Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr 2016: Lutheralala (Röm 3,21-28)

Von Pfr. Marvin Lange, Fulda

PREDIGT ZU 3,21-28: LUTHERALALA am 13.11.2016 im Bonhoefferhaus zu Fulda


Gnade sei mit euch und Friede
Von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

1. Der Anlass: „Lutheralala“
Ein Dekan im Süddeutschen hat am vergangenen Reformationstag zur Predigt Ayman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime, eingeladen. Er begründete das unter anderem damit, dass er zum Reformationstag nicht schon wieder diese ganzen „Lutheralala“ machen wolle.


Die Frage, ob man einen Muslim zum Predigen einladen sollte, noch dazu am Reformationstag, möge jeder für sich beantworten. Ich selber hätte keine Probleme damit.
Schwierig wird es jedoch, wenn es lauter „Lutheralala“ waren, die der Dekan in der Vergangenheit zum Reformationstag gehört hätte.
Und, wenn dem so war, er als kirchenleitendes Organ nicht eigenständig dagegen vorgegangen ist.

Ja, es wird auch Luther kommerzialisiert. Ja, es gibt sie: Die Luther-Bonbons, die Luther-Playmobilfiguren, die Lutherkekse. Und ich mache da nur zu gerne mit… Und nun auch die Lutherbibel in neuer Übersetzung. Die Zeitungen waren in der letzten Woche voll mit guten und schlechten Artikeln über den Reformator und sein Werk. 
Ja, es wird auch in unseren Kirchen mit Luther eine ganze Menge Unsinn angestellt. „Lutheralala“ eben, wenn ich höre oder lese, wofür der alte Luther alles herhalten muss. Und wer bis heute kein Buch über Luther geschrieben hat, braucht es wohl in den nächsten 500 Jahren nicht mehr tun. 

Genug gespottet für diesen Morgen: Ich möchte dieses Reformationsjubiläum freudig begehen. Und die „Lutheralala“ gern mit einbeziehen in die großartige Feier, die wir seit Montag ein ganzes Jahr lang vor uns haben. 
Ich nehme nicht nur in unserem Land, sondern auch in unserer Bonhoeffer-Gemeinde einen großen Graben war zwischen dem, was man tatsächlich über Luther weiß – und dem, was man meint über ihn zu wissen. Also: Wissen und Vermuten liegen weit auseinander, und ich möchte den heutigen Sonntag nach dem Reformationstag dazu nutzen, ein paar „Lutheralala“ zum Besten zu geben, die Euch für Euer Leben zu wissen lohnen. Denn auch wenn es in der Religion um Glauben geht: Evangelisches Christentum ist eine Religion, in der man nicht nur Bescheid wissen darf, sondern durchaus sollte.

Anhand des heutigen Predigtextes möchte ich euch einführen in die Grundlagen reformatorischer Theologie: Der Apostel Paulus, insbesondere der Römerbrief, hatte es dem Reformator ja besonders angetan, denn aus ihm entnahm er in erster Linie seine reformatorischen Erkenntnisse. Hört also Röm 3,21-28!
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden
26 in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Eigentlich ist jetzt alles gesagt. Aber bemühen wir doch die reformatorische Theologie, um uns den Abschnitt noch einmal auslegen zu lassen!

2. Die vier Exklusivpartikel
2.1. Die Sola Gratia – allein aus Gnade
„Gnade – was ist das denn?“, fragte ich am Donnerstagmorgen die Schulkinder im Reformationsgottesdienst der Geschwister-Scholl-Schule. Und ich bekam eine ziemlich gute Antwort: „Wenn man jemandem etwas Gutes tut, der das gar nicht verdient hat.“ Prima geantwortet! Und jetzt haben wir die Worte des Paulus: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten.“

Wenn wir von Gott reden und wir von ihm etwas empfangen, so ist das unverdient. Gott tut uns etwas Gutes, obwohl wir das gar nicht verdient haben. Die Reformatoren machten daraus den ersten der Exklusiv-Partikel evangelischen Christentums: Sola gratia – allein aus Gnade! …werdet ihr gerettet, müssen wir ergänzen. Oder, für meine Schüler am Donnerstag auf die Frage: „Wie kommen wir in den Himmel?“ Antwort: „Aus Gnade. Unverdient. Einfach so. Weil Gott uns trotzdem so nimmt, wie wir sind.“ Dafür steht die Taufe. Insbesondere die Kindertaufe, wie sie die kleine Hanne gerade bekommen hat. Verdient hat die sich noch gar nix. Alles, was ihr getan wird, ist lauter Gnade. 

2.2. Allein aus Glaube
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. „Sola fide – allein aus Glaube“ ist der zweite der Exklusivpartikel von uns Protestanten, den es zu wissen lohnt. Und jetzt könnten wir herrlich streiten, was Glauben alles für Bedeutungen hat. „Glauben ist Nichtwissen“, erklären mir die Besserwisser. „Glauben ist ein Für-Wahr-Halten“, sagen die Philosophen. „Glauben ist eine Beziehung“, sagen die evangelischen Theologen.

Glauben als Beziehung?! Ich zeichne es Euch mal an, was aus evangelischer Sicht der Glaube ist.

FLIPCHART Skizze Gott- Mensch – Beziehung Kreis drum.



Das alles ist der Glaube. Es ist nicht ein: „Ich denke schon, dass es Gott gibt.“ Und auch nicht ein: „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich vermute es.“ Und es schrammt auch nur ein den Glauben als eine eigene Tat zu verstehen. 
Glaube in evangelischem Sinne geht darüber weit hinaus. Es ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Überlegt doch mal: Würdet ihr beim Wort Liebe sagen, dass es bloß bedeutet, dass ich jemanden liebe? Oder dass ich vermute, dass mich mein Partner liebt? Da geht es ebenfalls um das gesamte Beziehungsgeschehen mit allen Facetten – und das nennen wir Liebe. Und analog dazu unser Glaube! Glaube ist die Beziehung Gottes zu den Menschen – und umgekehrt.

„Wie komme ich in den Himmel?“ war die Frage an die Schüler – klar, allein aus Glauben.

