Predigt an Reminiszere 2016 zu Röm 5,1-5: Christen in der Verfolgung

PREDIGT ZU RÖM 5,1-5: CHRISTEN IN DER VERFOLGUNG
51 Da wir nun  gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir  Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
2 durch ihn haben wir auch  den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern  wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, daß Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber  Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5  Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.


1.    Einführung: Ich in der BAMF Gießen
Liebe Gemeinde, 
am Montag bin ich mit einer iranischen Flüchtlingsfamilie zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nach Gießen gefahren. Die Kinder wurden vorher rasch in den Kindergarten nach St. Paulus gebracht, dann habe ich mich mit den beiden aufgemacht, um zur Anhörung, zum großen Interview zu fahren. Die Familie gehört seit letzten März zur Bonhoeffer-Gemeinde – er ist ein guter Kirchgänger und hilft in der Gemeinde ehrenamtlich mit, wann immer ich ihn frage. Sie ist ab und an beim Krabbelkreis dabei und hat jetzt angeregt, dass wir einen Glaubenskurs für Iraner anbieten sollen. Pfr. Pfeifer und ich arbeiten gerade daran. 

Also nun: Anhörung in Gießen mit der ungewissen Aussicht auf ein Bleiberecht. 
Bekommen diese Leute hier Asyl? 
Oder werden sie zurück in den Iran geschickt werden?
Oder bekommen sie den unangenehmen Aufenthaltsstatus der „Duldung“, wo man auf Jahre hin zwischen den Stühlen hängt?

Wenn ihr euch auskennt, dann wisst ihr, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wie ein Gefängnis abgesichert ist – nach innen wie nach außen. Große stacheldrahtbewehrte Zäune, im Gebäude Gittertüren, wie ich es nur aus dem Knast in Hünfeld kenne. Ich durfte nicht einmal unbegleitet die Toilette benutzen – wovor die Beamten Angst haben, wurde mir leider nicht erläutert. Aber wahrscheinlich haben sie so schlechte Erfahrungen gemacht, dass das nötig ist.

Nach einer Stunde des Wartens wurden wir in eine kleine Amtsstube geführt. Ein völlig überarbeiteter Amtmann saß uns gegenüber an einem Computer, in der Ecke saß ein Auszubildender und hörte zu. Ich nahm an, das würde jetzt schnell gehen. Für mich stellte sich die Situation so einfach dar. Für den Beamten freilich nicht. 

Zweieinhalb Stunden mussten die beiden erzählen. Alles schleppte sich lang hin, denn es wurde per Übersetzer, also mit einem Dolmetscher, verhandelt. Wie es im Iran war. Warum sie nun hier sind. Was das alles mit dem Christentum zu tun hat.

Im Iran gibt es Formen des Christentums, die erlaubt sind. Die Menschen, die in christlichen Familien geboren werden, dürfen ihre Religion behalten. Das sind in erster Linie orthodoxe Christen, oder Angehörige der armenischen Minderheit. Denen sind dann zwar eine Reihe von Berufen verwehrt und sie werden dadurch diskriminiert, aber sie dürfen ihren Glauben an Jesus Christus einigermaßen unbehelligt leben. 

Doch wenn man sich als gebürtiger Moslem entscheidet, auch nur eine Kirche zu besuchen oder gar ein Christ werden zu wollen, dann ist man übel dran. Irgendwann spricht es sich herum bis in Polizei- oder Geheimpolizeikreise und man hat die Sicherheitsdienste bei sich im Haus.

Momentan gibt es im Iran eine Welle der christlichen Erweckung. Wahrscheinlich in keinem Land der Welt finden momentan so viele Menschen zu Jesus Christus wie im Iran. Untergrundartig läuft das Ganze.
Heimlich. Ohne eine Institution oder Organisation. Der eine sagt es dem anderen weiter.

Abbas erzählte bei der BAMF, wie er Jesus fand – oder vielleicht eher Jesus ihn: „Wir waren befreundet mit einem Mann namens Raschid, von dem wir wussten, dass er ein Christ war, ein evangelischer. Wir wussten auch, dass das verboten war – aber es gibt im Iran so vieles verbotenes –  und die Leute machen das dann trotzdem. Eines Tages waren wir bei Raschid eingeladen und er hat uns gefragt, ob wir zusammen Musik machen wollen. Er könne aber nur fromme christliche Lieder spielen. Da haben wir dann zu dritt zusammen gesessen und gesungen und das erste Mal von Jesus aus der Sicht der Christen gehört. Wir kannten ihn ja schon aus muslimischer Sicht. Aber das jetzt war für uns etwas ganz neues. Wir trafen uns für die Musik noch drei oder vier Mal, und dann fragte er uns, ob wir mal mitkommen wollen in eine Untergrundkirche. 
Jung und dumm wie wir waren, gingen wir mit. Die kleine Gruppe, die aus nicht mehr als 8 oder 10 Leuten bestand, betete, sang und diskutierte über die biblischen Bücher. Was wir da erfuhren, war eine Erlösung vom bisherigen Leben: Gott war auf einmal nicht länger finster, sondern freundlich und voller Liebe. Wir kannten vom schiitischen Islam immer nur die Androhung der Hölle und dass die Mullahs uns sagten, was wir tun sollen. 
Und ständig wird in der Moschee und auf den Festen geweint aus Angst vor Gott. Wie anders waren diese Versammlungen! Fröhlich, positiv, voller Lachen. Als dann die Polizei vor unserem Haus stand, und unsere Flucht begann, dachten wir noch, dass sich alles einrenken würde. Wir hatten doch eigentlich nichts gemacht, meine Frau war schwanger und wir waren keine armen Leute im Iran. Erst haben wir bei Freunden übernachtet, dann sind wir über die Türkei abgehauen, als klar wurde, dass der iranische Staat wohl ernst macht. Aus der Zeitung haben wir in der Türkei erfahren, dass unsere Untergrundkirche zugemacht worden ist und alle Mitglieder verhaftet worden sind. Wir können nicht mehr so tun, als hätten wir das alles nicht erlebt: Wir können nicht mehr zurück in den Iran, einfach deswegen, weil wir den christlichen Gott gefunden haben. Und wenn wir dem nicht abschwören, dann werde ich gehenkt und meine Frau geht für immer ins Gefängnis.“

2.    Der Apostel Paulus und die Situation der Verfolgung
Der Apostel Paulus schreibt zu dieser Erfahrung direkt. Er wusste von den Bedrängnissen, die Christen treffen können. Die ersten Verfolgungen oder zumindest Anfeindungen erlebte er noch mit. (Die Legende besagt, Paulus sei bei den Christenverfolgungen des römischen Kaisers Nero getötet worden.)
 
Er schreibt, dass wir uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes rühmen.
„Nicht allein aber das, sondern  wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, daß Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber  Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5  Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Für mich ist das schwer einzusehen; warum sollten wir uns der Bedrängnis rühmen? Vielleicht verstehe ich das nicht, weil ich hier in großer Sicherheit lebe. 

Aber für all die iranischen Christen im Untergrund, für all die Christen auf der Flucht aus Syrien und dem Irak, macht diese Abfolge durchaus Sinn. Sie passt zu ihrer Lebenserfahrung, die, wenn man so will, die dunkle Seite, die das Christentum mit sich bringt, thematisiert, nämlich dass es nicht einfach ist, ein Christ zu sein. 

Ich versuche es mal aus meiner Position eines satten westlichen Christen:
Bedrängnis, so Paulus, führt zu Geduld. 
Oh ja, die konvertierten Christen im Iran sind geduldig. Ich weiß von einem iranischen Konvertiten, der gegenüber einer armenischen Kirche gewohnt hat, aber aus Furcht nie hingegangen ist. Stattdessen hat er viel über das Christentum im Internet gelesen und ist darüber zum Glauben an Christus gekommen. Sonntags hat er durch das offene Fenster die Gesänge der Liturgie gehört und sich ausgemalt, was da wohl vor sich geht.
Ab und an mal hat er sich mit seinen Glaubensgeschwistern im Hauskreis heimlich getroffen. Bis auch da die Religionspolizei zugeschlagen hat. (Da hinten sitzt er übrigens).

Geduld ist nötig in Bedrängnis, und diese kommt einem einfach so zu, so Paulus. Warten, abwarten. Dann die Gelegenheit nutzen. Da ist ein Mitbruder, eine Mitschwester. Das wenige Wissen um Jesus teilen.  Ein paar Kopien machen. Ein Gebet. Vielleicht ein Lied, wenn jemand eines kennt. Eine Umarmung. Schnell wieder aus einander gehen.

„Geduld aber führt zu Bewährung.“ Gemeint ist tatsächlich eine charakterliche Bewährung (dokimä), die durchaus eine Prüfung des eigenen Gewissens beinhaltet. Anders gewendet: Werde ich, wenn ich aufgrund meines Christseins verfolgt und bedrängt werde, trotz der Geduld, die ich erhalte, mich im Glauben bewähren? Oder werde ich aufgeben und hinschmeißen, mich den Bedrängnissen unterwerfen? „Dann werd´ halt wieder Muslim“, wurde geflüchteten Konvertiten gesagt, die gern in ihre Heimat zurückmöchten. Das ist für denjenigen vielleicht möglich, einfach hin und her zu wechseln, für den seine Religion nicht wichtig ist. 

Schwarze Schafe mag es immer geben, die ihre neue Liebe für Jesus nur vorgaukeln, um ins reiche Deutschland zu kommen. Die gibt es zweifellos. Aber kommt man mit ernsthaften Konvertiten ins Gespräch, dann fällt eine Hingabe an Gott auf, wie ich sie bei den einheimischen Christen oft vermisse. Da ist etwas Unbedingtes, etwas Glühendes, eine Leidenschaft, die etwas hat von dem Christentum, das ein Paulus gepredigt hat 
und das die späteren Generationen in den ersten Jahrhunderten, die apostolischen Väter, die Apologeten, wie Justin oder Origenes oder auch Tertullian es vor sich her trugen. Wer einmal vom Feuer der Liebe Jesu entflammt ist, der kann nicht mehr zurück. Der ist selbst in Bedrängnis und Geduld charakterstark und wird seinen Glauben bewähren.

Paulus weiter: Derjenige, der sich bewährt hat, lebt in der Hoffnung. Nämlich die Hoffnung auf Gott selber. 
Das heißt: „Durch den Kampf mit den Anfechtungen im Durchstehen der Leiden wird die darin vorausgesetzte Hoffnung nur immer gewisser, stärker und bestimmender.“ 
Selbst, wenn Christen heute in Bedrängnis sind, haben sie die gute Hoffnung, dass sie für ihre Standhaftigkeit belohnt werden. Ewiges Leben ist schließlich keine Kleinigkeit!

