2. Advent 2014: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlöung naht (Lk 21,25-33)

Von Pfarrer Marvin Lange

Predigttext Lk 21,25-33:
25  Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann  werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter,  weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist.
31 So auch ihr: wenn ihr seht, daß dies alles geschieht, so wißt, daß das Reich Gottes nahe 
32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.


Liebe Gemeinde!

Was für eine furchtbare Enthüllung. Und dann: „erhebt eure Häupter,  weil sich eure Erlösung naht.“ Nicht ab in den Bunker oder ab in die Depression. Ein christlicher Erwartungshorizont wird erschlossen, eine Zuversicht, Hoffnung, ein Glaube, der allem Herabziehenden und Demütigenden entgegensieht, aufrecht. Und weil das keine Einbildung oder Irrtum ist, blicken wir mit erhobenem Haupt auf die Welt. Denn wir haben eine feste Basis. Das ist die Erlösung — sie ist uns ganz nahe.

  1. Die iranische Familie

Was das bedeuten kann, schauen wir uns einmal etwas näher an:

Heimlich geht er mit seiner Frau in die Kirche. Ein stickiges kleines Kellerzimmer. Mehr geht nicht. Und auch das ist verboten. Diese Kirche ist eine Untergrundkirche. Im Iran haben es Christen schwer. Und Moslems, die neugierig sind auf das Christentum. Und noch schlimmer ergeht es denjenigen, die sich zu Jesus Christus bekehren. Heimlich geht er mit seiner Frau in die Untergrundkirche. Immer wieder. Beide überzeugt vor allem eines: Dass Gott die Liebe ist – und dass die Menschen einander in Liebe begegnen sollen. Das kannten sie vom Islam bislang so nicht. Da war Hingabe und Unterwerfung angesagt. Gott und den anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen: Das war ihnen neu. Das überzeugte.

Während eines heimlichen Gemeindetreffens ein Anruf der Mutter: „Kommt nicht nach Hause. Bleibt weg. Die Geheimpolizei steht vor der Tür.“ Das junge Paar schläft unter einer Brücke – selbst zu Freunden zu gehen trauen sie sich nicht. Das geht eine Weile so. Immer wieder der warnende Anruf der Mutter: „Kommt bloß nicht zu Eurem Haus. Es wird überwacht.“

Ein schneller Entschluss. Über die Grenze in die Türkei. Da ist man in Sicherheit. Wenn sich die Lage beruhigt, kann man ja zurückgehen. Ein kurzer Urlaub in Istanbul. Mehr nicht.

Die Lage bleibt angespannt. „Mama, wir haben kein Geld mehr. Verkauf unser Auto und zahl das Geld auf mein Konto“, heißt es nach einigen Wochen Zwangsurlaub. Die Regierung hatte da schon alles beschlagnahmt. Das kleine Haus, das Auto. Eine Heimkehr war nicht mehr möglich. Auf Umwegen gelangt das junge Paar in ein Asylantenheim in Osthessen. Mittlerweile eine kleine Familie geworden. Mit dem unsicheren Status der Asylanten haben sie sich allesamt taufen lassen. Der Vater begründete das so: „Das mit der Liebe, das hat uns so sehr überzeugt. Wir wollen Christen sein – egal, ob sie uns abschieben oder nicht.“

Neue Christen. Mit einen Hintergrund, der einem den Atem raubt. Aber als Christen, die aufsehen, die ihre Häupter erheben. Die wissen: Unsere Erlösung ist da. Die Ernst machen mit ihrem Glauben. Bei denen es um Leben und Tod geht. Die hier unter uns sind; in unseren Städten, unseren Dörfern in Hessen. Die unsere Sprache erst noch lernen müssen. Und unsere Kultur. Wie gut, dass es hier Christinnen und Christen gibt, die ihre Schwestern und Brüder freundlich aufnehmen!

2.Das Lächeln im Weihnachtsrummel

Szenenwechsel:

Manchmal schlendere ich diese Tage ganz bewusst langsam. Die Jacke halb geöffnet, so als hätte ich Zeit. Schenke den Menschen, die an mir vorüberhetzen, ein Lächeln. Und wie die Leute hetzen. Was sie jetzt gerade alles zu besorgen haben. Was man nicht online kaufen bestellen kann, das muss man schließlich bis zum 24. Dezember eingekauft haben.

Ich selber bin auch so. Begebe mich hinein in den Strudel aus Geschenkekaufen, Vorfreude und Weihnachtsmarktstimmung. Aber zwischendurch, wenn ich durch die Stadt gehe, dann halte ich bewusst inne. Und die Menschen, die gehetzten, schenken mir ein Lächeln zurück. Nicht immer, aber sehr oft. Und die Häupter gehen dann nach oben, die Menschen schauen auf, statt nur auf das, was vor ihren Füßen ist. So ein Lächeln ist zwar nicht die Erlösung, scheint mir für manche aber wie eine Enthüllung zu sein: Die Enthüllung, dass wir vergessen haben, wozu auf Weihnachten gewartet wird. Dass bei all dem schönen Rausch des Konsums der Urheber des Festes, Gott selber und das Jesuskind, ins Abseits geraten. Eigentlich ja so wie immer: Wenn das ganze Jahr über Gott und unsere Erlösung kaum noch eine Rolle spielen, wie kann es da dann an Weihnachten plötzlich anders sein? Ich will das nicht verurteilen. Wir Menschen sind so, wir vergessen Gott ganz gern. Ich selber auch; das ist ja sogar der Grund, weswegen wir auf Erlösung hoffen dürfen. Erlösung ist Gottesnähe. Erlösung ist, wenn Gott und Mensch sich auf Augenhöhe begegnen. Und das geschieht durch den, den wir in diesen Tagen eigentlich feiern. Durch das Kind in der Krippe – Jesus. Den erwachsenen Mann am Kreuz: Christus.

