Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr 2016: Lutheralala (Röm 3,21-28)

Von Pfr. Marvin Lange, Fulda

PREDIGT ZU 3,21-28: LUTHERALALA am 13.11.2016 im Bonhoefferhaus zu Fulda


Gnade sei mit euch und Friede
Von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

1. Der Anlass: „Lutheralala“
Ein Dekan im Süddeutschen hat am vergangenen Reformationstag zur Predigt Ayman Mazyek, den Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime, eingeladen. Er begründete das unter anderem damit, dass er zum Reformationstag nicht schon wieder diese ganzen „Lutheralala“ machen wolle.


Die Frage, ob man einen Muslim zum Predigen einladen sollte, noch dazu am Reformationstag, möge jeder für sich beantworten. Ich selber hätte keine Probleme damit.
Schwierig wird es jedoch, wenn es lauter „Lutheralala“ waren, die der Dekan in der Vergangenheit zum Reformationstag gehört hätte.
Und, wenn dem so war, er als kirchenleitendes Organ nicht eigenständig dagegen vorgegangen ist.

Ja, es wird auch Luther kommerzialisiert. Ja, es gibt sie: Die Luther-Bonbons, die Luther-Playmobilfiguren, die Lutherkekse. Und ich mache da nur zu gerne mit… Und nun auch die Lutherbibel in neuer Übersetzung. Die Zeitungen waren in der letzten Woche voll mit guten und schlechten Artikeln über den Reformator und sein Werk. 
Ja, es wird auch in unseren Kirchen mit Luther eine ganze Menge Unsinn angestellt. „Lutheralala“ eben, wenn ich höre oder lese, wofür der alte Luther alles herhalten muss. Und wer bis heute kein Buch über Luther geschrieben hat, braucht es wohl in den nächsten 500 Jahren nicht mehr tun. 

Genug gespottet für diesen Morgen: Ich möchte dieses Reformationsjubiläum freudig begehen. Und die „Lutheralala“ gern mit einbeziehen in die großartige Feier, die wir seit Montag ein ganzes Jahr lang vor uns haben. 
Ich nehme nicht nur in unserem Land, sondern auch in unserer Bonhoeffer-Gemeinde einen großen Graben war zwischen dem, was man tatsächlich über Luther weiß – und dem, was man meint über ihn zu wissen. Also: Wissen und Vermuten liegen weit auseinander, und ich möchte den heutigen Sonntag nach dem Reformationstag dazu nutzen, ein paar „Lutheralala“ zum Besten zu geben, die Euch für Euer Leben zu wissen lohnen. Denn auch wenn es in der Religion um Glauben geht: Evangelisches Christentum ist eine Religion, in der man nicht nur Bescheid wissen darf, sondern durchaus sollte.

Anhand des heutigen Predigtextes möchte ich euch einführen in die Grundlagen reformatorischer Theologie: Der Apostel Paulus, insbesondere der Römerbrief, hatte es dem Reformator ja besonders angetan, denn aus ihm entnahm er in erster Linie seine reformatorischen Erkenntnisse. Hört also Röm 3,21-28!
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied:
23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden
26 in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Eigentlich ist jetzt alles gesagt. Aber bemühen wir doch die reformatorische Theologie, um uns den Abschnitt noch einmal auslegen zu lassen!

2. Die vier Exklusivpartikel
2.1. Die Sola Gratia – allein aus Gnade
„Gnade – was ist das denn?“, fragte ich am Donnerstagmorgen die Schulkinder im Reformationsgottesdienst der Geschwister-Scholl-Schule. Und ich bekam eine ziemlich gute Antwort: „Wenn man jemandem etwas Gutes tut, der das gar nicht verdient hat.“ Prima geantwortet! Und jetzt haben wir die Worte des Paulus: „Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten.“

Wenn wir von Gott reden und wir von ihm etwas empfangen, so ist das unverdient. Gott tut uns etwas Gutes, obwohl wir das gar nicht verdient haben. Die Reformatoren machten daraus den ersten der Exklusiv-Partikel evangelischen Christentums: Sola gratia – allein aus Gnade! …werdet ihr gerettet, müssen wir ergänzen. Oder, für meine Schüler am Donnerstag auf die Frage: „Wie kommen wir in den Himmel?“ Antwort: „Aus Gnade. Unverdient. Einfach so. Weil Gott uns trotzdem so nimmt, wie wir sind.“ Dafür steht die Taufe. Insbesondere die Kindertaufe, wie sie die kleine Hanne gerade bekommen hat. Verdient hat die sich noch gar nix. Alles, was ihr getan wird, ist lauter Gnade. 

2.2. Allein aus Glaube
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. „Sola fide – allein aus Glaube“ ist der zweite der Exklusivpartikel von uns Protestanten, den es zu wissen lohnt. Und jetzt könnten wir herrlich streiten, was Glauben alles für Bedeutungen hat. „Glauben ist Nichtwissen“, erklären mir die Besserwisser. „Glauben ist ein Für-Wahr-Halten“, sagen die Philosophen. „Glauben ist eine Beziehung“, sagen die evangelischen Theologen.

Glauben als Beziehung?! Ich zeichne es Euch mal an, was aus evangelischer Sicht der Glaube ist.

FLIPCHART Skizze Gott- Mensch – Beziehung Kreis drum.



Das alles ist der Glaube. Es ist nicht ein: „Ich denke schon, dass es Gott gibt.“ Und auch nicht ein: „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt, aber ich vermute es.“ Und es schrammt auch nur ein den Glauben als eine eigene Tat zu verstehen. 
Glaube in evangelischem Sinne geht darüber weit hinaus. Es ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch.

Überlegt doch mal: Würdet ihr beim Wort Liebe sagen, dass es bloß bedeutet, dass ich jemanden liebe? Oder dass ich vermute, dass mich mein Partner liebt? Da geht es ebenfalls um das gesamte Beziehungsgeschehen mit allen Facetten – und das nennen wir Liebe. Und analog dazu unser Glaube! Glaube ist die Beziehung Gottes zu den Menschen – und umgekehrt.

„Wie komme ich in den Himmel?“ war die Frage an die Schüler – klar, allein aus Glauben.

2.3. Allein Christus
Wie komme ich aber dazu, das so zu sagen. Wer garantiert mir denn, dass Gott mir gegenüber es sich nicht anders überlegt, er zu mir also vielleicht nicht gnädig ist? Der allmächtige Gott ist, schaut euch mal das Alte Testament an, doch etwas launisch. Da kommen wir dann zur dritten Exklusivpartikel: „Solus Christus – allein Christus.“ Der ist der Garant dafür, dass der Rest ebenfalls stimmt. „Durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist“, heißt das in unserem Predigttext. In heutigem Deutsch vielleicht so erklärt: Gott ist Mensch geworden und hat sich für uns geopfert. Zum einen, weil er uns liebt, aber auch um uns zu zeigen, was das heißt: Menschsein. Nämlich: Voll Leben und Tatendrang. Aber auch bereit, den Weg zum Kreuz zu gehen. Wegen dieser Konsequenz der Liebe sind diese fünf frisch getauften Iraner übrigens nach Deutschland geflohen. Kompromisslos zu sagen: Ich glaube an den, der die Religion der Liebe brachte: Jesus Christus – und dafür mit der Konsequenz leben zu müssen, dass, wenn ich abgeschoben werden sollten, im Iran dafür hingerichtet werde (oder als Frau: Lebenslänglich ins Gefängnis zu gehen).

Das bedeutet aber zugleich auch den Abschied vom Wohlfühlchristentum der letzten 50 Jahre! Es bedeutet: Von Gott zu reden reicht nicht. Das Wort „Gott“ haben doch alle anderen Religionen auch. Das Christentum hat die Besonderheit, dass Gott Mensch wurde. Das Christentum hat Christus.

Weswegen ich mittlerweile zunehmend allergisch reagiere auf so gut gemeinte Sätze wie: „Wir glauben doch alle an einen Gott.“ Oder auch: „Am Ende beten alle Religionen zu demselben Gott.“
Ja, mag sein, aber welcher der vielen Götter, die angeblich alle der gleiche sind, ist denn gemeint?! Das ist hier das Entscheidende. Und dass es schon große Unterschiede zwischen dem Gottesbild eines Jesus, Moses oder Mohammed gibt, dürfte mittlerweile wieder zum Allgemeingut des religiösen Wissens gehören.

Ja, wir religiösen oder spirituellen Menschen glauben alle an einen Gott oder eine Kraft oder eine Transzendenz. Aber wenn dieser Gott nicht derjenige ist, der sich in Jesus Christus gezeigt hat, der sich hat für uns kreuzigen lassen und der dann auferstand, dann gehe ich mittlerweile auf freundliche Distanz. Ich will schließlich keine fremden Götter anbeten – auch nicht aus dem guten Willen, dass man Unterschiede verdeckt um des lieben Friedens willen!

2.4. Allein die Schrift
Kommen wir zum vierten Exklusivpartikel christlichen Glaubens. Das evangelische Schriftprinzip: „Sola scriptura – allein die Schrift!“

Allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die kirchliche Tradition. Und auch nicht der Zeitgeist. Und nicht die Meinung einzelner oder größerer Gruppen.
Es ist tatsächlich dieses alte Buch, die Bibel, die für Evangelische nicht nur die Richtschnur, sondern die in Glaubensdingen tatsächlich alles ist. Ich behaupte: Das Schriftprinzip geht der evangelischen Christenheit in Deutschland gerade verloren. Dabei ist es die Klammer, die die anderen drei Punkte zusammenhält. Ja woher soll man denn wissen, dass es um Gnade, Glaube und Christus geht? Das erlebe und erfahre ich doch nicht im Wald, in dem angeblich auch so gut gebetet werden kann. Heilige Orte müssen unsere Wälder mittlerweile sein, wenn sich dort derartig hoher Glaube niederschlägt wie ich es so oft höre: „Zum Beten brauche ich nicht in die Kirche gehen. Beten kann ich auch im Wald.“
Wisst ihr was? Das stimmt! Wir können auch im Wald beten. Aber Hören auf Gottes Wort – das können wir da nicht. Da werdet ihr weder die Gnade und Liebe Gottes zugesagt bekommen noch eine Ansage, dass euer Leben so, wie ihr es führt, eben nicht völlig in Ordnung ist. Das erfährt man dann eben doch nur im privaten Studium der Bibel oder beim Hören auf die Auslegung im Gottesdienst – und beides geschieht gewöhnlich nicht in Wald und Flur, sondern in Haus und Kirche. 

„Allein die Schrift“ kann ab sofort und ganz einfach wieder neu ins Bewusstsein rücken. Die neue Luther-Übersetzung versucht, verschiedenen Übersetzungsansprüchen gerecht zu werden:
1. Sie versucht genau zu sein. 
Die Treue gegenüber dem Ausgangstext ist das zentrale Anliegen der Revision. 
So wurde die gesamte Bibel anhand der hebräischen und griechischen Urtexte überprüft. Nicht zuletzt die Funde von Qumran haben im 20. Jahrhundert die Erkenntnisse der biblischen Textforschung erheblich vorangebracht. 

2. Sie versucht verständlich zu sein. 
Sprache unterliegt einer ständigen Entwicklung. So haben im Lauf der letzten Jahrzehnte einzelne Begriffe ihre Bedeutung gewandelt oder sind aus dem allgemeinen Wortschatz verschwunden. So ist etwa die „Wehmutter“ rausgeflogen und von der „Hebamme“ ersetzt worden.

