Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2016: Halbgötter und Gotteskinder – Percy Jackson und die Helden des Olymp (1. Tim 6,11-16)

Gnade sei mit euch und Friede…

Der Predigttext für den heutigen Konfirmationssonntag steht im Ersten Brief des Paulus an Timotheus im 6. Kapitel. Dort schreibt der Apostel:
11 Aber du, Gottesmensch…
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!
12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Stellt euch vor: Die alten Griechen hätten Recht gehabt!


Auf dem Olymp, dem Himmel der Götter, wohnen Göttervater Zeus und seine Frau, die Göttin Hera, sein Bruder Poseidon, der Meeresgott, der Kriegsgott Ares und wie sie noch alle heißen.
Stellt euch vor: Bis heute beherrschen diese Göttinnen und Götter die Welt, kämpfen mal gegen, mal miteinander um die Vorherrschaft, jeder Gott mit seinem Können. Zeus mit Donner und Blitz, Poseidon mit den Wogen des Meeres und dem Dreizack, Aphrodite mit Schönheit und dem Gefühl des Verliebseins.
Stellt euch vor: Bis heute würden diese Götter mit Menschenmännern und –frauen Töchter und Söhne zeugen bzw. gebären.
Und stellt euch vor: Wir Normalsterblichen bekommen von all dem nichts mit, da ein zauberhafter Nebel alles Göttliche umhüllt, so dass die menschlichen Augen nie bis zum Eigentlichen durchdringen können.

In der Jugend-Romanreihe Percy Jackson und die Helden des Olymp, von dem amerikanischen Autor Rick Riordan wird eine solche Welt beschrieben. 
(Wer kennt es? Die Filme? Nee, die taugen nicht viel – die Bücher sind der Hammer!)
Der Held der ersten Buchreihe ist besagter Percy Jackson: Ein Sohn des Meeresgottes Poseidon mit einer Menschenfrau. 
Dadurch ist er ein Halbgott, ist zwar sterblich, hat aber besondere Kräfte. So kann er z.B. unter Wasser atmen oder die Kräfte des Meeres aus wenigen Wassertropfen entfesseln, wenn er etwa gegen Monster und andere Mächte der griechischen Mythologie kämpfen muss. Gemeinsam mit seiner Freundin Annabeth, einer Tochter der Göttin der Weisheit (Athene) und anderen Halbgöttern besteht er so manches Abenteuer. 
Witzig ist, dass all die jugendlichen Heldinnen und Helden völlige Schulversager sind: Von ADS oder ADHS geplagt, sind ihre Sinne eben eher auf den Umgang mit Göttern und Helden geeicht als auf den oftmals doch recht langsamen und routinierten Schulalltag. Und dass sich die Lese-Rechtschreib-Schwäche üblicherweise in dem Moment erledigt, wenn griechische Buchstaben auftauchen, ist ein weiteres Merkmal eines Halbgottes.

Nun stellt euch vor, ihr hättet einen solchen Gott zum Vater oder zur Mutter. 
Wer wäre das? 
Was würde passen? Oder anders: Welche Eigenschaften würdet ihr Euch wünschen, die ihr von dem einen oder anderen bekommen hättet? 
Weisheit? Gastfreundschaft? Stärke? Beliebtheit?

Ach, das ist ja so eine Sache mit dem Vererben. 
Eure Eltern heute hier, das sind wohl alles nette Menschen, aber Götter sind die wohl nicht. 
Trotzdem habt ihr von denen Eure Gene bekommen und eure Erziehung; das, was Euch zu einem großen Teil ausmacht. 
Wie oft musstet ihr schon hören: Du kommst mehr nach Mama – oder Du schlägst ja sehr nach deinem Vater!
Gerade in eurem Alter ist aber Individualität gefragt. 
Einzigartigkeit. 
Gerade nicht so zu sein, wie Eure Erzeuger!
Sich abnabeln ist nun dran. 
Und dass die Eltern euch denn auch ziehen lassen, wenn die Zeit kommt.

Und da sind wir dann auch schon mitten drin in der vergehenden Konferzeit: 
Wenn ihr in dem Jahr aufgepasst habt, dann dürfte euch einiges aufgefallen sein: Etwa, dass evangelisch sein eine sehr individuelle Angelegenheit ist. 
Gerade beim letzten Treffen trat das deutlich hervor. 
–    Da will der eine oder andere von euch konfirmiert werden wegen der Geschenke – na dann mal los! So einer war ich auch damals! 
–    Da sagt die eine oder andere, dass in der Konfirmation das Bekenntnis das Wichtigste ist: Sehr schön! Es freut mich, wenn von dem Jahr mit mir und Pfarrer Pfeifer richtig was hängen geblieben ist. 
–    Und da sagt mir eine ins Gesicht: „Mich sehen Sie hier so schnell nicht wieder!“ Schade; aber auch verlorene Helden dürfen immer wieder zum Olymp zurückkehren!
Evangelisch sein ist etwas individuelles. 
Es ist etwas, das sich weiterentwickeln muss und darf. 
Mit 14 Jahren seid ihr da noch nicht an ein Ende gekommen!
Und in unserer Kirche haben die laxen Christen genauso Platz wie die ganz Frommen! 
Das dürft ihr jetzt nicht mit Beliebigkeit verwechseln! 
In der heutigen Zeit wird das unserer evangelischen Kirche ja gern vorgeworfen: Dass wir uns dem Zeitgeist anpassen, dass wir uns politisch nach dem Wind richten, dass wir das Evangelium zugunsten einer Wohlfühlreligion verschleudern würden.
Ich frage mich dann immer, wenn ich solche Dinge lese oder höre, wo so etwas erlebt wird. 
Das Evangelium der Freiheit des Einzelnen wird in den Kirchen, die ich kennen lernen durfte, meist auf höchst interessante, oft sogar vergnügliche Weise verkündigt.
Für Beliebigkeit ist kaum Platz – aber dafür umso mehr für originelle Ideen, die Jesus Christus in die Herzen der Menschen treiben, individuelle Ausformungen von Frömmigkeit.

Heute hört ihr ebenfalls deutliche Worte: 
„Aber du, Gottesmensch… (ja, damit seid ihr Getauften gemeint!)
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.“

Denn das ist die Klammer, die euch mehr mit den Halbgöttern aus der Buchreihe verbindet als ihr es für möglich haltet. Ihr habt von Jesus Christus die Befähigung erhalten, die ihr braucht, um den Kampf des Glaubens auszufechten!

Nehmt dieses aus dem heutigen Tage mit: 
Christsein, das ist eine Aufgabe.  
Und zwar eine für jeden Tag, für ein ganzes Leben, an der man wächst. 

Ähnlich wie Percy Jackson nicht gleich der größte Held aller Zeiten ist, seid ihr nicht mit der Konfession evangelisch gleich der größte Christ oder Heilige aller Zeiten!
Christentum will angewendet sein, will weiter erfahren, weiter gelernt sein. 
Christentum muss auch über die Konfirmation hinaus Gehör finden, wenn es echt ist.

