Reformation jetzt! (Jes 62,6+7)

Von Pfr. Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!
    Amen.

Einer der Predigttexte für das Reformationsfest steht im Jesaja-Buch im 62. Kapitel, die Verse 6-7+10-12.

Dort heißt es:
6 O Jerusalem, ich habe  Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,
7 laßt ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!
10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg!  Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!
11 Siehe, der HERR läßt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der  Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!  Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!
12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«,  »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.


1.    Das wahre Zeitalter der Reformation ist jetzt
Liebe Schwestern und Brüder,
wir leben in einer großartigen Zeit in diesem Land. Mehr als 70 Jahre kein Krieg auf unserem Boden, ein Vierteljahrhundert Deutschland geeint. Die Wirtschaft brummt nach wie vor. Trotz Euro- und Finanzkrise. Trotz Flüchtlingsströmen und zunehmenden politischen Verwerfungen.

Die Lebensqualität befindet sich auf einem unglaublich hohen Niveau. Ein Land, in dem heute eine Religionsfreiheit herrscht wie niemals zuvor. Ein Land, in dem die wahre Reformation im Religiösen jetzt gerade stattfindet. Das echte Zeitalter der Reformation war nicht zur Zeit Martin Luthers und seiner Nachfolger. 

Das Zeitalter echter Reformation hat jetzt, in den letzten 50 Jahren, begonnen. Denn: Als Luther und seine Mitstreiter berechtigte Kritik an den Zuständen der Kirche übten, waren die Bedingungen für die Durchsetzung dieses Gedankengutes lange nicht reif:
Keine Freiheit in Glaubensdingen. Keine Freiheit der Religion, sondern nach längerem Ringen und Kriegen das damals als Fortschritt empfundene 
„cuius regio, eius religio“. Wem das Land gehört, dessen Religion wird in diesem Land praktiziert – wer anderes glaubt, wer der anderen Konfession angehört, dem wird gerade einmal das Recht eingeräumt auszuwandern.

Unvorstellbar heute. 
Oder noch vor hundert Jahren die Schüler und Soldaten, die zum Gottesdienst beordert wurden, ob sie wollten oder nicht. 

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil wir heute tatsächlich die Freiheit des Gewissens haben, die die damaligen bloß postulierten, ohne wissen zu können, 
wie es ist, wirklich frei in Glaubensdingen zu sein.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil endlich der äußere Druck genommen ist, sich überhaupt einer oder der anderen Religion anzuschließen.
Religion ist etwas rein Freiwilliges geworden, etwas, das tatsächlich nur den Einzelnen und sein Gewissen betrifft. Etwas, das nicht vorgeschrieben wird.

Manche mögen nun unken, dass dieses mein gerade so gepriesenes wahres Zeitalter der Reformation nichts weiter ist als das Zeitalter des Relativismus, 
in der alles dem postmodernen Belieben und der Option unterworfen wird – 
ich halte dagegen, dass dies genau der Boden ist, auf dem echter Glaube, wahres Christentum gedeihen kann, ohne dass sich irgendjemand beugen oder verbiegen muss.

Die Aufforderung des Schreibers des Jesajabuches, aus unserem Predigttext, durch die Tore hineinzugehen, durch die Tore Jerusalems und des neu erbauten Tempels: 
Diese Aufforderung schließt zumindest heute die Freiheit mit ein, sich auch dagegen zu entscheiden. Und dann eben nicht die Tore hoch zu machen, wie es im berühmtesten aller Adventslieder heißt. Und dann auch das Angebot, das Gott bereithält, beiseite zu wischen und für sich zu entscheiden: Das ist nicht mein Weg, den der Prophet vorschlägt.

Ich behaupte: 
Dies ist die Chance für die evangelische Kirche. Dies ist die Chance für die weltweite Kirche Jesu Christi, ihr Angebot von der Rechtfertigung des Gottlosen in die Welt hinein zu rufen. 
Keine Vorteilsnahme durch einen Landesherrn, der bestimmt, dass die Kirchen voll zu sein haben. 
Kein – oder zumindest kaum noch; hier im Fuldaer Land höre ich aus den Familien manchmal noch anderes  – eigentlich kein Druck innerhalb der Familien, etwa mindestens eine Person pro Sonntag abzustellen, der in den Gottesdienst zu gehen hat. 

Diese Zeiten sind gottlob vorbei, wenn auch der Islam zur Zeit der neue Boden für Unmündigkeit und Bevormundung ist, und zwar durch die Bank, von wenigen löblichen Ausnahmen abgesehen. 

