sind oder nicht benötigt werden. Und ob ein Produkt oder eine Dienstleistung benötigt wird entscheidet der Käufer bzw. Konsument.
Ein Beispiel. Jeder von uns isst Brot. Gibt es zwei Bäckereien an einem Ort, so entscheidet jeder von uns, bei welcher er sein Brot kauft. Kauft er bei Bäcker A, verdient Bäcker B kein Geld und seine Bäckerei wird nicht überleben. Konkret bedeutet das, dass wir mit jedem Euro, den wir ausgeben, eine Entscheidung treffen, und zwar die, welche Produkte und Dienstleistungen es geben soll und zu welchem Preis – die von uns nicht beachteten Anbieter werden vom Markt verschwinden; drastisch ausgedrückt: sei bestehen den Überlebenskampf nicht und sterben.
Nun kann man weiter fragen, welcher Preis für eine Dienstleistung oder ein Produkt fair ist, welche Gehälter gerecht sind, woran sich an Gehalt messen lassen soll usw.
Es wird also kompliziert. Gleichzeitig sind wir in diesem System des Wirtschaftens eingebunden. Wir können diesem System nicht entrinnen. Man kann sagen, dass wir in diesem System leben und weben. Die Frage ist, wie wir in diesem System leben wollen, ob wir es verändern wollen oder nicht.
Dazu zwei Beobachtungen, eine biblische und eine persönliche.
Zunächst die biblische.
Lukas stellt in seiner Apostelgeschichte im zweiten Kapitel das Idealbild einer christlichen Gemeinde dar. So schreibt er über die Jerusalemer Gemeinde (Apostelgeschichte 2,42 – Zürcher 2007)
42 Sie – die Christen in Jerusalem – aber hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und am Gebet.
43 Und Furcht erfasste alle: Viele Zeichen und Wunder geschahen durch die Apostel. 
44 Alle Glaubenden aber hielten zusammen und hatten alles gemeinsam; 
45 Güter und Besitz verkauften sie und gaben von dem Erlös jedem so viel, wie er nötig hatte. 
46 Einträchtig hielten sie sich Tag für Tag im Tempel auf und brachen das Brot in ihren Häusern; sie assen und tranken in ungetrübter Freude und mit lauterem Herzen, 
47 priesen Gott und standen in der Gunst des ganzen Volkes. Der Herr aber führte ihrem Kreis Tag für Tag neue zu, die gerettet werden sollten.
In Predigten und Auslegungen wird meist die Einheit der Christen in der Lehre, im Feiern des Gottesdienstes und im Abendmahl betont. Das ist richtig. Lukas schreibt aber auch, dass die Jerusalemer Christen gemeinsam lebten und, was für die meisten von uns fremd ist, dass sie ihren Besitz miteinander teilten. Die Reichen verkauften ihre Güter und die Armen profitierten davon, und, so kann man Lukas verstehen, alle verfügten über dasselbe Einkommen. Das ist eine Provokation, schließlich hat jeder von uns andere Bedürfnisse, der eine spielt Fußball und braucht Fußballschuhe, die andere spielt Volleyball und braucht deshalb eine andere Ausrüstung; beide Ausrüstungen, so darf man annehmen, sind vom Preis her unterschiedlich. Die Provokation besteht auch darin, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten haben und Unterschiedliches leisten können und wollen. Dem einen fällt eine Arbeit leicht, dem andern fällt dieselbe Arbeit schwer, die eine will viel arbeiten, der andere wenig. Wir Menschen sind unterschiedlich, so dass ein gemeinsames und für alle gleiches Einkommen schon provoziert.
Nun die zweite persönliche Beobachtung.