Ich sage das deshalb, weil zur Zeit im evangelischen Christentum ein furchtbares Missverhältnis besteht zwischen Wissen um Inhalte einerseits 
und dem Tun dessen, was man noch so gemeinhin für christliche Werte hält andererseits. 
Wie soll man denn christliche Werte begreifen, wenn man das Wesen des Christentums nicht begriffen hat und nur noch so wenig Glaubenswissen vorhanden ist, dass man nicht mehr weiß, was Pfingsten eigentlich für ein Fest ist!?
Was sind das denn für christliche Werte, wenn am Donnerstag auf Seite 3 der Fuldaer Zeitung steht, dass in Asylbewerberheimen Christen nicht oder nur unzureichend geschützt werden? 
Ich rede davon nun immer wieder seit zwei Jahren in allen möglichen Kontexten – jetzt ist es sogar in der Zeitung angekommen.
Christliche Werte, ihr Lieben: Das ist nichts Feststehendes; auch dazu gehört Mut und Glaube, manchmal Kampfgeist.

Ihr seid mit der Taufe bereits zu Kindern Gottes geworden. 
Ihr gehört zu Jesus Christus dazu. 
Habt also nicht nur das Erbe Eurer Eltern, sondern auch die Aufgabe der Nachfolge von Jesus.

Evangelisch sein, liebe Konfis, so hat das mal einer eurer Petersberger Mitkonfirmanden ausgedrückt, ist „Religion für Faule“. 
Ja, das stimmt, da unser Glaube unglaublich viel Spiel lässt für alle möglichen Ausformungen. 
Und es stimmt, weil Evangelische glauben, dass sie ja ohnehin von Gott geliebt sind, egal, was sie tun.

Evangelisch zu sein, liebe Konfis, ist aber aus genau diesem Grunde besonders schwer! 
Weil mir eben niemand sagt, was genau zu tun ist. 
Weil es die so oft beschworenen „christlichen Werte“ doch nur in der jeweiligen Ableitung aus dem Glauben gibt. 
Die so hochgelobten Werte, liebe Konfis, die entstehen bei jedem Menschen im Gewissen stets neu. 
Wir haben keinen Apostolischen Stuhl, der uns sagt, was richtig ist oder falsch. Wir haben auch keine Scharia. 
Bibel und Vernunft müssen für uns ausreichen!
 
Wir Evangelischen sind damit eine Religion im Dauer-Ausnahmezustand:  
Keiner da, der mir dabei hilft, alles immer gleich richtig zu machen. 

Oder? 

Doch, da sind welche, die euch helfen, aber das Ausführen, das Tun, das müsst ihr schon selber machen.
Ähnlich wie Percy Jackson in der Griechischen-Götter-Welt einen großen Förderer, Unterstützer und Mentor in einem freundlichen Zentauren namens Chiron hat, bietet euch der evangelische Glaube in all der großen Freiheit viele Hilfsmittel an, wie der christliche Glauben denn gelebt werden kann.

Ich will nicht behaupten, dass ich für euch zu so einem Chiron werden könnte, dafür fehlen mir die vier Pferdehufe und etwa 3000 Jahre Erfahrung. 
Aber als einen Helfer auf dem Weg, den Glauben auszubauen, verstehe ich mich schon. 
Ich will euch gern die Hand reichen und fordere euch geradezu auf, genau jetzt weiter zu machen und euch hier in der Gemeinde noch stärker anzudocken: 
Sei es in der Jugendgruppe, beim Helfen im Kindergottesdienst oder beim Ausarbeiten der endlich in Schwung kommenden Jugendgottesdienste – auch Dank der heute hier spielenden Band „To Be Honest!“

Der persönliche Glaube ist mit der Konfirmation ja lange noch nicht abgeschlossen: 
Den Kinderglauben, den habt ihr längst hinter euch, ihr wisst nun, dass ihr auch Gott zum Vater habt. 
Es ist an der Zeit, auf dieser neuen Stufe weiter zu kommen und die nächste anzugehen. 

Große Macht steht dem Gottesmenschen zur Verfügung, der verstanden hat, dass er sich nicht bloß auf Menschen und die materielle Welt verlassen braucht. 
Ihr habt immerhin die ganze Power des Heiligen Geistes im Rücken, der nun seit zwei Jahrtausenden in die Geschicke der Christen eingreift. 
Ihr habt die Hilfe der Kirche, ihr müsst sie bloß in Anspruch nehmen wollen. 
Ihr seid Gesegnete und Heilige im Glauben an Jesus Christus.
Ihr habt das Geschenk des Ewigen Lebens. 
Ihr seid Geliebte Gottes.
Sogar der Tod muss euch jetzt nicht mehr schrecken.
Ihr werdet auferstehen!
Ihr habt die Welt Gottes erblickt, die unsere normalsterbliche Welt einschließt und mit seinen Wundern ausfüllt, wenn ihr diese Welt mit Augen des Gottesmenschen, des Gläubigen betrachtet.

Ihr solltet  wirklich nicht länger so leben, als wäret ihr ganz normale Menschen! 
Gott selber zum Vater – das ist noch mehr als bei Percy Jackson, wo die Gottheiten ja doch nur Teilaspekte der Schöpfung abbilden!

Ach, eines noch: Wendet eure Fähigkeiten unter den Normalsterblichen ordentlich an!
Wirkt Wunder!

Nutzt diese zum Guten! 
Ihr habt Worte! 
Worte, die bei anderen Wunder bewirken können.
Das Wort Gottes macht sogar Tote wieder lebendig. 

Wenn eure Worte aus dem Glauben heraus andere auch nur befähigen, ein kleines bisschen lebendiger zu sein als zuvor, dann habt ihr schon viel geschafft!
Ich wünsche mir mehr solcher Wunder. Von Euch!
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen.

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2015: Die Tribute Christi: Joh 14,23-27

Autor: Pfarrer Marvin Lange

Einspieler Lied: The hanging tree – rebel remix
„Are you, are you, 
coming to the tree
Where I told you to run 
so we’d both be free.
Strange things did happen here, 
no stranger would it be
If we met at midnight 
in the hanging tree.“


    „Kommst du, kommst du, 
kommst du zu dem Baum,
    Wohin ich dir riet zu fliehen 
und uns zu befreien?
    Seltsames trug sich hier zu, 
nicht seltsamer wäre es,
    Träfen wir uns um Mitternacht 
im Henkersbaum.“


Ein Hit ist es geworden, dieses Lied von James Newton Howard, das gesungen wird von Katniss Everdeen in der großen Trilogie „Die Tribute von Panem“. Platz 1 der Charts im Januar, wochenlang.
Die Geschichte um die Hungerspiele, bei denen in einer mörderischen Diktatur Jugendliche gegeneinander bis zum Tod bekämpfen müssen, hat mich von der ersten Filmminute an begeistert. 
Hat´s jemand von Euch gelesen? Ich habe nur die Filme geguckt – aber auch diese haben es in sich!
Es ist eine unbestimmt ferne Zukunft in einem Amerika, das durch innere Kriege und Katastrophen geeint wird von einer Diktatur. Präsident Snow regiert vom Kapitol aus in den Rocky Mountains zwölf Distrikte. Die Menschen in diesen Distrikten werden unfrei gehalten wie Sklaven und müssen für das Kapitol arbeiten, damit die Einwohner dort ihren extravaganten Lebensstil erhalten können. Als Höhepunkt des Jahres wird ein großes Filmfestival abgehalten, bei dem Jugendliche aus jedem Distrikt in einer Arena wie bei den römischen Gladiatorenspielen gegeneinander antreten müssen. Von den 24 Tributen, wie diese Jugendlichen heißen, darf nur einer siegreich heimkehren. 
Panis et circenses – so hieß das früher in Rom – Brot und Spiele für Massen. Und so heißt das Land Panem, also Brotland, in ständiger Erinnerung daran, dass nur mit dem Kapitol, nur unter der Diktatur, für alle genug Brot vorhanden ist. 
Das ist freilich Blödsinn: Die Diktatur des Kapitols führt zu einer entsetzlichen Mangelwirtschaft, bei der es nicht genügend Brot gibt. Die Menschen schlagen sich irgendwie durch, gehen in die Wälder wildern, handeln das wenige, das sie haben auf dem Schwarzmarkt. 

Dafür gibt es um so mehr circenses, also Spiele. 
Mörderische Spiele, mit denen die Menschen in Angst und kleingehalten werden sollen.
Es ist trotz der medialen Ausleuchtung eine finstere Welt, in der die Tribute von Panem spielt. Jugendliche, zum Teil Kinder werden zum merkwürdigen und zweifelhaften Vergnügen der Mächtigen in diesem schaurigen Ritual der Hungerspiele ermordet.

singen:
Are you, are you
Coming to the tree
They strung up a man
They say who murdered three.
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree.

Doch die Stimmung im Lande kippt. 
Der Drang nach Freiheit im Menschen ist einfach zu groß. Bei der Bestimmung der Tribute für die 74. Hungerspiele fällt das Los auf die 12-Jährige Primerose. Die größere, 16 Jahre alte Schwester Katniss erträgt den Gedanken daran nicht, dass ihre kleine zarte Schwester als Tribut in der Arena geopfert wird und meldet sich freiwillig an ihrer Stelle. 
Da die Welt in Panem eine Medienwelt ist und alles, wirklich alles, für Show-Zwecke vermarktet wird, erleben die armen Einwohner der 12 Distrikte, wie sich diese junge Frau freiwillig meldet und sich damit voraussichtlich selbstlos opfert. 
Und während viele ihrer Gegner im Verlauf des Spiels zu brutalen Mördern werden, nur um ihre eigene Haut zu retten, spielt Katniss in diesem Spiel von Gewalt und Gegengewalt nicht mit, sondern sucht nach einem Ausweg aus der Spirale der Gewalt.
Dies stachelt die über Fernsehen zuschauenden Menschen an, eine Rebellion zu starten – zunächst friedlich, später dann aber zunehmend auch mit Gewalt…

Ich will jetzt gar nicht weiter erzählen, sonst droht hier Spoiler-Gefahr – die, die es nicht kennen: Schaut es euch einfach an und urteilt selbst!

Jesus sagt: 
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Für mich hat diese Trilogie einen hohen cineastischen Stellenwert, weil in ihr etwas vorweggenommen wird, das ich für nicht so unwahrscheinlich halte. 
Es der Kampf um die Freiheit im postdemokratischen Zeitalter. 
Es ist in den Medien in aller Munde: 
Wir leben in einem medial bestimmten Zeitalter der Schwärme, der Shitstorms, der uns bestimmenden Werbeindustrie (ohne dass wir ´s merken) – inwieweit sind wir selbst frei, uns für das eine oder das andere zu entscheiden?
Bei den Tributen von Panem ist des Effie Trinket, die aufgesetzte Moderatorin, die diese Kunstwelt der Medien völlig übertrieben repräsentiert. 
Geistlos, oberflächlich, überschminkt. 
Sie hat ein gutes Herz, ja, aber sie kommt aus der medialen Rolle, die sie angenommen hat, einfach nicht mehr raus! 
Sie ist nie sie selbst. 
Niemals.

Inwieweit sind wir eigentlich noch Konsumenten und nicht selber schon das Produkt? Bei Google, bei Paypal, bei Facebook, da sind wir das schon längst: Scheinbar Konsumenten, die Dienstleistungen abrufen, in Wahrheit aber Produkte, die weiter vermarktet werden. 

Bei den Tributen von Panem ist die entsprechende Vermarktung, das „sich selbst zum Produkt machen“, sogar überlebenswichtig. 
Katniss und Peeta, die beiden Hauptdarsteller, wären nie so erfolgreich gewesen, wenn sie nicht von Stylist und Modedesigener Cinna entsprechend in Szene gesetzt worden wären. 

Einfach werbewirksam: „Das Mädchen, das in Flammen steht.“ 
Aus den Kohlegruben des 12. Distrikts ins Kapitol. 
Katniss, der brennende Todesengel. 

Das macht Quote, das verspricht Einkünfte. Schade, dass sie wahrscheinlich dabei sterben wird.

Und: Wie stark ist unser Spielraum für die politische Mitbestimmung in unserer repräsentativen Demokratie?  Sind wir schon im postdemokratischen Zeitalter angelangt?
Im Film mach sich Präsident Snow die mediale Inszenierung und Manipulation zu Eigen. 
Wenn Menschen manipulierbar sind, denkt er, dann sollte man das auch nutzen – zu seinen Zwecken. 
Wir sind noch nicht so weit hier bei uns, da hat Russland und Präsident Putin gerade eine traurige Vorreiterrolle in Europa, aber auch bei uns gibt es Tendenzen, die Menschen zu formen und zu manipulieren.
„Nudging“ heißt das heute bei uns, anstoßen, anschubsen. 
Das ist ein neues Programm der Bundesregierung, uns Anstöße zu geben, was gut für uns ist. Es wurde meist positiv, teilweise begeistert aufgenommen.
Mich überrascht das sehr.
Seit wann weiß denn der Staat, was für mich gut ist?
Ja weiß das denn jemand, was für mich gut ist? 
Ich habe zwar nichts gegen sporttreibende Vegetarier, die ihre Kinder früh in den Ganztagskindergarten mit ökologischer Früherziehung bringen, aber ist es nötig, dass der Staat mich in diese Richtung „nudgt“, also: schubst?
Vielleicht mag ich ja lieber anders leben?
Die Freiheit, so zu sein, wie man es selbst bestimmt und möchte, geht durch solche Maßnahmen mittel- und langfristig verloren. Und wir merken´s nicht einmal.

singen:
„Are you, are you, 
coming to the tree
Where I told you to run 
so we’d both be free.
Strange things did happen here, 
no stranger would it be
If we met at midnight 
in the hanging tree.“

Wie ist das denn nun für euch Konfis?
Ich behaupte: Das Christentum setzt etwas dagegen, gegen jede Fremdbestimmung. Gegen jede Form der Diktatur, gegen jede Form der Hirnwäsche.

Jesus setzt einen drauf. Er sagt: „Gott schickt euch einen Tröster, den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Abgesehen davon, dass ein Tröster gerade hier im Rhöner Land noch eine etwas andere Bedeutung hat, sind diese Worte der Gegenpol zu dem, was uns heute oft eingeredet wird, wie wir zu leben hätten.
Es ist das Angebot, so zu sein, wie wir sein sollten – nämlich von Gott her gedacht, der im Gegensatz zum Staat oder den Medien oder wem auch immer genau weiß, was uns am besten tun würde. 
Katniss Aberdeen opfert sich für ihre kleine Schwester – Jesus Christus hat sich für dich geopfert, für jeden von uns.
Katniss Aberdeen verliert ihre Menschlichkeit nicht, obwohl sie angestachelt wird, sich barbarisch zu verhalten. – Jesus Christus bleibt menschlich, obwohl er göttlichen Ursprungs ist. Oder vielleicht ist das eher umgekehrt: Jesus ist göttlich, weil er bis zuletzt menschlich bleibt. 
Ist das bei Katniss vielleicht ebenso? Das würde sie zu einer Heiligen machen! 
Katniss Aberdeen wird zum Aushängeschild der Rebellin für die Freiheit von der Diktatur. – Jesus Christus ist derjenige, der allumfassend für Frieden eintritt und jeden Zwang ablehnt; sein Heiliger Geist ist die Kirche, die in der Welt wirkt – und nicht nur hinter Kirchenmauern!

Er sagt: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich, wie euch die Welt gibt.“ 

Ums kurz zu machen: Abgesehen davon, dass ich die Gestalt der Katniss Everdeen als eine Jesus-Figur identifiziere, denke ich, dass ihr Konfis das Zeug dazu habt, Teil der großen Sache zu sein.
Heute sagt ihr ja zur Rebellion der Herzen für Mitgefühl und Frieden.
Ihr sagt ja zur Reformation des Weltbildes: Gott hat euch frei geschaffen. Nutzt das!
Und ihr sagt ja zur Revolution der Freiheit, eure persönliche Überzeugung in unsere Gesellschaft, in die Schule, in die Kirche, in die Familie einzubringen.

Es liegt bei euch, diesen Moment zu nutzen und für euer Leben zu ergreifen: Wozu ihr heute „ja“ sagt, das will euch ein ganzes Leben lang tragen.
Nämlich Gott selber. 
Ich hoffe sehr, dass es keiner Rebellion bei uns bedarf wie bei den Tributen von Panem. 
Mit Blick auf die Entwicklungen im Nahen Osten, die zu uns rüber zu schwappen drohen, bin ich aber Realist genug um einzusehen, dass eine gewisse Wachsamkeit nötig ist.
Wir brauchen Katnisses und Peetas in unserer Gesellschaft. 
Jeden Tag, im Kleinen wie im Großen.
Konfirmanden: Ihr seid die Kirche. Jetzt. Nicht erst in Zukunft.
Ihr gehört zur Kirche seit der Taufe mit dazu.
Ich fordere euch auf, euch hier bei uns einzubringen. 
Für dieses Weltbild einzutreten, das unser Glaube ist.
Als aufrechte Protestanten. 
Als kritisch denkende Evangelische.
Als Menschen, die menschlich bleiben trotz allem.
Und auf die tiefe Wahrheit zu hören, die mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist.
Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen.

LIED EG 396,1-3: JESU MEINE FREUDE (TEXT: GERHARD SCHÖNE)

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2014: Die Gemeinschaft des Rings (1. Tim 6,12-16)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist, sei mit euch allen!

Der Predigttext für den heutigen Konfirmationssonntag steht im 1 Tim 6,12-16

12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.
13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis,
14 dass du das Gebot unbefleckt, untadelig haltest bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus,
15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren,
16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.



Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn!“

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

Als ein großer „Herr der Ringe“-Fan oute ich mich gern. Als ich konfirmiert wurde, da jagten mir diese Verse das erste Mal einen Schauer über den Rücken – und jetzt gerade, ich bekenne es, tun sie es wieder. Unzählige Male habe ich die Bücher gelesen, unzählige Male die Filme gesehen – in normal- und in Langfassung, auf Deutsch, auf Englisch, und einmal als Hörbuch angehört.

Der große Kampf des Guten gegen das Böse ist das umfassende Thema des „Großen Ringkrieges“ im Werk von Tolkien. Der böse Herrscher Sauron soll aufgehalten werden, ja vernichtet werden, und das kann nur dadurch geschehen, dass der eine, große Meisterring im Schicksalsberg, einem feuerspeienden Vulkan mitten im finsteren Lande Mordor, eingeschmolzen wird. All die Helden: die Guten wie die Bösen, sind – gerade in den Filmen – notwendig für dieses fulminante Epos.

Da sind die beiden Zauberer Gandalf und Saruman; der eine ein liebevoller Pfeife rauchender Großvatertyp, der seine Kräfte und vor allem seine Weisheit für die Seite des Guten verwendet; der andere, geblendet von der Macht des Bösen, schwört dem dunklen Herrscher die Treue.  Da sind der Waldläufer Aragorn, der der spätere König ist, die Reiter von Rohan, Zwerge und Elfen; Boromir, der den Verlockungen der Macht des Ringes verfällt und dafür mit dem Leben bezahlt. Und, weniger großartig, nichtsdestoweniger relevant, das Geschöpf Gollum, das durch die Einflüsterungen des Ringes wahnsinnig wurde und ein erbärmliches, aber unsterbliches Leben fristet.

Diese Helden alle bilden eine bildgewaltige Kulisse. Aber eben: Nur Kulisse!
Denn: die entscheidende Geschichte handelt von zwei unscheinbaren kleinen Wesen, die dem Volk der Halblinge, den Hobbits angehören. Hobbits leben zurückgezogen im friedlich-lieblichen Auenland, sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Umtrunk oder der nächsten stattlichen Mahlzeit, Festen und Feiern nicht abgeneigt – aber große Helden sind sie eigentlich nicht.
Denn, und das ist eine wichtige Pointe im tolkienschen Werk, sie streben nach nichts sog. „Höherem“. Sie wollen gern ein bescheidenes Leben führen, und als einer der Hobbits, Sam, für kurze Zeit den Ring aufsetzt und ihm dieser zuflüstert, er könne der mächtigste und großartigste Gärtner des Auenlandes werden, da zieht er ihn nur kopfschüttelnd wieder vom Finger ab.
Größter Gärtner! Was für ein Unsinn. Das ist er doch längst. Und andere Verlockungen der Macht sind den Hobbits völlig fremd. Das Schöne, das Angenehme, das einfache, zufriedene Leben: das ist es, was ein Hobbit anstrebt. Und das ist nicht wenig! Aber es ist nichts, was der magische Ring ihm bieten könnte.

Eine Gemeinschaft ist es gewesen, die sich vom Rat des Halbelben Elrond in Bruchtal aufgemacht hatte. Eine Gemeinschaft von sehr unterschiedlichen Personen. Ein störrischer Zwerg; ein weitsichtiger Elb; ein weiser Zauberer; ein sehr stolzer und ein sehr demütiger Mensch; und vier lebenslustige Hobbits, die vom Leben einfach nur das Beste erwarten.
Das war eine Gemeinschaft von neun, die beim Übergang eines Flusses, an den Rauros-Fällen, an ihr Ende ging, ja zerbrach.

Ihr 10 Konfis, ihr steht nun auch vor einem solchen Übergang: vor eurer Konfirmation. Und eure Gemeinschaft ist jetzt, auf dem Höhepunkt, auch am zerbrechen. Ja ist bereits zerbrochen, denn die Konfirmandenzeit ist jetzt vorüber. Ein Jahr habt ihr miteinander und mit mir ausgehalten. Manch einer vielleicht auch tapfer durchgehalten.

Eine Gemeinschaft um ein Thema seid ihr gewesen. Nicht die Gemeinschaft des Ringes, die gegen die dunklen Mächte angetreten ist, sondern eine Gemeinschaft, die, wie es der Predigttext benennt, den guten Kampf des Glaubens kämpft. Nachgeholten Taufunterricht hat man das damals genannt. Denn ein Kampf ist es stets, wenn man sich ernsthaft damit auseinander setzt, was man in unserer Welt überhaupt (noch) glauben kann und darf.