Für uns Christen sind diese Zeiten vorbei. Jetzt hat sich das Wort Gottes selber durchzusetzen, das von denen, die mit ihm leben, kommuniziert werden muss. 
Und es ist die Chance so groß wie nie, weil wir allesamt davon ausgehen können, dass diejenigen, die dabei sind, die sich haben taufen lassen und konfirmieren und Kirchenmitglieder sind und bleiben, dass die das wollen und die Botschaft von Jesus für alle Welt gern und aus freien Stücken hören, in Zeiten, wo einem am Arbeitsplatz, wie mir kürzlich berichtet wurde, um die Ohren gehauen wird: „Bist Du etwa noch nicht ausgetreten?“
Oder bei einer Taufe neulich, wo sich kein Pate mehr finden ließ, weil alle Freunde und Verwandte ihre Kirchensteuern lieber sparen wollten.

Das Wort Gottes selber ist es, das sich jetzt durchsetzen muss. Und es sind wir Christinnen und Christen, die es immer wieder und wieder auszurichten haben. 
Als Kommunikatoren des Evangeliums. Als diejenigen, die durch die Tore eingehen, die Tore, die Gott uns geöffnet hat.

Die Prophezeiung des Propheten Jesaja liest sich dabei wie ein Reformprogramm für unser jetziges, m.E. so reformatorisch durchsetztes Zeitalter:

2.    Primäre und sekundäre Religionserfahrungen: „Bereitet dem Volk den Weg!“
„Bereitet dem Volk den Weg“, ruft Jesaja uns zu. 
Dass damals die israelitischen Heimkehrer aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem gemeint waren, hält uns heutige nicht davon ab, darauf zu schauen, was für uns, und damit meine ich in reformatorischer Absicht uns Christinnen und Christen, was also für uns die richtige Wegbereitung für das „Volk“ ist: für unsere Kirche, für unser Land, und für die Welt.

Ja sicher, die Kirchen der Reformation haben es schwer. Es sind nicht die sogenannten primären religiösen Erfahrungen, mit denen wir punkten können. 
Die Unmittelbarkeit des Religiösen im Gottesdienst und im Glaubensvollzug haben wir mit intellektueller Redlichkeit mehr und mehr verbannt: Keine Heiligenverehrung, keine Erfahrung mit allen Sinnen, wie etwa mit Weihrauch, bunter Kleidung, Prozessionen und Wallfahrten. Nicht einmal herausgehobene Ämter mit verschiedenen Weihegraden und bestimmenden Lebensregeln.  

Stattdessen allein das Wort und die Vernunft, der Intellekt und die an Jesus Christus orientierte Auslegung der Bibel. 

„Sekundäre Religionserfahrung“ nennen das die Theologen und Religionswissenschaftler, wenn eine Religion so kühl und verkopft daherkommt, wie zumeist der Protestantismus. 
In den letzten Jahrzehnten hat zum Glück ja wieder eine Hinwendung zum Menschen und zum Gefühlsleben stattgefunden. Es ist die Erkenntnis dabei leitend, dass es vor allem „primäre“, also unmittelbare Religionserfahrungen sind, die distanzierte Menschen ansprechen, ja brauchen, um überhaupt zu verstehen, was Glauben sein kann. Und so erlebt die Kirche zurzeit etwa eine Renaissance von Segnungsgottesdiensten, eine Zunahme der Abendmahlsfrömmigkeit, einen recht guten Zulauf bei Gottesdiensten, die persönlichen Bezug haben, also etwa Taufen, Konfirmationen oder den großen kirchlichen Events, man denke etwa an den Kirchentag. 
Glaube und Religion wird von vielen nur noch wahrgenommen im Erleben – 
oder es wird von vielen gar nicht mehr wahrgenommen. 

Was Martin Luther meinte mit seinem derben „Dem Volk aufs Maul schauen“, das gilt für uns heutige genauso wie 1517 in Wittenberg. Und es gilt mitnichten nur für Pfarrer: Kommunikatoren des Evangeliums sind alle Christinnen und Christen. Jeder ist dem Nächsten Priester, hat Luther in Anlehnung an den Hebräerbrief immer wieder und zurecht betont.

„Bereitet dem Volk den Weg“ heißt dann für uns: Wenn wir als evangelische Kirche überhaupt relevant in unserer säkularen Gesellschaft sein wollen, wenn man uns überhaupt noch verstehen soll, sollten wir auf diejenigen, die das Christentum noch nicht für sich entdecken konnten, offener, freundlicher, aber auch viel kräftiger werbend zugehen als wir es bislang getan haben. Denn tun wir das nicht, dann merkt das sogenannte Volk auch nicht, dass wir eine Botschaft haben, die für sie von Höchsten Interesse sein könnte: Immerhin die Verheißung von Ewigem Leben, Gemeinschaft mit Gott, Befreiung aus er Selbstverfangenheit, Gottvergessenheit und Angst.


