Erster Advent 2018

Feiern Sie mit uns am 2. Dezember im Bonhoefferhaus Fulda!
11.00 Uhr:    Festgottesdienst mit Taufen zum Beginn des neuen Kirchenjahres, mit musikalischer Unterstützung durch den Evangelischen Posaunenchor, zeitgleich findet Kindergottesdienst statt!
Nach dem Gottesdienst: Gemeinsames Decken des Saales und kurze Öffnung des Adventsbasares!

15.00 Uhr: Offizielle Eröffnung des Adventsbasares mit Kaffee, Tee und selbstgebackener Kuchen – währenddessen: Weihnachtsgeschenke-Werkstatt für Kinder (bis 17.00 Uhr)
15.30 Uhr: Advents- und Weihnachtsliedersingen im Saal
16.00 Uhr: Hexenhausversteigerung
16.30 Uhr: Punsch- und Glühweinverkauf am Lagerfeuer vor dem Bonhoefferhaus
17.00 Uhr: Ende mit gemeinsamem Aufräumen

Für das Gelingen unseres Gemeindenachmittages benötigen wir wieder Ihre leckeren Kuchen, Adventsplätzchen sowie Helfer beim Auf- und Abbau.
Eine Liste zum Eintragen liegt im Foyer des Bonhoeffer-Hauses aus.
Sämtliche Einnahmen des Tages gehen in das Küchen-Neubau-Projekt unserer Bonhoeffergemeinde!

Predigt zum Karfreitag 2018: Der Tod Gottes

KARFREITAGSPREDIGT 2018 VON PFARRER MARVIN LANGE IM BONHOEFFERHAUS FULDA ZUR PASSIONSGESCHICHTE NACH MARKUS

1. Einleitung: Wir haben Gott getötet
Jesus Christus, der für unsere Sünden gestorben ist, sei mit euch allen!

Der Tod Gottes! 
So habe ich den heutigen Gottesdienst überschrieben. Es ist Karfreitag.

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5. Sonntag nach Trinitatis 2017 zu Joh 1,35-51: „Was wollen Sie hier eigentlich?“

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen
Predigttext
35 Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger;
36 und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!


37 Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.
38 Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wirst du bleiben?
39 Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.
40 Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.
41 Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.
42 Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.
43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!
44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus.
45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.
46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!
47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.
48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen.
49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!
50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das.
51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.

Liebe Gemeinde,
seit einigen Jahren kursiert in den sozialen Medien der Text einer Journalistin, die sich bitterlich darüber beklagt, wie belanglos oder pseudointellektuell Predigten in evangelischen Kirchen seien. Entweder begebe man sich auf Kindergottesdienst-Niveau herab, mache zwischen Altar und Kanzel irgendeinen Quatsch mit Puppen, belanglosen Spielen und trivialen Aussagen, oder aber erzähle hochtrabend irgendwelche Dinge vom Geheimnis Gottes, von der Rechtfertigung des Gottlosen, von Gottes Liebe und Güte, ohne der Zuhörerschaft wirklich begreiflich zu machen, um was es da eigentlich geht. 
Was soll das denn sein, das Geheimnis Gottes? Und was hat es mit der Rechtfertigung des Gottlosen auf sich, wenn man selber überhaupt nicht mehr glaubt, dass man gerechtfertigt werden müsse? Und wie kann man von Gottes Liebe und Güte sprechen, wenn man noch nicht einmal verstanden hat, dass Gott überhaupt da ist. Weihnachten sei es dann ganz besonders schlimm, wenn der Pfarrer mit einem Rucksack kommt und ihn auspackt, Plattitüden zur Krippe erzählt oder ein verdammt schlechtes Theaterstück aufgeführt wird, das nur dazu dient, anwesenden Großeltern und Eltern ein wenig Tränen in die Augen zu zaubern. Die Journalistin verlangte nichts weniger als echte Verkündigung mit Leidenschaft und keine Plattitüden. Übrigens sei das auch der einzige und wahre Grund, warum so wenige Menschen den sonntäglichen Gang zur Kirche auf sich nähmen: Unterhalten kann das Internet tatsächlich besser – und den Geist sprechen kluge Bücher besser an – 
wenn dann der Mann oder die Frau auf der Kanzel eines von beidem versucht, ist es kein Wunder, dass er oder sie scheitert und viele Plätze frei bleiben.
Ich habe in dieser Woche den Ball aufgenommen und auf Facebook ziemlich herumposaunt, dass ich aus Leidenschaft predige, auch die Bereitschaft habe, bei den Menschen, die mir zuhören, gern auch mal anecke; insgesamt hoffentlich verkündige statt nur salbadere. Heute morgen solle sie mal kommen, da sei es im Bonhoefferhaus streitbar, nachdenklich. Und man solle mir sagen, wenn das hier alles nur langweiliger Unsinn ist, den ich verzapfe. Das ist ziemlich starker Tobak, denn Eigenlob richtet sich am Ende gegen denjenigen, der sich selbst so sehr lobt. Selbstkritik hingegen kommt bei den meisten Leuten eher an. Entscheiden Sie selbst, ob ihr Pfarrer einfach nur selbstgefällig ist und die Worte der Journalistin beherzigen sollte, oder ob sie ihm zumindest für heute nicht einfach mal Recht geben!


Anders gesagt: Wird hier und jetzt in diesem Raum das Evangelium verkündigt, die gute Botschaft Gottes ausgerichtet – oder gibt‘s hier nur Plattitüden?
Letzten Endes verbirgt sich hinter ihrer Antwort auch die Frage, was Sie hier eigentlich wollen: 
•    Sind Sie hier hergekommen für eine gute Einmannshow, bei der auch Kirchenvorsteher ein wenig beteiligt werden und es etwas auf die Ohren von unserer Organistin gibt? 
•    Oder erwarten Sie in diesem Raum Ruhe und Meditation? 
•    Oder sind Sie hier, weil sie nicht so recht wissen, was sie mit dem Sonntag sonst anfangen sollen? 
•    Oder sind Sie hier, weil sie hier gerne Bekannte und Freunde treffen? 
•    Von allem ein bisschen? 
•    Oder sollten sie tatsächlich hier sein, weil sie die Nähe Gottes suchen und etwas über den christlichen Glauben erfahren wollen und eventuell sogar noch die hier aufgeschnappten Gedanken in ihr eigenes Weltbild integrieren möchten?
Sollten Sie zu den letzteren gehören und wirklich hier sein, um von Gott zu hören, dann sind sie in bester Gesellschaft (und dies ist auch meistens die Motivation, mit der ich hier rede). 
Letzterer Grund, die Nähe Gottes, ist nämlich tatsächlich die Frage, die Jesus seinen ersten Jünger stellt, als diese ihm (nach einem Hinweis Johannes des Täufers) begegnen. 
Er fragt sie: „Was sucht ihr?“ 
Und die Jünger antworten, für uns erst einmal seltsam zu verstehen: „Wir wollen wissen, wo du wohnst.“ 
Hinter der Antwort verbirgt sich ein ganzer Rattenschwanz von Aussagen, die letzten Endes darauf hin zielen, dass diese Jünger Gott suchen. Denn: Ein Jünger hält sich da auf, wo sein Rabbi wohnt. Er folgt ihm auf Schritt und Tritt und möchte von ihm lernen. Nun ist es aber so, dass in dem Text ziemlich schnell Jesus als der Messias, der Christus, der König von Israel und der Welt bestimmt wird. In dem Moment, wo die Jünger fragen, wo ihr Rabbi Jesus wohnen würde, bedeutet das auch noch, in Erfahrung zu bringen, was es mit Gott auf sich hat, wie man es anstellen kann, selber im Bereich Gottes zu wohnen bzw. zu leben, ob Gott jedem einzelnen Menschen nahe ist oder auch und gerade nicht.
Die Frage die Jesus stellt ist nichts anderes als die Frage, die ich Ihnen gerade gestellt habe: Was wollt ihr hier eigentlich? 
Und meine Frage an die Journalistin: Was erwarten Sie eigentlich in einem Gottesdienst, von einem Gottesdienst?
Anhand der Stelle im Johannesevangelium lässt sich ziemlich gut zeigen, dass die Wege der Verkündigung für verschiedene Menschen ganz unterschiedlich ausfallen müssen. Da haben wir als allererstes Johannes den Täufer, der aus seiner Propheten-Rolle heraus begreift, dass Jesus der angekündigte Messias ist. Für ihn reicht es, dass Jesus an ihm vorüber geht. Da sagt er dann den orakelhaften Satz: „Siehe das ist das Lamm Gottes.“ So mag es manchen Leuten auch ergehen, dass sie in vielleicht frühester Kindheit von diesem Jesus erfahren haben, ihn für ihr Leben akzeptiert haben und seitdem auf diese Art und Weise leben. 
Die erste Jünger-Berufung hingegen bedarf schon wieder einer anderen Form der Verkündigung: Zwei Jünger des Johannes werden von dem Täufer darauf aufmerksam gemacht, dass Jesus das Lamm Gottes sei – und erst auf diese Rede hin springen sie auf Jesus an. Gehen zu ihm, heften sich an seine Fersen. Sie brauchen im Vorfeld jemanden, der ihnen in der Sprache des Mythos weiterhilft. Johannes sagt nicht: „Das ist der Messias, dem folgt mal nach.“ Dieser Art klarer Rede scheinen die beiden Jünger nicht zu brauchen. Für sie ist die orakelhafte Sprache die geeignetere. Die Art der Verkündigung, die diese beiden Jünger bekommen, ist diejenige, welche manche Pfarrer auch heutzutage ganz gerne anwenden, wenn sie Gottes Geheimnis einfach stehen lassen und eben nicht alles erklären wollen. 
Wenn solche Sätze geraunt werden wie: „Gott ist immer der ganz andere.“ Oder auch: „Das können wir nur im Glauben erfahren und nicht wissen.“ Dann werden Menschen angesprochen, wie diese beiden ersten Jünger, Andreas und ein anderer, vielleicht bereits Simon Petrus. (So ganz klar ist das im Evangelium nicht, vermutlich wurde der Text später vom Evangelisten oder einem seiner Schüler verändert). Diese eher mythologische Herangehensweise an die Religion spricht freilich manche Menschen an, andere aber so gar nicht.
Und gleich passiert es auch, dass in unserem Predigttext Simon Petrus von seinem Bruder Andreas zu Jesus geschickt wird, nachdem er ihm ausgerichtet hat, dass sie den Messias gefunden hätten. Als Simon dann zu Jesus kommt, wird ihm von diesem sofort ein neuer Name verpasst: Petrus, Kephas, Fels, auf dem die Kirche gebaut werden soll.
Und wieder können wir den Vergleich ziehen: Ein Verwandter kümmert sich darum, dass dieser von Jesus erfährt. Und in dem Moment, wo er auf Jesus trifft, bekommt er gleich einen neuen Namen. Wir haben diesen Ruf in die Nachfolge in der Kirche im Vollzug des Sakrament der Taufe aufgenommen. Dort werden zwar keine Namen mehr vergeben (das macht das Standesamt ja heutzutage), aber der Name wird nach wie vor laut und deutlich genannt und so in Form eines Rituals der Mensch in den Bereich Gottes gestellt. Wie wird man also ein Jünger? Indem Gott den Menschen zu einem Jünger macht, aber sehr oft doch vermittelt durch Verwandtschaft! Wie verkündigt man aber der Verwandtschaft die gute Nachricht Gottes? Das kann doch nur in einfachen Worten geschehen. Ich denke dabei an die vielen Kinder, die wir taufen, die jungen Leute, die sich konfirmieren lassen: Für diese etwa akademische Lesungen zu halten wäre genauso verfehlt, wie Ihnen heute Morgen mit der Kinderbibel zu kommen. Je nachdem, wer angesprochen werden soll, muss in der Sprache angesprochen werden, die er oder sie verstehen kann, gegebenenfalls sogar mit Theater, mit Puppen oder mit einem Spiel im Gottesdienst – oder er wird die frohe Botschaft nicht verstehen. 
Freilich könnten wir uns überlegen, ob wir unsere Bonhoefferkirche mehr in eine spezielle Richtung ausrichten wollen. Vielleicht wäre es eine Idee, in Fulda die Kirchen nach Neigungen und Milieus zu unterteilen: Hier die Kirche, die mehr Familien anspricht, dort die Kirche, von der sich eher die Traditionalisten angesprochen fühlen, da eine Kirche für die Avantgarde, dann eine andere Kirche für die ganz abgehängten und sozial benachteiligten Leute. Und vielleicht dann noch eine Kirche für die normalen Menschen? Ich vermute, jede Kirchengemeinde würde diese Zielgruppe ansprechen wollen! Was also tun?
Zäsur
Aber es geht ja noch weiter! Mit der Nachfolge des Petrus ist die Geschichte ja noch nicht am Ende! Philippus ist der nächste Jünger, der gefunden wird. Er wird von Jesus direkt aufgesucht und zum Jünger gemacht. Er gehört übrigens zur Nachbarschaft des Andreas und Petrus. 
Hier findet sich der indirekte Aufruf versteckt, in seinem eigenen Umfeld die gute Nachricht weiterzugeben. Also nicht allein darauf zu setzen, dass der Pfarrer es schon macht in seiner Kirche und man da selber ja auch ganz gern am Sonntag hingeht, sondern zu begreifen, dass die Kirche nur dann wachsen und gedeihen kann, wenn sie von den Menschen für die Menschen gemacht und getragen wird.
Ein winziges Detail dieser Berufung soll dabei nicht unerwähnt gelassen werden: Jesus findet den Philippus direkt und macht ihn zum Jünger. Aber was tut Philippus dann? Er geht zu Nathanael und erzählt, er hätte Jesus gefunden. Er macht ziemlich große Worte gegenüber Nathanael, als wolle er damit zeigen, was er doch für ein toller Hecht ist, dass gerade er Jesus gefunden habe. Mich erinnert dieses fast schon ironische Detail an manche unserer Mit-Christen, die einen sehr großen Wert auf das eigene, persönliche Bekenntnis legen und immer wieder betonen müssen, dass sie selbst es ja sind, die Jesus im Herzen tragen. 
Solche Leute können nervig sein. 
In unserer Geschichte aber funktioniert es, und darauf kommt es an: Auch Nathanael wird zum Jünger gemacht, der dazu vom Philippus mit ziemlich vielen frommen Worten dazu gebracht wird. Aber erst nach gewissen Widerständen lenkt er ein: 
Nathanael wundert sich noch, was denn aus Nazareth Gutes kommen könnte. Und erst ein kleines Wunder Jesu – Jesus zeigt seine unglaubliche Allwissenheit – überzeugt Nathanael dann. 
Der Evangelist Johannes will damit zeigen, dass Gottes Wege undurchschaubar und überraschend sind. Ein wenig so, als würde ich Ihnen erzählen, der Messias würde aus Bernhards oder Dietershahn kommen: ein zutiefst seltsam anmutende Gedanke, aber ähnlich muss es Nathanael gegangen sein, als er das von Philippus gehört hat.
Also, was sucht ihr hier im Gottesdienst?
Und vor allen Dingen: Auf welchen Wegen findet ihr das, was ihr sucht?
Habt ihr denn schon gefunden, was ihr sucht?
Ist es irgendwie geschehen, geradezu mythisch, dass ihr zum Glauben gekommen seid, einfach dadurch, dass ihr euer Leben gelebt habt? 
Oder war es irgend ein Lehrer oder ein Pfarrer oder ein kluger Mann oder Frau, die euch auf diesen Weg gebracht hat? 
Oder waren‘s Verwandte, die Eltern oder Großeltern? Ein Patenonkel? War´s jemand aus der Nachbarschaft oder dem entfernteren Bekanntenkreis? 
Oder gehört ihr zu den wenigen glücklichen Auserwählten, die an ihrem eigenen Leib schon einmal ein echtes Wunder erlebt haben?
Wie auch immer ihre Antwort ausfällt, diese ganzen Bekehrungsgeschichten und Erlebnisse, diese Rufe Jesu in die Nachfolge, die die Damaligen genauso getroffen haben wie sie uns heute treffen, sind und bleiben unter einem tiefen Schleier verborgen. 
Jeder und jede hat seine eigene Biografie, was den eigenen Glauben betrifft. Und so ist auch im Johannesevangelium kein psychologisches Interesse erkennbar. Die jeweilige Motivation, warum nun genau nachgefolgt wird, bleibt vollkommen im Verborgenen. Es wird allein die Nachfolge selber herausgestellt.
Denn auf die kommt es im Christentum tatsächlich an.

