16. Sonntag nach Trinitatis 2018: Eine frühchristliche Legende (zu Apg 12,1-11)

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

TXT:

1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln.

2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

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5. Sonntag nach Trinitatis 2017 zu Joh 1,35-51: „Was wollen Sie hier eigentlich?“

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
Predigttext
35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger;
36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!


37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wirst du bleiben?
39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.
43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!
44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus.
45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.
46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!
47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.
48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen.
49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!
50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das.
51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

Liebe Gemeinde,
seit einigen Jahren kursiert in den sozialen Medien der Text einer Journalistin, die sich bitterlich darüber beklagt, wie belanglos oder pseudointellektuell Predigten in evangelischen Kirchen seien. Entweder begebe man sich auf Kindergottesdienst-Niveau herab, mache zwischen Altar und Kanzel irgendeinen Quatsch mit Puppen, belanglosen Spielen und trivialen Aussagen, oder aber erzähle hochtrabend irgendwelche Dinge vom Geheimnis Gottes, von der Rechtfertigung des Gottlosen, von Gottes Liebe und Güte, ohne der Zuhörerschaft wirklich begreiflich zu machen, um was es da eigentlich geht. 
Was soll das denn sein, das Geheimnis Gottes? Und was hat es mit der Rechtfertigung des Gottlosen auf sich, wenn man selber überhaupt nicht mehr glaubt, dass man gerechtfertigt werden müsse? Und wie kann man von Gottes Liebe und Güte sprechen, wenn man noch nicht einmal verstanden hat, dass Gott überhaupt da ist. Weihnachten sei es dann ganz besonders schlimm, wenn der Pfarrer mit einem Rucksack kommt und ihn auspackt, Plattitüden zur Krippe erzählt oder ein verdammt schlechtes Theaterstück aufgeführt wird, das nur dazu dient, anwesenden Großeltern und Eltern ein wenig Tränen in die Augen zu zaubern. Die Journalistin verlangte nichts weniger als echte Verkündigung mit Leidenschaft und keine Plattitüden. Übrigens sei das auch der einzige und wahre Grund, warum so wenige Menschen den sonntäglichen Gang zur Kirche auf sich nähmen: Unterhalten kann das Internet tatsächlich besser – und den Geist sprechen kluge Bücher besser an – 
wenn dann der Mann oder die Frau auf der Kanzel eines von beidem versucht, ist es kein Wunder, dass er oder sie scheitert und viele Plätze frei bleiben.
Ich habe in dieser Woche den Ball aufgenommen und auf Facebook ziemlich herumposaunt, dass ich aus Leidenschaft predige, auch die Bereitschaft habe, bei den Menschen, die mir zuhören, gern auch mal anecke; insgesamt hoffentlich verkündige statt nur salbadere. Heute morgen solle sie mal kommen, da sei es im Bonhoefferhaus streitbar, nachdenklich. Und man solle mir sagen, wenn das hier alles nur langweiliger Unsinn ist, den ich verzapfe. Das ist ziemlich starker Tobak, denn Eigenlob richtet sich am Ende gegen denjenigen, der sich selbst so sehr lobt. Selbstkritik hingegen kommt bei den meisten Leuten eher an. Entscheiden Sie selbst, ob ihr Pfarrer einfach nur selbstgefällig ist und die Worte der Journalistin beherzigen sollte, oder ob sie ihm zumindest für heute nicht einfach mal Recht geben!


Anders gesagt: Wird hier und jetzt in diesem Raum das Evangelium verkündigt, die gute Botschaft Gottes ausgerichtet – oder gibt‘s hier nur Plattitüden?
Letzten Endes verbirgt sich hinter ihrer Antwort auch die Frage, was Sie hier eigentlich wollen: 
•    Sind Sie hier hergekommen für eine gute Einmannshow, bei der auch Kirchenvorsteher ein wenig beteiligt werden und es etwas auf die Ohren von unserer Organistin gibt? 
•    Oder erwarten Sie in diesem Raum Ruhe und Meditation? 
•    Oder sind Sie hier, weil sie nicht so recht wissen, was sie mit dem Sonntag sonst anfangen sollen? 
•    Oder sind Sie hier, weil sie hier gerne Bekannte und Freunde treffen? 
•    Von allem ein bisschen? 
•    Oder sollten sie tatsächlich hier sein, weil sie die Nähe Gottes suchen und etwas über den christlichen Glauben erfahren wollen und eventuell sogar noch die hier aufgeschnappten Gedanken in ihr eigenes Weltbild integrieren möchten?
Sollten Sie zu den letzteren gehören und wirklich hier sein, um von Gott zu hören, dann sind sie in bester Gesellschaft (und dies ist auch meistens die Motivation, mit der ich hier rede). 
Letzterer Grund, die Nähe Gottes, ist nämlich tatsächlich die Frage, die Jesus seinen ersten Jünger stellt, als diese ihm (nach einem Hinweis Johannes des Täufers) begegnen. 
Er fragt sie: „Was sucht ihr?“ 
Und die Jünger antworten, für uns erst einmal seltsam zu verstehen: „Wir wollen wissen, wo du wohnst.“ 
Hinter der Antwort verbirgt sich ein ganzer Rattenschwanz von Aussagen, die letzten Endes darauf hin zielen, dass diese Jünger Gott suchen. Denn: Ein Jünger hält sich da auf, wo sein Rabbi wohnt. Er folgt ihm auf Schritt und Tritt und möchte von ihm lernen. Nun ist es aber so, dass in dem Text ziemlich schnell Jesus als der Messias, der Christus, der König von Israel und der Welt bestimmt wird. In dem Moment, wo die Jünger fragen, wo ihr Rabbi Jesus wohnen würde, bedeutet das auch noch, in Erfahrung zu bringen, was es mit Gott auf sich hat, wie man es anstellen kann, selber im Bereich Gottes zu wohnen bzw. zu leben, ob Gott jedem einzelnen Menschen nahe ist oder auch und gerade nicht.
Die Frage die Jesus stellt ist nichts anderes als die Frage, die ich Ihnen gerade gestellt habe: Was wollt ihr hier eigentlich? 
Und meine Frage an die Journalistin: Was erwarten Sie eigentlich in einem Gottesdienst, von einem Gottesdienst?
Anhand der Stelle im Johannesevangelium lässt sich ziemlich gut zeigen, dass die Wege der Verkündigung für verschiedene Menschen ganz unterschiedlich ausfallen müssen. Da haben wir als allererstes Johannes den Täufer, der aus seiner Propheten-Rolle heraus begreift, dass Jesus der angekündigte Messias ist. Für ihn reicht es, dass Jesus an ihm vorüber geht. Da sagt er dann den orakelhaften Satz: „Siehe das ist das Lamm Gottes.“ So mag es manchen Leuten auch ergehen, dass sie in vielleicht frühester Kindheit von diesem Jesus erfahren haben, ihn für ihr Leben akzeptiert haben und seitdem auf diese Art und Weise leben. 
Die erste Jünger-Berufung hingegen bedarf schon wieder einer anderen Form der Verkündigung: Zwei Jünger des Johannes werden von dem Täufer darauf aufmerksam gemacht, dass Jesus das Lamm Gottes sei – und erst auf diese Rede hin springen sie auf Jesus an. Gehen zu ihm, heften sich an seine Fersen. Sie brauchen im Vorfeld jemanden, der ihnen in der Sprache des Mythos weiterhilft. Johannes sagt nicht: „Das ist der Messias, dem folgt mal nach.“ Dieser Art klarer Rede scheinen die beiden Jünger nicht zu brauchen. Für sie ist die orakelhafte Sprache die geeignetere. Die Art der Verkündigung, die diese beiden Jünger bekommen, ist diejenige, welche manche Pfarrer auch heutzutage ganz gerne anwenden, wenn sie Gottes Geheimnis einfach stehen lassen und eben nicht alles erklären wollen. 
Wenn solche Sätze geraunt werden wie: „Gott ist immer der ganz andere.“ Oder auch: „Das können wir nur im Glauben erfahren und nicht wissen.“ Dann werden Menschen angesprochen, wie diese beiden ersten Jünger, Andreas und ein anderer, vielleicht bereits Simon Petrus. (So ganz klar ist das im Evangelium nicht, vermutlich wurde der Text später vom Evangelisten oder einem seiner Schüler verändert). Diese eher mythologische Herangehensweise an die Religion spricht freilich manche Menschen an, andere aber so gar nicht.
Und gleich passiert es auch, dass in unserem Predigttext Simon Petrus von seinem Bruder Andreas zu Jesus geschickt wird, nachdem er ihm ausgerichtet hat, dass sie den Messias gefunden hätten. Als Simon dann zu Jesus kommt, wird ihm von diesem sofort ein neuer Name verpasst: Petrus, Kephas, Fels, auf dem die Kirche gebaut werden soll.
Und wieder können wir den Vergleich ziehen: Ein Verwandter kümmert sich darum, dass dieser von Jesus erfährt. Und in dem Moment, wo er auf Jesus trifft, bekommt er gleich einen neuen Namen. Wir haben diesen Ruf in die Nachfolge in der Kirche im Vollzug des Sakrament der Taufe aufgenommen. Dort werden zwar keine Namen mehr vergeben (das macht das Standesamt ja heutzutage), aber der Name wird nach wie vor laut und deutlich genannt und so in Form eines Rituals der Mensch in den Bereich Gottes gestellt. Wie wird man also ein Jünger? Indem Gott den Menschen zu einem Jünger macht, aber sehr oft doch vermittelt durch Verwandtschaft! Wie verkündigt man aber der Verwandtschaft die gute Nachricht Gottes? Das kann doch nur in einfachen Worten geschehen. Ich denke dabei an die vielen Kinder, die wir taufen, die jungen Leute, die sich konfirmieren lassen: Für diese etwa akademische Lesungen zu halten wäre genauso verfehlt, wie Ihnen heute Morgen mit der Kinderbibel zu kommen. Je nachdem, wer angesprochen werden soll, muss in der Sprache angesprochen werden, die er oder sie verstehen kann, gegebenenfalls sogar mit Theater, mit Puppen oder mit einem Spiel im Gottesdienst – oder er wird die frohe Botschaft nicht verstehen. 
Freilich könnten wir uns überlegen, ob wir unsere Bonhoefferkirche mehr in eine spezielle Richtung ausrichten wollen. Vielleicht wäre es eine Idee, in Fulda die Kirchen nach Neigungen und Milieus zu unterteilen: Hier die Kirche, die mehr Familien anspricht, dort die Kirche, von der sich eher die Traditionalisten angesprochen fühlen, da eine Kirche für die Avantgarde, dann eine andere Kirche für die ganz abgehängten und sozial benachteiligten Leute. Und vielleicht dann noch eine Kirche für die normalen Menschen? Ich vermute, jede Kirchengemeinde würde diese Zielgruppe ansprechen wollen! Was also tun?
Zäsur
Aber es geht ja noch weiter! Mit der Nachfolge des Petrus ist die Geschichte ja noch nicht am Ende! Philippus ist der nächste Jünger, der gefunden wird. Er wird von Jesus direkt aufgesucht und zum Jünger gemacht. Er gehört übrigens zur Nachbarschaft des Andreas und Petrus. 
Hier findet sich der indirekte Aufruf versteckt, in seinem eigenen Umfeld die gute Nachricht weiterzugeben. Also nicht allein darauf zu setzen, dass der Pfarrer es schon macht in seiner Kirche und man da selber ja auch ganz gern am Sonntag hingeht, sondern zu begreifen, dass die Kirche nur dann wachsen und gedeihen kann, wenn sie von den Menschen für die Menschen gemacht und getragen wird.
Ein winziges Detail dieser Berufung soll dabei nicht unerwähnt gelassen werden: Jesus findet den Philippus direkt und macht ihn zum Jünger. Aber was tut Philippus dann? Er geht zu Nathanael und erzählt, er hätte Jesus gefunden. Er macht ziemlich große Worte gegenüber Nathanael, als wolle er damit zeigen, was er doch für ein toller Hecht ist, dass gerade er Jesus gefunden habe. Mich erinnert dieses fast schon ironische Detail an manche unserer Mit-Christen, die einen sehr großen Wert auf das eigene, persönliche Bekenntnis legen und immer wieder betonen müssen, dass sie selbst es ja sind, die Jesus im Herzen tragen. 
Solche Leute können nervig sein. 
In unserer Geschichte aber funktioniert es, und darauf kommt es an: Auch Nathanael wird zum Jünger gemacht, der dazu vom Philippus mit ziemlich vielen frommen Worten dazu gebracht wird. Aber erst nach gewissen Widerständen lenkt er ein: 
Nathanael wundert sich noch, was denn aus Nazareth Gutes kommen könnte. Und erst ein kleines Wunder Jesu – Jesus zeigt seine unglaubliche Allwissenheit – überzeugt Nathanael dann. 
Der Evangelist Johannes will damit zeigen, dass Gottes Wege undurchschaubar und überraschend sind. Ein wenig so, als würde ich Ihnen erzählen, der Messias würde aus Bernhards oder Dietershahn kommen: ein zutiefst seltsam anmutende Gedanke, aber ähnlich muss es Nathanael gegangen sein, als er das von Philippus gehört hat.
Also, was sucht ihr hier im Gottesdienst?
Und vor allen Dingen: Auf welchen Wegen findet ihr das, was ihr sucht?
Habt ihr denn schon gefunden, was ihr sucht?
Ist es irgendwie geschehen, geradezu mythisch, dass ihr zum Glauben gekommen seid, einfach dadurch, dass ihr euer Leben gelebt habt? 
Oder war es irgend ein Lehrer oder ein Pfarrer oder ein kluger Mann oder Frau, die euch auf diesen Weg gebracht hat? 
Oder waren‘s Verwandte, die Eltern oder Großeltern? Ein Patenonkel? War´s jemand aus der Nachbarschaft oder dem entfernteren Bekanntenkreis? 
Oder gehört ihr zu den wenigen glücklichen Auserwählten, die an ihrem eigenen Leib schon einmal ein echtes Wunder erlebt haben?
Wie auch immer ihre Antwort ausfällt, diese ganzen Bekehrungsgeschichten und Erlebnisse, diese Rufe Jesu in die Nachfolge, die die Damaligen genauso getroffen haben wie sie uns heute treffen, sind und bleiben unter einem tiefen Schleier verborgen. 
Jeder und jede hat seine eigene Biografie, was den eigenen Glauben betrifft. Und so ist auch im Johannesevangelium kein psychologisches Interesse erkennbar. Die jeweilige Motivation, warum nun genau nachgefolgt wird, bleibt vollkommen im Verborgenen. Es wird allein die Nachfolge selber herausgestellt.
Denn auf die kommt es im Christentum tatsächlich an.

Und nun könnte die Journalistin wiederkommen, von der ich am Anfang erzählt habe: Das sind doch alte Kamellen, die irgendwie vom Pfarrer mit der heutigen Zeit verbunden worden sind. Allein schon dieses Wort „Nachfolge“. Wer soll das denn verstehen, da ist noch gar nix verkündigt, schon gar nicht mit Leidenschaft, das ist salbadert.
Ich würde ihr antworten, dass ich‘s nicht besser kann! 
Und auch, dass der Text nicht allzu viel mehr hergibt. 
Als Pfarrer ist man nun mal an die Heilige Schrift gebunden und nicht unbedingt daran, was man selber gerade für besonders wichtig und interessant hält: Und heute Morgen ist die Nachfolge dran. Vielleicht ist es an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, inwiefern sie selbst in der Nachfolge lebt oder auch gerade nicht.
Und ich würde die Kritik dann doch irgendwie auch zurückgeben: Ich selber würde ihr die Frage stellen, was sie denn eigentlich will. Was ihr Interesse ist, wenn sie eine Kirche betritt. Ob sie in den Gottesdienst geht, um akademische Reden zu hören, oder erwartet, dass im wöchentlichen Rhythmus der Pfarrer immer wieder neue Gedanken entwirft, die alles, was bisher gedacht wurde, überflügeln? Oder ob sie vielleicht doch einfach nur kritisiert, um sich wichtig zu machen. Und nicht bereit ist, genau hinzuhören, das Gesagte auf sich wirken zu lassen und dann ins eigene Leben zu übertragen. 
Und von Seiten der Kirche darf es durchaus unterschiedlich geschehen: ganz anders, als es etwa der Bischof Algermissen in dieser Woche in der Fuldaer Zeitung behauptet hat: All die vielen Milieus und Gruppierungen, die es gibt, kann man doch nicht einfach unter einem einzigen Gottesdienst subsumieren! Was Jugendliche anspricht, spricht noch lange nicht Erwachsene an, spricht noch lange nicht Ältere an. Ein ländliches Milieu braucht einen anderen Zugang zum Evangelium als ein städtisches, im Seniorenheim sprichst du die Leute anders an als in der Hochschule.
Die Frage ist und bleibt doch, diejenige, die Jesus seinen ersten beiden Jüngern gestellt hat: 
Was sucht ihr eigentlich? Was wollt ihr eigentlich? 
Und erst wenn man diese Frage für sich und sein eigenes Leben beantwortet hat, erst dann kann man überhaupt den nächsten Schritt gehen, und das, was man sucht, bewusster auswählen und aufsuchen. Und, so Gott will, dabei merken, dass man von Christus längst gefunden worden ist, und zwar ganz ohne eigenes Suchen war er längst da.