3. Sie versucht, der Luthersprache wieder mehr Gewicht zu verleihen:
Die kernige Sprache des Reformators soll wieder mehr herausgehoben werden. An Stellen, wo es möglich war, hat man sich wieder an der Lutherbibel von 1545 orientiert. Ein Beispiel:
Lutherbibel 1984: 
„Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“

Lutherbibel 2017:
„Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?“ 

Es sind 44% aller Verse verändert worden, die meisten allerdings in den apokryphen Schriften. Und um den Leuten das Lesen schmackhaft zu machen, hat die Deutsche Bibel-Gesellschaft nicht allein einige hübsche Ausgaben veröffentlicht, sondern auch eine Bibel-App, die ein Jahr lang kostenlos zu haben ist. Ich hab es ausprobiert: Auf dem Tablet liest sie sich wesentlich angenehmer als auf Papier – und es gibt mehrere Lesepläne, mit denen man binnen eines Jahres einmal in sinnvoll aufeinander abgestimmten Schritten die ganze Bibel durchlesen kann. Also: Wenn es um Glaubensdinge geht, sollte man als mündiger Christ selbständig in der Bibel nicht nur lesen können, sondern dies auch tun. Allein, damit ihr so Leute wie mich immer wieder neu prüfen könnt.
Allein aus Gnade.
Allein aus Glauben.
Allein durch Christus.
Alles allein nachzulesen in der Schrift.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Luther und die Wirtschaft (Apg 2,42-47)

Von Pfr. Stefan Remmert, Hünfeld

Liebe Gemeinde!
Geld regiert die Welt, so heißt es. Vielleicht regiert nicht Geld die Welt, zumindestens vertrauen wir Christen darauf, dass Gott die Welt regiert, aber es bestimmt unser Leben. Das Bett, in dem sie geschlafen haben, das Frühstück, dass sie heute morgen zu sich genommen haben, die Kleidung, die sie angezogen haben, die Schuhe, in denen sie zum Gottesdienst gelaufen sind, haben sie mit Geld bezahlt, dass sie oder ein anderer erarbeitet hat.