3.    Unsere Situation vor Ort
Und wir? Wir sind ja nicht im Iran, hier gibt es keine Christenverfolgungen. Was hat das alles mit uns zu tun? O doch. Es gibt sie. 
Ich kenne nur wenige Flüchtlinge, die konvertierte Christen sind, aber alle erzählen mir von Bedrohungen und Gewalterfahrungen in den Asylantenheimen. Und alle meine Kollegen erzählen mir exakt das gleiche:  Geflüchtete Konvertiten haben hier vor Ort Leidenserfahrungen gemacht, nur deswegen, weil sie Christen geworden sind.

Wo ist da die Bonhoeffer-Gemeinde, um diesen Leuten beizustehen? Wo sind die frommen Menschen, die sich religiöse Reden von Pfarrer Lange anhören, aber zurückschrecken, wenn der Glaube in die Bedrängnis geht? Wo ist euer Mitleiden, euer Mitfühlen mit euren Glaubensgeschwistern?  Wo ist der Aufschrei der aufrechten Christen darüber, dass es dies sogar in unserem Land, direkt hier in Fulda, gibt?

Wollen die Christen in Deutschland nur den ersten Satz des Predigttextes? „Da wir nun  gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir  Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus (V1)“.
Selbstgerecht Frieden mit Gott machen? 

Bonhoeffer sagte einmal seinen Studenten: „Wer nicht für die Juden schreit, soll auch nicht gregorianisch singen.“ 
Ich möchte mich dem anschließen und euch sagen: „Wer nicht für unsere Glaubensgeschwister in unserer Nachbarschaft eintritt, der hat in einem evangelischen Gottesdienst nichts mehr verloren.“

Wir stehen damit vor einer Zerreißprobe: Zwischen denjenigen, die erkennen, was für eine gewaltige Aufgabe vor uns steht; die sich geduldig darin bewähren und die Hoffnung nicht aufgeben, weil sie wissen, dass sie mit Gott auf ihrer Seite nur gewinnen können – und denjenigen, die den Kopf in den Sand stecken und längst vergessen haben, dass unser Christentum in Deutschland genauso fragil, so zerbrechlich ist wie das im Iran. 

Es gilt heute wieder mutig zu bekennen. Und sich dafür auch anfeinden zu lassen. Von den einen zum Gutmenschen abgestempelt zu werden, weil man für Flüchtlinge eintritt. Und von den anderen als rechtsradikal  beschimpft zu werden, weil man beim Namen nennt, was Sache ist. Beides erlebe ich immer wieder. 

Zu guter Letzt: Diese Menschen, von denen ich rede, sind nicht die Täter von Paris oder Istanbul oder Köln. Es sind die Elenden, die Opfer aus den Kriegsgebieten, Unterdrückte der Islamischen Staaten, Menschen, 
die in dieser Welt Frieden und Ruhe suchen, Geborgenheit für sich und ihre Familien. Menschen, die als unsere Glaubensgeschwister tapfer Jesus als den Herrn bekennen. Unter uns aber stellt manch einer sie im Übereifer unserer endlosen Debatten zu den potentiellen Mördern und Attentätern. Angstgetriebene verschanzen sich hinter Mauern und Zäunen und Belastbarkeitsgrenzen als seinen wir eine belagerte Stadt. Als könnte man nicht differenzieren!

Angst macht blind. Und darum ist mir dies heute morgen so wichtig. Vergesst Eure Glaubensgeschwister nicht: Die Hilfesuchenden bei uns genausowenig wie die Verfolgten im Iran oder in Syrien. Verleih ihnen eine Stimme. Misch dich ein. Werde Pate für einen konvertierten Christen, eine konvertierte Christin.

Wenn du das nicht kannst: Bete für sie. Jeden Tag! 

Ja, auch wir verspüren zunehmend  Angst um uns, um unser Land, um unsere Freiheit. Aber diese Angst darf unsere Barmherzigkeit nicht besiegen. Unseren Charakter, der gerade in der Bedrängung sich bewähren soll. Im Vertrauen auf die Herrlichkeit Gottes.
Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

LIED: IN DEINE STILLE KOMME ICH

Predigt zu Judika 2013, Markus 10,35-45: Ehemalige Kinder des Bonhoefferhauses predigen

Predigt zum Sonntag Judika, 17.3.2013, Bonhoefferhaus Fulda

von Pfarrer Christian Fischer, Kassel

Liebe Gemeinde, unser heutiger Predigttext steht im  Markusevangelium, 10. Kapitel, Verse 35-45.

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?

Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder  euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir.


Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;

und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Amen.

Liebe Gemeinde,

ein uraltes Thema, das unser Predigttext anspricht. So alt wie die Menschheit. Sie kennen es, ich kenne es, keiner ist so richtig frei davon. Die Frage ist ganz einfach. Werden wir wirklich geliebt? Oder anders herum: Wen hast Du am liebsten? Wem gehört der Platz an Deiner Seite…

Wenn Sie Geschwister haben, kennen Sie das Problem. Haben Sie auch einmal als Kind Ihre Mutter gefragt: Mami, wen hast Du lieber, meinen Bruder oder mich? Wen hast Du am liebsten?

Ich weiß nicht, was Ihre Mutter darauf geantwortet hat. Aber besonders beliebt ist bei Müttern die Antwort: Ich habe Euch beide natürlich gleich lieb.

Eine schöne Antwort. Haben Sie sie geglaubt?

Wen hast du am liebsten – die Frage stellt sich nicht nur in der Familie. Auch in jeder Gemeinschaft ist sie manchmal das große heimliche Thema.

Am Arbeitsplatz zum Beispiel. Wen mag der Chef oder die Chefin ganz besonders? Wer bekommt die besten Beurteilungen, mit wem werden vertrauliche Details ausgetauscht?

Oder in der Schule. Wer wird von der Lehrerin besser als die anderen behandelt,  bei wem drückt sie immer wieder ein Auge zu. Wer darf beim Ausflug neben ihr sitzen. Tja, die Sympathie lässt sich eben doch nicht so richtig verbergen.

Wen hast du am liebsten – die Frage stellte sich und stellt sich immer wieder auch in unserer Gemeinde. Das war auch schon so vor 35 Jahren, als ich im Bonhoefferhaus mitgemacht habe. Wir alle wollten beachtet werden. Schon damals

Ganz besonders von unserem damaligen Pfarrer. Martin Slenczka.

Unter uns Jugendlichen nur „Der Chef“ genannt.

Darin drückte sich Anerkennung und Bewunderung aus. Und gleichzeitig war er derjenige, an dem wir uns orientierten. Uns sicher fragten wir uns auch damals manchmal: Wen mag er ganz besonders?

Sie sehen, das mit der Gleichbehandlung ist eine eine schwierige Sache. Und ich frage mich:

Warum wollen wir eigentlich immer gerne die Nummer eins sein?

Ich glaube, ein Grund dafür liegt auf der Hand: Wir brauchen Liebe, um zu leben. Wir brauchen Liebe, um Vertrauen in die Welt zu gewinnen. Wir brauchen das Gefühl, anerkannt zu werden, damit wir vertrauen in uns selbst bekommen. Und wenn wir nicht genug davon bekommen, fangen wir an, uns umzusehen. Wer bekommt die Liebe, die wir nicht bekommen. Kann man etwas dafür tun, damit wir mehr geliebt werden.

Und schon ändern wir unser Verhalten, damit wir bekommen, was wir so nötig brauchen.

Wir strengen uns an, damit wir gelobt werden.

Wir versuchen, in der Schule, gute Noten zu schreiben, damit wir unsere Eltern glücklich machen. Denn nur glückliche Eltern geben uns das Gefühl: Ja sie lieben uns. Wirklich.

Wir strengen uns an, am Arbeitsplatz, damit wir von unseren Vorgesetzten das Gefühl bekommen. Ja, wir brauchen dich, wir schätzen deine Arbeit.

Und in unseren Gemeinden wünschen wir uns die Anerkennung vom Pfarrer oder der Pfarrerin, damit das Ganze für uns Sinn macht.

Ist es da nicht verständlich, dass auch die Jünger Jakobus und Johannes zu ihren Chef gehen und die Bitte äußern: Jesus wir würden unheimlich gerne später mal ganz nah bei Dir ein, am liebsten zu Deiner Rechten und zu Deiner Linken.

Ich seh sie schon da stehen vor Jesus, in großer Erwartung. Wie sie hoffen, dass er sagt: „Klar, das geht in Ordnung, ihr seid doch meine liebsten, ihr müsst es den anderen ja nicht weitersagen …“

Es könnte doch alles so einfach sein. Jesus gibt ihnen ihre Wunschplätze und alle sind glücklich. Aber nix da. Jesus sagt klar und deutlich, dass die Platzvergabe gar nicht seine Sache ist. Und schließlich werden noch die anderen Jünger wütend. Auch sie wollen ja alle gerecht behandelt werden.

Große Verwirrung, bis Jesus klarstellt. Versteht endlich, bei mir geht’s nicht darum wer der erste ist, sondern dass ihr Euch helft und dient. Gerade wer glaubt, mich an meisten zu lieben, der soll der größte Diener sein.

Was für eine Antwort. Statt dem Logenplatz an der Seite des Herrn, nur der Platzanweiser für die anderen. „Darf ich Dir meinen Platz geben, um den ich solange gekämpft habe. Darf ich dir den Vortritt lassen. Ich geb Dir meinen Platz gerne “  –

Oh, ich merke wie schwer das ist. Das, was ich für mich so lange ersehnt habe, soll ich freiwillig den anderen überlassen. Das geht uns doch allen ziemlich gegen den Strich.

Na gut, ich möchte mich dennoch für einen Augenblick auf den Gedanken einlassen.

Was hieße es denn, diese Aufforderung Jesu in die Tat umzusetzen.

1. Ich müsste lernen, anderen den Vortritt zu lassen. Auch dann, wenn ich davon überzeugt bin, dass ich der richtige bin. Nicht nach vorne drängeln und laut rufen: Hier bin ich. Sondern abwarten, warten, wer es vielleicht nötiger hat, den Posten zu übernehmen. Ganz schön schwierig, anderen den Vortritt zu lassen.

2. Ich müsste lernen, mich mit anderen zu freuen. Und zwar nicht nur mit meinen Freunden, sondern vielleicht sogar mit meinen Konkurrenten. In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde. Das ist echt schwer

3. Ich müsste lernen auch mal zu verlieren. Oder zurückzustehen.
„Können Sie verlieren?“
 Also ich finde das unheimlich schwer.
Zurückzustehen und dann noch dem Gewinner gratulieren. Vielleicht lernt man das am besten beim Sport.
Das gibt’s dafür regeln. Die helfen.
Es ist aber wirklich nicht einfach.