Ich gehe weiter durch die winterlichen Straßen, in aller Ruhe. Denn ich glaube an das, was Jesus gesagt hat: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Und wenn das so ist, dann soll jeder seine Geschenke doch in aller Eile kaufen gehen dürfen – an ihm, an Jesus, kommt ja ohnehin keiner vorbei.

3.      Gott kommt mir nahe: Jetzt!

Noch einmal Szenenwechsel.

 „Erhebt eure Häupter!“ Das klingt trotzig gegen alle Drohgebärden. Und die sind ja keine Kleinigkeit hier auf Erden. Wer einmal einen Gerichtsprozess erlebt, der weiß, was das für einen Ärger bedeuten kann. Wie da gefordert wird, Drohgebärden aufgefahren werden. Wie beide Seiten ihr vermeintliches Recht erstreiten wollen.

Ich erhebe mein Haupt, weil ich auf den setze, der allem überlegen ist. Der alle Macht im Himmel und auf Erden hat. Da braucht man sich nicht einschüchtern lassen, wenn man weiß: Er ist zu mir gekommen, er hat sich für mich dahingegeben, er hat sogar dem Tod die Macht genommen. Nichts kann mich mehr trennen von ihm. Erlösung ist nahe!

Nahe. – Doch sie ist wohl nicht ganz da. Sonst gäbe es keine Flüchtlinge, würden die Menschen nicht über lauter Geschenken und Glühwein Gott vergessen und wir würden alle in Frieden und Harmonie miteinander leben.

Jesus sagt etwas anderes: er spricht vom Reich Gottes schon jetzt, inwendig in euch, sowohl jetzt als auch in dem, was noch kommt. Und dass es nah ist. Ganz dicht bei euch ist.

Was ist uns denn eigentlich nah? Die Leute, die mit mir auf einer Wellenlänge sind, die mit mir auf gleicher Ebene denken, sind mir nahe; sogar dann, wenn sie irgendwo in räumlicher Ferne leben. Und andere, die ganz nahe zu mir leben, können mir ganz fern sein. Als im Sommer mitten im Gaza-Konflikt zwischen der Hamas und Israel plötzlich überall in Deutschland auf Demonstrationen wieder Judenhass offen zur Schau gestellt wurde, ich in die Gesichter der Schreihälse blickte und ihren Hass bemerkte: Wie fern waren mir diese Menschen. Unendlich fern erschienen sie mir, vermutlich fehlgeleitet, ohne einen Erwartungshorizont, der sich an Gott oder wenigstens am Mitmenschen orientiert. Und egal ob Islamisten, Radikale von links oder rechts: Ihnen allen scheint mir das freundliche Gesicht Gottes zu fehlen, das sie frohen Muts aufblicken lässt. Wenn das Haupt dieser Leute erhoben ist, dann nur für die Drohung und den Hass. Die Erlösung, die auch für sie ganz nahe ist, nehmen sie nicht wahr.

Und was geht mir nahe? Was dringt in mich ein, was nimmt guten Einfluss auf mich? Wenn ich meinen Nächsten liebe. In meiner Ehefrau genauso wie in den Menschen, die meiner Hilfe bedürfen. Wenn mir der Geschundene, Gequälte, Liegengelassene durch und durch geht. Wenn ich selber zum barmherzigen Samariter werde. Wenn ich selber meine Stimme gegen den Hass erhebe. Das geht mir nahe. Da ist Jesus ganz nahe. Da ist Erlösung ganz nahe.

Christen auf der ganzen Welt haben Gottes Wort, das Himmel und Erde überdauert. Sie können nachdenken über die Zukunft, die Gott an sein Ziel bringen wird. Können Tag für Tag geschenkte Zeit genießen und den Spielraum, den sie haben, zum Handeln an dieser Welt nutzen. Sie gemeinsam mit allen Menschen mit der gegebenen Vernunft und Verantwortung des Glaubens bestehen. Nahe ist unsere Erlösung, so nahe wie auch unser Umgang miteinander aus Nächstenliebe heraus. So greifbar nahe menschlich wie damals in Bethlehem. Gott auf Augenhöhe. Darum seht auf und erhebt eure Häupter. Jetzt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: Ihr lieben Christen freut euch nun (EG 6,1-5)

1. Advent 2012: Die Tore zum Leben

Predigt zu Ps 24 (Textlesung im Gang der Predigt.)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Jakob der Schmied nähert sich gemeinsam mit seiner Frau und einigen Freunden aus seiner Heimatstadt dem „Schönen Tor“ zum Hof des Tempels in Jerusalem. Mehrere Tage sind sie  gewandert, um endlich zum Heiligtum zu kommen. Ihre Kleidung ist staubig, auf ihren Gesichtern glänzt der Schweiß.


Doch in ihren Augen die Freude, endlich das Ziel erreicht zu haben; endlich durch das Tor des Tempels zu schreiten; Gott dem HERRN die vorgeschriebenen Opfer darzubringen; sich von SEINER Gegenwart anstecken zu lassen; zu IHM zu beten; seine Herrlichkeit zu rühmen und zu preisen. Einzuziehen mit all den anderen Gläubigen – Pilgerern aus ganz Israel!