3.    Bedingungen schaffen für die Kirche von heute
„Macht Bahn, macht Bahn“, ruft Jesaja uns zu. Sehr viel hübscher – und etwas dichter am hebräischen Wortlaut dran – ist eine englische Übersetzung dieser Stelle: 
„Build up the highway“, heißt es in einer englischen Übersetzung. „Schüttet den Highway, die Schnellstraße, auf.” Bei uns Deutschen kommen noch einmal ganz andere Assoziationen bei dem Wort Highway als bei der lutherischen „Bahn“ oder schlichten „Straße“. Gemeint ist dann auch in der Tat bei Jesaja das persische (Schnell-) Straßennetz, das erste wirklich funktionierende und durchdachte Straßennetz in der Geschichte der Menschheit, lange vor den Römern. 

Ohne Bereitstellung von Highways ist kein Handel und kein Austausch möglich. Ohne das planmäßige Anlegen dieser vielleicht wichtigsten Infrastruktur für größere Länder fallen diese irgendwann einfach in sich zusammen oder auseinander, da keine Zentralgewalt Einfluss auf die entlegeneren Gebiete hat. 

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet das: Baut weiter an der Infrastruktur, lasst sie nicht verkommen! Baut weiter an einer Infrastruktur, die der Kommunikation des Evangeliums dient. Oder wenn schon nicht überall die Zahlen und Mittel es hergeben, Kirchen und Gemeindezentren weiter zu entwickeln (wie es nur noch selten vorkommt), so baut doch weiter an der vorhandenen Infrastruktur, 
dass unsere Räumlichkeiten nicht als Museum, sondern als lebendiger Ort der Gottesbegegnung wahrgenommen werden können. 
Es sind die vielen Kirchen und es sind die Gemeinderäume, die unsere Kirche dringend braucht und erhalten sollte – im Gegensatz übrigens zum Pfarrhaus, das seinen Zenit als Mittelpunkt evangelischen Frömmigkeitslebens längst überschritten hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet diese Aufforderung zur „Aufschüttung des Highways“ genauso, dass unsere innere, spirituelle und religiöse Infrastruktur stets der Überprüfung bedarf: 
Bin ich selbst überhaupt ausgerüstet, um den Anforderungen der Zeit mit meinem Glauben begegnen zu können? Oder ist mein Gottesbild, was ich in meinem Herzen trage, dermaßen in die Jahre gekommen, dass ich eigentlich keine Kraft mehr daraus ziehe, sondern mehr Kraft hineinlegen muss, um dieses – irgendwie götzendienerisch – am Leben zu erhalten? Die Vorstellung, wie Gott sein könnte, ändert sich doch über ein Menschenleben. Den Gott aus Kindheitstagen festhalten zu wollen ist mindestens genauso verfehlt wie nicht zugeben zu können, dass die Haltung zur Politik über die Jahre eine andere geworden ist.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die religiöse Infrastruktur des Herzens ist nicht damit angegangen, indem man sich Kirchensteuern einziehen lässt. Sie lebt davon, be- und genutzt zu werden. Und sie lebt vom Weitersagen: An Kinder und Enkel, dem Lebens- oder Ehepartner. Auch an Freunde und Arbeitskollegen, die den Glauben vergessen haben oder die einer anderen Religion angehören.

4.    Ballast entrümpeln
„Räumt die Steine weg!“ mahnt Jesaja seine Israeliten. „Entrümpelt endlich den ganzen Ballast, den ihr mitschleppt, ohne wirklich der Kommunikation des Evangeliums zu dienen.“ Und wenn ich das so plakativ sage, dann weiß ich freilich, dass dies kein generalstabsmäßiges Kommando sein kann. Denn was die Kommunikation des Evangeliums verhindert statt fördert, das muss jede Gemeinde freilich für sich entscheiden!
Eine solche Entrümpelung muss von Gemeinde zu Gemeinde, von Ort zu Ort, ganz unterschiedlich ausfallen, da die Gepflogenheiten und Notwendigkeiten einfach unterschiedlich sind. Hünfeld ist nicht meine Bonhoeffer-Gemeinde in Fulda ist nicht Mansbach ist nicht Burghaun!

Eine solche Entrümpelung muss sich in dieser heutigen relativen und reformatorischen Zeit sehr viel mehr gabenorientiert darstellen als das in früheren Zeiten der Fall war. Die Zersplitterung und Pluralisierung der Gesellschaft macht vor den Gemeinden nicht halt, und dann ist es gut, in der Fläche, wie hier im Kirchenkreis Fulda, verschiedene Angebote für unterschiedliche Interessen vorhalten zu können. 

Was wollen und können die Christinnen und Christen vor Ort zur Kommunikation des Evangeliums beitragen? Und was lassen sie bleiben?
Solcher Art werden mehr und mehr die Fragen sein, nach der Kirchengemeinden sich ausrichten werden müssen. Ich stelle mir gemeinsam mit dem Münsteraner Theologen Prof.  Grethlein die Frage, ob das Vereinschristentum, wie wir es meist in der Fläche noch pflegen, nicht bald ausgedient haben wird zugunsten vieler anderer, 
durchaus reformatorischer  Formen der Kommunikation des Evangeliums, die von den Gläubigen für die Gläubigen je sehr unterschiedlich ausgestaltet werden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieser Prozess längst begonnen hat und wir Christinnen und Christen uns dabei nicht selbst im Weg stehen sollten. 
Lasst uns die Steine wegräumen und den Highway hochziehen, ihn breit machen, dass die Kommunikation des Evangeliums gelinge! 