In meinem Studium, ich komme aus der westfälischen Landeskirche, mussten die Studierenden ein Industriepraktikum über 6 Wochen machen, davon zwei Wochen Theorie und vier Wochen in einem Betrieb arbeiten. Es standen verschiedene Betriebe zur Auswahl, unter anderem auch das Stahlwerk Hoesch, das es heute nicht mehr gibt. Und Stahlwerk kann bedeutet: Hochofen. Das ist eine richtig schwere und harte Arbeit, und es wird rund um die Uhr gearbeitet. Dafür war der Lohn auch dem entsprechend höher als in den anderen Betrieben. Der Vorschlag der Mehrheit der Studierenden war, das gesamte verdiente Geld zusammen zu legen und es dann auf alle zu verteilen, so dass jeder denselben Betrag am Ende des Praktikums erhält. Das Problem war nur, dass keiner zu Hoesch wollte. Das Geld wollte jeder haben, die Arbeit nicht.
Schließlich fanden sich zwei, den Job übernahmen, darunter auch ich. Das Geld wurde dann doch nicht geteilt, weil von Solidarität nichts zu spüren war.
Was ich daraus gelernt habe, ist Folgendes: Es ist leicht, ideale Bedingungen einzufordern, aber schwer, sie selbst zu leben, auch bei denen, die anderen vorschreiben wollen, wie sie christlich zu leben haben. Und: Geld und Christenmenschen das ist schon eine interessante und spannungsreiche Beziehung. Die meisten Christenmenschen blenden das Thema Geld und Wirtschaften völlig aus, dabei „leben und weben“ wir in einem System, in dem Geld für das tägliche Leben eine bedeutende und bestimmende Rolle spielt.
Auch die Reformation hätte ohne das Geld der Städte und Fürstenhäuser nicht zur bestimmenden Interpretation des christlichen Glaubens werden können. Denken sie nur an die reformatorischen Pfarrer, die von den Städten und Fürsten bezahlt wurden.
Mit diesen Gedanken wende ich mich nun einem Text Martin Luthers zu, den er 1524 geschrieben hat „Von Kaufshandlung und Wucher“. Das ist Luthers bedeutendste Wirtschaftsethische Schrift, neben den beiden Sermonen „Kleiner Sermon vom Wucher“ von 1519 und „Großer Sermon vom Wucher“ von 1520. 
Luther hatte bei seinen Ausführungen die Handelsstadt Leipzig vor Augen, die sich zu einem Wirtschaftszentrum entwickelt hatte. Bei der Darstellung der Gedanken Luthers, dürfen wir nicht vergessen, dass er nicht im wirtschaftsliberalen Kapitalismus lebte, sondern im Merkantilismus. Das bedeutet, Waren wurden gegen Geld getauscht, Geld war ein reines Tauschmittel. Ein Gegenstand hatte einen bestimmten Preis, für den man das entsprechende Geld zahlte. Eine Finanzwirtschaft, wo Geld mit Geld verdient wird, wie bei uns an der Börse, durch Immobilien etc. kannte Martin Luther nicht. In Leipzig wurden Waren ausgetauscht. Auf dem Markt wurde der Bedarf der Bewohner für das Leben gedeckt. Eine Spekulation mit Waren und mit Geld gab es damals so noch nicht. Man kann auch von einer Kreislaufwirtschaft sprechen, weil die Ware gegen Geld getauscht wurde, das wiederum für eine andere Ware ausgegeben wurde. Geld an sich wurde nicht gehortet.
Dieser Wirtschaftskreislauf war für Luther unproblematisch. Erst als sich Waren und damit Kapital anhäuften und sich Monopole zu bilden begannen, sah er eine Gefahr, weil solche Kapitalansammlungen das Gemeinwohl gefährden. Man kann daher sagen, dass Luther das Geld als Zirkulationsmittel bejaht, es aber dessen Verselbständigung zum Kapital ablehnt. (Hans-Jürgen Priem) Das Neue war nun, dass man Geld kaufen kann. Geld kann man kaufen, indem man Kredite vergibt. Der Kreditnehmer kauft Geld, einen Kredit, und muss dafür einen entsprechenden Zins zahlen. Dieses Modell des „Geldkaufens“ ist uns allen bekannt.
