Kommentar zum Flaggen-Diebstahl

von Pfarrer Marvin Lange

Fulda Ziehers-Nord – In der sogenannten Hexennacht auf den 1. Mai wurde der Bonhoeffergemeinde die schöne, neue Friedensfahne gestohlen. Zunächst vermuteten die meisten einen Hexenstreich und erwarteten, dass die Fahne an irgendeinem Baum oder Fahnenmast hängen würde (oder sie zurückgebracht werden würde), aber diese Erwartung wurde nicht erfüllt. Stattdessen habe ich bei der Polizei Anzeige erstattet und auch darauf hingewiesen, dass ich ein politisches Motiv hinter der Tat vermute. Bestärkt wurde diese Vermutung, als einige Tage später auch noch das große Gewebe-Plakat vor dem Bonhoefferhaus mit der Aufschrift „Suche Frieden und jage ihm nach“ (Psalm 34,15) zum Teil herabgerissen wurde. Zeitgleich mehrten sich im Internet (auf Facebook) Stimmen, dass „die Kirche“ in politischen Fragen schweigen solle und das ja ohnehin „bloß eine Homo-Fahne“ sei. Die Behauptung, das Begehen einer Straftat (Diebstahl) sei „bloß“ ein „Zeichen“ gegen die LGBTQ-Community, bestärkt mich noch mehr in der Annahme: Das war ein politisches Statement für Putins Krieg oder/und gegen Homosexuelle und andere Lebensformen.

Ich möchte diesen Aktionen und auch den Forderungen nach dem Verstummen der Kirche im Politischen etwas entgegensetzen: Nein, die Kirche wird politisch nicht verstummen, denn das wäre völlig gegen ihren Auftrag, das Evangelium mit den Menschen zu teilen. Die Kirche wird weiterhin ihre Stimme erheben, wenn Unrecht geschieht. Sie wird weiterhin politisch reden und handeln, wenn ihre Überzeugungen und Werte mit Füßen getreten werden. Sie wird sich weiterhin mit der guten Nachricht ( = dem Evangelium) für die Diskriminierten, Entrechteten, Geflüchteten und Verfolgten einsetzen. Die Kirche wird weiterhin dafür einstehen, dass Frieden auf dieser Welt ermöglicht wird und sie wird sich für die Kriegsgebeutelten einsetzen. Dabei ist auch klar: Das geschieht nie ohne Reibung! Aber die Kirche ist nicht dazu da, Meinungen und Stimmungen hinterher zu laufen, sondern für alle Menschen das Evangelium auszurichten. Und das geschieht durchaus auch so, dass man sich politisch gerade nicht verträgt und anderer Auffassung ist. Sie ist dann ein streitbares Gegenüber, das mal gegen und mal mit dem Zeitgeist geht.

Ich bin froh und dankbar, an und in einer Kirche zu arbeiten, die sich für den Frieden einsetzt – in den unterschiedlichsten Facetten, die es da gibt: Für den Frieden in der Ukraine oder in anderen Kriegsgebieten. Aber eben auch für gesellschaftlichen Frieden – und da gehört unsere Friedensfahne mit ihren Anklängen an die Flagge der LGBTQ-Community („Homo-Fahne“) eindeutig mit rein.

Wer diese stiehlt und damit das öffentliche Flaggen auf öffentlichen Plätzen erschwert, der stellt sich außerhalb unseres friedvollen Miteinanders und Diskurses.

Ich persönlich habe nur ein Wort dafür übrig: verachtenswert.

Pfarrer Marvin Lange