2. Sonntag nach Epiphanias 2019: Antike Tugend-Tabellen gegen geistliche Intuition (Röm 12,9-16)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen. 

Mit Kindern und Jugendlichen muss man manchmal korrektes Verhalten einüben. Was für Erwachsene normalerweise ganz normal ist, muss bei Schulklassen, Konfirmandengruppen extra angesprochen sein. Neulich zum Beispiel bin ich mit zwei achten Klassen in die katholische Kirche St. Paulus gegangen. Da war die Frage vor der Eingangstür: „Wie verhält man sich in einer katholischen Kirche?“ Und die Antworten kamen sehr schnell: nicht rennen, leise sein, keine Gegenstände anfassen, den Altarraum nicht betreten, nicht schreien.

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Epiphanias 2014: Predigt zur Jahreslosung Ps 73,28: Gott nahe zu sein ist mein Glück

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

  1. Das große Weihnachtsquiz und die Entzauberung der Welt

Liebe Gemiende!

Eine meiner Lieblingsquizfragen beim „Großen Weihnachtsquiz“, das ich gern mit Konfirmanden, Schülern, aber auch unserm Seniorenkreis in der Advents- und Weihnachtszeit spiele, lautet so:

Wieviele Könige brachten gemäß der Bibel  dem Christkind Geschenke: 2, 3, 4 oder gar keiner. Meistens ist die Antwort schnell gegeben. Weiß es einer von euch?

Die meisten von Euch werden gedacht haben: Na das waren doch drei. Drei heilige Könige aus dem Morgenland. Caspar, Melchior, Balthasar. Doch Pustekuchen: Die richtige Antwort lautet: Keiner. Denn es waren gar keine Könige. Es waren Weise, oder noch genauer: Magier, Astrologen aus dem Osten. Und sie gingen auch nicht zum Stall, sondern zum Haus der Maria. Und die Zahl ist ebenfalls nicht bestimmt. Da steht: Es kamen Weise. Also: mehrere. Gut, sie brachten drei Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und daraufhin nahmen viele bereits im 2. Jahrhundert nach Christus an, dass es auch drei Weise sein mussten.

Wäre ja auch peinlich, zum Christkind so ganz ohne Geschenk zu kommen. (Weswegen den Hirten in unseren Krippenspielen ebenfalls noch rasch ein paar Geschenke angedichtet werden).

Und da die Geschenke doch recht teuer waren, und im Orient sich die Magier und Astrologen gern als Priester-Könige bezeichneten, entwickelten sich der Legende nach die drei Könige heraus, deren Namen wir wissen und deren Gebeine im Altar des Kölner Doms seit dem Jahr 1164 vereehrt werden können.

So, meine Lieben, entstehen Legenden, die die Herzen der Menschen berühren.

Doch ob uns etwas berührt oder nicht, sollte – wenn es um so etwas Gewichtiges geht wie unseren Glauben, das ist immerhin unser Weltbild – sich messen lassen mit der Wahrheit. Die Wahrheit wird wohl sein, dass die gesamte Geschichte der Weisen aus dem Morgenland eine Legende ist, die der Evangelist Matthäus erzählt, um die Einzigartigkeit von Jesus herauszustellen. Dass ein Stern gekommen sei extra für das Christkind. Dass dieser Stern jemanden leiten könne.

Übrigens ist es ganz interessant, dass gerade die Bibel mit dieser Geschichte Anleihen macht bei der Astrologie! Wird diese doch bereits in der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 völlig ad absurdum geführt, wenn es heißt: Gott „machte Lichter an die Feste des Himmels“, Sonne, Mond und Sterne. Und Gott sah, dass es gut war. Sterne haben nicht die Angewohnheit, über Häusern stehen zu bleiben. Aber Menschen haben die Angewohnheit, eine unglaubliche Phantasie zu entwickeln, wenn es darum geht, besondere Personen besonders herauszustellen.

Und so wird es wohl auch mit der Geschichte von den Heiligen Drei Königen sein. Eine Geschichte, die uns den Weg weisen soll zu Christus. Deren Ursprünge und historische Wahrheit jedoch völlig im Dunkeln liegen.

Wenn wir also der Wahrheit auf die Spur kommen wollen, müssen wir soweit zurück fragen, wie es uns möglich ist. Und können dann manche Überraschung erleben. Bis dahin, dass man zugeben muss: Wir wissen nicht, wie es sich tatsächlich zugetragen hat.


2. Die Jahreslosung 2014

Eine Überraschung kann man auch erleben, wenn man die diesjährige Jahreslosung genauer anschaut. Es ist ein wenig wie bei den drei Königen. Plötzlich verschwindet der schöne Satz und eine tiefere Wahrheit kommt ans Licht:

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“, steht da im 73. Psalm im 28. Vers als Losung des Jahres 2014.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ hat mich erst einmal angesprochen. Eine richtig schöne Jahreslosung. Bloß: Im hebräischen Urtext steht da etwas ganz anderes. Allein die katholische (oder ökumenische) Einheitsübersetzung bietet diesen wunderschönen Satz. Die Lutherübersetzung liest die Losung folgendermaßen: Psalm 73:28  „Aber das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte.“

Klingt ganz anders, ist aber auch nicht korrekt. In beiden Fällen hat man den Eindruck, dass wir Menschen es sind, die Einfluss darauf hätten, dass wir Gott nahe sind oder wir uns zu Gott halten sollen. Und in beiden Übersetzungen schwingt ein wenig eine Aufforderung mit. In der Jahreslosung: wenn du Gott nicht nahe bist, dann könnte es doch gut sein, dass du nicht glücklich bist. Oder im Luthertext: Keine Freude erlebst.