Ohne Arbeit, so kann man sagen, können wir in unserer Gesellschaft nicht leben. Ohne Arbeit verdienen wir kein Geld. Und ohne Geld können wir unseren Lebensunterhalt nicht bestreiten.
Ob jemand Arbeit findet, hängt davon ab, ob ein anderer dafür bereit ist, Geld für seine Dienstleistung oder sein Gewerk auszugeben oder nicht. Nur wenn ich Waren oder Dienstleistungen anbiete, die von anderen benötigt oder gekauft werden, verdiene ich Geld. Dabei geht es nicht darum, ob diese an sich sinnvoll sind. So wird jeder sagen, dass eine gute Pflege bei Krankheit oder Alter sinnvoll und wünschenswert ist, aber trotzdem geben die Menschen mehr Geld für ihren Konsum wie Handys, Computer, Autos etc. aus und sind bereit mehr dafür zu zahlen als für die wohl wichtigere Krankenversicherung.
Ich verdiene also nur dann Geld, wenn ich jemanden finde, der mich für meine Tätigkeit bezahlt. Ansonsten verdiene ich nichts und kann meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Ein Unternehmen, das auf dem Markt nichts verkauft, geht in den Konkurs. Gründe dafür können sein, dass die hergestellten Produkte nicht gekauft werden, weil sie zu teuer sind oder nicht benötigt werden. Und ob ein Produkt oder eine Dienstleistung benötigt wird entscheidet der Käufer bzw. Konsument.
Ein Beispiel. Jeder von uns isst Brot. Gibt es zwei Bäckereien an einem Ort, so entscheidet jeder von uns, bei welcher er sein Brot kauft. Kauft er bei Bäcker A, verdient Bäcker B kein Geld und seine Bäckerei wird nicht überleben. Konkret bedeutet das, dass wir mit jedem Euro, den wir ausgeben, eine Entscheidung treffen, und zwar die, welche Produkte und Dienstleistungen es geben soll und zu welchem Preis – die von uns nicht beachteten Anbieter werden vom Markt verschwinden; drastisch ausgedrückt: sei bestehen den Überlebenskampf nicht und sterben.
Nun kann man weiter fragen, welcher Preis für eine Dienstleistung oder ein Produkt fair ist, welche Gehälter gerecht sind, woran sich an Gehalt messen lassen soll usw.
Es wird also kompliziert. Gleichzeitig sind wir in diesem System des Wirtschaftens eingebunden. Wir können diesem System nicht entrinnen. Man kann sagen, dass wir in diesem System leben und weben. Die Frage ist, wie wir in diesem System leben wollen, ob wir es verändern wollen oder nicht.
Dazu zwei Beobachtungen, eine biblische und eine persönliche.
Zunächst die biblische.
Lukas stellt in seiner Apostelgeschichte im zweiten Kapitel das Idealbild einer christlichen Gemeinde dar. So schreibt er über die Jerusalemer Gemeinde (Apostelgeschichte 2,42 – Zürcher 2007)
42 Sie – die Christen in Jerusalem – aber hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und am Gebet.
43 Und Furcht erfasste alle: Viele Zeichen und Wunder geschahen durch die Apostel. 
44 Alle Glaubenden aber hielten zusammen und hatten alles gemeinsam; 
45 Güter und Besitz verkauften sie und gaben von dem Erlös jedem so viel, wie er nötig hatte. 
46 Einträchtig hielten sie sich Tag für Tag im Tempel auf und brachen das Brot in ihren Häusern; sie assen und tranken in ungetrübter Freude und mit lauterem Herzen, 
47 priesen Gott und standen in der Gunst des ganzen Volkes. Der Herr aber führte ihrem Kreis Tag für Tag neue zu, die gerettet werden sollten.
In Predigten und Auslegungen wird meist die Einheit der Christen in der Lehre, im Feiern des Gottesdienstes und im Abendmahl betont. Das ist richtig. Lukas schreibt aber auch, dass die Jerusalemer Christen gemeinsam lebten und, was für die meisten von uns fremd ist, dass sie ihren Besitz miteinander teilten. Die Reichen verkauften ihre Güter und die Armen profitierten davon, und, so kann man Lukas verstehen, alle verfügten über dasselbe Einkommen. Das ist eine Provokation, schließlich hat jeder von uns andere Bedürfnisse, der eine spielt Fußball und braucht Fußballschuhe, die andere spielt Volleyball und braucht deshalb eine andere Ausrüstung; beide Ausrüstungen, so darf man annehmen, sind vom Preis her unterschiedlich. Die Provokation besteht auch darin, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten haben und Unterschiedliches leisten können und wollen. Dem einen fällt eine Arbeit leicht, dem andern fällt dieselbe Arbeit schwer, die eine will viel arbeiten, der andere wenig. Wir Menschen sind unterschiedlich, so dass ein gemeinsames und für alle gleiches Einkommen schon provoziert.
Nun die zweite persönliche Beobachtung.
In meinem Studium, ich komme aus der westfälischen Landeskirche, mussten die Studierenden ein Industriepraktikum über 6 Wochen machen, davon zwei Wochen Theorie und vier Wochen in einem Betrieb arbeiten. Es standen verschiedene Betriebe zur Auswahl, unter anderem auch das Stahlwerk Hoesch, das es heute nicht mehr gibt. Und Stahlwerk kann bedeutet: Hochofen. Das ist eine richtig schwere und harte Arbeit, und es wird rund um die Uhr gearbeitet. Dafür war der Lohn auch dem entsprechend höher als in den anderen Betrieben. Der Vorschlag der Mehrheit der Studierenden war, das gesamte verdiente Geld zusammen zu legen und es dann auf alle zu verteilen, so dass jeder denselben Betrag am Ende des Praktikums erhält. Das Problem war nur, dass keiner zu Hoesch wollte. Das Geld wollte jeder haben, die Arbeit nicht.
Schließlich fanden sich zwei, den Job übernahmen, darunter auch ich. Das Geld wurde dann doch nicht geteilt, weil von Solidarität nichts zu spüren war.
Was ich daraus gelernt habe, ist Folgendes: Es ist leicht, ideale Bedingungen einzufordern, aber schwer, sie selbst zu leben, auch bei denen, die anderen vorschreiben wollen, wie sie christlich zu leben haben. Und: Geld und Christenmenschen das ist schon eine interessante und spannungsreiche Beziehung. Die meisten Christenmenschen blenden das Thema Geld und Wirtschaften völlig aus, dabei „leben und weben“ wir in einem System, in dem Geld für das tägliche Leben eine bedeutende und bestimmende Rolle spielt.
Auch die Reformation hätte ohne das Geld der Städte und Fürstenhäuser nicht zur bestimmenden Interpretation des christlichen Glaubens werden können. Denken sie nur an die reformatorischen Pfarrer, die von den Städten und Fürsten bezahlt wurden.
Mit diesen Gedanken wende ich mich nun einem Text Martin Luthers zu, den er 1524 geschrieben hat „Von Kaufshandlung und Wucher“. Das ist Luthers bedeutendste Wirtschaftsethische Schrift, neben den beiden Sermonen „Kleiner Sermon vom Wucher“ von 1519 und „Großer Sermon vom Wucher“ von 1520. 
Luther hatte bei seinen Ausführungen die Handelsstadt Leipzig vor Augen, die sich zu einem Wirtschaftszentrum entwickelt hatte. Bei der Darstellung der Gedanken Luthers, dürfen wir nicht vergessen, dass er nicht im wirtschaftsliberalen Kapitalismus lebte, sondern im Merkantilismus. Das bedeutet, Waren wurden gegen Geld getauscht, Geld war ein reines Tauschmittel. Ein Gegenstand hatte einen bestimmten Preis, für den man das entsprechende Geld zahlte. Eine Finanzwirtschaft, wo Geld mit Geld verdient wird, wie bei uns an der Börse, durch Immobilien etc. kannte Martin Luther nicht. In Leipzig wurden Waren ausgetauscht. Auf dem Markt wurde der Bedarf der Bewohner für das Leben gedeckt. Eine Spekulation mit Waren und mit Geld gab es damals so noch nicht. Man kann auch von einer Kreislaufwirtschaft sprechen, weil die Ware gegen Geld getauscht wurde, das wiederum für eine andere Ware ausgegeben wurde. Geld an sich wurde nicht gehortet.
Dieser Wirtschaftskreislauf war für Luther unproblematisch. Erst als sich Waren und damit Kapital anhäuften und sich Monopole zu bilden begannen, sah er eine Gefahr, weil solche Kapitalansammlungen das Gemeinwohl gefährden. Man kann daher sagen, dass Luther das Geld als Zirkulationsmittel bejaht, es aber dessen Verselbständigung zum Kapital ablehnt. (Hans-Jürgen Priem) Das Neue war nun, dass man Geld kaufen kann. Geld kann man kaufen, indem man Kredite vergibt. Der Kreditnehmer kauft Geld, einen Kredit, und muss dafür einen entsprechenden Zins zahlen. Dieses Modell des „Geldkaufens“ ist uns allen bekannt.
Schon vor seiner großen Schrift „Vom Kaufhandel und Wucher“ kritisierte er die Geldwirtschaft in drei Punkten. Erstens, Zinsen widersprechen dem Wort Gottes. Leihen, so Luther, bedeutet eben nicht „Geld kaufen“ und dafür Zinsen nehmen. Zweitens widersprechen Zinsen dem natürlichen Sittengesetz. Oder haben wir jemals in der Natur gesehen, dass dort Zinsen erhoben werden. Man leiht sich etwas und gibt es dann zurück, so die natürliche und biblische Ordnung. Drittens soll Geld und der Besitz im Dienst der Nächstenliebe stehen. Wo das nicht geschieht, werden Geld und Besitz korrumpiert.
Diese Kritik hält Luther auch in seiner wirtschaftsethischen Hauptschrift bei. Darüber hinaus kritisiert er den beginnenden Auslandshandel, weil er keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen würde, sondern nur dazu dient, das eigene Ansehen zu erhöhen. Geld darf eben nach Luther nur zum eigenen Leben und zum Nutzen für den Nächsten ausgegeben werden.
Dazu ein ausführliches Zitat: 
„Es sollt nicht so heißen: Ich mag meine Ware so teur geben, als ich kann oder will; sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich soll, oder, als recht und billig ist. Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen, ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der niemand verbunden wäre. Sondern weil solches dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es durch solch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, daß du es ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten übst. Und du sollst vielmehr acht haben darauf, wie du ihm nicht Schaden tust, als wie du Gewinn davon trügest. Ja, wo sind solche Kaufleute? Wie sollt der Kaufleute so wenig werden, und der Kaufhandel abnehmen, wo sie dies böse Recht bessern und auf christliche, billige Weise bringen würden!“ (Martin Luther, Von Kaufhandlung und Wucher 1524 in: Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Herausgegeben von Kurt Aland, Band 7, 266)
Luther sieht den Handel als eine wohltätige Tat, die dem Nächsten als Käufer ebenso dient wie dem Verkäufer. Der Handel ist nach Luther ein Ausdruck der Liebe, die dem Nächsten ein gutes, vielleicht sogar ein besseres Leben ermöglicht. 
Nun muss der Verkäufer selbst ja auch leben. Wie entsteht nach Luther nun ein fairer und gerechter Preis für eine Ware oder Dienstleistung? 
Luther gibt dem Leser seiner Schrift drei Kategorien an die Hand, mit deren Hilfe er eine ethische Entscheidung für seine Waren und Dienstleistungen treffen kann.
Erstens, das Beste und sicherste wäre es, wenn die Preise öffentlich festgelegt würden. Hierzu sollte die Obrigkeit, d.h. der Staat verständige, redliche Leute einsetzen – also Sachverständige, die Maß und Grenze der Preise festlegen, damit Kaufleute und Verkäufer und Anbieter von Dienstleistungen einen angemessenen Lebensunterhalt haben.
Zweitens. Wenn es keine solche staatliche Ordnung gibt, so rät er, sich am landesüblichen Preis zu orientieren. Luther im Original: „Man lasse die Ware das gelten, wie sie auf dem allgemeinen Markt gegeben und genommen, bzw. wie es landesüblich ist, sie zu geben und zu nehmen“.
Drittens. Wenn es weder eine gesetzlich bindende Regelung, noch eine allgemein übliche Norm für die Preisbildung gibt, muss der Kaufmann selbst einen Preis festsetzen. Er soll sich dabei an seinem angemessenen Unterhalt orientieren und die Kosten, die Arbeit und das Risiko berechnen, was er für die Zurverfügungstellung der Ware oder Dienstleistung benötigt. Als Ursprungsmaß soll der Verdienst eines gewöhnlichen Arbeitnehmers zugrunde gelegt werden. Dabei gilt, dass der Kaufmann seine Arbeit und seinen Zeitaufwand derart in die Preise einrechnen kann, dass er entsprechend seiner Arbeit und Gefahr einen größeren und höheren Lohn erzielen darf. Evangelisch ist es, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Unwissentlich und ungewollt ein wenig zu viel nehmen, ist insofern tolerierbar, als dass das Leben nicht ohne Sünde ist. Wenn der Kaufmann nach bestem Wissen handelt, soll er sein Gewissen nicht beschweren. Dabei geht es natürlich nicht um eine grundsätzliche Freigabe und Willkür, sondern um eine Entlastung eines bewusst christlichen Kaufmanns, Händlers oder Dienstleisters, und gleichzeitig auch um die Sicherstellung der Handlungsfähigkeit, die verloren ginge, wenn jeweils der genaue Preis bestimmt werden müsste. 
Was ist an dieser Haltung christlich? Christlich ist es erstens, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, sie im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Christlich ist es zweitens, sich an das Übliche zu halten, d.h. die Gewissen anderer nicht durch allzu große Ferne von gegebenen Bedingungen zu beschweren. Nichts liegt Luther ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Christlich ist es also drittens, den Einzelnen auf sein Gewissen hin anzusprechen und ihn in der Gewissensfreiheit, die das Evangelium bewirkt, zu schulen.
Was Luther in seinen Schriften darlegt, ist keine Wirtschaftsethik, sondern er gibt dem einzelnen wirtschaftlich handelnden Menschen einen Maßstab an die Hand, damit er im Gespräch mit dem Evangelium in seiner einzigartigen Situation die jeweilige wirtschaftliche Situation beurteilt und so eine selbständige und entscheidungsfähige Person wird, die ihr Geschäft zum Nutzen für den Nächsten ausübt. Es ist nach Luther der einzelne Christenmensch, der in seiner einzigartigen Lebens- und Wirtschaftssituation für sich im Gespräch mit Gott, mit anderen Christen und der Bibel für sich einen Maßstab seines wirtschaftlichen Handelns nach dem Kriterium „Was nützt es dem Nächsten?“ entwickeln muss. Freiheit und Verantwortung sind nach Luther in Übereinstimmung mit der Bibel der Rahmen, indem sich der Christenmensch zu bewegen hat. Freiheit, die Gott dem Menschen aus Gnade geschenkt hat, Verantwortung vor Gott, die sich in der Freiheit der Liebe realisiert. Das Handeln in Freiheit und Verantwortung geschieht nach Martin Luther so, dass man in allem Tun und Lassen Gott vertraut. So formuliert er im „Großen Katechismus“ von 1529 zum Glauben, den er an Hand des Ersten Gebotes „Du sollst nicht andere Götter haben“ bestimmt: „Das ist: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist das gesagt, und wie versteht mans? Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist., da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“
Gott ist nach Luther als das, woran der Mensch sein Herz hängt, auf den oder das er sich in seinem Leben und Sterben wirklich verlässt. Zu diesen Götter, auf die sich Menschen verlassen, gehört eben auch das Geld, der Mammon. So schreibt er weiter:
„Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube.“
Die Gier nach Geld gehört nach Luther zum Wesen des sündigen Menschen. Und so kämpft im Herzen des Menschen Gott gegen Gott, der Vater Jesu Christi gegen den Gott Geld oder Mammon. Dieser Kampf ist die wirkliche Situation des Christenmenschen in der Welt. Und dieser Kampf läuft mitten durch den Glaubenden hindurch und endet erst mit Tod. Luther nennt darum den Christen Sünder und Gerechten zugleich. Wir Menschen sind somit „Spannungswesen“, nicht eindeutig und stehen zwischen dem wahren Gott und dem falschen Gott.
Konkreter geht Martin Luther, wenn er das siebte Gebot „Du sollst nicht stehlen“ auslegt. So sind Handwerker und Arbeiter Diebe, wenn sie ihre Arbeit nicht sorgfältig ausführen und überhöhte Preise verlangen. Und es sind, wie er schreibt, „meine Nachbarn, gute Freunde, mein eigenes Gesinde, dazu ich mich Gutes versehe, die mich am allerehesten betrügen“. Gleiches gilt auch für die Händler, die falsche Maße nehmen und überhöhte Preise verlangen.
Herausstreichen möchte ich, dass Luther nie von der Eigengesetzlichkeit des Marktes spricht, der wie ein Naturgesetz das Verhalten der Menschen bestimmt. Es sind nach ihm immer die einzelnen Menschen, die so handeln, die deshalb für das jeweilige Wirtschaftssystem verantwortlich sind, und nie das anonyme System, für das die Menschen nicht verantwortlich ist, weil es sich um ein Naturgesetz handelt. Luther streicht in seinem wirtschaftsethischen Denken die Verantwortung und die Freiheit des zur Verantwortung berufenen Einzelnen heraus. Wogegen er gekämpft hat, ist eine Gesellschaft der Ausbeutung, der Preistreiberei und der zügellosen Zinswirtschaft.
Was kann man von Luther, der versucht hat, die biblischen Aussagen auf die Wirtschaft seiner Zeit zu übertragen, meiner Meinung nach lernen?
Erstens, Luther ist unbequem, weil er den Einzelnen für sein Handeln, sein Tun und Lassen verantwortlich mach.
Zweitens, bedeutet nach Luther Arbeiten und Geldverdienen, sofern es fair und gerecht ist, einen Gottesdienst, der sich am Dienst am Nächsten konkretisiert. Arbeiten und Geldverdienen soll dem Gemeinwohl dienen. So wäre eine Steuerpolitik, die dem widerspricht, nicht in seinem und auch nicht im biblischen Sinne.
Drittens, gehört Arbeiten und Geldverdienen zum Wesen der Schöpfung. Arbeiten und Geldverdienen ist an sich nicht böse, sondern nur die Zielsetzung kann gut oder böse sein. Setze ich meine Arbeit und mein Geld zum Guten ein oder nicht?
Viertens sind Wirtschaftsethik und Glaube nach Luther nicht zu trennen. Wie er in seiner Auslegung zum ersten Gebot schreibt, zeigt das faktische Verhalten des Menschen, woran er glaubt. Das Herz, und damit die ganze Person, zeigt in seinem Verhalten, was für ihn wirklich wichtig ist.
Fünftens, muss nach Luther wirtschaftliches Handeln so ausgerichtet sein, dass es dem Leben dient. Dazu gehören die Fragen nach den Löhnen und Gehältern sowie nach den Zinsen.
Sechstens, so muss man Luther wohl in unserer Demokratie weiterdenken, kann uns unser Wirtschaftssystem als Christen nicht gleichgültig sein. Wirtschaft braucht einen Rahmen. Darauf weist Luther deutlich hin. Daraus folgt, dass wir Christen politisch sein müssen, um der Wirtschaft ihren Rahmen zu geben, in welchem sie sich gerecht entfalten kann. Eine vornehme Abstinenz von den Fragen, die das Leben aller Menschen bestimmt – und dazu gehört die Wirtschaft nun einmal – ist für Christen nicht möglich. In diesem Sinne ist ein politisches Engagement der Christen gefragt und in diesem Sinne ist die Bibel hoch politisch und parteiisch: Arbeit und Geld sollen dem Wohl aller Menschen dienen.
Die Fragen Luthers an uns heute sind also: Und was mache ich mit meinem Geld? Wo lege ich es an? Hier ist jeder zur Eigenverantwortung aufgerufen.
Schließen möchte ich mit dem Rat und dem Segen des Apostel Paulus aus dem 1.Thessalonicherbrief (5,21-24 – Zürcher 2007): 
21 Prüft aber alles, das Gute behaltet!
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch; Geist, Seele und Leib mögen euch unversehrt und untadelig erhalten bleiben bis zur Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 
 24 Treu ist, der euch ruft: Er wird es auch tun.
Amen. 