Eine letzte verborgene Struktur des Predigttextes will ich ihnen nicht vorenthalten: 
An drei Stellen im Text fügt der Evangelist eine Übersetzung ein. Er übersetzt das Wort Rabbi mit Lehrer, das Wort Messias mit Christus, und das Wort Kephas mit Petrus, also Fels. 
Auch hier verbirgt sich eine Struktur der Bekehrung und der Nachfolge. Zunächst einmal wird Jesus von seiner Umgebung und zu Lebzeiten als Rabbi, als Lehrer wahrgenommen: Ein Rabbi ist einer, der große Weisheit mit sich bringt und einfach mehr Dinge weiß, als es andere Leute für gewöhnlich tun. Solange er aber als Rabbi, als Lehrer angesprochen wird, bleibt Jesus noch ganz Mensch und gehört im Denken des Jüngers noch nicht in die Sphäre Gottes. 
Erst im zweiten Schritt fällt einigen Jüngern auf, dass dieser Rabbi ja in Wahrheit der Messias ist, der Christus. Aus der reinen Nachfolge zu einem menschlichen Lehrer oder auch einem Guru, der ja eine religiöse Sondergemeinschaft der Juden angeführt hat, entsteht der Glaube daran, dass sich Gott selber bei Jesus gezeigt hat, ja Gott selber in Jesus anwesend ist. Aus dem reinen Rabbi wird der Messias. 
Und der Messias geht ganz schnell daran und gründet seine Kirche. Dies tut er, indem er Simon den neuen Namen „Kephas“ bzw. Petrus gibt. Petrus, der Fels. Die römisch-katholische Kirche baut ja bis heute ganz darauf dass der Papst in Rom der Fels ist, auf den Jesus seine Kirche gebaut hätte.
Was der Evangelist Johannes hiermit tut, ist uns mit dieser Struktur des Textes mehrere Wege in die Nachfolge zu ebnen: Man kann Christ werden darüber, dass man in Jesus einen besonderen Menschen erkennt. Dann kann man aber auch Christ werden, indem man ihn tatsächlich und gleich als den Christus, den Menschen gewordenen Sohn Gottes erkennt. Und zu guter Letzt führt der Weg über die Kirche selber, d.h. die Kirchengemeinde vor Ort. Also über all die vielen „Petrusse“, die wir hier bei uns haben: 
Klar, das sind die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die vielen Jugendreferenten und was es von Seiten der Kirche noch an hauptamtlichem Personal gibt. Aber es sind auch die vielen Praktikanten und Lektoren, die vielen Ehrenamtlichen, die diese Kirche mittragen und mitbestimmen. 
Und zu guter Letzt jeder getaufte Einzelne, der bei sich Zuhause die gute Nachricht etwa an seine Kinder oder Enkel weitergibt;  gegenüber der Nachbarschaft, Freunden und Bekannten offen und einladend ist und den Gottesdienst des Sonntages in die Woche hineinträgt, indem er oder sie die Nächstenliebe lebt. 
Das ist Nachfolge Jesu Christi. Hoffentlich ohne zu salbadern.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

4. Sonntag nach Trinitatis 2017: Vom Tragen der Schuld des Anderen (Gen 50,15-21)

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

1. Einbettung in die Josefsgeschichte
Die Josefsgeschichte ist bei evangelischen Christen immer noch ziemlich bekannt und gehört zum gemeinsamen Wissen über das Alte Testament. Damit ihr rasch wieder hereinfindet, eine sehr kurze Zusammenfassung: 
Jakob hatte zwölf Söhne. Einer davon, Josef, wurde vom Vater am meisten geliebt, er bekam in vielen Dingen den Vorzug. An einem besonders hübschen Kleidungsstück entzündete sich ein großes Eifersuchtsdrama.


Die Brüder werden neidisch, schmeißen Josef in einen Brunnen und verkaufen ihn daraufhin an eine vorüberziehenden Sklaven-Karawane. Dem alten Vater Jakob erzählen sie, ein wildes Tier habe seinen Lieblingssohn Josef gefressen. Mit den Sklavenhändlern kommt Josef nach Ägypten, wo sie ihn ans Haus des Potifar verkaufen. Nach einigem Trubel (er wird sogar ins Gefängnis geworfen, weil die Frau des Potifar bezichtigt, sie vergewaltigt haben zu wollen) macht er eine Karriere am Hof des Pharao, wird dessen Traumdeuter und schließlich sogar der Vizekönig von Ägypten.

Viele Jahre später herrscht dann in Israel eine Hungersnot, sodass Josefs Brüder kommen, um beim Vize-Pharao Getreide einzukaufen. Die Brüder merken nicht, dass es Josef ist, der ihnen gegenüber sitzt. Doch Josef auf seinem Thron erkennt seine Brüder, erschreckt sie zunächst ein wenig, verzeiht ihnen dann aber alles und versöhnt sich mit ihnen. Für den alten Vater Jakob ist der tot geglaubte Sohn wieder lebendig. 
Und damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ende gut, alles gut! 
Die Geschichte ist aber nicht zu Ende. Als Vater Jakob dann tatsächlich stirbt, haben die elf Brüder große Sorge, dass Josef sie nun für ihr Verhalten von früher bestrafen würde. 
Und genau da setzt unser heutiger Predigttext ein:  


2. Predigttext Gen 50,15-21
15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: „Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“
16 Darum ließen sie ihm sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 ‚So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.‘  
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: „Siehe, wir sind deine Knechte.“
19 Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“ 
Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

3. Vergebung als ein „Tragen“ (afn) 
Das Familienoberhaupt gestorben, für orientalische Verhältnisse ist in dem Moment die Familie selbst bedroht. Die Brüder tischen Josef eine Geschichte auf: Der alte Vater soll noch auf dem Sterbebett gesagt haben, dass Josef seinen Brüdern verzeihen möge! Vielleicht hat das gesagt, vielleicht auch nicht: mir gefällt die Vorstellung besser, dass die Brüder sich besprechen, dass aus dem Testament des Vaters hervorgeht, dass Josef Gnade walten lassen solle. Wir wissen ja: die Geschichte geht gut aus. 
Josef weint sogar, als er seine Brüder vor ihm auf den Knien sieht. Und war es einige Kapitel vorher noch so, dass die Brüder auf die Knie gingen, weil man vor einem Vize-Pharao nun einmal auf die Knie geht und das Protokoll es so verlangt, so ist es nun der Tatsache geschuldet, dass sie vor ihm auf die Knie gehen, weil sie wissen, dass persönliche Schuld zwischen ihnen steht. Wenn Josef wollte, könnte er nun diese seine Familie auslöschen, die Brüder fort schicken, ja sie sogar töten lassen für ihre Vergehen – und weiterhin als Vizekönig regieren.
Aber Josef vergibt Ihnen!

Interessant ist in diesem Zusammenhang der hebräische Begriff der „Vergebung“. In unserer Sprache spielt bei dem Wort Vergebung eine ganze Reihe von Aspekten eine Rolle, die im hebräischen so nicht gegeben sind: Wir interpretieren das Wort „vergeben“ ganz schnell mit seinen christlichen oder alltagsethisch gefüllten Bedeutungen, die zwischen „Edelmut“, „Absolution“ oder auch „Schwamm drüber“ changieren. Die hebräische Wortbedeutung hingegen ist mehr ein „tragen“, „aufheben“. 
Also nicht: „Bitte vergib uns!“ Sondern vielmehr ein: „Bitte trage uns mit!“ Oder auch: „Bitte ertrage uns!“
„Die Last, die auf der Familie liegt durch das, was die Brüder Josef angetan haben, liegt einfach schwer! Sie kann auch nicht einfach so aus der Welt geschafft werden“, auch nicht durch irgendeine Form von Vergebung. “ (vgl. auch im Folgenden stets: GPM 65/3, S.328ff., hier: S. 332f.)
Die Wortwahl zielt auf ein  Einbeziehen der Schuld – und verwehrt den Gedanken an Vergessen oder sich nicht mehr mit den alten Geschichten belasten. 
Was die Brüder Josef angetan haben, ist einfach Teil der Sippengeschichte. Und diese Geschichte wird in der Zukunft, um die es jetzt geht,  nicht verschwiegen! 
Die Bitte an Josef geht dahin: Widerstehe der Versuchung, als einziger und als reiner Held aus diesen Geschichten herauszukommen! Bitte gib dich weiterhin mit deiner Verwandtschaft ab, die genügend schmutzige Wäsche gewaschen hat! Und ehrlich gesagt ist das eine heftige Zumutung. Indem er mit denen, die ihm übles wollten, Gemeinschaft hat, bleibt er nicht unberührt von dem Dreck, den sie am Stecken haben. 

Dieses Tragen der Schuld ist auch in dem Sinn zu verstehen, es auszuhalten, solche Brüder mit solcher Vergangenheit zu haben – und sich von ihnen trotz allem nicht zu distanzieren.

4. Die Mutter und ihre Tochter
Vergangene Woche rief mich eine Frau an, mittlerweile Oma eines Enkelkindes, dass hier im Bonhoefferhaus vor längerer Zeit getauft worden ist. Sie klagte mir, dass sie Kontakt zu ihrer erwachsenen Tochter wünschte – um des Enkelkindes willen. Ich als Pfarrer und Seelsorger solle da etwas vermitteln. Nun ist es immer ausgesprochen schwierig, in solche Familienkonstellationen einzugreifen. Wer weiß, weswegen sich die Tochter von der Mutter getrennt hatte? Wer weiß, was da alles innerfamiliär schief liegt. 
Wie auch immer, ich griff zum Hörer und rief die Tochter an. Ein langes Gespräch folgte, deren Ergebnis war, dass eine Versöhnung zwischen den beiden zur Zeit nicht möglich ist. Zu groß war die Schuld, die aus Sicht der Tochter ihre eigene Mutter auf sich geladen hatte. Auch um des Enkelkindes willen wolle sie keinesfalls einen Kontakt zu ihrer Mutter herstellen, auch nicht gemeinsam mit mir als ihrem Seelsorger.

Und wisst ihr was? Ich kann das total gut verstehen. Ich selbst habe mich in dem Moment ziemlich schlecht gefühlt: Habe mich zum Handlanger dieser Frau gemacht, die in der Vergangenheit wohl nicht gerade glänzend in ihrer Rolle als Mutter aufgefallen ist. Vielleicht. 
Wenn einmal etwas zerbrochen und kaputt ist, dann ist es eben nicht immer heilbar. Nicht alle Geschichten gehen so aus, wie in der Josefsgeschichte. Und es wäre völlig verfehlt, wenn ich euch nun predigen würde, dass diese Tochter dem Treffen mit ihrer Mutter und mir hätte zustimmen müssen. So wie in der Josefsgeschichte er sich gegenüber den Brüdern verhalten hat!Die Tochter muss sich der Mutter eben nicht so verhalten! 
Wir Menschen sind so. Und das kann man beklagen, aber ändern wird man die Menschheit deswegen nicht.

Vergeben kann die Frau ihrer Mutter nicht. Was sie aber damit tut, ist die Schuld, die diese auf das Familienleben gelegt hat, mit zu tragen. Aber eben nicht so, wie bei Josef (da ist dann auch mehr ein Ertragen und Verzeihen!). Durch diese Familie geht ein Riss, und alle die beteiligt sind, haben daran zu tragen. 

5. „Bin ich denn an Gottes Stelle?“
Kommen wir zu den beiden vielleicht wichtigsten Sätzen der Josefsgeschichte, ja vielleicht sogar des gesamten Buches Genesis. Josef spricht ihn aus als in die Brüder um Verzeihung bitten, auf den Knien liegend. 
Er sagt: „Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

„Das ist nun – wenn auch in ganz weltlicher Sprache – konzentrierteste Theologie. Josef spricht zwei Sätze. In dem einen bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das Verhältnis seiner Brüder zu Gott. Bei dem ersten Satz („Bin ich denn an Gottes Stelle?“) muss man sich hüten, die verwunderte Frage im Sinn einer sehr allgemeinen frommen Wahrheit misszuverstehen, also einer demütigen ‚Nichtzuständigkeitserklärung‘, als habe nicht er in dieser Sache zu richten – sondern Gott. Das wäre für seine Brüder ein schlechter Trost, wenn Josef die ganze schwere Sache nur auf eine höhere Instanz abschieben wollte! (Also ich verzeihe nicht, aber vielleicht verzeiht euch ja Gott!). Josephs Meinung ist vielmehr die: Hier, in der wunderbaren Führung des Ganzen, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch das Böse in sein Heilshandeln einbezogen und damit schon eine Rechtfertigung ausgesprochen. Würde Josef jetzt die Brüder verurteilen, so würde er einen eigenmächtigen Spruch neben den stellen, den Gott in den Ereignissen selbst schon ausgesprochen hat, und damit würde er sich „an die Stelle Gottes“ setzen. 

Der zweite Satz („Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“) berührt sich eng mit dem Wort Josephs, dass er schon beim Erkennen gesagt hatte, nur dass er das Rätsel des Ineinander von göttlichem Führen und menschlichem Handeln noch schärfer betont. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in der Hand gehalten. Aber das wird nur behauptet, nicht erklärt; das „Wie“ dieses Ineinanderwirkens bleibt ganz Geheimnis. So stehen sich dieses „Ihr gedachtet“ und jenes andere „Gott gedachte“ letztlich doch sehr spröde gegenüber.“ (Von Rad, Die Josephsgeschichte, in: Biblische Studien 5, 1956, S. 20f.).

Anders gesagt: wir haben einerseits das böse Handeln des Menschen und andererseits das gute Handeln Gottes. Und dann die Frage: Wie fern oder wie nahe ist Gott uns denn eigentlich? Musste es so geschehen, dass Josef erst ein kleines Martyrium durchmacht, um dann Vizekönig zu werden, um dann seine Brüder doch nicht zu strafen, sondern ihre Schuld mitzutragen respektive zu vergeben? 

Das Ende der Josephsgeschichte klingt ganz danach, aber wir sollten uns davor hüten, in unserem Leben nach dem Motto zu verfahren: „‘Man sieht sich immer zweimal im Leben‘ oder auch  ‚Am Ende hat schon alles seinen Sinn‘.  Deswegen nimmt euch mal schön den Josef als Vorbild und dann wird die Welt gut.“
Beides stimmt einfach nicht. Manchmal sieht man sich eben nicht zweimal im Leben: Die Tochter vergibt der Mutter vielleicht niemals und hält den Kontakt nicht mehr. Kommt auch nicht zur Beerdigung, wie es mir neulich geschehen ist, als ich allein mit dem Bestatter am Sarg stand. Und am Ende hat auch nicht alles seinen Sinn. Wer das behauptet, macht es sich zu einfach und spuckt ohne es zu merken, den Opfern von Terror und Gewalt direkt ins Gesicht. Ich verzeihe den Idioten von Hamburg ihr zerstörerisches Werk nicht. Das kann ich nicht, weil ich nicht so barmherzig bin wie Gott es mit uns ist!

Doch ob Gott bei all unserem bösen Tun am Ende gut handelt, können wir immer nur von hinten her sehen, vom Schluss her. Jetzt, wenn uns etwas im Leben widerfährt, können wir eben nicht einfach so davon ausgehen, dass Gott es schon richten werde. Da sind wir selber zu aufgerufen! Wir selber sollen handeln! Und es geht dabei durchaus um den inneren Schweinehund, den man nur sehr schwer besiegen kann. Und das oft mit der Ausrede: Was kann ich einzelner schon machen?

6. Vom freien und vom unfreien Willen: Ein Tanz
„Im Gegensatz zu dem, was die meisten von uns gelernt haben, ist es eben nicht so, dass Gottes Wille unseren eigenen Willen einfach so überflügeln würde. Wenn‘s um den Willen Gottes geht und unseren Willen, dann sollte man sich das ganze vielleicht eher so vorstellen wie ein Tanz. Einen völlig mysteriösen Tanz, der sich zwischen unserer und Gottes Freiheit abspielt, zwischen Gottes Willen und unserem Willen. In diesem Tanz ist es nicht Gottes Angelegenheit, dass er dafür zu sorgen hätte, dass uns bloß keine bösen Dinge widerfahren. Schlimme Sachen passieren. Der Bruder schlägt den Bruder tot. Der Großvater schießt auf seinen Enkel.
Menschen werden gekauft oder sogar verkauft. Hungersnöte entvölkern ganze Landstriche, nach wie vor. Und es ist nicht Gottes Angelegenheit oder Job, uns vor diesen Dingen zu bewahren. Nein! Liebe Tauffamilien, das ist vielleicht etwas hart, das zu sagen, aber auch uns Christenmenschen schützt Gott nicht in dem Sinne, dass er uns vor dem Übel bewahrt!
Gottes Job, Gottes Wirken ist es, in all diesen Dingen präsent zu sein, in allem zu bleiben. Denn nur so bleibt er weiterhin Gott, der ganze Welten aus dem totalen Chaos erschafft, der das Wunder des Lebens aus dem Staub erhebt, der uns totale Sünder und mit unseren Leben nicht klarkommenden Leute nimmt und daraus etwas wunderbares erschafft. Das ist es doch, was Gott ausmacht.“ (aus dem Englischen übertragene Gedanken von Barbara Taylor in GPM 65/3, 333f.)