2.3. Allein Christus
Wie komme ich aber dazu, das so zu sagen. Wer garantiert mir denn, dass Gott mir gegenüber es sich nicht anders überlegt, er zu mir also vielleicht nicht gnädig ist? Der allmächtige Gott ist, schaut euch mal das Alte Testament an, doch etwas launisch. Da kommen wir dann zur dritten Exklusivpartikel: „Solus Christus – allein Christus.“ Der ist der Garant dafür, dass der Rest ebenfalls stimmt. „Durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist“, heißt das in unserem Predigttext. In heutigem Deutsch vielleicht so erklärt: Gott ist Mensch geworden und hat sich für uns geopfert. Zum einen, weil er uns liebt, aber auch um uns zu zeigen, was das heißt: Menschsein. Nämlich: Voll Leben und Tatendrang. Aber auch bereit, den Weg zum Kreuz zu gehen. Wegen dieser Konsequenz der Liebe sind diese fünf frisch getauften Iraner übrigens nach Deutschland geflohen. Kompromisslos zu sagen: Ich glaube an den, der die Religion der Liebe brachte: Jesus Christus – und dafür mit der Konsequenz leben zu müssen, dass, wenn ich abgeschoben werden sollten, im Iran dafür hingerichtet werde (oder als Frau: Lebenslänglich ins Gefängnis zu gehen).

Das bedeutet aber zugleich auch den Abschied vom Wohlfühlchristentum der letzten 50 Jahre! Es bedeutet: Von Gott zu reden reicht nicht. Das Wort „Gott“ haben doch alle anderen Religionen auch. Das Christentum hat die Besonderheit, dass Gott Mensch wurde. Das Christentum hat Christus.

Weswegen ich mittlerweile zunehmend allergisch reagiere auf so gut gemeinte Sätze wie: „Wir glauben doch alle an einen Gott.“ Oder auch: „Am Ende beten alle Religionen zu demselben Gott.“
Ja, mag sein, aber welcher der vielen Götter, die angeblich alle der gleiche sind, ist denn gemeint?! Das ist hier das Entscheidende. Und dass es schon große Unterschiede zwischen dem Gottesbild eines Jesus, Moses oder Mohammed gibt, dürfte mittlerweile wieder zum Allgemeingut des religiösen Wissens gehören.

Ja, wir religiösen oder spirituellen Menschen glauben alle an einen Gott oder eine Kraft oder eine Transzendenz. Aber wenn dieser Gott nicht derjenige ist, der sich in Jesus Christus gezeigt hat, der sich hat für uns kreuzigen lassen und der dann auferstand, dann gehe ich mittlerweile auf freundliche Distanz. Ich will schließlich keine fremden Götter anbeten – auch nicht aus dem guten Willen, dass man Unterschiede verdeckt um des lieben Friedens willen!

2.4. Allein die Schrift
Kommen wir zum vierten Exklusivpartikel christlichen Glaubens. Das evangelische Schriftprinzip: „Sola scriptura – allein die Schrift!“

Allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die kirchliche Tradition. Und auch nicht der Zeitgeist. Und nicht die Meinung einzelner oder größerer Gruppen.
Es ist tatsächlich dieses alte Buch, die Bibel, die für Evangelische nicht nur die Richtschnur, sondern die in Glaubensdingen tatsächlich alles ist. Ich behaupte: Das Schriftprinzip geht der evangelischen Christenheit in Deutschland gerade verloren. Dabei ist es die Klammer, die die anderen drei Punkte zusammenhält. Ja woher soll man denn wissen, dass es um Gnade, Glaube und Christus geht? Das erlebe und erfahre ich doch nicht im Wald, in dem angeblich auch so gut gebetet werden kann. Heilige Orte müssen unsere Wälder mittlerweile sein, wenn sich dort derartig hoher Glaube niederschlägt wie ich es so oft höre: „Zum Beten brauche ich nicht in die Kirche gehen. Beten kann ich auch im Wald.“
Wisst ihr was? Das stimmt! Wir können auch im Wald beten. Aber Hören auf Gottes Wort – das können wir da nicht. Da werdet ihr weder die Gnade und Liebe Gottes zugesagt bekommen noch eine Ansage, dass euer Leben so, wie ihr es führt, eben nicht völlig in Ordnung ist. Das erfährt man dann eben doch nur im privaten Studium der Bibel oder beim Hören auf die Auslegung im Gottesdienst – und beides geschieht gewöhnlich nicht in Wald und Flur, sondern in Haus und Kirche. 

„Allein die Schrift“ kann ab sofort und ganz einfach wieder neu ins Bewusstsein rücken. Die neue Luther-Übersetzung versucht, verschiedenen Übersetzungsansprüchen gerecht zu werden:
1. Sie versucht genau zu sein. 
Die Treue gegenüber dem Ausgangstext ist das zentrale Anliegen der Revision. 
So wurde die gesamte Bibel anhand der hebräischen und griechischen Urtexte überprüft. Nicht zuletzt die Funde von Qumran haben im 20. Jahrhundert die Erkenntnisse der biblischen Textforschung erheblich vorangebracht. 

2. Sie versucht verständlich zu sein. 
Sprache unterliegt einer ständigen Entwicklung. So haben im Lauf der letzten Jahrzehnte einzelne Begriffe ihre Bedeutung gewandelt oder sind aus dem allgemeinen Wortschatz verschwunden. So ist etwa die „Wehmutter“ rausgeflogen und von der „Hebamme“ ersetzt worden.

3. Sie versucht, der Luthersprache wieder mehr Gewicht zu verleihen:
Die kernige Sprache des Reformators soll wieder mehr herausgehoben werden. An Stellen, wo es möglich war, hat man sich wieder an der Lutherbibel von 1545 orientiert. Ein Beispiel:
Lutherbibel 1984: 
„Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“

Lutherbibel 2017:
„Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“ 

Es sind 44% aller Verse verändert worden, die meisten allerdings in den apokryphen Schriften. Und um den Leuten das Lesen schmackhaft zu machen, hat die Deutsche Bibel-Gesellschaft nicht allein einige hübsche Ausgaben veröffentlicht, sondern auch eine Bibel-App, die ein Jahr lang kostenlos zu haben ist. Ich hab es ausprobiert: Auf dem Tablet liest sie sich wesentlich angenehmer als auf Papier – und es gibt mehrere Lesepläne, mit denen man binnen eines Jahres einmal in sinnvoll aufeinander abgestimmten Schritten die ganze Bibel durchlesen kann. Also: Wenn es um Glaubensdinge geht, sollte man als mündiger Christ selbständig in der Bibel nicht nur lesen können, sondern dies auch tun. Allein, damit ihr so Leute wie mich immer wieder neu prüfen könnt.
Allein aus Gnade.
Allein aus Glauben.
Allein durch Christus.
Alles allein nachzulesen in der Schrift.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Ewigkeitssonntag 2008: Die Lügen der Tröster (2.Petrus 3,8-13)

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

1.Die Lügen der Tröster

Nun sich das Herz von allem löste,

was es an Glück und Gut umschließt,

Komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste,

der du aus Gottes Herzen fließt.


Liebe Gemeinde,

um die Trauer, um unsere Sorgen und Ängste, das Schwere in unserem Leben geht es in diesem Lied.