Die Stadt ist voller Menschen. Einzeln und in kleineren Gruppen strömen sie zu dem Ort, an dem SEIN Gottesname wohnt.

Voller Erwartung stehen sie vor dem Tor.

Ein Priester empfängt sie. Mit Ernst schaut er die kleine Schar an und redet sie an mit den alten Worten aus dem Psalm:

„Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.“

Jakob der Schmied und seine Gefährten verneigen sich. Jakobs Augen leuchten, als er die Bitte um den Einlass spricht:

„Wer darf auf des Herrn Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?“

Der Priester blickt allen forschend ins Gesicht. Langsam, einem nach dem anderen. Dann lächelt er und verkündet:

„Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,

wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört: der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.“

Und die Pilgergruppe murmelt gemeinsam im Chor: „Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.“

Der Priester tritt zur Seite, das Portal der Pilger zum Vorhof des Tempels öffnet sich, die Pilgerschar tritt hindurch.

Riesig ragen die Tore des Allerheiligsten auf, verziert mit den schönsten Farben, mit Blattgold und Silber.

„Wie schade“, denkt Jakob der Schmied, „dass diese Tore wohl niemals für uns geöffnet werden!“

Rebekka steht am Wegesrand. Sie hat davon gehört, dass dieser Verrückte in die Stadt kommen soll. Jesus aus Nazareth, der Sohn eines Zimmermanns, den manche neuerdings als Messias bezeichnen, obwohl er bloß eine kleine zerlumpte Jüngergruppe um sich geschart hat. Nicht einmal ein Heer kann der angebliche Davidssohn aufweisen. „Es sind einfach zu viele Messiasse in letzter Zeit gekommen“, denkt sie. „Wenn Gott seinen Messias wirklich senden wird, dann werden die Menschen das merken. Dann werden alle Türen im Tempel für alle Menschen weit geöffnet werden, dann wird die Welt selber eine Tür zum Himmelreich haben!“

Rebekka blickt die Straße hinunter. Die Menschenmenge ist laut und die Luft stinkt sogar noch mehr als sonst. Zu dem üblichen Geruch nach Abwässern und Kot mischt sich nun der Schweiß der Bewohner von Jerusalems, die ihre Arbeit niedergelegt haben, um diesem Jesus nachzugaffen. Sie selber hat sich auch aufgemacht.

„Wir werden ja sehen, ob der der Messias ist!“

Die Zeit vergeht, und die Hitze des Tages nimmt zu.

Um sie herum hört sie die merkwürdigsten Geschichten. Dass Jesus Wasser in Wein verwandelt habe. „Na, zum Glück nicht Wein in Wasser“, kontert sie messerscharf. Dass er Menschen geheilt habe, die unheilbar krank waren. Dass er sogar einen Toten in Bethanien wieder lebendig gemacht habe, obwohl der schon im Grabloch vor sich hin faulte. „Deswegen stinkt es hier wohl so“, neckt sie den Erzähler, der sie daraufhin zornig anstarrt.

Kein Wort will sie glauben. Rebekkas Herz ist hart. „Erst wenn meine Tochter wieder lebendig ist, erst wenn mein Mann wieder zu mir zurückkehrt und erst wenn die Römer das Land verlassen haben – dann weiß ich, dass der Messias gekommen ist. Soviel Unglück – Gott kann doch nicht in so eine kaputte Welt kommen.“

Das Geschrei der Menge wird lauter. „Hosianna!“ brüllen die Menschen. „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“

Und auf einmal steht Jesus vor ihr.

Seinem Blick kann sie nicht standhalten. Die Freundlichkeit seiner Augen ist unendlich. Solche Güte hat sie noch niemals in einem Gesicht gesehen.

„Rebekka“, sagt er zu ihr. In ihrem Kopf pocht es.

Ihr Herz schlägt höher.

Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. Sie fällt auf ihre Knie, umfasst seine Hand. Sie hört den Lärm der Straße nicht mehr, den Gestank nimmt sie nicht mehr wahr.

Sie weiß nicht, was sie sagen soll, aber das macht nichts. Denn Jesus selbst richtet das Wort jetzt an sie:

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!“

Rebekka weiß nicht, was sie sagen soll. Sie stammelt zurück:

„Wer ist der König der Ehre?“

Und Jesus antwortet ihr, aber so laut, dass alle Menschen im Umkreis es hören können:

„Wer ist der König der Ehre?

Es ist der HERR, stark und mächtig,

der HERR, mächtig im Streit.“

Jesus blickt in die Runde, schaut zum Tempelberg hinauf, zum Zion, und lässt seine Augen dann auf dem Berg der Gerichteten, auf dem Platz der Schädel, auf Golgatha ruhen. Mit einem leichten Anflug von Kummer auf seinem Gesicht ruft er der Menge zu:

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre.“

Eine Ewigkeit scheint vergangen zu sein, seitdem Rebekka vor Jesus niedergefallen war. Jetzt ist er weitergegangen, die Menschenmenge um sie herum schreit weiter ihr „Hosianna!“ und dieses „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“

Rebekka steht auf, blickt unsicher um sich. Was war da in sie gefahren? Wie konnte sie sich nur so gehen lassen, sich von den Augen dieses Mannes verführen lassen?