Und nun könnte die Journalistin wiederkommen, von der ich am Anfang erzählt habe: Das sind doch alte Kamellen, die irgendwie vom Pfarrer mit der heutigen Zeit verbunden worden sind. Allein schon dieses Wort „Nachfolge“. Wer soll das denn verstehen, da ist noch gar nix verkündigt, schon gar nicht mit Leidenschaft, das ist salbadert.
Ich würde ihr antworten, dass ich‘s nicht besser kann! 
Und auch, dass der Text nicht allzu viel mehr hergibt. 
Als Pfarrer ist man nun mal an die Heilige Schrift gebunden und nicht unbedingt daran, was man selber gerade für besonders wichtig und interessant hält: Und heute Morgen ist die Nachfolge dran. Vielleicht ist es an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, inwiefern sie selbst in der Nachfolge lebt oder auch gerade nicht.
Und ich würde die Kritik dann doch irgendwie auch zurückgeben: Ich selber würde ihr die Frage stellen, was sie denn eigentlich will. Was ihr Interesse ist, wenn sie eine Kirche betritt. Ob sie in den Gottesdienst geht, um akademische Reden zu hören, oder erwartet, dass im wöchentlichen Rhythmus der Pfarrer immer wieder neue Gedanken entwirft, die alles, was bisher gedacht wurde, überflügeln? Oder ob sie vielleicht doch einfach nur kritisiert, um sich wichtig zu machen. Und nicht bereit ist, genau hinzuhören, das Gesagte auf sich wirken zu lassen und dann ins eigene Leben zu übertragen. 
Und von Seiten der Kirche darf es durchaus unterschiedlich geschehen: ganz anders, als es etwa der Bischof Algermissen in dieser Woche in der Fuldaer Zeitung behauptet hat: All die vielen Milieus und Gruppierungen, die es gibt, kann man doch nicht einfach unter einem einzigen Gottesdienst subsumieren! Was Jugendliche anspricht, spricht noch lange nicht Erwachsene an, spricht noch lange nicht Ältere an. Ein ländliches Milieu braucht einen anderen Zugang zum Evangelium als ein städtisches, im Seniorenheim sprichst du die Leute anders an als in der Hochschule.
Die Frage ist und bleibt doch, diejenige, die Jesus seinen ersten beiden Jüngern gestellt hat: 
Was sucht ihr eigentlich? Was wollt ihr eigentlich? 
Und erst wenn man diese Frage für sich und sein eigenes Leben beantwortet hat, erst dann kann man überhaupt den nächsten Schritt gehen, und das, was man sucht, bewusster auswählen und aufsuchen. Und, so Gott will, dabei merken, dass man von Christus längst gefunden worden ist, und zwar ganz ohne eigenes Suchen war er längst da.

Eine letzte verborgene Struktur des Predigttextes will ich ihnen nicht vorenthalten: 
An drei Stellen im Text fügt der Evangelist eine Übersetzung ein. Er übersetzt das Wort Rabbi mit Lehrer, das Wort Messias mit Christus, und das Wort Kephas mit Petrus, also Fels. 
Auch hier verbirgt sich eine Struktur der Bekehrung und der Nachfolge. Zunächst einmal wird Jesus von seiner Umgebung und zu Lebzeiten als Rabbi, als Lehrer wahrgenommen: Ein Rabbi ist einer, der große Weisheit mit sich bringt und einfach mehr Dinge weiß, als es andere Leute für gewöhnlich tun. Solange er aber als Rabbi, als Lehrer angesprochen wird, bleibt Jesus noch ganz Mensch und gehört im Denken des Jüngers noch nicht in die Sphäre Gottes. 
Erst im zweiten Schritt fällt einigen Jüngern auf, dass dieser Rabbi ja in Wahrheit der Messias ist, der Christus. Aus der reinen Nachfolge zu einem menschlichen Lehrer oder auch einem Guru, der ja eine religiöse Sondergemeinschaft der Juden angeführt hat, entsteht der Glaube daran, dass sich Gott selber bei Jesus gezeigt hat, ja Gott selber in Jesus anwesend ist. Aus dem reinen Rabbi wird der Messias. 
Und der Messias geht ganz schnell daran und gründet seine Kirche. Dies tut er, indem er Simon den neuen Namen „Kephas“ bzw. Petrus gibt. Petrus, der Fels. Die römisch-katholische Kirche baut ja bis heute ganz darauf dass der Papst in Rom der Fels ist, auf den Jesus seine Kirche gebaut hätte.
Was der Evangelist Johannes hiermit tut, ist uns mit dieser Struktur des Textes mehrere Wege in die Nachfolge zu ebnen: Man kann Christ werden darüber, dass man in Jesus einen besonderen Menschen erkennt. Dann kann man aber auch Christ werden, indem man ihn tatsächlich und gleich als den Christus, den Menschen gewordenen Sohn Gottes erkennt. Und zu guter Letzt führt der Weg über die Kirche selber, d.h. die Kirchengemeinde vor Ort. Also über all die vielen „Petrusse“, die wir hier bei uns haben: 
Klar, das sind die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die vielen Jugendreferenten und was es von Seiten der Kirche noch an hauptamtlichem Personal gibt. Aber es sind auch die vielen Praktikanten und Lektoren, die vielen Ehrenamtlichen, die diese Kirche mittragen und mitbestimmen. 
Und zu guter Letzt jeder getaufte Einzelne, der bei sich Zuhause die gute Nachricht etwa an seine Kinder oder Enkel weitergibt;  gegenüber der Nachbarschaft, Freunden und Bekannten offen und einladend ist und den Gottesdienst des Sonntages in die Woche hineinträgt, indem er oder sie die Nächstenliebe lebt. 
Das ist Nachfolge Jesu Christi. Hoffentlich ohne zu salbadern.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

4. Sonntag nach Trinitatis 2017: Vom Tragen der Schuld des Anderen (Gen 50,15-21)

Von Pfarrer Marvin Lange, Fulda

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
und die Liebe Gottes,
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

1. Einbettung in die Josefsgeschichte
Die Josefsgeschichte ist bei evangelischen Christen immer noch ziemlich bekannt und gehört zum gemeinsamen Wissen über das Alte Testament. Damit ihr rasch wieder hereinfindet, eine sehr kurze Zusammenfassung: 
Jakob hatte zwölf Söhne. Einer davon, Josef, wurde vom Vater am meisten geliebt, er bekam in vielen Dingen den Vorzug. An einem besonders hübschen Kleidungsstück entzündete sich ein großes Eifersuchtsdrama.


Die Brüder werden neidisch, schmeißen Josef in einen Brunnen und verkaufen ihn daraufhin an eine vorüberziehenden Sklaven-Karawane. Dem alten Vater Jakob erzählen sie, ein wildes Tier habe seinen Lieblingssohn Josef gefressen. Mit den Sklavenhändlern kommt Josef nach Ägypten, wo sie ihn ans Haus des Potifar verkaufen. Nach einigem Trubel (er wird sogar ins Gefängnis geworfen, weil die Frau des Potifar bezichtigt, sie vergewaltigt haben zu wollen) macht er eine Karriere am Hof des Pharao, wird dessen Traumdeuter und schließlich sogar der Vizekönig von Ägypten.

Viele Jahre später herrscht dann in Israel eine Hungersnot, sodass Josefs Brüder kommen, um beim Vize-Pharao Getreide einzukaufen. Die Brüder merken nicht, dass es Josef ist, der ihnen gegenüber sitzt. Doch Josef auf seinem Thron erkennt seine Brüder, erschreckt sie zunächst ein wenig, verzeiht ihnen dann aber alles und versöhnt sich mit ihnen. Für den alten Vater Jakob ist der tot geglaubte Sohn wieder lebendig. 
Und damit könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Ende gut, alles gut! 
Die Geschichte ist aber nicht zu Ende. Als Vater Jakob dann tatsächlich stirbt, haben die elf Brüder große Sorge, dass Josef sie nun für ihr Verhalten von früher bestrafen würde. 
Und genau da setzt unser heutiger Predigttext ein:  


2. Predigttext Gen 50,15-21
15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: „Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.“
16 Darum ließen sie ihm sagen: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:
17 ‚So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.‘  
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: „Siehe, wir sind deine Knechte.“
19 Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“ 
Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

3. Vergebung als ein „Tragen“ (afn) 
Das Familienoberhaupt gestorben, für orientalische Verhältnisse ist in dem Moment die Familie selbst bedroht. Die Brüder tischen Josef eine Geschichte auf: Der alte Vater soll noch auf dem Sterbebett gesagt haben, dass Josef seinen Brüdern verzeihen möge! Vielleicht hat das gesagt, vielleicht auch nicht: mir gefällt die Vorstellung besser, dass die Brüder sich besprechen, dass aus dem Testament des Vaters hervorgeht, dass Josef Gnade walten lassen solle. Wir wissen ja: die Geschichte geht gut aus. 
Josef weint sogar, als er seine Brüder vor ihm auf den Knien sieht. Und war es einige Kapitel vorher noch so, dass die Brüder auf die Knie gingen, weil man vor einem Vize-Pharao nun einmal auf die Knie geht und das Protokoll es so verlangt, so ist es nun der Tatsache geschuldet, dass sie vor ihm auf die Knie gehen, weil sie wissen, dass persönliche Schuld zwischen ihnen steht. Wenn Josef wollte, könnte er nun diese seine Familie auslöschen, die Brüder fort schicken, ja sie sogar töten lassen für ihre Vergehen – und weiterhin als Vizekönig regieren.
Aber Josef vergibt Ihnen!

Interessant ist in diesem Zusammenhang der hebräische Begriff der „Vergebung“. In unserer Sprache spielt bei dem Wort Vergebung eine ganze Reihe von Aspekten eine Rolle, die im hebräischen so nicht gegeben sind: Wir interpretieren das Wort „vergeben“ ganz schnell mit seinen christlichen oder alltagsethisch gefüllten Bedeutungen, die zwischen „Edelmut“, „Absolution“ oder auch „Schwamm drüber“ changieren. Die hebräische Wortbedeutung hingegen ist mehr ein „tragen“, „aufheben“. 
Also nicht: „Bitte vergib uns!“ Sondern vielmehr ein: „Bitte trage uns mit!“ Oder auch: „Bitte ertrage uns!“
„Die Last, die auf der Familie liegt durch das, was die Brüder Josef angetan haben, liegt einfach schwer! Sie kann auch nicht einfach so aus der Welt geschafft werden“, auch nicht durch irgendeine Form von Vergebung. “ (vgl. auch im Folgenden stets: GPM 65/3, S.328ff., hier: S. 332f.)
Die Wortwahl zielt auf ein  Einbeziehen der Schuld – und verwehrt den Gedanken an Vergessen oder sich nicht mehr mit den alten Geschichten belasten. 
Was die Brüder Josef angetan haben, ist einfach Teil der Sippengeschichte. Und diese Geschichte wird in der Zukunft, um die es jetzt geht,  nicht verschwiegen! 
Die Bitte an Josef geht dahin: Widerstehe der Versuchung, als einziger und als reiner Held aus diesen Geschichten herauszukommen! Bitte gib dich weiterhin mit deiner Verwandtschaft ab, die genügend schmutzige Wäsche gewaschen hat! Und ehrlich gesagt ist das eine heftige Zumutung. Indem er mit denen, die ihm übles wollten, Gemeinschaft hat, bleibt er nicht unberührt von dem Dreck, den sie am Stecken haben. 

Dieses Tragen der Schuld ist auch in dem Sinn zu verstehen, es auszuhalten, solche Brüder mit solcher Vergangenheit zu haben – und sich von ihnen trotz allem nicht zu distanzieren.

4. Die Mutter und ihre Tochter
Vergangene Woche rief mich eine Frau an, mittlerweile Oma eines Enkelkindes, dass hier im Bonhoefferhaus vor längerer Zeit getauft worden ist. Sie klagte mir, dass sie Kontakt zu ihrer erwachsenen Tochter wünschte – um des Enkelkindes willen. Ich als Pfarrer und Seelsorger solle da etwas vermitteln. Nun ist es immer ausgesprochen schwierig, in solche Familienkonstellationen einzugreifen. Wer weiß, weswegen sich die Tochter von der Mutter getrennt hatte? Wer weiß, was da alles innerfamiliär schief liegt. 
Wie auch immer, ich griff zum Hörer und rief die Tochter an. Ein langes Gespräch folgte, deren Ergebnis war, dass eine Versöhnung zwischen den beiden zur Zeit nicht möglich ist. Zu groß war die Schuld, die aus Sicht der Tochter ihre eigene Mutter auf sich geladen hatte. Auch um des Enkelkindes willen wolle sie keinesfalls einen Kontakt zu ihrer Mutter herstellen, auch nicht gemeinsam mit mir als ihrem Seelsorger.

Und wisst ihr was? Ich kann das total gut verstehen. Ich selbst habe mich in dem Moment ziemlich schlecht gefühlt: Habe mich zum Handlanger dieser Frau gemacht, die in der Vergangenheit wohl nicht gerade glänzend in ihrer Rolle als Mutter aufgefallen ist. Vielleicht. 
Wenn einmal etwas zerbrochen und kaputt ist, dann ist es eben nicht immer heilbar. Nicht alle Geschichten gehen so aus, wie in der Josefsgeschichte. Und es wäre völlig verfehlt, wenn ich euch nun predigen würde, dass diese Tochter dem Treffen mit ihrer Mutter und mir hätte zustimmen müssen. So wie in der Josefsgeschichte er sich gegenüber den Brüdern verhalten hat!Die Tochter muss sich der Mutter eben nicht so verhalten! 
Wir Menschen sind so. Und das kann man beklagen, aber ändern wird man die Menschheit deswegen nicht.

Vergeben kann die Frau ihrer Mutter nicht. Was sie aber damit tut, ist die Schuld, die diese auf das Familienleben gelegt hat, mit zu tragen. Aber eben nicht so, wie bei Josef (da ist dann auch mehr ein Ertragen und Verzeihen!). Durch diese Familie geht ein Riss, und alle die beteiligt sind, haben daran zu tragen. 