Es ist das alte „Wenn-Dann-Schema“, das uns in die Irre führt: von Gott weg, hin zu uns selbst – und am Ende machen wir uns unseren Gott so, wie er uns gefällt.

Im Urtext lesen wir: „Und mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

Das Wort „Glück“ finden wir nicht in der ganzen Bibel ein einziges Mal. Und dass wir in irgendeiner Weise etwas dafür tun können, ist in diesem Wort völlig ausgeschlossen.

3. Mir kommt Gott nahe!

Wir wollen so gerne selber etwas machen, damit wir Gott erleben, erfahren, durchdenken können. Manch einer meint, wenn er durch den Wald geht, spürt er Gottes Nähe. Kann sein, dass das so ist. Kann aber auch sein, dass er einfach Wälder so gern mag, dass ihm dass wie das höchste Glück auf Erden vorkommt.

Manch einer meint, nur durch bestimmte Handlungen könne er Gott erfahren, etwas im Fasten, Pilgern, Beten. Klar: Eine Auseinandersetzung mit Gott kann nicht verkehrt sein. Es ist sogar gut, zu versuchen, Gottes Nähe bewusst anzunehmen. Wir müssen uns dabei aber ein wenig in die richtige Relation setzen: Wie wahrscheinlich ist es denn, wohl, dass wir Gott nahen können, wenn er das nicht will?

Versucht mal, einen Termin bei der Kanzlerin zu bekommen, ach was sage ich: Beim Fuldaer Oberbürgermeister! Das geht genau dann, wenn er oder sie das möchte – wenn man mal von Zufallsbegegnungen absieht. Wenn wir das Verhältnis Gottes zum Menschen anschauen, dann ist da doch noch ein größerer Abstand als zwischen mir und Frau Merkel.

Der Abstand ist sogar so unglaublich groß, dass ich persönlich es als gotteslästerlich betrachte, wen einer sagt, dass man selber Gott nahen will und das auch kann. Es ist doch hier ganz umgekehrt: Epiphanias, Erscheinung, Offenbarung: Das alles geht allein von Gott aus. Er hat uns Jesus Christus geschickt, damit wir den direkten Draht zu ihm bekommen. Allein durch Christus haben wir ihn immer bei uns. Er ist also bereits da. Man kann sich ihm nicht nahen! Gott erscheint, so wie er es will – und nicht so, wie wir es uns wünschen oder wollen.

Das durchzieht sich durch die ganze Bibel. Moses fürchtete sich vor der Gottesbegegnung und wurde dann doch zum Anführer der verfolgten Israeliten in Ägypten durch die Wüste. Des Propheten Jonas Gottesbegegnung endete im Magen eines großen Fisches. Levi der Zöllner rechnete weder mit freundlichen Menschen- geschweige denn mit einer Gottesbegegnung – und er wurde zum Jünger Jesu durch bloße Aufforderung.

Und immer da, wo Gott beschworen wird, gezwungen wird, menschengemacht werden soll, (auch das ist auffällig), geht das entweder schief oder mit dem Tod einher: Die Geisterbeschwörung von En-Dor endet mit König Sauls Tod, der Wettlauf um den richtigen Glauben zwischen Elias und den Baalspriestern endet mit dem Tod aller Baalspriester.

Gott lässt sich nicht zwingen. Gott kommt zu uns, so wie er will. Ist er erst einmal da, ist er nicht greifbar. Wir bekommen ihn nicht zu fassen. Allein durch Jesus Christuskönnen wir überhaupt etwas sagen, das etwas mehr ist als die große Spekulation. Allein vermittelt durch die Heilige Schrift können wir begreifen, was diese Erscheinungsweise Gottes als Jesus zwischen Krippe und Kreuz für uns bedeutet. Und allein durch den Glauben sind wir Menschen in der Lage, überhaupt erst von Gottesbegegnung zu sprechen!

„Und mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

4. Das ist für mich gut!

Jetzt will ich euch mal etwas fragen: Wer von euch ist glücklich? Irgendjemand? Nur zu! Arme hoch, es ist bloß der Test dieser Gemeinde! Ich fange mal an: Ich halte mich für einen glücklichen Menschen! Doch so viele?!

Das Wort Glück ist eine neuzeitliche Erfindung. Es hat es schlechterdings nicht gegeben in der Bedeutung, wie wir es heute verwenden: umfassende  Zufriedenheit. Damals hatte es allein die Bedeutung von „gutes Schicksal“, „positive Bestimmung“. Glück war damals mehr „Glück in der Lotterie“ als das Glück der Lebensfreude.