Sie schüttelt den Kopf.

„Nein“, sagt sie laut und deutlich, „der hat mich nicht verführt. Der hat mir etwas Wichtiges gesagt!

Die Türen in der Welt sollen wir öffnen. Die Tore sollen wir weit machen. Das sollen wir tun, damit Gott einziehen kann.

Und Jesus meinte mit ‚Türen in der Welt‘ weit mehr als die Tore des Tempels oder die Türen einer Stadt.  Der ist vor mir stehen geblieben, weil er mich damit meinte. Und alle Menschen um sie herum.“

Rebekka geht weiter, läuft ziellos im Gewirr der Jerusalemer Gassen umher. Sie hat ja eigentlich noch so viel zu erledigen. Die Pilgergruppe müsste spätestens heute Nachmittag bei ihr im Gästehaus ankommen. Die würden von ihr frisches Brot verlangen. Eigentlich müsste sie jetzt backen. Und all die anderen Besorgungen für das große Fest!

Jakob der Schmied würde wieder mit seiner Familie bei ihr einkehren. Sie mochte den Mann gern und seine Frau mit den drei Kindern.

Da fällt ihr etwas auf: „Machet die Türen weit und die Tore in der Welt hoch“, hatte Jesus gesagt.

Nicht bloß der Ruf der Pilger und Priester beim Einzug im Tempel war das, sondern weit mehr:

Das war sie selber, die sich da öffnen sollte. Die Türen des Herzens waren gemeint.

Damit Gott in die Welt einziehen kann, müssen die Herzen der Menschen offen sein für ihn.

Auch für das, was unbequem ist, ja was ihnen sogar verhasst sein mag.

Sie denkt nach.

Konnte sie ihr Herz soweit öffnen und ihrem Mann vergeben? Konnte sie ihr Herz soweit öffnen und einen Römer bei sich zu Hause so freundlich willkommen heißen wie etwa Jakob, den Schmied?

Sie lächelt. Das würde vielleicht noch gehen. Aber ihre tote Tochter? Die machte ihr keiner mehr lebendig. Da kann man die Türen des Herzens noch so sehr öffnen, die Trauer wird ihr keiner jemals nehmen.

Und dann durchzuckt es sie und sie versteht, was Jesus meinte.

Jesus hatte ihre Tochter in dem Moment gemeint, als er zum Berg der Verurteilten, nach Golgatha hinaufgeblickt hatte.

Er hatte ihre Tochter gemeint und all die vielen Tränen, die Mütter und Väter vergießen, all die Traurigkeiten, die Menschen angetan werden und die sie sich gegenseitig antun.

Jesus würde auch als Messias das Leid nicht aus der Welt verbannen.

Er würde aber einen neuen Weg eröffnen, damit umzugehen.

Und dann lacht sie auf. Sie ist ja schon mitten dabei, in ihm den Messias zu sehen, den Sohn König Davids aus Jakobs Stamm!

Aber es hatte seine Logik: Wenn Gott der HERR in ihr Herz einzöge, dann wäre er auch dann da, wenn Leid und Unheil über ihr Leben kämen. Er wäre dann bei ihr, egal, was auch geschieht.

Rebekka schlendert nach Hause. „Wir werden ja sehen, ob du der Messias bist!“, flüstert sie in sich hinein, als sie die Tür ihres Hauses öffnet.

  3.

Einige Tage später kommt Jakob, der Schmied, wieder ins Gästehaus.

Rebeka denkt, er wolle sich nun verabschieden. Stattdessen sagt er mit belegter Stimme: „Sie haben ihn umgebracht! Dabei war ich fast davon überzeugt, dass er der Messias ist. Jetzt müssen wir doch auf einen anderen warten.“

Seine Frau legt ihm die Hand auf die Schultern.

„Weißt Du, Rebekka, der Mann war ohnehin nicht ganz richtig im Kopf. Als ich bei ihm saß und wir gemeinsam aßen, da sagte er doch allen Ernstes: ‚Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hindurchgeht, wird er selig werden.‘

Rebekka blickt auf, sie lächelt: „Ich glaube, mein lieber Jakob, die Geschichte mit Jesus ist noch nicht zu Ende. Da passiert noch etwas Entscheidendes.“

Und als Jakob sie verwirrt ansieht, spürt sie, wie der wahre Messias sich längst in ihrem Herzen Bahn gebrochen hat.

Das Warten hat ein Ende. Die Tore zum Leben sind geöffnet worden. Und niemand kann sie je wieder zuschließen.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

1. Advent 2011 – Predigt in Gemeinschaftsproduktion mit Frank Nico Jaeger aus Tann

Predigttext Offenbarung 5,1-5:

Das Buch mit den sieben Siegeln
51 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.
2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?
3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.
4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.
5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.


Liebe Gemeinde,

der Predigttext aus dem heutigen Johannesoffenbarung will zunächst erst einmal gar nicht so recht zu dem Anlass heute Morgen passen: Der 1. Advent, besinnliche Stimmung und der Beginn der Aktion Brot für die Welt. Wenn man in der Johannesoffenbarung liest, dann muss man achtsam sein: Blickt man da doch in die Gedankenwelt eines religiösen Genies. Und Genie und Wahnsinn, das liegt oftmals dicht beisammen. Manch einem mag es so vorkommen, als Blicke er durch die Mauern eines Irrenhauses, wenn er in dieser Offenbarungsschrift herumstöbert.