Gerade am heutigen Ewigkeitssonntag kann solch ein Lied Seelenbalsam sein. Wohl kaum ein Tag im Jahr ist so sehr vom Andenken an unsere Verstorbenen geprägt wie der heutige.

Besonders schmerzlich merken viele gerade um diese Zeit herum, dass mit dem Tod eines geliebten Menschen eine Lücke entstanden ist, die niemand schließen kann.

Wirklich: Niemand kann diese Lücke schließen. Menschen sind schließlich keine ersetzbare Massenware. So bleibt eine Wunde zurück. Und sie kann immer wieder aufbrechen.

Komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste, der du aus Gottes Herzen fließt.

Das ist es, was uns angeboten wird. Was Gott uns anbietet. Seinen Trost. Er ist bei uns. Jetzt und hier.

Doch der Verlust eines geliebten Menschen bleibt. Wenn jemand fehlt, dann fehlt er eben auch, wenn man getröstet wird.

Und schlimmstenfalls haben Trostworte etwas Grässliches an sich. Etwas Verlogenes. „Es wird schon wieder, Kopf hoch!“ „Es gibt schlimmeres!“ „Wir sind doch für dich da, deswegen brauchst Du nicht so traurig zu sein.“

Schrecklich können sie sein, dieLügen der Tröster.

Denn manchmal, da wird es eben nicht wieder.

Der Kopf bleibt hängen.

Und für einen selber, da gibt es eben nichts Schlimmeres.

Und wenn die ganze Welt da wäre für einen – sie bringt einem den geliebten Menschen nicht zurück!

Trost, liebe Gemeinde, ist etwas Zwiespältiges. Auf der einen Seite brauchen wir ihn, denn echter Trost kommt aus echter Hoffnung.

Auf der anderen Seite kann er falsch sein, und dann lässt er einen mit schalem Geschmack im Munde zurück.

2. Vom Ich zum Du

Einsamkeit ist das, was bei Gesprächen mit Witwern und Witwen am Häufigsten beklagt wird. Einsamkeit ist das Schlimmste nach einem Verlust. Alte Gewohnheiten nicht mehr länger gemeinsam zu erledigen. Morgens aufzuwachen und der Andere fehlt.

Ein stilles Haus. Eine stille Wohnung.

Und andere Leute vertreiben einem die Einsamkeit nur für die Dauer ihres Besuchs.

Oder wenn man heimkommt: Die Stille.

Und niemand, der es nicht selber erlebt, kann wirklich nachfühlen, was es heißt, diese Qual zu erleben.

Was ist mit uns, wenn wir um einen geliebten Menschen trauern? Was kann uns da echten Trost geben?

Drehen wir die Fragerichtung einmal um. Nicht: Was ist mit uns?

Sondern: Was ist denn mit den Verstorbenen?

Was ist denn eigentlich mit den Toten, wegen derer wir traurig sind?

Wenn wir das beantworten, dann können wir vielleicht ein neues Verhältnis zu unserer eigenen Trauer bekommen.

3. Predigtext

Ich lese dazu den heutigen Predigttext 2 Petr. 3,8-13:

8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß  ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.

9 Der Herr  verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und  will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß jedermann zur Buße finde.

10  Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann  werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und  die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.

11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müßt ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,

12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

13 Wir warten aber auf  einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung,  in denen Gerechtigkeit wohnt.

4. Wo sind unsere Toten 1

Zwei Dinge sind es, die wir direkt aus dem Text mitnehmen können.

Gott rechnet in anderen Maßstäben als wir. Vor ihm sind 1000 Jahre wie ein Tag. Und ein Tag wie 1000 Jahre.

Dass wir hier auf Erden leben und die Erde sich weiterhin mit uns dreht, das hat mit Gottes Barmherzigkeit zu tun.

Diese beiden Dinge müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns der Frage stellen, was eigentlich mit den Verstorbenen ist. Wo die sind.

In der Antike:

Unterwelt / hades

Styx/ Münze

Schattendasein. Nicht ganz tot, Abglanz der Lebenden

Skeptiker:

Wir wissen es nicht. Darüber machen wir keine Aussagen.

Epikur:

Es spielt keine Rolle: Wenn wir leben, sind wir nicht tot, wenn wir tot sind, leben wir nicht.

Hinduismus / Buddhismus:

Wiedergeburt

Islam:

Paradies und sieben Himmel

5. Wo sind unsere Toten 2

Und im Christentum?

Lange dachte man, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat.

Dass sie nach dem Tod in den Himmel hinauf fliegt. In vielen Filmen, in vielen Romanen wird mit dieser Vorstellung bis heute gespielt.

Dabei ist sie alles andere als christlich.

Die Trennung von Leib und Körper geht auf die griechische Philosophie zurück.

Wenn man die Bibel ernst nimmt, dann wird man rasch feststellen: Es geht immer um den ganzen Menschen.

Das eine geht nicht ohne das Andere.

Spätestens durch die moderne Hirnforschung und Neurologie in den letzten Jahren ist diese biblische Erkenntnis um den Menschen, wie er ist, bestätigt worden.

Mensch sein heißt immer körperlich sein.

Die Konsequenz daraus ist hart: Wenn ein Mensch stirbt, so stirbt er ganz.

Den Tod nehmen wir dann ganz und gar ernst:

Das merken wir in unserer Trauer, das sehen wir im Ritus der Beerdigung: Wir beerdigen unsere Verstorbenen. Ganz und gar.

Sie sind unserem Zugang entzogen.

Von der Vorstellung einer Seelenwanderung in den Himmel sollten wir uns frei machen.

So befreit können wir unsere eigene Trauer auch viel besser verstehen.

Was uns bleibt, sind gute und schmerzliche Erinnerungen. Fotos, Gerüche an Kleidungsstücken, die Geschichte eines gelebten Lebens.

Dennoch ist das nicht alles, wenn ein Mensch gestorben ist.

Im Johannesevangelium spricht Jesus Christus vom Ewigen Leben der Gläubigen.

Und unser heutiger Predigttext spricht vom Ende aller Dinge, wenn Gott alles neu machen wird.

Und alle biblischen Bilder haben eines gemeinsam:

Gott führt über den Tod hinaus die Menschen zu seinem Ziel.

Und dieses Ziel ist nicht der Tod, sondern das Leben.

Es bleibt etwas vom Alten. Es wird etwas neu gemacht werden.

Und auch wenn der Verstorbene ganz tot ist, so hat er in der Ewigkeit Gottes doch bereits Anteil am Ewigen Leben. Wenn 1000 Tage für Gott sind wie ein Tag, dann heißt das doch vor allem eines: Gott zählt und rechnet anders als wir.