Immer wieder haben wir uns von den verschiedensten Seiten Gott genähert. Und mussten immer wieder feststellen: Ganz greifbar ist er nicht. Gott ist uns trotz aller Offenbarung ganz schön entzogen.
Wir haben gemeinsam biblische Texte gelesen, haben damit die Grundlage kennengelernt. Haben Lieder im Gesangbuch angeschaut, um zu erfahren, was und wie die Menschen vor uns geglaubt haben. So habt ihr einen Teil der Tradition kennengelernt.

Haben Exkursionen gemacht, auf den Friedhof, um zu gucken, was die letzten Schritte am Ende sind und haben uns damit über Bestattungskultur ein wenig schlauer gemacht. Waren im Schwimmbad, um das Element Wasser für die Taufe kennenzulernen. Unterwegs mit dem Fahrrad, um zu schauen, wie man in Gottes freier Natur beten kann. Organisierte Nächstenliebe haben wir uns anhand unseres Seniorenkreises angeschaut und so in Erfahrung gebracht, was für hohe ethisch-moralische Anforderungen das Christentum an uns stellt.

Die Gemeinschaft erlebte zweifellos ihren Höhepunkt auf den beiden Konferfreizeiten, in jeder Hinsicht: Bei der Disko genauso wie bei der Feier des Heiligen Abendmahls, oder als wir rituell unsere Sünden verbrannt haben.

Und bei all dem habe ich euch hoffentlich vermitteln können: Zu glauben ist ein Kampf. Ein Kampf um die Wahrheit, ein Kampf um Worte, ein Kampf um das Ewige. Ein Kampf derer, die dem Glauben absagen. Ein Kampf mit sich selbst. Denn: je nachdem, wie man sich postiert, hat man unterschiedliche Blickwinkel auf das Leben!

Etwa so:

Angenommen „Gott existiert.“

Das heißt nicht weniger als: Das ganze Universum hat eine andere Bedeutung – nämlich eine von diesem Gott her. Umgekehrt hat die andere Überzeugung ebenfalls gewaltige Konsequenzen:
Angenommen Gott existiere nicht: Dadurch verlöre das Universum letzten Endes jede Bedeutung.Ja sogar das Leben von uns Menschen wäre völlig sinnfrei, sinnlos. Und damit auch das eigene Leben.

Und diese Überzeugungen gilt es im Leben auszubauen und weiter zu entwickeln. Den Kampf des Glaubens weiterzuführen. Und das kann man auf die eine oder andere Weise tun:
Verglichen mit den Helden aus dem Herrn der Ringe kann man sich verschiedenen Richtungen zuordnen: Da kann man gleichgültig sein und das Leben an sich vorbeiziehen lassen, wie es die meisten Menschen und Hobbits tun. Ich bin mir sicher, auch einige von euch werden das so machen, sowie ihr aus diesem Gottesdienst nach draußen zieht. Aber aufgefordert seid ihr dazu, „das ewige Leben zu ergreifen“, wozu ihr berufen seid.
Wenn man das will, dann kann man sich in das Nachdenken und Nachforschen über die größte Geschichte der Menschheit begeben, die mit Gott und seinen Menschen, und sich damit wie Gandalf dem guten Kampf des Glaubens widmen. Am Ende seines Lebens wird man dann vielleicht weise sein und mehr von dem verstehen, was kaum zu begreifen ist.
Oder man wird, und ich hoffe sehr, dass keinem von euch das passiert, eine Gestalt wie Boromir, der vom Glauben an die Macht des Ringes, völlig fanatisiert ein schlimmes Ende gefunden hat. Auch solche in die Irre gegangenen Christen gibt es, die den Glauben mit einer Ideologie verwechseln, und blindlings tun, was dieser angeblich vorschreibt. Damals die Kreuzritter und heute christliche Fanatiker, wie sie vermehrt aus Amerika auch nach Deutschland kommen.
Und dann gibt es die Realisten wie Aragorn oder Gimli und Legolas: Sie wissen, was zu tun ist; sie wissen, dass sie den Kampf nur gewinnen können, wenn sie zusammenstehen, zusammenhalten und ihre eigene Sache hoch halten.

All das sind Haltungen im Kampf um die Wahrheit, wie ihr sie einnehmen könntet. Könntet, denn nicht jeder von euch ist gleichgültig, nicht jeder von euch hat weise alte Männer (oder Frauen!) zum Vorbild, nicht jeder jetzt schon das Wissen, was alles zu tun ist. Es gibt aber dann noch eine letzte, eine ganz leise, aber unglaublich mächtige Zugangsweise, den Kampf des Glaubens zu führen:

Das sind diejenigen, die weiterhin nach links und rechts schauen, die keine großen Pläne vor Augen haben wie die Helden, sondern die sich in die Welt gestellt wissen als welche, die ihre Aufgabe zu erfüllen haben, wenn das auch nicht immer leicht ist: Die beiden Hobbits Sam und Frodo stehen für diese Haltung; und auf den christlichen Glauben übertragen bedeuten sie: der Kampf des Glaubens, den die beiden kämpfen, kann man auch erledigen, indem man einfach als Vorbild lebt. Dazu bedarf es keiner großen Reden, dazu bedarf es keiner großen Kräfte. Sondern nur den guten Willen und die daraus folgende Tat. Auf den christlichen Glauben übertragen heißt das nichts weiter als: 
Etwa heute zur Konfirmation, wie es im Predigttext heißt, „das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen“ abzulegen; und ansonsten im täglichen Leben davon Zeugnis zu geben: Also Christus in die Welt zu tragen, indem man sich so verhält wie einer, der das Ewige Leben bereits hat. Frei, hoffnungsvoll, lebensfroh, gläubig. Mit den Lachenden lachen und mit den Weinenden weinen.  
Und wenn man dann auch noch verstanden hat, dass die zerbrochene Gemeinschaft der Konferzeit einmündet in eine viel gewaltigere, größere Gemeinschaft, nämlich die der Gläubigen, der Kirche, dann versteht man: dieses heutige Ende kann einen Neuanfang bedeuten, zu dem Gott selbst euch einlädt.

Die Gemeinschaft der Heiligen, die Kirche, braucht euch junge Menschen.
Sie braucht Euch, dass ihr den Kampf des Glaubens weiterführt mit allen anderen Christen auf der Welt.
Sie braucht euch, dass ihr die Kirche immer wieder erneuert.
Neuen Wind hereinbringt.

Ihr seid berufen zum Ewigen Leben. Ihr seid berufen, den Kampf des Glaubens auf der richtigen Seite zu führen. Euer Schwert und euer Schild will Jesus Christus sein, der sich euch heute und alle Tage gibt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

Amen.

 

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2013 zu Eph 6,14-17: Superhelden

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dessen Geist uns zusammenführt, sei mit euch allen! Amen.

Hört, was der Apostel im Epheserbrief im 6. Kapitel schreibt:

14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit

15 und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens.

16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen,

17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.


  1. Superhelden im Kino und der Kirche

Liebe Konfirmanden!

Liebe Eltern, liebe Taufpaten, liebe Familien, liebe Festgemeinde!

Demnächst kommt ein neuer Super-Man-Film ins Kino. „Man of Steel“ läuft ab 20. Juni in den Kinos. Ich denke, da werde ich reingehen. Das Superhelden-Genre hat es mir schon lange angetan. Ob Batman oder Spiderman, ich versuche am Ball zu bleiben; ich versuche, alle auf Großleinwand zu sehen.