5. Sonntag nach Trinitatis 2016: Leiden für die Torheit des Kreuzes (1. Kor 1,18-25)

von Pfarrer Marvin Lange

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth im ersten Kapitel.
Der Apostel schreibt:


PREDIGTTEXT 1. KOR 1,18-25

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,  die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s  eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt?  Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn  die Juden fordern Zeichen, und  die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein  Ärgernis und den Griechen eine  Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und  Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

1.    Fußballfans
Liebe Gemeinde,
•    jetzt muss ich Euch erst einmal etwas fragen. Wer von Euch schaut zur Zeit die EM-Spiele mit deutscher Beteiligung? (Meldungen abwarten) 
•    Wer von Euch versucht, möglichst viele Spiele mitzuschauen, auch wenn da nicht Deutschland mitspielt? (das sind wohl die echten, eingefleischten Fans!)
•    Und jetzt das Bekenntnis: Wer von euch vermeidet die Fußballspiele, hat darauf so gar keine Lust? (wieder Meldungen abwarten)

Man kann da gewisse Grade an Begeisterung ablesen. 
Da gibt es diejenigen, die alle Bundesligaspiele, möglichst viele EM-Spiele verfolgen. Die die Namen der Spieler kennen, die genau wissen, welcher Verein, auf welchem Tabellenplatz steht, oder welches Land jetzt gerade die besten Spieler hat.
Solche Leute sind echte Fußballbekenner, und die tummeln sich auf öfter mal im Stadion. Natürlich dann möglichst bei „ihrem“ Verein.
Und dann sind da diejenigen, die sich ab und an mal ein wenig interessieren, die gern mal einschalten, die auch zu einem Verein halten, aber wenn sie was verpassen, ist das nicht weiter tragisch.

Und dann gibt es diejenigen  (wie etwa mich), die vor 30 Jahren mit dem Vater ins Stadion mitgenommen wurden. Und die recht schnell gemerkt haben: Boah, ist das öde, 22 Menschen zuzugucken, wie sie hinter einem Ball herlaufen.
Bei mir ist das Ganze dann im Sommer 2006 in Folklore ungekippt. Seitdem bin ich Deutschland-Fan, versuche, die Deutschland-Spiele anzuschauen – aber eigentlich geht es mir mehr um die Freude der anderen. Die Emotionalität vor den Leinwänden (auch heute Abend wieder hier im Bonhoeffer-Haus, habe ich gehört), der Jubel, wenn Deutschland ein Tor macht.
Schade, wenn wir raus fliegen: Dann ist die Party vorbei.

Und dann sind da die Fußball-Muffel. Die wegschalten, weghören, sobald das Thema aufkommt.
Und zwischen den Extremen sind unglaublich viele weitere Abstufungen im Fußball-Bekenntnis.

Zusammenfassung 1  Moji auf Persisch:
Im Moment ist Fußball-Europa-Meisterschaft (EM 2016). Wer schaut alle Spiele? Wer interessiert sich nur ein bisschen? Wem ist es total egal? Für manche ist es sehr wichtig, wie ein Bekenntnis (confession), zu wem man hält. 


2.    Gottesdienstfans
Ähnlich können wir Gottesdienstfans beschreiben.
Da gibt es auch diejenigen, die mit 13 Jahren von den Eltern zum Konfirmandenunterricht geschickt wurden – und die dann recht schnell merken: Kirche, nein Danke. Das ist nichts für mich. Wenn ich groß bin, trete ich sofort aus; und das dann auch tun.
Die können wir vergleichen mit den Fußball-Muffeln.

Und dann sind da die Gelegenheitszuschauer. Diejenigen, die man bei der Konfirmation, der Trauung, der Taufe der Kinder, später auch der Enkel und zuletzt wieder bei der Beerdigung sieht. Treue Fans, wenn es um die eigene Sache geht, aber nicht wirklich am großen Ganzen interessiert.
Beim Fußball schalten sie nur dann ein, wenn Deutschland im Finale steht.

Dann haben wir die Weihnachtschristen (oder Weihnachts- plus Osterchristen). Sie wissen, welche Leute ich meine. Einmal im Jahr ist Gottesdienst! Die kommen gerne! Das ist so schön heimelig, das ist Tradition.
Die sind vergleichbar mit den EM-Begeisterten, die auf der Welle der Emotionalität reiten, für die Kirche reine Folklore ist.

Und dann sind da diejenigen, die echte Gottesdienstkultur leben. Die jeden Sonntag da sind. Die Bescheid wissen, bei welchem Pfarrer man gehen sollte (und wo man auch mal im Bett liegen bleiben darf) und welche Lektorin besser ist als mancher langjährige Prediger.
Die für ihre Sache glühen, die manche Bibeltexte mitsprechen könne, die den Psalm und die Lieder im Gesangbuch schneller aufschlagen können als ich.
Vergleichen können wir die mit den Bundesliga-Abonnementen, die so oft es geht nach Frankfurt fahren, um ihren Verein spielen zu sehen.

Das sind so allesamt die Gruppen, die wir kennen – und der Vergleich mit dem Fußball liegt nahe, da man sich selbst sofort verorten kann und dann mit einem Lächeln im Gesicht einmal abgleicht, wie das eigene Herz für Gott, den Gottesdienst und den Glauben schlägt.

„Wir predigen den gekreuzigten Christus.“
Das ist eine Zumutung für viele – nach wie vor, und das war auch schon beim Apostel Paulus so. 
Eine Torheit den Weisen und Verständigen, schrieb er an die Korinther.
Er konnte noch nicht wissen, wie die Verständigen, die Kaiser des alten Rom mit ihren Beraterstäben, später versuchten, diese Torheit des Christentums zu vernichten. In den Arenen mit Löwen und Gladiatoren, wo die Christen um dieser Torheit willen dann öffentlich ermordet wurden.

Zusammenfassung Moji 2 auf Persisch:
Mit Fußballfans kann man die Christen vergleichen: einige gehen nie zum Gottesdienst. Manche gehen nur einmal im Jahr (meistens an Weihnachten), andere einmal im Monat, wieder andere jede Woche. Warum gehen manche so selten oder nie? Ich denke: Weil sie das Christentum nicht verstehen – oder es nicht verstehen wollen. „Wir predigen den gekreuzigten Christus“, hat der Apostel Paulus (persisch „Puls“?) geschrieben. Das finden viele doof und unverständlich. Gott soll immer nur der Größte sein (Allahu Akbar!), nicht einer, der am Kreuz gestorben ist.


3.    Das Leiden der neuen Christen
Der gekreuzigte Christus: Das ist im Bereich unserer weit verbreiteten Wohlfühlreligion Weihnachtschristentum ebenfalls ein Ärgernis. Aber ein solches, das man in der heutigen Zeit einfach ignoriert. Kirche ist Kulturträger, lässt schöne Bachkantaten aufführen, die meisten Predigten sind lammfromm und zahnlos. 
Man nimmt die Kirche nicht wirklich Ernst mit dem, was sie verkündet.
Aber wir bewegen uns in Zeiten, in denen das Bekenntnis zu Christus wieder gefährlich wird.
Wir haben hier vier neue Christen. Eben habe ich sie getauft. Sie sind aus dem Iran hierhergekommen. Sie sind vor dem Islamischen Ayatolla-Regime geflohen. 
Einige haben sich heimlich mit dem Christentum beschäftigt. Andere sind einfach nur gegangen, weil sie die Umstände im theokratischen Faschismus nicht mehr ertragen konnten.
Sie sind auf mich und Pfarrer Pfeifer zugegangen. Sie möchten etwas über das Christentum lernen.
An Karfreitag ging es los mit einer Wanderung durch Kälte und Regen. Über 20 Iraner waren damals dabei.
Einige sind da schon ausgestiegen. 
Dann trafen wir uns wöchentlich. Gaben Unterricht in der christlichen Religion.
Führten sie ein in die Grundlagen von Ethik und Dogmatik. 
„Was ist eure Scharia“, wurde ich immer wieder gefragt. 
„Liebe Gott von ganzem Herzen. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, war stets unsere Antwort. 
Fassungslos und staunend hörten die verbliebenen elf zu, dass es im Christentum um die Freiheit des einzelnen Gewissens geht, dass es eben keine Regeln gibt, die einfach nur umgesetzt werden müssen.
Auch die 10 Gebote sind nichts weiter als eine Anregung, dieses doppelte Liebesgebot umzusetzen. 
Überrascht waren sie, als sie hörten, dass man „einfach so“ aus der Kirche austreten darf, ohne Gefängsnisstrafe oder das Gehängtwerden fürchten zu müssen, wie es der Iran für vom Glauben abgefallene praktiziert.
Und gelehrig haben sie aufgesogen, wie man mit der Bibel umgehen kann, was das Abendmahl und was die Taufe bedeuten.
11 Spieler sind seit Karfreitag geblieben. 5 wurden letzten Sonntag in der Johanneskirche getauft. Vier taufen wir heute.
Doch das Wort vom Kreuz stößt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auf breiten Widerstand.
Und dafür, was jetzt kommt, hinkt der Vergleich mit dem Fußball.
Meine Iraner werden nicht in Frieden gelassen. Der Ramadan überschattet alles im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Straße.
Die Frauen werden angemacht, sie mögen sich doch islamisch verhüllen. Den Männern wird nahegelegt, am islamischen Gebet teilzunehmen. Ärger gibt es immer wieder, wenn fastende Muslime am Tag essende Neu-Christen beim Essen und Trinken erwischen.
In der Schule lebt man auf engstem Raum miteinander. 
Ab Sonnenuntergang dürfen Muslime etwas essen bis zum Sonnenaufgang. Während der Nacht werden die Lautsprecher aufgedreht, aus denen Koransuren durch die Gänge schallen. 
An Schlaf ist da nicht zu denken. 

Sich zu outen, dass man Christ ist, ist undenkbar und gefährlich.
Unsere neuen Christen leben ihr Christsein im Verborgenen. 
Sie kommen heimlich hierher, wie damals die verfolgte Gemeinde in Rom.
Sie tun weiterhin so, als seien sie schlechte Muslime, um keine Gewalt herauf zu beschwören. Bei einem Verhältnis von 1:5 hält man lieber den Mund, duckt sich weg.
Sich stolz zu bekennen, ein Christ zu sein, ist lebensgefährlich.

Ich habe die Polizei verständigt. Man könne nichts machen, wurde mir gesagt. Nur wenn direkt etwas vorliegt, kann die Polizei etwas tun. 
Die Neuchristen hier trauen sich nicht, die Polizei zu rufen. Und die Sprachbarriere ist ein schlimmes Hindernis.
Und wenn die Polizei dann kommt? Dann bitten freundliche Beamte darum, bitte nett miteinander umzugehen und verschwinden wieder.
Landrat Woide und Dekan Seeberg sind verständigt – vielleicht kümmern diese sich darum.

Worauf ich hinaus will: Die Torheit vom Kreuz, das wahre Christentum, ist eben wenn´s Ernst nicht zu vergleichen mit Fußballfans. 
Das war einmal. 
Die Bandagen, mit denen der Kampf des Glaubens geführt wird in unserem Land, wird wieder härter.
Christen werden wieder bedroht dafür, dass sie Jesus als Gottes Sohn bekennen. 
Christen werden diskriminiert, weil sie ihre alte Religion, in dem Fall den Islam, hinter sich gelassen haben.
Christen wird eben kein Schutz gewährt, weil sie von ihrem im Grundgesetz verankerten Menschenrecht der Religionsfreiheit Gebrauch machen.