Schon vor seiner großen Schrift „Vom Kaufhandel und Wucher“ kritisierte er die Geldwirtschaft in drei Punkten. Erstens, Zinsen widersprechen dem Wort Gottes. Leihen, so Luther, bedeutet eben nicht „Geld kaufen“ und dafür Zinsen nehmen. Zweitens widersprechen Zinsen dem natürlichen Sittengesetz. Oder haben wir jemals in der Natur gesehen, dass dort Zinsen erhoben werden. Man leiht sich etwas und gibt es dann zurück, so die natürliche und biblische Ordnung. Drittens soll Geld und der Besitz im Dienst der Nächstenliebe stehen. Wo das nicht geschieht, werden Geld und Besitz korrumpiert.
Diese Kritik hält Luther auch in seiner wirtschaftsethischen Hauptschrift bei. Darüber hinaus kritisiert er den beginnenden Auslandshandel, weil er keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen würde, sondern nur dazu dient, das eigene Ansehen zu erhöhen. Geld darf eben nach Luther nur zum eigenen Leben und zum Nutzen für den Nächsten ausgegeben werden.
Dazu ein ausführliches Zitat: 
„Es sollt nicht so heißen: Ich mag meine Ware so teur geben, als ich kann oder will; sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich soll, oder, als recht und billig ist. Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen, ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der niemand verbunden wäre. Sondern weil solches dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es durch solch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, daß du es ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten übst. Und du sollst vielmehr acht haben darauf, wie du ihm nicht Schaden tust, als wie du Gewinn davon trügest. Ja, wo sind solche Kaufleute? Wie sollt der Kaufleute so wenig werden, und der Kaufhandel abnehmen, wo sie dies böse Recht bessern und auf christliche, billige Weise bringen würden!“ (Martin Luther, Von Kaufhandlung und Wucher 1524 in: Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Herausgegeben von Kurt Aland, Band 7, 266)
Luther sieht den Handel als eine wohltätige Tat, die dem Nächsten als Käufer ebenso dient wie dem Verkäufer. Der Handel ist nach Luther ein Ausdruck der Liebe, die dem Nächsten ein gutes, vielleicht sogar ein besseres Leben ermöglicht. 
Nun muss der Verkäufer selbst ja auch leben. Wie entsteht nach Luther nun ein fairer und gerechter Preis für eine Ware oder Dienstleistung? 
Luther gibt dem Leser seiner Schrift drei Kategorien an die Hand, mit deren Hilfe er eine ethische Entscheidung für seine Waren und Dienstleistungen treffen kann.
Erstens, das Beste und sicherste wäre es, wenn die Preise öffentlich festgelegt würden. Hierzu sollte die Obrigkeit, d.h. der Staat verständige, redliche Leute einsetzen – also Sachverständige, die Maß und Grenze der Preise festlegen, damit Kaufleute und Verkäufer und Anbieter von Dienstleistungen einen angemessenen Lebensunterhalt haben.
Zweitens. Wenn es keine solche staatliche Ordnung gibt, so rät er, sich am landesüblichen Preis zu orientieren. Luther im Original: „Man lasse die Ware das gelten, wie sie auf dem allgemeinen Markt gegeben und genommen, bzw. wie es landesüblich ist, sie zu geben und zu nehmen“.
Drittens. Wenn es weder eine gesetzlich bindende Regelung, noch eine allgemein übliche Norm für die Preisbildung gibt, muss der Kaufmann selbst einen Preis festsetzen. Er soll sich dabei an seinem angemessenen Unterhalt orientieren und die Kosten, die Arbeit und das Risiko berechnen, was er für die Zurverfügungstellung der Ware oder Dienstleistung benötigt. Als Ursprungsmaß soll der Verdienst eines gewöhnlichen Arbeitnehmers zugrunde gelegt werden. Dabei gilt, dass der Kaufmann seine Arbeit und seinen Zeitaufwand derart in die Preise einrechnen kann, dass er entsprechend seiner Arbeit und Gefahr einen größeren und höheren Lohn erzielen darf. Evangelisch ist es, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Unwissentlich und ungewollt ein wenig zu viel nehmen, ist insofern tolerierbar, als dass das Leben nicht ohne Sünde ist. Wenn der Kaufmann nach bestem Wissen handelt, soll er sein Gewissen nicht beschweren. Dabei geht es natürlich nicht um eine grundsätzliche Freigabe und Willkür, sondern um eine Entlastung eines bewusst christlichen Kaufmanns, Händlers oder Dienstleisters, und gleichzeitig auch um die Sicherstellung der Handlungsfähigkeit, die verloren ginge, wenn jeweils der genaue Preis bestimmt werden müsste. 
Was ist an dieser Haltung christlich? Christlich ist es erstens, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, sie im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Christlich ist es zweitens, sich an das Übliche zu halten, d.h. die Gewissen anderer nicht durch allzu große Ferne von gegebenen Bedingungen zu beschweren. Nichts liegt Luther ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Christlich ist es also drittens, den Einzelnen auf sein Gewissen hin anzusprechen und ihn in der Gewissensfreiheit, die das Evangelium bewirkt, zu schulen.
Was Luther in seinen Schriften darlegt, ist keine Wirtschaftsethik, sondern er gibt dem einzelnen wirtschaftlich handelnden Menschen einen Maßstab an die Hand, damit er im Gespräch mit dem Evangelium in seiner einzigartigen Situation die jeweilige wirtschaftliche Situation beurteilt und so eine selbständige und entscheidungsfähige Person wird, die ihr Geschäft zum Nutzen für den Nächsten ausübt. Es ist nach Luther der einzelne Christenmensch, der in seiner einzigartigen Lebens- und Wirtschaftssituation für sich im Gespräch mit Gott, mit anderen Christen und der Bibel für sich einen Maßstab seines wirtschaftlichen Handelns nach dem Kriterium „Was nützt es dem Nächsten?“ entwickeln muss. Freiheit und Verantwortung sind nach Luther in Übereinstimmung mit der Bibel der Rahmen, indem sich der Christenmensch zu bewegen hat. Freiheit, die Gott dem Menschen aus Gnade geschenkt hat, Verantwortung vor Gott, die sich in der Freiheit der Liebe realisiert. Das Handeln in Freiheit und Verantwortung geschieht nach Martin Luther so, dass man in allem Tun und Lassen Gott vertraut. So formuliert er im „Großen Katechismus“ von 1529 zum Glauben, den er an Hand des Ersten Gebotes „Du sollst nicht andere Götter haben“ bestimmt: „Das ist: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist das gesagt, und wie versteht mans? Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist., da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“
Gott ist nach Luther als das, woran der Mensch sein Herz hängt, auf den oder das er sich in seinem Leben und Sterben wirklich verlässt. Zu diesen Götter, auf die sich Menschen verlassen, gehört eben auch das Geld, der Mammon. So schreibt er weiter:
„Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube.“
Die Gier nach Geld gehört nach Luther zum Wesen des sündigen Menschen. Und so kämpft im Herzen des Menschen Gott gegen Gott, der Vater Jesu Christi gegen den Gott Geld oder Mammon. Dieser Kampf ist die wirkliche Situation des Christenmenschen in der Welt. Und dieser Kampf läuft mitten durch den Glaubenden hindurch und endet erst mit Tod. Luther nennt darum den Christen Sünder und Gerechten zugleich. Wir Menschen sind somit „Spannungswesen“, nicht eindeutig und stehen zwischen dem wahren Gott und dem falschen Gott.
Konkreter geht Martin Luther, wenn er das siebte Gebot „Du sollst nicht stehlen“ auslegt. So sind Handwerker und Arbeiter Diebe, wenn sie ihre Arbeit nicht sorgfältig ausführen und überhöhte Preise verlangen. Und es sind, wie er schreibt, „meine Nachbarn, gute Freunde, mein eigenes Gesinde, dazu ich mich Gutes versehe, die mich am allerehesten betrügen“. Gleiches gilt auch für die Händler, die falsche Maße nehmen und überhöhte Preise verlangen.