Einen noch recht harmlosen Ausschnitt haben Sie gerade gehört. Der Seher Johannes: In für Christen sehr unbequemen Zeiten hat er gelebt. Und entsprechend unbequem sind seine Texte für uns heute. Und schwer verständlich.

Und doch hat der heutige Predigttext sehr viel mit dem Advent zu tun. Mit der Sehnsucht, dass unser Leben mehr sein soll als das, was wir im Alltag vor Augen haben. Mit der Hoffnung auf die Ankunft Gottes bei den Menschen.

Der Seher Johannes bekommt etwas zu sehen, das für uns normale Menschen verschlossen ist. Er bekommt die Vision des Himmels. Auf einem Thron sitzt einer, der ein Buch in der rechten Hand hält (V 1). Dieses Buch ist von innen und von außen beschrieben. Und das Buch ist gut verschnürt, so dass keiner es öffnen kann. Und damit nicht genug:

Die Verschnürung ist dazu noch versiegelt: So dass keiner es öffnen darf: außer dem, der die sieben Siegel darauf gedrückt hat. Was mag in dem Buch drinstehen, und was steht außen drauf? Hat es einen Titel mit Autorenangabe oder auf dem Rücken des Buches eine Kurzusammenfassung? Davon erfahren wir nichts.

Doch die Vision geht weiter: Ein „starker Engel“ fragt mit „lauter Stimme“ nach, wer denn würdig sei, diese sieben Siegel aufzubrechen. Aufbrechen der Siegel: Das heißt: Den Inhalt lesen zu dürfen, den Inhalt wissen zu dürfen, ja geradewegs zum Besitzer dieses Buches zu werden!

Und dann merkt Johannes: Niemand kann das Buch auftun und hineinsehen. Niemand ist würdig genug, es zu öffnen. Und mit „Niemand“ ist wirklich absolut gar niemand gemeint: Das meint die Wendung: „weder im Himmel, noch auf Erden, noch unter der Erde“. In der Denkweise der damaligen Welt: Weder himmlische Kreaturen, also Engel, noch die Menschen auf der Erde, noch die Dämonen und Schattenwesen der Unterwelt haben genug Würdigkeit, dieses Buch zu öffnen.

Und dann fängt der Seher Johannes an zu weinen.

Nachdem er das erfahren hat: Auch er gehört zu den Unwürdigen, zu denen, die das Buch nicht lesen dürfen. Er, der er doch schon so viel gezeigt bekommt! Er kann die Tränen nicht halten.

Vielleicht ist dieses Weinen gar nicht so unerwartet oder unpassend, wenn man sich klar macht, was Johannes da vor Augen hat. Na gut, ein Buch, in das man nicht rein sehen darf. Aber da fängt niemand an zu heulen! Auch damals nicht!

Der Seher merkte, dass dieses Buch mehr ist als andere Bücher. Er merkte: dieses Buch: das ist die Geschichte von allem. Es ist das Buch aller Zusammenhänge. In diesem Buch steht alle Weisheit und alles Wissen. In diesem Buch ist die Ganzheit des Universums und die Zerbrochenheit der Geschöpfe.

Das Buch ist auch dein Buch.

Hierin bist du mit allem, was dich kennzeichnet, verzeichnet.

Alles, was nötig ist, findest Du darin.

Aber du darfst es nicht lesen, darfst es nicht einmal öffnen, um darin zu blättern. Dabei umfasst das Buch das Gesamte Deines Lebens. Und Du merkst, dass du nicht hineinblicken kannst, nicht einmal darfst.

Woran liegt das?

Warum dürfen wir nicht hineinblicken?

Durch unsere Welt zieht sich ein Bruch.

Meist unsichtbar.

Mitunter ist dieser Bruch aber doch greifbar und spürbar.

Und dieser Bruch zieht sich nicht nur durch unsere Welt, sondern bisweilen auch durch unser Leben.

Durch die Art, wie wir miteinander umgehen.

Durch die Art, wie wir unser Leben bestreiten.

Dieser Bruch zieht sich durch unsere Kommunikation.

Durch unsere Beziehungen.

Durch unser Benehmen, wie wir nach außen hin auftreten und es wirklich in uns aussieht.

Durch unsere Welt geht ein Bruch, gehen viele Brüche, und viel zu oft scheint es, wir fänden uns damit ab.

Täglich geschieht Gewalt gegen Mitmenschen.

Dabei ist es ganz egal, wie diese Gewalt ausgeübt wird.

Ob mündlich oder tätlich.

Der Schmerz ist da und die Wunde heilt nur mäßig. Bisweilen wird es dann unerträglich und die angestauten Dinge entladen sich. Der Bruch wird sichtbar.

Schlimm wird es im Advent, besonders am ersten, denn dann wird der Bruch, in dem wir stehen, offenbar. Dann bemerken wir: nein, wir sind nicht würdig… wie schon der Seher Johannes! Und in die stolze, reiche, helle, und satte Welt kommt ein Kind. Klein verletzlich und auf den ersten Blick unbedeutend.

Es ist erstaunlich, dass wir uns jedes Jahr aufs Neue damit konfrontieren lassen. Denn dieses kleine Kind weist uns mit unglaublicher Leichtigkeit und Kraft auf unsere Gebrochenheit hin.

Den Advent wegwischen, die Botschaft dahinter, das würde manch einem gut gefallen. Wozu braucht man denn auch die zunächst niederschmetternde Botschaft von der Verletzlichkeit, wenn das keinen Kunden mehr ins neue Einkaufszentrum lockt?