Zusammenfassung 3 Moji auf Persisch
Doch das Kreuz und der Tod von Jesus sind wichtig, um das Christentum zu verstehen. Jesus leidet für uns. Er starb am Kreuz für uns. Und wir heutigen Christen müssen uns einer Wahrheit stellen: Es gibt Christen, die diskriminiert werden, weil sie an Jesus als Gottes Sohn glauben. Im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Str. ist das ein Problem mit dem Ramadan und den neu getauften Christen aus dem Iran. 
Ihr Perser: Wie könnt ihr stolz sein auf euren neuen Glauben, auf das Christentum, wenn ihr verfolgt werdet? Das ist schwer und ihr braucht andere Christen, eine Gemeinde: Ihr braucht dafür die Bonhoeffer-Gemeinde, um das durchzustehen (to go through this)!


4.    Torheit Gottes/Schwachheit Gottes
Ich habe keine Antwort darauf, wie es weitergehen könnte. Ich weiß auch nicht, wie man mehr tun könnte. Vielleicht rufen Sie mal in der Ausländerbehörde an und erzählen davon, was ich Euch gerade erzähle.
Vielleicht kommt die Ausländerbehörde ihrer Fürsorgepflicht dann etwas besser nach, wenn viele Leute sich beschweren. 
Wenn wir Christen zusammen halten.
Wenn wir unserer „Scharia“ folgen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Das Beispiel aus der Daimler-Benz-Straße ist nur ein kleines Flüchtlingsheim hier in Fulda. Ich weiß von den Zuständen in Berlin, die ähnlich, allerdings noch etwas schlimmer sind, für konvertierte Christen.

Paulus schließt den Predigtabschnitt ab mit einem Satz, der Hoffnung macht.
„Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Egal, was wir uns überlegen, um zu helfen. Auch egal, wie gemein unseren neuen Christen mitgespielt wird – Gott bleibt am Ende Sieger. Seine Torheit ist weiser, seine Schwachheit ist stärker als jeder Mensch es je sein könnte.

Insofern ist unseren neuen Christen wahrscheinlich schon damit gedient, wenn wir sie hier im Bonhoeffer-Haus freundlich aufnehmen, ihnen unsere Ohren leihen, nicht für sie etwas tun, sondern mit ihnen etwas tun.
Heute sind wir zum Essen eingeladen. Seit gestern früh dampften die Töpfe und Pfannen. Das kann eine gute Sache werden. 
Für mich ist eine echte Freundschaft daraus entstanden.
Was für eine Torheit, wenn wir diese Gelegenheit nicht annehmen würden, die Gott uns gerade zugetragen hat!
Als würde die Nationalelf keine Lust haben, einen Elfmeter zu versenken.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

Zusammenfassung 4  Moji auf Persisch
Wir Christen haben nur eine „Scharia“. Diese lautet:
„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen.“ Und: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Deswegen, ihr alteingesessenen Christen: Ihr müsst euch beschweren. Ruft bei der Ausländerbehörde an, erzählt davon, was ihr gerade hört. Sagt ihnen, dass die Religionsfreiheit im Flüchtlingsheim nicht eingehalten wird. Gemeinsam sind wir als Christen stark!
Und ihr neuen Christen aus Persien: Lernt Deutsch, damit ihr hier gut leben könnt! Jeden Tag acht Stunden lernen sollte es sein! Damit ihr gute Berufe findet und nicht schlechte! Damit ihr die Nächsten hier versteht – und dann auch lieben könnt!
Und: Egal wie stark die Menschen sich zeigen und wenn sie euch angreifen; auch egal, wie schwach (weak) wir sind: Gottes Schwachheit (Weakness of God!) ist stärker als alle Kraft der Menschen zusammen (1 Kor 1,25)! Wir  bekommen von Gott die nötige Kraft durch Jesus Christus, unseren Herrn! Amen.


PREDIGTLIED EG 136,1-4: O KOMM DU GEIST DER WAHRHEIT

6. Sonntag nach Trinitatis 2016: Teure und billige Gnade im Sakrament der Taufe (Römer 6,1-11)

Von Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl
Gichenbacher Str. 15a
36129 Gersfeld-Dalherda

Predigt über Römer 6, 1-11 , 6. So.n. Trin., 3. Juli 2016, Bonhoeffergemeinde Fulda

Liebe Gemeinde!
Das bestimmende theologische Thema dieses 6. Sonntags nach Trinitatis ist die Taufe. Am vorigen Sonntag sind hier in der Bonhoefferkirche im Beisein der Gemeinde  einige Erwachsene getauft worden, die aus dem Iran zu uns gekommen waren. Sie empfingen die Heilige Taufe nach einer Phase des Unterrichts im christlichen Glauben. Diese Phase wurde von alters her „Katechumenat“ genannt. In der frühen Kirche sind bereits feste Taufsonntage dazu benannt, vor allem das Osterfest. Halten wir das einmal für das Verständnis des gehörten Abschnitts aus Römer 6 für uns fest.


In unseren sonst üblichen Gottesdiensten mit Taufen sind es im Unterschied zu jener Taufe von Erwachsenen nach empfangener Unterweisung doch überwiegend Säuglinge und Kleinkinder, die getauft werden, und die Fragen und Vorbereitungen auf eine solche Taufe sind schwerpunktmässig die Vorbereitungen auf ein familiäres Ereignis: 
welchen Namen geben wir als Eltern dem Kind? In welchem Alter soll das Kind getauft werden? Wer soll Pate werden? Was soll der Täufling anziehen? Wer hält das Kind übers Taufbecken? Wer spricht seine Namen aus? Gibt es eine Taufkerze? Werden Angehörige am Taufakt beteiligt? Wer macht Fotos? Welchen Taufspruch soll das Kind bekommen? Wie gestalten wir die anschliessende Feier? 
Bei der Frage nach einem schönen und geeigneten Taufspruch können Eltern heute auf die Möglichkeiten des Internet zurückgreifen; da erscheinen dann eine ganze Reihe möglicher Taufsprüche , aus der Bibel meist aus den Psalmen, denn dort geht es sehr oft um Engel, um Schutz, um Segen, um Führung, Leitung und Bewahrung. Bei den dort vorgeschlagenen Versen aus dem Neuen Testament tauchen Verse aus gehörten Kapitel Römer 6 allerdings auffälligerweise gar nicht auf, 
obwohl der Abschnitt doch die Taufe ausdrücklich benennt- im Unterschied etwa zu den Psalmentexten. Doch hat der Paulusabschnitt zugleich etwas Abschreckendes: in ihm ist mehrfach von Sterben und Tod die Rede. Passt das überhaupt zum Thema Taufe – wo doch viele Menschen mit der Taufe eher den Anfang des Lebens verbinden? –Allerdings gehören die Themen Leben und Tod, Sterben und Auferstehen sehr wohl zur Taufe, weil die Taufe genau daher und darin ihren Sinn und ihre Begründung hat. Denn die Taufe wäre geistlich ohne Bedeutung, wenn ihr Inhalt nicht gerade das wäre, was in Jesus Christus und mit Ihm geschehen ist. „Oder wisst ihr nicht,“ schreibt Paulus hier, „dass alle , die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft? So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ 
Liebe Gemeinde! Nirgendwo in seinen Briefen schreibt der Apostel Paulus mehr und genaueres über die Taufe. Wir erfahren aber auch hier nichts Verbindliches über die näheren und äusseren Umstände einer damaligen Taufe, nichts über Paten oder Gottesdienstformen, nichts über die Vorbedingungen der Taufe. Musste man z.B. erst im Glauben unterrichtet sein? Musste man vielleicht vorher eine Art Prüfung ablegen? Wie wurde die Taufe vollzogen?  Wer in der Gemeinde durfte sie durchführen? –  Wir erfahren auch nichts über die Frage, die die Christenheit bis heute brennend interessiert und sogar spaltet, nämlich die Frage, ob der Kinder-und Säuglingstaufe die Erwachsenentaufe vorzuziehen ist. Wir beachten jedoch genau die Sätze, die Paulus hier davor und danach schreibt: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind… (Und:) Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen….So haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.“ – Es ist also im Zusammenhang der Taufe und ihrer Folgen ein neuer Lebenswandel beim Getauften erschienen, weil die Sünde ihre letzte Macht über ihn verloren hat. Wenn das zentral mit der Taufe zu tun hat, so ist sie der Eintritt in ein neues und radikal verändertes Leben. Diese Vorstellung gehörte dann allerdings in der Zeit des Paulus wohl eher zur Taufe eines mündigen und selbständigen Menschen als zur Taufe eines unmündigen Kindes oder gar Säuglings. Damit ist die Säuglingstaufe nicht prinzipiell infrage gestellt, wie wir noch sehen werden. Dass der Getaufte – als Erwachsener oder als Kind – in der Taufe in eine Beziehung zu Tod und Auferstehung Jesu, zu Karfreitag und Ostern gestellt wird, das war und ist unter allen Umständen das Wichtigste an der Taufe, alle anderen Dinge in und an der Taufe sind demgegenüber entweder nachgeordnet oder sogar nebensächlich. 
Wenn wir von da aus, liebe Gemeinde, nun unseren Blick noch einmal auf die Frage richten, die die Christenheit auf bestimmte Weise in zwei Lager spaltet, diesmal nicht etwa in die Trennung von evangelisch und katholisch, sondern in die zwischen Gegnern und Befürwortern der Kinder- bzw. Säuglingstaufe. Das ist eine Trennungslinie überwiegend durch die evangelische Glaubenswelt hindurch. Und es ist eine Trennungslinie, die sich auch innerhalb einer Konfession und einer Kirche abspielen kann. So wird z.B. theologisch bis heute darüber gestritten, ob Luther ein Befürworter der Kindertaufe war oder eher nicht. Ich lasse das hier einmal offen. Auch traue ich mir nicht zu, diese Frage im Blick auf Paulus entschieden zu beantworten. Es gibt für mich zwar eine Reihe von Beobachtungen im Blick auf das Neue Testament, die für die frühchristliche Kindertaufe sprechen, – ich denke etwa an die Kindersegnung durch Jesus oder daran, dass es mehrfach heisst, dass sich jemand mit seinem ganzen Hause taufen liess –  aber das tatsächliche Vorkommen der Kindertaufe in der Urkirche beweisen kann ich damit nicht.
                                                                                                                   Die theologisch ernsthaften Vertreter der Säuglingstaufe – also die, die nicht in erster Linie vom Interesse der leichten Gewinnung von Kirchenmitgliedern geleitet werden – denken mehr von der Entscheidung Gottes für den Menschen her ; die Vertreter der Erwachsenen- und Grosstaufe denken mehr von der Entscheidung des Menschen für Gott her. Welche der beiden Positionen dem Willen Gottes und Christi entspricht, werden wir zu irdischen Lebzeiten wohl nicht mit letzter Gewissheit bestimmen können. Mir ist dabei klar, dass sich die beiden Positionen bei Missbrauch jeweils nach zwei Seiten hin an einem geistlichen Abgrund bewegen: die Gross- und Erwachsenentaufe steht in der Versuchung der Selbst- und Werkgerechtigkeit, also einer Form menschlicher Selbstüberschätzung,  und die Säuglingstaufe steht in der Versuchung und Gefahr der billigen Gnade. – Liebe Gemeinde: die Rede von Unterschied zwischen der billigen und der teuren Gnade geht ja auf Dietrich Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ von 1937 zurück. Teuer ist nach seiner Auffassung die Gnade Gottes, weil sie von Gott im Kreuz Jesu teuer erworben wurde. Genau davon spricht ja Paulus mehrfach und durchgängig hier in Römer 6. Gleich zu Anfang des Kapitels wehrt er sich gegen die billige Gnade: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde? – Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“ Und später: „ Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. (V.6) – Die Teilhabe an Christus bedeutet eben auch: ein neues Geschöpf werden, an der Auferstehung Jesu auch dadurch teilhaben, indem unser Leben neu wird. Es trägt schon die Züge des Kommenden. Das ist es, was das Neue Testament „Heiligung“ nennt. Die zu Jesus gehören, bleiben nicht einfach, was sie ohne Ihn waren. 
Was für ein gewaltiger Gedanke:  zu Jesus Christus und damit zur Familie Gottes zu gehören! Denn so gross ist ja das Geschenk Gottes der Taufe, weil Er uns darin für immer zu Seinen Kindern erklärt! Darum ist die Taufe so wichtig und unerlässlich. Eine stärkere Besiegelung unserer Gotteskindschaft kenne ich nicht. 
Ein Sakrament ist die Taufe, ein medium salutis, wie die alten Dogmatiken sagen, ein „Mittel des Heils“ . Und damit ein Mittel zum Ewigen Leben.                                                                              
                                                    