Heute Morgen haben wir hier 10 neue Super-Helden im Saal, die man ganz ohne Kinotechnik bestaunen darf. 10 junge Leute, die gleich ein Bekenntnis zu Gott, zu Jesus Christus und seiner Kirche ablegen werden. „Ja, wir sind bereit“, werden wir gleich – hoffentlich lautstark bis zur letzten Reihe – hören.

10 Superhelden. Aber Moment: Was macht denn einen Superhelden aus?

a) Superhelden-Kräfte

Dass er Superkräfte hat, die normale Menschen nicht haben. Superman kommt schon mit diesen Superkräften auf die Erde, weil er eigentlich gar kein Mensch ist. Spiderman wird von der Spinne gebissen. Batman hat das Glück, dermaßen viel technisches Spielzeug zu besitzen, dass er einfach stärker ist als seine Gegner, die Superschurken.

b) Verantwortung

„Große Macht erfordert große Verantwortung!“ schärft dann auch Uncle Ben Spiderman immer wieder ein. Denn wenn man ohne diese Verantwortung durchs Leben stolziert, wird aus dem Superhelden rasch eben ein Superschurke. Das Eintreten für Gerechtigkeit und allgemein für die gute Sache zeichnet im moralischen Bereich das Leben des Superhelden aus. Der Superheld ist da zur Stelle, wo er gebraucht wird, er setzt sich ein für die Schwachen und Unterdrückten, er weiß, was zu tun ist, wenn Not am Mann ist.

c) Fremde in der Welt

Und das Leben des Superhelden findet meist in zwei Welten statt: Einmal die Welt der Superkräfte, wo er mit seinem Kostüm und seinen großen Fähigkeiten die Welt rettet. Hier fühlen sich die Superhelden wohl, weil sie ihre Fähigkeiten einsetzen können.

Und zum anderen findet ihr Leben mit einer Deckidentität statt. Da tun sie so, als wären sie ganz normale Menschen, die ein stinknormales Leben führen. So dass Peter Parker als Pizzabote ständig zu spät kommt und dann sogar gefeuert wird. Oder Clarke Kent als Journalist durchaus die Grenzen des menschlichen Lebens kennenlernt.

Die außergewöhnlichen Kräfte verpflichten den Superhelden zur Geheimhaltung. Und dadurch werden Superhelden rasch zu Fremden in der Welt, die sie umgibt. Sie fühlen sich manchmal wie Fremdkörper, die zur Umgebung nicht so recht passen.

Und mancher Superheld erträgt das nicht und verwandelt sich über diese Frustration in einen Superschurken oder verweigert sich seiner enormen Kräfte, wie wir es in dem humorvollen Trickfilm „Die Unglaublichen“ (The Incredibles) sehen können.

Sinnverlust, Trägheit und Langeweile sind die Folge für den Superhelden, der seine Kräfte ignoriert.

2. Christen sind Super-Helden

Und nun behaupte ich: Heute Morgen haben wir 10 neue Superhelden hier im Bonhoeffer-Haus. Ich versuch´s den anderen mal zu erklären. Bleibt Ihr vorerst sitzen und probiert eure Superkräfte bitte erst nach dem Gottesdienst aus.

a) Superchristen-Kräfte

Worin liegen Eure jeweiligen Superkräfte?

  • Ihr gehört hinein in die Reihe der Menschen, die getauft sind und dadurch vom Geist Gottes, dem Heiligen Geist, direkt berührt werden.
    Ihr tragt in Euch die Macht Gottes. Und diese Macht ist noch mächtiger als diejenige von Superman, denn sie reicht über die physikalische Welt hinaus in eine göttliche hinein, die unsere umfängt.
    Supermans Kräfte reichen nur in diese Welt, was schon ziemlich viel ist, Eure Kräfte reichen darüber hinaus.
  • Mit dieser Macht habt ihr Gott selbst hinter euch. Der schützt und stärkt euch, wenn ihr nicht weiter wisst. Den könnt ihr alles fragen. Dem dürft ihr alle Schwierigkeiten und Probleme erzählen. Und ihr dürft euch darauf verlassen: Er hört jedes eurer Gebete.
    Ihr habt den stärksten Berater, den man sich vorstellen kann.
    Weitaus hilfreicher als Batmans Butler, viel zuverlässiger als Peter Parkers sogenannter bester Freund.
  • Ihr tragt die Liebe von Jesus Christus in euch.
    Ihr gehört hinein in die Reihe der Menschen, die aus der unglaublichen Macht der Vergebung leben dürfen.
    D.h.: Ihr seid nicht dazu verdonnert, jeden Streit mit dem Abbruch der Beziehung zu beenden. Ihr wisst, dass mit dieser Liebe Gottes sogar Kriege beendet werden könnten und Friede auf der ganzen Welt möglich wäre.
    Ihr könnt diese Liebe im Herzen immer anwenden, wenn Streit und Missgunst herrschen.
    Ihr dürft, da ihr Christen seid,  anderen Menschen im Namen Gottes verzeihen.
    Ich kenne keinen Superhelden aus dem Kino, der diese Fähigkeit besitzt.
    Ihr habt sie.
    Nutzt sie also auch!
  • Ihr habt das Ewige Leben.
    Ihr habt Anteil an der Allmacht Gottes, weil Ihr sogar über den Tod hinaus noch eine Rolle in Gottes Reich spielen werdet.
    Ihr könnt gewiss sein, dass ihr beim Heiligen Abendmahl die Speise zur Unsterblichkeit bekommt.
    Ihr könnt euer Leben im Horizont der Auferweckung führen.
    Ihr dürft gewiss sein:
    Euer Leben, Euer Einsatz und Eure Mühen werden nicht vergebens sein.

b) Glaube und Verantwortung

Dass diese eure Superkräfte große Verantwortung mit sich bringen, liegt auf der Hand. Wie schnell sich Glaube in Heuchelei verwandeln kann, die Freiheit des Christentums zu Unterdrückung führt und aus der Macht der Vergebung die Macht der sozialen Kontrolle erwachsen kann, kann man in Geschichte und Gegenwart der Kirche ablesen. Lest Zeitung und Geschichtsbücher, dann seht ihr, wohin falsch eingesetzte Superkräfte von Kirchenleitungen, aber auch einfachen Christinnen und Christen führen. Ihr tragt selbst die Verantwortung dafür, dass ihr Eure Superkräfte so einsetzt, dass aus ihnen das Gute erwächst. Als Superheld ist man vom moralischen Standpunkt her keinen Deut besser als die normalen Leute.

Überhaupt „Das Gute“ erfüllen: Das ist mehr als das Erfüllen irgendwelcher Ver- oder Gebote, die vor tausenden Jahren in der Wüste einmal in Stein gehauen wurden. Das Eintreten für das Gute bedarf den Blick weit über den Tellerrand hinaus und wird da realisiert, also umgesetzt, wo ihr Gott und die Menschen so sehr liebt, wie ihr euch selber liebt. Das ist die Summe dessen, wie ihr Superhelden leben sollt: Indem ihr Gott und alle anderen so sehr respektiert wie euch selbst.

Klingt nach „einfach“, fällt aber selbst den größten Superhelden schwer.

c) Christen in der Welt

Dann ist da noch eine Kleinigkeit, die das Superhelden-Leben nicht unbedingt einfach macht: Ihr seid zunehmend Fremde in unserer Welt, zumindest in Mitteleuropa. Superhelden werden von einem Großteil der Bevölkerung in Deutschland mit großem Misstrauen beäugt. Eure Fähigkeiten werden gering geachtet, ihr werdet sie meistens im Verborgenen anwenden müssen.