Das Zeichen dafür, das wir aufrichten sollen, wie es Jesaja damals seinen Israeliten mit auf den Weg gab, ist für die Christenheit freilich das Kreuz. Indem wir darauf schauen und glauben, können wir mühelos die Infrastruktur unserer Kirchen – sowohl der Gebäude wie auch im Herzen – immer neu reformieren.

5.    Christen: Erlöste des Herrn. Heiliges Volk 
Jesaja spart nicht mit schönen Worten zum Ende seiner Verheißung in unserem Predigttext. Diejenigen, die das erleben, werden „Heiliges Volk“ genannt, „Erlöste des Herrn“. Sei es nun, dass die frühe Christenheit diese Begrifflichkeiten einfach auf sich selbst bezogen hat oder aber die Prophezeiung Jesajas in Jesus Christus aufgegangen ist. Es sei wie es will: Wir Christinnen und Christen sind mit den Juden das Heilige Volk, die Erlösten des Herrn.

Manchmal, da merkt man davon bei uns wenig. Zu wenig! Schau ich mir etwa die Gesichter beim Heiligen Abendmahl an, dann frage ich mich manchmal, 
was Gott uns denn eigentlich noch anbieten muss, damit wir weniger sauertöpfisch drein schauen. Reicht uns denn die Gemeinschaft mit Jesus, Ewiges Leben, die Liebe Gottes und seine unbedingte Anerkennung nicht aus, um frohen Mutes am Heiligen Mahl teilzunehmen? 

Wir Gläubigen dürfen wesentlich fröhlicher in den Tag hineingehen, denn wir haben als „Erlöste des Herrn“ allen Grund, stets positiv in die Zukunft zu blicken: 
Es ist schließlich Gottes Zukunft mit uns, in die wir gehen.

Und am Ende, liebe Schwestern und Brüder, am Ende ist auch die Reformation unsere Kirche, die heute so greifbar ist wie nie zuvor, eine Sache unseres guten und gnädigen Gottes, der das Haupt der Kirche ist und bleibt in alle Ewigkeit.
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen!

LIED NACH DER PREDIGT:  EG 320,1-3+6-8: NUN LASST UNS GOTT DEM HERREN DANK SAGEN UND IHN EHREN

Luther und die Wirtschaft (Apg 2,42-47)

Von Pfr. Stefan Remmert, Hünfeld

Liebe Gemeinde!
Geld regiert die Welt, so heißt es. Vielleicht regiert nicht Geld die Welt, zumindestens vertrauen wir Christen darauf, dass Gott die Welt regiert, aber es bestimmt unser Leben. Das Bett, in dem sie geschlafen haben, das Frühstück, dass sie heute morgen zu sich genommen haben, die Kleidung, die sie angezogen haben, die Schuhe, in denen sie zum Gottesdienst gelaufen sind, haben sie mit Geld bezahlt, dass sie oder ein anderer erarbeitet hat.