5. „Bin ich denn an Gottes Stelle?“
Kommen wir zu den beiden vielleicht wichtigsten Sätzen der Josefsgeschichte, ja vielleicht sogar des gesamten Buches Genesis. Josef spricht ihn aus als in die Brüder um Verzeihung bitten, auf den Knien liegend. 
Er sagt: „Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“

„Das ist nun – wenn auch in ganz weltlicher Sprache – konzentrierteste Theologie. Josef spricht zwei Sätze. In dem einen bestimmt er sein Verhältnis zu Gott, in dem anderen das Verhältnis seiner Brüder zu Gott. Bei dem ersten Satz („Bin ich denn an Gottes Stelle?“) muss man sich hüten, die verwunderte Frage im Sinn einer sehr allgemeinen frommen Wahrheit misszuverstehen, also einer demütigen ‚Nichtzuständigkeitserklärung‘, als habe nicht er in dieser Sache zu richten – sondern Gott. Das wäre für seine Brüder ein schlechter Trost, wenn Josef die ganze schwere Sache nur auf eine höhere Instanz abschieben wollte! (Also ich verzeihe nicht, aber vielleicht verzeiht euch ja Gott!). Josephs Meinung ist vielmehr die: Hier, in der wunderbaren Führung des Ganzen, hat ja Gott schon selbst gesprochen; er hat auch das Böse in sein Heilshandeln einbezogen und damit schon eine Rechtfertigung ausgesprochen. Würde Josef jetzt die Brüder verurteilen, so würde er einen eigenmächtigen Spruch neben den stellen, den Gott in den Ereignissen selbst schon ausgesprochen hat, und damit würde er sich „an die Stelle Gottes“ setzen. 

Der zweite Satz („Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“) berührt sich eng mit dem Wort Josephs, dass er schon beim Erkennen gesagt hatte, nur dass er das Rätsel des Ineinander von göttlichem Führen und menschlichem Handeln noch schärfer betont. Auch da, wo es kein Mensch mehr annehmen konnte, hat Gott alle Fäden in der Hand gehalten. Aber das wird nur behauptet, nicht erklärt; das „Wie“ dieses Ineinanderwirkens bleibt ganz Geheimnis. So stehen sich dieses „Ihr gedachtet“ und jenes andere „Gott gedachte“ letztlich doch sehr spröde gegenüber.“ (Von Rad, Die Josephsgeschichte, in: Biblische Studien 5, 1956, S. 20f.).

Anders gesagt: wir haben einerseits das böse Handeln des Menschen und andererseits das gute Handeln Gottes. Und dann die Frage: Wie fern oder wie nahe ist Gott uns denn eigentlich? Musste es so geschehen, dass Josef erst ein kleines Martyrium durchmacht, um dann Vizekönig zu werden, um dann seine Brüder doch nicht zu strafen, sondern ihre Schuld mitzutragen respektive zu vergeben? 

Das Ende der Josephsgeschichte klingt ganz danach, aber wir sollten uns davor hüten, in unserem Leben nach dem Motto zu verfahren: „‘Man sieht sich immer zweimal im Leben‘ oder auch  ‚Am Ende hat schon alles seinen Sinn‘.  Deswegen nimmt euch mal schön den Josef als Vorbild und dann wird die Welt gut.“
Beides stimmt einfach nicht. Manchmal sieht man sich eben nicht zweimal im Leben: Die Tochter vergibt der Mutter vielleicht niemals und hält den Kontakt nicht mehr. Kommt auch nicht zur Beerdigung, wie es mir neulich geschehen ist, als ich allein mit dem Bestatter am Sarg stand. Und am Ende hat auch nicht alles seinen Sinn. Wer das behauptet, macht es sich zu einfach und spuckt ohne es zu merken, den Opfern von Terror und Gewalt direkt ins Gesicht. Ich verzeihe den Idioten von Hamburg ihr zerstörerisches Werk nicht. Das kann ich nicht, weil ich nicht so barmherzig bin wie Gott es mit uns ist!

Doch ob Gott bei all unserem bösen Tun am Ende gut handelt, können wir immer nur von hinten her sehen, vom Schluss her. Jetzt, wenn uns etwas im Leben widerfährt, können wir eben nicht einfach so davon ausgehen, dass Gott es schon richten werde. Da sind wir selber zu aufgerufen! Wir selber sollen handeln! Und es geht dabei durchaus um den inneren Schweinehund, den man nur sehr schwer besiegen kann. Und das oft mit der Ausrede: Was kann ich einzelner schon machen?

6. Vom freien und vom unfreien Willen: Ein Tanz
„Im Gegensatz zu dem, was die meisten von uns gelernt haben, ist es eben nicht so, dass Gottes Wille unseren eigenen Willen einfach so überflügeln würde. Wenn‘s um den Willen Gottes geht und unseren Willen, dann sollte man sich das ganze vielleicht eher so vorstellen wie ein Tanz. Einen völlig mysteriösen Tanz, der sich zwischen unserer und Gottes Freiheit abspielt, zwischen Gottes Willen und unserem Willen. In diesem Tanz ist es nicht Gottes Angelegenheit, dass er dafür zu sorgen hätte, dass uns bloß keine bösen Dinge widerfahren. Schlimme Sachen passieren. Der Bruder schlägt den Bruder tot. Der Großvater schießt auf seinen Enkel.
Menschen werden gekauft oder sogar verkauft. Hungersnöte entvölkern ganze Landstriche, nach wie vor. Und es ist nicht Gottes Angelegenheit oder Job, uns vor diesen Dingen zu bewahren. Nein! Liebe Tauffamilien, das ist vielleicht etwas hart, das zu sagen, aber auch uns Christenmenschen schützt Gott nicht in dem Sinne, dass er uns vor dem Übel bewahrt!
Gottes Job, Gottes Wirken ist es, in all diesen Dingen präsent zu sein, in allem zu bleiben. Denn nur so bleibt er weiterhin Gott, der ganze Welten aus dem totalen Chaos erschafft, der das Wunder des Lebens aus dem Staub erhebt, der uns totale Sünder und mit unseren Leben nicht klarkommenden Leute nimmt und daraus etwas wunderbares erschafft. Das ist es doch, was Gott ausmacht.“ (aus dem Englischen übertragene Gedanken von Barbara Taylor in GPM 65/3, 333f.)

7. Josef in Christus
Kommen wir noch einmal zum Josef zurück. 
So, wie die Brüder den Josef bitten, so bitten Christinnen und Christen in jedem Gottesdienst ihren Herrn: Jesus Christus! Im Vaterunser kommt das vor: „vergib uns unsere Schuld“ und daraus erwächst ein großer Teil unserer Frömmigkeit. Wir bitten Christus: trage du doch unsere Schandtaten. Und so kann sich dann doch unsere Gemeinde der Sünder aus der Josephsgeschichte heraus auch die Ermahnung des Paulus aus dem Galater-Brief im sechsten Kapitel zu Herzen nehmen, wenn er schreibt: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“
Vergebung und Barmherzigkeit sind schöne Züge Gottes, aber ebenso schöne Züge des Menschen. 
Wo es uns möglich ist, so sollten wir danach unbedingt handeln. 
Und wo es uns nicht möglich ist, so dürfen wir es getrost unserem Herrn überlassen, es am Ende gut zu machen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn!

Predigt an Misericordias Domini 2016 zu Joh 21,1-19

Von Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl                                                            

VERLESUNG von Joh 21,1-19 nach rev. Lutherbibel

Liebe Gemeinde!
Aus mehreren Gründen wird dieses 21. Kapitel des Johannesevangeliums für einen Nachtrag des Evangeliums gehalten. Schliesslich hat das vorige Kapitel 20 einen ausgesprochenen Abschluss: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor Seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes…“ (20, 30f)


Auf der anderen Seite finden sich im darauffolgenden hier verlesenen Kapitel 21 so viele Anklänge und Bezüge zum Johannesevangelium, dass es als wirkliche und authentische Fortsetzung des Evangeliums verstanden werden kann. Es wird am Ende ja auch unter dieselbe Verfasserschaft gestellt : „Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“ (21,24) Und dieser Jünger wird im gesamten Evangelium nicht unter einem persönlichen Namen geführt, sondern als der „Jünger, den Jesus liebhatte“. Es handelt sich dabei wohl um Johannes, einen der Söhne des Zebedäus, neben seinem Bruder Jakobus.
Die Geschichte, die wir hier heute bedenken, zählt zu den vollgültigen Ostergeschichten des Neuen Testaments. Wir verstehen darunter alle die Geschichten, in denen der auferstandene Jesus den Seinen lebendig begegnet. 
In all diesen Berichten schafft der Auferstandene selbst und allein die Bedingungen der Begegnung mit ihm. Keine einzige Ostergeschichte wurde entsprechend von denen herbeigesehnt, denen der Auferstandene diese Begegnung gewährt.
Das sind auf der einen Seite Begegnungen in und um Jerusalem, auf der anderen Seite Begegnungen des Auferstandenen in Galiläa, wo Jeus Seine Jünger einst in die Nachfolge berufen hatte. Den Frauen am Grab war ja gesagt worden: „Geht aber hin und sagt Seinen Jüngern und Petrus, dass Er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr Ihn sehen, wie Er euch gesagt hat.“ (Mark.16,7)
Diese Ankündigung wird unter Anderem in unserer heutigen Predigtgeschichte eingelöst. Dabei erinnern manche Umstände und Einzelheiten an die Zeit des irdischen Jesus mit Seinen Jüngern . Es ist schliesslich auch für uns persönlich nicht egal, wo wir Jesus und Seinem Wort zuerst im Leben begegnet sind. Vielleicht war das in der Kirche, im Schul- oder Konfirmandenunterricht, möglicherweise auch im Abendgebet der Eltern oder Großeltern an unserem Bett.

Die heute gehörte Ostergeschichte beginnt mit dem Zusammensein von Sieben der Jünger am See Tiberias bzw. Genezareth: Simon Petrus, Thomas, Nathanael, die Söhne des Zebedäus Johannes und Jakobus und noch zwei Andere. Es handelt sich also um kein organisiertes Treffen oder eine Zusammenkunft des Zwölfer- bzw. Elferkreises , in dem etwa auf eine Begegnung mit dem Auferstandenen gewartet würde. Die Situation entspricht eher dem Alltag der Männer, die von Beruf Fischer gewesen waren. Dem gehen sie jetzt nach, und zwar wurde nachts gefischt. Aber in dieser Nacht fangen sie nichts. Schon das könnte sie an den Fischzug des Petrus zur Zeit des irdischen Jesus erinnern und damit an die Berufung des Simon zum Menschenfischer. (Lukas 5)
Wir hören weiter: „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wußten nicht, dass es Jesus war.“ – So war es vor ihnen schon Maria aus Magdala am Grab Jesu ergangen: „ Sie wandte sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.“ (Joh.20,14) – Der Auferstandene ist nicht einfach der wiederbelebte Jesus von Nazareth. Er ist der lebendige und bereits verherrlichte Sohn Gottes auf Seinem Weg zurück zum Vater. Als solcher wird Er erkannt an Seinem Wort und an den Zeichen, die Er tut und mit denen Er die Jünger an Seine irdische Zeit mit Ihm erinnert.
„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer.“ – Womöglich ist das auch für uns, die wir im Glauben zu Ihm gehören, unsere ewige Zukunft: dass an dem Morgen, auf denen keine Nacht mehr folgen wird, Er auf uns wartet, um uns von hier nach dort ins Leben zu bringen, das kein Ende mehr hat. 
Den Jüngern am See gibt Er den Auftrag, das Fischernetz zur rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Es kommt zu einem gewaltigen Fischfang. Sie konnten das Netz mit Fischen kaum ziehen. Da endlich erkennt Ihn der Lieblingsjünger und sagt zu Petrus: „Es ist der Herr!“ – Simon wirft sich vom Boot ins Wasser, um nur schnell genug bei Seinem Herrn zu sein. Will er am Ende wieder einmal der Erste und Wichtigste von allen sein?  – Davon wird zwischen Jesus und Petrus noch die Rede sein.
Die anderen Jünger kamen mit dem Boot und dem vollen Netz die etwa 100 Meter hinterher.
An Land wartet Jesus mit einer Mahlzeit aus Fisch und Brot auf sie, zubereitet auf einem Kohlenfeuer. Das griechische Wort für Kohlenfeuer – anthrakia , siehe das eingedeutschte Wort Anthrazit – begegnet im gesamten Neuen Testament nur an zwei Stellen: hier und im Hof des Hohenpriesters Kaiphas, wohin Simon Petrus dem gefangengenommenen Jesus gefolgt war und sich mit den Knechten daran wärmte. Während dieses Aufenthalts leugnete er allerdings dreimal, zu Jesus zu gehören. Wollte der Herr ihn nun mit dem Kohlenfeuer daran erinnern? – Das folgende Gespräch zwischen dem Herrn und Simon lässt darauf schliessen. Doch soweit ist es noch nicht.
Jesus gibt den Befehl, von den gefangenen Fischen zur Mahlzeit dazu zu holen.

„Simon zieht das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriß doch das Netz nicht.“ (V.11) Mit Sicherheit hatte die genaue Zahl der Fische 153 eine bestimmte Bedeutung, doch lässt sich für uns der genaue Sinn nicht mehr herausfinden. Möglicherweise steht die Zahl für die Anzahl der damals bekannten Völker, denen die Apostel das Evangelium predigen sollten. Dass das Netz nicht zerriß, mag man so deuten, dass die Einheit der Christenheit auf der Erde nicht zerreisst, solange sie in der Einheit in Jesus Christus verbunden bleibt.
Der Auferstandene hält die Mahlzeit mit den Seinen, und keiner muss mehr fragen , wer Er ist. Alle wissen es. Dass Er es ist, der diese Mahlzeit austeilt, macht Brot und Fisch zum Sakrament wie sonst Brot und Wein. Mehr als Seine Gegenwart ist an Heil nicht möglich. Sakrament, Mittel zum ewigen Heil, ist bereits jedes lebendige Wort, das Jesus Christus an uns richtet. Alles, was je Sakrament genannt werden darf, hat seinen einzigen Grund im Kreuz und in der Auferstehung Jesu am Ostermorgen.
Liebe Gemeinde! Das ewige Heil in Christus ruft in Seine Nachfolge, hier besonders dargestellt in der Berufung des Simon Petrus in den Dienst an der Herde und Gemeinde Jesu Christi.
„Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? –Er spricht zu Ihm: Ja, Herr, du weiß, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!“ (15)
Dasselbe fragt der Herr noch zweimal, und beim dritten Mal wird Petrus traurig:
„Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!“
Es mag sein, dass die dreifache Frage den Petrus an seine dreifache Verleugnung Jesu im Hof des Kaiphas erinnern soll, aber das muß nicht der einzige Sinn der Ernsthaftigkeit des Fragens Jesu sein. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Jesus Christus im menschlichen Sinn nachtragend ist. Jedenfalls weist der Neutestamentler Rudolf Bultmann in seinem grossen Johanneskommentar darauf hin, dass die urchristliche Überlieferung von einer Rehabilitierung des Petrus nirgendwo etwas weiss oder auch nur andeutet.
Die dreifache Frage Jesu an Seinen Jünger hat doch wohl eher mit der immensen Verantwortung des Simon Petrus für die frühe Gemeinde und Christenheit zu tun. Er vertraut ihm die geistliche Leitung dieser Schar der Glaubenden an. Das ist in erster Linie keine kirchliche Machtstellung , sondern in erster Linie Hingabe an diese Aufgabe und am Ende der Verlust von Leben und Gesundheit für Petrus. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte Er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als Er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“ (V.18f) 