Er ist barmherzig mit uns, er nimmt uns alle hinein in seine Ewigkeit, die für uns hier und jetzt schon begonnen hat!

Es gilt für uns das, was uns durch Jesus Christus gezeigt worden ist.

Er selber ist gestorben am Kreuz. Doch ist er nach drei Tagen auferweckt worden aus dem Tod und wir werden ihm darin folgen.

Das ist die Frohe Botschaft für jeden Tag, liebe Gemeinde.

Und ein echter Trost.

Wir sind mitten drin in Gottes Ewigkeit. Von unseren Verstorbenen trennt uns nur die Ewigkeit Gottes, die für uns schon angebrochen ist.

Die Offenbarung des Johannes beschreibt diesen Trost mit hellstrahlenden Vision:

Offb 21,1-7

21, 1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Amen.

Ewigkeitssonntag 2013: Meine Worte werden nicht vergehen (Mk 13,31-37)

Predigt zu Mk 13,31-37

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

Amen.

Mk 13,31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.


32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist.

34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:

35 so wacht nun; denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,

36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.

37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!


1. Welt der Physis

Liebe Gemeinde,

wir wissen mittlerweile ganz gut Bescheid. Was das Alter des Universums angeht und seine Ausdehnung. Wie lange Sterne brauchen, bis sie verglühen. Wie lange unser Stern, die Sonne, noch haben wird, bis er verlischt. Wie lange unsere Erde noch bewohnbar sein wird.

Sie wird nach kosmischen Maßstäben schon ziemlich bald, nämlich bereits in etwa 500 Millionen Jahren nicht mehr von uns Menschen bewohnbar sein, da die Sonne auf dem Weg ihrer Verwandlung hin zu einem sogenannten Roten Riesen bis dahin immer heißer geworden sein wird. 100°C mehr im Durchschnitt auf der ganzen weiten Welt, und das immer weiter ansteigend, ist das Resultat dieses unumkehrbaren physikalischen Prozesses. Und in etwa sechs Milliarden Jahren, das ist schon noch eine ganze Weile, wird die Sonne die Erde verschlingen.

Dann, allerspätestens dann ist Schluss mit Leben auf diesem doch so schönen Planeten.

Sollte die Menschheit sich so rasant technisch und wissenschaftlich fortentwickeln wie in den letzten 50 Jahren, und sollten wir es bis dahin geschafft haben, uns nicht selbst auszurotten, dann könnten unsere Nachfahren vielleicht auf riesigen Raumschiffen zusammen mit Tieren und Pflanzen unterwegs sein zu neuen Welten. Irgendwo in der Galaxis, in den Weiten der Milchstraße, wird sich schon ein Planet finden, den wir dann bewohnen könnten.

Wir wissen also ziemlich genau darüber Bescheid, wie und wann etwa diese unsere Welt, der Planet Erde, zu Ende gehen wird.

2. Welt der Existenz

a: Philosophie

Liebe Gemeinde,

wir wissen sehr genau, wann die physikalische, materielle Welt vergehen wird. Bloß nützt uns dieses Wissen im täglichen Leben leider rein gar nichts.

Eine Welt bricht doch in dem Moment zusammen, wenn ein Mensch stirbt. Dann verschwindet eine ganze Welt. So wie er oder sie gelebt hat. Was er gefühlt hat. Was sie gedacht hat. Was er erlebt hat. Wen er geliebt hat und wie sie geliebt wurde.

All das kommt zu einem endgültigen Ende, wenn ein Menschenleben zu Ende geht.  Und das ist traurig. Meistens traurig, wenn der Mensch „alt und lebenssatt“ stirbt. Trauriger, wenn er zu jung stirbt. Oder „plötzlich und unerwartet“. Und umso trauriger, wenn ein Mensch seinem Leben freiwillig ein Ende setzt – so wie diese Woche bei Uttrichshausen auf der Autobahn.

Denn der Verlust wiegt viel mehr als bloß der eines Menschenlebens. Davon gibt es ja eigentlich auch so viele!  Das, was uns schmerzt, was uns manchmal an die Grenzen des Verstehens und des Aushalten-Könnens versetzt, ist der Verlust einer ganzen Welt, die stets mit einem Menschenleben verbunden ist.

Und: über das Ende dieser vielen Welten wissen wir meistens nichts. Das Ende eines Menschenlebens liegt im Dunkeln. Den Todeszeitpunkt können wir nicht voraussagen. Vielleicht auch besser so, wird mancher denken.

b) Jesus

Der Psalmbeter wagte sich zwar aus der Deckung und sagte: „70, wenn´s hoch kommt 80 Jahre“, dauere ein Menschenleben, aber das ist ja keine ordentliche Voraussage. So setzt also Jesus das Kommen des Herrn für die Nacht an. Dann, wenn man für Besuch nicht wirklich vorbereitet ist. Dann, wenn man müde und abgekämpft zu Bett gehen will. Allzu oft schaut dann, so Jesus, der Tod vorbei. Oder besser: Meist im unbekannten Moment schneidet der Herr über Leben und Tod den Lebensfaden ab – und zudem tatsächlich meistens in der Nacht.

Und mit dem Verlust eines geliebten Menschen müssen die Angehörigen dann umgehen lernen. Der fehlt und der Verlust schmerzt. Und er schmerzt besonders häufig an den Tagen, die besonders hell waren: Zur Weihnachtszeit, am Heiligen Abend, zum Jahreswechsel an Sylvester, an den Geburtstagen. „Ach, wäre sie doch jetzt hier“, höre ich mich da sagen.

Der Herr über Leben und Tod kommt in der Nacht. Und er verdunkelt mit seinem Kommen ganze Welten; manche scheint er im Meer der Tränen ganz zu verschlingen.

Und jetzt gibt Jesus uns einen weisen Rat. Er gibt zu, dass nicht einmal er selbst weiß, wann ein Leben zu Ende geht und der Herr kommt. Aber er empfiehlt uns, dass wir uns trotzdem auf sein Kommen vorbereiten. Da er ja ohnehin kommt, ist´s nicht schlecht, wenn man vorbereitet ist.

Er ruft uns zu: „Vergesst nicht, dass der Herr gerade dann kommt, wenn ihr es nicht erwartet.“ Und er will uns damit nicht niederdrücken oder fertig machen. Sondern dass wir uns mit dieser Tatsache anfreunden oder sie zumindest akzeptieren können. Dass es so ist wie es ist und wir die Zeit, die wir haben nicht mit Schlafen vertüddeln. Wachsam-Sein ist seine Empfehlung. Und zu diesem Wachsam-Sein gehört die Schau auf das eigene Leben und auf das Leben meiner Nächsten unverfälscht.