Das Glück unserer Tage ist doch mehr bestimmt als „Happiness“, „Frohsein“, diese Dinge. „Ich bin glücklich“, heißt bei uns nicht: Ich habe Glück gehabt, also etwa: Im Lotto gewonnen, die OP überstanden, sondern es heißt: „Mir geht es so richtig gut.“

Im Altertum hätte man da wohl eher den Begriff der Seligkeit verwendet, der dann wiederum Angelegenheit Gottes ist. Jesus sagt: „Selig sind, die da geistlich arm sind“ usw. Oder man hätte näher spezifizieren müssen, worin es einem denn „so richtig gut geht“. Erst die Neuzeit verwendet den Begriff so, wie wir es zu tun pflegen.

Im hebräischen Urtext bekommen wir es dann auch mit dem Wort „tov“ zu tun. Ihr kennt das Wort vielleicht aus dem jiddischen Begriff: Massel tov! Was so viel bedeutet wie: „Gutes Gelingen!“ Und wenn man dann etwas  vermasselt hat, dann ist etwas nicht gelungen.

Tov ist also gemäß der Jahreslosung das, was mit mir eine Gottesbegegnung macht. Gut. Gott ist für mich gut. Gott tut mir gut.

Wichtig ist anzumerken: Das Wort kommt in der Schöpfungsgeschichte vor. 7 mal. Nach jedem Werk heißt es: Und Gott sah, dass es gut – tov – war. Wenn also die Jahreslosung dieses Wort verwendet, dann kommen wir der schöpfungsmäßigen Bestimmung des Menschen auf die Spur: Es ist gut für uns Menschen, wenn wir als Gottes Geschöpfe in der Welt leben. Wenn das Getrenntsein von Gott aufgelöst ist und er uns ganz nahe ist.

Warum ist es also gut, dass Gott mir nahe ist? Weil es von Anfang an Gottes Plan mit der Welt war. Weil der Mensch ohne Gott nur ein Klumpen Erde, ein Klumpen Adam ist. Und wir nur mit Gott zu einer lebendigen Seele werden.

„Mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

Es mag exegetisch nicht sauber sein, aber: Dass das so ist, mit Gott und uns – gestern – heute – und in Ewigkeit: Das ist unser wirklich aller Glück.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Glück der Welt, bewahrte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

1. Sonntag nach Epiphanias 2012 – Vom Schneider und vom Ruhm Gottes

Predigt zu 1 Kor 1,26-31:

Vom Schneider und Ruhm Gottes

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

der die Welt erleuchtet,

sei mit euch allen.

  1. Tapferer Schneider

Liebe Gemeinde,

ich habe einen Schneider in der Leipziger Straße. Der Schneider ist türkischer Abstammung, man hört es noch gerade so an seinem Akzent. Und mit türkischer Abstammung ist er natürlich ein Moslem.

Als ich letzte Woche meinen defekten Rucksack abgeholt habe, fragte er mich, was ich denn eigentlich beruflich mache.

Ich erzählte ihm, dass ich evangelischer Pfarrer sei hier in Fulda Ziehers-Nord.


Wir kamen ins Gespräch.

Viele Pfarrer seien bei ihm Kunden, meinte er. Und ich setzte nach: bestimmt alles Katholische.

Ja, das sei wohl so, meinte er dazu, aber er kenne den Unterscheid kaum, außer dass ich wohl ein Kind und eine Frau haben dürfte, meine katholischen Kollegen aber nicht.

Ich musste lachen. So ist das.

Dann wurde er auf einmal ganz ernst und guckte mich fest an: „Die Deutschen haben alle keinen Glauben“, stieß er hervor.

Da seien viele zwar noch Kirchenmitglieder, aber glauben würden die Menschen nicht.

Er erzählte von seinen Nachbarn, denen er immer wieder nahelegte, die Kirche am Sonntagmorgen zu besuchen.

„Wenn man schon selbst nichts davon versteht, dann doch wenigstens für die Kinder, die den Glauben wenigstens kennenlernen sollten, wenn das schon bei den Erwachsenen versäumt wurde.“

Dann musste er lachen: „Stellen Sie sich das nur vor: Ich bin am Freitag vor Weihnachten aus der Moschee vom Gebet gekommen und habe meinen Nachbarn gesagt: ‚Geht wenigstens Weihnachten in irgendeine Kirche! Es stehen hier doch so viele herum, der Weg ist kürzer als zur Moschee.‘ Er, der Moslem, versucht Menschen dazu zu bringen, in die Kirche zu gehen.“

Wir unterhielten uns weiter.

Ich erzählte ihm, dass nicht alles so schlecht sei, dass mir ganz viele Menschen begegnen, die fest an Gott glauben und die ihr Leben nach ihm ausrichten.

Nur ist dieser Glaube eben nicht so ohne weiteres sichtbar. Kirchen stehen in Fulda viele herum – aber Glauben findet im Herzen statt.