– Noch einmal beruft Jesus den Petrus, Ihm nachzufolgen, und diesmal besteht 
kein Zweifel, dass diese Nachfolge am Ende sein Leben von ihm fordern wird. So wird er in seinem Dienst wie in seiner Leitung der Gemeinde ganz diesem auferstandenen Jesus Christus angehören. Dieser besondere Auftrag des Petrus wird dann auch mit seinem Tod enden. Es ist hier keine Rede davon, dass ein etwaiger Nachfolger des Petrus eine annähernd gleiche Berufung bekäme oder gar, dass hier von Jesus so etwas wie ein dauerndes Amt der Leitung ins Leben gerufen worden wäre.
Gleichwohl dürfen alle, die zu Jesus gehören wolle, die Frage des Herrn hier für sich persönlich hören: „Liebst du mich mehr als alle Andren?“ Oder in etwas kleinerer Münze: „Liebst du mich überhaupt?“ Bin ich dir wichtiger als viele Andere und vieles Andere? Hörst du aus allen Stimmen um dich herum meine Stimme heraus? Und bist du bereit, auf sie zu hören? Am Ende , selbst wenn du Nachteile dafür in Kauf nehmen musst? Oder gar, wenn es dich dein Leben kostet? „Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ (Joh.10)
In vielen Ländern und Gegenden dieser Welt ist Nachfolge Jesu nicht billiger zu haben als um den Preis von Leben, Freiheit und Gesundheit. Wie sicher können diese Jüngerinnen und Jünger Jesu unserer Unterstützung , unserer  Solidarität und unserer Fürbitte sein? 
Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir unsere Geschwister im Glauben noch nicht einmal hier bei uns in Deutschland schützen können, oder sie nicht vor Nachstellungen schützen wollen?
Da sagte ein aktueller evangelischer deutscher Kirchenführer doch allen Ernstes öffentlich, er würde sich ja für verfolgte Christen in Flüchtlingsheimen einsetzen, wenn er nur genau wissen könnte, wie repräsentativ solche Berichte seien. Das darf doch eigentlich gar nicht wahr sein!
Wie wollen und sollen wir 2017 in unserer Evangelischen Kirche ein grosses Reformations- und Lutherjubiläum feiern? Die Wiederentdeckung des Evangeliums von Gottes freier Gnade in Christus brachte Martin Luther in eine Lebensgefahr, der er sich bewusst stellen musste. Den Weg fauler Kompromisse als Weg zurück in den Schoss seiner Kirche lehnte er ab, nicht ohne Angst und nicht ohne Zittern und Zagen. Doch der lebendige Christus half ihm hindurch.
Jesu Frage an Petrus: „Hast du mich lieber, als mich diese haben?“ mag manches an Möglichkeiten in sich tragen, aber eine Aufforderung zu religiöser Toleranz oder zu so etwas wie political correctness ist diese Frage ganz sicher nicht. Die dreifache Frage Jesu: „Hast du mich lieb?“ ist auch keine Einladung an Seine Gemeinde, unsere Kirche als religiöse Gemischtwarenhandlung zu gestalten.
Dann feiern wir das Gedächtnis der Reformation doch lieber mit Barmen 1934, wo es im Bekenntnis der damaligen Synode in grosser Klarheit heisst: 
                                                                                                       

„Jesus Christus, wie Er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung ausser und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (These 1)

Jesu Frage an dich und mich nach unserer Liebe und Treue zu Ihm ist im Kern Seine Zusage wirklichen Lebens, eines Lebens in Seiner Gegenwart und an Seiner Hand. Darum vor allem geht es in der Botschaft von Ostern.
Amen.

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr 2016: Lutheralala (Röm 3,21-28)

Von Pfr. Marvin Lange, Fulda

PREDIGT ZU 3,21-28: LUTHERALALA am 13.11.2016 im Bonhoefferhaus zu Fulda


Gnade sei mit euch und Friede
Von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

1. Der Anlass: „Lutheralala“
Ein Dekan im Süddeutschen hat am vergangenen Reformationstag zur Predigt Ayman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime, eingeladen. Er begründete das unter anderem damit, dass er zum Reformationstag nicht schon wieder diese ganzen „Lutheralala“ machen wolle.


Die Frage, ob man einen Muslim zum Predigen einladen sollte, noch dazu am Reformationstag, möge jeder für sich beantworten. Ich selber hätte keine Probleme damit.
Schwierig wird es jedoch, wenn es lauter „Lutheralala“ waren, die der Dekan in der Vergangenheit zum Reformationstag gehört hätte.
Und, wenn dem so war, er als kirchenleitendes Organ nicht eigenständig dagegen vorgegangen ist.

Ja, es wird auch Luther kommerzialisiert. Ja, es gibt sie: Die Luther-Bonbons, die Luther-Playmobilfiguren, die Lutherkekse. Und ich mache da nur zu gerne mit… Und nun auch die Lutherbibel in neuer Übersetzung. Die Zeitungen waren in der letzten Woche voll mit guten und schlechten Artikeln über den Reformator und sein Werk. 
Ja, es wird auch in unseren Kirchen mit Luther eine ganze Menge Unsinn angestellt. „Lutheralala“ eben, wenn ich höre oder lese, wofür der alte Luther alles herhalten muss. Und wer bis heute kein Buch über Luther geschrieben hat, braucht es wohl in den nächsten 500 Jahren nicht mehr tun. 

Genug gespottet für diesen Morgen: Ich möchte dieses Reformationsjubiläum freudig begehen. Und die „Lutheralala“ gern mit einbeziehen in die großartige Feier, die wir seit Montag ein ganzes Jahr lang vor uns haben. 
Ich nehme nicht nur in unserem Land, sondern auch in unserer Bonhoeffer-Gemeinde einen großen Graben war zwischen dem, was man tatsächlich über Luther weiß – und dem, was man meint über ihn zu wissen. Also: Wissen und Vermuten liegen weit auseinander, und ich möchte den heutigen Sonntag nach dem Reformationstag dazu nutzen, ein paar „Lutheralala“ zum Besten zu geben, die Euch für Euer Leben zu wissen lohnen. Denn auch wenn es in der Religion um Glauben geht: Evangelisches Christentum ist eine Religion, in der man nicht nur Bescheid wissen darf, sondern durchaus sollte.

Anhand des heutigen Predigtextes möchte ich euch einführen in die Grundlagen reformatorischer Theologie: Der Apostel Paulus, insbesondere der Römerbrief, hatte es dem Reformator ja besonders angetan, denn aus ihm entnahm er in erster Linie seine reformatorischen Erkenntnisse. Hört also Röm 3,21-28!
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden
26 in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Eigentlich ist jetzt alles gesagt. Aber bemühen wir doch die reformatorische Theologie, um uns den Abschnitt noch einmal auslegen zu lassen!

2. Die vier Exklusivpartikel
2.1. Die Sola Gratia – allein aus Gnade
„Gnade – was ist das denn?“, fragte ich am Donnerstagmorgen die Schulkinder im Reformationsgottesdienst der Geschwister-Scholl-Schule. Und ich bekam eine ziemlich gute Antwort: „Wenn man jemandem etwas Gutes tut, der das gar nicht verdient hat.“ Prima geantwortet! Und jetzt haben wir die Worte des Paulus: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten.“

Wenn wir von Gott reden und wir von ihm etwas empfangen, so ist das unverdient. Gott tut uns etwas Gutes, obwohl wir das gar nicht verdient haben. Die Reformatoren machten daraus den ersten der Exklusiv-Partikel evangelischen Christentums: Sola gratia – allein aus Gnade! …werdet ihr gerettet, müssen wir ergänzen. Oder, für meine Schüler am Donnerstag auf die Frage: „Wie kommen wir in den Himmel?“ Antwort: „Aus Gnade. Unverdient. Einfach so. Weil Gott uns trotzdem so nimmt, wie wir sind.“ Dafür steht die Taufe. Insbesondere die Kindertaufe, wie sie die kleine Hanne gerade bekommen hat. Verdient hat die sich noch gar nix. Alles, was ihr getan wird, ist lauter Gnade. 

2.2. Allein aus Glaube
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. „Sola fide – allein aus Glaube“ ist der zweite der Exklusivpartikel von uns Protestanten, den es zu wissen lohnt. Und jetzt könnten wir herrlich streiten, was Glauben alles für Bedeutungen hat. „Glauben ist Nichtwissen“, erklären mir die Besserwisser. „Glauben ist ein Für-Wahr-Halten“, sagen die Philosophen. „Glauben ist eine Beziehung“, sagen die evangelischen Theologen.

Glauben als Beziehung?! Ich zeichne es Euch mal an, was aus evangelischer Sicht der Glaube ist.

FLIPCHART Skizze Gott- Mensch – Beziehung Kreis drum.



Das alles ist der Glaube. Es ist nicht ein: „Ich denke schon, dass es Gott gibt.“ Und auch nicht ein: „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich vermute es.“ Und es schrammt auch nur ein den Glauben als eine eigene Tat zu verstehen. 
Glaube in evangelischem Sinne geht darüber weit hinaus. Es ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Überlegt doch mal: Würdet ihr beim Wort Liebe sagen, dass es bloß bedeutet, dass ich jemanden liebe? Oder dass ich vermute, dass mich mein Partner liebt? Da geht es ebenfalls um das gesamte Beziehungsgeschehen mit allen Facetten – und das nennen wir Liebe. Und analog dazu unser Glaube! Glaube ist die Beziehung Gottes zu den Menschen – und umgekehrt.

„Wie komme ich in den Himmel?“ war die Frage an die Schüler – klar, allein aus Glauben.

2.3. Allein Christus
Wie komme ich aber dazu, das so zu sagen. Wer garantiert mir denn, dass Gott mir gegenüber es sich nicht anders überlegt, er zu mir also vielleicht nicht gnädig ist? Der allmächtige Gott ist, schaut euch mal das Alte Testament an, doch etwas launisch. Da kommen wir dann zur dritten Exklusivpartikel: „Solus Christus – allein Christus.“ Der ist der Garant dafür, dass der Rest ebenfalls stimmt. „Durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist“, heißt das in unserem Predigttext. In heutigem Deutsch vielleicht so erklärt: Gott ist Mensch geworden und hat sich für uns geopfert. Zum einen, weil er uns liebt, aber auch um uns zu zeigen, was das heißt: Menschsein. Nämlich: Voll Leben und Tatendrang. Aber auch bereit, den Weg zum Kreuz zu gehen. Wegen dieser Konsequenz der Liebe sind diese fünf frisch getauften Iraner übrigens nach Deutschland geflohen. Kompromisslos zu sagen: Ich glaube an den, der die Religion der Liebe brachte: Jesus Christus – und dafür mit der Konsequenz leben zu müssen, dass, wenn ich abgeschoben werden sollten, im Iran dafür hingerichtet werde (oder als Frau: Lebenslänglich ins Gefängnis zu gehen).

Das bedeutet aber zugleich auch den Abschied vom Wohlfühlchristentum der letzten 50 Jahre! Es bedeutet: Von Gott zu reden reicht nicht. Das Wort „Gott“ haben doch alle anderen Religionen auch. Das Christentum hat die Besonderheit, dass Gott Mensch wurde. Das Christentum hat Christus.

Weswegen ich mittlerweile zunehmend allergisch reagiere auf so gut gemeinte Sätze wie: „Wir glauben doch alle an einen Gott.“ Oder auch: „Am Ende beten alle Religionen zu demselben Gott.“
Ja, mag sein, aber welcher der vielen Götter, die angeblich alle der gleiche sind, ist denn gemeint?! Das ist hier das Entscheidende. Und dass es schon große Unterschiede zwischen dem Gottesbild eines Jesus, Moses oder Mohammed gibt, dürfte mittlerweile wieder zum Allgemeingut des religiösen Wissens gehören.

Ja, wir religiösen oder spirituellen Menschen glauben alle an einen Gott oder eine Kraft oder eine Transzendenz. Aber wenn dieser Gott nicht derjenige ist, der sich in Jesus Christus gezeigt hat, der sich hat für uns kreuzigen lassen und der dann auferstand, dann gehe ich mittlerweile auf freundliche Distanz. Ich will schließlich keine fremden Götter anbeten – auch nicht aus dem guten Willen, dass man Unterschiede verdeckt um des lieben Friedens willen!

2.4. Allein die Schrift
Kommen wir zum vierten Exklusivpartikel christlichen Glaubens. Das evangelische Schriftprinzip: „Sola scriptura – allein die Schrift!“

Allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die kirchliche Tradition. Und auch nicht der Zeitgeist. Und nicht die Meinung einzelner oder größerer Gruppen.
Es ist tatsächlich dieses alte Buch, die Bibel, die für Evangelische nicht nur die Richtschnur, sondern die in Glaubensdingen tatsächlich alles ist. Ich behaupte: Das Schriftprinzip geht der evangelischen Christenheit in Deutschland gerade verloren. Dabei ist es die Klammer, die die anderen drei Punkte zusammenhält. Ja woher soll man denn wissen, dass es um Gnade, Glaube und Christus geht? Das erlebe und erfahre ich doch nicht im Wald, in dem angeblich auch so gut gebetet werden kann. Heilige Orte müssen unsere Wälder mittlerweile sein, wenn sich dort derartig hoher Glaube niederschlägt wie ich es so oft höre: „Zum Beten brauche ich nicht in die Kirche gehen. Beten kann ich auch im Wald.“
Wisst ihr was? Das stimmt! Wir können auch im Wald beten. Aber Hören auf Gottes Wort – das können wir da nicht. Da werdet ihr weder die Gnade und Liebe Gottes zugesagt bekommen noch eine Ansage, dass euer Leben so, wie ihr es führt, eben nicht völlig in Ordnung ist. Das erfährt man dann eben doch nur im privaten Studium der Bibel oder beim Hören auf die Auslegung im Gottesdienst – und beides geschieht gewöhnlich nicht in Wald und Flur, sondern in Haus und Kirche. 

„Allein die Schrift“ kann ab sofort und ganz einfach wieder neu ins Bewusstsein rücken. Die neue Luther-Übersetzung versucht, verschiedenen Übersetzungsansprüchen gerecht zu werden:
1. Sie versucht genau zu sein. 
Die Treue gegenüber dem Ausgangstext ist das zentrale Anliegen der Revision. 
So wurde die gesamte Bibel anhand der hebräischen und griechischen Urtexte überprüft. Nicht zuletzt die Funde von Qumran haben im 20. Jahrhundert die Erkenntnisse der biblischen Textforschung erheblich vorangebracht. 

2. Sie versucht verständlich zu sein. 
Sprache unterliegt einer ständigen Entwicklung. So haben im Lauf der letzten Jahrzehnte einzelne Begriffe ihre Bedeutung gewandelt oder sind aus dem allgemeinen Wortschatz verschwunden. So ist etwa die „Wehmutter“ rausgeflogen und von der „Hebamme“ ersetzt worden.