Wie oft höre ich bei den Beerdigungsgesprächen:

„Wir konnten uns noch gut verabschieden und haben Ungeklärtes geklärt.“

Ebenso oft steht aber noch manches im Raum, was man zu Lebzeiten gut hätte sagen können – aber dann ist es zu spät und wir können uns nur noch der Vergebung Gottes empfehlen, da derjenige, den man gern noch um Verzeihung gebeten hätte, gestorben ist. Auch das kommt eigentlich ziemlich oft vor.

Wachsam-Sein bedeutet dann, dass wir mit den uns umgebenden Menschen bei allem Respekt ehrlich und gerade heraus umgehen. Dass wir uns vielleicht für heute vornehmen, ein Problem endlich aus der Welt zu schaffen, das wir mit jemandem haben, indem wir auf ihn oder sie zugehen und es im Guten versuchen. Bevor es zu spät ist.

Denn ihr wisst nicht, wann der Zeitpunkt da ist.

3. Welt des Glaubens

Liebe Gemeinde!

Ihr dürft dies wirklich frohen Mutes tun: Aufeinander zugehen und aus der Macht der Vergebung heraus leben. Denn Jesus sagt ja noch etwas. Am Anfang unseres Predigttextes sagt er einen Satz, den ich Euch bei jedem Abendmahl mit auf den Weg gebe, da er mir selbst so wichtig geworden ist.
Er sagt: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

Vom unendlichen Weltraum und der Welt der Physik sprach ich am Anfang. Klar, diese Welt wird vergehen. Himmel und Erde. Genug davon.

Wenn Jesus aber behauptet, dass seine Worte nicht vergehen, dann ist damit mehr gemeint als die wenigen Worte, die wir in der Bibel von ihm haben. Auch wenn diese ebenfalls in Ewigkeit bleiben werden.  Wenn Jesus von Worten spricht, auf griechisch „logoi“ (von Logos), dann können wir uns an den Anfang des Johannes-Evangeliums halten, wo es heißt: „Im Anfang war das Wort.“ Und alles ist durch dieses Wort gemacht worden. Die ganze Schöpfung, der ganze Kosmos, und auch alle Menschen sind in dieses Wort mit hineingenommen.

Wir sind sozusagen Worte Gottes. Denn wir gehören zu seiner Schöpfung mit dazu. Und wenn es heißt, dass diese physikalische Welt vergehen wird, können wir doch eigentlich recht gut damit leben, wenn wir begriffen haben, dass die Worte von Jesus Christus in Ewigkeit bleiben.

Dass Du Deine Mutter wiedersehen wirst.

Und Du Deinen Vater.

Du Deinen Ehemann.

Deine Ehefrau.

Und Du Dein zu früh verstorbenes Kind.

Und dass alles, was ungesagt geblieben ist, im ewigen Wort Gottes gesagt sein wird. Und Verzeihen und Vergeben nicht nur in der Luft liegen, sondern Wirklichkeit geworden sind. Denn er, das lebendige Wort Gottes, legt seine rechte Hand auf dich und sagt zu dir:

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt zum Volkstrauertag 2012: Offenbarung 2,8-11: Ein Trostbrief: Ehemalige Kinder des Bonhoefferhauses predigen

Predigt zu Offenbarung 2, 8-11 am Volkstrauertag 2012

im Bonhoeffer-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde in Fulda, Ziehers-Nord,

mit Taufe und 40 Jahre nach der Eröffnung des Gemeindehauses

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen heute einen Trostbrief mitgebracht. Der Seher Johannes schreibt der Gemeinde in der türkischen Stadt Smyrna, dem heutigen Izmir: „Ich kenne dich, ich kenne deine Not und deine Stärke! Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“

Was sagt dieser Brief uns heute, liebe Gemeinde? Heute am Tauftag von Justin Antonyuk, heute am Volkstrauertag?

Schreibe dem Engel der Gemeinde in Smyrna:

Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:

„Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut! Aber du bist reich! 
Und ich kenne die Lästerung derjenigen, die sich dir gegenüber als jüdisch ausgeben; aber sie sind es nicht! Sie sind eine Versammlung des Satans! 
Fürchte dich nicht! Nicht vor dem, was du erleiden wirst. Siehe der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet und ihr werdet zehn Tage Bedrängnis haben.
Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!


I

Ein Brief hat eine Anschrift. Dieser hier richtet sich an die Gemeinde in Smyrna. Aber der Seher Johannes schreibt nicht direkt an diese Gemeinde, er schreibt an den Engel der Gemeinde. Wie stelle ich mir den Engel einer Gemeinde vor? Haben auch Sie, liebe Ziehers-Norder, einen solchen Engel?

Ein Engel ist ein Bote. Er (oder ist es vielleicht eher eine Sie?) wechselt hin und her zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns. Bringt Nachrichten von Gott zu uns auf die Erde; erzählt Gott von uns. Der Engel achtet auf uns, schützt uns, behütet uns. Deshalb wählen so viele Eltern heute den Taufspruch aus Psalm 91, der auch Justin begleiten soll, den wir gerade getauft haben: „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten, dass sie dich behüten auf allen deinen wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“

Dass nicht nur jeder und jede Einzelne, sondern auch jede Gemeinde einen Engel hat, heißt: Was hier auf Erden in und mit einer Gemeinde geschieht, ist Gott nicht egal! Ob eine Gemeinde unter Verfolgung leidet, wie viele afrikanische Gemeinden in diesen Tagen; ob eine Gemeinde voll Schwung aufbricht und viele junge Familien anzieht; ob eine Gemeinde sich zurückzieht und das Gefühl hat: es geht ja doch nur alles bergab; all das interessiert und bewegt Gott. Jede Gemeinde mit ihren Stärken und Schwächen hat einen Engel, der sie vor Gott vertritt!

So verschieden wie die Gemeinden, so verschieden sind auch ihre Engel. Die einen brauchen Trost, die anderen Mahnung. Was zeichnet den Engel ihrer Kirchengemeinde hier in Ziehers-Nord aus?

Ich stelle mir vor, die Konfirmandinnen und Konfirmanden malen die Umrisse eines Engels mit großen spitzen Flügeln an die schönen hohen weißen Wände hier im Bonhoeffer-Haus. Und dann sind alle eingeladen, sich und die Gemeinde dort als Federn in die Flügel einzuzeichnen: die Spielkreise und die Tauffamilien, die Jugendlichen, die Konfirmandinnen und Konfirmanden, der Kreativkreis, die Senioren und der Kirchenvorstand, vielleicht auch die anderen Gemeinden drum herum, auch St. Paulus, auch die Schulen, zu denen Verbindungen bestehen.