7. Josef in Christus
Kommen wir noch einmal zum Josef zurück. 
So, wie die Brüder den Josef bitten, so bitten Christinnen und Christen in jedem Gottesdienst ihren Herrn: Jesus Christus! Im Vaterunser kommt das vor: „vergib uns unsere Schuld“ und daraus erwächst ein großer Teil unserer Frömmigkeit. Wir bitten Christus: trage du doch unsere Schandtaten. Und so kann sich dann doch unsere Gemeinde der Sünder aus der Josephsgeschichte heraus auch die Ermahnung des Paulus aus dem Galater-Brief im sechsten Kapitel zu Herzen nehmen, wenn er schreibt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Vergebung und Barmherzigkeit sind schöne Züge Gottes, aber ebenso schöne Züge des Menschen. 
Wo es uns möglich ist, so sollten wir danach unbedingt handeln. 
Und wo es uns nicht möglich ist, so dürfen wir es getrost unserem Herrn überlassen, es am Ende gut zu machen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn!

5. Sonntag nach Trinitatis 2016: Leiden für die Torheit des Kreuzes (1. Kor 1,18-25)

von Pfarrer Marvin Lange

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth im ersten Kapitel.
Der Apostel schreibt:


PREDIGTTEXT 1. KOR 1,18-25

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,  die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s  eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt?  Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn  die Juden fordern Zeichen, und  die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein  Ärgernis und den Griechen eine  Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und  Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

1.    Fußballfans
Liebe Gemeinde,
•    jetzt muss ich Euch erst einmal etwas fragen. Wer von Euch schaut zur Zeit die EM-Spiele mit deutscher Beteiligung? (Meldungen abwarten) 
•    Wer von Euch versucht, möglichst viele Spiele mitzuschauen, auch wenn da nicht Deutschland mitspielt? (das sind wohl die echten, eingefleischten Fans!)
•    Und jetzt das Bekenntnis: Wer von euch vermeidet die Fußballspiele, hat darauf so gar keine Lust? (wieder Meldungen abwarten)

Man kann da gewisse Grade an Begeisterung ablesen. 
Da gibt es diejenigen, die alle Bundesligaspiele, möglichst viele EM-Spiele verfolgen. Die die Namen der Spieler kennen, die genau wissen, welcher Verein, auf welchem Tabellenplatz steht, oder welches Land jetzt gerade die besten Spieler hat.
Solche Leute sind echte Fußballbekenner, und die tummeln sich auf öfter mal im Stadion. Natürlich dann möglichst bei „ihrem“ Verein.
Und dann sind da diejenigen, die sich ab und an mal ein wenig interessieren, die gern mal einschalten, die auch zu einem Verein halten, aber wenn sie was verpassen, ist das nicht weiter tragisch.

Und dann gibt es diejenigen  (wie etwa mich), die vor 30 Jahren mit dem Vater ins Stadion mitgenommen wurden. Und die recht schnell gemerkt haben: Boah, ist das öde, 22 Menschen zuzugucken, wie sie hinter einem Ball herlaufen.
Bei mir ist das Ganze dann im Sommer 2006 in Folklore ungekippt. Seitdem bin ich Deutschland-Fan, versuche, die Deutschland-Spiele anzuschauen – aber eigentlich geht es mir mehr um die Freude der anderen. Die Emotionalität vor den Leinwänden (auch heute Abend wieder hier im Bonhoeffer-Haus, habe ich gehört), der Jubel, wenn Deutschland ein Tor macht.
Schade, wenn wir raus fliegen: Dann ist die Party vorbei.

Und dann sind da die Fußball-Muffel. Die wegschalten, weghören, sobald das Thema aufkommt.
Und zwischen den Extremen sind unglaublich viele weitere Abstufungen im Fußball-Bekenntnis.

Zusammenfassung 1  Moji auf Persisch:
Im Moment ist Fußball-Europa-Meisterschaft (EM 2016). Wer schaut alle Spiele? Wer interessiert sich nur ein bisschen? Wem ist es total egal? Für manche ist es sehr wichtig, wie ein Bekenntnis (confession), zu wem man hält. 


2.    Gottesdienstfans
Ähnlich können wir Gottesdienstfans beschreiben.
Da gibt es auch diejenigen, die mit 13 Jahren von den Eltern zum Konfirmandenunterricht geschickt wurden – und die dann recht schnell merken: Kirche, nein Danke. Das ist nichts für mich. Wenn ich groß bin, trete ich sofort aus; und das dann auch tun.
Die können wir vergleichen mit den Fußball-Muffeln.

Und dann sind da die Gelegenheitszuschauer. Diejenigen, die man bei der Konfirmation, der Trauung, der Taufe der Kinder, später auch der Enkel und zuletzt wieder bei der Beerdigung sieht. Treue Fans, wenn es um die eigene Sache geht, aber nicht wirklich am großen Ganzen interessiert.
Beim Fußball schalten sie nur dann ein, wenn Deutschland im Finale steht.

Dann haben wir die Weihnachtschristen (oder Weihnachts- plus Osterchristen). Sie wissen, welche Leute ich meine. Einmal im Jahr ist Gottesdienst! Die kommen gerne! Das ist so schön heimelig, das ist Tradition.
Die sind vergleichbar mit den EM-Begeisterten, die auf der Welle der Emotionalität reiten, für die Kirche reine Folklore ist.

Und dann sind da diejenigen, die echte Gottesdienstkultur leben. Die jeden Sonntag da sind. Die Bescheid wissen, bei welchem Pfarrer man gehen sollte (und wo man auch mal im Bett liegen bleiben darf) und welche Lektorin besser ist als mancher langjährige Prediger.
Die für ihre Sache glühen, die manche Bibeltexte mitsprechen könne, die den Psalm und die Lieder im Gesangbuch schneller aufschlagen können als ich.
Vergleichen können wir die mit den Bundesliga-Abonnementen, die so oft es geht nach Frankfurt fahren, um ihren Verein spielen zu sehen.

Das sind so allesamt die Gruppen, die wir kennen – und der Vergleich mit dem Fußball liegt nahe, da man sich selbst sofort verorten kann und dann mit einem Lächeln im Gesicht einmal abgleicht, wie das eigene Herz für Gott, den Gottesdienst und den Glauben schlägt.

„Wir predigen den gekreuzigten Christus.“
Das ist eine Zumutung für viele – nach wie vor, und das war auch schon beim Apostel Paulus so. 
Eine Torheit den Weisen und Verständigen, schrieb er an die Korinther.
Er konnte noch nicht wissen, wie die Verständigen, die Kaiser des alten Rom mit ihren Beraterstäben, später versuchten, diese Torheit des Christentums zu vernichten. In den Arenen mit Löwen und Gladiatoren, wo die Christen um dieser Torheit willen dann öffentlich ermordet wurden.

Zusammenfassung Moji 2 auf Persisch:
Mit Fußballfans kann man die Christen vergleichen: einige gehen nie zum Gottesdienst. Manche gehen nur einmal im Jahr (meistens an Weihnachten), andere einmal im Monat, wieder andere jede Woche. Warum gehen manche so selten oder nie? Ich denke: Weil sie das Christentum nicht verstehen – oder es nicht verstehen wollen. „Wir predigen den gekreuzigten Christus“, hat der Apostel Paulus (persisch „Puls“?) geschrieben. Das finden viele doof und unverständlich. Gott soll immer nur der Größte sein (Allahu Akbar!), nicht einer, der am Kreuz gestorben ist.


3.    Das Leiden der neuen Christen
Der gekreuzigte Christus: Das ist im Bereich unserer weit verbreiteten Wohlfühlreligion Weihnachtschristentum ebenfalls ein Ärgernis. Aber ein solches, das man in der heutigen Zeit einfach ignoriert. Kirche ist Kulturträger, lässt schöne Bachkantaten aufführen, die meisten Predigten sind lammfromm und zahnlos. 
Man nimmt die Kirche nicht wirklich Ernst mit dem, was sie verkündet.
Aber wir bewegen uns in Zeiten, in denen das Bekenntnis zu Christus wieder gefährlich wird.
Wir haben hier vier neue Christen. Eben habe ich sie getauft. Sie sind aus dem Iran hierhergekommen. Sie sind vor dem Islamischen Ayatolla-Regime geflohen. 
Einige haben sich heimlich mit dem Christentum beschäftigt. Andere sind einfach nur gegangen, weil sie die Umstände im theokratischen Faschismus nicht mehr ertragen konnten.
Sie sind auf mich und Pfarrer Pfeifer zugegangen. Sie möchten etwas über das Christentum lernen.
An Karfreitag ging es los mit einer Wanderung durch Kälte und Regen. Über 20 Iraner waren damals dabei.
Einige sind da schon ausgestiegen. 
Dann trafen wir uns wöchentlich. Gaben Unterricht in der christlichen Religion.
Führten sie ein in die Grundlagen von Ethik und Dogmatik. 
„Was ist eure Scharia“, wurde ich immer wieder gefragt. 
„Liebe Gott von ganzem Herzen. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, war stets unsere Antwort. 
Fassungslos und staunend hörten die verbliebenen elf zu, dass es im Christentum um die Freiheit des einzelnen Gewissens geht, dass es eben keine Regeln gibt, die einfach nur umgesetzt werden müssen.
Auch die 10 Gebote sind nichts weiter als eine Anregung, dieses doppelte Liebesgebot umzusetzen. 
Überrascht waren sie, als sie hörten, dass man „einfach so“ aus der Kirche austreten darf, ohne Gefängsnisstrafe oder das Gehängtwerden fürchten zu müssen, wie es der Iran für vom Glauben abgefallene praktiziert.
Und gelehrig haben sie aufgesogen, wie man mit der Bibel umgehen kann, was das Abendmahl und was die Taufe bedeuten.
11 Spieler sind seit Karfreitag geblieben. 5 wurden letzten Sonntag in der Johanneskirche getauft. Vier taufen wir heute.
Doch das Wort vom Kreuz stößt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auf breiten Widerstand.
Und dafür, was jetzt kommt, hinkt der Vergleich mit dem Fußball.
Meine Iraner werden nicht in Frieden gelassen. Der Ramadan überschattet alles im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Straße.
Die Frauen werden angemacht, sie mögen sich doch islamisch verhüllen. Den Männern wird nahegelegt, am islamischen Gebet teilzunehmen. Ärger gibt es immer wieder, wenn fastende Muslime am Tag essende Neu-Christen beim Essen und Trinken erwischen.
In der Schule lebt man auf engstem Raum miteinander. 
Ab Sonnenuntergang dürfen Muslime etwas essen bis zum Sonnenaufgang. Während der Nacht werden die Lautsprecher aufgedreht, aus denen Koransuren durch die Gänge schallen. 
An Schlaf ist da nicht zu denken. 

Sich zu outen, dass man Christ ist, ist undenkbar und gefährlich.
Unsere neuen Christen leben ihr Christsein im Verborgenen. 
Sie kommen heimlich hierher, wie damals die verfolgte Gemeinde in Rom.
Sie tun weiterhin so, als seien sie schlechte Muslime, um keine Gewalt herauf zu beschwören. Bei einem Verhältnis von 1:5 hält man lieber den Mund, duckt sich weg.
Sich stolz zu bekennen, ein Christ zu sein, ist lebensgefährlich.

Ich habe die Polizei verständigt. Man könne nichts machen, wurde mir gesagt. Nur wenn direkt etwas vorliegt, kann die Polizei etwas tun. 
Die Neuchristen hier trauen sich nicht, die Polizei zu rufen. Und die Sprachbarriere ist ein schlimmes Hindernis.
Und wenn die Polizei dann kommt? Dann bitten freundliche Beamte darum, bitte nett miteinander umzugehen und verschwinden wieder.
Landrat Woide und Dekan Seeberg sind verständigt – vielleicht kümmern diese sich darum.

Worauf ich hinaus will: Die Torheit vom Kreuz, das wahre Christentum, ist eben wenn´s Ernst nicht zu vergleichen mit Fußballfans. 
Das war einmal. 
Die Bandagen, mit denen der Kampf des Glaubens geführt wird in unserem Land, wird wieder härter.
Christen werden wieder bedroht dafür, dass sie Jesus als Gottes Sohn bekennen. 
Christen werden diskriminiert, weil sie ihre alte Religion, in dem Fall den Islam, hinter sich gelassen haben.
Christen wird eben kein Schutz gewährt, weil sie von ihrem im Grundgesetz verankerten Menschenrecht der Religionsfreiheit Gebrauch machen.

Zusammenfassung 3 Moji auf Persisch
Doch das Kreuz und der Tod von Jesus sind wichtig, um das Christentum zu verstehen. Jesus leidet für uns. Er starb am Kreuz für uns. Und wir heutigen Christen müssen uns einer Wahrheit stellen: Es gibt Christen, die diskriminiert werden, weil sie an Jesus als Gottes Sohn glauben. Im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Str. ist das ein Problem mit dem Ramadan und den neu getauften Christen aus dem Iran. 
Ihr Perser: Wie könnt ihr stolz sein auf euren neuen Glauben, auf das Christentum, wenn ihr verfolgt werdet? Das ist schwer und ihr braucht andere Christen, eine Gemeinde: Ihr braucht dafür die Bonhoeffer-Gemeinde, um das durchzustehen (to go through this)!


4.    Torheit Gottes/Schwachheit Gottes
Ich habe keine Antwort darauf, wie es weitergehen könnte. Ich weiß auch nicht, wie man mehr tun könnte. Vielleicht rufen Sie mal in der Ausländerbehörde an und erzählen davon, was ich Euch gerade erzähle.
Vielleicht kommt die Ausländerbehörde ihrer Fürsorgepflicht dann etwas besser nach, wenn viele Leute sich beschweren. 
Wenn wir Christen zusammen halten.
Wenn wir unserer „Scharia“ folgen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Das Beispiel aus der Daimler-Benz-Straße ist nur ein kleines Flüchtlingsheim hier in Fulda. Ich weiß von den Zuständen in Berlin, die ähnlich, allerdings noch etwas schlimmer sind, für konvertierte Christen.

Paulus schließt den Predigtabschnitt ab mit einem Satz, der Hoffnung macht.
„Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Egal, was wir uns überlegen, um zu helfen. Auch egal, wie gemein unseren neuen Christen mitgespielt wird – Gott bleibt am Ende Sieger. Seine Torheit ist weiser, seine Schwachheit ist stärker als jeder Mensch es je sein könnte.

Insofern ist unseren neuen Christen wahrscheinlich schon damit gedient, wenn wir sie hier im Bonhoeffer-Haus freundlich aufnehmen, ihnen unsere Ohren leihen, nicht für sie etwas tun, sondern mit ihnen etwas tun.
Heute sind wir zum Essen eingeladen. Seit gestern früh dampften die Töpfe und Pfannen. Das kann eine gute Sache werden. 
Für mich ist eine echte Freundschaft daraus entstanden.
Was für eine Torheit, wenn wir diese Gelegenheit nicht annehmen würden, die Gott uns gerade zugetragen hat!
Als würde die Nationalelf keine Lust haben, einen Elfmeter zu versenken.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

Zusammenfassung 4  Moji auf Persisch
Wir Christen haben nur eine „Scharia“. Diese lautet:
„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen.“ Und: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Deswegen, ihr alteingesessenen Christen: Ihr müsst euch beschweren. Ruft bei der Ausländerbehörde an, erzählt davon, was ihr gerade hört. Sagt ihnen, dass die Religionsfreiheit im Flüchtlingsheim nicht eingehalten wird. Gemeinsam sind wir als Christen stark!
Und ihr neuen Christen aus Persien: Lernt Deutsch, damit ihr hier gut leben könnt! Jeden Tag acht Stunden lernen sollte es sein! Damit ihr gute Berufe findet und nicht schlechte! Damit ihr die Nächsten hier versteht – und dann auch lieben könnt!
Und: Egal wie stark die Menschen sich zeigen und wenn sie euch angreifen; auch egal, wie schwach (weak) wir sind: Gottes Schwachheit (Weakness of God!) ist stärker als alle Kraft der Menschen zusammen (1 Kor 1,25)! Wir  bekommen von Gott die nötige Kraft durch Jesus Christus, unseren Herrn! Amen.