3. Sie versucht, der Luthersprache wieder mehr Gewicht zu verleihen:
Die kernige Sprache des Reformators soll wieder mehr herausgehoben werden. An Stellen, wo es möglich war, hat man sich wieder an der Lutherbibel von 1545 orientiert. Ein Beispiel:
Lutherbibel 1984: 
„Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“

Lutherbibel 2017:
„Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“ 

Es sind 44% aller Verse verändert worden, die meisten allerdings in den apokryphen Schriften. Und um den Leuten das Lesen schmackhaft zu machen, hat die Deutsche Bibel-Gesellschaft nicht allein einige hübsche Ausgaben veröffentlicht, sondern auch eine Bibel-App, die ein Jahr lang kostenlos zu haben ist. Ich hab es ausprobiert: Auf dem Tablet liest sie sich wesentlich angenehmer als auf Papier – und es gibt mehrere Lesepläne, mit denen man binnen eines Jahres einmal in sinnvoll aufeinander abgestimmten Schritten die ganze Bibel durchlesen kann. Also: Wenn es um Glaubensdinge geht, sollte man als mündiger Christ selbständig in der Bibel nicht nur lesen können, sondern dies auch tun. Allein, damit ihr so Leute wie mich immer wieder neu prüfen könnt.
Allein aus Gnade.
Allein aus Glauben.
Allein durch Christus.
Alles allein nachzulesen in der Schrift.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Luther und die Wirtschaft (Apg 2,42-47)

Von Pfr. Stefan Remmert, Hünfeld

Liebe Gemeinde!
Geld regiert die Welt, so heißt es. Vielleicht regiert nicht Geld die Welt, zumindestens vertrauen wir Christen darauf, dass Gott die Welt regiert, aber es bestimmt unser Leben. Das Bett, in dem sie geschlafen haben, das Frühstück, dass sie heute morgen zu sich genommen haben, die Kleidung, die sie angezogen haben, die Schuhe, in denen sie zum Gottesdienst gelaufen sind, haben sie mit Geld bezahlt, dass sie oder ein anderer erarbeitet hat.


Ohne Arbeit, so kann man sagen, können wir in unserer Gesellschaft nicht leben. Ohne Arbeit verdienen wir kein Geld. Und ohne Geld können wir unseren Lebensunterhalt nicht bestreiten.
Ob jemand Arbeit findet, hängt davon ab, ob ein anderer dafür bereit ist, Geld für seine Dienstleistung oder sein Gewerk auszugeben oder nicht. Nur wenn ich Waren oder Dienstleistungen anbiete, die von anderen benötigt oder gekauft werden, verdiene ich Geld. Dabei geht es nicht darum, ob diese an sich sinnvoll sind. So wird jeder sagen, dass eine gute Pflege bei Krankheit oder Alter sinnvoll und wünschenswert ist, aber trotzdem geben die Menschen mehr Geld für ihren Konsum wie Handys, Computer, Autos etc. aus und sind bereit mehr dafür zu zahlen als für die wohl wichtigere Krankenversicherung.
Ich verdiene also nur dann Geld, wenn ich jemanden finde, der mich für meine Tätigkeit bezahlt. Ansonsten verdiene ich nichts und kann meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Ein Unternehmen, das auf dem Markt nichts verkauft, geht in den Konkurs. Gründe dafür können sein, dass die hergestellten Produkte nicht gekauft werden, weil sie zu teuer sind oder nicht benötigt werden. Und ob ein Produkt oder eine Dienstleistung benötigt wird entscheidet der Käufer bzw. Konsument.
Ein Beispiel. Jeder von uns isst Brot. Gibt es zwei Bäckereien an einem Ort, so entscheidet jeder von uns, bei welcher er sein Brot kauft. Kauft er bei Bäcker A, verdient Bäcker B kein Geld und seine Bäckerei wird nicht überleben. Konkret bedeutet das, dass wir mit jedem Euro, den wir ausgeben, eine Entscheidung treffen, und zwar die, welche Produkte und Dienstleistungen es geben soll und zu welchem Preis – die von uns nicht beachteten Anbieter werden vom Markt verschwinden; drastisch ausgedrückt: sei bestehen den Überlebenskampf nicht und sterben.
Nun kann man weiter fragen, welcher Preis für eine Dienstleistung oder ein Produkt fair ist, welche Gehälter gerecht sind, woran sich an Gehalt messen lassen soll usw.
Es wird also kompliziert. Gleichzeitig sind wir in diesem System des Wirtschaftens eingebunden. Wir können diesem System nicht entrinnen. Man kann sagen, dass wir in diesem System leben und weben. Die Frage ist, wie wir in diesem System leben wollen, ob wir es verändern wollen oder nicht.
Dazu zwei Beobachtungen, eine biblische und eine persönliche.
Zunächst die biblische.
Lukas stellt in seiner Apostelgeschichte im zweiten Kapitel das Idealbild einer christlichen Gemeinde dar. So schreibt er über die Jerusalemer Gemeinde (Apostelgeschichte 2,42 – Zürcher 2007)
42 Sie – die Christen in Jerusalem – aber hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und am Gebet.
43 Und Furcht erfasste alle: Viele Zeichen und Wunder geschahen durch die Apostel. 
44 Alle Glaubenden aber hielten zusammen und hatten alles gemeinsam; 
45 Güter und Besitz verkauften sie und gaben von dem Erlös jedem so viel, wie er nötig hatte. 
46 Einträchtig hielten sie sich Tag für Tag im Tempel auf und brachen das Brot in ihren Häusern; sie assen und tranken in ungetrübter Freude und mit lauterem Herzen, 
47 priesen Gott und standen in der Gunst des ganzen Volkes. Der Herr aber führte ihrem Kreis Tag für Tag neue zu, die gerettet werden sollten.
In Predigten und Auslegungen wird meist die Einheit der Christen in der Lehre, im Feiern des Gottesdienstes und im Abendmahl betont. Das ist richtig. Lukas schreibt aber auch, dass die Jerusalemer Christen gemeinsam lebten und, was für die meisten von uns fremd ist, dass sie ihren Besitz miteinander teilten. Die Reichen verkauften ihre Güter und die Armen profitierten davon, und, so kann man Lukas verstehen, alle verfügten über dasselbe Einkommen. Das ist eine Provokation, schließlich hat jeder von uns andere Bedürfnisse, der eine spielt Fußball und braucht Fußballschuhe, die andere spielt Volleyball und braucht deshalb eine andere Ausrüstung; beide Ausrüstungen, so darf man annehmen, sind vom Preis her unterschiedlich. Die Provokation besteht auch darin, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten haben und Unterschiedliches leisten können und wollen. Dem einen fällt eine Arbeit leicht, dem andern fällt dieselbe Arbeit schwer, die eine will viel arbeiten, der andere wenig. Wir Menschen sind unterschiedlich, so dass ein gemeinsames und für alle gleiches Einkommen schon provoziert.
Nun die zweite persönliche Beobachtung.
In meinem Studium, ich komme aus der westfälischen Landeskirche, mussten die Studierenden ein Industriepraktikum über 6 Wochen machen, davon zwei Wochen Theorie und vier Wochen in einem Betrieb arbeiten. Es standen verschiedene Betriebe zur Auswahl, unter anderem auch das Stahlwerk Hoesch, das es heute nicht mehr gibt. Und Stahlwerk kann bedeutet: Hochofen. Das ist eine richtig schwere und harte Arbeit, und es wird rund um die Uhr gearbeitet. Dafür war der Lohn auch dem entsprechend höher als in den anderen Betrieben. Der Vorschlag der Mehrheit der Studierenden war, das gesamte verdiente Geld zusammen zu legen und es dann auf alle zu verteilen, so dass jeder denselben Betrag am Ende des Praktikums erhält. Das Problem war nur, dass keiner zu Hoesch wollte. Das Geld wollte jeder haben, die Arbeit nicht.
Schließlich fanden sich zwei, den Job übernahmen, darunter auch ich. Das Geld wurde dann doch nicht geteilt, weil von Solidarität nichts zu spüren war.
Was ich daraus gelernt habe, ist Folgendes: Es ist leicht, ideale Bedingungen einzufordern, aber schwer, sie selbst zu leben, auch bei denen, die anderen vorschreiben wollen, wie sie christlich zu leben haben. Und: Geld und Christenmenschen das ist schon eine interessante und spannungsreiche Beziehung. Die meisten Christenmenschen blenden das Thema Geld und Wirtschaften völlig aus, dabei „leben und weben“ wir in einem System, in dem Geld für das tägliche Leben eine bedeutende und bestimmende Rolle spielt.
Auch die Reformation hätte ohne das Geld der Städte und Fürstenhäuser nicht zur bestimmenden Interpretation des christlichen Glaubens werden können. Denken sie nur an die reformatorischen Pfarrer, die von den Städten und Fürsten bezahlt wurden.
Mit diesen Gedanken wende ich mich nun einem Text Martin Luthers zu, den er 1524 geschrieben hat „Von Kaufshandlung und Wucher“. Das ist Luthers bedeutendste Wirtschaftsethische Schrift, neben den beiden Sermonen „Kleiner Sermon vom Wucher“ von 1519 und „Großer Sermon vom Wucher“ von 1520. 
Luther hatte bei seinen Ausführungen die Handelsstadt Leipzig vor Augen, die sich zu einem Wirtschaftszentrum entwickelt hatte. Bei der Darstellung der Gedanken Luthers, dürfen wir nicht vergessen, dass er nicht im wirtschaftsliberalen Kapitalismus lebte, sondern im Merkantilismus. Das bedeutet, Waren wurden gegen Geld getauscht, Geld war ein reines Tauschmittel. Ein Gegenstand hatte einen bestimmten Preis, für den man das entsprechende Geld zahlte. Eine Finanzwirtschaft, wo Geld mit Geld verdient wird, wie bei uns an der Börse, durch Immobilien etc. kannte Martin Luther nicht. In Leipzig wurden Waren ausgetauscht. Auf dem Markt wurde der Bedarf der Bewohner für das Leben gedeckt. Eine Spekulation mit Waren und mit Geld gab es damals so noch nicht. Man kann auch von einer Kreislaufwirtschaft sprechen, weil die Ware gegen Geld getauscht wurde, das wiederum für eine andere Ware ausgegeben wurde. Geld an sich wurde nicht gehortet.
Dieser Wirtschaftskreislauf war für Luther unproblematisch. Erst als sich Waren und damit Kapital anhäuften und sich Monopole zu bilden begannen, sah er eine Gefahr, weil solche Kapitalansammlungen das Gemeinwohl gefährden. Man kann daher sagen, dass Luther das Geld als Zirkulationsmittel bejaht, es aber dessen Verselbständigung zum Kapital ablehnt. (Hans-Jürgen Priem) Das Neue war nun, dass man Geld kaufen kann. Geld kann man kaufen, indem man Kredite vergibt. Der Kreditnehmer kauft Geld, einen Kredit, und muss dafür einen entsprechenden Zins zahlen. Dieses Modell des „Geldkaufens“ ist uns allen bekannt.
Schon vor seiner großen Schrift „Vom Kaufhandel und Wucher“ kritisierte er die Geldwirtschaft in drei Punkten. Erstens, Zinsen widersprechen dem Wort Gottes. Leihen, so Luther, bedeutet eben nicht „Geld kaufen“ und dafür Zinsen nehmen. Zweitens widersprechen Zinsen dem natürlichen Sittengesetz. Oder haben wir jemals in der Natur gesehen, dass dort Zinsen erhoben werden. Man leiht sich etwas und gibt es dann zurück, so die natürliche und biblische Ordnung. Drittens soll Geld und der Besitz im Dienst der Nächstenliebe stehen. Wo das nicht geschieht, werden Geld und Besitz korrumpiert.
Diese Kritik hält Luther auch in seiner wirtschaftsethischen Hauptschrift bei. Darüber hinaus kritisiert er den beginnenden Auslandshandel, weil er keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen würde, sondern nur dazu dient, das eigene Ansehen zu erhöhen. Geld darf eben nach Luther nur zum eigenen Leben und zum Nutzen für den Nächsten ausgegeben werden.
Dazu ein ausführliches Zitat: 
„Es sollt nicht so heißen: Ich mag meine Ware so teur geben, als ich kann oder will; sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich soll, oder, als recht und billig ist. Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen, ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der niemand verbunden wäre. Sondern weil solches dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es durch solch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, daß du es ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten übst. Und du sollst vielmehr acht haben darauf, wie du ihm nicht Schaden tust, als wie du Gewinn davon trügest. Ja, wo sind solche Kaufleute? Wie sollt der Kaufleute so wenig werden, und der Kaufhandel abnehmen, wo sie dies böse Recht bessern und auf christliche, billige Weise bringen würden!“ (Martin Luther, Von Kaufhandlung und Wucher 1524 in: Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Herausgegeben von Kurt Aland, Band 7, 266)
Luther sieht den Handel als eine wohltätige Tat, die dem Nächsten als Käufer ebenso dient wie dem Verkäufer. Der Handel ist nach Luther ein Ausdruck der Liebe, die dem Nächsten ein gutes, vielleicht sogar ein besseres Leben ermöglicht. 
Nun muss der Verkäufer selbst ja auch leben. Wie entsteht nach Luther nun ein fairer und gerechter Preis für eine Ware oder Dienstleistung? 
Luther gibt dem Leser seiner Schrift drei Kategorien an die Hand, mit deren Hilfe er eine ethische Entscheidung für seine Waren und Dienstleistungen treffen kann.
Erstens, das Beste und sicherste wäre es, wenn die Preise öffentlich festgelegt würden. Hierzu sollte die Obrigkeit, d.h. der Staat verständige, redliche Leute einsetzen – also Sachverständige, die Maß und Grenze der Preise festlegen, damit Kaufleute und Verkäufer und Anbieter von Dienstleistungen einen angemessenen Lebensunterhalt haben.
Zweitens. Wenn es keine solche staatliche Ordnung gibt, so rät er, sich am landesüblichen Preis zu orientieren. Luther im Original: „Man lasse die Ware das gelten, wie sie auf dem allgemeinen Markt gegeben und genommen, bzw. wie es landesüblich ist, sie zu geben und zu nehmen“.
Drittens. Wenn es weder eine gesetzlich bindende Regelung, noch eine allgemein übliche Norm für die Preisbildung gibt, muss der Kaufmann selbst einen Preis festsetzen. Er soll sich dabei an seinem angemessenen Unterhalt orientieren und die Kosten, die Arbeit und das Risiko berechnen, was er für die Zurverfügungstellung der Ware oder Dienstleistung benötigt. Als Ursprungsmaß soll der Verdienst eines gewöhnlichen Arbeitnehmers zugrunde gelegt werden. Dabei gilt, dass der Kaufmann seine Arbeit und seinen Zeitaufwand derart in die Preise einrechnen kann, dass er entsprechend seiner Arbeit und Gefahr einen größeren und höheren Lohn erzielen darf. Evangelisch ist es, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Unwissentlich und ungewollt ein wenig zu viel nehmen, ist insofern tolerierbar, als dass das Leben nicht ohne Sünde ist. Wenn der Kaufmann nach bestem Wissen handelt, soll er sein Gewissen nicht beschweren. Dabei geht es natürlich nicht um eine grundsätzliche Freigabe und Willkür, sondern um eine Entlastung eines bewusst christlichen Kaufmanns, Händlers oder Dienstleisters, und gleichzeitig auch um die Sicherstellung der Handlungsfähigkeit, die verloren ginge, wenn jeweils der genaue Preis bestimmt werden müsste. 
Was ist an dieser Haltung christlich? Christlich ist es erstens, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, sie im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Christlich ist es zweitens, sich an das Übliche zu halten, d.h. die Gewissen anderer nicht durch allzu große Ferne von gegebenen Bedingungen zu beschweren. Nichts liegt Luther ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Christlich ist es also drittens, den Einzelnen auf sein Gewissen hin anzusprechen und ihn in der Gewissensfreiheit, die das Evangelium bewirkt, zu schulen.
Was Luther in seinen Schriften darlegt, ist keine Wirtschaftsethik, sondern er gibt dem einzelnen wirtschaftlich handelnden Menschen einen Maßstab an die Hand, damit er im Gespräch mit dem Evangelium in seiner einzigartigen Situation die jeweilige wirtschaftliche Situation beurteilt und so eine selbständige und entscheidungsfähige Person wird, die ihr Geschäft zum Nutzen für den Nächsten ausübt. Es ist nach Luther der einzelne Christenmensch, der in seiner einzigartigen Lebens- und Wirtschaftssituation für sich im Gespräch mit Gott, mit anderen Christen und der Bibel für sich einen Maßstab seines wirtschaftlichen Handelns nach dem Kriterium „Was nützt es dem Nächsten?“ entwickeln muss. Freiheit und Verantwortung sind nach Luther in Übereinstimmung mit der Bibel der Rahmen, indem sich der Christenmensch zu bewegen hat. Freiheit, die Gott dem Menschen aus Gnade geschenkt hat, Verantwortung vor Gott, die sich in der Freiheit der Liebe realisiert. Das Handeln in Freiheit und Verantwortung geschieht nach Martin Luther so, dass man in allem Tun und Lassen Gott vertraut. So formuliert er im „Großen Katechismus“ von 1529 zum Glauben, den er an Hand des Ersten Gebotes „Du sollst nicht andere Götter haben“ bestimmt: „Das ist: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist das gesagt, und wie versteht mans? Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist., da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“
Gott ist nach Luther als das, woran der Mensch sein Herz hängt, auf den oder das er sich in seinem Leben und Sterben wirklich verlässt. Zu diesen Götter, auf die sich Menschen verlassen, gehört eben auch das Geld, der Mammon. So schreibt er weiter:
„Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube.“
Die Gier nach Geld gehört nach Luther zum Wesen des sündigen Menschen. Und so kämpft im Herzen des Menschen Gott gegen Gott, der Vater Jesu Christi gegen den Gott Geld oder Mammon. Dieser Kampf ist die wirkliche Situation des Christenmenschen in der Welt. Und dieser Kampf läuft mitten durch den Glaubenden hindurch und endet erst mit Tod. Luther nennt darum den Christen Sünder und Gerechten zugleich. Wir Menschen sind somit „Spannungswesen“, nicht eindeutig und stehen zwischen dem wahren Gott und dem falschen Gott.
Konkreter geht Martin Luther, wenn er das siebte Gebot „Du sollst nicht stehlen“ auslegt. So sind Handwerker und Arbeiter Diebe, wenn sie ihre Arbeit nicht sorgfältig ausführen und überhöhte Preise verlangen. Und es sind, wie er schreibt, „meine Nachbarn, gute Freunde, mein eigenes Gesinde, dazu ich mich Gutes versehe, die mich am allerehesten betrügen“. Gleiches gilt auch für die Händler, die falsche Maße nehmen und überhöhte Preise verlangen.
Herausstreichen möchte ich, dass Luther nie von der Eigengesetzlichkeit des Marktes spricht, der wie ein Naturgesetz das Verhalten der Menschen bestimmt. Es sind nach ihm immer die einzelnen Menschen, die so handeln, die deshalb für das jeweilige Wirtschaftssystem verantwortlich sind, und nie das anonyme System, für das die Menschen nicht verantwortlich ist, weil es sich um ein Naturgesetz handelt. Luther streicht in seinem wirtschaftsethischen Denken die Verantwortung und die Freiheit des zur Verantwortung berufenen Einzelnen heraus. Wogegen er gekämpft hat, ist eine Gesellschaft der Ausbeutung, der Preistreiberei und der zügellosen Zinswirtschaft.
Was kann man von Luther, der versucht hat, die biblischen Aussagen auf die Wirtschaft seiner Zeit zu übertragen, meiner Meinung nach lernen?
Erstens, Luther ist unbequem, weil er den Einzelnen für sein Handeln, sein Tun und Lassen verantwortlich mach.
Zweitens, bedeutet nach Luther Arbeiten und Geldverdienen, sofern es fair und gerecht ist, einen Gottesdienst, der sich am Dienst am Nächsten konkretisiert. Arbeiten und Geldverdienen soll dem Gemeinwohl dienen. So wäre eine Steuerpolitik, die dem widerspricht, nicht in seinem und auch nicht im biblischen Sinne.
Drittens, gehört Arbeiten und Geldverdienen zum Wesen der Schöpfung. Arbeiten und Geldverdienen ist an sich nicht böse, sondern nur die Zielsetzung kann gut oder böse sein. Setze ich meine Arbeit und mein Geld zum Guten ein oder nicht?
Viertens sind Wirtschaftsethik und Glaube nach Luther nicht zu trennen. Wie er in seiner Auslegung zum ersten Gebot schreibt, zeigt das faktische Verhalten des Menschen, woran er glaubt. Das Herz, und damit die ganze Person, zeigt in seinem Verhalten, was für ihn wirklich wichtig ist.
Fünftens, muss nach Luther wirtschaftliches Handeln so ausgerichtet sein, dass es dem Leben dient. Dazu gehören die Fragen nach den Löhnen und Gehältern sowie nach den Zinsen.
Sechstens, so muss man Luther wohl in unserer Demokratie weiterdenken, kann uns unser Wirtschaftssystem als Christen nicht gleichgültig sein. Wirtschaft braucht einen Rahmen. Darauf weist Luther deutlich hin. Daraus folgt, dass wir Christen politisch sein müssen, um der Wirtschaft ihren Rahmen zu geben, in welchem sie sich gerecht entfalten kann. Eine vornehme Abstinenz von den Fragen, die das Leben aller Menschen bestimmt – und dazu gehört die Wirtschaft nun einmal – ist für Christen nicht möglich. In diesem Sinne ist ein politisches Engagement der Christen gefragt und in diesem Sinne ist die Bibel hoch politisch und parteiisch: Arbeit und Geld sollen dem Wohl aller Menschen dienen.
Die Fragen Luthers an uns heute sind also: Und was mache ich mit meinem Geld? Wo lege ich es an? Hier ist jeder zur Eigenverantwortung aufgerufen.
Schließen möchte ich mit dem Rat und dem Segen des Apostel Paulus aus dem 1.Thessalonicherbrief (5,21-24 – Zürcher 2007): 
21 Prüft aber alles, das Gute behaltet!
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch; Geist, Seele und Leib mögen euch unversehrt und untadelig erhalten bleiben bis zur Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 
 24 Treu ist, der euch ruft: Er wird es auch tun.
Amen. 