Ohne Arbeit, so kann man sagen, können wir in unserer Gesellschaft nicht leben. Ohne Arbeit verdienen wir kein Geld. Und ohne Geld können wir unseren Lebensunterhalt nicht bestreiten.
Ob jemand Arbeit findet, hängt davon ab, ob ein anderer dafür bereit ist, Geld für seine Dienstleistung oder sein Gewerk auszugeben oder nicht. Nur wenn ich Waren oder Dienstleistungen anbiete, die von anderen benötigt oder gekauft werden, verdiene ich Geld. Dabei geht es nicht darum, ob diese an sich sinnvoll sind. So wird jeder sagen, dass eine gute Pflege bei Krankheit oder Alter sinnvoll und wünschenswert ist, aber trotzdem geben die Menschen mehr Geld für ihren Konsum wie Handys, Computer, Autos etc. aus und sind bereit mehr dafür zu zahlen als für die wohl wichtigere Krankenversicherung.
Ich verdiene also nur dann Geld, wenn ich jemanden finde, der mich für meine Tätigkeit bezahlt. Ansonsten verdiene ich nichts und kann meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Ein Unternehmen, das auf dem Markt nichts verkauft, geht in den Konkurs. Gründe dafür können sein, dass die hergestellten Produkte nicht gekauft werden, weil sie zu teuer sind oder nicht benötigt werden. Und ob ein Produkt oder eine Dienstleistung benötigt wird entscheidet der Käufer bzw. Konsument.
Ein Beispiel. Jeder von uns isst Brot. Gibt es zwei Bäckereien an einem Ort, so entscheidet jeder von uns, bei welcher er sein Brot kauft. Kauft er bei Bäcker A, verdient Bäcker B kein Geld und seine Bäckerei wird nicht überleben. Konkret bedeutet das, dass wir mit jedem Euro, den wir ausgeben, eine Entscheidung treffen, und zwar die, welche Produkte und Dienstleistungen es geben soll und zu welchem Preis – die von uns nicht beachteten Anbieter werden vom Markt verschwinden; drastisch ausgedrückt: sei bestehen den Überlebenskampf nicht und sterben.
Nun kann man weiter fragen, welcher Preis für eine Dienstleistung oder ein Produkt fair ist, welche Gehälter gerecht sind, woran sich an Gehalt messen lassen soll usw.
Es wird also kompliziert. Gleichzeitig sind wir in diesem System des Wirtschaftens eingebunden. Wir können diesem System nicht entrinnen. Man kann sagen, dass wir in diesem System leben und weben. Die Frage ist, wie wir in diesem System leben wollen, ob wir es verändern wollen oder nicht.
Dazu zwei Beobachtungen, eine biblische und eine persönliche.
Zunächst die biblische.
Lukas stellt in seiner Apostelgeschichte im zweiten Kapitel das Idealbild einer christlichen Gemeinde dar. So schreibt er über die Jerusalemer Gemeinde (Apostelgeschichte 2,42 – Zürcher 2007)
42 Sie – die Christen in Jerusalem – aber hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und am Gebet.
43 Und Furcht erfasste alle: Viele Zeichen und Wunder geschahen durch die Apostel. 
44 Alle Glaubenden aber hielten zusammen und hatten alles gemeinsam; 
45 Güter und Besitz verkauften sie und gaben von dem Erlös jedem so viel, wie er nötig hatte. 
46 Einträchtig hielten sie sich Tag für Tag im Tempel auf und brachen das Brot in ihren Häusern; sie assen und tranken in ungetrübter Freude und mit lauterem Herzen, 
47 priesen Gott und standen in der Gunst des ganzen Volkes. Der Herr aber führte ihrem Kreis Tag für Tag neue zu, die gerettet werden sollten.
In Predigten und Auslegungen wird meist die Einheit der Christen in der Lehre, im Feiern des Gottesdienstes und im Abendmahl betont. Das ist richtig. Lukas schreibt aber auch, dass die Jerusalemer Christen gemeinsam lebten und, was für die meisten von uns fremd ist, dass sie ihren Besitz miteinander teilten. Die Reichen verkauften ihre Güter und die Armen profitierten davon, und, so kann man Lukas verstehen, alle verfügten über dasselbe Einkommen. Das ist eine Provokation, schließlich hat jeder von uns andere Bedürfnisse, der eine spielt Fußball und braucht Fußballschuhe, die andere spielt Volleyball und braucht deshalb eine andere Ausrüstung; beide Ausrüstungen, so darf man annehmen, sind vom Preis her unterschiedlich. Die Provokation besteht auch darin, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten haben und Unterschiedliches leisten können und wollen. Dem einen fällt eine Arbeit leicht, dem andern fällt dieselbe Arbeit schwer, die eine will viel arbeiten, der andere wenig. Wir Menschen sind unterschiedlich, so dass ein gemeinsames und für alle gleiches Einkommen schon provoziert.
Nun die zweite persönliche Beobachtung.