Der Vers 4 unseres Abschnitts sagt nach meiner Einschätzung das Wesentliche über das Sakrament überhaupt: „ So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Für den Theologen Karl Barth gab es überhaupt nur ein einziges Sakrament: nämlich das Geschehen des Kreuzes und der Auferstehung Jesu Christi. Denn Kreuz und Auferstehung Jesu sind der einzige reale Grund der Versöhnung zwischen Gott und uns – und damit ist der Weg zu unserem Ewigen Heil frei und offen. Das ist der erste und letzte Sinn des Sakraments. Dieses Geschehen wird uns in Gottes lebendigem Wort zugesprochen und kann von uns im Glauben ergriffen werden. Bei diesem Wort Gottes unterschieden die evangelischen Reformatoren zwischen dem verbum visibile und dem verbum invisibile, zwischen dem sichtbaren Wort und dem unsichtbaren Wort. Zu dem sichtbaren Wort gehören die Sakramente Taufe und Abendmahl. In ihnen wird dir und mir je einzeln und unverwechselbar die Gnade Gottes persönlich zugesprochen und zugesagt, die uns im Wort Gottes verkündigt wird und die wir im Glauben für uns annehmen. Darin geht es also nicht nur um eine allgemeine Glaubenserkenntnis über Gott und den Menschen, sondern es geht darum genau um dein und mein Heil , deine und meine Zugehörigkeit zu Gott und Christus. Weil das Kreuz und die Auferstehung des Sohnes ganz das Werk Gottes sind, zu dem wir ganz und gar nichts beitragen können, darum sind auch die Sakramente , in denen uns diese Gnade Gottes zuteil werden, ganz Seine Gabe und ganz Sein Geschenk. Das ist der tiefste Grund dafür , dass wir ohne Bedenken und in großer Freude Erwachsene und Kinder taufen, um ihnen die Gnade Gottes und Seinen Bund zuzusprechen. Das Wort des Herrn klingt dazu in unseren Ohren und Herzen nach: „Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“ (Mark.10,14) Und: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. – Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen.                                             

Psalm 139 (EG 754)

Lesung Evang. : Matth.28,16-20

Lieder EG:
133,1+11
444,1-5
256,1+2+5
200,1-4
200,5+6

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2016: Halbgötter und Gotteskinder – Percy Jackson und die Helden des Olymp (1. Tim 6,11-16)

Gnade sei mit euch und Friede…

Der Predigttext für den heutigen Konfirmationssonntag steht im Ersten Brief des Paulus an Timotheus im 6. Kapitel. Dort schreibt der Apostel:
11 Aber du, Gottesmensch…
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!
12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Stellt euch vor: Die alten Griechen hätten Recht gehabt!


Auf dem Olymp, dem Himmel der Götter, wohnen Göttervater Zeus und seine Frau, die Göttin Hera, sein Bruder Poseidon, der Meeresgott, der Kriegsgott Ares und wie sie noch alle heißen.
Stellt euch vor: Bis heute beherrschen diese Göttinnen und Götter die Welt, kämpfen mal gegen, mal miteinander um die Vorherrschaft, jeder Gott mit seinem Können. Zeus mit Donner und Blitz, Poseidon mit den Wogen des Meeres und dem Dreizack, Aphrodite mit Schönheit und dem Gefühl des Verliebseins.
Stellt euch vor: Bis heute würden diese Götter mit Menschenmännern und –frauen Töchter und Söhne zeugen bzw. gebären.
Und stellt euch vor: Wir Normalsterblichen bekommen von all dem nichts mit, da ein zauberhafter Nebel alles Göttliche umhüllt, so dass die menschlichen Augen nie bis zum Eigentlichen durchdringen können.

In der Jugend-Romanreihe Percy Jackson und die Helden des Olymp, von dem amerikanischen Autor Rick Riordan wird eine solche Welt beschrieben. 
(Wer kennt es? Die Filme? Nee, die taugen nicht viel – die Bücher sind der Hammer!)
Der Held der ersten Buchreihe ist besagter Percy Jackson: Ein Sohn des Meeresgottes Poseidon mit einer Menschenfrau. 
Dadurch ist er ein Halbgott, ist zwar sterblich, hat aber besondere Kräfte. So kann er z.B. unter Wasser atmen oder die Kräfte des Meeres aus wenigen Wassertropfen entfesseln, wenn er etwa gegen Monster und andere Mächte der griechischen Mythologie kämpfen muss. Gemeinsam mit seiner Freundin Annabeth, einer Tochter der Göttin der Weisheit (Athene) und anderen Halbgöttern besteht er so manches Abenteuer. 
Witzig ist, dass all die jugendlichen Heldinnen und Helden völlige Schulversager sind: Von ADS oder ADHS geplagt, sind ihre Sinne eben eher auf den Umgang mit Göttern und Helden geeicht als auf den oftmals doch recht langsamen und routinierten Schulalltag. Und dass sich die Lese-Rechtschreib-Schwäche üblicherweise in dem Moment erledigt, wenn griechische Buchstaben auftauchen, ist ein weiteres Merkmal eines Halbgottes.

Nun stellt euch vor, ihr hättet einen solchen Gott zum Vater oder zur Mutter. 
Wer wäre das? 
Was würde passen? Oder anders: Welche Eigenschaften würdet ihr Euch wünschen, die ihr von dem einen oder anderen bekommen hättet? 
Weisheit? Gastfreundschaft? Stärke? Beliebtheit?

Ach, das ist ja so eine Sache mit dem Vererben. 
Eure Eltern heute hier, das sind wohl alles nette Menschen, aber Götter sind die wohl nicht. 
Trotzdem habt ihr von denen Eure Gene bekommen und eure Erziehung; das, was Euch zu einem großen Teil ausmacht. 
Wie oft musstet ihr schon hören: Du kommst mehr nach Mama – oder Du schlägst ja sehr nach deinem Vater!
Gerade in eurem Alter ist aber Individualität gefragt. 
Einzigartigkeit. 
Gerade nicht so zu sein, wie Eure Erzeuger!
Sich abnabeln ist nun dran. 
Und dass die Eltern euch denn auch ziehen lassen, wenn die Zeit kommt.

Und da sind wir dann auch schon mitten drin in der vergehenden Konferzeit: 
Wenn ihr in dem Jahr aufgepasst habt, dann dürfte euch einiges aufgefallen sein: Etwa, dass evangelisch sein eine sehr individuelle Angelegenheit ist. 
Gerade beim letzten Treffen trat das deutlich hervor. 
–    Da will der eine oder andere von euch konfirmiert werden wegen der Geschenke – na dann mal los! So einer war ich auch damals! 
–    Da sagt die eine oder andere, dass in der Konfirmation das Bekenntnis das Wichtigste ist: Sehr schön! Es freut mich, wenn von dem Jahr mit mir und Pfarrer Pfeifer richtig was hängen geblieben ist. 
–    Und da sagt mir eine ins Gesicht: „Mich sehen Sie hier so schnell nicht wieder!“ Schade; aber auch verlorene Helden dürfen immer wieder zum Olymp zurückkehren!
Evangelisch sein ist etwas individuelles. 
Es ist etwas, das sich weiterentwickeln muss und darf. 
Mit 14 Jahren seid ihr da noch nicht an ein Ende gekommen!
Und in unserer Kirche haben die laxen Christen genauso Platz wie die ganz Frommen! 
Das dürft ihr jetzt nicht mit Beliebigkeit verwechseln! 
In der heutigen Zeit wird das unserer evangelischen Kirche ja gern vorgeworfen: Dass wir uns dem Zeitgeist anpassen, dass wir uns politisch nach dem Wind richten, dass wir das Evangelium zugunsten einer Wohlfühlreligion verschleudern würden.
Ich frage mich dann immer, wenn ich solche Dinge lese oder höre, wo so etwas erlebt wird. 
Das Evangelium der Freiheit des Einzelnen wird in den Kirchen, die ich kennen lernen durfte, meist auf höchst interessante, oft sogar vergnügliche Weise verkündigt.
Für Beliebigkeit ist kaum Platz – aber dafür umso mehr für originelle Ideen, die Jesus Christus in die Herzen der Menschen treiben, individuelle Ausformungen von Frömmigkeit.

Heute hört ihr ebenfalls deutliche Worte: 
„Aber du, Gottesmensch… (ja, damit seid ihr Getauften gemeint!)
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.“

Denn das ist die Klammer, die euch mehr mit den Halbgöttern aus der Buchreihe verbindet als ihr es für möglich haltet. Ihr habt von Jesus Christus die Befähigung erhalten, die ihr braucht, um den Kampf des Glaubens auszufechten!

Nehmt dieses aus dem heutigen Tage mit: 
Christsein, das ist eine Aufgabe.  
Und zwar eine für jeden Tag, für ein ganzes Leben, an der man wächst. 

Ähnlich wie Percy Jackson nicht gleich der größte Held aller Zeiten ist, seid ihr nicht mit der Konfession evangelisch gleich der größte Christ oder Heilige aller Zeiten!
Christentum will angewendet sein, will weiter erfahren, weiter gelernt sein. 
Christentum muss auch über die Konfirmation hinaus Gehör finden, wenn es echt ist.

Ich sage das deshalb, weil zur Zeit im evangelischen Christentum ein furchtbares Missverhältnis besteht zwischen Wissen um Inhalte einerseits 
und dem Tun dessen, was man noch so gemeinhin für christliche Werte hält andererseits. 
Wie soll man denn christliche Werte begreifen, wenn man das Wesen des Christentums nicht begriffen hat und nur noch so wenig Glaubenswissen vorhanden ist, dass man nicht mehr weiß, was Pfingsten eigentlich für ein Fest ist!?
Was sind das denn für christliche Werte, wenn am Donnerstag auf Seite 3 der Fuldaer Zeitung steht, dass in Asylbewerberheimen Christen nicht oder nur unzureichend geschützt werden? 
Ich rede davon nun immer wieder seit zwei Jahren in allen möglichen Kontexten – jetzt ist es sogar in der Zeitung angekommen.
Christliche Werte, ihr Lieben: Das ist nichts Feststehendes; auch dazu gehört Mut und Glaube, manchmal Kampfgeist.