Verzichten wir doch einfach auf das drum herum und geben uns ganz dem Konsum hin. Der Tannenbaum bleibt dann ja noch, auch die Geschenke bleiben.

Schade nur, dass der Tannenbaum gar nichts mit dem Inhalt des Festes zu tun hat und die Geschenke in unserer Zeit zum Selbstzweck geworden sind.

Ein Kind kommt auf die Welt und sagt ihr nicht den Kampf an.

Hier wird nicht gekämpft. Steck das Schwert weg, sagt das erwachsene Kind bald. Ein Kind kommt auf die Welt und erzählt den gebrochenen Menschen von der Liebe Gottes. Kostenlos, so sagt es, ist diese Liebe, frei verfügbar. Eine nie endende Kraftquelle, auf die keiner einen Besitzanspruch erheben kann, denn diese Liebe ist nicht gebunden an eine Institution oder an eine Macht, die verschwinden kann.

Last Christmasvon Wham! hat Stille Nacht, heilige Nacht, unter Jugendlichen und Menschen meines Alters beinahe abgelöst. So, wie es im Musikvideo gezeigt wird, das ist wohl für viele die das Idealbild von Weihnachten: Eine eingeschneite Berghütte, ein Mann mit gebrochenem Herzen und dann, unterm Baum die Versöhnung! Liebende wälzen sich im Pulverschnee. Freunde tragen Designerklamotten und sind alle fröhlich!

Das ist nicht Weihnachten, denn Weihnachten ist anders fröhlich und viel ehrlicher, aber auch schwieriger als ein Musikclip von 4 Min und 37 sec Länge.

Viele von uns stecken aber eher in dem Video von Wham! fest, wenn sie an Advent denken. Wer es anders macht, der ist ein Spielverderber!

Lasst uns froh und munter sein, aber nicht weiter darüber nachdenken, auf welcher Grundlage wir das tun sollen.

Es steht schlimm um uns, wenn einer mit guten Ideen verlacht wird und weil er sich den Luxus leistet, gegen den Strom zu schwimmen. Weihnachten steht aber genau dafür: Gegen den Strom.

Weihnachten bricht aus aus der bekannten Reihe, es ist kein heile-Welt-Musikvideo im Pulverschnee mit Pelzmütze. Hier geht es um die Bewusstmachung und Überwindung des Bruchs. Wegwischen kann man das nicht. Das fängt schon damit an, dass ein Kind die Erlösung bringen soll.

Ein Kind geboren unter Umständen wie sie heute wohl nur noch Menschen auf der Flucht erleben:

Keine Herberge, kein Quartier, ein zugiger Stall muss es sein.

Ein Kind auf dem Weg zu einem Kreuz.

Und wir?

Wir haben das verkitscht.

Gibt es denn eine Chance auf Heilung? fragt der Patient und der Doktor sagt: „Es gibt einen Riss in der Hoffnungslosigkeit!“

Froh horchen wir auf und erfahren: Wir könnten uns ja unserem Schicksal ergeben und den Advent und Weihnachten verflachen lassen, aber da ist so etwas wie Hoffnung auf Änderung, auch alle Jahre wieder, aber deswegen nicht weniger ehrlich!

Durch unsere Welt geht ein Bruch und „die Zerstörungen, die dem Leben angetan werden“, sind sehr groß. „Die Liebe, die zerbricht, die Freundschaft, die verraten wird, der Terror, der herrscht […], der Hunger, das Elend, die unendliche Not: das alles sind Belege dafür, es mit der Hoffnung zu lassen, … sich lieber zu ducken, um so vom Unglück zumindest nicht ganz getroffen zu werden.“

Und es ist schwer, all das auszuhalten ohne zu resignieren. Es ist schwer, nicht einzustimmen in das Weinen des Sehers Johannes:

Wir alle sind tatsächlich nicht würdig, das große Ganze zu schauen.

Wir alle würden daran zerbrechen.

„Es ist schwer, der Süße der Hoffnungslosigkeit nicht zu verfallen.“

Man muss nicht auf die Barrikaden, man braucht nicht aktiv zu werden.

Man kann auf der Couch sitzen bleiben, das Supertalent schauen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

ZÄSUR

Wer aber Gott erwartet, sein Ankommen, dessen Hoffnungslosigkeit bekommt Sprünge.

In dessen Hoffnungslosigkeit treten Risse auf. Der setzt sich in Widerspruch zu den Erfahrungen der Vergeblichkeit und Unabänderlichkeit, denn die wären der Tod!

Wer sich auf das Kommen Jesu einlässt, der wird um einen Bruch nicht umhin kommen, aber das ist dann ein Bruch mit Aussicht auf Heilung, auf endgültige Besserung.

Das ist Advent. Zeit der Hoffnung. Zeit des Heils!

Und das ist es dann auch, was dem religiösen Genie Johannes auf sein Weinen in der Vision entgegnet wird:

Es hat einer dieses versiegelte Buch in Händen, der es öffnen darf, der würdig genug ist, der dies für dich öffnen wird, ja das längst getan hat.

Und der wird dir das Ganze zeigen und den Zusammenhang und den Sinn.

Und das ist Jesus Christus.

Amen.

Amen.

Und davor? Bevor ich das so erlebe?