PREDIGTLIED EG 136,1-4: O KOMM DU GEIST DER WAHRHEIT

6. Sonntag nach Trinitatis 2016: Teure und billige Gnade im Sakrament der Taufe (Römer 6,1-11)

Von Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl
Gichenbacher Str. 15a
36129 Gersfeld-Dalherda

Predigt über Römer 6, 1-11 , 6. So.n. Trin., 3. Juli 2016, Bonhoeffergemeinde Fulda

Liebe Gemeinde!
Das bestimmende theologische Thema dieses 6. Sonntags nach Trinitatis ist die Taufe. Am vorigen Sonntag sind hier in der Bonhoefferkirche im Beisein der Gemeinde  einige Erwachsene getauft worden, die aus dem Iran zu uns gekommen waren. Sie empfingen die Heilige Taufe nach einer Phase des Unterrichts im christlichen Glauben. Diese Phase wurde von alters her „Katechumenat“ genannt. In der frühen Kirche sind bereits feste Taufsonntage dazu benannt, vor allem das Osterfest. Halten wir das einmal für das Verständnis des gehörten Abschnitts aus Römer 6 für uns fest.


In unseren sonst üblichen Gottesdiensten mit Taufen sind es im Unterschied zu jener Taufe von Erwachsenen nach empfangener Unterweisung doch überwiegend Säuglinge und Kleinkinder, die getauft werden, und die Fragen und Vorbereitungen auf eine solche Taufe sind schwerpunktmässig die Vorbereitungen auf ein familiäres Ereignis: 
welchen Namen geben wir als Eltern dem Kind? In welchem Alter soll das Kind getauft werden? Wer soll Pate werden? Was soll der Täufling anziehen? Wer hält das Kind übers Taufbecken? Wer spricht seine Namen aus? Gibt es eine Taufkerze? Werden Angehörige am Taufakt beteiligt? Wer macht Fotos? Welchen Taufspruch soll das Kind bekommen? Wie gestalten wir die anschliessende Feier? 
Bei der Frage nach einem schönen und geeigneten Taufspruch können Eltern heute auf die Möglichkeiten des Internet zurückgreifen; da erscheinen dann eine ganze Reihe möglicher Taufsprüche , aus der Bibel meist aus den Psalmen, denn dort geht es sehr oft um Engel, um Schutz, um Segen, um Führung, Leitung und Bewahrung. Bei den dort vorgeschlagenen Versen aus dem Neuen Testament tauchen Verse aus gehörten Kapitel Römer 6 allerdings auffälligerweise gar nicht auf, 
obwohl der Abschnitt doch die Taufe ausdrücklich benennt- im Unterschied etwa zu den Psalmentexten. Doch hat der Paulusabschnitt zugleich etwas Abschreckendes: in ihm ist mehrfach von Sterben und Tod die Rede. Passt das überhaupt zum Thema Taufe – wo doch viele Menschen mit der Taufe eher den Anfang des Lebens verbinden? –Allerdings gehören die Themen Leben und Tod, Sterben und Auferstehen sehr wohl zur Taufe, weil die Taufe genau daher und darin ihren Sinn und ihre Begründung hat. Denn die Taufe wäre geistlich ohne Bedeutung, wenn ihr Inhalt nicht gerade das wäre, was in Jesus Christus und mit Ihm geschehen ist. „Oder wisst ihr nicht,“ schreibt Paulus hier, „dass alle , die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft? So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ 
Liebe Gemeinde! Nirgendwo in seinen Briefen schreibt der Apostel Paulus mehr und genaueres über die Taufe. Wir erfahren aber auch hier nichts Verbindliches über die näheren und äusseren Umstände einer damaligen Taufe, nichts über Paten oder Gottesdienstformen, nichts über die Vorbedingungen der Taufe. Musste man z.B. erst im Glauben unterrichtet sein? Musste man vielleicht vorher eine Art Prüfung ablegen? Wie wurde die Taufe vollzogen?  Wer in der Gemeinde durfte sie durchführen? –  Wir erfahren auch nichts über die Frage, die die Christenheit bis heute brennend interessiert und sogar spaltet, nämlich die Frage, ob der Kinder-und Säuglingstaufe die Erwachsenentaufe vorzuziehen ist. Wir beachten jedoch genau die Sätze, die Paulus hier davor und danach schreibt: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind… (Und:) Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen….So haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.“ – Es ist also im Zusammenhang der Taufe und ihrer Folgen ein neuer Lebenswandel beim Getauften erschienen, weil die Sünde ihre letzte Macht über ihn verloren hat. Wenn das zentral mit der Taufe zu tun hat, so ist sie der Eintritt in ein neues und radikal verändertes Leben. Diese Vorstellung gehörte dann allerdings in der Zeit des Paulus wohl eher zur Taufe eines mündigen und selbständigen Menschen als zur Taufe eines unmündigen Kindes oder gar Säuglings. Damit ist die Säuglingstaufe nicht prinzipiell infrage gestellt, wie wir noch sehen werden. Dass der Getaufte – als Erwachsener oder als Kind – in der Taufe in eine Beziehung zu Tod und Auferstehung Jesu, zu Karfreitag und Ostern gestellt wird, das war und ist unter allen Umständen das Wichtigste an der Taufe, alle anderen Dinge in und an der Taufe sind demgegenüber entweder nachgeordnet oder sogar nebensächlich. 
Wenn wir von da aus, liebe Gemeinde, nun unseren Blick noch einmal auf die Frage richten, die die Christenheit auf bestimmte Weise in zwei Lager spaltet, diesmal nicht etwa in die Trennung von evangelisch und katholisch, sondern in die zwischen Gegnern und Befürwortern der Kinder- bzw. Säuglingstaufe. Das ist eine Trennungslinie überwiegend durch die evangelische Glaubenswelt hindurch. Und es ist eine Trennungslinie, die sich auch innerhalb einer Konfession und einer Kirche abspielen kann. So wird z.B. theologisch bis heute darüber gestritten, ob Luther ein Befürworter der Kindertaufe war oder eher nicht. Ich lasse das hier einmal offen. Auch traue ich mir nicht zu, diese Frage im Blick auf Paulus entschieden zu beantworten. Es gibt für mich zwar eine Reihe von Beobachtungen im Blick auf das Neue Testament, die für die frühchristliche Kindertaufe sprechen, – ich denke etwa an die Kindersegnung durch Jesus oder daran, dass es mehrfach heisst, dass sich jemand mit seinem ganzen Hause taufen liess –  aber das tatsächliche Vorkommen der Kindertaufe in der Urkirche beweisen kann ich damit nicht.
                                                                                                                   Die theologisch ernsthaften Vertreter der Säuglingstaufe – also die, die nicht in erster Linie vom Interesse der leichten Gewinnung von Kirchenmitgliedern geleitet werden – denken mehr von der Entscheidung Gottes für den Menschen her ; die Vertreter der Erwachsenen- und Grosstaufe denken mehr von der Entscheidung des Menschen für Gott her. Welche der beiden Positionen dem Willen Gottes und Christi entspricht, werden wir zu irdischen Lebzeiten wohl nicht mit letzter Gewissheit bestimmen können. Mir ist dabei klar, dass sich die beiden Positionen bei Missbrauch jeweils nach zwei Seiten hin an einem geistlichen Abgrund bewegen: die Gross- und Erwachsenentaufe steht in der Versuchung der Selbst- und Werkgerechtigkeit, also einer Form menschlicher Selbstüberschätzung,  und die Säuglingstaufe steht in der Versuchung und Gefahr der billigen Gnade. – Liebe Gemeinde: die Rede von Unterschied zwischen der billigen und der teuren Gnade geht ja auf Dietrich Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ von 1937 zurück. Teuer ist nach seiner Auffassung die Gnade Gottes, weil sie von Gott im Kreuz Jesu teuer erworben wurde. Genau davon spricht ja Paulus mehrfach und durchgängig hier in Römer 6. Gleich zu Anfang des Kapitels wehrt er sich gegen die billige Gnade: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde? – Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“ Und später: „ Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. (V.6) – Die Teilhabe an Christus bedeutet eben auch: ein neues Geschöpf werden, an der Auferstehung Jesu auch dadurch teilhaben, indem unser Leben neu wird. Es trägt schon die Züge des Kommenden. Das ist es, was das Neue Testament „Heiligung“ nennt. Die zu Jesus gehören, bleiben nicht einfach, was sie ohne Ihn waren. 
Was für ein gewaltiger Gedanke:  zu Jesus Christus und damit zur Familie Gottes zu gehören! Denn so gross ist ja das Geschenk Gottes der Taufe, weil Er uns darin für immer zu Seinen Kindern erklärt! Darum ist die Taufe so wichtig und unerlässlich. Eine stärkere Besiegelung unserer Gotteskindschaft kenne ich nicht. 
Ein Sakrament ist die Taufe, ein medium salutis, wie die alten Dogmatiken sagen, ein „Mittel des Heils“ . Und damit ein Mittel zum Ewigen Leben.                                                                              
                                                    
Der Vers 4 unseres Abschnitts sagt nach meiner Einschätzung das Wesentliche über das Sakrament überhaupt: „ So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Für den Theologen Karl Barth gab es überhaupt nur ein einziges Sakrament: nämlich das Geschehen des Kreuzes und der Auferstehung Jesu Christi. Denn Kreuz und Auferstehung Jesu sind der einzige reale Grund der Versöhnung zwischen Gott und uns – und damit ist der Weg zu unserem Ewigen Heil frei und offen. Das ist der erste und letzte Sinn des Sakraments. Dieses Geschehen wird uns in Gottes lebendigem Wort zugesprochen und kann von uns im Glauben ergriffen werden. Bei diesem Wort Gottes unterschieden die evangelischen Reformatoren zwischen dem verbum visibile und dem verbum invisibile, zwischen dem sichtbaren Wort und dem unsichtbaren Wort. Zu dem sichtbaren Wort gehören die Sakramente Taufe und Abendmahl. In ihnen wird dir und mir je einzeln und unverwechselbar die Gnade Gottes persönlich zugesprochen und zugesagt, die uns im Wort Gottes verkündigt wird und die wir im Glauben für uns annehmen. Darin geht es also nicht nur um eine allgemeine Glaubenserkenntnis über Gott und den Menschen, sondern es geht darum genau um dein und mein Heil , deine und meine Zugehörigkeit zu Gott und Christus. Weil das Kreuz und die Auferstehung des Sohnes ganz das Werk Gottes sind, zu dem wir ganz und gar nichts beitragen können, darum sind auch die Sakramente , in denen uns diese Gnade Gottes zuteil werden, ganz Seine Gabe und ganz Sein Geschenk. Das ist der tiefste Grund dafür , dass wir ohne Bedenken und in großer Freude Erwachsene und Kinder taufen, um ihnen die Gnade Gottes und Seinen Bund zuzusprechen. Das Wort des Herrn klingt dazu in unseren Ohren und Herzen nach: „Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“ (Mark.10,14) Und: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. – Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen.                                             

Psalm 139 (EG 754)

Lesung Evang. : Matth.28,16-20

Lieder EG:
133,1+11
444,1-5
256,1+2+5
200,1-4
200,5+6

22. Sonntag nach Trinitatis 2016: Die Bekehrung des Paulus (Apg 9,1-21)

Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl
Gichenbacher Str. 15a
36129 Gersfeld-Dalherda

Predigt über Apostelgeschichte 9, 1-21, 23. Oktober 2016, Bonhoeffergemeinde

VERLESUNG DES ABSCHNITTS NACH REV. LUTHERBIBEL

Liebe Gemeinde!
Mein Schwiegervater August Nohl, Forstbeamter, nannte den Moment, als der Apostel Paulus seinen Fuß zum ersten Mal auf den Boden Europas setzte, eine „Sternstunde der Menschheit“. Gemeint war von ihm die Überfahrt des Paulus von Troas in Kleinasien, der heutigen Türkei, über die Insel Samothrake und Neapolis nach Philippi in Griechenland, wo aufgrund der Mission durch Paulus die erste Gemeinde Jesu Christi auf europäischem Boden gegründet wurde. (Apg.16) 


Die archäologische Stätte Philippis wurde übrigens im Juli 2016 u.A. als Ort der ältesten europäischen christlichen Gemeinde  zum UNESCO-Welterbe erklärt.
Die eben gehörte  Geschichte , in der Saulus von Tarsus vom Gegner und Verfolger der Gemeinde Jesu zum Anhänger und Apostel Jesu Christi wird, wurde am Ende eine Geschichte mit riesiger Wirkung. Denn der Apostel, der den Namen Paulus trägt, hat durch seine missionarische und theologische Lebensleistung ganz entscheidend dazu beigetragen, dass der Glaube an Jesus Christus so weitergetragen wurde, dass er zu den damaligen Heiden und damit zu unseren Vorfahren und schliesslich zu uns gelangte. 
Was wir über die Herkunft des Saulus bzw. Paulus und über sein Leben wissen, stammt aus seinen eigenen im Neuen Testament überlieferten Briefen und aus der Apostelgeschichte, aus der wir diese Geschichte von seiner Bekehrung hörten.
Aus all diesen Texten wissen wir: Saulus wuchs als Diasporajude auf, und zwar in Tarsus am Mittelmeer, der Hauptstadt der damaligen römischen Provinz Kilikien. Die Stadt war bekannt für ihre hohe griechische Bildung. Paulus´ Familie war wohl vermögend genug, das römische Bürgerrecht zu erwerben. Deshalb trug Saulus nicht nur den Namen des israelitischen Königs Saul, sondern auch den römisch-griechischen Namen Paulus (übersetzt: „der Kleine“) , den er später für sich selbst in seinen Briefen gebraucht.  Als Beruf erlernte er den des Zeltmachers; wir würden das heute etwa Sattler nennen . Er hat dieses Handwerk auch noch später als Apostel und Missionar ausgeübt. Saulus war ausserdem umfassend gebildet, und wir dürfen davon ausgehen, dass seine genaue Kenntnis des jüdischen Gesetzes u.A. durch den Unterricht bei dem berühmten jüdischen Lehrer Gamaliel in Jerusalem  bedingt war. (Apg.22,3) Saulus zählte sich im Judentum zu der Gruppe der Pharisäer. Er  befolgte streng die Vorschriften des jüdischen Gesetzes , der Thora, also der 5 Büchern Mose und deren Auslegungen. 
Wir fragen schon an dieser Stelle: warum wurde er als junger Mann denn ein so entschiedener Gegner und Feind der Anhänger und der Gemeinde Jesu? Warum wurde er es so sehr, dass er die Anhänger und Jünger Jesu regelrecht verfolgte? 
Die Christen, die er verfolgte, werden in unserem heutigen Predigttext „die Anhänger des  n e u e n  Weges“ genannt.  N e u und provokativ und deshalb zu bekämpfen war für die Pharisäer und war für Saulus die Gesetzesauslegung Jesu gewesen, Seine Auslegung  im Geist der Vollmacht Gottes und im Geist der Liebe und nicht im Geist des Buchstabens. Und diese Auslegung wurde von den Jüngern und Anhängern Jesu nun weitergetragen – noch dazu mit der ungeheuren Behauptung, dass Jesus – der für Seine Gegner ein zu Recht zum Tode verurteilter Gesetzesbrecher gewesen war – am Ostermorgen von den Toten auferstanden sei.  
In seinem Zorn auf diesen Glauben bzw. in seiner Auffassung Irrglauben liess sich der junge Pharisäer Saulus in Jerusalem vom Hohen Rat eine Vollmacht dazu geben, die Jünger Jesu in der Synagoge in Damaskus im Norden aufzuspüren und gefangen nach Jerusalem zu bringen. Aber es kam alles ganz anders!
 – Auf dem Weg nach Damaskus tritt der Auferstandene Jesus selbst ihm entgegen. Ein Licht vom Himmel umleuchtet den Saulus so stark, dass er zu Boden stürzt. In der Kunst der Malerei ist das manchmal als Sturz von einem Pferd, von einem hohen Ross, dargestellt.
 Und dann hört er eine Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“  – Auf die Frage: „Herr, wer bist du“ , bekommt Saulus zur Antwort: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“  Indem also Saulus die Gemeinde Jesu verfolgt, verfolgt er Jesus selbst.  Das macht ihm der Auferstandene hier klar. Jahre später wird Paulus über seine Begegnung mit dem Auferstandenen den Korinthern schreiben: „ Zuletzt ist Christus auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heisse, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich , was ich bin. „(1.Kor15,8ff)
In dieser Begegnung mit Jesus selbst geht zunächst alles zuende und zugrunde, was vorher der Verfolger Saulus war. Noch hat er nicht den neuen Auftrag, den Christus ihm für sein gesamtes weiteres Leben geben wird. Noch ist er nicht der Apostel Saulus-Paulus. Im Moment ist er vielmehr gar nichts. Er steht am Rande seiner Existenz überhaupt. Er kann wohl noch aufstehen, aber er sieht nichts mehr. Das ist er nicht gewohnt und darum ist er völlig hilflos.  Er muss von jemand anderem nach Damaskus geführt werden.  Dorthin führt ihn nun nicht mehr sein eigener Entschluss, sondern der Befehl des Herrn. Er sagt ihm: „Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ Jesus verweist ihn so schliesslich an Seine Gemeinde. Und es ist genau die Gemeinde, die Saulus vorher gehasst und verfolgt hat. 
Zunächst ist Saulus in seiner gesamten Existenz so am Boden zerstört, dass er drei Tage lang nicht einmal isst oder trinkt.  
Dann aber bringt der Herr Jesus Christus Seine Gemeinde ins Spiel – zuerst in Gestalt des Hananias, dem wir im Neuen Testament nur hier begegnen, ein Mann, der kein erkennbares kirchliches Amt innehat. Von ihm heisst es nur: Er ist „ein Jünger Jesu“. Hananias zögert einen Moment, als ihm der Herr ausgerechnet diesen Saulus zur Aufgabe stellt, denn die Gemeinde fürchtet sich inzwischen vor diesem Verfolger Saulus. Und das ist auf jeden Fall sehr verständlich! Wir müßten uns heute einmal vorstellen, liebe Gemeinde: irgendwo im Nahen Osten, etwa in Syrien, käme ein IS-Terrorist zu einer vom IS blutig verfolgten christlichen Gemeinde und begehrte Einlass und zukünftige Mitgliedschaft. Könnte man und würde man ihm auf Anhieb glauben, dass er sich radikal geändert hat? – Doch wohl eher nicht! 
Aber der Herr sagt dem Hananias über den bisherigen Verfolger Saulus: „Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug.“ 
Und Er sagt ausserdem – und auch das wird eine Überschrift über dem weiteren Weg des Saulus sein: –  „Ich will ihm zeigen, wieviel er   l e i d e n  muss um meines Namens willen.“
Weiter wird erzählt:
„Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf , liess sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.“ – Die Gemeinde, die er verfolgt hatte, nimmt ihn nun tatsächlich als ihren Bruder auf.
Und übergangslos beginnt Saulus nun die Tätigkeit, der sein ganzes weiteres Leben gehören wird: Jesus Christus zu verkündigen und Ihm zu dienen.
In seinen späteren Briefen macht er deutlich, dass der Inhalt seiner Botschaft und Verkündigung nicht von M e n s c h e n  stammt, dass er sich also das Evangelium nicht durch so etwas wie Unterricht angeeignet hat. Im Galaterbrief schreibt er:  „Denn ich tue euch kund.., dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.“ (1,11f)
Diesen Unterschied des Saulus-Paulus zu uns, liebe Gemeinde, können wir getrost respektieren und stehenlassen. Es war wirklich so, dass Jesus Christus diesen Mann für diese besondere Aufgabe von Geburt an erwählt hat.  (Gal.1,15f) Paulus wird nie aufhören zu betonen, dass diese Erwählung gerade nicht  s e i n  Verdienst ist, sondern die reine Gnade Gottes.
Und es gilt ebenso das Andere, was in unserem Predigabschnitt bereits gesagt von Jesus gesagt wird: „ Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muss um meines Namens willen.“
Denn, liebe Gemeinde, das ganze weitere Leben dieses Apostels wird ein Leben auf der  G r e n z e   sein, und zwar in dreifacher Hinsicht:
Paulus wird zum  E r s t e n  hin- und hergerissen werden auf der  G r e n z e  zwischen I s r a e l  und der christlichen  G e m e i n d e . Er wird zeitlebens schwer darunter leiden, dass das jüdische Volk – und damit das Volk und der Glaube , aus denen er selbst stammt! – Christus mehrheitlich nicht als Herrn und Gottessohn annimmt. Besonders die Kapitel 9-11 seines Römerbriefs geben ein lebendiges Zeugnis von seiner nie beendeten Liebe zu seinem Volk, für das Paulus dessen Unglauben gegenüber Christus zum Trotz an der Liebe Gottes festhält. Gott wird Seine erste Liebe Israel nie fallen lassen. Dessen ist Paulus gewiss.