So entsteht ein bunter Engel, an dem erkennbar wird, was diese Gemeinde auszeichnet. Für mich war und ist der Engel ihrer Gemeinde ein Engel der Gemeinschaft. Und zu so einem Engel passt ein Gemeindehaus. Hier spüren wir sofort: Niemand glaubt für sich allein! Evangelischer Glaube ist geteilter Glaube. Er lebt davon, dass wir uns gegenseitig kennen und stärken. Wer traurig ist, findet einen Menschen, der zuhört. Wer zweifelt, darf klagen und wird ermutigt. In die Jugendgruppe sind die eingeladen, die gut reden können und die, die lieber und gut Tischfußball spielen. Alle sind willkommen.

Ich erinnere mich noch, wie unsicher ich als Jugendlicher war, als wir einmal um das Haus ein Fest mit behinderten Kindern und Jugendlichen und der Lebenshilfe gefeiert haben. Wie wird das gehen? Wie werden wir uns verständigen? Können wir etwas miteinander spielen? Miteinander singen? Abends sind wir erfüllt nach Hause gegangen. Und bis heute begleiten mich das Lachen und die Herzlichkeit dieser Kinder und Jugendlichen. Der Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord hat mich gelehrt: Wir gehören zusammen, auch und gerade wenn wir unterschiedlich sind.

II

Jetzt haben wir die Anschrift des Briefes. Was steht denn nun in dem Brief? Ich lese drei Sätze an den Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord: „Ich kenne dich!“ „Fürchte dich nicht!“ und „Sei treu, dann wirst du leben!“

III

Ich kenne dich! Das ist der erste Satz von Christus an den Engel der Gemeinde und an uns. Christus sieht uns. Er achtet auf uns. Er schätzt uns. Wir sind ihm lieb!

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut, sagt er. Vieles ist schwer. Für einzelne von uns: Krank sein, Abschied nehmen müssen. Im Beruf nicht die Anerkennung finden, die ich mir gewünscht habe. Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren. In meiner Familie scheitern. Aber auch als Gemeinde gibt es das: da kommt eine Gruppe an ihr Ende oder es sind nicht mehr genug Menschen da, um einen eigenen Chor zu haben. Manchmal muss eine Gemeinde von einem Menschen Abschied nehmen, der wichtig für alle war. Oder es gibt Enttäuschungen: Warum hat mich niemand besucht?

Ja, sagt Jesus Christus unserem Engel, ich kenne dich und deine Sorgen. „Aber du bist reich!“ Lass dich nicht abhalten von Gottes Zusage. Lass dich nicht verbittern. Trau der Freundlichkeit und der Gemeinschaft, trau mir und meinem Wort. Komm trotz und mit deinen Sorgen in die Gemeinde: Hier gibt es Menschen, die zuhören, die an dir interessiert sind, die sich gegenseitig stärken.

IV

„Fürchte dich nicht!“ Das ist der zweite Satz, den der Geist Gottes an die Gemeinde schreibt. Fürchte dich nicht! Mit dieser Zusage beginnt christliches Leben. Das sagt der Engel zu Maria, als sie hört, dass sie mit Jesus schwanger ist. Das sagt Jesus zu den Kranken, die verzweifelt zu ihm kommen. Das sagen wir zu den Kindern bei der Taufe: „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Fürchte dich nicht, das ist für mich die Überschrift über das christliche Leben.

Mir ist dabei dreierlei wichtig:

  1. Fürchte dich nicht, kann man sich nicht selbst sagen. Das muss ich hören. Gerade wenn ich richtig Angst habe, brauche ich eine andere, die mir das zuspricht. Manchmal laut und deutlich, manchmal nur ins Ohr geflüstert: Trau dich, geh! Damit ich weiß, ich bin nicht allein, andere teilen meinen Glauben und meine Hoffnung. Sie stärken mir den Rücken. „Fürchte dich nicht“ braucht die Gemeinschaft.
  2. Wer: „Fürchte dich nicht!“ sagt oder hört, weiß: es gibt vieles, vor dem ich mich fürchten muss. Johannes schreibt der Gemeinde in Izmir: Fürchte dich nicht – und weiß zugleich, dass gerade einige im Gefängnis sind wegen ihres Glaubens. Er kennt ihre Not, aber er weiß auch um ihre Stärke: Christus ist bei euch! Deshalb ist die Zeit der Bedrängnis begrenzt. Zehn Tage wird sie dauern, sagt Johannes. Das war schon damals nicht als genaue Zeitangabe gemeint, sondern ein Bekenntnis: nur eine kurze Zeit, dann werdet ihr gerettet und eure Not wird ein Ende haben. Darauf vertrauen wir!
  3. Und schließlich: „Fürchte dich nicht!“ macht frei und mutig. Wer getauft ist, wer diese Zusage gehört hat, hat weniger Angst, den Mund aufzumachen. Traue ich mich, wenn eine in der Klasse gemobbt wird, mich auf ihre Seite zu stellen? Oder habe ich Angst, dann selbst angegriffen zu werden? Für was stehe ich ein, für was fühlen wir uns als Gemeinde verantwortlich?

V

Schließlich heißt es in dem Brief: „Sei treu, dann wirst du leben.“ Oder wie Johannes schreibt, dann wirst du die Krone des Lebens erhalten.

Was ist treu? Gemeinden wandeln sich. Vor 40 Jahren haben wir den Schwung genossen, mit dem hier oben viele Menschen neu anfangen wollten. Alles war möglich: ein neuer Stadtteil, eine junge Gemeinde, ein Aufbruch. Seitdem hat sich viel verändert. Der Stadtteil stellt jetzt neue Fragen an die Bonhoeffer-Gemeinde. Viele, die jung nach Ziehers-Nord gezogen sind, sind inzwischen alt geworden. Was ist für sie wichtig? Andere ziehen neu hierher und wollen nun ihre Akzente setzen. Finden sie Platz unter uns? Freuen wir uns auf neue Impulse von außen? Wie bleiben wir uns in allem Wandel treu?

Für mich heißt ‚treu’ zweierlei:

1. In allem Wandel bleiben wir wechselseitig füreinander verantwortlich. Wir achten aufeinander. Wir schauen, was Not tut und was wir dazu tun können, dass das Leben in Ziehers-Nord, in Fulda und darüber hinaus gedeiht.

Und 2. Wir richten uns gemeinsam aus auf Christus. Was will er uns heute sagen?