Da mag uns in dieser Adventszeit ein Gedicht des künstlerischen Genies Joseph Beuys als Anleitung zum guten Leben dienen:

Joseph Beuys
Anleitung zum guten Leben

Lass dich fallen, lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemanden Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen
und verteile sie überall in deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukle so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich, ‚verantwortlich zu sein‘ – tu es aus Liebe!
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Es wird folgen.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, fantasievolle Träume.
Zeichne auf Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern, höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein. Sei frei. Preise dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe …

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Christvesper 2011 – Weihnachten wird doch unterm Baum entschieden!

Predigtzu Jes 9,1-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

  1. Werbung

Liebe Gemeinde,

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ So kennen wir es seit Wochen aus der Werbung. Und ordentlich aufgeregt hat sich darüber so mancher Pfarrer und Dekan. Mich eingeschlossen. Aber man kann sich ja auch einmal irren: Weihnachten, liebe Gemeinde, das wird sehr wohl auch unterm Baum entschieden.


Es ist, um das zu verstehen, ein wenig Abstand vom sogenannten vorweihnachtlichen Rummel nötig. Und es ist Abstand nötig von der Vorstellung, dass das, was da an Gegenständen unter dem Baum liegt, Weihnachten ausmacht.

Dann bekommt dieser Satz nämlich auf einmal eine anderen, tiefere Dimension. Vielleicht ist der Satz des großen Medienkonzerns sogar und eigentlich nur heute Abend wirklich verständlich. Weit über das hinausweisend, was sich Werbestrategen dabei gedacht haben!

Dass Ihr heute Abend von Baum zu Baum gegangen seid, ist schon einmal ein Hinweis. Die behaglichen Räume des weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers habt ihr verlassen, um euch im festlich geschmückten Bonhoefferhaus die ewige Wahrheit von Weihnachten erneut sagen zu lassen.

2. Gefühle

Ihr seid aufgebrochen mit unterschiedlichsten Gefühlen im Herzen.

Für die Kleinsten ist die Anspannung und Aufregung besonders groß, alles wartet doch nur darauf, endlich nach Hause zu können und Geschenke auszupacken.

Für die Älteren spielen andere Anspannungen noch eine Rolle: ist alles gut vorbereitet? Ist das Essen für die Familie und Verwandten gut genug? Haben wir die Vegetarier und Schnückschen gut genug bedacht? Wird es heute Abend wieder Streit geben? Und die weniger geliebte Verwandtschaft, die trotzdem da ist, weil man sie sich ja nun mal nicht aussuchen kann, wie bringen wir mit denen die Feiertage rum?

Für die ganz Alten ist es vielleicht weniger Anspannung als vielmehr ein Fragen: Was ist dazwischen gewesen, zwischen dem Weihnachten meiner Kindheit und dem Weihnachten heute Nacht? Wo sind all die Weihnachten hin? Welche Erinnerungen werden mich heute Abend heimsuchen? Frohe, traurige? Wie viele werde ich noch erleben?

3. Ethik

Anspannung und verschiedene Gefühlslagen auf unterschiedlichste Art und Weise bei den unterschiedlichen Menschen der Bonhoeffergemeinde.

Und doch ist für alle eines klar:

Heute Abend, da wird Weihnachten unterm Baum entschieden.

Und zwar im zwischenmenschlichen Geschehen unterm und am Weihnachtsbaum. Darin, wie wir gleich miteinander umgehen. Ob wir das Fest der Liebe zu einem Fest der zwanghaften Freundlichkeit verkommen lassen? Ob wir aufgeben, und gleich den Fernseher anmachen? Oder ob wir uns mächtig anstrengen – um dann festzustellen, dass Perfektion unterm Weihnachtsbaum von uns niemals erreicht werden kann?!

Das ist übrigens eine alte Weisheit, dass unser eigenes Tun zum Weihnachtsfest eigentlich erst einmal ganz zweitrangig ist. Was haben denn Maria und Joseph an der Krippe groß getan, am ersten Weihnachtsfest der Welt? Mit bescheidensten Mitteln haben sie es eingerichtet, dass Maria die Geburt übersteht. Aber: Auf einmal haben da Engelschöre gesungen, fremde Menschen kamen zum Beglückwünschen, zum Beschenken. Abgesehen von den Strapazen einer Geburt war da nichts mit Stimmung und Lichterglanz. Nichts, was das Paar selbst getan hätte.

Es ist vielmehr das „annehmen-können“, das „sich-beschenken-lassen“, das „man-selbst-sein-dürfen“ und damit verbunden auch das „andere-so-sein-lassen-wie-sie-sind“, was uns aus dieser Geschichte leuchtet.

Würden heute Abend solche Gestalten wie die Hirten vom Feld hier reinspazieren, wir würden wohl verächtlich die Nase rümpfen und sie nicht für voll nehmen. Das Anliegen, dass sie das göttliche Kind sehen wollen, sich anstecken lassen wollen vom Evangelium, weil ihnen das der Engel auf dem Feld gesagt hat, würden wir wohl kaum abnehmen.

Vielleicht ist das auch der Grund, dass wir die Stimmen der Engel nicht vernehmen. Wir nehmen uns selbst und unsere Anstrengung, nicht nur an Weihnachten, einfach zu ernst. Und vergessen allzu oft, dass das den anderen ganz genauso geht. Messen oftmals anderen nicht die Wichtigkeit bei, die wir für uns selbst beanspruchen.

4. Dogmatik

Dabei haben wir mit der Weihnachtsgeschichte ein Muster dessen, wie sich Weihnachten unterm Baum entscheiden kann!