5. Sonntag nach Trinitatis 2016: Leiden für die Torheit des Kreuzes (1. Kor 1,18-25)

von Pfarrer Marvin Lange

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth im ersten Kapitel.
Der Apostel schreibt:


PREDIGTTEXT 1. KOR 1,18-25

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,  die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s  eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt?  Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn  die Juden fordern Zeichen, und  die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein  Ärgernis und den Griechen eine  Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und  Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

1.    Fußballfans
Liebe Gemeinde,
•    jetzt muss ich Euch erst einmal etwas fragen. Wer von Euch schaut zur Zeit die EM-Spiele mit deutscher Beteiligung? (Meldungen abwarten) 
•    Wer von Euch versucht, möglichst viele Spiele mitzuschauen, auch wenn da nicht Deutschland mitspielt? (das sind wohl die echten, eingefleischten Fans!)
•    Und jetzt das Bekenntnis: Wer von euch vermeidet die Fußballspiele, hat darauf so gar keine Lust? (wieder Meldungen abwarten)

Man kann da gewisse Grade an Begeisterung ablesen. 
Da gibt es diejenigen, die alle Bundesligaspiele, möglichst viele EM-Spiele verfolgen. Die die Namen der Spieler kennen, die genau wissen, welcher Verein, auf welchem Tabellenplatz steht, oder welches Land jetzt gerade die besten Spieler hat.
Solche Leute sind echte Fußballbekenner, und die tummeln sich auf öfter mal im Stadion. Natürlich dann möglichst bei „ihrem“ Verein.
Und dann sind da diejenigen, die sich ab und an mal ein wenig interessieren, die gern mal einschalten, die auch zu einem Verein halten, aber wenn sie was verpassen, ist das nicht weiter tragisch.

Und dann gibt es diejenigen  (wie etwa mich), die vor 30 Jahren mit dem Vater ins Stadion mitgenommen wurden. Und die recht schnell gemerkt haben: Boah, ist das öde, 22 Menschen zuzugucken, wie sie hinter einem Ball herlaufen.
Bei mir ist das Ganze dann im Sommer 2006 in Folklore ungekippt. Seitdem bin ich Deutschland-Fan, versuche, die Deutschland-Spiele anzuschauen – aber eigentlich geht es mir mehr um die Freude der anderen. Die Emotionalität vor den Leinwänden (auch heute Abend wieder hier im Bonhoeffer-Haus, habe ich gehört), der Jubel, wenn Deutschland ein Tor macht.
Schade, wenn wir raus fliegen: Dann ist die Party vorbei.

Und dann sind da die Fußball-Muffel. Die wegschalten, weghören, sobald das Thema aufkommt.
Und zwischen den Extremen sind unglaublich viele weitere Abstufungen im Fußball-Bekenntnis.

Zusammenfassung 1  Moji auf Persisch:
Im Moment ist Fußball-Europa-Meisterschaft (EM 2016). Wer schaut alle Spiele? Wer interessiert sich nur ein bisschen? Wem ist es total egal? Für manche ist es sehr wichtig, wie ein Bekenntnis (confession), zu wem man hält. 


2.    Gottesdienstfans
Ähnlich können wir Gottesdienstfans beschreiben.
Da gibt es auch diejenigen, die mit 13 Jahren von den Eltern zum Konfirmandenunterricht geschickt wurden – und die dann recht schnell merken: Kirche, nein Danke. Das ist nichts für mich. Wenn ich groß bin, trete ich sofort aus; und das dann auch tun.
Die können wir vergleichen mit den Fußball-Muffeln.

Und dann sind da die Gelegenheitszuschauer. Diejenigen, die man bei der Konfirmation, der Trauung, der Taufe der Kinder, später auch der Enkel und zuletzt wieder bei der Beerdigung sieht. Treue Fans, wenn es um die eigene Sache geht, aber nicht wirklich am großen Ganzen interessiert.
Beim Fußball schalten sie nur dann ein, wenn Deutschland im Finale steht.

Dann haben wir die Weihnachtschristen (oder Weihnachts- plus Osterchristen). Sie wissen, welche Leute ich meine. Einmal im Jahr ist Gottesdienst! Die kommen gerne! Das ist so schön heimelig, das ist Tradition.
Die sind vergleichbar mit den EM-Begeisterten, die auf der Welle der Emotionalität reiten, für die Kirche reine Folklore ist.

Und dann sind da diejenigen, die echte Gottesdienstkultur leben. Die jeden Sonntag da sind. Die Bescheid wissen, bei welchem Pfarrer man gehen sollte (und wo man auch mal im Bett liegen bleiben darf) und welche Lektorin besser ist als mancher langjährige Prediger.
Die für ihre Sache glühen, die manche Bibeltexte mitsprechen könne, die den Psalm und die Lieder im Gesangbuch schneller aufschlagen können als ich.
Vergleichen können wir die mit den Bundesliga-Abonnementen, die so oft es geht nach Frankfurt fahren, um ihren Verein spielen zu sehen.

Das sind so allesamt die Gruppen, die wir kennen – und der Vergleich mit dem Fußball liegt nahe, da man sich selbst sofort verorten kann und dann mit einem Lächeln im Gesicht einmal abgleicht, wie das eigene Herz für Gott, den Gottesdienst und den Glauben schlägt.

„Wir predigen den gekreuzigten Christus.“
Das ist eine Zumutung für viele – nach wie vor, und das war auch schon beim Apostel Paulus so. 
Eine Torheit den Weisen und Verständigen, schrieb er an die Korinther.
Er konnte noch nicht wissen, wie die Verständigen, die Kaiser des alten Rom mit ihren Beraterstäben, später versuchten, diese Torheit des Christentums zu vernichten. In den Arenen mit Löwen und Gladiatoren, wo die Christen um dieser Torheit willen dann öffentlich ermordet wurden.

Zusammenfassung Moji 2 auf Persisch:
Mit Fußballfans kann man die Christen vergleichen: einige gehen nie zum Gottesdienst. Manche gehen nur einmal im Jahr (meistens an Weihnachten), andere einmal im Monat, wieder andere jede Woche. Warum gehen manche so selten oder nie? Ich denke: Weil sie das Christentum nicht verstehen – oder es nicht verstehen wollen. „Wir predigen den gekreuzigten Christus“, hat der Apostel Paulus (persisch „Puls“?) geschrieben. Das finden viele doof und unverständlich. Gott soll immer nur der Größte sein (Allahu Akbar!), nicht einer, der am Kreuz gestorben ist.


3.    Das Leiden der neuen Christen
Der gekreuzigte Christus: Das ist im Bereich unserer weit verbreiteten Wohlfühlreligion Weihnachtschristentum ebenfalls ein Ärgernis. Aber ein solches, das man in der heutigen Zeit einfach ignoriert. Kirche ist Kulturträger, lässt schöne Bachkantaten aufführen, die meisten Predigten sind lammfromm und zahnlos. 
Man nimmt die Kirche nicht wirklich Ernst mit dem, was sie verkündet.
Aber wir bewegen uns in Zeiten, in denen das Bekenntnis zu Christus wieder gefährlich wird.
Wir haben hier vier neue Christen. Eben habe ich sie getauft. Sie sind aus dem Iran hierhergekommen. Sie sind vor dem Islamischen Ayatolla-Regime geflohen. 
Einige haben sich heimlich mit dem Christentum beschäftigt. Andere sind einfach nur gegangen, weil sie die Umstände im theokratischen Faschismus nicht mehr ertragen konnten.
Sie sind auf mich und Pfarrer Pfeifer zugegangen. Sie möchten etwas über das Christentum lernen.
An Karfreitag ging es los mit einer Wanderung durch Kälte und Regen. Über 20 Iraner waren damals dabei.
Einige sind da schon ausgestiegen. 
Dann trafen wir uns wöchentlich. Gaben Unterricht in der christlichen Religion.
Führten sie ein in die Grundlagen von Ethik und Dogmatik. 
„Was ist eure Scharia“, wurde ich immer wieder gefragt. 
„Liebe Gott von ganzem Herzen. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, war stets unsere Antwort. 
Fassungslos und staunend hörten die verbliebenen elf zu, dass es im Christentum um die Freiheit des einzelnen Gewissens geht, dass es eben keine Regeln gibt, die einfach nur umgesetzt werden müssen.
Auch die 10 Gebote sind nichts weiter als eine Anregung, dieses doppelte Liebesgebot umzusetzen. 
Überrascht waren sie, als sie hörten, dass man „einfach so“ aus der Kirche austreten darf, ohne Gefängsnisstrafe oder das Gehängtwerden fürchten zu müssen, wie es der Iran für vom Glauben abgefallene praktiziert.
Und gelehrig haben sie aufgesogen, wie man mit der Bibel umgehen kann, was das Abendmahl und was die Taufe bedeuten.
11 Spieler sind seit Karfreitag geblieben. 5 wurden letzten Sonntag in der Johanneskirche getauft. Vier taufen wir heute.
Doch das Wort vom Kreuz stößt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auf breiten Widerstand.
Und dafür, was jetzt kommt, hinkt der Vergleich mit dem Fußball.
Meine Iraner werden nicht in Frieden gelassen. Der Ramadan überschattet alles im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Straße.
Die Frauen werden angemacht, sie mögen sich doch islamisch verhüllen. Den Männern wird nahegelegt, am islamischen Gebet teilzunehmen. Ärger gibt es immer wieder, wenn fastende Muslime am Tag essende Neu-Christen beim Essen und Trinken erwischen.
In der Schule lebt man auf engstem Raum miteinander. 
Ab Sonnenuntergang dürfen Muslime etwas essen bis zum Sonnenaufgang. Während der Nacht werden die Lautsprecher aufgedreht, aus denen Koransuren durch die Gänge schallen. 
An Schlaf ist da nicht zu denken. 