In meinem Studium, ich komme aus der westfälischen Landeskirche, mussten die Studierenden ein Industriepraktikum über 6 Wochen machen, davon zwei Wochen Theorie und vier Wochen in einem Betrieb arbeiten. Es standen verschiedene Betriebe zur Auswahl, unter anderem auch das Stahlwerk Hoesch, das es heute nicht mehr gibt. Und Stahlwerk kann bedeutet: Hochofen. Das ist eine richtig schwere und harte Arbeit, und es wird rund um die Uhr gearbeitet. Dafür war der Lohn auch dem entsprechend höher als in den anderen Betrieben. Der Vorschlag der Mehrheit der Studierenden war, das gesamte verdiente Geld zusammen zu legen und es dann auf alle zu verteilen, so dass jeder denselben Betrag am Ende des Praktikums erhält. Das Problem war nur, dass keiner zu Hoesch wollte. Das Geld wollte jeder haben, die Arbeit nicht.
Schließlich fanden sich zwei, den Job übernahmen, darunter auch ich. Das Geld wurde dann doch nicht geteilt, weil von Solidarität nichts zu spüren war.
Was ich daraus gelernt habe, ist Folgendes: Es ist leicht, ideale Bedingungen einzufordern, aber schwer, sie selbst zu leben, auch bei denen, die anderen vorschreiben wollen, wie sie christlich zu leben haben. Und: Geld und Christenmenschen das ist schon eine interessante und spannungsreiche Beziehung. Die meisten Christenmenschen blenden das Thema Geld und Wirtschaften völlig aus, dabei „leben und weben“ wir in einem System, in dem Geld für das tägliche Leben eine bedeutende und bestimmende Rolle spielt.
Auch die Reformation hätte ohne das Geld der Städte und Fürstenhäuser nicht zur bestimmenden Interpretation des christlichen Glaubens werden können. Denken sie nur an die reformatorischen Pfarrer, die von den Städten und Fürsten bezahlt wurden.
Mit diesen Gedanken wende ich mich nun einem Text Martin Luthers zu, den er 1524 geschrieben hat „Von Kaufshandlung und Wucher“. Das ist Luthers bedeutendste Wirtschaftsethische Schrift, neben den beiden Sermonen „Kleiner Sermon vom Wucher“ von 1519 und „Großer Sermon vom Wucher“ von 1520. 
Luther hatte bei seinen Ausführungen die Handelsstadt Leipzig vor Augen, die sich zu einem Wirtschaftszentrum entwickelt hatte. Bei der Darstellung der Gedanken Luthers, dürfen wir nicht vergessen, dass er nicht im wirtschaftsliberalen Kapitalismus lebte, sondern im Merkantilismus. Das bedeutet, Waren wurden gegen Geld getauscht, Geld war ein reines Tauschmittel. Ein Gegenstand hatte einen bestimmten Preis, für den man das entsprechende Geld zahlte. Eine Finanzwirtschaft, wo Geld mit Geld verdient wird, wie bei uns an der Börse, durch Immobilien etc. kannte Martin Luther nicht. In Leipzig wurden Waren ausgetauscht. Auf dem Markt wurde der Bedarf der Bewohner für das Leben gedeckt. Eine Spekulation mit Waren und mit Geld gab es damals so noch nicht. Man kann auch von einer Kreislaufwirtschaft sprechen, weil die Ware gegen Geld getauscht wurde, das wiederum für eine andere Ware ausgegeben wurde. Geld an sich wurde nicht gehortet.
Dieser Wirtschaftskreislauf war für Luther unproblematisch. Erst als sich Waren und damit Kapital anhäuften und sich Monopole zu bilden begannen, sah er eine Gefahr, weil solche Kapitalansammlungen das Gemeinwohl gefährden. Man kann daher sagen, dass Luther das Geld als Zirkulationsmittel bejaht, es aber dessen Verselbständigung zum Kapital ablehnt. (Hans-Jürgen Priem) Das Neue war nun, dass man Geld kaufen kann. Geld kann man kaufen, indem man Kredite vergibt. Der Kreditnehmer kauft Geld, einen Kredit, und muss dafür einen entsprechenden Zins zahlen. Dieses Modell des „Geldkaufens“ ist uns allen bekannt.
Schon vor seiner großen Schrift „Vom Kaufhandel und Wucher“ kritisierte er die Geldwirtschaft in drei Punkten. Erstens, Zinsen widersprechen dem Wort Gottes. Leihen, so Luther, bedeutet eben nicht „Geld kaufen“ und dafür Zinsen nehmen. Zweitens widersprechen Zinsen dem natürlichen Sittengesetz. Oder haben wir jemals in der Natur gesehen, dass dort Zinsen erhoben werden. Man leiht sich etwas und gibt es dann zurück, so die natürliche und biblische Ordnung. Drittens soll Geld und der Besitz im Dienst der Nächstenliebe stehen. Wo das nicht geschieht, werden Geld und Besitz korrumpiert.
Diese Kritik hält Luther auch in seiner wirtschaftsethischen Hauptschrift bei. Darüber hinaus kritisiert er den beginnenden Auslandshandel, weil er keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen würde, sondern nur dazu dient, das eigene Ansehen zu erhöhen. Geld darf eben nach Luther nur zum eigenen Leben und zum Nutzen für den Nächsten ausgegeben werden.
Dazu ein ausführliches Zitat: 