Es reicht nicht mehr aus zu sagen: „Komm, ich bin Christ, du bist Christ, lass uns vertragen, wir legen unseren Streit bei.“

Ja nicht einmal mehr…: „Hey, Samstagabend ist Jugendgottesdienst, kommst Du mit?!“

…wird mehr von vielen als Ausdruck des Weltverständnisses akzeptiert, sondern mit Stirnrunzeln quittiert.

Wir können nicht mehr wissen, wer zum „Club“ dazugehört und wer nicht. Damit seid ihr in einer Situation, die alle Superhelden vereint: Unter Eurer Maske des normalen Lebens in einem Deutschland, in dem das Christentum  immer weiter an den Rand gedrängt wird, seid ihr getaufte Christen, die als Krieger des Lichtes

  • im entscheidenden Moment den Mund auftun,
  • im richtigen Augenblick in Schule und Beruf das Mobbing abwehren,
  • mitten im Streit die Gnade der Verzeihung hervorholen.

Die Superhelden des Christentums wurden schon vor einiger Zeit in die Privatquartiere abgeschoben. Religion soll nach Meinung von vielen nur noch privat stattfinden dürfen. Als Christen können wir das natürlich nicht, weil wir keiner Religion folgen, die uns irgendwelche merkwürdigen Regeln aufdrückt, sondern einer Weltanschauung angehören, die das gesamte Leben umfasst. In den Kirchen, in den Häusern, in den Familien, in der Politik, am Arbeitsplatz.

Superheld ist man oder man ist es eben nicht.

Man kann sein Getauftsein nicht am Eingang des Kinos oder Rathauses an den Haken hängen wie einen Mantel. Es kann schwer werden, wenn ihr in Schule und Beruf angemacht werdet: „Was, du bist noch nicht ausgetreten? Ich fahre einmal im Jahr auf Kosten des Herrn nach Malle!“

Es bedarf der Superkräfte und Eurer Erinnerung an sie, wenn ihr solchen Antichristen begegnet. Wenn es soweit ist, holt euch erst einmal Eure Stärkung hier im Bonhoeffer-Haus oder jeder anderen Kirche ab. Und redet darüber mit den anderen Superhelden, also mit Pfarrern, Kirchenvorstehern und weiteren Christen. Und habt den Mut, selbst Hand anzulegen:

In der Kirche mitzuarbeiten, sie mit zu gestalten und in eine gute Zukunft zu führen. Ab jetzt sofort etwa in der Jugendgruppe. Am 29. September, indem ihr die Kirchenvorsteher Eures Vertrauens wählt. Und später als Erwachsene bei den vielen Angeboten die euch die Kirche macht.

Die Offenheit hier im Bonhoeffer-Haus und auch in St. Johann für die Modernisierung ist da.  Nutzen könnt ihr diese Offenheit, wie ihr möchtet. Superhelden werden bei uns jedenfalls immer gebraucht.

Eure geistliche Waffenrüstung wartet nur darauf, angezogen und ausprobiert zu werden.

Amen.

Pfingstpredigt 2011 – Vom Heiligen Geist

Predigt zu Joh 16,5-15

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

1.   Einleitung: Der heilige Geist ist kein Mauerblümchen!

Liebe Gemeinde,

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Von den drei Erscheinungsformen Gottes, also als Vater, Sohn und Heiliger Geist, führt letzterer irgendwie ein Schattendasein.

Der heilige Geist ist für manche ein wenig wie das Mauerblümchen der Trinität.


Gott den Vaterkönnen wir uns zwar nicht wirklich vorstellen, aber wir können ihm doch einige Eigenschaften zuordnen:

Als Schöpfer, als Allmächtiger oder als Allwissendender begegnet er uns in der Bibel. Von seinen dunklen Seiten können wir durch die Schrecken in unserer Welt Vermutungen anstellen.

Und dadurch, dass Jesus ihn seinen Vater nennt, haben wir sogar eine Beziehung zu ihm – wenn auch indirekt.

Gott den Sohnkönnen wir wohl am leichtesten fassen: Ist damit doch Jesus Christus selbst gemeint, der in den Evangelien und den Briefen, ja im Neuen Testament, offenbart ist.

Dass von ihm die Vergebung der Sünden kommt durch seinen Kreuzestod, dass er die Taufe eingesetzt hat, als Zeichen für Gottes unendliche Treue, und das Abendmahl für die Gemeinschaft von Gott und Mensch – das alles dürfen wir getrost auf sein Wort hin glauben. Auch dass das innere Wesen Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist, dass Gott die Liebe ist, wissen wir durch Gott den Sohn.

Doch von Gott dem heiligen Geist haben wir nur unsichere Kenntnis. Geister sind in der heutigen Zeit eher unmodern. Der menschliche Geist ist zusammengesetzt aus einem gewaltigen neuronalen Netzwerk unseres Körpers. Geister in Schlössern gehören einer romantischen Epoche an.

Und von einem Kollegen wird der heilige Geist immer nur dann angeführt, wenn er faul war oder keine Zeit für seine Predigt hatte. Der müsse das dann eben richten, der heilige Geist. 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag zeigt uns einen Aspekt des Heiligen Geistes, wie er in der frühen Kirche, in der Gemeinde des Evangelisten Johannes erlebt und vorgestellt wurde.

Als Tröster wird er da beschrieben. Und als „Geist der Wahrheit“. Und als einer, der untrennbar mit Jesus und Gott dem Vater verbunden ist.

PREDIGTTEXT

Hören wir die Worte Jesu über den Geist, wie sie der Evangelist Johannes im 16. Kapitel überliefert hat:

Das Werk des heiligen Geistes

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?

6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.

7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

9 über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben;

10 über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

11 über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.

13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.

15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

2.   Auslegung ekklesiologisch

Alles andere als ein Mauerblümchendasein fristet der Heilige Geist in der Gemeinde des Johannes. Er kommt, weil Jesus nach der Auferstehung zum Vater geht.

Und weil das nur gerecht sei, damit alle Welt Gott in Form des heiligen Geistes haben kann, nicht nur die überschaubare Zahl der Jünger in der Erscheinung des Auferstandenen.

Alle Welt: Das heißt: Alle, die den heiligen Geist empfangen haben. Alle getauften Christen!

Und alle Christen zusammen machen die eine heilige und apostolische Kirche aus, die weltumspannend und allgemein ist.

Ihr vier, die ihr euch heute Morgen habt taufen lassen, gehört nun zur Kirche Jesu Christi mit dazu. Ihr seid nun ebenfalls angehaucht vom Heiligen Geist Gottes.

Er ist es, der die Kirche macht und uns im Gebet, in der Predigt, beim Abendmahl, während der Taufe, begleitet.

Dabei dürfen wir nicht vergessen:

Er ist auch unverfügbar. Wir müssen nichts spüren, wenn er da ist. Es brauchen nicht die großen emotionalen Momente sein. Der Heilige Geist kann auch ganz nüchtern daherkommen, eben als Geist der Wahrheit, der lehrt und lenkt.

Oder wie Luther im dritten Artikel zum Glaubensbekenntnis sagt:

„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“

Der Heilige Geist ist es, der uns erst den Glauben an Christus plausibel macht. Aus reiner Vernunft kommen wir doch nicht auf die Idee, an einen gekreuzigten Mann zu glauben, der dann angeblich von den Toten auferstanden ist! Zu diesem Glauben kommen wir nur mit Hilfe des Heiligen Geistes!