Herausstreichen möchte ich, dass Luther nie von der Eigengesetzlichkeit des Marktes spricht, der wie ein Naturgesetz das Verhalten der Menschen bestimmt. Es sind nach ihm immer die einzelnen Menschen, die so handeln, die deshalb für das jeweilige Wirtschaftssystem verantwortlich sind, und nie das anonyme System, für das die Menschen nicht verantwortlich ist, weil es sich um ein Naturgesetz handelt. Luther streicht in seinem wirtschaftsethischen Denken die Verantwortung und die Freiheit des zur Verantwortung berufenen Einzelnen heraus. Wogegen er gekämpft hat, ist eine Gesellschaft der Ausbeutung, der Preistreiberei und der zügellosen Zinswirtschaft.
Was kann man von Luther, der versucht hat, die biblischen Aussagen auf die Wirtschaft seiner Zeit zu übertragen, meiner Meinung nach lernen?
Erstens, Luther ist unbequem, weil er den Einzelnen für sein Handeln, sein Tun und Lassen verantwortlich mach.
Zweitens, bedeutet nach Luther Arbeiten und Geldverdienen, sofern es fair und gerecht ist, einen Gottesdienst, der sich am Dienst am Nächsten konkretisiert. Arbeiten und Geldverdienen soll dem Gemeinwohl dienen. So wäre eine Steuerpolitik, die dem widerspricht, nicht in seinem und auch nicht im biblischen Sinne.
Drittens, gehört Arbeiten und Geldverdienen zum Wesen der Schöpfung. Arbeiten und Geldverdienen ist an sich nicht böse, sondern nur die Zielsetzung kann gut oder böse sein. Setze ich meine Arbeit und mein Geld zum Guten ein oder nicht?
Viertens sind Wirtschaftsethik und Glaube nach Luther nicht zu trennen. Wie er in seiner Auslegung zum ersten Gebot schreibt, zeigt das faktische Verhalten des Menschen, woran er glaubt. Das Herz, und damit die ganze Person, zeigt in seinem Verhalten, was für ihn wirklich wichtig ist.
Fünftens, muss nach Luther wirtschaftliches Handeln so ausgerichtet sein, dass es dem Leben dient. Dazu gehören die Fragen nach den Löhnen und Gehältern sowie nach den Zinsen.
Sechstens, so muss man Luther wohl in unserer Demokratie weiterdenken, kann uns unser Wirtschaftssystem als Christen nicht gleichgültig sein. Wirtschaft braucht einen Rahmen. Darauf weist Luther deutlich hin. Daraus folgt, dass wir Christen politisch sein müssen, um der Wirtschaft ihren Rahmen zu geben, in welchem sie sich gerecht entfalten kann. Eine vornehme Abstinenz von den Fragen, die das Leben aller Menschen bestimmt – und dazu gehört die Wirtschaft nun einmal – ist für Christen nicht möglich. In diesem Sinne ist ein politisches Engagement der Christen gefragt und in diesem Sinne ist die Bibel hoch politisch und parteiisch: Arbeit und Geld sollen dem Wohl aller Menschen dienen.
Die Fragen Luthers an uns heute sind also: Und was mache ich mit meinem Geld? Wo lege ich es an? Hier ist jeder zur Eigenverantwortung aufgerufen.
Schließen möchte ich mit dem Rat und dem Segen des Apostel Paulus aus dem 1.Thessalonicherbrief (5,21-24 – Zürcher 2007): 
21 Prüft aber alles, das Gute behaltet!
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch; Geist, Seele und Leib mögen euch unversehrt und untadelig erhalten bleiben bis zur Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 
 24 Treu ist, der euch ruft: Er wird es auch tun.
Amen.