Das Leben des Paulus ist zum  Z w e i t e n  ein Leben auf der  G r e n z e  zwischen der Vollmacht der Berufung Apostel Jesu Christi auf der einen Seite und der immer wiederkehrenden Bestreitung seines Apostelamtes durch andere Jünger andererseits. Dieser Konflikt zeichnet sich im letzten Vers unseres Predigttextes schon ab, wo als Reaktion auf Paulus´erste Predigttätigkeit in Damaskus geschildert wird: „ Alle aber, die es hörten, entsetzten sich und sprachen: Ist das nicht der, der in  Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen, und ist er nicht deshalb hierhergekommen, dass er sie gefesselt zu den Hohepriestern führe?“ (V.21)-  Ständig und sein Leben lang mußte sich Paulus mit der Bestreitung seiner apostolischen Autorität auseinandersetzen , wie er sie aus Kreisen der Gemeinden Jesu erfuhr – sogar in Auseinandersetzung mit Simon Petrus und den anderen ersten Jüngern Jesu, besonders, als um die Frage der Verbindlichkeit oder Nichtverbindlichkeit des jüdischen Gesetzes für gläubig gewordene und getaufte Christen aus nichtjüdischen und also aus heidnischen Völkern ging.

Und das Leben des Apostels Paulus war zum  D r i t t e n  ein Leben auf der G r e n z e  zwischen Vollmacht und Ohnmacht, zwischen Kraft und Schwäche, zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Leben und Tod . Er mußte erfahren, dass er vom Herrn immer gerade nur soviel Kraft erhielt, wie er für seinen grossen Auftrag brauchte . Auf seine Bitte hin, von seiner schweren Krankheit geheilt zu werden, erhielt er die Antwort des Herrn: „ Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig .“ (2.Kor12,9) Entsprechend schreibt Paulus: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Denn ich bin guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin so bin ich stark.“ (V.9bf.)
Neben dem Licht Jesu Christi, das dem Saulus vor Damaskus zum ersten Mal aufging und das seinen Weg hell machte, erlebte er immer wieder auch die Finsternis, die diesem Licht vorausgegangen war. (s.bes. Römer 7) Er mußte erfahren, dass trotz dieser Erleuchtung im Angesicht Jesu Christi (s.2.Kor.4,6) wir diesen Schatz des Evangeliums in irdenen und zerbrechlichen Gefässen haben (s.dort V.7ff.), dass wir auch das Sterben Jesu an unserem Leibe tragen, dass unser Wissen und unsere Erkenntnis noch Stückwerk sind und dass wir von der Herrlichkeit Gottes jetzt erst nur soviel sehen wie ein dunkles Bild in einem matten Spiegel (s. 1.Kor.13). Paulus weiß aber gleichzeitig , dass am Ende Gottes Licht stärker sein wird als alles, was jetzt noch diesem Licht entgegensteht. Diesen Glauben und diese Hoffnung und diese Liebe Gottes spricht dieser Apostel durch sein Lebenswerk  u n s zu , einer jeden und einem jeden von uns, die wir durch die Taufe diesem Jesus Christus gehören. Die Taufe war ja bei Saulus das Erste, was er nach seiner Bekehrung zu Christus begehrte und an sich vollziehen liess. Die Taufe war und ist die Grundlage , „in Christus“ zu sein und zu leben. Von diesem „in Christus sein“ wird Paulus  immer wieder reden und schreiben. Es bedeutet, am Kreuz und an der Auferstehung Jesu Anteil zu haben. Sein Kreuz stellt den Tod und das Leben nebeneinander , um deutlich zu machen, dass Sein Leben uns allen zugute kommt. Im Römerbrief schreibt er über die Taufe: „ Oder wißt ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft? So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Röm.6,3f) 
Liebe Gemeinde! Wir tragen die Merkmale des Sterbens Jesu in mancherlei Weise mit uns herum, damit in allem auch das Leben Jesu uns zugute kommt. So verläuft  – wie bei Paulus – auch unser Leben auf der  G r e n z e von Licht und Finsternis, auf der Grenze von Kraft und Ohnmacht, auf der Grenze von Erfolg und Mißerfolg, auf der Grenze von Gesundheit und Krankheit,  und auf der Grenze zwischen Tod und Leben. Und insofern unser Leben durch die Taufe und den Glauben „in Christus“ ist, behalten die Kraft und das Leben die Oberhand. So nahe ist Er uns gekommen – und so nahe dürfen wir Ihm sein! Die Taufe ist uns das verläßliche Zeichen und Siegel dieser Nähe und dieser umfassenden Liebe Gottes. Und im Glauben nehmen wir diese Nähe Gottes und Jesu Christi zu uns an. Amen.


11. Sonntag nach Trinitatis 2016: Das evangelische Christentum und die Religionen (Epheser 2,4-10)

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.


Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Epheserbrief im 2. Kapitel, die Verse 4 bis 10. Nach eigener Übersetzung und verschiedenen Textvergleichen lese ich die Variante der BasisBibel, die in diesem Fall nicht nur leichter zu verstehen, sondern auch wesentlich genauer aus dem altgriechischen überträgt:


4Aber Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt
5und uns zusammen mit Christus
lebendig gemacht.
Das tat er,
obwohl wir doch tot waren
aufgrund unserer Übertretungen.
– Aus reiner Gnade seid ihr gerettet! –
6Er hat uns mit Christus auferweckt
und zusammen mit ihm
einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!
7So wollte Gott für alle Zukunft zeigen,
wie unendlich reich seine Gnade ist:
die Güte, die er uns erweist,
weil wir zu Christus Jesus gehören.
8Denn aus Gnade seid ihr gerettet – 
durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft,
sondern es ist Gottes Geschenk.
9Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten,
damit niemand darauf stolz sein kann.
10Denn wir sind Gottes Werk.
Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus Jesus
hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Liebe Gemeinde, 
im Glaubenskurs mit den Iranern haben wir an einem Nachmittag eine wahre Sternstunde gehabt. Es ging um die Frage, worin nun eigentlich der Unterschied im Glauben zwischen Christen und den Angehörigen anderer Religionen liege.
Glaube sei doch Glaube, und ob ich meinen Gott nun Allah nenne oder Jesus oder HaSchem oder wie auch immer – es laufe doch auf das Gleiche hinaus.
(Das ist übrigens eine Aussage, die ich von religionslosen und kirchenfernen Menschen immer wieder höre und die mir vor Augen führen, dass es mit der religiösen Bildung in unserem Land nicht allzuweit her ist).

Wenn wir uns der Frage nach dem Glauben nähern, sollten wir uns dem Verhältnis Gott und Mensch nähern.
In allen Religionen, die mir bekannt sind, ist eines gleich:
Gott ist da oben, der Mensch ist ganz unten.
Dann gibt die Religion vor, wie ein Mensch zu leben hat. Damit verbunden ist der Winsch, dass man sich irgendwie bei Gott beliebt machen könne. Oder seine Aufmerksamkeit bekäme. Oder Wünsche erfüllt bekommt. Oder nach dem Tod in den Himmel oder ins Paradies gelangt.
Allen (mir bekannten) Religionen ist es gemeinsam, dass man diese Regeln befolgen solle – und dann klappt´s auch mit dem Himmel, dann bekommt man ein prima Gottesverhältnis.
Ich zeichne es euch mal hier auf das Flipchart:

Schaubild 1
 

Auf diese Art und Weise wird allzu oft auch das Christentum verstanden.
Gott oben, Mensch unten: gibt der Welt die 10 Gebote und das Doppelgebot der Liebe, sendet Jesus, dass man sein Herz an ihn hängt. 
Wer das tut, kommt in den Himmel, wer das nicht tut, von dem wissen diese Theologen nicht so recht, ob er nun in die Hölle kommt, oder einfach verschwindet oder was auch immer.

All denen, die das Christentum so sehen, sei nun unser Predigttext zur näheren Lektüre empfohlen. (Wir wissen heute: der Text stammt sehr wahrscheinlich nicht aus der Feder des Paulus, sondern wohl aus seinem Schülerkreis, die sich darum bemühte, die Theologie des Paulus weiter auszufeilen).

Jedenfalls geht der Text geht gleich ganz stark los: 
4Aber Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt.

Gott hat uns seine ganze Liebe geschenkt: Wir dürfen das wörtlich nehmen. Und wenn wir den Begriff „Liebe“ direkt verstehen, dann ist das doch wohl etwas mehr, als dass uns Gott gute Regeln für unser Zusammenleben gibt. 
Keine Liebesbeziehung hält durch, wenn wir die Liebe vor allem durch Regeln definieren. 
Keine Liebesbeziehung hält durch, wenn es immer nur ein „Oben-Unten-Verhältnis“ ist! Daran zerbräche jede Freundschaft und jede Ehe. Auf Augenhöhe begegnen sich Liebende!

Dann wird er in Vers 5 noch viel deutlicher:
Aus reiner Gnade seid ihr gerettet.“

Gnade, das ist auch so ein großes Wort, ähnlich wie die Liebe. 
Gnade, das ist etwas, das man dann doch nur aus erhöhter Position jemandem gewähren kann. 
Das kommt unverdient.
Etwa konnte sie in früheren Zeiten der König seinen Untertanen erweisen. 
Oder in der heutigen Zeit: eine Amnestie für Straftäter.
Die Aufnahme von Flüchtlingen in einem sicheren Land entgegen der Gesetzeslage.
Das ist Gnade.

Beim Wort Gnade wird Gott dann doch ganz oben und der Mensch – wie in Schaubild 1 – ganz unten gedacht.
Aber in dem Zusammenhang kommt nichts mit dem Abmühen des Menschen. 
Wenn es um Gnade geht, dann werden Regeln sogar völlig durchbrochen.

Und Paulus führt das aus, im 6. Vers, wenn er feststellt:
6Er hat uns mit Christus auferweckt
und zusammen mit ihm
einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!

Also in aller Deutlichkeit: 
Der Platz im Himmel ist uns gesichert: Unverdient, aus Gnade. 
Mit Gottes Liebe.
Weil Gott selber zu uns gekommen ist als Jesus Christus. 
Weil Gott das Unten und das Oben wegmacht. Er selber ist Mensch geworden.
Er ist es, der sich für jeden einzelnen Menschen abmüht!
Da müssen wir wohl mal ein zweites Schaubild anfertigen: SCHAUBILD 2
 

Ja aber wie ist das denn mit dem eigenen Tun und Wollen?
Wie ist das denn nun mit den Regeln?


Der Epheserbrief ist ganz deutlich: 
Im Vers 8 und Vers 9 wiederholt er es: 

8Denn aus Gnade seid ihr gerettet – 
durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft,
sondern es ist Gottes Geschenk.

Also: Die Grenze, sich selber Gott anzunähern (im Schaubild ist das die waagrechte Linie), die bleibt. 
Und sie kann von uns Menschen nicht durchbrochen werden. Und das ist auch gar nicht nötig, weil Gott sie eben durchbrochen hat.
Ich stelle das immer wieder gern fest: Christentum, insbesondere in seiner evangelischen Gestalt, das ist Religion für Faule. 
Wir können für unser Seelenheil, dass Gott uns annimmt, dass Gott uns gegenüber gnädig ist, dass wir in den Himmel kommen, nichts, aber auch rein gar nichts tun.

Und jetzt kommt das Dilemma des 21. Jahrhunderts: 
Paulus hat noch damit gerungen zu verstehen, wie man Gott als Jesus Christus erkennen und begreifen kann. 
Und hat mit seinen Schülern daraus dann seine Theologie entwickelt, aus der hervorgeht, das Christus uns alles schenkt.
Luther hat damit gerungen, wie man einen gnädigen Gott erhalten kann. Für den hatte erstmal Schaubild 1 gegolten!
Schaubild 2 ist aus dem Studium bei Paulus entstanden.

Und wir heute sind in einer seltsamen Situation: 
Wir können nichts tun für das Himmelreich (laut Paulus) und wir werden von Jesus unbedingt anerkannt (laut Luther):
Das führt dahin, dass die Leute sagen: „Gott, na und?“

Das ist dann die Vorstufe zu: An Gott glaube ich nicht.

„Gott, na und? Der hat mich ja doch nur lieb und alles andere wissen wir nicht.“

Das ist genau die Haltung, die viele unserer Mitmenschen momentan teilen. 
Die Angst vor dem Richtergott ist komplett verschwunden. 
Gut so!
Aber: 
Die Erkenntnis, dass Gott ein unbedingt liebender ist, führt bei vielen Menschen dazu, dass sie ihn einfach ignorieren oder sogar ablehnen.
Anders gesagt: Den Leuten ist es völlig egal, ob sie in den Himmel kommen oder nicht, weil sie entweder meinen, dass nach dem Tode ohnehin alles aus ist – oder aber Gott sie dann bedingungslos schon rein lassen wird.