Sich zu outen, dass man Christ ist, ist undenkbar und gefährlich.
Unsere neuen Christen leben ihr Christsein im Verborgenen. 
Sie kommen heimlich hierher, wie damals die verfolgte Gemeinde in Rom.
Sie tun weiterhin so, als seien sie schlechte Muslime, um keine Gewalt herauf zu beschwören. Bei einem Verhältnis von 1:5 hält man lieber den Mund, duckt sich weg.
Sich stolz zu bekennen, ein Christ zu sein, ist lebensgefährlich.

Ich habe die Polizei verständigt. Man könne nichts machen, wurde mir gesagt. Nur wenn direkt etwas vorliegt, kann die Polizei etwas tun. 
Die Neuchristen hier trauen sich nicht, die Polizei zu rufen. Und die Sprachbarriere ist ein schlimmes Hindernis.
Und wenn die Polizei dann kommt? Dann bitten freundliche Beamte darum, bitte nett miteinander umzugehen und verschwinden wieder.
Landrat Woide und Dekan Seeberg sind verständigt – vielleicht kümmern diese sich darum.

Worauf ich hinaus will: Die Torheit vom Kreuz, das wahre Christentum, ist eben wenn´s Ernst nicht zu vergleichen mit Fußballfans. 
Das war einmal. 
Die Bandagen, mit denen der Kampf des Glaubens geführt wird in unserem Land, wird wieder härter.
Christen werden wieder bedroht dafür, dass sie Jesus als Gottes Sohn bekennen. 
Christen werden diskriminiert, weil sie ihre alte Religion, in dem Fall den Islam, hinter sich gelassen haben.
Christen wird eben kein Schutz gewährt, weil sie von ihrem im Grundgesetz verankerten Menschenrecht der Religionsfreiheit Gebrauch machen.

Zusammenfassung 3 Moji auf Persisch
Doch das Kreuz und der Tod von Jesus sind wichtig, um das Christentum zu verstehen. Jesus leidet für uns. Er starb am Kreuz für uns. Und wir heutigen Christen müssen uns einer Wahrheit stellen: Es gibt Christen, die diskriminiert werden, weil sie an Jesus als Gottes Sohn glauben. Im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Str. ist das ein Problem mit dem Ramadan und den neu getauften Christen aus dem Iran. 
Ihr Perser: Wie könnt ihr stolz sein auf euren neuen Glauben, auf das Christentum, wenn ihr verfolgt werdet? Das ist schwer und ihr braucht andere Christen, eine Gemeinde: Ihr braucht dafür die Bonhoeffer-Gemeinde, um das durchzustehen (to go through this)!


4.    Torheit Gottes/Schwachheit Gottes
Ich habe keine Antwort darauf, wie es weitergehen könnte. Ich weiß auch nicht, wie man mehr tun könnte. Vielleicht rufen Sie mal in der Ausländerbehörde an und erzählen davon, was ich Euch gerade erzähle.
Vielleicht kommt die Ausländerbehörde ihrer Fürsorgepflicht dann etwas besser nach, wenn viele Leute sich beschweren. 
Wenn wir Christen zusammen halten.
Wenn wir unserer „Scharia“ folgen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Das Beispiel aus der Daimler-Benz-Straße ist nur ein kleines Flüchtlingsheim hier in Fulda. Ich weiß von den Zuständen in Berlin, die ähnlich, allerdings noch etwas schlimmer sind, für konvertierte Christen.

Paulus schließt den Predigtabschnitt ab mit einem Satz, der Hoffnung macht.
„Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Egal, was wir uns überlegen, um zu helfen. Auch egal, wie gemein unseren neuen Christen mitgespielt wird – Gott bleibt am Ende Sieger. Seine Torheit ist weiser, seine Schwachheit ist stärker als jeder Mensch es je sein könnte.

Insofern ist unseren neuen Christen wahrscheinlich schon damit gedient, wenn wir sie hier im Bonhoeffer-Haus freundlich aufnehmen, ihnen unsere Ohren leihen, nicht für sie etwas tun, sondern mit ihnen etwas tun.
Heute sind wir zum Essen eingeladen. Seit gestern früh dampften die Töpfe und Pfannen. Das kann eine gute Sache werden. 
Für mich ist eine echte Freundschaft daraus entstanden.
Was für eine Torheit, wenn wir diese Gelegenheit nicht annehmen würden, die Gott uns gerade zugetragen hat!
Als würde die Nationalelf keine Lust haben, einen Elfmeter zu versenken.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

Zusammenfassung 4  Moji auf Persisch
Wir Christen haben nur eine „Scharia“. Diese lautet:
„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen.“ Und: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Deswegen, ihr alteingesessenen Christen: Ihr müsst euch beschweren. Ruft bei der Ausländerbehörde an, erzählt davon, was ihr gerade hört. Sagt ihnen, dass die Religionsfreiheit im Flüchtlingsheim nicht eingehalten wird. Gemeinsam sind wir als Christen stark!
Und ihr neuen Christen aus Persien: Lernt Deutsch, damit ihr hier gut leben könnt! Jeden Tag acht Stunden lernen sollte es sein! Damit ihr gute Berufe findet und nicht schlechte! Damit ihr die Nächsten hier versteht – und dann auch lieben könnt!
Und: Egal wie stark die Menschen sich zeigen und wenn sie euch angreifen; auch egal, wie schwach (weak) wir sind: Gottes Schwachheit (Weakness of God!) ist stärker als alle Kraft der Menschen zusammen (1 Kor 1,25)! Wir  bekommen von Gott die nötige Kraft durch Jesus Christus, unseren Herrn! Amen.


PREDIGTLIED EG 136,1-4: O KOMM DU GEIST DER WAHRHEIT

6. Sonntag nach Trinitatis 2016: Teure und billige Gnade im Sakrament der Taufe (Römer 6,1-11)

Von Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl
Gichenbacher Str. 15a
36129 Gersfeld-Dalherda

Predigt über Römer 6, 1-11 , 6. So.n. Trin., 3. Juli 2016, Bonhoeffergemeinde Fulda

Liebe Gemeinde!
Das bestimmende theologische Thema dieses 6. Sonntags nach Trinitatis ist die Taufe. Am vorigen Sonntag sind hier in der Bonhoefferkirche im Beisein der Gemeinde  einige Erwachsene getauft worden, die aus dem Iran zu uns gekommen waren. Sie empfingen die Heilige Taufe nach einer Phase des Unterrichts im christlichen Glauben. Diese Phase wurde von alters her „Katechumenat“ genannt. In der frühen Kirche sind bereits feste Taufsonntage dazu benannt, vor allem das Osterfest. Halten wir das einmal für das Verständnis des gehörten Abschnitts aus Römer 6 für uns fest.


In unseren sonst üblichen Gottesdiensten mit Taufen sind es im Unterschied zu jener Taufe von Erwachsenen nach empfangener Unterweisung doch überwiegend Säuglinge und Kleinkinder, die getauft werden, und die Fragen und Vorbereitungen auf eine solche Taufe sind schwerpunktmässig die Vorbereitungen auf ein familiäres Ereignis: 
welchen Namen geben wir als Eltern dem Kind? In welchem Alter soll das Kind getauft werden? Wer soll Pate werden? Was soll der Täufling anziehen? Wer hält das Kind übers Taufbecken? Wer spricht seine Namen aus? Gibt es eine Taufkerze? Werden Angehörige am Taufakt beteiligt? Wer macht Fotos? Welchen Taufspruch soll das Kind bekommen? Wie gestalten wir die anschliessende Feier? 
Bei der Frage nach einem schönen und geeigneten Taufspruch können Eltern heute auf die Möglichkeiten des Internet zurückgreifen; da erscheinen dann eine ganze Reihe möglicher Taufsprüche , aus der Bibel meist aus den Psalmen, denn dort geht es sehr oft um Engel, um Schutz, um Segen, um Führung, Leitung und Bewahrung. Bei den dort vorgeschlagenen Versen aus dem Neuen Testament tauchen Verse aus gehörten Kapitel Römer 6 allerdings auffälligerweise gar nicht auf, 
obwohl der Abschnitt doch die Taufe ausdrücklich benennt- im Unterschied etwa zu den Psalmentexten. Doch hat der Paulusabschnitt zugleich etwas Abschreckendes: in ihm ist mehrfach von Sterben und Tod die Rede. Passt das überhaupt zum Thema Taufe – wo doch viele Menschen mit der Taufe eher den Anfang des Lebens verbinden? –Allerdings gehören die Themen Leben und Tod, Sterben und Auferstehen sehr wohl zur Taufe, weil die Taufe genau daher und darin ihren Sinn und ihre Begründung hat. Denn die Taufe wäre geistlich ohne Bedeutung, wenn ihr Inhalt nicht gerade das wäre, was in Jesus Christus und mit Ihm geschehen ist. „Oder wisst ihr nicht,“ schreibt Paulus hier, „dass alle , die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft? So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ 
Liebe Gemeinde! Nirgendwo in seinen Briefen schreibt der Apostel Paulus mehr und genaueres über die Taufe. Wir erfahren aber auch hier nichts Verbindliches über die näheren und äusseren Umstände einer damaligen Taufe, nichts über Paten oder Gottesdienstformen, nichts über die Vorbedingungen der Taufe. Musste man z.B. erst im Glauben unterrichtet sein? Musste man vielleicht vorher eine Art Prüfung ablegen? Wie wurde die Taufe vollzogen?  Wer in der Gemeinde durfte sie durchführen? –  Wir erfahren auch nichts über die Frage, die die Christenheit bis heute brennend interessiert und sogar spaltet, nämlich die Frage, ob der Kinder-und Säuglingstaufe die Erwachsenentaufe vorzuziehen ist. Wir beachten jedoch genau die Sätze, die Paulus hier davor und danach schreibt: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind… (Und:) Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen….So haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.“ – Es ist also im Zusammenhang der Taufe und ihrer Folgen ein neuer Lebenswandel beim Getauften erschienen, weil die Sünde ihre letzte Macht über ihn verloren hat. Wenn das zentral mit der Taufe zu tun hat, so ist sie der Eintritt in ein neues und radikal verändertes Leben. Diese Vorstellung gehörte dann allerdings in der Zeit des Paulus wohl eher zur Taufe eines mündigen und selbständigen Menschen als zur Taufe eines unmündigen Kindes oder gar Säuglings. Damit ist die Säuglingstaufe nicht prinzipiell infrage gestellt, wie wir noch sehen werden. Dass der Getaufte – als Erwachsener oder als Kind – in der Taufe in eine Beziehung zu Tod und Auferstehung Jesu, zu Karfreitag und Ostern gestellt wird, das war und ist unter allen Umständen das Wichtigste an der Taufe, alle anderen Dinge in und an der Taufe sind demgegenüber entweder nachgeordnet oder sogar nebensächlich. 
Wenn wir von da aus, liebe Gemeinde, nun unseren Blick noch einmal auf die Frage richten, die die Christenheit auf bestimmte Weise in zwei Lager spaltet, diesmal nicht etwa in die Trennung von evangelisch und katholisch, sondern in die zwischen Gegnern und Befürwortern der Kinder- bzw. Säuglingstaufe. Das ist eine Trennungslinie überwiegend durch die evangelische Glaubenswelt hindurch. Und es ist eine Trennungslinie, die sich auch innerhalb einer Konfession und einer Kirche abspielen kann. So wird z.B. theologisch bis heute darüber gestritten, ob Luther ein Befürworter der Kindertaufe war oder eher nicht. Ich lasse das hier einmal offen. Auch traue ich mir nicht zu, diese Frage im Blick auf Paulus entschieden zu beantworten. Es gibt für mich zwar eine Reihe von Beobachtungen im Blick auf das Neue Testament, die für die frühchristliche Kindertaufe sprechen, – ich denke etwa an die Kindersegnung durch Jesus oder daran, dass es mehrfach heisst, dass sich jemand mit seinem ganzen Hause taufen liess –  aber das tatsächliche Vorkommen der Kindertaufe in der Urkirche beweisen kann ich damit nicht.
                                                                                                                   Die theologisch ernsthaften Vertreter der Säuglingstaufe – also die, die nicht in erster Linie vom Interesse der leichten Gewinnung von Kirchenmitgliedern geleitet werden – denken mehr von der Entscheidung Gottes für den Menschen her ; die Vertreter der Erwachsenen- und Grosstaufe denken mehr von der Entscheidung des Menschen für Gott her. Welche der beiden Positionen dem Willen Gottes und Christi entspricht, werden wir zu irdischen Lebzeiten wohl nicht mit letzter Gewissheit bestimmen können. Mir ist dabei klar, dass sich die beiden Positionen bei Missbrauch jeweils nach zwei Seiten hin an einem geistlichen Abgrund bewegen: die Gross- und Erwachsenentaufe steht in der Versuchung der Selbst- und Werkgerechtigkeit, also einer Form menschlicher Selbstüberschätzung,  und die Säuglingstaufe steht in der Versuchung und Gefahr der billigen Gnade. – Liebe Gemeinde: die Rede von Unterschied zwischen der billigen und der teuren Gnade geht ja auf Dietrich Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ von 1937 zurück. Teuer ist nach seiner Auffassung die Gnade Gottes, weil sie von Gott im Kreuz Jesu teuer erworben wurde. Genau davon spricht ja Paulus mehrfach und durchgängig hier in Römer 6. Gleich zu Anfang des Kapitels wehrt er sich gegen die billige Gnade: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde? – Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“ Und später: „ Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. (V.6) – Die Teilhabe an Christus bedeutet eben auch: ein neues Geschöpf werden, an der Auferstehung Jesu auch dadurch teilhaben, indem unser Leben neu wird. Es trägt schon die Züge des Kommenden. Das ist es, was das Neue Testament „Heiligung“ nennt. Die zu Jesus gehören, bleiben nicht einfach, was sie ohne Ihn waren. 
Was für ein gewaltiger Gedanke:  zu Jesus Christus und damit zur Familie Gottes zu gehören! Denn so gross ist ja das Geschenk Gottes der Taufe, weil Er uns darin für immer zu Seinen Kindern erklärt! Darum ist die Taufe so wichtig und unerlässlich. Eine stärkere Besiegelung unserer Gotteskindschaft kenne ich nicht. 
Ein Sakrament ist die Taufe, ein medium salutis, wie die alten Dogmatiken sagen, ein „Mittel des Heils“ . Und damit ein Mittel zum Ewigen Leben.                                                                              
                                                    