Ich konnte ihn nicht überzeugen.

Die Kirchen in Deutschland seien ihm zu leer. Es gibt so viele Menschen – wo sind die denn alle, wenn Gottesdienst ist? Wer an Gott glaubt, der freut sich doch daran, der lebt das so, dass er das immer wieder zum Ausdruck bringen will. Und zwar so, dass er dies an einem Ort tut, wo andere ganz genauso denken. Dazu seien die Kirchengebäude doch da, oder?

Ich gab ihm recht. Die Kirchen sind immer zu leer. Plätze sind immer noch frei. Sogar im kleinen Bonhoefferhaus. Außer beim Krippenspiel und zur Konfirmation.

„Aber da kommen die Leute ja gar nicht wegen Gott“, entgegnete er rasch. „Da kommen die Leute, weil sie sich über ihre Kinder, Enkel und Freunde freuen. Die glauben trotzdem nicht.“

Ich bekräftigte noch einmal meinen Eindruck, dass es auch in Fulda unter den Deutschen sehr viele echte Christen mit echtem Glauben gebe, und verabschiedete mich mit dem reparierten Rucksack in Händen.

Eines aus dem Gespräch blieb bei mir besonders hängen: Ein Moslem versucht, Menschen zum Glauben zu bringen. Zum Glauben an egal welchen Gott – ob nun Allah oder Jesus – es spielte für ihn überhaupt keine Rolle.

Hauptsache glauben – und diesen Glauben dann auch nach außen tragen!

2. Predigttext

In eine ähnliche Richtung zielt unser heutiger Predigttext aus dem Ersten Brief des Paulus an die Korinther im 1. Kapitel:

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

3. Der katholische Priesteranwärter und der Pietismus

Liebe Gemeinde,

„Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“

Wir sollen uns nicht verstecken mit unserem Glauben.

Wir sollen unseren Glauben nicht nur im Herzen haben. Wenn der eigene Glaube sich nur in der Innerlichkeit verkriecht, dann verkümmert er.

Das ist wohl das, was mein muslimischer Schneider in der Bevölkerung wahrnimmt und wo gegen er angeht.

Verändern wir einmal den Blickwinkel und gehen aus der Schneiderwerkstatt zu einem klassischen Feld der kirchengemeindlichen Arbeit: Auch aus dieser Woche!

Beim Hausabendmahl bei einem sehr alten und schwerkranken Ehepaar sehe ich mich plötzlich einem katholischen Priesteranwärter am Kaffeetisch gegenüber sitzen, der gerade sein Theologiestudium aufgenommen hat.
Er wollte wissen, was denn mit „evangelischem Pietismus“ gemeint sei.

Die liebe Frau aus unserer Gemeinde, die mich begleitet hat, um mir beim Abendmahl zu helfen, erklärte es ihm:

Eine besondere Form des evangelischen Glaubens, der auf der einen Seite ganz in die Innerlichkeit gerichtet ist, auf der anderen Seite aber auch ganz klar nach außen hin die eigene Frömmigkeit betont.

Pietisten sagen eher schon einmal Dinge über ihren eigenen Glauben, die sich mancher normale Christ nicht zu sagen getraut oder sogar verkneift.

Etwa Sätze wie: „Das machen wir, wenn Gott will und wir leben!“ oder auch: „Mit Jesus im Herzen schaffen wir das!“

Rasch ging das Gespräch dann in die Richtung, dass wir „normalen“ Protestanten oft ganz verkopft sind und unsere Frömmigkeit nicht so recht ans Herz lassen würden.

Und wenn wir das dann doch einmal täten, würden wir dafür keine Worte finden – vielleicht weil diese Worte uns dann als zu unvernünftig erscheinen.

Das sei ja auch so in Ordnung;

und ich nickte dem Studenten der katholischen Theologie am Kaffeetisch freundlich zu.

Ja, liebe Gemeinde, das ist schon so in Ordnung.

Und doch habe ich den Eindruck, dass ein bisschen mehr „Ruhm Gottes“ uns Protestanten gut zu Gesicht stehen würde.

Im Grunde verhalten wir uns nämlich genau so, wie es der Apostel Paulus für die Gemeinde von Korinth nicht haben will.

Wir rühmen uns unserer eigenen tollen Sachen, die wir anpacken, schon mal viel eher. Für die Bonhoeffergemeinde klingt das dann so:

„Das war ein schöner Filmabend hier bei uns im Hause, das haben wir gut gemacht!“

„Mensch, 165.000,-€ für die neue Orgel haben wir schon, was sind wir fleißige Sammler.“

„Ja, unsere  Gruppen wachsen momentan immer weiter, teilweise haben wir hier im Bonhoefferhaus vier Veranstaltungen gleichzeitig.“

„Das ist ja schon eine besondere Gemeinde, die Bonhoeffergemeinde!“

(auf die eigene Schulter klopfen)

Stimmt alles.

Und ich bin davon auch tatsächlich begeistert und auch überzeugt.

Und erzähle das auch gern weiter.

Ist wohl auch Teil meiner Aufgabe.

Aber eines darf ich, dürfen wir dabei nicht vergessen: Warum wir das alles machen: Doch wohl zum Ruhme Gottes, oder nicht?

Weil wir in unsrem Herzen glauben, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, der für uns die Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung ist.

4. Das Christentum als Religion der kleinen Leute?

Oder nicht? Gehören wir eher zu dem, was ein Ausleger dieses Predigttextes schon 1975 geschrieben hat?

„Christentum ist die Religion kleiner Leute.“ … Unsere eigenen Gebildeten möchten wohl für Jesu Leiden und Sterben Achtung aufbringen, aber an seine Auferweckung von den Toten zu glauben sei „Torheit“. Dennoch meinte man: „Die Religion muss dem Volk erhalten bleiben.“ Das war im Grunde die Situation um 1910. Die christlichen Kirchen schrumpfende Mittelstandskirchen: unzählige Proletarier überzeugte Atheisten, viele Gebildete bestenfalls Pantheisten, zwischen beiden der nach Bildung strebende Mittelstand, dessen Nachwuchs mehr und mehr aus der Kirche hinauskonfirmiert wurde, um aus Naturwissenschaft oder Philosophie seine Weltanschauung zu beziehen. Solange aber die „Obrigkeit“ aus christlichen Fürsten bestand, solange christliche Geistliche Schulaufsicht übten, die Soldaten in Gottesdienste geführt wurden und selbst die humanistischen Gymnasien zu Beginn jeder Woche christliche Andachten abhielten, war unser Volk offiziell ein christliches Volk.

Seit diese Illusion durch zwei Weltkriege und eine Revolution zerstört worden ist, Religionsausübung als Privatsache angesehen wird und in allen öffentlichen politischen Kundgebungen nicht mehr in Erscheinung tritt, gerade weil Christen wie Nichtchristen als verantwortungsbewusste Staatsbürger ihre humanistischen Ziele gemeinsam bekunden – sind wir als die „aus Gott in Christus Jesus erwählten“ nach mehr als 1000 Jahren wieder in die Situation der ersten Christen versetzt worden und lernen wieder sehen, dass Paulus jene drei Begriffe Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung zur Vertiefung und Vervollständigung dessen hinzugefügt hat, was die göttliche Weisheit mit ihrem uneinsichtigen Kosmos (als der denkenden Menschheit auf verschiedensten Stufen der Kultur) erreichen will.“[1]

Also: Wenn wir nicht anfangen, wieder mehr und öffentlich Gott zu loben: Wie soll denn da die schöne Nachricht von Jesus in die Köpfe der Menschen gelangen, die Gott längst vergessen haben?

Eine Obrigkeit, die dafür sorgt, dass die Menschen hübsch am Gottesdienst teilnehmen, die gibt es ja zum Glück nicht mehr.

Jetzt sind die Christen jeder für sich und als Kirchengemeinden mehr denn je gefordert, Zeugnis von ihrem Glauben abzulegen.

Was wäre wohl aus dem Christentum geworden, wenn die Korinther und Paulus und alle anderen nur gesagt hätten:

„Was ich glaube ist meine Sache. Bitte behaltet auch ihr euers für euch.“

Ne Weltreligion wäre jedenfalls nicht daraus entstanden!

5. Religion in orange (Gott 5.0) : Mit Rudolf Bultmann auf der Entmythologisierungsbahn

Wir sollten wieder viel mehr Gott rühmen.

Nicht nur heimlich und still.

Ob da aber der Weg meines Schneiders oder die Herzensfrömmigkeit des Pietismus der richtige ist, das weiß ich nicht.

Der ist ja nun mittlerweile auch um die 400 Jahre alt  (also der Pietismus, nicht der Schneider!).

Und Kopfmenschen sind wir irgendwo doch alle.

Da hat die Dame vom Kaffeetisch auf jeden Fall recht.

Wir müssen wohl wieder neu lernen, so von Gott zu sprechen, dass unser Verstand und unsere Vernunft uns dabei nicht auslachen.

Oder wie es einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, Rudolf Bultmann, formuliert hat:

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“[2]

Liebe Gemeinde, dieses Bild vom Gott „da oben“ und wir „hier unten“ ist doch längst erledigt.

Das kann kein klar denkender Mensch mehr so glauben ohne sich mit lauter gedanklichen Tricks selbst zu überlisten.

Aber dennoch – oder vielleicht nun sogar noch mehr! – können wir an Gott glauben und ihn rühmen.

Wenn all der Wunderglaube und all diese irrealen antiken Vorstellungen nun über Bord geworfen werden müssen, damit wir unseren eigenen Verstand nicht opfern, dann bleibt doch viel mehr Raum für das Entscheidende an Gott.

Und dieses Entscheidende ist das, was sich uns offenbart hat:

Nämlich Jesus Christus.

Der Glaube an ihn als der Erscheinungsform Gottes, die uns Menschen wegen seines Menschseins am nächsten steht, benötigt doch all die Wunder und Mythen nicht.

Es genügt ein einziges, an dem festzuhalten ist: Jesus ist Mensch geworden, ist gestorben und ist auferweckt worden von den Toten.

Oder um es im Anschluss an Paulus ein wenig philosophischer auszudrücken:

Gott hat das, was nichtig ist, auserwählt, damit das, was ist, außer Kraft gesetzt werde.

Er ist derjenige, der das Nichtseiende ins Sein ruft.

Er macht sich klein bis zum Nichts-Sein.

Das ist der Tod.

Und den überwindet er.

Und holt das Leben da hinein, wo kein Leben mehr war.

Aber ist das jetzt nicht auch wieder ein Mythos?

Einer, der auferstanden ist?

In seiner einfach verstandenen Form auf jeden Fall.

Da ist es genauso ein Mythos wie etwa die Wiedergeburt von Isis und Osiris in der Religion der Alten Ägypter oder der Weihnachtsmann.

Aber wenn wir das, was da bei und mit Jesus geschehen ist, als eine geschichtliche Tatsache begreifen, dann wird aus dem mythischen Bild ein kosmisches Ereignis.

Da geht es dann nicht mehr darum, einen alten Mythos zu sezieren, sich darüber zu verwundern und dann hinter sich zu lassen, sondern da geht es: um das Ganze der Welt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Wiedergeburt von Isis und Osiris gehen dich nichts an, da sie ins Reich des Mythos gehören. Und der Weihnachtsmann ebenso.

Die Auferstehung Jesu Christi ist aber Dreh- und Wendepunkt Deiner persönlichen eigenen Geschichte in dieser Welt hier und heute.

Diese ist derartig entscheidend, dass es höchste Zeit ist, dass wir uns wieder mal öfters darauf besinnen, Gott etwas lauter zu rühmen.

Es hängen ja nur so Dinge daran wie das ewige Leben, ein Leben ohne Ängste, ein Leben, das sich bei Gott selbst aufgehoben weiß.

Darum: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“

Wie?

Zum Beispiel, indem ihr anfangt, ein wenig lauter euren eigenen Glauben zu bekennen.

Indem ihr, wenn ihr mir zustimmt, laut ein Amen zurückruft nach der Predigt.

Indem ihr frisch Getauften euch dem christlichen Glauben stellt – mit dem Wort der Bibel, mit Gottesdiensten, im Gebet, im Austausch mit anderen.

Und freilich auch indem ihr alle Religion nicht zur Privatsache werden lasst, sondern wie mein tapferer Schneider die Menschen immer wieder darauf aufmerksam macht, dass es das Leben selbst ist, das schöner und besser wird für den, der glaubt.

Amen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

1. Sonntag nach Epiphanias 2011 – Zur Heiligung des Sonntags

Predigt zu Mt 4,12-17

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

der die Welt erleuchtet,

sei mit euch allen.

Der Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach dem Erscheinungsfest steht im MtEv im 4. Kapitel. Es ist der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa

12 Als nun Jesus hörte, daß Johannes gefangengesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.

13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali,

14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):

15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa,

16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen:

„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“

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2. Sonntag nach Epiphanias 2011: Die Rücklichter Gottes

Predigt Ex 33,17b-23

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

der die Welt erleuchtet,

sei mit euch allen.

P3 am 2. Sonntag nach Epiphanias (16.1.2011)

2. Mose 33,17b-23:


17 Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn  du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und b ich kenne dich mit Namen.

18 Und Mose sprach: Laß mich deine Herrlichkeit sehen!

19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.

23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

  1. Nur die Rücklichter sehen: Aufbegehren

Liebe Gemeinde,

ein Kommilitone aus Studententagen von mir, der einige Semester mehr studiert hatte als ich, der erzählte mir zu Beginn meines Studiums ausholend und gespickt mit vielen Fremdwörtern vom Wesen Gottes und anderen schlauen Dingen.

Als er merkte, dass ich ihm nicht mehr folgen konnte und nichts mehr verstand, und seine immer weiterführenden Erklärungen auch nichts nutzten, da fing er an zu lachen und sagte: „Jetzt siehst du von mir wohl nur noch die Rücklichter! Keine Sorge, da kommst Du auch noch hin. Ich bin eben schon viel weiter als du.“

Dass diese Anekdote für eine längere Freundschaft nicht unbedingt die beste Voraussetzung war, das könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Wer will schon hören, dass man nicht in der Lage sei, Dinge zu begreifen. Wer will schon hören, dass man – egal was man tut – immer nur die Rücklichter des Gegenübers wahrnehmen kann.

Dann soll doch das Gegenüber bitteschön so freundlich sein und die Dinge leichter, einfacher erklären.

Damals hatte ich mich darüber wirklich geärgert, heute weiß ich, dass es Situationen gibt, wo es sich genau so verhält.

In manchen Bereichen des Lebens und des Wissens kommt man einfach nicht weiter, da einem zu viele Grundlagen fehlen. Bei mir ist das heute so gut wie alles, was mit Chemie zu tun hat. Da könnte sich der wohlmeinendste Lehrer mit mir auseinander setzen, über einige Allgemeinplätze käme er mit mir wohl nicht hinaus.