Also, wenn ich das Ernst nehme, was Jesus sagt, müsste ich es lernen, anderen den Vortritt zu lassen, mich mit anderen zu freuen,  und schließlich auch mal zu zurückzustehen oder gar zu verlieren.

Tja, liebe Gemeinde. Und genau diese drei wichtigen Dinge, die habe ich genau hier im Bonhoefferhaus gelernt.

Als 8- jähriger in der Jungschar,

im Kindergottesdienst,

später im Konfirmandenunterricht und als Jugendlicher in der Disco. 

Was war das für mich eine Freude jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Als Konfirmand war ich ganz stolz darauf, endlich der Predigt von Pfarrer Slenczka zu lauschen. Die war immer spannend und meistens Tagesgespräch. Und dann danach draußen beim Kicker die Freunde treffen. Wie schön. Und lustig und laut. Und trotzdem nicht immer gewonnen.

Und wie bewegend. Das erste Abendmahl. Am Vorabend der Konfirmation an Tischen, hier in diesem Raum. Ich seh das alles noch vor mir. Brot und Wein geteilt. Keine Verlierer und keine Gewinner in der Gemeinschaft Jesu Christi. Wenigstens für einen Moment. Beim Abendmahl. Schön, dass man den Raum von damals noch erkennen kann. Ist immerhin über 30 Jahre her.

Ich muss gestehen, leicht gefallen ist mir das nicht, als Kind zu lernen, dass man anderen den Vortritt lassen kann, ohne etwas dabei zu verlieren. So wie es wohl auch Jakobus und Johannes nicht leichtgefallen ist, wo sie doch so gerne den Ehrenplatz wollten.

Aber ich hatte hier in diesem Haus  immer das Gefühl, dass Jesus mitten  unter uns ist. Das er mit jedem redet und jedem sein Lachen schenkt. Dass er keine Unterschiede macht. Egal aus welcher Ecke der Gemeinde jemand kommt, egal ob er viel Geld hat oder wenig.

Ja, hier habe ich gelernt, dass es gut tun kann, einander zu dienen und abzugeben. Und manchmal habe ich die Frage nach den besten Plätzen dann ganz einfach vergessen. War nicht mehr so wichtig, wer die Nummer 1 ist. Und das war ein schönes Gefühl.

In unserem Predigttext sagt Jesus: Das mit den besten Plätzen, dass kann ich Euch sowieso nicht versprechen, da habe ich überhaupt keinen Einfluss drauf. Gott allein sagt nämlich, wer auf welchen Platz kommt. Und er wird diese Plätze jenen geben, für die sie bestimmt sind.

Ich kann mich also anstrengen, wie ich will, mein Platz ist bestimmt. Das ist frustrierend für all jene, die glaubten, sich durch besondere Leistung ihren Platz erkämpfen zu können. Das ist furchtbar, für jeden, der sich so anstrengt, um Erfolg, Liebe und Zuneigung zu gewinnen.

Aber das ist ein wunderbarer Satz, für all jene, die Gott vertrauen wollen. Für all jene heißt das nämlich: Du hast Deinen Platz bei Gott sicher und diesen Platz kann Dir keiner wegnehmen.

Du brauchst Dir keine Gedanken zu machen, wo dieser Platz ist, denn Gott hat ihn bestimmt.

Er weiß vielleicht besser als Du selbst, wo Dein richtiger Platz am Tisch des Herrn ist.

Mach Dir also keine Gedanken um die Platzkarten.

Ist das nicht ein schönes Gefühl: Kein Gerangel um die besten Plätze, keine bange Frage, komm ich noch rein, kein Herumgeschubse. Kein banges Warten auf die Liebe, auf die Zuneigung.

Bei Gott ist unser Platz sicher. Er kennt mich. Er liebt mich und hat schon den richtigen Platz für mich ausgesucht.

Merken Sie, wie man aufatmen kann, wenn der Platz bereits reserviert ist. Wie frei das macht?

Wer die Angst verliert, nicht den besten Platz zu bekommen, der wird frei. Und Freiheit, ja die war in diesem Haus für mich wirklich immer wieder zum Greifen nah. Hier im Bonhoefferhaus in Fulda wurde Kirchengeschichte geschrieben. Hier durfte vieles gedacht und laut gesagt werden, was sonst in Fulda sich kaum einer zu sagen traute.

Hier durfte ehrlich gebetet und gelobt werden. Und wenige Augenblicke später wurde gelacht und getanzt. Getanzt? – Ja, getanzt!

Sicher, da werden sich nur wenige dran erinnern. An „Green Apple“ – die Discothek im Bonhoefferhaus. An manchen Freitagabenden hatten wir über 200 Tanzwütige Jugendliche hier im Haus, die Motorräder standen aufgereiht vor der Eingangstür und einmal musste sogar die Polizei kommen. Welch ein Geschenk, dass wir einen Küster Bämpfer hatten, der immer da war, wenn es brenzlig wurde und zu uns gehalten hat.

Ja, das ist Freiheit, Dinge auszuprobieren, die sich keiner so recht vorstellen kann. Und Menschen zu haben, die dich dabei zu unterstützen. Ich bin heute noch unendlich dankbar für diese Erfahrungen der Freiheit.

Und ich finde es toll, dass diese Freiheit hier im Bonhoefferhaus so viele Nachahmer gefunden hat. Bis auf den heutigen Tag. So viele Glücksfälle. Da hat Gott nicht mit seinem Segen gespart. 

Wenn Du mir vertraust, werde ich den richtigen Platz für Dich finden und freihalten, sagt Gott unser Herr. So wie ich den richtigen Platz für meinen Sohn Jesus frei gehalten habe. So wie ich ihn für Jakobus und Johannes frei gehalten habe, genauso werde ich ihn auch für Dich frei halten.

Wer auf dieses Angebot vertraut, der kann wirklich lernen, abzugeben und loszulassen.

Versuchen wir`s.

Ohne Neid und Konkurrenz

Anderen den Vortritt lassen

und Schritte in die Freiheit gehen.

Öffne unsere Herzen, Herr, dass uns dies jeden Tag, ein bisschen mehr gelingt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

Predigt zu Invokavit 2012, 1. Mose 3,1-19: Der Sündenfall

Predigt über Genesis, 1. Mose 3,1-19, Invokavit 26.02.2012 Bonhoeffergemeinde Fulda, mit Abm. U. Gospelchor

VERLESUNG des Abschnitts nach rev. Lutherbibel

Liebe Gemeinde zu Anfang der Passionszeit,

 in unseren Lutherbibeln steht über dieser alttestamentlichen Geschichte die Überschrift „Der Sündenfall“ . Obwohl das Wort „Sünde“ in dieser Geschichte noch nicht fällt, sondern erst im nachfolgenden Kapitel bei Kain und Abel (4,7), muss diese Überschrift nicht unangemessen sein. Diese Geschichte ist – jedenfalls in einigen Details – dermassen bekannt, dass sie nicht nur ungezählte Male Eingang in die bildende Kunst gefunden hat, sondern in unserer Zeit ebenso –durch Bezugspunkte wie  Paradies oder Verführung – in die Werbung für Produkte wie z.B. Autos oder Reisen in ferne Länder oder für Schokolade.


Diese Geschichte enthält mehr bedenkenswerte Einzelheiten als in einer einzelnen Predigt gewürdigt und betrachtet werden können. Am heutigen Sonntag Invokavit legen wir unser besonderes Augenmerk auf den Bereich der Verführung und Versuchung zur Sünde – wie ja auch das gehörte Evangelium.

Die Verse, die wir eben gehört haben, sind eigentlich keine selbständige Geschichte, sondern sie bilden mit der Geschichte in Kapitel 2 vom Garten Eden und von der besonderen Erschaffung bzw. Formung Adams und später seiner Frau eine Einheit. Eine andere Geschichte freilich und davon zu trennen ist die eigentliche Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1, die bezeugt, dass Gott diese ganze Welt samt Himmel und Erde geschaffen hat  ohne eine Vorgabe, rein durch Sein Wort und Seinen Willen. Jene wirkliche Schöpfungsgeschichte ist die einzigartige Geschichte vom  r e i n e n  W e r d e n  der Welt und ihrer Geschöpfe sowie des Menschen als Abbild Gottes.

Der heutige Abschnitt dagegen ist aus der Geschichte eines von Gott mit Leben beschenkten bestimmten Mannes und einer bestimmten Frau in der Begegnung mit Gott und untereinander, in der Begegnung mit der Versuchung und den Folgen der Übertretung des Gebotes Gottes. In der Geschichte wird dabei dieses Menschenpaar als das erste Paar überhaupt aufgefasst.

Ich würde davon abraten, von dieser Geschichte als von einem  M y t h u s  zu sprechen. Ein Mythus handelt von Dingen und Zuständen, die sich turnusmässig, kreislaufartig  und typisch wiederholen, etwa die Kreisläufe von Sommer und Winter oder Ähnliches. Würden wir die Geschichte als Mythos deuten, wurden wir später vielleicht sagen: „So handelt typisch eine Frau“. Oder „So sind eben die Männer.“

Solche Deutungen sind unter Berufung auf diese Geschichte in den mehr als zwei Jahrtausenden der Auslegung immer wieder vorgenommen worden – überwiegend zu Lasten der Frau – , aber eine solche Sichtweise vertritt diese biblische Geschichte jedenfalls nicht.

Eine wirkliche  G e s c h i c h t e  ist in ihrem Handlungsablauf in der Reihenfolge unumkehrbar. Unumkehrbar ist  in dieser Geschichte die Reihenfolge von Gottes Wohltat , Gottes Gebot, der Versuchung zur Übertretung des Gebotes, der Übertretung selbst und der Folgen, die daraus entstehen.