Ihr seid mit der Taufe bereits zu Kindern Gottes geworden. 
Ihr gehört zu Jesus Christus dazu. 
Habt also nicht nur das Erbe Eurer Eltern, sondern auch die Aufgabe der Nachfolge von Jesus.

Evangelisch sein, liebe Konfis, so hat das mal einer eurer Petersberger Mitkonfirmanden ausgedrückt, ist „Religion für Faule“. 
Ja, das stimmt, da unser Glaube unglaublich viel Spiel lässt für alle möglichen Ausformungen. 
Und es stimmt, weil Evangelische glauben, dass sie ja ohnehin von Gott geliebt sind, egal, was sie tun.

Evangelisch zu sein, liebe Konfis, ist aber aus genau diesem Grunde besonders schwer! 
Weil mir eben niemand sagt, was genau zu tun ist. 
Weil es die so oft beschworenen „christlichen Werte“ doch nur in der jeweiligen Ableitung aus dem Glauben gibt. 
Die so hochgelobten Werte, liebe Konfis, die entstehen bei jedem Menschen im Gewissen stets neu. 
Wir haben keinen Apostolischen Stuhl, der uns sagt, was richtig ist oder falsch. Wir haben auch keine Scharia. 
Bibel und Vernunft müssen für uns ausreichen!
 
Wir Evangelischen sind damit eine Religion im Dauer-Ausnahmezustand:  
Keiner da, der mir dabei hilft, alles immer gleich richtig zu machen. 

Oder? 

Doch, da sind welche, die euch helfen, aber das Ausführen, das Tun, das müsst ihr schon selber machen.
Ähnlich wie Percy Jackson in der Griechischen-Götter-Welt einen großen Förderer, Unterstützer und Mentor in einem freundlichen Zentauren namens Chiron hat, bietet euch der evangelische Glaube in all der großen Freiheit viele Hilfsmittel an, wie der christliche Glauben denn gelebt werden kann.

Ich will nicht behaupten, dass ich für euch zu so einem Chiron werden könnte, dafür fehlen mir die vier Pferdehufe und etwa 3000 Jahre Erfahrung. 
Aber als einen Helfer auf dem Weg, den Glauben auszubauen, verstehe ich mich schon. 
Ich will euch gern die Hand reichen und fordere euch geradezu auf, genau jetzt weiter zu machen und euch hier in der Gemeinde noch stärker anzudocken: 
Sei es in der Jugendgruppe, beim Helfen im Kindergottesdienst oder beim Ausarbeiten der endlich in Schwung kommenden Jugendgottesdienste – auch Dank der heute hier spielenden Band „To Be Honest!“

Der persönliche Glaube ist mit der Konfirmation ja lange noch nicht abgeschlossen: 
Den Kinderglauben, den habt ihr längst hinter euch, ihr wisst nun, dass ihr auch Gott zum Vater habt. 
Es ist an der Zeit, auf dieser neuen Stufe weiter zu kommen und die nächste anzugehen. 

Große Macht steht dem Gottesmenschen zur Verfügung, der verstanden hat, dass er sich nicht bloß auf Menschen und die materielle Welt verlassen braucht. 
Ihr habt immerhin die ganze Power des Heiligen Geistes im Rücken, der nun seit zwei Jahrtausenden in die Geschicke der Christen eingreift. 
Ihr habt die Hilfe der Kirche, ihr müsst sie bloß in Anspruch nehmen wollen. 
Ihr seid Gesegnete und Heilige im Glauben an Jesus Christus.
Ihr habt das Geschenk des Ewigen Lebens. 
Ihr seid Geliebte Gottes.
Sogar der Tod muss euch jetzt nicht mehr schrecken.
Ihr werdet auferstehen!
Ihr habt die Welt Gottes erblickt, die unsere normalsterbliche Welt einschließt und mit seinen Wundern ausfüllt, wenn ihr diese Welt mit Augen des Gottesmenschen, des Gläubigen betrachtet.

Ihr solltet  wirklich nicht länger so leben, als wäret ihr ganz normale Menschen! 
Gott selber zum Vater – das ist noch mehr als bei Percy Jackson, wo die Gottheiten ja doch nur Teilaspekte der Schöpfung abbilden!

Ach, eines noch: Wendet eure Fähigkeiten unter den Normalsterblichen ordentlich an!
Wirkt Wunder!

Nutzt diese zum Guten! 
Ihr habt Worte! 
Worte, die bei anderen Wunder bewirken können.
Das Wort Gottes macht sogar Tote wieder lebendig. 

Wenn eure Worte aus dem Glauben heraus andere auch nur befähigen, ein kleines bisschen lebendiger zu sein als zuvor, dann habt ihr schon viel geschafft!
Ich wünsche mir mehr solcher Wunder. Von Euch!
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen.

11. Sonntag nach Trinitatis 2016: Das evangelische Christentum und die Religionen (Epheser 2,4-10)

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.


Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Epheserbrief im 2. Kapitel, die Verse 4 bis 10. Nach eigener Übersetzung und verschiedenen Textvergleichen lese ich die Variante der BasisBibel, die in diesem Fall nicht nur leichter zu verstehen, sondern auch wesentlich genauer aus dem altgriechischen überträgt:


4Aber Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt
5und uns zusammen mit Christus
lebendig gemacht.
Das tat er,
obwohl wir doch tot waren
aufgrund unserer Übertretungen.
– Aus reiner Gnade seid ihr gerettet! –
6Er hat uns mit Christus auferweckt
und zusammen mit ihm
einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!
7So wollte Gott für alle Zukunft zeigen,
wie unendlich reich seine Gnade ist:
die Güte, die er uns erweist,
weil wir zu Christus Jesus gehören.
8Denn aus Gnade seid ihr gerettet – 
durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft,
sondern es ist Gottes Geschenk.
9Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten,
damit niemand darauf stolz sein kann.
10Denn wir sind Gottes Werk.
Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus Jesus
hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Liebe Gemeinde, 
im Glaubenskurs mit den Iranern haben wir an einem Nachmittag eine wahre Sternstunde gehabt. Es ging um die Frage, worin nun eigentlich der Unterschied im Glauben zwischen Christen und den Angehörigen anderer Religionen liege.
Glaube sei doch Glaube, und ob ich meinen Gott nun Allah nenne oder Jesus oder HaSchem oder wie auch immer – es laufe doch auf das Gleiche hinaus.
(Das ist übrigens eine Aussage, die ich von religionslosen und kirchenfernen Menschen immer wieder höre und die mir vor Augen führen, dass es mit der religiösen Bildung in unserem Land nicht allzuweit her ist).

Wenn wir uns der Frage nach dem Glauben nähern, sollten wir uns dem Verhältnis Gott und Mensch nähern.
In allen Religionen, die mir bekannt sind, ist eines gleich:
Gott ist da oben, der Mensch ist ganz unten.
Dann gibt die Religion vor, wie ein Mensch zu leben hat. Damit verbunden ist der Winsch, dass man sich irgendwie bei Gott beliebt machen könne. Oder seine Aufmerksamkeit bekäme. Oder Wünsche erfüllt bekommt. Oder nach dem Tod in den Himmel oder ins Paradies gelangt.
Allen (mir bekannten) Religionen ist es gemeinsam, dass man diese Regeln befolgen solle – und dann klappt´s auch mit dem Himmel, dann bekommt man ein prima Gottesverhältnis.
Ich zeichne es euch mal hier auf das Flipchart:

Schaubild 1
 

Auf diese Art und Weise wird allzu oft auch das Christentum verstanden.
Gott oben, Mensch unten: gibt der Welt die 10 Gebote und das Doppelgebot der Liebe, sendet Jesus, dass man sein Herz an ihn hängt. 
Wer das tut, kommt in den Himmel, wer das nicht tut, von dem wissen diese Theologen nicht so recht, ob er nun in die Hölle kommt, oder einfach verschwindet oder was auch immer.

All denen, die das Christentum so sehen, sei nun unser Predigttext zur näheren Lektüre empfohlen. (Wir wissen heute: der Text stammt sehr wahrscheinlich nicht aus der Feder des Paulus, sondern wohl aus seinem Schülerkreis, die sich darum bemühte, die Theologie des Paulus weiter auszufeilen).

Jedenfalls geht der Text geht gleich ganz stark los: 
4Aber Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt.

Gott hat uns seine ganze Liebe geschenkt: Wir dürfen das wörtlich nehmen. Und wenn wir den Begriff „Liebe“ direkt verstehen, dann ist das doch wohl etwas mehr, als dass uns Gott gute Regeln für unser Zusammenleben gibt. 
Keine Liebesbeziehung hält durch, wenn wir die Liebe vor allem durch Regeln definieren. 
Keine Liebesbeziehung hält durch, wenn es immer nur ein „Oben-Unten-Verhältnis“ ist! Daran zerbräche jede Freundschaft und jede Ehe. Auf Augenhöhe begegnen sich Liebende!

Dann wird er in Vers 5 noch viel deutlicher:
Aus reiner Gnade seid ihr gerettet.“

Gnade, das ist auch so ein großes Wort, ähnlich wie die Liebe. 
Gnade, das ist etwas, das man dann doch nur aus erhöhter Position jemandem gewähren kann. 
Das kommt unverdient.
Etwa konnte sie in früheren Zeiten der König seinen Untertanen erweisen. 
Oder in der heutigen Zeit: eine Amnestie für Straftäter.
Die Aufnahme von Flüchtlingen in einem sicheren Land entgegen der Gesetzeslage.
Das ist Gnade.

Beim Wort Gnade wird Gott dann doch ganz oben und der Mensch – wie in Schaubild 1 – ganz unten gedacht.
Aber in dem Zusammenhang kommt nichts mit dem Abmühen des Menschen. 
Wenn es um Gnade geht, dann werden Regeln sogar völlig durchbrochen.

Und Paulus führt das aus, im 6. Vers, wenn er feststellt:
6Er hat uns mit Christus auferweckt
und zusammen mit ihm
einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!

Also in aller Deutlichkeit: 
Der Platz im Himmel ist uns gesichert: Unverdient, aus Gnade. 
Mit Gottes Liebe.
Weil Gott selber zu uns gekommen ist als Jesus Christus. 
Weil Gott das Unten und das Oben wegmacht. Er selber ist Mensch geworden.
Er ist es, der sich für jeden einzelnen Menschen abmüht!
Da müssen wir wohl mal ein zweites Schaubild anfertigen: SCHAUBILD 2
 

Ja aber wie ist das denn mit dem eigenen Tun und Wollen?
Wie ist das denn nun mit den Regeln?


Der Epheserbrief ist ganz deutlich: 
Im Vers 8 und Vers 9 wiederholt er es: 

8Denn aus Gnade seid ihr gerettet – 
durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft,
sondern es ist Gottes Geschenk.