Der Vers 4 unseres Abschnitts sagt nach meiner Einschätzung das Wesentliche über das Sakrament überhaupt: „ So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Für den Theologen Karl Barth gab es überhaupt nur ein einziges Sakrament: nämlich das Geschehen des Kreuzes und der Auferstehung Jesu Christi. Denn Kreuz und Auferstehung Jesu sind der einzige reale Grund der Versöhnung zwischen Gott und uns – und damit ist der Weg zu unserem Ewigen Heil frei und offen. Das ist der erste und letzte Sinn des Sakraments. Dieses Geschehen wird uns in Gottes lebendigem Wort zugesprochen und kann von uns im Glauben ergriffen werden. Bei diesem Wort Gottes unterschieden die evangelischen Reformatoren zwischen dem verbum visibile und dem verbum invisibile, zwischen dem sichtbaren Wort und dem unsichtbaren Wort. Zu dem sichtbaren Wort gehören die Sakramente Taufe und Abendmahl. In ihnen wird dir und mir je einzeln und unverwechselbar die Gnade Gottes persönlich zugesprochen und zugesagt, die uns im Wort Gottes verkündigt wird und die wir im Glauben für uns annehmen. Darin geht es also nicht nur um eine allgemeine Glaubenserkenntnis über Gott und den Menschen, sondern es geht darum genau um dein und mein Heil , deine und meine Zugehörigkeit zu Gott und Christus. Weil das Kreuz und die Auferstehung des Sohnes ganz das Werk Gottes sind, zu dem wir ganz und gar nichts beitragen können, darum sind auch die Sakramente , in denen uns diese Gnade Gottes zuteil werden, ganz Seine Gabe und ganz Sein Geschenk. Das ist der tiefste Grund dafür , dass wir ohne Bedenken und in großer Freude Erwachsene und Kinder taufen, um ihnen die Gnade Gottes und Seinen Bund zuzusprechen. Das Wort des Herrn klingt dazu in unseren Ohren und Herzen nach: „Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“ (Mark.10,14) Und: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. – Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen.                                             

Psalm 139 (EG 754)

Lesung Evang. : Matth.28,16-20

Lieder EG:
133,1+11
444,1-5
256,1+2+5
200,1-4
200,5+6

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2016: Halbgötter und Gotteskinder – Percy Jackson und die Helden des Olymp (1. Tim 6,11-16)

Gnade sei mit euch und Friede…

Der Predigttext für den heutigen Konfirmationssonntag steht im Ersten Brief des Paulus an Timotheus im 6. Kapitel. Dort schreibt der Apostel:
11 Aber du, Gottesmensch…
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!
12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Stellt euch vor: Die alten Griechen hätten Recht gehabt!


Auf dem Olymp, dem Himmel der Götter, wohnen Göttervater Zeus und seine Frau, die Göttin Hera, sein Bruder Poseidon, der Meeresgott, der Kriegsgott Ares und wie sie noch alle heißen.
Stellt euch vor: Bis heute beherrschen diese Göttinnen und Götter die Welt, kämpfen mal gegen, mal miteinander um die Vorherrschaft, jeder Gott mit seinem Können. Zeus mit Donner und Blitz, Poseidon mit den Wogen des Meeres und dem Dreizack, Aphrodite mit Schönheit und dem Gefühl des Verliebseins.
Stellt euch vor: Bis heute würden diese Götter mit Menschenmännern und –frauen Töchter und Söhne zeugen bzw. gebären.
Und stellt euch vor: Wir Normalsterblichen bekommen von all dem nichts mit, da ein zauberhafter Nebel alles Göttliche umhüllt, so dass die menschlichen Augen nie bis zum Eigentlichen durchdringen können.

In der Jugend-Romanreihe Percy Jackson und die Helden des Olymp, von dem amerikanischen Autor Rick Riordan wird eine solche Welt beschrieben. 
(Wer kennt es? Die Filme? Nee, die taugen nicht viel – die Bücher sind der Hammer!)
Der Held der ersten Buchreihe ist besagter Percy Jackson: Ein Sohn des Meeresgottes Poseidon mit einer Menschenfrau. 
Dadurch ist er ein Halbgott, ist zwar sterblich, hat aber besondere Kräfte. So kann er z.B. unter Wasser atmen oder die Kräfte des Meeres aus wenigen Wassertropfen entfesseln, wenn er etwa gegen Monster und andere Mächte der griechischen Mythologie kämpfen muss. Gemeinsam mit seiner Freundin Annabeth, einer Tochter der Göttin der Weisheit (Athene) und anderen Halbgöttern besteht er so manches Abenteuer. 
Witzig ist, dass all die jugendlichen Heldinnen und Helden völlige Schulversager sind: Von ADS oder ADHS geplagt, sind ihre Sinne eben eher auf den Umgang mit Göttern und Helden geeicht als auf den oftmals doch recht langsamen und routinierten Schulalltag. Und dass sich die Lese-Rechtschreib-Schwäche üblicherweise in dem Moment erledigt, wenn griechische Buchstaben auftauchen, ist ein weiteres Merkmal eines Halbgottes.

Nun stellt euch vor, ihr hättet einen solchen Gott zum Vater oder zur Mutter. 
Wer wäre das? 
Was würde passen? Oder anders: Welche Eigenschaften würdet ihr Euch wünschen, die ihr von dem einen oder anderen bekommen hättet? 
Weisheit? Gastfreundschaft? Stärke? Beliebtheit?

Ach, das ist ja so eine Sache mit dem Vererben. 
Eure Eltern heute hier, das sind wohl alles nette Menschen, aber Götter sind die wohl nicht. 
Trotzdem habt ihr von denen Eure Gene bekommen und eure Erziehung; das, was Euch zu einem großen Teil ausmacht. 
Wie oft musstet ihr schon hören: Du kommst mehr nach Mama – oder Du schlägst ja sehr nach deinem Vater!
Gerade in eurem Alter ist aber Individualität gefragt. 
Einzigartigkeit. 
Gerade nicht so zu sein, wie Eure Erzeuger!
Sich abnabeln ist nun dran. 
Und dass die Eltern euch denn auch ziehen lassen, wenn die Zeit kommt.

Und da sind wir dann auch schon mitten drin in der vergehenden Konferzeit: 
Wenn ihr in dem Jahr aufgepasst habt, dann dürfte euch einiges aufgefallen sein: Etwa, dass evangelisch sein eine sehr individuelle Angelegenheit ist. 
Gerade beim letzten Treffen trat das deutlich hervor. 
–    Da will der eine oder andere von euch konfirmiert werden wegen der Geschenke – na dann mal los! So einer war ich auch damals! 
–    Da sagt die eine oder andere, dass in der Konfirmation das Bekenntnis das Wichtigste ist: Sehr schön! Es freut mich, wenn von dem Jahr mit mir und Pfarrer Pfeifer richtig was hängen geblieben ist. 
–    Und da sagt mir eine ins Gesicht: „Mich sehen Sie hier so schnell nicht wieder!“ Schade; aber auch verlorene Helden dürfen immer wieder zum Olymp zurückkehren!
Evangelisch sein ist etwas individuelles. 
Es ist etwas, das sich weiterentwickeln muss und darf. 
Mit 14 Jahren seid ihr da noch nicht an ein Ende gekommen!
Und in unserer Kirche haben die laxen Christen genauso Platz wie die ganz Frommen! 
Das dürft ihr jetzt nicht mit Beliebigkeit verwechseln! 
In der heutigen Zeit wird das unserer evangelischen Kirche ja gern vorgeworfen: Dass wir uns dem Zeitgeist anpassen, dass wir uns politisch nach dem Wind richten, dass wir das Evangelium zugunsten einer Wohlfühlreligion verschleudern würden.
Ich frage mich dann immer, wenn ich solche Dinge lese oder höre, wo so etwas erlebt wird. 
Das Evangelium der Freiheit des Einzelnen wird in den Kirchen, die ich kennen lernen durfte, meist auf höchst interessante, oft sogar vergnügliche Weise verkündigt.
Für Beliebigkeit ist kaum Platz – aber dafür umso mehr für originelle Ideen, die Jesus Christus in die Herzen der Menschen treiben, individuelle Ausformungen von Frömmigkeit.

Heute hört ihr ebenfalls deutliche Worte: 
„Aber du, Gottesmensch… (ja, damit seid ihr Getauften gemeint!)
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.“

Denn das ist die Klammer, die euch mehr mit den Halbgöttern aus der Buchreihe verbindet als ihr es für möglich haltet. Ihr habt von Jesus Christus die Befähigung erhalten, die ihr braucht, um den Kampf des Glaubens auszufechten!

Nehmt dieses aus dem heutigen Tage mit: 
Christsein, das ist eine Aufgabe.  
Und zwar eine für jeden Tag, für ein ganzes Leben, an der man wächst. 

Ähnlich wie Percy Jackson nicht gleich der größte Held aller Zeiten ist, seid ihr nicht mit der Konfession evangelisch gleich der größte Christ oder Heilige aller Zeiten!
Christentum will angewendet sein, will weiter erfahren, weiter gelernt sein. 
Christentum muss auch über die Konfirmation hinaus Gehör finden, wenn es echt ist.

Ich sage das deshalb, weil zur Zeit im evangelischen Christentum ein furchtbares Missverhältnis besteht zwischen Wissen um Inhalte einerseits 
und dem Tun dessen, was man noch so gemeinhin für christliche Werte hält andererseits. 
Wie soll man denn christliche Werte begreifen, wenn man das Wesen des Christentums nicht begriffen hat und nur noch so wenig Glaubenswissen vorhanden ist, dass man nicht mehr weiß, was Pfingsten eigentlich für ein Fest ist!?
Was sind das denn für christliche Werte, wenn am Donnerstag auf Seite 3 der Fuldaer Zeitung steht, dass in Asylbewerberheimen Christen nicht oder nur unzureichend geschützt werden? 
Ich rede davon nun immer wieder seit zwei Jahren in allen möglichen Kontexten – jetzt ist es sogar in der Zeitung angekommen.
Christliche Werte, ihr Lieben: Das ist nichts Feststehendes; auch dazu gehört Mut und Glaube, manchmal Kampfgeist.

Ihr seid mit der Taufe bereits zu Kindern Gottes geworden. 
Ihr gehört zu Jesus Christus dazu. 
Habt also nicht nur das Erbe Eurer Eltern, sondern auch die Aufgabe der Nachfolge von Jesus.

Evangelisch sein, liebe Konfis, so hat das mal einer eurer Petersberger Mitkonfirmanden ausgedrückt, ist „Religion für Faule“. 
Ja, das stimmt, da unser Glaube unglaublich viel Spiel lässt für alle möglichen Ausformungen. 
Und es stimmt, weil Evangelische glauben, dass sie ja ohnehin von Gott geliebt sind, egal, was sie tun.

Evangelisch zu sein, liebe Konfis, ist aber aus genau diesem Grunde besonders schwer! 
Weil mir eben niemand sagt, was genau zu tun ist. 
Weil es die so oft beschworenen „christlichen Werte“ doch nur in der jeweiligen Ableitung aus dem Glauben gibt. 
Die so hochgelobten Werte, liebe Konfis, die entstehen bei jedem Menschen im Gewissen stets neu. 
Wir haben keinen Apostolischen Stuhl, der uns sagt, was richtig ist oder falsch. Wir haben auch keine Scharia. 
Bibel und Vernunft müssen für uns ausreichen!
 
Wir Evangelischen sind damit eine Religion im Dauer-Ausnahmezustand:  
Keiner da, der mir dabei hilft, alles immer gleich richtig zu machen. 

Oder? 

Doch, da sind welche, die euch helfen, aber das Ausführen, das Tun, das müsst ihr schon selber machen.
Ähnlich wie Percy Jackson in der Griechischen-Götter-Welt einen großen Förderer, Unterstützer und Mentor in einem freundlichen Zentauren namens Chiron hat, bietet euch der evangelische Glaube in all der großen Freiheit viele Hilfsmittel an, wie der christliche Glauben denn gelebt werden kann.

Ich will nicht behaupten, dass ich für euch zu so einem Chiron werden könnte, dafür fehlen mir die vier Pferdehufe und etwa 3000 Jahre Erfahrung. 
Aber als einen Helfer auf dem Weg, den Glauben auszubauen, verstehe ich mich schon. 
Ich will euch gern die Hand reichen und fordere euch geradezu auf, genau jetzt weiter zu machen und euch hier in der Gemeinde noch stärker anzudocken: 
Sei es in der Jugendgruppe, beim Helfen im Kindergottesdienst oder beim Ausarbeiten der endlich in Schwung kommenden Jugendgottesdienste – auch Dank der heute hier spielenden Band „To Be Honest!“

Der persönliche Glaube ist mit der Konfirmation ja lange noch nicht abgeschlossen: 
Den Kinderglauben, den habt ihr längst hinter euch, ihr wisst nun, dass ihr auch Gott zum Vater habt. 
Es ist an der Zeit, auf dieser neuen Stufe weiter zu kommen und die nächste anzugehen. 

Große Macht steht dem Gottesmenschen zur Verfügung, der verstanden hat, dass er sich nicht bloß auf Menschen und die materielle Welt verlassen braucht. 
Ihr habt immerhin die ganze Power des Heiligen Geistes im Rücken, der nun seit zwei Jahrtausenden in die Geschicke der Christen eingreift. 
Ihr habt die Hilfe der Kirche, ihr müsst sie bloß in Anspruch nehmen wollen. 
Ihr seid Gesegnete und Heilige im Glauben an Jesus Christus.
Ihr habt das Geschenk des Ewigen Lebens. 
Ihr seid Geliebte Gottes.
Sogar der Tod muss euch jetzt nicht mehr schrecken.
Ihr werdet auferstehen!
Ihr habt die Welt Gottes erblickt, die unsere normalsterbliche Welt einschließt und mit seinen Wundern ausfüllt, wenn ihr diese Welt mit Augen des Gottesmenschen, des Gläubigen betrachtet.

Ihr solltet  wirklich nicht länger so leben, als wäret ihr ganz normale Menschen! 
Gott selber zum Vater – das ist noch mehr als bei Percy Jackson, wo die Gottheiten ja doch nur Teilaspekte der Schöpfung abbilden!

Ach, eines noch: Wendet eure Fähigkeiten unter den Normalsterblichen ordentlich an!
Wirkt Wunder!

Nutzt diese zum Guten! 
Ihr habt Worte! 
Worte, die bei anderen Wunder bewirken können.
Das Wort Gottes macht sogar Tote wieder lebendig. 

Wenn eure Worte aus dem Glauben heraus andere auch nur befähigen, ein kleines bisschen lebendiger zu sein als zuvor, dann habt ihr schon viel geschafft!
Ich wünsche mir mehr solcher Wunder. Von Euch!
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen.