16. Sonntag nach Trinitatis 2018: Eine frühchristliche Legende (zu Apg 12,1-11)

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

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1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln.

2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Abteilungen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Passafest vor das Volk zu stellen.

5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.

6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.

7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: „Steh schnell auf!“ Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.

8 Und der Engel sprach zu ihm: „Gürte dich und zieh deine Schuhe an!“ Und er tat es. Und er sprach zu ihm: „Wirf deinen Mantel um und folge mir!“

9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.

10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Gasse weiter, und alsbald verließ ihn der Engel.

11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: „Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.“

12 Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.

13 Als er aber an das äußere Tor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu horchen.

14 Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor.

15 Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: Es ist sein Engel.

16 Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich.

17 Er aber winkte ihnen mit der Hand, dass sie schweigen sollten, und erzählte ihnen, wie ihn der Herr aus dem Gefängnis geführt hatte, und sprach: Verkündet dies dem Jakobus und den Brüdern. Dann ging er hinaus und zog an einen andern Ort.

 

  1. Das Bild: eine Heiligenlegende

Liebe Schwestern und Brüder,

da sitzen Sie nun im evangelischen Gottesdienst bekommen eine frühkatholische Heiligenlegende aufgetischt. Ja, es ist eine Heiligenlegende des Neuen Testaments, und zwar eine ganz klassische. Sämtliche Motive, die auch bei anderen Befreiungswunden der antiken Welt auftauchen, finden Sie in dieser Geschichte:

Da ist die unerwartete Situation, dass Petrus damit überhaupt nicht rechnet befreit zu werden.

Da ist die Betonung von besonders vielen Wachen, hier 4 × 4 Abteilungen. Schichtdienst, na klar. Und um die Unausweichlichkeit der Lage zu betonen, werden auch gleich noch zwei Wächter an Petrus in seiner Zelle gefesselt. Ein besonders wichtiger Gefangener, dieser Petrus. Es werden die Ketten beschrieben, mit denen Petrus gefangen liegt, und die sich dann auf wundersame Weise lösen –  heute können Sie sich diese übrigens in der römischen Kirche San Pietro in Vinculi anschauen, irgendwie haben die es von Jerusalem nach Rom geschafft.

Mehrere abgeschlossene Türen sind zwischen Petrus und dem Ausgang, die einfach so durchschritten werden, am Ende liegt sogar noch das eiserne Tor, freilich fest verschlossen, das dann aber automatisch aufgeht. Auch die Bestrafung der Wächter gehört zu einem typischen Befreiungswunder der antiken Welt und ist nicht unbedingt der Grausamkeit des Königs Herodes Agrippa I. anzulasten. Und nicht zu vergessen, die humorige Sequenz am Ende, als die Magd in Aufregung vergisst, ihm die Tür zu öffnen – und die Jünger eher bereit sind zu glauben, dass der Schutzengel des Petrus vor der Tür steht als dieser selber!

Dazu die traumwandererische Sicherheit des Petrus, der vom Engel Gottes geführt wird, einfach nur tut, was dieser befiehlt. „Steh schnell auf!“ „Gurte dich und ziehe deine Schuhe an!“ „Wirf deinen Mantel um und folge mir!“

Erst sein Ausruf im elften Vers: „Nun weiß ich wahrhaftig, dass Gott seinen Engel gesandt und mich von allem errettet hat!“ Erst dieser Ausruf des Petrus führt ihm selbst vor Augen, wie wunderbar er aus einer aussichtslos anmutenden Situation befreit worden ist.

 

Also eine Legende. Ein Märchen mit einem wahren Kern

 

Immerhin historisch ist wohl (und da treffen dann die Heiligenlegende und beschreibbare Geschichte aufeinander): Nach dem Herrenbruder Jakobus soll Petrus das nächste Opfer der politisch populären Christenverfolgung durch König Herodes Agrippa I. werden. Nach dem Paschafest soll ihm vor allem Volk der Schauprozess gemacht werden - also in etwa zwölf Jahre nachdem Petrus bei einem anderen, viel berühmteren Schauprozess, nämlich den von Jesus, eine unrühmliche Rolle gespielt hat, als er seinen Herrn und Meister verleugnet hatte.

Man kann sich vorstellen, wie groß die Not des Petrus in einer sich für ihn wiederholenden Situation staatlicher Verfolgung ist, die für Jesus ja schließlich mit dem Tod endete.

 

  1. Die Übertragung: Lebenserfahrungen und – eine Zumutung für aufgeklärte Menschen

Etwas unterschieden von klassischen Befreiungswundern ist die besondere Situation, in der sich Petrus befindet. Er ist ja der Anführer der neuen christlichen Gemeinde in Jerusalem. Und hat somit seine kleine Kirchengemeinde hinter sich, die ihm im Gebet eng verbunden ist.

„Im Vorfeld zu der Rettung des Petrus und während seines nächtlichen Spaziergangs mit dem Engel betet eine Gruppe Menschen „ohne Unterlass“ für ihn. Gott ist es, der Petrus Schicksal und diese Menschen verbindet. Das Gebet, das im Haus der Maria stattfindet, stellt Gott in unmittelbare, klare Nähe zu dem spektakulären Geschehen des Engels im Gefängnis.

Der betenden Gruppe bleibt dieser klare Zusammenhang zunächst unfassbar: Die aus dem Gebet gerufene Gruppe braucht Zeit, bis sie den befreiten Petrus und der neuen Realität die Tür öffnet. Über  lange Passagen befinden sich die Menschen dieser Geschichte also in einem „Zwischenzustand“: Gott hat schon an ihnen gehandelt - aber noch haben sie es nicht erkannt. Petrus eilt hinter dem Engel her - aber er erkennt noch nicht, dass die Rettung real an ihm geschieht. Die betende Gruppe hört Petrus vor der Tür rufen - aber erkennt noch nicht, dass Gott Petrus befreit und also ihr Beten gehört und beantwortet hat.“[1]

 

Worauf kommt es also an?

Für aufgeklärte Menschen ist die direkte Übernahme der Geschichte für das eigene Leben wohl eine Zumutung. Meistens erscheinen uns ja dann doch keine Engel, wenn wir Probleme haben. Meistens scheinen unsere Gebete doch unerhört zu bleiben. Und viele beten deswegen schon gar nicht mehr, weil sie nicht mehr erwarten, dass etwas von Gott geändert werden kann.

 

Für mich ist bei der exegetischen Arbeit an diesem Text klar geworden klar, dass es auf das Wunder als solches in diesem Text nicht wirklich ankommt. Sondern es kommt darauf an, sich seiner eigenen „Zwischenzustände“ bewusst zu werden. Also ganz konkret: wo habe ich mich in einem Zwischenzustand befunden?  Wo dachte ich, eine Situation ist ausweglos, und währenddessen hat sie sich mit Gottes Hilfe bereits geklärt? Wo habe ich vorschnell über etwas geurteilt, dass sich dann als ganz anders herausgestellt hat?

 

Denken Sie ruhig an dramatische Situationen in ihrem Leben: Der Augenblick im Krankenhaus, wo ein liebes Familienmitglied operiert wird und man mit dem Schlimmsten rechnet. Und der Arzt allzu lange auf sich warten lässt, aber dann nach einer viel zu langen Zeit kommt und erzählt, dass alles glücklich verlaufen ist.

 

Denken Sie dabei aber auch an kleine, eher unwichtige Situationen im Leben: die vielen Augenblicke, bei denen man sich über Dinge aufregt und darüber nachdenkt, die im Grunde längst erledigt sind, und nach entsprechender Information dann tatsächlich auch erledigt sind.

„Hat mein Sohn das Auto voll getankt, damit ich jetzt sofort zur Freundin fahren kann?“ - Darüber zu grübeln lohnt nicht; vor allen Dingen dann nicht, wenn der Tank schon voll getankt ist!

„Habe ich genug Geld eingesteckt, um auf dem Rückweg ein Brot zu kaufen?“ - In dem Moment, in dem man nachgeschaut hat, ist diese Frage erledigt. Es lohnt sich nicht, sich hinter dem Steuer darüber aufzuregen, dass man jetzt gerade nicht nachgucken kann.

Es ist bereits so oder eben so.

„Man darf sich aufregen, muss es aber nicht“, sagt mir eine sehr liebe Person der Bonhoeffergemeinde immer mal wieder.

 

Die Heiligenlegende legt nahe, insgesamt besonnener zu handeln und zu urteilen. Dabei ist freilich eine Größe im Spiel, auf die jetzt zu kommen ist: Gott selber. Inwieweit ist Gott Herr solchen Geschehens? Der Zwischenzustände? Wo und inwieweit greift er ein? Wo sind die Engel, die Boten Gottes, die in der Heiligenlegende dem Apostel Petrus helfen, in meinem Leben?

 

  1. Die Entmythologisierung: was bleibt?

Oder anders gesagt: wo in der Heiligenlegende können wir die Existentialien, die für das eigene Dasein unbedingt wichtigen Situation markieren? Also die Situationen, in denen wir den Beistand Gottes nötiger denn je haben?

 

Philosophisch gesprochen: Die Erfahrung des Angekettetseins, des Bewachtseins und der Isolation sind doch nur Ausdrücke dafür, dass wir alle samt von uns aus nicht frei leben können. Vollkommen vereinzelt in seiner eigenen Welt lebt der Mensch vor sich hin. Diejenigen, die ihm an die Seite gestellt sind, erlauben ihm nicht, aus seinem eigenen Gefängnis auszubrechen.

Denen geht es ja genauso!

Wie im berühmten Höhlengleichnis des Philosophenkönigs Platon lebt der Mensch in seiner eigenen Gefangenschaft sein Leben nicht wirklich, sondern fristet ein Schattendasein. Lebt das richtige Leben im falschen.

 

Um sich davon zu befreien, ist eine Kraft von außen nötig. Man selber ist nicht Herr der Lage.

Petrus ist in der Legende nicht Herr der Lage. Er wird geführt.

Und diese „Kraft von außen“ kann tatsächlich auch nur außerweltlichen Ursprung sein, weil ja jeder Mensch für sich ist, angekettet ist, in seiner eigenen Höhle zurückgezogen lebt. 

In der Heiligenlegende ist es dann der Engel, der befreit.

 

Wir merken hier die Versuche der ersten Christen, die Erfahrungen des eigenen Befreitseins zu deuten: ist es in den Evangelien noch Jesus Christus selbst, der die Menschen befreit,

in den Briefen des Apostels Paulus der Glaube an das Kreuz, so muss nun in der Heiligenlegende bereits ein Engel herhalten.

 

In späterer Zeit werden diese Befreiungserlebnisse dann von den Heiligen selbst durchgeführt werden. Was hat die heilige Lioba, der heilige Bonifatius doch für wundersame Kräfte! Fragen Sie in der Nachbarschaft doch einmal nach, es ist wirklich erstaunlich!

Kein geringerer als Martin Luther hat sich von dieser Linie wieder losgesagt: Jesus Christus ist der Befreier.

 

Auf welche Art und Weise er das tut, ist ihm allein überlassen. Der Engel ist ein schönes Beiwerk, meinetwegen eine Ausschmückung. Vielleicht war auch wirklich da. Aber das ist nicht das entscheidende!

Entscheidend ist doch nicht auf welche Weise, sondern dass Petrus befreit wurde.

Entscheidend ist doch, dass wir von Christus befreite Menschen sind.

Entscheidend ist, dass wir in und aus dem Licht leben können, das der Engel Gottes in die Zelle des Petrus gebracht hat.

Entscheidend ist, dass wir - manchmal als ob wir träumen - uns mit Gewissheit von Gott geführt wissen dürfen.

Und das ist tatsächlich entscheidend, dass ich mir nicht einbilde, in der Frage nach der Befreiung aus mir selbst selber Herr des Geschehens zu sein.

Zur Befreiung aus der eigenen in sich gekrümmten Existenz bedarf es eines Stärkeren, Äußeren. Gottes selber! Und wie Gott das tut, ist seine Sache, nicht meine.

 

Nun scheint das im Falle des christlichen Glaubens so zu sein, dass wir von der Befreiung des Ich, des Selbst, gar nicht so viel mitbekommen. Meine Vermutung ist, dass wir zu sehr daran gewöhnt sind. Dass wir gar nicht mehr wissen, wie unser Leben ohne Christus den Befreier aussehen würde.

(Aber wir haben momentan das Glück, dass hin und wieder in unserer Gemeinde Menschen auftauchen, für die diese Erfahrung des Befreitseins im Glauben etwas völlig Neues ist. Freilich meine ich damit unsere neuen persischen Christen, für die das Christentum eine ähnliche Befreiung darstellt wie der Engel für den Apostel Petrus im Gefängnis.

Sprechen Sie die doch darauf an! Die Glaubenszeugnisse dieser neuen Christen leben noch aus der Unmittelbarkeit der Befreiung.)

Wir sollten uns bewusst sein, dass die christliche Religion evangelischer Gestalt vor allem aus der Freiheit heraus lebt und glaubt. Und das unterscheidet sie von allen Religionen und Konfessionen, die mir bekannt sind, völlig.

 

Ein letztes: wenn wir von Engeln sprechen, dann haben wir meist Lichtgestalten im Sinn, wie es in der Heiligenlegende ja auch beschrieben ist. Doch auch das gilt es existenziell zu deuten:

Ein Engel ist ein Bote Gottes. Jemand, der eine Botschaft von Gott überbringt. Jemand, der einen Auftrag ausführt im Namen Gottes. Wir sollten nicht auf die Engel warten.

Wir sollten nicht darauf warten, dass sich die Boten zu uns aufmachen. Wir selbst sind Boten Gottes. Jeder getaufte Christ hat das Potenzial, hin und wieder ein Engel zu sein.

Denn: Wir haben die Botschaft Gottes! Wir helfen Jesus Christus dabei, die in sich selbst verkrümmten Menschen zu befreien. Fesseln sprengend. Türen öffnend. Unglaublich! Und legendär!

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

LIED EG 559: WELCHER ENGEL WIRD UNS SAGEN

 

[1] Friebolin/Kubik/Schurig: Kommen-Sehen-Bleiben 4, Paraklesis 12, 2005, S.217.