Ein hoffnungsloser Fall!

  1. Der Mensch: Ein hoffnungsloser Fall

Der Predigttext am heutigen Morgen führt uns einen ebenso hoffnungslosen Fall vor Augen.

Moses, der Prophet, der Richter, der Heerführer, der Wundertäter, der Gesetzgeber, der Mann Gottes.

Dieser laut biblischem Bericht wirklich auf vielen Gebieten beschlagene Mann Moses wünscht, die „Herrlichkeit Gottes“ zu sehen.

Ich gebe zu: Ich kann nur einfallen in den Wunsch von Moses. Die Herrlichkeit Gottes zu erblicken, direkt von Gott zu Mensch kommunizieren, das würde ich auf jeden Fall auch gerne mal. Ein großer Anspruch, den da der Moses äußert: „Gott, lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Ich unterstelle mal einigen unter uns, dass sich viele da genauso einreihen können wie ich es tue.

Endlich einmal Gott sehen können. Das, was man so viele Jahre geglaubt hat, endlich zu erblicken, mit beiden Augen – und damit endlich auch alle Zweifel beseitigt zu haben.

„Ich habe Gott gesehen“, könnte man dann sagen. „Jetzt glaube und vertraue ich ihm nicht allein, sondern jetzt weiß ich endlich, dass er da ist.“

Und trotz all unsere Zustimmung für Moses führt uns diese Geschichte letztendlich vor Augen, was für ein hoffnungsloser Fall Moses doch ist – und mit ihm wir Menschen.

  1. Moses im Kontext

Es ist schon verblüffend. Da befinden sich die Israeliten am Berg Sinai, und Moses begibt sich immer wieder auf den Berg, um mit Gott zu sprechen. An einem dieser Tage kommt er hinab mit den 10 Geboten, und siehe da: Die Israeliten haben sich einen Gott aus Gold gemacht, den sie sehen können. Moses schmeißt vor Wut die Gesetzestafeln hin dass sie zerbrechen und lässt das Götzenbild zerstören. Da führt Gott das Volk all die Wochen und Tage durch die Wüste in Form einer Wolke, in Form einer Feuersäule, es kommt zu gewaltigen Erscheinungsformen Gottes am Berg, man kann seine Stimme hören – und die Israeliten machen sich einen Gott den man sehen und anfassen kann.

Moses verurteilt das. Gott will sich nicht ganz und gar zeigen, schon gar nicht als leblose Statue.

Doch genau dieser Wunsch treibt auch Moses an, als er Gott bittet, ihm doch „seine Herrlichkeit“ zu zeigen.

Moses wünscht sich ebenfalls einen handhabbaren Gott. Einen, der nicht ganz so unberechenbar ist, einen, wo man draufschauen kann und dann sagt: Da ist er. Das ist Gott. So wie ihr auf den Stuhl, auf dem ihr sitzt zeigen könnt und sagt: Der steht hier und ich sitze drauf!

Genau der – freilich indirekte – Wunsch nach dem Götzenbild treibt Moses an, Gott zu fragen.

Zeig dich mir einmal. Einmal. Dann aber richtig. Und dann hab ich Ruhe.

  1. Der gnädige Gott weicht dem Anspruch des Menschen aus

Anders als mein Studienkollege mit gegenüber weicht Gott dem Moses in unserem Predigttext aus.

Man könnte fast sagen: Gott ist zu höflich, Moses direkt zu sagen: „Bei mir kannst du ohnehin nur die Rücklichter sehen. Wer von euch Menschen mehr sieht, der kann mehr nicht mehr leben.“

Gott ist höflich.

Das ist nun etwas, was ich beim alttestamentlichen Gott Jahwe überhaupt nicht erwartet hätte,

verhält der sich doch gerade im AT wie ein rechter Pascha-Gott, wie ihn sich nur durch und durch patriarchale Gesellschaften sich haben ausmalen können.

Er sagt zu Moses: Ich werde vor dir all meine Güte vorübergehen lassen – man kann es auch übersetzen: Ich werde an dir „meine unermessliche Schönheit“ vorbeigehen lassen.

Also: Gott macht ein Zugeständnis und ist bereit, ihm eine seiner Eigenschaften zu zeigen: Seine Güte, vielleicht auch seine unermessliche Schönheit, je nachdem man es auslegt: Ich kann mir Schönheit vor Augen eher vorstellen als Güte.

Und zusätzlich nennt er ihm wieder seinen wahren Namen: Gott heißt mit wahrem Namen im Alten Testament Jahwe, das wir gewöhnlich mit der „Herr“ übersetzen.

Und er schiebt gleich noch eine Deutung dieses Namens hinterher: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Und erst nach diesem freundlichen Zugeständnis wird er deutlicher – man merkt: Gott weiß genau: Das reicht dem Moses alles nicht. Das reicht den Menschen nicht. Denen reichte ja selbst Feuersäule, Wolke und geteiltres Meer nicht aus.

Die wollen mehr. Die wollen Gott zum anfassen haben.