„Es sollt nicht so heißen: Ich mag meine Ware so teur geben, als ich kann oder will; sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich soll, oder, als recht und billig ist. Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen, ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der niemand verbunden wäre. Sondern weil solches dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es durch solch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, daß du es ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten übst. Und du sollst vielmehr acht haben darauf, wie du ihm nicht Schaden tust, als wie du Gewinn davon trügest. Ja, wo sind solche Kaufleute? Wie sollt der Kaufleute so wenig werden, und der Kaufhandel abnehmen, wo sie dies böse Recht bessern und auf christliche, billige Weise bringen würden!“ (Martin Luther, Von Kaufhandlung und Wucher 1524 in: Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Herausgegeben von Kurt Aland, Band 7, 266)
Luther sieht den Handel als eine wohltätige Tat, die dem Nächsten als Käufer ebenso dient wie dem Verkäufer. Der Handel ist nach Luther ein Ausdruck der Liebe, die dem Nächsten ein gutes, vielleicht sogar ein besseres Leben ermöglicht. 
Nun muss der Verkäufer selbst ja auch leben. Wie entsteht nach Luther nun ein fairer und gerechter Preis für eine Ware oder Dienstleistung? 
Luther gibt dem Leser seiner Schrift drei Kategorien an die Hand, mit deren Hilfe er eine ethische Entscheidung für seine Waren und Dienstleistungen treffen kann.
Erstens, das Beste und sicherste wäre es, wenn die Preise öffentlich festgelegt würden. Hierzu sollte die Obrigkeit, d.h. der Staat verständige, redliche Leute einsetzen – also Sachverständige, die Maß und Grenze der Preise festlegen, damit Kaufleute und Verkäufer und Anbieter von Dienstleistungen einen angemessenen Lebensunterhalt haben.
Zweitens. Wenn es keine solche staatliche Ordnung gibt, so rät er, sich am landesüblichen Preis zu orientieren. Luther im Original: „Man lasse die Ware das gelten, wie sie auf dem allgemeinen Markt gegeben und genommen, bzw. wie es landesüblich ist, sie zu geben und zu nehmen“.
Drittens. Wenn es weder eine gesetzlich bindende Regelung, noch eine allgemein übliche Norm für die Preisbildung gibt, muss der Kaufmann selbst einen Preis festsetzen. Er soll sich dabei an seinem angemessenen Unterhalt orientieren und die Kosten, die Arbeit und das Risiko berechnen, was er für die Zurverfügungstellung der Ware oder Dienstleistung benötigt. Als Ursprungsmaß soll der Verdienst eines gewöhnlichen Arbeitnehmers zugrunde gelegt werden. Dabei gilt, dass der Kaufmann seine Arbeit und seinen Zeitaufwand derart in die Preise einrechnen kann, dass er entsprechend seiner Arbeit und Gefahr einen größeren und höheren Lohn erzielen darf. Evangelisch ist es, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Unwissentlich und ungewollt ein wenig zu viel nehmen, ist insofern tolerierbar, als dass das Leben nicht ohne Sünde ist. Wenn der Kaufmann nach bestem Wissen handelt, soll er sein Gewissen nicht beschweren. Dabei geht es natürlich nicht um eine grundsätzliche Freigabe und Willkür, sondern um eine Entlastung eines bewusst christlichen Kaufmanns, Händlers oder Dienstleisters, und gleichzeitig auch um die Sicherstellung der Handlungsfähigkeit, die verloren ginge, wenn jeweils der genaue Preis bestimmt werden müsste. 
Was ist an dieser Haltung christlich? Christlich ist es erstens, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, sie im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Christlich ist es zweitens, sich an das Übliche zu halten, d.h. die Gewissen anderer nicht durch allzu große Ferne von gegebenen Bedingungen zu beschweren. Nichts liegt Luther ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Christlich ist es also drittens, den Einzelnen auf sein Gewissen hin anzusprechen und ihn in der Gewissensfreiheit, die das Evangelium bewirkt, zu schulen.
Was Luther in seinen Schriften darlegt, ist keine Wirtschaftsethik, sondern er gibt dem einzelnen wirtschaftlich handelnden Menschen einen Maßstab an die Hand, damit er im Gespräch mit dem Evangelium in seiner einzigartigen Situation die jeweilige wirtschaftliche Situation beurteilt und so eine selbständige und entscheidungsfähige Person wird, die ihr Geschäft zum Nutzen für den Nächsten ausübt. Es ist nach Luther der einzelne Christenmensch, der in seiner einzigartigen Lebens- und Wirtschaftssituation für sich im Gespräch mit Gott, mit anderen Christen und der Bibel für sich einen Maßstab seines wirtschaftlichen Handelns nach dem Kriterium „Was nützt es dem Nächsten?“ entwickeln muss. Freiheit und Verantwortung sind nach Luther in Übereinstimmung mit der Bibel der Rahmen, indem sich der Christenmensch zu bewegen hat. Freiheit, die Gott dem Menschen aus Gnade geschenkt hat, Verantwortung vor Gott, die sich in der Freiheit der Liebe realisiert. Das Handeln in Freiheit und Verantwortung geschieht nach Martin Luther so, dass man in allem Tun und Lassen Gott vertraut. So formuliert er im „Großen Katechismus“ von 1529 zum Glauben, den er an Hand des Ersten Gebotes „Du sollst nicht andere Götter haben“ bestimmt: „Das ist: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist das gesagt, und wie versteht mans? Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist., da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“