Ein lieber holländischer Bekannter, Piet, Mitglied einer reformierten Kirche, fragte mich vor vielen Jahren einmal sinngemäss so : „Wir lernen doch in der Kirche immer, dass wir alle sündig sind und dass wir nur durch Jesus Christus und Sein Kreuz Vergebung und Erlösung haben. Aber ist das denn fair? Haben wir selber von Gott her denn überhaupt eine Chance, ohne Sünde zu sein?“ – Meine Antwort , zu der ich heute noch stehe, lautete etwa: „Das, was wir Sünde nennen, ist doch nicht unser von Gott geschaffenes Wesen, sondern Sünde besteht im Grunde doch aus lauter   e i n z e l n e n  und  k o n k r e t e n   Übertretungen der Gebote Gottes. Ich glaube nicht, dass auch nur eine einzige dieser Übertretungen zwingend notwendig ist. Wir könnten uns in jedem einzelnen Fall auch  f ü r  Gottes Willen statt gegen Gottes Willen entscheiden.“

Liebe Gemeinde! Ich denke, dass unsere heutige Predigtgeschichte mit dieser Thematik zu tun hat, denn sie erzählt uns auf ihre Weise, wie es zur Verführung und zur Übertretung des Gebotes Gottes kommt. Gleich zu Anfang hier: „Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde , die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“  – Es ist viel darüber gerätselt worden, warum nun gerade die Schlange hier die Rolle des Versuchers übernommen hat. Ist hier wirklich nur an ein bestimmtes Tier gedacht worden? Etwa, weil diese – wie ich finde, wenig kuschelige – Tierart irgendwo liegt, auf unschuldige Beute wartet und dann blitzschnell und tödlich zubeisst? Oder steht noch mehr dahinter? – Es gab im Gottesvolk Israel immer wieder den prophetischen Kampf gegen die Verehrung heidnischer Gottheiten. Dazu gehörte auch eine schlangenähnliche babylonische Gottheit. In 2. Könige 18,4 wird über König Hiskia berichtet: „ Er entfernte die Höhenheiligtümer und zerbrach die Steinmale und hieb das Bild der Aschera um und zerschlug die eiserne Schlange , die Mose gemacht hatte. Denn bis zu dieser Zeit hatte ihr Israel geräuchert , und man nannte sie Nehuschtan.“  – Die Schlange hier in unserer Sündenfallgeschichte ist offensichtlich mehr als eine Tierart – so wie ja in der vorhin gehörten Versuchungsgeschichte Jesu eben der Versucher als Teufel oder Satan auftrit – eine personhafte Macht, die gegen Gott und Seinen Willen auftritt, die den Menschen mit Gott entzweien und auseinanderbringen will. Die theologische Methode dabei ist bei der Schlange gegenüber dem Menschen dieselbe wie beim Teufel gegenüber Jesus: beidemale geht es darum, Gottes Wort im Munde zu führen, um es zu verdrehen und zu verfälschen.

Die Schlange wird hier als „klug“ bezeichnet; das entsprechende hebräische Wort dafür ist „ arom“ ; darauf komme ich noch zurück. „arom“ bedeutet nicht nur klug im Sinn von weise, sondern ebenso klug im Sinn von listig und tückisch. Es ist tückisch, wenn die Schlange hier die Grundform der Verleumdung Gottes, der Lüge und der Abkehr von Gott einführt mit der Frage: „af ki-amar elohim“? – „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“  Diese Fragerichtung ist bis heute geeignet, Gottes in der Bibel klar bezeugtes Wort und Seinen Willen immer wieder in Zweifel zu ziehen und Sein Wort menschlichen Absichten und Ansichten anzugleichen oder es in seiner Autorität und in seiner guten Absicht für den Menschen ganz in Frage zu stellen. Das könnte man nun an allen Worten und Geboten Gottes durchdeklinieren, z.B. am 5. Gebot: „Sollte Gott wirklich gesagt haben: Du sollst nicht töten!?“ – „Vielleicht könnte und sollte man aber doch dem Töten hier und da etwas Raum geben, etwa vor der Geburt oder bei Krankheit oder gegen Lebensende?“

„Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ – In dieser Fragerichtung  haben wir die Urform aller schlechten Theologie vorliegen. „Sollte Gott wirklich gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ fragt die Schlange konkret. Sie kennt wohl Gottes grosszügiges Wort an Adam: „ Du darfst essen von allen Bäumen, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ (Gen.2, 17) Doch macht die Schlange das grosse Angebot Gottes klein gegenüber der einen Einschränkung, indem sie gegenüber der Frau salopp gesagt fragt: “Sag mal, ihr dürft hier  wohl gar nichts, oder?“ – Die Frau korrigiert zunächst wohl die Behauptung der Schlange, indem sie wiederholt, was Gott tatsächlich zum Menschen gesagt hat, aber die Schlange bohrt weiter, indem sie nun zur direkten Lüge übergeht: „ Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiss: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Diese Lüge besteht im Kern darin, dem Menschen einzureden, dass Gott ihn nicht liebt, sondern dass Er eifersüchtig darüber wacht, dass der Mensch Ihm nicht ebenbürtig wird. Was hier als Macht der Versuchung auftaucht, ist eine Macht, die immer nur gegen Gott sein und auftreten kann, eine Macht, die zu Gottes Liebe und Gottes Willen immer nur Nein sagen kann, deren ganze Existenz nur darin besteht, Gott zu hassen. Diese Macht tritt z.B. in Goethes Drama Faust als Mephistopheles auf, der von sich sagt: „ Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“  So wie das Böse Gott nur hassen kann, so hasst es auch Gottes liebstes Geschöpf, den Menschen. Jesus spricht vom Teufel als dem „Vater der Lüge“ (Joh.8,44) Weil er kein Geschöpf Gottes ist, ist er kein wirkliches Wesen, sondern ein Unwesen, auf der Grenze zwischen dem, was nach Gottes Willen geschaffen und gut ist, und dem, was von Gott nicht geschaffen wurde, sondern was verworfen wurde. Gott muss sich vor diesem Unwesen nicht fürchten, weil Gott ihm überlegen ist. Bei uns Menschen sieht das ganz anders aus. In der Geschichte des Menschen hat das Böse, hat jener Ungeist überreiche, schreckliche und millionenfach tödliche Ernte gehalten.

Für die Frau in unserer Sündenfallgeschichte sehen die Früchte des einen verbotenen Baumes verlockend genug aus, um seine Frucht zu nehmen und zu essen – zusammen mit dem Mann.

Dass es sich dabei um einen Apfel handelte, steht dort nicht; vielleicht hat hier die spätere lateinische Übersetzung eine Rolle gespielt, wo das Wort malum im Lateinischen das Schlechte, das Übel bedeutet, das Wort malus dagegen hat die Bedeutung von Apfel. Das nur am Rande.

Die Augen der beiden wurden nach der verbotenen Frucht wohl aufgetan, aber das ursprüngliche Ziel, nämlich klug  zu werden, wurde weit verfehlt: statt klug  – also hebr. „arom“ – zu werden, merken sie nur, dass sie nackt  – hebräisch „eirom“ – waren . Das Wortspiel hier „arom-eirom“(=klug-nackt) steht dafür, dass, wenn der Mensch der Lüge des Versuchers folgt und lieber auf eigene Klugheit als auf die Weisheit Gottes vertraut, dass er dann Moorboden betritt, sumpfiges Gelände, dünnes Eis, oder wie immer wir das im Bild nennen können. Der Mensch, der der Lüge des Versuchers folgte, bricht ein. 

Das Gewahrwerden der Nacktheit hier in der Geschichte und die daraufhin einsetzende zunächst eher spärliche Bekleidung mit Feigenblättern zeigt noch ein Anderes, was im Verlauf der Geschichte noch stärker hervortritt: die ursprüngliche Einheit von Mann und Frau wird nachhaltig beschädigt. Mann und Frau grenzen sich voreinander ab. Rief der Mann im Kapitel davor beim Anblick der Frau noch begeistert aus: „Diese nun endlich! Gebein von meinem Gebein!“, so werden nun Mann und Frau einander sehr bald mit Schuldzuweisungen überziehen.

Nach einem nutzlosen Versteckspiel vor Gott zieht Gott den Mann und seine Frau zur Verantwortung für die Übertretung Seines Gebotes. Adam sagt: „Die Frau, die du mir gegeben hast, gab mir von dem Baum, und ich ass.“ – Ist das womöglich noch ein Vorwurf an Gott, dass Er ihm die Frau zugeführt hatte, über deren Anblick er sich dabei so gefreut hatte? – „Die Frau, die du mir gegeben hast…“ – Sieht so vielleicht die Verantwortung aus, die der Mann in der Geschichte der Menschheit für die Frau so oft gern übernehmen wollte und will?

Auch die von Gott zur Rede gestellte Frau – „Warum hast du das getan?“ – hat keine Neigung, die Verantwortung zu übernehmen: „ Die Schlange betrog mich, so dass ich ass.“ – Das alles sind weitverbreitete Verhaltensmuster , wenn es um die Aufarbeitung von Schuld geht: Schuld haben entweder die Anderen („die Frau, die du mir gegeben hast“ ) oder die Umstände („die Schlange betrog mich“).

Der Versucher selbst, die Schlange, wird von Gott nicht zur Rede gestellt. Gott weiss, mit wem Er es hier zu tun hat. Er hat von dieser Macht des Bösen nichts Anderes erwartet. Er verwirft die Schlange und sagt ihr ewige Feindschaft zwischen dem Schlangengeschlecht und den Nachkommen der Frau voraus. Der Satz „ihr Nachkomme soll dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen“ wurde von den Christen später auf Jesus Christus gedeutet, der das Böse besiegt, aber nicht ohne Seinen Kreuzestod. „…bricht den Kopf der alten Schlangen und zerstört der Höllen Reich.“ (EG 39: Kommt und lasst uns Christum ehren)

Der ursprünglich bei Übertretung des Gebotes durch Gott angedrohte Tod tritt am Ende nicht ein. Das ist ein Akt der Gnade und Bewahrung durch Gott. Dennoch hat die Sünde der Übertretung Folgen für den Menschen : die Frau wird an Schwangerschaft und Geburt von Kindern schwerer tragen als bisher gedacht und ihr Verlangen wird sich auf den Mann richten, der ihr Herr sein wird. Und Adam wird statt des lieblichen Gartens Eden den schwer zu bearbeitenden Acker als Arbeitsstelle haben und gegen Unkraut kämpfen und sich plagen müssen . „Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, von der du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“

Mit diesen Worten endet der heutige Predigtabschnitt, und in der Geschichte wird dann noch weiter erzählt, wie die beiden aus dem Garten vertrieben werden.

Von den hier an die Beiden gerichteten Worten Gottes wurde das Wort an die Frau: „Der Mann wird über dich herrschen“ reichlich dazu benutzt und missbraucht, eine Herrschaftsstellung des Mannes über die Frau als gottgewollt zu begründen. Dabei wurde zu gern übersehen, dass diese Ankündigung im Gefolge des Sündenfalls genannt wird . Die Beherrschung der Frau durch den Mann ist also eine Folge des Ungehorsams gegen Gott , sie ist keine Anordnung Gottes des Schöpfers. Zur guten Schöpfung Gottes gehört vielmehr die Schaffung des Menschen zu Gottes Abbild gerade als Mann und Frau. M.a.W.: die Beherrschung der Frau durch den Mann gehört zu den negativen Folgen der Sünde. Die Beherrschung der Frau durch den Mann ist genauso wenig erstrebenswert  wie der steinige unfruchtbare Acker, wie die Dornen und Disteln  und wie der Tod.