Oder ist das doch nicht ganz so?
Der Deutschrapper Marteria thematisiert das in seinem Lied „OMG“  = „O mein Gott dieser Himmel, wie komm ich da bloß rein.“ 
Immerhin ist das eines der Lieblingslieder der jüngeren Generation, 37 Wochen lang belegte es 2014 Platz eins der deutschen Charts. 
Sein Lied endet ernüchternd: Auf die Frage, wie er in den Himmel kommen könnte, antwortet er am Ende selbst: 
„Egal, ich liege in ihren Armen. 
Ich lieg in ihren Armen. (Armen!)
Oh mein Gott, bin im Himmel,
sie macht mich einfach nur heeeeeiß.“ 

Keine Antwort im Song, sondern einfach nur Gleichgültigkeit, da man mit der Liebsten ein Schäferstündchen verbringt.

Oder die Leute, die mir manchmal begegnen, und vom Himmelslohn reden. Für die scheint mir, wenn das nicht eine bloße Floskel ist, Gott doch sehr wohl noch eine Realität zu sein.

Das ist so schade, weil die Realität Gottes dieser Leute eher ins Schaubild 1 passt. 
Für Evangelische ist das nicht wirklich denkbar: 
Erarbeiteter Himmelslohn.
Den hat Jesus doch schon für uns besorgt!

Aber das ist ohnehin die Minderheit. 
Die Mehrheit der Leute hat eher die Gleichgültigkeit Gott gegenüber. 
So wie vor einiger Zeit mir mal ein Konfirmand begegnete und auf die Aussage, dass man als Christ einen Platz im Himmel hat, nur antwortete: „Ja und?“

Liebe Gemeinde,
die Folge des evangelischen Christentums ist, dass sich ein Teil der vorher noch gemäß Schaubild 1 Gläubigen von Gott verabschiedet. 
Für Schaubild 2 scheinen mir die meisten Menschen keine Anwendung zu haben. Es lässt sie kalt zurück. Weckt kein Interesse.

Dabei ist die Theologie aus Schaubild 2 doch so unendlich viel tiefergehend: 
Nicht wir kleinen Menschen sind Herren des Geschehens, sondern der ewige Gott macht sich uns gleich. 
Er kommt zu uns!
Und er schenkt uns das ewige Leben.
Und er erlaubt uns, unser Leben in Freiheit zu leben ohne uns irgendwelche Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
Ja, ihr habt richtig gehört: Knüppel! Die Regeln, die manche meinen zu brauchen, das sind „irgendwelche Moralvorstellungen aus längst vergangenen Jahrhunderten. Moral ist nichts, was bleibt. Moral wendet das Mäntelchen in den Wind des gesellschaftlichen Geschmacks. Das ist keine Größe, an der ich mich abarbeiten kann.“ (WLP 6 2016,234)
Die Regeln des Zusammenlebens müssen von jeder Generation und immer wieder neu durchdacht und festgelegt werden. Aber dann doch wohl auch ohne ein ewig festgezurrtes Gesetz Gottes!

Andererseits gibt es sie ja doch: die Moral. Und auch eine durchaus christlich zu beschreibende Moral gibt es! 

Und die Leute von der Kirche, das kann man überall verfolgen, die stellen doch ständig irgendwelche moralischen Forderungen!
Woran liegt das? 
Entweder ist derjenige, der da fordert, noch im Schaubild 1 verhaftet (den Eindruck habe ich im übrigen nicht selten) – oder aber er tut einfach nur das, was der Paulusschüler selber in seinem letzten Vers 10 sagt und woraus sich wiederum eine Menge herleiten lässt: 

10Denn wir sind Gottes Werk.
Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus Jesus
hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Aus dem heraus, was Gott da für uns getan hat und tut, entsteht der Glaube. 
Plötzlich ist er da.
Glaube ist die Beziehung Gottes zu mir, in die ich nur überwältigt oder begeistert einstimmen kann.
Und dann passiert etwas, das die allgemeine Vernunft übersteigt:
Aus dem Glauben heraus richte ich automatisch mein Leben anders aus. 
Der allmächtige Gott liebt mich? 
Wow, meine Minderwertigkeitsgefühle sind wie weggewaschen! Mich Erdenwurm liebt derjenige, der Himmel und Erde gemacht hat! 
Und dieser Jesus nimmt mich an? 
Mit meinen Ecken und Kanten, mit meinen Fehlern, mit meiner eigenen Gottvergessenheit?
Wow, da kann ich ja ganz anders, viel entspannter ins Leben gehen. 
Auch wenn mich der Chef anmotzt, auch wenn meine Ehe auf der Kippe steht oder sogar gescheitert ist: Da kann ich guten Gewissens immer weiter machen und gehen. 
Und ich kann das weitergeben. 
Ich kann anderen Leuten davon erzählen. Und noch besser: 
Ich kann mich danach verhalten.

Plötzlich ergibt der liebende Gott (Schaubild 2) Sinn für mein Leben: 
Viel freier, ja erlöster kann ich mein Leben leben als vorher.
Oder umgekehrt, mit Martin Luther aus seiner Epheserbriefauslegung von vor 500 Jahren gesprochen:
„Derhalben ist es ebenso ungereimt geredet, wenn sie sagen: der Gerechte muss gute Werke tun – wie wenn sie sagen: Die Sonne muss leuchten. Der Birnbaum muss gute Früchte tragen, Gott soll gute Werke tun, drei und sieben müssen zehn sein; da doch dies alles mit innerlicher Notwendigkeit aus der Sache folgt. Dass ich´s noch klarer sage: Dies alles folgt mit Notwendigkeit von sich aus und aus seiner Natur. (…) Der Gerechte tut von sich aus gute Werke. Die Kreatur tut, was sie tun soll!“ (Luthers Epistelauslegung 3. Epheserbrief, 1973, S. 13.)

Den Iranern, die sich hier haben taufen lassen, unterstelle ich, dass sie das größtenteils gespürt haben. Und deswegen gern hierher kommen.
Ich frage mich aber, wie wir dahin kommen können, dieses Gespür der Mehrheit unseres Volkes zurückzubringen.
Wenn dann doch wohl allein mit Zuversicht: 

Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

15. Sonntag nach Trinitatis 2015: Das Reich Gottes in dieser Welt (Mt 6,25-34)

Von Pfarrer Marvin Lange

PREDIGTTEXT MT 6,25-34
25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.


29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

1.    Einstieg: Konfirmationsfrage (Was werden wir essen/trinken/anziehen?)
Liebe Gemeinde,
in unserem Text aus der Bergpredigt geht Jesus auf die drei entscheidenden Frage ein, die die meisten Eltern von Konfirmanden ungefähr ab jetzt umtreibt:
Was werden wir essen? 
Was werden wir trinken? 
Womit werden wir uns kleiden?

Die Suche nach dem passenden Restaurant, die Diskussionen mit den Jugendlichen, ob eher Schweinemedaillons in Safransauce oder American Burger, nehmen in vielen – wenn nicht den meisten Familien – einen breiten Raum ein.
Dann die elenden Diskussionen um die Getränke: Wieviel darf eine vierzehnjährige Konfirmandin „schon“ trinken – ab der Konfirmation mache man das doch so, dass da ein oder auch ein paar Gläschen in Ordnung seien.
Und die Debatten darüber, warum man sich einen Anzug kaufen soll und nicht unbedingt mit Flipflos in den Gottesdienst einziehen sollte, weswegen das Kleid nicht ganz so kurz sein darf (weil ihr knien müsst und dann sieht man von hinten möglicherweise mehr als ihr möchtet) oder warum man ganz einfach das gebrauchte Kostüm der großen Schwester nehmen soll, obwohl man doch so schön shoppen gehen könnte.

Ich selber verstehe diese Fragen und mache sie mir selber oft und stark zu eigen. 
Bald feiern wir einen Geburtstag: 
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

Und was sagt Jesus dazu?
Die Antwort fällt vernichtend aus. 
Nach all dem trachten die Heiden.

Wir sind nicht in besonders guter Gesellschaft, wenn wir das so tun. 
Wir sind Menschen – beide: Heiden und Christen!
Aber der feine aber am Ende doch gewaltige Unterschied ist: 
Heiden sind gottlos – Christen nicht. 

Wenn Jesus also sagt, wir seien im Trachten danach wie die Heiden, dann wirft er uns vor, dass wir etwas Entscheidendes vergessen hätten.
Nämlich Gott selber.

Kann es aber sein, dass Jesus uns den völligen Verzicht auf solche Fragen empfiehlt?
Eine Party muss doch gut vorbereitet werden! 
Eine Konfirmation will sorgfältig geplant sein!
Und die Frage nach Essen/Trinken/Kleidung stellt sich doch unmittelbar, spätestens dann, 
wenn man weder das eine noch das andere hat. 

Es wird uns dieser Tage ja wieder vorgeführt, wenn ich lese und höre, dass es den vielen Flüchtlingen an Kleidung, vor allem an Schuhen, mangelt.

Ich will dem von einer anderen Seite nachgehen!

2.    Meine Zigeunerbegegnung (Nahrung und Kleidung)
Donnerstag war ich mal wieder einkaufen. Schon auf dem Parkplatz wurde ich beäugt von außerordentlich schlecht gekleideten Menschen aus Südosteuropa. 
Schmuddelig und schief grinsend schauten mich eindringlich an, was mich stark befremdete. 
Na, es könnten Flüchtlinge sein, wer weiß, andere Kultur, wir sind hier ja Willkommenskultur, also lächelte ich sie schüchtern an. 

Während ich meinen Einkaufswagen in den Supermarkt schob, sprach mich auch schon der erste an, indem er mir einen Zettel zeigte auf dem irgendetwas stand. 
Jedenfalls wollte er Geld von mir.
 
Ich wurde ihn rasch wieder los indem ich den Kopf schüttelte. 
Und irgendwie nervös war dabei. 
Sonst machen mir Bettler keine Angst.

Auf einmal merkte ich, dass um mich herum, allerdings noch in ordentlichem Abstand, bestimmt fünf oder sechs dieser Typen zu sehen waren. 
Während der eine mich noch angrinste, drückte sich plötzlich ein anderer an mir vorbei. 
Ich drückte dagegen mein Portemonnaie dichter an mich und fühlte mich zunehmend unwohl. 

„Das ist so eine südosteuropäische Diebesbande, vor denen manchmal gewarnt wird und die man früher einmal ungestraft Zigeuner nennen durfte“, schoss es mir durch den Kopf. 
Das darf man heute ja nicht mehr sagen. Das ist politisch inkorrekt. 

Aber egal: Die haben es auf mich abgesehen.

Es ist alles gut gegangen. 
Mir wurde nichts gestohlen. 
Noch ein paarmal wurde mir seltsam grinsend zugenickt, dann haben  sie von mir abgelassen.
Worauf will ich hinaus?

Diese Leute sorgen sich lang- und mittelfristig weder um Nahrung, noch um Getränke noch um Kleidung.
Die Kleidung war denkbar schlecht, überhaupt war das Äußerliche so, dass man es nicht nur sah, sondern auch roch: Hier kommt jemand sehr armes.
Und Nahrung und Trinken finden sich schon kurzfristig. 
Sei es durch einen Spender, sei es durch einen Diebstahl, dem ich zweifellos beinahe zum Opfer gefallen wäre.

Also die Sorge um Essen und Trinken und Kleidung: 
Empfiehlt es Jesus, sich so wenig darum zu scheren wie diese rumänische Bande? So dass erst dann, wenn der Magen knurrt oder die Kehle trocken ist, man auf einen raschen Raubzug geht?

Ich bin mir sicher, dass so etwas der Herr nicht gemeint haben kann!
Es würde ja bedeuten, dass man gegen Gottes Ordnung verstoßen müsste. 
Du sollst nicht stehlen. 
Nicht begehren. 
Wie meint er es also?
Muss man sich dennoch sorgen, obwohl er sagt, wir sollten das lassen?

Ich nähere mich der Antwort mit einer Überlegung über die Flüchtlinge hier in der Zeltstadt: 

3.    Ein Wort zu den Flüchtlingen (Aufforderung das Reich Gottes zu sehen, das diese in Deutschland sehen!)
Es sind da ja Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten untergebracht. 
Da sind gebrochene Menschen des syrischen Bürgerkriegs neben sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen neben Somaliern neben Afghanen und anderen.
 
Muslime, Christen, Jeziden, Atheisten. 

Bunt durcheinander gewürfelt und sich leider auch nicht immer grün.

Ich will bei den Kriegsflüchtlingen und politisch Verfolgten bleiben. 
Als diese weggegangen sind, geflohen sind, ging es ihnen um Leib und Leben, Hab und Gut.
Viele sind nur mit einem Rucksack unterwegs, ein Bündel Geld, das sie den kriminellen Schleusern abliefern mussten, um hierher zu kommen. 
Haus, Besitz, alles zurückgelassen. 
Diejenigen, die ich kenne, waren keine armen Leute, bevor sie hierhergekommen sind.

Sie kennen das alles.
Aus den Zeitungen.
Aus den Nachrichten.
(Hoffentlich hat der eine oder andere mittlerweile auch Kontakt zu Flüchtlingen. Nur durch echten Kontakt mit uns ist Integration möglich.)

Was trieb die Flüchtlinge ursprünglich an? 
Das Überleben. 
Mehr erst einmal nicht.
Und dann die Vision eines gelobten Landes. 
Des Paradieses. 
Wohin gehen, um zu überleben?

Den Ländern Mittel- und Nordeuropas, wo es kaum Gewalt gibt, wo Polizisten dein Freund und Helfer sind, wo man sogar ohne Arbeit gut leben kann, wo man für seine Kindern beste Ausbildungen erhält, wo es immer genug essen für alle gibt. 
Wo man trinken darf, was und wann man will, 
wo Kleidung wenn nicht kostenlos, 
so doch fast umsonst zu bekommen ist. 
Wo man freundlich empfangen wird.

Das ist ein gutes Ziel um zu fliehen! 
Ein besseres als alle anderen!

Ich würde mich auch auf den Weg zu uns machen, wenn ich ein vertriebener Christ aus Mossul wäre. 
Ich würde alles in Bewegung dafür setzen, mit meiner Familie hierher kommen zu dürfen. 
Alles gäbe ich dafür, mein Leben, das ohnehin ständig auf dem Spiel steht, würde ich als Einsatz in die Waagschale werfen.
Meine Kinder könnten es so einmal besser haben als ich es hatte!

Ihr Lieben, hier bei und ist tatsächlich das Reich Gottes bereits so sehr verwirklicht, dass wir es für selbstverständlich halten und gar nicht mehr merken, in was für einer großartigen Zeit in was für einem  großartigen Land wir leben.
Das merken nur diejenigen, die darauf schauen!

Bloß: Wie manche den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, so sehen bei uns so viele nicht mehr Gott vor lauter Reich Gottes um uns herum.

Dürfen wir es also Menschen der Bürgerkriegsländer verübeln, wenn sie sich hierher auf den Weg machen?
Kurz ist die Antwort: 
Nein – das dürfen wir nicht. 
Das Reich Gottes ist der Ort, den wir Christen anstreben. 
Und unser Land ist der Ort, den Flüchtlinge zum Teil für diesen Ort halten.
Dass dem nicht so ist und das Paradies von uns noch immer unendlich weit fort ist, das wird den meisten ja recht schnell klar – spätestens bei brennenden Heimen, aber auch schon wenn die Nächte in den Zeltstädten bald ungemütlich werden oder die Gewalt der konfliktbeladenen Länder zu uns hierher importiert wird und sich entlädt.

Doch die Vision des Reiches Gottes der Flüchtlinge kann für uns zum Schlüssel der Aufforderung Jesu werden. 
Denn: Das Reich Gottes ist die Antwort.

Doch zunächst ein Gegenbeispiel, 
eine Realsatire.

4.    Nur um sich selbst kreisen
„Katja ist Mitte dreißig und weitestgehend sorgenfrei. 
Jedenfalls was Sorgen für andere angeht. Für sich selbst sorgt sie sehr. 
Ihre Arbeitsstelle hatte ihr noch nie sonderliche Freude gemacht. 
Da traf es sich gut, dass sie schwanger wurde, dann in den Mutterschutz gehen konnte und nun erst einmal eine Weile zu Hause bleiben kann – 
mit sich und dem Kind, während ihr Mann arbeitet. 
Katjas Tage sind ausgefüllt mit Gedanken über sich und ihr Kind. 
Haushalt ist ihr zu anstrengend, muss sie doch auf ihr Kind achtgeben. 
Meist frühstückt sie spät oder sie geht essen. 
Einkaufen und Wäsche erledigt ihr Mann; sauber macht die freundliche Dame aus Kasachstan. 
Wenn sonst noch etwas Gewichtiges zu tun ist, kommt ihr Vater aus 200 km Entfernung angereist. 
Das Enkelkind lockt ihn mehr, als er die lange Fahrt und Rückfahrt fürchtet. 
Als jemand sie um eine kleine Hilfe bittet, kann sie gerade nicht, will spazieren gehen. 
Verspricht aber, später zu kommen. Kommt dann zu spät. 
Alle sorgen sich um Katja, und die sorgt sich um sich und um sonst nichts. 
Es gibt Tage, da weiß sie auf Anhieb nicht, was sie tun könnte. 
Dann fragt sie sich am Morgen: 
Was könnte ich mir heute mal Gutes tun? 
Kosmetikerin? 
Thai-Massage? 
Frühstücken im Café mit anderen Müttern? Es wird sich finden. 
Es findet sich immer. 
Katja ist sorglos, was andere Menschen angeht. 
Und sehr besorgt, was sie selbst angeht. Ihr ganzes Bestreben geht in eine Richtung: 
die eigene. 
Deswegen hören ihre Sorgen nie auf. Zufrieden kennt man sie nicht. 
Je sorgloser sie gegenüber anderen ist, desto besorgter wird sie um sich selbst.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)

5.    Mein Kalender und das Sorgen um den Nächsten Tag (der morgige Tag wird für das Seine sorgen!)
Noch einmal zum Predigttext zurück:
„Zunächst erscheint der Text – paradoxerweise – wie eine Überforderung. Wie soll das gehen – sich nicht zu sorgen? Vielleicht nicht um Essen, Trinken und Kleidung, davon haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft genug. Aber um den Arbeitsplatz, um die Gesundheit, um die Kinder? 

Es gibt genug Grund zur Sorge im Leben. Auch der Vergleich mit den Vögeln und den Lilien hilft wenig weiter. 
Es ist ja Segen (und manchmal vielleicht auch Schicksal?) des Menschen, dass er planen und Vorsorge treffen kann.

Ich glaube, ein Schlüssel zum Verständnis liegt im letzten Vers: 
Sorgt nicht für morgen … 

Ich kenne das von mir: 
Dass die Zukunft – was muss ich organisieren, was kann alles schiefgehen, wie werde ich mich dann verhalten? – 
mich vom Jetzt ablenkt. 

Gedanklich lebe ich viel zu oft im Morgen und verpasse damit eine große Chance: Gott zu begegnen. 

Gottes Nähe kann ich immer nur im Heute erfahren, in dem Moment, in dem mich etwas quält, in dem mich etwas freut, jetzt. 

Jesus will uns nicht überfordern, sondern entlasten: 
In seiner Gegenwart werden Sorgen leichter. 
Er gibt noch einen Hinweis im Umgang mit den eigenen Sorgen: 

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. 

Das sagt mir: 
Mach’ die Sorgen deines Nächsten zu deinen eigenen.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)
Also: 
Suche die Flüchtlinge auf, die jetzt hier sind – egal, ob du die Flüchtlingspolitik unserer Regierung für  richtig oder für falsch findest! 

Bleibe nicht nur bei dir selbst stehen!

Benenne aber auch das Falsche beim Namen – unerschrocken und ohne Rücksicht auf die Verdreher der Wahrheit! 

„Wer sich um den Nächsten sorgt, dessen eigene Sorgen werden kleiner.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)

Und der darf dann auch gern gemeinsam in der Familie drüber nachdenken, was am besten an der Konfirmation aufgetischt wird und was für Kleidung für die nächste Party am angesagtesten ist.

Amen.
Und der Friede Gottes….


LIED NACH DER PREDIGT EG 182,1-6: SUCHET ZUERST GOTTES REICH IN DIESER WELT

Der Zug des Lebens – 50 Jahre EKG: 5. Sonntag nach Trintatis 2014 (Lk7,11-17)

Von Pfarrer Marvin Lange


Predigt zu Lk 7,11-17: Der Jüngling zu Nain
11 Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.
12 Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.
13 Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!
14 Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, aich sage dir, steh auf!
15 Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und aJesus gab ihn seiner Mutter.
16 Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: aEs ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: bGott hat sein Volk besucht.
17 Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.



1.    Zug des Lebens – Zug des Todes
Wie zwei Züge, die aufeinander zurasen: Hier der Zug des Lebens mit einer Menschenmenge von Jüngerinnen und Jüngern Jesu – da der Zug des Lebens mit einer Menschenmenge von Trauernden, Klageweibern um die Witwe und ihren frisch verstorbenen Sohn auf dem Weg zur Beerdigung.
Was für ein Zusammenprall dieser beiden Züge. Jesus sieht das Leid der Witwe. Der einzige Sohn. Tot. Abgrund der Trauer heißt das. Nicht nur persönlich – wahrscheinlich auch sozial. Ab sofort: Versorgung durch die Armenkasse der Gemeinde. Ohne Sohn. Ohne Ehemann. Jesus hat Mitleid, es geht ihm zu Herzen, es geht ihm an die Nieren, sein Innerstes wird angesprochen: Der Ort, wo das Mitleid sitzt, schreit zu ihm. Und da ist der Zug des Todes auch schon gestoppt. „Ab sofort kein Weinen mehr!“ sagt Jesus der Witwe. Hier der Tod, da das gesagte Unfassbare. Nicht weinen in einer vom Tod heimgesuchten Welt. Und da geschieht auch schon das Unfassbare. Jesus berührt die Bahre, auf der der Tote liegt. „Auferstanden!“ befiehlt er dem toten Mann. Und der Tote, berührt von Jesus, richtet sich auf, redet. 
Aus den beiden Zügen des Lebens und des Todes ist eine jubelnde Masse geworden. Freilich: Ehrfurcht ergriff die umstehenden Menschen. Eine Scheu vor dem Heiligen. Eine Furcht vor der unbegreiflichen Kraft, die von Gott ausgeht. Gottesbegegnungen sind immer verbunden mit einem gewissen Zittern. Zu groß ist der Abstand zwischen Gott und Mensch. Aber aus der Ehrfurcht wurde Jubel. Die umherstehenden Menschen wurden auf einmal zum Volk Gottes. Nicht länger der Zug des Lebens und des Todes. Auf einmal waren sie alle Volk Gottes. Und sie dankten und priesen Gott. Sie hatten sofort verstanden: Gott hat diesen Toten wieder lebendig gemacht. Nicht der Mensch Jesus. Nein, Jesus, in dem die schöpferische Kraft Gottes steckt. Ihm gilt unser Dank. Wir dürfen uns freuen. Eigentlich müssen wir uns sogar darüber freuen. Wer das Ernst nimmt, dem bleibt wohl nichts anderes übrig.

2.    Das tote Kind
Szenewechsel.
Eben haben wir getauft. Drei Menschen. Ein Baby, ein Kleinkind und eine junge Erwachsene.
Die Taufe, liebe Gemeinde, ist das Aufspringen auf den Zug des Lebens. 
Die Taufe ist das Zeichen Gottes für uns Menschen: Ich will, dass ihr lebt. Ich nehme Euch mit – auch über den Tod hinaus. 

X. ist ein fröhliches Mädchen. Ein Fest der Freude. Ein Fest des Lebens gegen das Dunkel des Todes. Gott sei Dank seid ihr heute hier: Ihr stimmt mit der Taufe ein in den Jubel der Massen, die im Glauben an das Leben und die Liebe zum Volk Gottes wurden. Ihr dürft daran festhalten: Nichts geschieht ohne den großen Plan Gottes. Ihr seid mitten drin. Und ihr werdet irgendwann verstehen – warum und wozu dieser Weg und kein leichterer. 
Denn es ist ja nun nicht so, dass Gott uns immer verständlich wäre. Gott hat seine düsteren Seiten. 
Ein Kind habt ihr verloren, und das kurz vor der Geburt. 
Wo war da Gott? Wo war da die große Kraft, die Jesus bei der trauernden Witwe angewandt hat? Wo war da der Jubel des Volkes über den Zug des Lebens? Wo ist das Leben, wenn um uns herum nur noch Tod und Traurigkeit ist? Die Witwe war wohl zur rechten Zeit am rechten Ort. Ihr Sohn wurde wieder lebendig.

Liebe Gemeinde, ich weiß auf solche Fragen keine Antworten. Manchmal gebe ich mich damit zufrieden zu sagen, dass unser Gott ein sehr seltsamer Herr ist. Dass er Dinge geschehen lässt, die sich meinem Verständnis von Güte, Barmherzigkeit und Allmacht entziehen. Dass er aus irgendeinem Grund bereit ist, uns Menschen leiden zu lassen. Dass er das tut – und wir stehen ratlos und beklommen da und schauen ängstlich auf das Leben.
Und halten dennoch an der Hoffnung fest, dass Gott uns gegenüber sich am Ende gnädig zeigen wird. Dass er uns annimmt. Das keiner von uns verloren geht. Und glauben gegen den Augenschein. Eben gerade habe ich X. getauft. Sie fährt mit dem Zug des Lebens.
 
3.    Die Flüchlinge
Szenenwechsel: Heimlich geht er mit seiner Frau in die Kirche. Ein stickiges kleines Kellerzimmer. Mehr geht nicht. Und auch das ist verboten. Diese Kirche ist eine Untergrundkirche. Im Iran haben es Christen schwer. Und Moslems, die neugierig sind auf das Christentum. Und noch schlimmer ergeht es denjenigen, die sich zu Jesus Christus bekehren. 
Heimlich geht er mit seiner Frau in die Untergrundkirche. Immer wieder. Beide überzeugt vor allem eines: Dass Gott die Liebe ist – und dass die Menschen einander in Liebe begegnen sollen. Das kannten sie vom Islam bislang nicht. Da war Hingabe und Unterwerfung angesagt. Gott und den anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen: Das war ihnen neu. Das überzeugte.
Während eines heimlichen Gemeindetreffens ein Anruf der Mutter: „Kommt nicht nach Hause. Bleibt weg. Die Geheimpolizei steht vor der Tür.“ Das junge Paar schläft unter einer Brücke – selbst zu Freunden zu gehen trauen sie sich nicht. Das geht eine Weile so. Immer wieder der warnende Anruf der Mutter: „Kommt bloß nicht zu Eurem Haus. Es wird überwacht.“
Ein schneller Entschluss. Über die Grenze in die Türkei. Da ist man in Sicherheit. Wenn sich die Lage beruhigt, kann man ja zurückgehen. Ein kurzer Urlaub in Istanbul. Mehr nicht. 
Die Lage bleibt angespannt. „Mama, wir haben kein Geld mehr. Verkauf unser Auto und zahl das Geld auf mein Konto“, heisst es nach einigen Wochen Zwangsurlaub. Die Regierung hatte da schon alles beschlagnahmt. Das kleine Haus, das Auto. Eine Heimkehr war nicht mehr möglich. Auf Umwegen gelangt das junge Paar nach Hilders in die Rhön. Mittlerweile eine kleine Familie geworden. Mit dem unsicheren Status der Asylanten lassen sie sich allesamt taufen. 
„Das mit der Liebe, das hat mich so sehr überzeugt. Wir wollen Christen sein – egal, ob sie uns abschieben oder nicht.“ 
Eben gerade haben wir S. getauft. Dem Zug des Todes entronnen. Umgestiegen auf den Zug des Lebens. Ihr lebt nun bei uns. Ihr lernt unsere Sprache. Unsere Kultur werdet ihr mehr und mehr kennenlernen müssen. Ihr gehört zum Volk Gottes. Wenn ihr Hilfe braucht, habt ihr die Bonhoeffer-Gemeinde. Das hier sind keine Christen, die nur reden. Hier wird die Liebe gelebt. Ich freue mich mit Euch. Und dass ihr heute hier seid.

4.    Die verspätete Konfirmandin
Noch einmal Szenenwechsel. Die dreizehnjährige J. bekommt es freigestellt: Konfirmation oder nicht. Sie entscheidet sich dagegen. Gott – was für ein Blödsinn. Zwei Jahre vergehen. Plötzlich lässt sich ihre Mutter taufen. Hier bei uns im Bonhoeffer-Haus. Und da geschieht etwas. Sie steht daneben und wird von Gott berührt. J. will auf einmal auch dazugehören. 15 Jahre alt – eine verspätete Konfirmandin. Unter den 13-Jährigen fällt sie ein wenig auf: Die beiden Jahre machen in dem Alter viel aus. Sie stand dabei, als ihre Mutter getauft wurde. Als Jesus ihre Mutter berührte. Da merkte sie: Der Zug des Lebens fährt weiter. Sie möchte nicht bei den Traurigen stehen bleiben. Das Leben stattdessen ergreifen. Seinen Sinn ergründen.
Das pralle Leben schenkt Gott uns. Und da will sie mitfahren. Den Zug des Todes und der Sinnlosigkeit hinter sich lassen.
Und deshalb hast Du Dich eben taufen lassen. Taufe ist eine Auferstehung. Du hast das alte Leben hinter dir gelassen. Das neue Leben mit Gott liegt vor Dir. Und ich freue mich ganz persönlich, eine Konfirmandin in diesem Jahr zu haben, die man fast schon so einbeziehen kann wie eine Teamerin!

5.    EKG: 50 Jahre Zug des Lebens
Liebe Gemeinde: Drei Beispiele für unseren Predigttext aus dem Leben unserer drei Täuflinge. Ganz persönliche Geschichten, wie Gott aufrichtet. Wie Gott auferstehen lässt. Hin zum Leben.
Ich möchte ein letztes hinzufügen: 50 Jahre Zug des Lebens in evangelisch-katholischer Gemeinschaft. Seit 50 Jahren gehen in Ziehers-Nord zwischen Bonhoeffergemeinde und St. Paulus Menschen aufeinander zu. Viele gehen den Weg auch miteinander. In den konfessionsverbindenden Ehen. Aber auch in unseren Krabbelkreisen, unsren Jugendgruppen, unsren Seniorenkreisen. Wenn kulturelle oder erwachsenenbildnerische Angebote von katholischer oder evangelischer Seite gemacht werden. 
Das, was auf kirchenleitender Ebene nach wie vor nicht klappen will, das wird hier bereits seit 50 Jahren gelebt. Angefangen bei den Pfarrern Lang und Slenczka – und fortgesetzt bis in die heutige Zeit mit unzähligen ökumenischen Trauungen, Einweihungen und mehr Schulgottesdiensten als das Jahr Wochen hat. Und dem alle Jahre wieder stattfindenden ökumenischen Sommerfest.
Dem Evangelisten Lukas kommt es genau darauf an: Dass alle am Ende in das Lob Gottes einstimmen. Evangelisch und katholisch kannte der noch nicht. Aber wusste: Die Meinungen zum Christentum gehen auseinander. Am Text kann man es gut erkennen. Lukas bezeichnet Jesus als den HERRn. Das Volk nennt ihn einen Propheten.  Am Ende steht das Volk Gottes, das Gott lobt. Alles andere verschwimmt da. Wird unwichtig.
Unsere große Gemeinsamkeit evangelisch wie katholisch ist der Glaube an Jesus Christus. Alles andere ist dagegen klein. Alles andere sind Überformungen. Weiße Messgewänder oder schwarze Taläre. Mit oder ohne Weihrauch. Die Papstkirche oder die „Kirche der Freiheit“.
Ihr Lieben, auch wenn es nur Formen sind: Es sind diese doch so stark, dass man sie wahrnimmt als wäre es große Unterschiede. Die Stellung der Frau in der Kirche. Die Sexualmoral, verbunden mit dem Zölibat für die Priester. Andere Festtage. Reliquien und Rosenkranz. Das Verbot für Evangelische, am katholischen Abendmahl teilzunehmen. Es mögen bloß Formen sein, aber es sind doch Formen, die an unsere menschliche Substanz gehen. 
Wo man sich wünschte, dass all die Regeln und theologischen Spitzfindigkeiten der Herr einfach wegwischen würde indem er den Kirchenleitungen zuruft: „Ich sage Euch, steht auf!“ so wie er es mit dem Jüngling in Naiin gemacht hat. Dass den trägen Kirchen nichts anderes übrig bleibt als aufzustehen und ins Lob Gottes einzustimmen. Und alle Grenzen zu überwinden. Und wirklich zu merken: Wir gehören alle zum Volk Gottes, wir Christusgläubigen. Alles was trennt, wird getilgt. Das Verbindende ist der Zug des Lebens, das Trennende wird aufgehoben.