Ich will diesen Wandel am Beispiel des Volkstrauertages erläutern: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ stand und steht auf vielen Denkmälern für die Gefallenen der Weltkriege. Treue zu Christus und Gehorsam von Soldaten galten damals als ein und dasselbe. Aber die Kirche und die Gemeinden haben sich gewandelt. Sie haben gemerkt, dass sie in die Irre gegangen sind. Heute, am Volkstrauertag 2012, gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt, aber wir fragen uns zugleich: wie sind wir Christus treu, der seine Feinde liebte.

Mit Dietrich Bonhoeffer suchen wir Wege aus der Gewalt, gerade in diesen Tagen mit seinen Kriegsschrecken in Syrien, In Israel und Palästina: „Wer von uns darf denn sagen“, fragt Bonhoeffer, „dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?“ „Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? D.h. durch die Großbanken, durch das Geld? oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dies alles aus dem einen Grund nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmermehr sichern …“

VI

Wir kennen die Anschrift auf dem Brief: an den Engel der Gemeinde. Wir haben gelesen, was darin steht: „Ich kenne dich. Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“ Nun bleibt noch die Frage: Wer ist der Absender?

Johannes, der Seher, schreibt nicht in eigenem Namen. Alles, was er sagt und tut, sagt und tut er im Namen von Jesus Christus. „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden.“

Für mich heißt das: Alles, was wir tun und reden, tun und reden wir nicht, damit wir und unsere Gemeinden engagiert oder interessant wirken. Wir verweisen auf Christus, so wie Johannes der Täufer das tut, mit dem langen Zeigefinger! Wir fragen, was Christus von uns will und was er uns verheißt. Oder um es noch einmal mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen: Es geht in der Gemeinde nicht darum, „aus sich selbst etwas zu machen“, sondern „in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben“ und „sich Gott ganz in die Arme zu werfen“.

Das ist das Überraschende am Glauben: Schaue ich von mir weg auf das Kreuz und die Auferstehung, bekomme ich Mut für die Welt. Ich sehe die Not – und behalte die Hoffnung. Ich werde gestärkt – und mache anderen Mut. Ich werde frei – und helfe anderen. Ich schaue nach vorne – und sehe, wie Christus auf mich zukommt. Mit ausgebreiteten Armen sagt er: Ich kenne dich, fürchte dich nicht, du wirst leben!

Amen.

Jochen Cornelius-Bundschuh

Predigt am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag) 2013: Selbstverständlich (Jeremia 8,4-7)

Predigt über Jeremia 8,4-7 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres 17.11.2013

Gott spricht zum Propheten Jeremia:

„So spricht der HERR: Wo ist jemand, wen er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurecht käme? Warum will denn dies Volk irregehen und beharrt auf der Abkehr? Warum hält es am Irrtum fest und weigert sich umzukehren? Ich horche hin und höre: Schlechtes reden sie. Keiner bereut sein böses Tun und sagt: ‚Was habe ich getan?!’ Jeder wendet sich ab und läuft weg, wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Selbst der Storch am Himmel kennt seine Zeiten, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Frist ein, in der sie wiederkommen sollen, aber mein Volk will von der Rechtsordnung des HERRN nichts wissen.“


Liebe Gemeinde! Es ist Abend. Ich sitze im Intercity von Halle nach Fulda und lese in meiner Bibel. Der einzige Mitreisende in meinem Abteil spricht mich an: „Ach, Sie lesen in der Bibel?“ Ich reagiere betont verwundert: „Ja, jeden Tag etwas – Sie etwa nicht?“ Er blättert im Bahnmagazin herum.

Mein Gesprächspartner will mich dazu „bekehren“, allgemein bekannte Lebensweisheiten anzuerkennen; das sehe doch jeder so. Da bekomme ich zum Beispiel zu hören, dass von nichts nichts kommt. Er scheint um meine seelische Gesundheit besorgt zu sein, falls ich nicht zustimmen würde, dass im Leben erst das Fressen komme, sodann die Moral. Fehlen dürfe nach seiner Erfahrung keinesfalls die verblüffende Einsicht, wonach jeder sich selbst der Nächste ist. Dies alles sei doch selbstverständlich! So einfach ist das. Mit meinen Worten: Ich bekam einen Crashkurs im Fach Wiedervereinigungsmaterialismus.

Mein Mitreisender versichert, er habe ja nichts gegen die Bibel, aber ich machte auf ihn den Eindruck, als wenn ich nichts anderes neben der Bibel läse und dadurch bedingt auch nichts anderes gelten lassen würde. Aber das könne man heutedoch nicht mehr so machen.

Bald wird Fulda angesagt, und wenig später steige ich aus.

Was war im Zug passiert? Unterschiedliches zum Thema: 1. Ich habe einen Anstoß bekommen, mich zu fragen: Was ist in Glaubensdingen für mich wirklich selbstverständlich? 2. Was sind im Gemeindeleben gesunde Selbstverständlichkeiten, z.B. Abendmahlsbesuch? 3. Meine Mutter ritzte, bevor sie ein frisches Brot anschnitt, ein Kreuzzeichen auf die Rückseite des eineinhalb Kilo Brotes. Sie sprach nie darüber, sie tat es einfach. 4. Ich lese gern in der Bibel. 5. Dabei suche ich jeden Tag eine kurze Zeit der Besinnung zu einem Wort aus der Bibel. 6. Das ist für mich immer etwas Besonderes zu sehen, was Gott auf ein Bittgebet hin in Bewegung setzt. Es dauert oft etwas lange. Gott ist manchmal langsam! 7. Ich kenne einige Familien, die ihre Kinder nicht nur zur Geigenstunde schicken, wo ja bekanntlich jede Stunde einiges an Honorar kostet. Sie schicken die Kinder auch zum Kindergottesdienst, obwohl die Kleinen heute vielleicht nicht so gut drauf sind. Außerdem würde ja beim Kindergottesdienst kein Honorar verfallen, wenn sie zu Hause blieben. Trotzdem gehen sie nicht nur zur Geigenstunde, sondern ganz selbstverständlich auch zum Kindergottesdienst.

Da fällt mir ein: Fragte ich vorhin eigentlich „Wo gibt es in unserem Gemeindeleben Selbstverständlichkeiten?“ Oder fragte ich:“ Wo gibt es noch Selbstverständlichkeiten?“

Wieso „noch“? Rechne etwa auch ich schon in vorauseilender Unterwürfigkeit damit, dass der Christusglaube in unserer Gesellschaft austrocknen wird? Fühlen wir uns als Rest, als Nachzügler? Viele Christen denken so. Möglicherweise auch in Fulda. Die Freude, die Kleinkinder an Ritualen haben, ist eine Sehnsucht nach religiösen Selbstverständlichkeiten. Die Eltern kennen aber keine mehr. Was antwortet aber ein Zeitgenosse auf die Frage eines Dreijährigen, was mit dem gestorbenen Opa wohl geschieht? Vielleicht versichert man dem Kleinen, dass die Naturwissenschaft daran noch arbeite. Der durchschnittliche Materialist überlässt es mitleidig lächelnd Besuchern aus Afrika, Alltägliches zu bekräftigen mit „möge Gottes Willen geschehen!“ Oder man hört bei einer Klage über den Tod eines Angehörigen, wie die Trauernden rufen „Gepriesen sei Jesus Christus!“ Alle anderen murmeln zustimmend.