Die Hauptstrafe Adams und seiner Frau scheint mir darin zu liegen, dass jeder eine bestimmte Last auferlegt bekommt, die er  a l l e i n  tragen und schultern muss. Erst durch Jesus Christus, erst durch die Ihn gekommene Versöhnung Gottes mit dem Menschen wird auch ihre innermenschliche Gemeinschaft wieder mit geheilt. Darum kann Paulus später schreiben: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal.6,2)

Erst in Jesus Christus kommt wieder zusammen, was durch menschliche Sünde getrennt wurde: Gott kommt mit dem Menschen wieder zusammen und die, die zu Ihm gehören wollen, kommen wieder zusammen als Seine Gemeinde aus Schwestern und Brüdern und als die Liebesgemeinschaft von Mann und Frau. „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist ? Er heisst Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein andrer Gott, das Feld muss Er behalten.“

Amen.

Predigt zu Judika 2011: Genesis 22: Versuchung Abrahams

Predigt zu Gen 22,1-13: Abrahams Versuchung – Die Opferung Isaaks auf Moria

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat.

22,1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: „Abraham!“

Und er antwortete: „Hier bin ich.“

2 Und er sprach: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.“

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.


4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne

5 und sprach zu seinen Knechten: „Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“

6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.

7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: „Mein Vater!“ Abraham antwortete: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Und er sprach: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“

8 Abraham antwortete: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Und gingen die beiden miteinander.

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz

10 und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete.

11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: „Abraham! Abraham!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“

12 Er sprach: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.“

13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

1.     „…der hat aber gesagt…“

„…und wenn der Stefan dir sagt, dass Du aus dem Fenster springen sollst, was machst Du dann? Ach, das lässt Du dann also bleiben? Dann erzähl mir bitte auch nicht, dass Du der Nina nur deswegen an den Haaren gezogen hast, weil Dir der Stefan das gesagt hat.“

Liebe Gemeinde,

so schimpfte mich vor vielen Jahren einmal mein Grundschullehrer aus.

Nur weil irgendjemand irgendetwas sagt, muss man nicht folgen. Selbst dann nicht, wenn derjenige stärker ist als ich es bin – und ich dadurch ein wenig Angst vor ihm habe.

Es ist keine große Weisheit, dass wir für unser Handeln verantwortlich gemacht werden. Die Ausrede, der oder die sagte mir dies und das… und ich tat das dann – diese Ausrede entbindet uns nicht von der Verantwortung, die wir im Leben mit unseren Taten haben.

2.     „Gott hat aber gesagt…“

Wie verhält es sich aber, wenn Gott es ist, der dieses „etwas“ sagt.

Wie geht es aus, wenn Gott sich direkt ins Leben eines Menschen einmischt?

Wenn er selber – Gott – den Menschen anredet und auffordert, etwas zu tun, das nach unseren Maßstäben unglaublich abwegig ist und an Perversion kaum zu überbieten: Seinen eigenen Sohn zu opfern?

Begeben wir uns einmal in den Gesamtzusammenhang hinein: Abraham und Sara sind alt und kinderlos. Eine Art Ersatzsohn wird mit der Dienstmagd Hagar, der Ägypterin, gezeugt und geboren: Ismael, der später mit seiner Mutter in die Wüste gejagt wird.

Gott erhört die Gebete von Sara und Abraham; in hohem Alter bekommen beide endlich den ersehnten Nachkommen geschenkt: Isaak, der Stammhalter, der geliebte Sohn.

Und genau diesen ersehnten, geliebten Sohn soll Abraham nun diesem Gott opfern.

Dass dies nur eine Prüfung seines Glaubens sein sollte, konnte Abraham nicht wissen. Und wir erfahren nichts darüber, weswegen Gott dem Abraham solch eine Prüfung auferlegt. Gott verlangt von Abraham Abscheuliches. Und Abraham antwortet auf die Forderung Gottes nichts. Er argumentiert nicht, redet sich nicht raus. Abraham steht früh am Morgen auf, nimmt seinen Sohn, zwei Knechte, einen Esel, das Brennholz und zieht los.

Wenn Gott uns direkt anspricht, wenn Gott so konkret in unser Leben tritt, dann handeln wir entsprechend.

Wie ein Automat sind wir dann bereit, selbst den eigenen Sohn zu opfern.

3.     Kant aber hat gesagt

Oder?

Kann man da nicht anders?

Kann man nur so reagieren, wie es Abraham getan hat?

Gott ganz oben – wir ganz unten?

Der große Königsberger Philosoph Immanuel Kant hat sich die Passage über die Opferung Isaaks auch einmal vorgenommen. Er schrieb dazu:

„Denn wenn Gott zum Menschen wirklich spräche, so kann dieser doch niemals wissen, daß es Gott sei, der zu ihm spricht. Es ist schlechterdings unmöglich, daß der Mensch durch seine Sinne den Unendlichen fassen, ihn von Sinnenwesen unterscheiden und ihn woran kennen solle. – Daß es aber nicht Gott sein könne, dessen Stimme er zu hören glaubt, davon kann er sich wohl in einigen Fällen überzeugen; denn wenn das, was ihm durch sie geboten wird, dem moralischen Gesetz zuwider ist, so mag die Erscheinung ihm noch so majestätisch und die ganze Natur überschreitend dünken: er muß sie doch für Täuschung halten.“[1]

Die Antwort Kants ist bestechend einfach:

Erstens: Wir können nie wirklich wissen, wer da zu uns spricht, wenn derjenige behauptet, Gott zu sein. Es könnte ja auch alles nur Einbildung, oder sogar eine psychische Krankheit, sein.

Und zweitens: Wenn das, was man da hört gegen das Sittengesetz, das heißt gegen das, was als moralisch von uns gefordert ist, verstößt, dann könne das nie und nimmer die Stimme Gottes sein.

Abraham hätte dieser Stimme antworten sollen, statt dem Sohn noch das Holz aufzuladen, etwa so:

„Dass ich meinen Sohn nicht töten soll, davon bin ich überzeugt; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott sein könnte, davon bin ich ganz und gar nicht überzeugt, und das kann ich mit der Aufforderung auch nicht werden – selbst dann nicht, wenn deine Stimme klar und deutlich vom Himmel herab rufen würde.“[2]

4.     Ich aber sage euch: Gott ist anders!

Nun, so schön die Argumentation Kants auch ist, sie hat einen Haken: Es wird vorausgesetzt, dass Gott ein durch und durch moralisches Wesen ist, es wird ein immer bloß gerechter, moralischer Gott von Kant erwartet.

Der Kant macht sich´s einfach: Alles, was nicht ins Schema passt, alles, was etwa mit Gottes Zorn, Gottes Eigensinn, Gottes Unnahbarkeit, Gottes Verschlossenheit, Gottes Rache zu tun hat, eben mit all dem, was für uns vor allem im Alten Testament von Gott gesagt wird, all diese Eigenschaften, oder sagen wir lieber: diese dunkle Seite Gottes: Die blendet Kant einfach aus.

Liebe Gemeinde, das kann man tun. Wir Menschen interpretieren Gott eben mal auf diese, mal auf die andere Weise.

Bloß: Was bleibt uns dann noch von dieser Geschichte der Versuchung Abrahams? Ja, was bliebe noch am ganzen Christentum, wenn wir Gott nur noch dann in der Bibel zu Wort kommen ließen, wo er in unsere Vernunft hereinpasst?

Es bliebe der Kuschelgott, der immer nur liebende Gott, der so weich ist, dass er jetzt schon keine Substanz mehr aufweist. Ein Gott, der so bequem und heimelig ist, dass man ihn einfach beiseite stellen oder sich in die Hosentasche stecken kann.

Es wäre der „liebe Gott“, von dem Pfarrerinnen und Pfarrer landauf landab in den letzten Jahren viel zu viel gepredigt haben.

Ein Gott billiger Gnade.

Und wenn es auch richtig ist, dass unser Gott sich uns gegenüber gnädig und barmherzig zeigt, dass er uns unbedingt anerkennt, er uns liebt – so richtig das auch ist, so darf doch darüber nicht vergessen werden, dass, nach allem, was wir hier auf Erden sehen und erleben können, Gott auch manchmal schreckliches ist.

Erzählungen wie die von der beinahe vollzogenen Opferung Isaaks halten uns diese dunklen, anderen Seiten Gottes wach.

Ich gehe davon aus, dass manch einer oder eine von Euch neben all dem Guten, das er von Gott erfahren durfte, sehr wohl auch seine düsteren Seiten erlebt hat – selber oder zumindest im Beobachten der Menschen und der Welt:

Ein Kind, das ich zu Grabe tragen muss, zeigt uns etwas von der dunklen Seite Gottes.

Die Naturkräfte, die er zwar nicht entfesselt, aber sehr wohl zulässt, und die dann Zerstörung anrichten, etwa in Erdbeben und Tsunami, lassen uns erahnen, dass wir es bei Gott nicht einfach nur mit einem zu tun haben, der mit uns schmusen will.

Bei Gott haben wir es immer auch mit etwas ganz Anderem zu tun als wir es erwarten.

Daher halte ich die Argumentation meines Lieblingsphilosophen Kant zwar für durchaus schlüssig, aber letztendlich für falsch.

Gott ist nicht nur Vernunft und Moral, bei Gott haben wir stets auch eine unbekannte Größe vor Augen.

Und die erschreckt uns. Und die zeigt uns die Differenz zwischen Mensch und Gott:

Dieses Aufscheinen der ganzen Andersartigkeit Gottes erzeugt das, was man als Gottesfurcht bezeichnet. Nicht ein Gott, der uns ängstet, aber doch einer, dem wir Menschen mit höchstem Respekt begegnen sollen.

5.     Bonhoeffer sagt: Gott ruft unbedingt!

Doch kommen wir noch einmal zu unserem Predigttext zurück.

Es ist schnell gesagt, dass Abraham ja hätte anders reagieren können, ja sogar anders hätte reagieren sollen.

Sich weigern, protestieren; oder verhandeln, so wie wir Abraham aus der Geschichte kennen, in der er um die Rettung von Sodom und Gomorrha feilscht.

Allein: Der tut das nicht.

Geradezu blindlings folgt auf den Ruf Gottes die Tat Abrahams.

Wie es zu diesem Gehorsam kommen kann, das haben einige von Euch zusammen mit mir bereits am vergangenen Donnerstag beim Bonhoeffergesprächsabend erfahren.

Bonhoeffer schreibt in seinem Büchlein „Nachfolge“ über eine andere Stelle in der Bibel, wo Gott mit seiner gesamten Autorität zu einem Menschen spricht.

Wenn Jesus etwa im Markusevangelium den Zöllner Levi zum Jünger beruft, dann fällt die Reaktion ähnlich kurz und knapp aus wie bei Abrahams Ruf zum Opfer an seinem Sohn.