Gott ist nach Luther als das, woran der Mensch sein Herz hängt, auf den oder das er sich in seinem Leben und Sterben wirklich verlässt. Zu diesen Götter, auf die sich Menschen verlassen, gehört eben auch das Geld, der Mammon. So schreibt er weiter:
„Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube.“
Die Gier nach Geld gehört nach Luther zum Wesen des sündigen Menschen. Und so kämpft im Herzen des Menschen Gott gegen Gott, der Vater Jesu Christi gegen den Gott Geld oder Mammon. Dieser Kampf ist die wirkliche Situation des Christenmenschen in der Welt. Und dieser Kampf läuft mitten durch den Glaubenden hindurch und endet erst mit Tod. Luther nennt darum den Christen Sünder und Gerechten zugleich. Wir Menschen sind somit „Spannungswesen“, nicht eindeutig und stehen zwischen dem wahren Gott und dem falschen Gott.
Konkreter geht Martin Luther, wenn er das siebte Gebot „Du sollst nicht stehlen“ auslegt. So sind Handwerker und Arbeiter Diebe, wenn sie ihre Arbeit nicht sorgfältig ausführen und überhöhte Preise verlangen. Und es sind, wie er schreibt, „meine Nachbarn, gute Freunde, mein eigenes Gesinde, dazu ich mich Gutes versehe, die mich am allerehesten betrügen“. Gleiches gilt auch für die Händler, die falsche Maße nehmen und überhöhte Preise verlangen.
Herausstreichen möchte ich, dass Luther nie von der Eigengesetzlichkeit des Marktes spricht, der wie ein Naturgesetz das Verhalten der Menschen bestimmt. Es sind nach ihm immer die einzelnen Menschen, die so handeln, die deshalb für das jeweilige Wirtschaftssystem verantwortlich sind, und nie das anonyme System, für das die Menschen nicht verantwortlich ist, weil es sich um ein Naturgesetz handelt. Luther streicht in seinem wirtschaftsethischen Denken die Verantwortung und die Freiheit des zur Verantwortung berufenen Einzelnen heraus. Wogegen er gekämpft hat, ist eine Gesellschaft der Ausbeutung, der Preistreiberei und der zügellosen Zinswirtschaft.
Was kann man von Luther, der versucht hat, die biblischen Aussagen auf die Wirtschaft seiner Zeit zu übertragen, meiner Meinung nach lernen?
Erstens, Luther ist unbequem, weil er den Einzelnen für sein Handeln, sein Tun und Lassen verantwortlich mach.
Zweitens, bedeutet nach Luther Arbeiten und Geldverdienen, sofern es fair und gerecht ist, einen Gottesdienst, der sich am Dienst am Nächsten konkretisiert. Arbeiten und Geldverdienen soll dem Gemeinwohl dienen. So wäre eine Steuerpolitik, die dem widerspricht, nicht in seinem und auch nicht im biblischen Sinne.
Drittens, gehört Arbeiten und Geldverdienen zum Wesen der Schöpfung. Arbeiten und Geldverdienen ist an sich nicht böse, sondern nur die Zielsetzung kann gut oder böse sein. Setze ich meine Arbeit und mein Geld zum Guten ein oder nicht?
Viertens sind Wirtschaftsethik und Glaube nach Luther nicht zu trennen. Wie er in seiner Auslegung zum ersten Gebot schreibt, zeigt das faktische Verhalten des Menschen, woran er glaubt. Das Herz, und damit die ganze Person, zeigt in seinem Verhalten, was für ihn wirklich wichtig ist.
Fünftens, muss nach Luther wirtschaftliches Handeln so ausgerichtet sein, dass es dem Leben dient. Dazu gehören die Fragen nach den Löhnen und Gehältern sowie nach den Zinsen.
Sechstens, so muss man Luther wohl in unserer Demokratie weiterdenken, kann uns unser Wirtschaftssystem als Christen nicht gleichgültig sein. Wirtschaft braucht einen Rahmen. Darauf weist Luther deutlich hin. Daraus folgt, dass wir Christen politisch sein müssen, um der Wirtschaft ihren Rahmen zu geben, in welchem sie sich gerecht entfalten kann. Eine vornehme Abstinenz von den Fragen, die das Leben aller Menschen bestimmt – und dazu gehört die Wirtschaft nun einmal – ist für Christen nicht möglich. In diesem Sinne ist ein politisches Engagement der Christen gefragt und in diesem Sinne ist die Bibel hoch politisch und parteiisch: Arbeit und Geld sollen dem Wohl aller Menschen dienen.
Die Fragen Luthers an uns heute sind also: Und was mache ich mit meinem Geld? Wo lege ich es an? Hier ist jeder zur Eigenverantwortung aufgerufen.
Schließen möchte ich mit dem Rat und dem Segen des Apostel Paulus aus dem 1.Thessalonicherbrief (5,21-24 – Zürcher 2007): 
21 Prüft aber alles, das Gute behaltet!
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch; Geist, Seele und Leib mögen euch unversehrt und untadelig erhalten bleiben bis zur Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 
 24 Treu ist, der euch ruft: Er wird es auch tun.
Amen.