6.    Die Freude Gottes
Eine regelmäßige Gottesdienstbesucherin sagte vor einer Weile zu mir: „Mit Ihren Predigten wollen Sie doch immer nur, dass sich die Menschen freuen.“ Ich war mir nicht sicher, ob sie es ernst meinte oder eher augenzwinkernd. 
Aber es stimmt. Freude ist eines meiner großen Themen. Eigentlich ist Freude das Ziel. Ich weiß, dass das mit der Freude manchen gar nicht leicht fällt. Und ich weiss auch, dass viele von Euch manchen Kummer und manch schwere Krankheit oder Verlust tragen müssen. Das weiß ich.
Dennoch werde ich nicht müde, euch Mut zu machen: Weiterzugehen, das Leben, das man hat, als Gottes Geschenk für euch zu begreifen. Natürlich in dem Bewusstsein, dass Gott alle Tränen trocknen wird. Im Wissen darum, dass Jesus auch an Dich herantritt, um dich aufzurichten. Im Glauben an die freundliche Berührung Gottes mitten im Tod. 
Schaut auf euer Leben und seht nach, wo eure Auferstehungen zu finden sind. Wo ihr an dem Punkt wart, als Jesus Euch berührt hat. Als ihr traurig wart, oder auf der Flucht, oder unsicher über den Sinn des Lebens.
Und Gott dann zu euch kam. 
Dann stimmt ein mit der Menschenmenge vom Zug des Lebens, lasst euch ergreifen vom Jubel und der Freude! In dem Moment seid ihr es nämlich selbst: Volk Gottes. 

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

LIED EG 294,1-4: NUN SAGET DANK UND LOBT DEN HERREN

Reformationstag 2013: Reformation jetzt! (Jes 62,6-7+10-12)

Predigt zum Reformationstag 2013 in der Christuskirche zu Fulda

Jes 62,6-7+10-12: Reformation jetzt!

von Pfr. Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

        Amen.


Der Predigttext für den heutigen Reformationstag steht im Jesaja-Buch im 62. Kapitel, die Verse 6-7+10-12.

Dort heißt es:

6 O Jerusalem, ich habe  Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,

7 laßt ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg!  Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!

11 Siehe, der HERR läßt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der  Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!  Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!

12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«,  »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

  1. Das wahre Zeitalter der Reformation ist jetzt

Liebe Schwestern und Brüder,

wir leben in einer großartigen Zeit in diesem Land. Fast 70 Jahre kein Krieg auf unserem Boden, fast ein Vierteljahrhundert Deutschland geeint. Die Wirtschaft brummt. Die Lebensqualität befindet sich auf einem unglaublich hohem Niveau.

Ein Land, in dem heute eine Religionsfreiheit herrscht wie niemals zuvor. Ein Land, in dem die wahre Reformation im Religiösen jetzt gerade stattfindet. Das echte Zeitalter der Reformation war nicht zur Zeit Martin Luthers und seiner Nachfolger. Das Zeitalter echter Reformation hat jetzt, in den letzten 50 Jahren, begonnen.

Als Luther und seine Mitstreiter berechtigte Kritik an den Zuständen der Kirche übten, waren die Bedingungen für die Durchsetzung dieses Gedankengutes lange nicht reif:

Keine Freiheit in Glaubensdingen. Keine Freiheit der Religion, sondern nach längerem Ringen das damals als Fortschritt empfundene cuius regio, eius religio. Wem das Land gehört, dessen Religion wird in diesem Land praktiziert – wer anderes glaubt, wer der anderen Konfession angehört, dem wird gerade einmal das Recht eingeräumt auszuwandern.

Unvorstellbar heute.

Oder noch vor hundert Jahren die Schüler und Soldaten, die zum Gottesdienst beordert wurden, ob sie wollten oder nicht.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil wir heute tatsächlich die Freiheit des Gewissens haben, die die damaligen bloß postulierten, ohne wissen zu können, wie es ist, wirklich frei in Glaubensdingen zu sein.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil endlich der äußere Druck genommen ist, sich überhaupt einer oder der anderen Religion anzuschließen.

Religion ist etwas rein Freiwilliges geworden, etwas, das tatsächlich nur den Einzelnen und sein Gewissen betrifft. Etwas, das nicht vorgeschrieben wird.

Manche mögen nun unken, dass dieses mein gerade so gepriesenes wahres Zeitalter der Reformation nichts weiter ist als das Zeitalter des Relativismus, in der alles dem postmodernen Belieben und der Option unterworfen wird –

ich halte dagegen, dass dies genau der Boden ist, auf dem echter Glaube, wahres Christentum gedeihen kann., ohne dass sich irgendjemand beugen oder verbiegen muss.

Die Aufforderung des Schreibers des Jesajabuches, aus unserem Predigttext, durch die Tore hineinzugehen, durch die Tore Jerusalems und des neu erbauten Tempels:

Diese Aufforderung schließt zumindest heute die Freiheit mit ein, sich auch dagegen zu entscheiden. Nicht die Tore hoch zu machen, wie es im berühmtesten aller Adventslieder heißt.

Und dann auch das Angebot, das Gott bereit hält, beiseite zu wischen und für sich zu entscheiden: Das ist nicht mein Weg, den der Prophet vorschlägt.

Ich behaupte: Dies ist die Chance für die evangelische Kirche. Dies ist die Chance für die weltweite Kirche Jesu Christi, ihr Angebot von der Rechtfertigung des Gottlosen in die Welt hinein zu rufen.

Keine Vorteilsnahme durch einen Landesherrn, der bestimmt, dass die Kirchen voll zu sein haben.

Kein – oder zumindest kaum noch; hier in Fulda höre ich aus den Familien manchmal noch anderes  – Kein Druck innerhalb der Familien, etwa mindestens eine Person pro Sonntag abzustellen, der in den Gottesdienst zu gehen hat.

Diese Zeiten sind gottlob vorbei:

Jetzt hat sich das Wort Gottes selber durchzusetzen, das von denen, die mit ihm leben, kommuniziert werden muss.

Und es ist die Chance so groß wie nie, weil wir allesamt davon ausgehen können, dass diejenigen, die dabei sind, die sich haben taufen lassen und konfirmieren und Kirchenmitglieder sind und bleiben, dass die das wollen und die Botschaft von Jesus für alle Welt gern und aus freien Stücken hören,

in Zeiten, wo einem am Arbeitsplatz, wie mir kürzlich berichtet wurde, um die Ohren gehauen wird: „Bist Du noch nicht ausgetreten?“

Das Wort Gottes selber ist es, das sich jetzt durchsetzen muss. Und es sind wir Christinnen und Christen, die es immer wieder und wieder auszurichten haben.

Als Kommunikatoren des Evangeliums.

Als diejenigen, die durch die Tore eingehen, die Tore, die Gott uns geöffnet hat.

Die Prophezeiung des Propheten Jesaja liest sich dabei wie ein Reformprogramm für unser jetziges, m.E. so reformatorisch durchsetztes Zeitalter:

2. Primäre und sekundäre Religionserfahrungen: „Bereitet dem Volk den Weg!“

„Bereitet dem Volk den Weg“, ruft Jesaja uns zu. Dass damals die israelitischen Heimkehrer aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem gemeint waren, hält uns heutige nicht davon ab, darauf zu schauen, was für uns,

und damit meine ich in reformatorischer Absicht uns Christinnen und Christen,

was also für uns die richtige Wegbereitung für das „Volk“ ist:

für unsere Kirche, für unser Land, und für die Welt.

Ja sicher, die Kirchen der Reformation haben es schwer. Es sind nicht die sogenannten „primären religiösen Erfahrungen“, mit denen wir punkten können. Die Unmittelbarkeit des Religiösen im Gottesdienst und im Glaubensvollzug haben wir mit intellektueller Redlichkeit mehr und mehr verbannt:

Keine Heiligenverehrung, keine Erfahrung mit allen Sinnen, wie etwa mit Weihrauch, bunter Kleidung, Prozessionen und Wallfahrten. Nicht einmal herausgehobene Ämter mit verschiedenen Weihegraden und bestimmenden Lebensregeln.  Stattdessen allein das Wort und die Vernunft, der Intellekt und die an Jesus Christus orientierte Auslegung der Bibel.

„Sekundäre Religionserfahrung“ nennen das die Theologen und Religionswissenschaftler, wenn eine Religion so kühl und verkopft daherkommt, wie der Protestantismus.

In den letzten Jahrzehnten hat zum Glück ja wieder eine Hinwendung zum Menschen und zum Gefühlsleben stattgefunden.

Es ist die Erkenntnis dabei leitend, dass es vor allem „primäre“, also unmittelbare Religionserfahrungen sind, die distanzierte Menschen ansprechen, ja brauchen, um überhaupt zu verstehen, was Glauben sein kann.

Und so erlebt die Kirche zurzeit etwa eine Renaissance von Segnungsgottesdiensten, eine Zunahme der Abendmahlsfrömmigkeit, einen recht guten Zulauf bei Gottesdiensten, die persönlichen Bezug haben, also etwa Taufen, Konfirmationen oder den großen kirchlichen Events, man denke etwa an den Kirchentag.

Glaube und Religion wird von vielen nur noch wahrgenommen im Erleben – oder es wird gar nicht mehr wahrgenommen.

Was Martin Luther meinte mit seinem derben „Dem Volk aufs Maul schauen“, das gilt für uns heutige genauso wie 1525 in Wittenberg.

Und es gilt mitnichten nur für Pfarrer: Kommunikatoren des Evangeliums sind alle Christinnen und Christen.

Jeder ist dem Nächsten Priester, hat Luther in Anlehnung an den Hebräerbrief immer wieder und zurecht betont.

„Bereitet dem Volk den Weg“ heißt dann für uns: Wenn wir als evangelische Kirche überhaupt relevant in unserer säkularen Gesellschaft sein wollen, wenn man uns überhaupt noch verstehen soll, sollten wir auf diejenigen, die das Christentum noch nicht für sich entdecken konnten, offener, freundlicher, aber auch viel kräftiger werbend zugehen als wir es bislang getan haben.

Denn tun wir das nicht, dann merkt das sogenannte Volk auch nicht, dass wir eine Botschaft haben, die für sie von höchsten Interesse sein könnte:

Immerhin die Verheißung von Ewigem Leben, Gemeinschaft mit Gott, Befreiung aus der Selbstverfangenheit, Gottvergessenheit und Angst.

3. Bedingungen schaffen für die Kirche von heute

„Macht Bahn, macht Bahn“, ruft Jesaja uns zu.

Sehr viel hübscher – und etwas dichter am hebräischen Wortlaut dran – ist eine englische Übersetzung dieser Stelle:

„Build up the highway“, heißt es in einer englischen Übersetzung.

„Schüttet den Highway, die Schnellstraße, auf.”

Bei uns Deutschen kommen noch einmal ganz andere Assoziationen bei dem Wort Highway als bei der lutherischen „Bahn“ oder schlichten „Straße“.

Gemeint ist dann auch in der Tat bei Jesaja das persische (Schnell-)Straßennetz, das erste wirklich funktionierende und durchdachte Straßennetz in der Geschichte der Menschheit, lange vor den Römern.

Ohne Bereitstellung von Highways ist kein Handel und kein Austausch möglich. Ohne das planmäßige Anlegen dieser vielleicht wichtigsten Infrastruktur für größere Länder fallen diese irgendwann einfach in sich zusammen oder auseinander, da keine Zentralgewalt Einfluss auf die entlegeneren Gebiete hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet das: Baut weiter an der Infrastruktur, lasst sie nicht verkommen! Baut weiter an einer Infrastruktur, die der Kommunikation des Evangeliums dient.

Oder wenn schon nicht überall die Zahlen und Mittel es hergeben, Kirchen und Gemeindezentren weiter zu entwickeln, wie hier in Fulda auf dem Neuenberg in sensationeller Weise der Fall, so baut doch weiter an der vorhandenen Infrastruktur, dass unsere Räumlichkeiten nicht als Museum, sondern als lebendiger Ort der Gottesbegegnung wahrgenommen werden können.

Es sind die vielen Kirchen und es sind die Gemeinderäume, die unsere Kirche dringend braucht und erhalten sollte – im Gegensatz übrigens zum Pfarrhaus, das seinen Zenit als Mittelpunkt evangelischen Frömmigkeitslebens längst überschritten hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet diese Aufforderung zur „Aufschüttung des Highways“ genauso, dass unsere innere, spirituelle und religiöse Infrastruktur stets der Überprüfung bedarf.

Bin ich selbst überhaupt ausgerüstet, um den Anforderungen der Zeit mit meinem Glauben begegnen zu können?

Oder ist mein Gottesbild, was ich in meinem Herzen trage, dermaßen in die Jahre gekommen, dass ich eigentlich keine Kraft mehr daraus ziehe, sondern mehr Kraft hineinlegen muss, um dieses irgendwie – götzendienerisch – am Leben zu erhalten.

Die Vorstellung, wie Gott sein könnte, ändert sich doch über ein Menschenleben.

Den Gott aus Kindheitstagen festhalten zu wollen ist mindestens genauso verfehlt wie nicht zugeben zu können, dass die Haltung zur Politik über die Jahre eine andere geworden ist.
Um es auf den Punkt zu bringen:

Die religiöse Infrastruktur des Herzens ist nicht damit angegangen, indem man sich Kirchensteuern einziehen lässt.

Sie lebt davon, be- und genutzt zu werden. Und sie lebt vom Weitersagen: An Kinder und Enkel, dem Lebens- oder Ehepartner.

4. Ballast entrümpeln

„Räumt die Steine weg!“ mahnt Jesaja seine Israeliten.

„Entrümpelt endlich den ganzen Ballast, den ihr mitschleppt, ohne wirklich der Kommunikation des Evangeliums zu dienen.“

Und wenn ich das so plakativ sage, dann weiß ich freilich, dass dies kein generalstabsmäßiges Kommando sein kann.

Denn was die Kommunikation des Evangeliums verhindert statt fördert, das muss jede Gemeinde freilich für sich entscheiden!

Eine solche Entrümpelung muss von Gemeinde zu Gemeinde, von Ort zu Ort, ganz unterschiedlich ausfallen, da die Gepflogenheiten und Notwendigkeiten einfach unterschiedlich sind.

Lutherkirche ist nicht Versöhnungskirche ist nicht Trätzhof ist nicht Christuskirche!

Die Zersplitterung und Pluralisierung der Gesellschaft macht vor den Gemeinden nicht halt, und dann ist es gut, in der Fläche, wie hier in Fulda, verschiedene Angebote für unterschiedliche Interessen vorhalten zu können.

Was wollen und können die Christinnen und Christen vor Ort zur Kommunikation des Evangeliums beitragen? Und was lassen sie bleiben?

Solcher Art werden mehr und mehr die Fragen sein, nach der Kirchengemeinden sich ausrichten werden müssen. Ich stelle mir gemeinsam mit dem Münsteraner Theologen Prof.  Grethlein die Frage, ob das Vereinschristentum, wie wir es meist in der Fläche noch pflegen, nicht bald ausgedient haben wird zugunsten vieler anderer, durchaus reformatorischer  Formen der Kommunikation des Evangeliums,

die von den Gläubigen fürdie Gläubigen je sehr unterschiedlich ausgestaltet werden.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieser Prozess längst begonnen hat und wir Christinnen und Christen uns dabei nicht selbst im Weg stehen sollten.

Lasst uns die Steine wegräumen und den Highway hochziehen, ihn breit machen, dass die Kommunikation des Evangeliums gelinge!

Das Zeichen dafür, das wir aufrichten sollen, wie es Jesaja damals seinen Israeliten mit auf den Weg gab, ist für die Christenheit freilich das Kreuz. Indem wir darauf schauen und glauben, können wir mühelos die Infrastruktur unserer Kirchen – sowohl der Gebäude wie auch im Herzen – immer neu reformieren.

5. Christen: Erlöste des Herrn. Heiliges Volk

Jesaja spart nicht mit schönen Worten zum Ende seiner Verheißung in unserem Predigttext. Diejenigen, die das erleben, werden „Heiliges Volk“ genannt, „Erlöste des Herrn“.

Sei es nun, dass die frühe Christenheit diese Begrifflichkeiten einfach auf sich selbst bezogen hat oder aber die Prophezeiung Jesajas in Jesus Christus aufgegangen ist.

Es sei wie es will: Wir Christinnen und Christen sind mit den Juden das Heilige Volk, die Erlösten des Herrn.

Manchmal, da merkt man davon bei uns wenig. Zu wenig!

Schau ich mir etwa die Gesichter beim Heiligen Abendmahl an, dann frage ich mich manchmal, was Gott uns denn eigentlich noch anbieten muss, damit wir weniger sauertöpfisch drein schauen.

Reicht uns denn die Gemeinschaft mit Jesus, Ewiges Leben, die Liebe Gottes und seine unbedingte Anerkennung nicht aus, um frohen Mutes am Heiligen Mahl teilzunehmen?

Wir Gläubigen dürfen wesentlich fröhlicher in den Tag hineingehen, denn wir haben als „Erlöste des Herrn“ allen Grund, stets positiv in die Zukunft zu blicken: Es ist schließlich Gottes Zukunft mit uns, in die wir gehen.

Und am Ende, liebe Schwestern und Brüder, am Ende ist auch die Reformation unsere Kirche, die heute so greifbar ist wie nie zuvor, eine Sache unseres guten und gnädigen Gottes, der das Haupt der Kirche ist und bleibt in alle Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

Amen!