Singen, beten, biblische Geschichten erarbeiten, aus einem Jesusgleichnis ein Anspiel für einen Elternabend machen – das sind Bausteine für eine selbstverständliche Spiritualität im Erwachsenenalter.

Christen in unseren Breiten wissen, dass sie nicht gleich verhaftet würden, wenn sie derlei in Deutschland praktizieren würden. Aber sie ahnen auch, dass eine unerhörte Spannung entstünde, wenn der Christ das in Wort und Tat leben würde, was für ihn selbstverständlich ist: der Gottesdienst, das Gebet – allein und in Gemeinschaft, die geistliche Lektüre, das gegenseitige Trösten und das laute Bekenntnis zu Christus. Währenddessen ist für den anderen die materialistische Deutung des Lebens derart selbstverständlich, dass er entrüstet überlegt, den Widerstand zu brechen: Widerspenstige junge Christen könnten von der Privatschule verwiesen werden, und besonders hartnäckige Fälle sollten auf Verdacht von Geistesgestörtheit untersucht werden. So wird aus den USA berichtet. Dies alles, weil für Christen Gottes Präsenz im Alltag ganz selbstverständlich wurde!

In dem hinreißend anschaulichen Predigttext lesen wir, was dem Volk Gottes selbstverständlich sein müsste: Falls jemand mal stolpert und hinfliegt, so steht er doch sofort wieder auf, und zwar gern. Ebenso falls jemand sich verlaufen hat. Und die verschiedenen Zugvögelgruppen formieren sich mit großer Klarheit zum baldigen Aufbruch gen Süden. Dies alles „wissen“ die Tiere und leben danach. An anderer Stelle im Prophetenbuch „Jeremia“ auch den heidnischen Völkern diese Instinktsicherheit zugute. Sie alle, Heiden und Tiere, praktizieren das Allernatürlichste von der Welt: Gottesdienst! Ihnen ist die Natur heilig, die wir Christen Schöpfung nennen. Gottlosigkeit ist letztlich unnatürlich.

Nur die Krone der Menschheit, das erwählte Volk, probiert es aus, wie es ist, auf Gott zu verzichten. Was Tiere und was selbst Heiden nicht fertig bringen, das schafft Gottes eigenes Volk: Es will von seinem Schöpfer nichts mehr wissen. Wir sehen Gott in ratloser Fassungslosigkeit. Es reicht nur zur Gottesklage. Wer kann Gott trösten? Ja, es ist wirklich Volkstrauertag, weil das Volk über die Machtlosigkeit Gottes trauert. Und über das eigene Versagen.

Mir steht kein Urteil zu, wie es mit Gottes unverbrüchlicher erster Liebe heute steht, mit dem Volk Israel. Der Profet Jeremia kam zu dem Ergebnis: Dem Volk Gottes ist nicht mehr zu helfen. Da könnte Gott lange warten, bis sich das Volk besinnt. Werden womöglich auch die Christen, werden auch wir – , Gottes neue Liebe,  – in unserem Alltag auf Gott verzichten?

Liebe Mitchristen! Es wäre wohl ganz im Sinn des Profeten Jeremia, wenn ich seine resignierte Klage eins zu eins auf uns übertragen würde. Ich habe mich entschlossen: Da mache ich nicht mit! Aber auch wenn wir uns nicht ändern könnten – , so verkündigen wir dennoch, dass Gott selber sich ändert. Ich begreife das Auftreten von Jesus Christus als den entscheidenden großen Gesinnungswandel Gottes. Ein Zeichen dieses Gesinnungswandels wurde für mich, wie der Engel bei den Hirten in der Heiligen Nacht erschien. Er ruft „Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch eine große Freude: Heute ist für euch der Retter geboren!“ Die Botschaft vom Kreuzestod Christi und von seiner Auferstehung sprach sich in Windeseile in Europa herum. Unseren Vorfahren war diese Botschaft sehr plausibel. Es wurde für jeden ganz natürlich und sinnvoll,  kurz: es wurde selbstverständlich, sich taufen zu lassen.

Diese Zeiten sind zwar vorbei. Wir müssen uns als Christen stattdessen darauf einstellen, erstens wenige zu werden, und zweitens sehr verstreut zu leben. Unser Glaube ist angefochten. Täglich mindestens einmal wird unser selbstverständlicher Glaube durch den alltäglichen Materialismus in Frage gestellt. Paulus zahlt zurück. Er ist so eine Art christlicher Jeremia. Er übergießt die damaligen Atheisten und Materialisten mit beißender Ironie. Er schreibt, sie lebten nach der Melodie „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ (1.Kor 15,32). Er will sagen: Das ist doch kein Leben! Jeder kann sich fragen: was lebe ich eigentlich? Nur essen und trinken? Das hat wenig Sinn!

Ich gehe mit einem Besucher in die Klosterkirche Germerode am Hohen Meißner. Sie steht seit 1165 unverändert. Mit diesem Beharrungsvermögen seit fast 900 Jahren alle Morgen neu rechnen zu können, ist eine massive Gewissheit. Ich spüre die Kraft der Steine, als bezeugten sie mir: „Auf IHN, auf Christus kannst du dich verlassen!“. Aber gleichzeitig spüre ich, wie Christus heute umstritten ist wie seit dem Ostermorgen noch nie. Das heißt doch: Bei Christus ist eigentlich nichts mehr selbstverständlich. Aber dafür ist bei IHM alles neu: seine Armut, seine wunderbaren Heilungen, seine Nächstenliebe und vor allem sein Tod am Kreuz. Er sprang ein an dem, was eigentlich uns betraf. Zum Beispiel: Er nahm unser resigniertes Klagen auf sich, damit wir mit Siegesgewissheit in die Zukunft blicken können. Christus ist im Kommen und nicht im Gehen.

Es ist einerseits grenzenlos dumm, Gott, den Schöpfer einen alten Mann sein zu lassen und nur an Essen und Trinken zu denken. Und es ist gleichzeitig eine gute Entscheidung, sich als Christ zu bekennen. Auch im frommen Fulda. Ich werde also wieder im Intercity in der Bibel lesen. Mal sehen, was mir nächstes Mal passiert! Amen.