Jesus spricht im Evangelium: „‘Folge mir nach!‘ Und er stand auf und folgte ihm nach.“

Auch Levi antwortet nicht, sondern folgt dem Ruf Gottes – hier durch Jesus – bedingungslos.

Bonhoeffer dazu: „Der Ruf ergeht, und ohne weitere Vermittlung folgt die gehorsame Tat des Gerufenen. […] Es ist der natürlichen Vernunft überaus anstößig.“[3]

Es müsste doch wenigstens erklärt werden, wie jemand eine so abrupte Wende in seinem Leben vollziehen kann, vom Zöllner zum Jünger; Psychologen, Historiker, Biographieforscher müssten auf den Plan treten. Aber all das interessiert bei der Jüngerberufung nicht.

Bonhoeffer weiter: „Warum (interessiert das) nicht? Weil es nur eine einzige Begründung für dieses Gegenüber von Ruf und Tat gibt: Jesus Christus selbst. Er ist es, der ruft; und darum folgt der Zöllner. […] Jesus ruft in die Nachfolge, nicht als Lehrer und Vorbild, sondern als der Christus, der Sohn Gottes.“

Wenn Gott nun den Menschen ruft, und sei es zur Ermordung des geliebten Sohnes, dann kann der Mensch, dann kann auch Abraham gar nicht anders, als die Messer zu wetzen und umgehend zur Tat zu schreiten.

Wenn die ganze Autorität Gottes in der Waagschale liegt, was sollten wir Menschen dann dagegen setzen können?

6.     Was sagen wir Menschen eigentlich?

Tatsächlich können wir in dieser Situation nichts dagegen setzen.

Wir sind in einer solchen Situation der direkten Gottesbegegnung alles andere als selbstbestimmt.

Gott der Herr ist nicht Stefan aus meiner Grundschulklasse;

mir scheinen im Übrigen solche absoluten Rufe Gottes auch nur sehr spärlich vorzukommen.

– Viel spärlicher jedenfalls als die Rufe der unterschiedlichen Stefans in unserem Leben, sei es am Arbeitsplatz, in der Konfirmandenstunde oder im Freundeskreis.

Da sind die Jünger Jesu, an die solch ein Ruf erging. Da sind die Propheten – bei manchen erging der Ruf zunächst nicht einmal so absolut, die konnten sich noch wehren. Einzelne Gestalten allesamt und einmalig wie Abraham.

Aber an uns?

Ergeht der Ruf Gottes auch an uns, an jeden von uns, an die Kirche, an die hier versammelte Gemeinde?

So unmittelbar, so konkret, so fürchterlich wie bei Abraham erlebe zumindest ich den Ruf Gottes nicht.

Höre ich vielleicht nicht genug hin?

Ist es in unserer Welt zu laut?

Aber kann denn irgendetwas – verstopfte Ohren, oder der Lärm unserer Welt den Ruf Gottes übertönen?

Vielleicht ist es für uns auch besser so, dass Gott die meisten von uns nicht so unmittelbar anredet, wie er es bei Abraham tat.

Wie Gottes Marionetten würden wir die Nachfolge betreiben.

Doch Gott scheint uns lieber als „Freie“ haben zu wollen.

Der braucht uns nicht als seine Marionetten.

Der braucht uns nicht alle als seine Handlanger ohne eigenen Willen.

Freiwill er uns sehen.

Dass diese uns gegebene Freiheit ebenfalls wieder einer düsteren Tat unseres Gottes geschuldet ist, ja die düstere Tat sogar Bedingung der Freiheit ist – 

nämlich das in letzter Konsequenz für uns Menschen nicht fassbare Ereignis der Kreuzigung Jesu Christi, das nun doch vollzogene Menschenopfer, vor dem Issak verschont blieb – 

das lässt uns etwas ratlos zurück.

Auch bei diesem Mord scheint so sehr die düstere Seite Gottes auf, dass es zum Fürchten wäre, wüssten wir nicht, dass dies für uns geschieht.

Für unsleidet er, für uns war er bedingungslos treu.

Für unswurde das blutige Opfer dann doch vollzogen.

Und wenn das verstanden ist, dann verwundert es vielleicht etwas weniger, dass der Ruf Jesu heute an uns so viel leiser ergeht;

weil wir von ihm längst mitgenommen werden, durch´s Kreuz hinein in die Auferweckung.

Trotz den dunklen Seiten Gottes, trotz den Krisen, die unsere Welt erschüttern, trotz des großen Unglaubens seiner Kinder, unserer Sünde.

Letzten Endes hat dann auch Abraham seinen Sohn nicht schlachten müssen. Gott hat ihn verschont. Die helle, freundliche, lichte Seite Gottes wird in der Geschichte für einen Augenblick sichtbar, als der Widder an die Stelle Isaaks tritt.

Und dieser helle Augenblick mag für diejenigen unter euch, die im eigenen Leben der finsteren Seite Gottes begegnet sind oder noch begegnen, am Ende wohltuend als Erlösung erlebt werden.

Am Ende ist und bleibt Gott bei aller Strenge und aller Andersartigkeit für seine Menschen der Barmherzige, der Gnädige; einer, der sich uns freundlich zuwendet.

Kein Gott zum Kuscheln. Das nicht.

Aber ein Gott, der sich für uns geopfert hat – endgültig.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Lied EG 93: Nun gehören unsre Herzen


[1] Kant, Streit der Fakultäten, zitiert nach GPM 65/2=Pastoraltheologie 2011/2, Seite 186.

[2] Nach Kant a.a.O.

[3] Bonhoeffer-Auswahl Bd. 3.Entscheidungen (Hgg.: Gremmels/Huber), 2006, S. 121.

Predigt zum Karfreitag 2009: Es ist vollbracht!

Predigt zu Johannes 19,16-30am Karfreitag 2009

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Predigttext:

Sie nahmen ihn aber

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.


24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.

Es ist vollbracht I

„Es ist vollbracht!“

Was ist vollbracht? Gekreuzigt bist du!

An einen Marterpfahl gebunden lässt du dein Leben hinter dir!

Traurige Menschen lässt du zurück.

Traurige Frauen, traurige Jünger – und vielleicht ein paar enttäuschte Bürger.

Sonst, wie bei jedem Todesfall: eine gewaltige Anzahl dir unbekannter völlig gleichgültiger Menschen. Leute, die dich nicht gekannt haben, die nie von dir gehört haben.

Und nun hängst du am Kreuz, lässt dein Leben.

Und rufst mit dem letzten Atemzug, der dir geblieben ist: Es ist vollbracht!

Hauchst diese großartigen Worte aus.

Als wäre dein Tod eine große Tat, als wären deine Qualen, die du auf dich genommen hast, für irgendjemanden zu verstehen.

Als wären sie für uns zu irgendetwas nütze.

Warum kannst du nicht wenigstens im Tode hinnehmen, dass du ganz und gar kläglich gescheitert bist?

Heilungen hast du angeblich vollbracht.

Angeblich Wunder gewirkt.

Die Krönung: Tote sollst du zum Leben gebracht haben.

Unglaubwürdiger Du! Hingerichteter, kannst dir selbst nicht helfen.

Kein einziger deiner sogenannten Freunde ist bei dir geblieben.

Ein paar Frauen trauen sich an die schwerbewachte Hinrichtungsstätte und dein „Lieblingsjünger“.

Wärest du der Messias, du wärest längst herabgestiegen.

Wärest du der große Revolutionär, du hättest es erst gar nicht soweit kommen lassen.

Du hast dich Rabbi, Meister, Lehrer nennen lassen.

Wärst du ein kluger und umsichtiger Mann gewesen, du wärest nie hierher gekommen.

Aber du musstest ja den Helden spielen.

Du musstest ja schweigen gegen die Anklagen, die sie erhoben.

Du schwiegest da, wo du hättest reden sollen.

Sonst hast du doch auch den Mund aufbekommen!

Und nun: in deinem ganzen Scheitern rufst du so etwas.

Glaubst du wirklich, mit deinem Tod hättest du etwas getan?

Wer bist du denn schon gewesen, außer einem in die Irre gegangenen Propheten aus Galiläa.

Überhaupt: Was kann aus Galiläa schon gutes kommen?

Gift und Galle möchte ich spucken, wenn mir nicht so traurig zumute wär.

Es ist vollbracht II

Ihr wollt einen Sieger?

Ihr wollt jemanden, der in Ewigkeit selbstbewusst von Gott spricht?

Ihr wollt den Siegertypen haben, der voller Gottvertrauen und Kraft ganze Menschenalter durchschreitet?

Einen noch stärkeren Putin, einen noch schöneren Obama?

Oder doch lieber einen Großvatertypen wie Gandalf den Grauen aus „Der Herr der Ringe“?

Schaut der Realität ins Auge: Dort oben hängt er.

Das ist euer Sieger.

Das ist eure ganze Hoffnung.

Schluss mit dem Jammern und dem Verdrängen von Tatsachen.

Und seien sie auch noch so bitter.

Entweder der Tod dieses Mannes hat einen Sinn – oder aber, wir können seine Worte und Taten samt seinen Wundern einfach nur vergessen.

Wer erklärte denn seine Aufgabe jemals für gescheitert?

Doch nicht er! Niemals hat er das getan.

Seine Feinde wollten es am liebsten so.

Leidenschaftlich kämpft der Passionsbericht aus dem Johannesevangelium gegen Zweifel und Sprachlosigkeit an, die sehr leicht Menschen unter dem Kreuz Christi befallen.

Ihr wollt einen Sieger? Schaut hin – und hört ihn euch genau an.

Es ist vollbracht III

Jesus ist seinen Weg konsequent gegangen. Den Leidenden war er ein Helfer, den Kranken ein Heiler; gegenüber Sündern war er barmherzig.

Aber er ist nicht einfach nur der „liebe Herr Jesus“, wie er manchmal genannt wird.

Der „liebe Herr Jesus“ – ein wenig müsste er dann ja haben vom lieben Herrn Meier oder der lieben Frau Müller aus der Nachbarschaft.

Sicher: freundlich den Menschen zugewandt wird er gewesen sein.

Selbst in der Sterbestunde spricht er noch voller Souveränität zu seiner Mutter und dem Lieblingsjünger unter dem Kreuz: Siehe das ist dein Sohn. Siehe das ist deine Mutter.

Dem Menschen zugewandt in Liebe: Das war Jesus, und darin sehen wir die Liebe Gottes zu den Menschen.

Aber einfach nur der „liebe Herr Jesus“ ist er sicherlich nicht gewesen.

Ein aufrechter Mann, der genau wusste, was er wollte. Einer, der einen Menschen auch schon mal schroff abweisen konnte.