Und so ist zwar das Wirken des Geistes für uns nicht verfügbar, wir können  ihn uns nie und nimmer verfügbar machen, aber:

(Und das ist eine wahre Ungeheuerlichkeit!):

Überall da, wo auch nur ein wenig Glauben herrscht, da ist der Heilige Geist am Wirken. Das darf man ruhig minimalistisch sehen!

Da können und sollten wir uns dran erfreuen!

Unser kleiner Glaube, der jetzt gerade in uns ist: Ein Werk des Heiligen Geistes!

Die Entscheidung, sich hier und heute taufen zu lassen: Ein Werk des Heiligen Geistes.

Ich kann nun nicht sehen, was in Euren Herzen vorgeht, ob ihr glaubt oder auch nicht. Diejenigen aber, die an den dreieinigen Gott glauben: Die können jetzt tatsächlich mal für einen Moment innehalten und sich klarmachen: Dieser Glaube ist gewirkt von dem Heiligen Geist, der beim ersten Pfingstwunder in Jerusalem die Apostel auf die Straßen getrieben hat.

Euer Glaube wird unmittelbar von Gott gewirkt. Jetzt. In diesem Augenblick ist er in euch und um euch.

PAUSE

3.   Gedanken zum Geist, der in der Kirche weht 

Der Heilige Geist wirkt in Euch den Glauben. Alle Gläubigen zusammengenommen bilden die Kirche.

So ist die Kirche also auch ein Werk des Heiligen Geistes.

Aber die sichtbare Kirche hält so manche Ärgernisse bereit, die alles andere als geistgewirkt erscheinen.

Über vieles kann man sich aufregen. Man muss gar nicht an Kreuzzüge und Hexenverbrennungen denken, wenn man an seiner Kirche Dinge kritisieren will.

Und was dem einen an der Kirche gerade recht ist, das ist dem anderen gar nicht billig.

Meinungsverschiedenheiten, Eifersüchteleien, Heuchelei – all das sind schlimme Erfahrungen, die man durchaus mit den sichtbaren Kirchen machen kann.

Welcher Geist weht in der Kirche?

Ist es der Heilige Geist?

Ist es der Geist der Wahrheit?

Ist es der Tröster-Geist, von dem der heutige Predigttext zu uns spricht?

4.   Auf dem Kirchentag mit der Bonhoeffergemeinde

Es ist naheliegend, auf Ereignisse zu schauen, die mit der Kirche in Zusammenhang gebracht werden.

Es bietet sich geradezu an, das evangelische Großereignis dieses Jahres einmal mit dieser Frage zu betrachten: Den Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden.

Vergangene Woche war ich da – mit einem überschaubaren Teil der Bonhoeffergemeinde und einer Gruppe von Jugendlichen der Kirchenkreise Fulda, Schlüchtern und Gelnhausen sind wir dorthin gefahren. In einer Schule in Meißen 30 km vor Dresden hatten wir unser Quartier in einem Klassenzimmer.

Einige von euch waren unabhängig von mir da, und viele werden das Ereignis live im Fernsehen oder zumindest durch die Nachrichten verfolgt haben.

Was für ein Geist herrscht auf einem Kirchentag?

Drei Szenen, die für mich sehr charakteristisch waren:

Szene 1: Im Zelt schwitzen etwa 40 Menschen, die sich auf kleinen Kniebänken niedergelassen haben. Ich bin allein unterwegs, bin müde vom Laufen und von der heißen Mittagssonne. Die Menschen auf den Kniebänken schweigen, ich versuche möglichst leise einen Platz zu bekommen.

Ich beobachte. Die meisten Menschen haben die Augen zu. Einige schauen glücklich, andere ernst. Ich schließe ebenfalls die Augen, mehr aus Müdigkeit als aus Glaubensinteresse.

Plötzlich fängt einer an zu singen. Einfache Weisen aus Taizé erfüllen das Zelt. Mehr und mehr fallen in die Melodie ein. Auch ich singe nun mit. Fühle mich seltsam entspannt.

Als die Andacht vorüber ist, verlasse ich das Zelt wieder. Diese Pause hat einfach gut getan.

Szene 2:

Dick gepanzert stehen an der Semperoper zwei Polizistinnen. Sie sind schwer bewaffnet, Polizeistock und Pistole sind gut sichtbar. Es hat sich um sie herum eine kleine Menschenmenge gebildet. Geduldig und mit dem typischen dresdner Einschlag weisen sie den Kirchentagsbesuchern den Weg. Wo ist die Neustadt, gibt es in der Nähe öffentliche Toiletten, wie kommen wir am schnellsten zu Margot Kässmann usw.

Auch ich habe mich angestellt, um den Weg zum Bahnhof zu erfragen.

Dick gepanzert und doch so, als wären sie einfach nur Ortskundige, gehen sie mit uns um.

Obwohl zeitweise 300.000 Menschen gleichzeitig den Kirchentag besuchten, brauchten sie weder Polizeistock noch Rüstung.

Szene 3:

In Halle 3 auf dem Messegelände wird gestritten. Applaus, empörte Zwischenrufe und Gelächter wechseln sich ab.

Zwei Theologinnen ringen mit einem Kulturphilosophen darum, was die Kirche ausmacht und welche Kirche wir heute brauchen.

Die eine Theologin ist Professorin für feministische Theologie. Sie kann mit Gottesdiensten nichts mehr anfangen. Ihr reicht es, in der „Bibel für gerechte Sprache“ zu lesen und einmal im Jahr im Frauenbildungszentrum mit lieben Menschen aus aller Welt gemeinsam zu Abend zu essen.

Der anderen Theologin reicht das nicht. Sie will, dass sich Kirche für Weltfrieden und Solidarität mit den Armen einsetzt. Und Gottesdienste sollten sich mehr daran orientieren, was die Menschen gerade jetzt brauchen, dass man sich im Kirchenraum wohlfühlt.

Sie erntet viel Applaus.

Der junge Kulturphilosoph blickt die beiden ein wenig frostig an. „Predigt und Gottesdienst“, sagt er immer wieder. „Wir brauchen Gottesdienste und Predigten, die die Menschen herausfordern. Ich will nicht abgeholt werden, ich will mit Gott konfrontiert werden. Das soll sich nicht an meinem Bedürfnis, sondern muss sich an der Wahrheit des Evangeliums orientieren.“

Er erntet das meiste Gelächter. Ich applaudiere, dass mir die Hände schmerzen.

Ein buntes Bild, das diese drei Szenen ergeben. Ein Bild, das uns auch etwas über die Vielfalt des Heiligen Geistes sagt.

Wo er da genau gewirkt hat, das kann niemand mit endgültiger Gewissheit sagen…

Die innere Frömmigkeit beim Meditationsgottesdienst auf den Kniebänken hat mir für einen Moment die Ruhe gebracht, die ich brauchte.

Die große Friedfertigkeit von 300.000 Menschen hat mir gezeigt, dass der Geist, der all diese Menschen verbindet, Panzer und Schlagstöcke überwindet.

Und der Streit der Menschen um die richtige Kirche gab mir mit auf den Weg, dass unser evangelische Glaube wirklich bunt und verschiedenartig ist, aber dass diese Unterschiede auch in Ordnung sind.

Denn: Wenn da Glaube ist, dann ist da auch der Heilige Geist.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.