Damit sie ihn, wenn er unangenehm wird, schnell in den Schrank stellen können und zu machen. Oder ihn in die Hosentasche stecken können. Dann ist er ungefährlich.

Nachdem also Gott eine höfliche, ausweichende Antwort gegeben hat, wird er sehr deutlich: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Also ist eine Bedingung für das „Ins-Angesicht-Gottes-schauen“ das sofortige Ende des Lebens.

  1. Der schreckliche obscure Gott

Liebe Gemeinde,

Gott ist schrecklich, so schrecklich, dass wir seinen bloßen Anblick nicht ertragen würden.

Die Forderung des Moses, die Bitte des Menschen nach dem vollständigen Offenbar-Werden Gottes kommt dem Wunsch nach dem Tod gleich.

Das würden wir Menschen nicht aushalten.

Die dunkle Seite Gottes würde uns sofort unseres Verstandes und unseres Lebens berauben.

Und es scheint mir so zu sein, dass diese unheimliche, diese geradezu dämonische Seite Gottes auch in dieser Welt hin und wieder aufscheint.

Wenn Menschen sterben, besonders, wenn sie viel zu jung sterben – da fragt man sich doch, was das nun eigentlich für ein Gott ist, der das so zulässt.

Wenn wir vor dem Grauen von Katastrophen stehen, wie dieser Tage gerade in Brasilien und Australien – vielleicht auch mit menschlichem Verschulden, gut – aber dennoch mit der Frage: Warum lässt Gott das eigentlich zu.

Anders übrigens schätze ich unser selbstgemachtes Leid ein: Da schlägt die düstere Seite des Menschen zu!

Es gibt sie, die abgewandte, düstere Seite unseres Gottes.

Sein Angesicht mit allen seinen Furchen und Schrecknissen können wir nicht sehen, solange wir leben.

Wir würden vergehen.

  1. Der offenbare Gott in Jesus Christus (+imago die)

Nun zeigt sich Gott dem Mose gegenüber als ziemlich zurückhaltend und höflich.

Der versteht den Wunsch, den er ihm nicht erfüllen kann.

Er kann ihm nur die Rücklichter anbieten.

Oder anders: Er kann ihm nur eine Seite zeigen.

Als Christen können wir das gut verstehen:

Auch wir können nur eine einzige Seite unseres Gottes wirklich sehen – er offenbart sich uns ja dar als der Dreieine.

Von Gott dem Vaterwissen und begreifen wir nur wenig; eine echte Vorstellung haben wir nicht von ihm, können wir auch gar nicht haben. Das ist die Seite, die Gott dem Moses verbirgt: Wer den Vater sieht, muss sterben.

Von Gott dem Sohnkönnen wir dagegen einiges sehen: Gott hat sich in und als Jesus Christus uns offenbart.

Wir sehen das Kind in der Krippe, und dann und vor allem den Mann am Kreuz und den Herrlichen, wen er auferweckt ist.

Und sind mit ihm leibhaftig verbunden im Abendmahl.

Liebe Gemeinde, eine Erscheinungsweise Gottes ist unser heiliges Abendmahl, das wir gleich auch miteinander feiern.

Hier, so sagen es die Theologen, hier beim Abendmahl „ereignet sich Gott“.

Anders ausgedrückt: Die engste Verbindung, die Gott und Mensch eingehen können, vielleicht sogar enger noch als die zwischen Moses und Gott in der Felsspalte, ist im Abendmahl zu finden.

In der uns ganz und gar zugewandten Seite Gottes, die eben nicht bloß aus Rücklichtern besteht, die wir nicht einholen können.

Es wird auch in unsere Gemeinde gerade darüber nachgedacht, ob wir diese Gabe Gottes an uns  an ein Alter oder ein kirchliches Fest – die Konfirmation – binden dürfen oder ob nicht alle geladen sind, die getauft sind und das Sakrament des Altars empfangen möchten, da sie echte Begegnung mit Jesus begehren.

Und es ist da noch eine dritte Erscheinungsform Gottes in der Welt:

Die des Heiligen Geistes.

Die zeigt sich am deutlichsten in der Gemeinschaft der Christen, der Kirche.

Die Taufe ist das Zeichen dafür.

Gotteserfahrung, Gotteserscheinung ist sichtbar möglich durch den Heiligen Geist, wenn das Ebenbild Gottes, der Mensch (Gen 1,27), dem Nächsten dient und ihn liebt.

Der Mensch selber kann als Getaufter zu einer Erscheinungsweise Gottes werden.

Nicht indem wir uns untereinander nur die Rücklichter zeigen,

(denn so schrecklich sind wir ja gar nicht), 

sondern indem wir uns hineinbegeben in den Anspruch des Menschen an Gott:

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Und diesen Anspruch kraft des Glaubens und im Bewusstsein, dass wir Gottes Ebenbilder sind, ernst nehmen.

Indem wir untereinander Gottes Herrlichkeit sichtbar werden lassen.

Amen.

Und die Gnade Gotte, die höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied EG 398: In dir ist Freude