Der Bedingungen stellte.

„Verschenke deinen Reichtum“ etwa. Oder: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“

Einer, der in den Jerusalemer Tempel ging und die Kassen der Händler umstieß.

Geradlinigkeit, Wahrhaftigkeit sind Eigenschaften von ihm.

Vielleicht überspanne ich den Bogen etwas, wenn ich von Jesus als von einem Helden spreche – aber „der liebe Herr Jesus“ ist eine unverfrohrene Untertreibung.

Der liebe Herr Jesus hätte sich erst gar nicht ins gefährliche Jerusalem begeben.

Der wäre hübsch in Nazareth geblieben und wäre Zimmermann geworden, wie schon sein Vater vor ihm, wie sich das gehört hätte.

Denken wir ihn uns für heute einmal lieber als einen Helden, der ganz bewusst seinen Tod auf sich nimmt und am Ende ruft: „Es ist vollbracht!“

Es ist vollbracht IV

Was ist eigentlich vollbracht? Wie kommt dieser Mensch zu einer solch inneren Stärke mitten im Elend?

Wer so fragt, der entkommt der Lethargie angesichts des so sinnlos erscheinenden Kreuzes.

Wer so fragt, der bekommt wieder Boden unter den Füßen.

Das Evangelium weist uns den Weg zur Antwort auf diese Frage: Nicht in Beschönigungen, die den Tod verklären. Nicht in frommer Fantasie, die sich ausmalt: da ist sicherlich ein göttliches Wesen mal eben in menschliche Haut geschlüpft.

Nichts aus der Luft gegriffenes lässt unser Predigttext gelten.

Sein sicherer Halt ist die Bibel, die hebräische, das Alte Testament.

Immer wieder heisst es: „Damit die Schrift erfüllt würde“.

Die frohe Botschaft lautet: Was Jesus vollbracht hat, haben wir alles schwarz auf weiß.

Wir hätten es schließlich besser wissen können: Von allen großen Gerechten wird berichtet, dass sie angefeindet wurden, am schärfsten oft von den eigenen Leuten.

Ihre Leidensgeschichten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte.

Die Propheten im Alten Testament, der griechische Philosoph Sokrates, der den Schierlingsbecher nehmen musste, Seneca, der zum Selbstmord von seinem Schüler dem Kaiser Nero gezwungen wurde, in neuer Zeit dann Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder in Amerika Martin Luther King.

An ihnen kann man es sehen: Die großen Gerechten sind meist nicht sonderlich beliebt.

Und so ist es auch mit Jesus von Nazareth gewesen. Er ist mit aller Konsequenz seinen Weg gegangen. Und diese Konsequenz gipfelte in seiner Ermordung am Kreuz.

Es ist vollbracht V

Wenn wir nun mit aller Konsequenz und damit verbundenen Härte auf den Weg von Jesus blicken.

Wenn wir das tun und einsehen, dass den Gerechten schon oftmals diese Schicksal ereilt.

Vielleicht ist das manchem schon genug.

Vielleicht reicht es dann einigen schon.

Vielleicht können dann schon einige mit einstimmen in seinen Ruf und bestätigen:

Jawohl. Es ist vollbracht.

Allein: Mir und vielen anderen würde das nicht reichen.

Schlimm genug, dass viele Menschen aufgrund ihrer Gerechtigkeit und Standhaftigkeit ermordet wurden und werden.

Vielleicht könnte ich zu Jesus am Kreuz sagen:

„Du hast dein Leben konsequent gelebt und nun hinter dich gebracht. Aber vollbracht, was auch mit vollendet übersetzt werden kann, das hast du nicht.

Es ist relativ rasch und abrupt und viel zu früh zu Ende gegangen.“

Und dennoch, liebe Gemeinde, hat Jesus mit seinem Ausruf recht.

Oder anders: Er wird recht behalten.

Wir dürfen uns an Karfreitag von ihm sagen lassen: „Es ist vollbracht!“

Wir dürfen uns zurückfallen lassen unter das Kreuz. Wir dürfen mit den Frauen und dem Lieblingsjünger unter dem Kreuz stehen und mitweinen und im Leben auch manches Mal traurig sein.

Wir dürfen aber auch aufatmen und unser normales Denken und Handeln zurückstellen, wenn wir auf das Kreuz schauen.

Der, der da gestorben ist: Der ist nämlich für dich gestorben.

Er nimmt deinen eigenen Tod ganz und gar auf sich.

Der Tod, den Christus da am Kreuz stirbt, der ist dein eigener.

Es ist eine ganz besondere Form der Stellvertretung, die Jesus am Kreuz auf sich nimmt.

Gott leidet auf einmal mit.

Und damit wird Gott mir selbst zum Nächsten.

Nehmen wir etwa ein Beispiel aus der Erziehung von Kindern. Da heißt es an einer Baustelle: „Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.“

Und ein paar Kinder gehen am Bauzaun vorbei, spielen dort in unmittelbarer Nähe auf der Straße. Und eines schönen Nachmittags klettern die Kids über den Bauzaun und schaffen es sogar, einen Bagger zum Laufen zu bringen.

Niemand wird verletzt, aber ein gewaltiger Sachschaden entsteht.

Und die Eltern müssen haften.

Das hat man nun von den lieben Kleinen, könnten Sie sagen.

Oder auch: Das hat man nun davon, dass man Kinder nicht ordentlich erzieht.

Aber gleichgültig wie sie von so einem Fall denken: „Eltern haften für ihre Kinder.“ Punktum.

Und genauso ist es auch bei Gott und uns, seinen Kindern. Gott haftet für uns. Er ist an Karfreitag für uns in die Bresche gesprungen.

Wieso nun, könnten Sie einwenden, ist das denn bei Gott genauso wie mit den Eltern, die zu haften haben?

Stirbt da nicht nur ein Gerechter mehr auf Golgatha?

Ruft er nicht völlig umsonst: es ist vollbracht?

Die Antwort fällt eindeutig aus: Wir bleiben beim Kreuz ja nicht stehen.

Auch wenn wir heute den Karfreitag feiern und des Leidens und Sterbens Jesu gedenken.

Auch dann wissen wir ja, was übermorgen gefeiert wird. Wir wissen ja, dass Jesus binnen dreier Tage auferstanden ist von den Toten.

Dass er gesehen wurde. Dass er wieder und wieder erlebt wurde.

Und nur mit dem Hintergrundwissen um dieses so ungeheuerliche Ereignis können wir Jesus zustimmen und sagen: Wirklich und wahrhaftig: Es ist vollbracht.

Nur im Licht der Auferstehung können wir die Dunkelheit des Kreuzes verstehen.

Wenn Eltern dann für ihre Kinder nach dem Unfall auf der Baustelle haften, dann schließen sie ihr Kind hinterher gewöhnlich auch wieder in die Arme.

Sie lassen sie weiterhin draußen spielen.

Hoffentlich sagen sie ihnen vorher gründlich die Meinung, damit das nicht noch einmal vorkommt, aber Elternliebe ist nur dann zu verstehen, wenn man das Gesamte anschaut.

Wir verstehen Karfreitag nicht ohne Ostern. Auferstehung gehört unbedingt mit dazu. Sonst ist keinerlei Perspektive da. Sonst starb tatsächlich einfach nur einer mehr.

Aber auch umgekehrt: Von der Auferstehung betrachtet bekommt die Kreuzigung selber Sinn.

Dass Gott nämlich selber meinen eigenen Tod stirbt.

Dass der, der da am Kreuz hängt, für mich gestorben ist, das ist die Botschaft des Karfreitags.

An Weihnachten feiern wir, dass Gott in die Welt gekommen ist.

An Ostern feiern wir, dass er den Tod für uns überwindet.

Am Karfreitag aber, da stirbt Christus für uns am Kreuz.

Und daher ist dieser Feiertag nach evangelischem Verständnis weiterhin der höchste christliche Feiertag im ganzen Kirchenjahr.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt an Palmsonntag 2009 zu Phil 2,5-11: Vom König und Bettelmädchen

Kanzelgruß

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Paulus an die Philipper im 2. Kapitel. Es ist ein uraltes Lied von Christus.

Predigttext Phil 2,5-11

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

6 Er, der  in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,

7 sondern entäußerte sich selbst und nahm  Knechtsgestalt an,  ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

8 Er  erniedrigte sich selbst und ward  gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn auch Gott  erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,

10 daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

11 und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Kanzelgebet


Herr, öffne uns die Ohren und das Herz, dass wir dein Wort hören

in den menschlichen Worten, die dich bezeugen. Amen.

Strophe 1: Die Entäußerung Christi

A)Das Märchen vom König und Bettelmädchen

Liebe Gemeinde,

Es war einmal ein König, der über ein großes Reich herrschte. Und wie er so durch sein Land ritt, da sah er im Schmutz der Straße ein junges Bettelmädchen.

Er blickte sie an und er fand sie sehr schön.

Und von dem Moment an ging dem König das Bettelmädchen nicht aus dem Sinn.

Er hatte sich über beide Ohren in sie verliebt.

Was war nun zu tun?

Er konnte sie an seinen Könighof kommen lassen, ihr die schönsten Kleider geben und sie zur Geliebten oder gar Ehefrau machen.

Denn diese Macht hatte er.

Sie würde gewiss nicht widersprechen, sondern überglücklich sein, dass sie nun so sehr emporgehoben wurde.

Aber der Gedanke, dass sie sich nur freuen würde, von ihm in eine bessere Stellung gebracht worden zu sein, wurmte den König.

Er wollte, dass das Bettelmädchen ihn aufrichtig liebt, dass sie ihn so liebt, wie er ist.

Nicht den König mit all seinem Reichtum sollte sie in ihm sehen, sondern ganz einfach einen Menschen, der auf der gleichen Stufe steht wie sie.

Also reifte in ihm ein Plan.

Er nahm seine Königskrone ab und legte sein Ornat beiseite.

Und er zog sich Lumpen an und verkleidete sich als Bettelmann. So verließ er heimlich das Schloss und begab sich wie ein Bettler zu seiner Liebe.

Und sie lernte ihn kennen als Ihresgleichen.

Wann wird aber der Moment gekommen sein, in dem er sich ihr ganz offenbaren kann?

Wann wird er sie auf sein Schloss holen können und sie als Königin an seine Seite stellen?

B)Reflexion des Märchens: Identität und Verwandlung

Liebe Gemeinde,

der König, der seine Kleider tauscht gegen die Kleider eines Bettlers, um ein Bettelmädchen lieben zu können:

Er bleibt doch stets der König in der Gewandung eines Bettlers.