Viele Jahre vor dem allerersten Weihnachten in Bethlehem gab es immer wieder Prophezeiungen, die Hinweise gaben, dass Gott es selbst ist, der unsere Welt verändern wird. Im Alten Testament stehen diese Visionen, von denen wir eine vorhin schon gehört haben.

a) Lichtmetaphorik

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ 

Liebe Gemeinde, wenn man an die Anspannung im Herzen denkt und daran, was heute Abend alles daheim auch schief laufen könnte, dann könnte man meinen, dass wir dieses Volk sind, das im Dunkeln tappt. Als würde die Prophezeiung noch nicht erfüllt sein. Als bräuchten wir ganz dringend noch viel mehr Festbeleuchtung, die uns unsere Sorgen und Nöte wegleuchtet. Aber diese Prophezeiung ist schon erfüllt. Lange schon.

Denn dieses Licht ist längst da. Der helle Schein, den der Prophet nur schemenhaft erblickt hat, ist doch längst Wirklichkeit geworden. Es ist derjenige, den wir heute in der Krippe liegend feiern und der später sein Leben für uns am Kreuz lassen wird.

b) Zwei-Reiche-Lehre

Bei Jesaja werden ihm vier Namen gegeben, wie er seine Herrschaft ausüben wird, dass unsere Welt eine wird, die gewaltfrei, gerecht und friedlich ist.

Er nennt ihn: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Fried-Fürst“.

Ganz klar, die ersten der drei Titel sind Titel, die für Gott reserviert sind. Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater. Sie beziehen sich auf Gottes Herrschaft. Allein der letzte Titel, Friedefürst, kann vielleicht auch auf gewöhnlich irdische Verhältnisse, auch auf unsere Politikerinnen und Politiker, bezogen werden.

Aber eines ist ganz klar: Der Prophet stellt sich die gerechte und gute Herrschaft Gottes als eine vor, die zunächst einmal außerhalb unseres Handlungsbereiches liegt. Der neue Herrscher bringt Attribute, Eigenschaften, mit, die einfach kein Mensch hat. Wir nicht, kein König. Nicht einmal unser Bundespräsident!

Es sind zwei Reiche, die übereinandergelegt werden: Das himmlische, göttliche Reich, und unsere Erde. Übereinandergelegt bedeutet, dass diese himmlischen Eigenschaften zwar göttlich bleiben, aber doch merklichen Einfluss auf das Geschehen hier auf Erden haben. Wie das gehen soll, das konnte sich der Prophet nur in den Vorstellungen der damaligen Königsideologie vorstellen. Gewaltig. Mächtig. Mit viel Prunk.

Dass das dann etwas anders wurde, mit Armut und Krippe und Kreuz, das konnte er nicht wissen. Spätere Propheten hatten immerhin eine Ahnung. Und es fällt ja auch uns Nachgeborenen schwer, das alles zu verstehen und zu glauben, obwohl es nicht noch aussteht, sondern bereits geschehen ist!

Aber das mit den zwei Reichen: Das hat sich erfüllt und wurde verbunden in dem Kind in der Krippe. In dem König am Kreuz. In dem Herrscher über den Tod.

Der ist es nämlich, der auf eine sehr ruhige und geheimnisvolle Art und Weise ein Friedensreich aufgebaut hat. Nicht eines, das auf Urkunde und Besitz, EZB und Bruttoinlandsprodukt aufbaut. Nicht auf Soldatenstiefel und Waffen, Nato und Unomandate setzt dieses Kind. Alle Institutionen, die uns so wichtig sind, sind diesem Kind nicht gut genug. Es muss schon ein bisschen mehr sein!

Seine Macht zieht dieses Kind aus dem Glauben. Der Glaube der Menschen an Gott. Der das ganze Sein bestimmt und der in den Herzen der Menschen aufleuchtet. Und der dann auch in jeder dieser Institutionen vorhanden ist, wenn Menschen da sind, die an sein Wort glauben.

Eine Macht ist das, die die Menschen weihnachtlich gestimmt werden lässt. Nicht nur heute Abend. Sondern jeden Tag. So, dass sie sich freundlich begegnen. In Offenheit und zugleich mit gestärktem Rücken.

c) Liebe

Um ein überstrapazierte Wort zu bemühen: Es ist die Macht, die bewirkt, dass Menschen sich in Liebe begegnen. Das ist das Geheimnis der Macht von Jesus Christus. Und das ist der eigentliche Grund, weswegen wir alle heute Abend hier beisammen sind. Um uns wieder die Bestätigung zu holen: Die Herrschaft der Liebe wird kein Ende haben im Glauben an dieses Kind in der Krippe. Und im Glauben an die Herrschaft an dieses Kind sind Wunder möglich. Wunder heute Abend unterm Weihnachtsbaum. Das Wunder der Versöhnung mit einem Verwandten oder Freund. Das Wunder eines gelingenden Miteinanders. Das Wunder der Weihnacht, wie sie eigentlich nur Kinder erleben können:

Mit Aufregung und Anspannung im Herzen – positiv hin zum Geheimnis der Welt:

Nämlich das Fest zu feiern, bei dem die wichtigste Botschaft deines Lebens ihren Anfang nahm.

Das Fest der Geburt unseres Erlösers Jesus Christus.

Der ist es, der mit dir heute Abend Weihnachten unterm Baum entscheidet.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.