Der Lumpen dient ihm doch nur zur Verkleidung, um zu einer gelegenen Stunde, wenn das Mädchen den König endlich um seiner selbst (und nicht um seiner Krone, seiner Hoheit usw. willen) liebt, die Maske fallen zu lassen.

Um dann die Bettlerin in sein Schloss hinaufzuführen.

Allein: Wann wäre diese Stunde gekommen?

Müssten König und Bettelmädchen nicht ein ganzes Leben miteinander als Bettler verbracht haben, damit der Schock und die ungeheure Ehrfurcht über die wahre Identität des Königs nicht über die arme Frau hereinbricht?

Der König kann sich eigentlich gar nicht, oder doch erst sehr spät, als der König zu erkennen geben.

Denn wie eine Hypothek würde sein Königtum sonst auf dem Mädchen lasten.

Immer würde sie ihm dankbar sein, dass er sie gerettet hat vor dem Schmutz der Straße.

Nur mit Mühe könnte sie ihm im Streit widersprechen – da sie sich stets daran erinnert, dass er sie wieder in den Schlamm zurückstoßen könnte.

Muss er dann nicht, wenn er sie wahrhaftig liebt, sein ganzes Königtum dahingeben, um ihresgleichen zu sein?

Könnte er damit ihr Herz gewinnen, damit sie ihn wirklich liebt, ohne mit einem Auge noch auf die Herrlichkeit der Majestät zu schielen?

Aber wenn der König das tun würde:

Sich ganz und gar hingäbe und alles hinter sich ließe und sein Königreich einem andern schenkte.

Wäre er dann noch er selber?

Oder würde er nicht seine eigene Persönlichkeit derartig zurückstellen, dass es schon gar nicht mehr klar ist, wer dieser Mann eigentlich wirklich ist: Ist er dann König oder Bettler?

C)Wahrer Mensch und wahrer Gott

Ganz ähnlichen Fragen geht der heutige Predigttext des Paulus an die Philipper nach.

Was genau hat Gott da gemacht, als er sich der Menschheit als Jesus Christus offenbarte?

Als Gott Menschengestalt annahm, sich selbst entäußerte?

Was bedeutet das, dass er Knechtsgestalt annahm und der Erscheinung nach als Mensch erkannt wurde?

Hat Gott da bloß die Gestalt eines Menschen angenommen oder ist er wirklich ganz und gar Mensch geworden?

In dem Märchen verkleidet sich der König einfach als Bettler und treibt ein Possenspiel – und selbst wenn er sein ganzes Leben lang so tut, als sei er ein Bettler, bleibt es eine Verkleidung.

Er bleibt der König, der sich eben als Bettler ausgibt.

Bei Gott ist es anders: Wie der König das Mädchen, umso mehr liebt Gott die Menschen.

Doch nimmt er nicht einfach nur die äußere Gestalt eines Menschen an.

Er verkleidet sich nicht als Mensch, sondern er wird es.

Ganz und gar.

Er macht von der Geburt bis zum Tod alles mit, was ein Menschenleben ausmacht.

Es ist nicht so, dass Gott einen Menschen spielt, sondern: Er ist es wirklich und er hat sein Gottsein im Himmel zurückgelassen.

Das sehen wir, wenn wir auf Jesus schauen.

Der mit den Menschen gemeinsam gelebt hat.

Der zu den Elenden gegangen ist und mit Leuten gegessen hat, mit denen man eigentlich keinen Umgang pflegt:

mit Betrügern und Zöllnern.

Sogar mit Prostituierten hat er sich abgegeben.

Und wie könnten wir ihn als ganzen Menschen ansehen, wenn er nicht auch gelitten hätte und in letzter Konsequenz gestorben wäre?

An Karfreitag können wir die Hoheit, die in diesem Jesus steckt, noch nicht sehen.

Erst am Ostermorgen begreifen es die Frauen, als sie zum Grab kommen und feststellen: Er ist auferstanden von den Toten.

Obwohl Jesus ganz Mensch gewesen ist, lebte er in einem unglaublichen Gottvertrauen.

Darin spiegelt sich seine göttliche Herkunft.

Er nennt Gott seinen Vater und hat der Welt etwas mitzuteilen.

Denken Sie etwa an die Bergpredigt. Oder an die Gleichnisse.

Strophe 2: Die Erhöhung Christi

D)Unsere Sünde und die Erlösung durch Christus

Auch der Wochenpsalm bietet uns ein Bild an, um zu verstehen, wer dieser Jesus Christus gewesen ist.

Das Bild vom Schlamm, in dem wir Menschen gefangen sind, in dem wir zu versinken drohen:

Gemeint sind die kleinen und großen Lebenskrisen, unsere Probleme in der Ehe und der Familie, unsere Schwierigkeiten im Beruf und in den Rollen, die wir mitspielen zu müssen glauben.

Unsere Ängste und Sorgen, etwa in der Schule vor Lehrern und Klassenkameraden oder Eltern zu bestehen.

Wenn wir in das Bild von Bettler und König zurückkehren, dann sind wir Menschen die Bettler, die im Schlamm sitzen.

Bettler allerdings, die andauernd selber König sein wollen.

Wie oft versuchen wir so zu tun, als wären wir die Allergrößten.

Wir unternehmen viel, damit wir wie Könige angesehen und behandelt werden.

Wir verschaffen uns Respekt. Schon im Kindergartenalter bekommen wir beigebracht, dass man sich durchsetzen muss.

Als Paulus das Lied in seinem Brief an die Philipper verwendete, da hatte er solche Leute vor sich:

Geistige Bettler allesamt, von denen jeder am liebsten König sein will.

Die mit Kräften versuchen, aus dem Schlamassel, in denen sie stecken, selber herauszukommen.

Leute wie wir, die am liebsten ganz oben wären, gefangen in ihren vielfältigen Eitelkeiten.

Mit dem Lied erinnert Paulus die Gemeinde in Philippi daran, dass der, der an höchster Stelle thront, der das All in Händen hält, es genau umgekehrt gemacht hat:

Er ist Bettler geworden, statt zu versuchen, nach allen Seiten hin zu zeigen, wie großartig er ist.

Knechtsgestalt hat er angenommen, wie es im Predigttext heißt.

Er hat seine Größe, sein Gottsein im Himmel gelassen. Aber nicht sein Vertrauen zu seinem Vater.

Und er ist zu uns hinab in den Schlamm getreten.

Er ist nicht der ferne und unnahbare Gott, sondern er steht neben uns in den Zeiten des Leides, auch vor den Schlechtigkeiten, die Menschen einander antun.

Er geht den Weg von oben nach unten.

Da trifft er auf uns.

Und wir auf ihn.

Weil er ganz Mensch wurde, kann er uns, können wir ihm begegnen.

Weil er sich zu uns herabbegeben hat, und zwar ganz und gar, können wir ihn selbst am Kreuz noch ansehen und anbeten.

Die Kirche, die Christus als ihr Haupt bekennt, kann die Gnade, dieses Wunder und dieses Geheimnis Gottes immer neu erleben und verkündigen.

In jeder Predigt des Evangeliums, in jeder Feier des Abendmahls vergegenwärtigen wir uns das.

Und weil Gott Mensch wurde, der sich wie wir freute und litt, können wir im Leid eines jeden Menschen das Leid erkennen, das Gott auf sich genommen und durchgestanden hat.

Durch das Kreuz Christi sind Gottes- und Nächstenliebe untrennbar miteinander verbunden:

Die Liebe zu Gott verwirklicht sich in der Liebe zum Nächsten.

Und in der liebevollen Hinwendung zum Nächsten erkennen wir unseren Gott.

Das kann einem die Kraft schenken, bei einem Menschen in Krankheit und Not zu bleiben.

Sich für den anderen hingeben und mit ihm auszuhalten.

Oder trotz vieler Einschränkungen in der Ehe in guten wie in schlechten Zeiten für das Versprechen einzutreten, das man sich am Hochzeitstag einmal gegeben hat.

Das Schwere zu ertragen: Die alten Eltern, die einen aufgrund ihrer Demenz nicht mehr erkennen, kann man aufnehmen, bis Gott sie heimruft.

Die Kinder, die auf einmal Jugendliche sind und nun eigene Wege gehen wollen: Ihnen die Freiheit zu lassen, die sie brauchen.

Oder dass man sich vornimmt, jeden Monat etwas an ein bestimmtes Projekt zu geben, was man hat.

Oder dass man an Bettlern in der Innenstadt nicht naserümpfend vorbeigeht, sondern mit einem kleinen Beitrag respektiert, dass nicht alles Leben so abläuft wie in unserem scheinbar so geraden Leben.

Wir dürfen von uns selber abgeben.

Von unseren Reichtümern oder von unserem vermeintlich guten Recht.

In diesen praktischen Erfahrungen wird sich bestätigen, was wir eigentlich schon immer wissen: dass uns im Nächsten Christus begegnet.

E)Kreuz und Auferstehung eröffnen den Dialog mit Gott

Christus ist den Weg vom König zum Bettler mit aller Konsequenz gegangen.

Sein menschlicher Weg endet am Kreuz auf Golgatha. Dieses Ende, dieser Tod ist aber der eigentliche Triumph Gottes.

Denn er nimmt in sein Kreuz die ganze Menschheit mit hinein.

Uns alle.

Die wir im Schlamm feststecken.

Er lässt sich für uns kreuzigen.

Und ist auferweckt worden.

Und auch da wird er uns mitnehmen.

Gott hat ein komplettes Menschenleben durchlebt.

Deshalb sind wir Menschen überhaupt erst in der Lage, Gott in seiner großen Liebe zu uns zu erkennen.

Und auch sich selbst und andere zu erkennen, die dringend Hilfe brauchen.

Weil Jesus diesen Weg gegangen ist und mit Gottvertrauen als Mensch durchhält:

deshalb kann ich zu dem am Kreuz auf Golgatha hingerichteten Jesus beten und weiß:

Er wird mich verstehen, denn er ist mit mir immer auf Augenhöhe, egal, wie tief ich gesunken bin.

Die Tage, in die wir jetzt hineingehen, vom heutigen Palmsonntag bis Karfreitag, sind schwer und  traurig.

Aber wir wissen, bei wem wir Trost finden.

Denn: Weil Jesus den Weg vorangegangen ist, können wir darauf vertrauen, dass er aus allem einen Ausweg gefunden hat.

Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Und im Glauben daran können wir uns ihm ganz zuwenden – im Gottesdienst und im Dienst am Nächsten.

Der Mann, der am Kreuz auf Golgatha stirbt:

Ihm gehören unsere Herzen.

Seit knapp 2000 Jahren folgen Christen in aller Welt dem Gekreuzigten nach und bekennen:

„Der Herr ist Jesus Christus!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Lassen Sie uns singen: „Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha“, EG 93 (alle).