Also: Die Grenze, sich selber Gott anzunähern (im Schaubild ist das die waagrechte Linie), die bleibt. 
Und sie kann von uns Menschen nicht durchbrochen werden. Und das ist auch gar nicht nötig, weil Gott sie eben durchbrochen hat.
Ich stelle das immer wieder gern fest: Christentum, insbesondere in seiner evangelischen Gestalt, das ist Religion für Faule. 
Wir können für unser Seelenheil, dass Gott uns annimmt, dass Gott uns gegenüber gnädig ist, dass wir in den Himmel kommen, nichts, aber auch rein gar nichts tun.

Und jetzt kommt das Dilemma des 21. Jahrhunderts: 
Paulus hat noch damit gerungen zu verstehen, wie man Gott als Jesus Christus erkennen und begreifen kann. 
Und hat mit seinen Schülern daraus dann seine Theologie entwickelt, aus der hervorgeht, das Christus uns alles schenkt.
Luther hat damit gerungen, wie man einen gnädigen Gott erhalten kann. Für den hatte erstmal Schaubild 1 gegolten!
Schaubild 2 ist aus dem Studium bei Paulus entstanden.

Und wir heute sind in einer seltsamen Situation: 
Wir können nichts tun für das Himmelreich (laut Paulus) und wir werden von Jesus unbedingt anerkannt (laut Luther):
Das führt dahin, dass die Leute sagen: „Gott, na und?“

Das ist dann die Vorstufe zu: An Gott glaube ich nicht.

„Gott, na und? Der hat mich ja doch nur lieb und alles andere wissen wir nicht.“

Das ist genau die Haltung, die viele unserer Mitmenschen momentan teilen. 
Die Angst vor dem Richtergott ist komplett verschwunden. 
Gut so!
Aber: 
Die Erkenntnis, dass Gott ein unbedingt liebender ist, führt bei vielen Menschen dazu, dass sie ihn einfach ignorieren oder sogar ablehnen.
Anders gesagt: Den Leuten ist es völlig egal, ob sie in den Himmel kommen oder nicht, weil sie entweder meinen, dass nach dem Tode ohnehin alles aus ist – oder aber Gott sie dann bedingungslos schon rein lassen wird.

Oder ist das doch nicht ganz so?
Der Deutschrapper Marteria thematisiert das in seinem Lied „OMG“  = „O mein Gott dieser Himmel, wie komm ich da bloß rein.“ 
Immerhin ist das eines der Lieblingslieder der jüngeren Generation, 37 Wochen lang belegte es 2014 Platz eins der deutschen Charts. 
Sein Lied endet ernüchternd: Auf die Frage, wie er in den Himmel kommen könnte, antwortet er am Ende selbst: 
„Egal, ich liege in ihren Armen. 
Ich lieg in ihren Armen. (Armen!)
Oh mein Gott, bin im Himmel,
sie macht mich einfach nur heeeeeiß.“ 

Keine Antwort im Song, sondern einfach nur Gleichgültigkeit, da man mit der Liebsten ein Schäferstündchen verbringt.

Oder die Leute, die mir manchmal begegnen, und vom Himmelslohn reden. Für die scheint mir, wenn das nicht eine bloße Floskel ist, Gott doch sehr wohl noch eine Realität zu sein.

Das ist so schade, weil die Realität Gottes dieser Leute eher ins Schaubild 1 passt. 
Für Evangelische ist das nicht wirklich denkbar: 
Erarbeiteter Himmelslohn.
Den hat Jesus doch schon für uns besorgt!

Aber das ist ohnehin die Minderheit. 
Die Mehrheit der Leute hat eher die Gleichgültigkeit Gott gegenüber. 
So wie vor einiger Zeit mir mal ein Konfirmand begegnete und auf die Aussage, dass man als Christ einen Platz im Himmel hat, nur antwortete: „Ja und?“

Liebe Gemeinde,
die Folge des evangelischen Christentums ist, dass sich ein Teil der vorher noch gemäß Schaubild 1 Gläubigen von Gott verabschiedet. 
Für Schaubild 2 scheinen mir die meisten Menschen keine Anwendung zu haben. Es lässt sie kalt zurück. Weckt kein Interesse.

Dabei ist die Theologie aus Schaubild 2 doch so unendlich viel tiefergehend: 
Nicht wir kleinen Menschen sind Herren des Geschehens, sondern der ewige Gott macht sich uns gleich. 
Er kommt zu uns!
Und er schenkt uns das ewige Leben.
Und er erlaubt uns, unser Leben in Freiheit zu leben ohne uns irgendwelche Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
Ja, ihr habt richtig gehört: Knüppel! Die Regeln, die manche meinen zu brauchen, das sind „irgendwelche Moralvorstellungen aus längst vergangenen Jahrhunderten. Moral ist nichts, was bleibt. Moral wendet das Mäntelchen in den Wind des gesellschaftlichen Geschmacks. Das ist keine Größe, an der ich mich abarbeiten kann.“ (WLP 6 2016,234)
Die Regeln des Zusammenlebens müssen von jeder Generation und immer wieder neu durchdacht und festgelegt werden. Aber dann doch wohl auch ohne ein ewig festgezurrtes Gesetz Gottes!

Andererseits gibt es sie ja doch: die Moral. Und auch eine durchaus christlich zu beschreibende Moral gibt es! 

Und die Leute von der Kirche, das kann man überall verfolgen, die stellen doch ständig irgendwelche moralischen Forderungen!
Woran liegt das? 
Entweder ist derjenige, der da fordert, noch im Schaubild 1 verhaftet (den Eindruck habe ich im übrigen nicht selten) – oder aber er tut einfach nur das, was der Paulusschüler selber in seinem letzten Vers 10 sagt und woraus sich wiederum eine Menge herleiten lässt: 

10Denn wir sind Gottes Werk.
Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus Jesus
hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Aus dem heraus, was Gott da für uns getan hat und tut, entsteht der Glaube. 
Plötzlich ist er da.
Glaube ist die Beziehung Gottes zu mir, in die ich nur überwältigt oder begeistert einstimmen kann.
Und dann passiert etwas, das die allgemeine Vernunft übersteigt:
Aus dem Glauben heraus richte ich automatisch mein Leben anders aus. 
Der allmächtige Gott liebt mich? 
Wow, meine Minderwertigkeitsgefühle sind wie weggewaschen! Mich Erdenwurm liebt derjenige, der Himmel und Erde gemacht hat! 
Und dieser Jesus nimmt mich an? 
Mit meinen Ecken und Kanten, mit meinen Fehlern, mit meiner eigenen Gottvergessenheit?
Wow, da kann ich ja ganz anders, viel entspannter ins Leben gehen. 
Auch wenn mich der Chef anmotzt, auch wenn meine Ehe auf der Kippe steht oder sogar gescheitert ist: Da kann ich guten Gewissens immer weiter machen und gehen. 
Und ich kann das weitergeben. 
Ich kann anderen Leuten davon erzählen. Und noch besser: 
Ich kann mich danach verhalten.

Plötzlich ergibt der liebende Gott (Schaubild 2) Sinn für mein Leben: 
Viel freier, ja erlöster kann ich mein Leben leben als vorher.
Oder umgekehrt, mit Martin Luther aus seiner Epheserbriefauslegung von vor 500 Jahren gesprochen:
„Derhalben ist es ebenso ungereimt geredet, wenn sie sagen: der Gerechte muss gute Werke tun – wie wenn sie sagen: Die Sonne muss leuchten. Der Birnbaum muss gute Früchte tragen, Gott soll gute Werke tun, drei und sieben müssen zehn sein; da doch dies alles mit innerlicher Notwendigkeit aus der Sache folgt. Dass ich´s noch klarer sage: Dies alles folgt mit Notwendigkeit von sich aus und aus seiner Natur. (…) Der Gerechte tut von sich aus gute Werke. Die Kreatur tut, was sie tun soll!“ (Luthers Epistelauslegung 3. Epheserbrief, 1973, S. 13.)

Den Iranern, die sich hier haben taufen lassen, unterstelle ich, dass sie das größtenteils gespürt haben. Und deswegen gern hierher kommen.
Ich frage mich aber, wie wir dahin kommen können, dieses Gespür der Mehrheit unseres Volkes zurückzubringen.
Wenn dann doch wohl allein mit Zuversicht: 

Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

1. Weihnachtstag 2015: Gotteskinder (1. Joh 3,1-3)

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen. 
Amen.

Der Predigttext für den heutigen Weihnachtsmorgen steht bei 1 Joh 3,1-3.
1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.


1.    Einleitung: Gotteskindschaft: Noch nicht offenbar
Liebe Gemeinde,
das ist also die Weihnachtsbotschaft 2015: Ihr seid Gottes Kinder! 
Aber das Kind liegt doch in der Krippe, Maria und Joseph stehen dabei, die Hirten kommen, die Engel singen in der Nacht, später treten dann die Weisen aus dem Morgenland dazu: 
Das Kind Gottes ist doch eng verbunden mit dem Krippenbild, mit dem göttlichen Kind, mit Jesus von Nazareth.
Nicht so sehr mit uns!
Wir dürfen uns heute Morgen aber aus dem 1. Johannesbrief sagen lassen: 
„Ihr seid Gottes Kinder!“
 
Es ist zwar, so räumt der Schreiber ein, noch nicht offenbar, was das nun im Einzelnen heißt, aber ihr seid es. 
So geht es plötzlich gar nicht mehr um das Kind in der Krippe, sondern um uns!
Schauen wir da hin: auf uns!

2.    Das Wort ward Fleisch: Gotteskindschaft an der Krippe
a)    Weihnachtschmuck allüberall
Viele von uns haben ihre Wohnungen in den letzten Wochen kräftig geschmückt. 
Engelchen und Kerzen fehlen in fast keiner Wohnung. 
Weihnachtsbäume stehen in den Wohnzimmern, 
Sterne hängen von den Zimmerdecken, Fensterbilder strahlen nach außen wie nach innen. 

Weihnachten ist eine ungebrochene Tradition unserer säkularisierten Welt. 

Sogar eine Freundin von mir, eine atheistische Weihnachtshasserin, hat sich für ihre sechsjährige Tochter dieses Jahr darauf eingelassen, beim Weihnachtstrubel mitzumachen.  
Ihre Tochter durfte beim Krippenspiel in der Schule hoch im Norden Deutschlands ein Engel sein. 
Weihnachtskekse wurden gebacken. 
Sogar ein Weihnachtsbaum wurde angeschafft.

Weihnachten ist für solche Leute am ehesten ein Lichter- und Familienfest, das begangen wird, um Familie zu besuchen oder sich besuchen zu lassen. 
In der dunkelsten Zeit des Jahres: Machen wir es uns hell, warm und gemütlich!

Gotteskindschaft sieht anders aus.

b)    Fest der Bescherung
Oder die letzten Tage in der Stadt. Geschenke einkaufen. 
Selbst der griesgrämigste Typus Mensch wird meist hineingerissen in die Welt des Schenkens und Beschenktwerdens zur Weihnachtszeit, wie etwa der fürchterliche Ebenezer Scrouge ind er berühmten Geschichte von Charles Dickens. 

Es ist nicht einfach, sich dem zu entziehen. 
Und es ist ja auch eine sehr schöne Tradition!
Wir haben bei uns daheim die Regel: Innerfamiliär wird geschenkt wie man will, außerfamiliär möglichst nicht, aber dies wiederum abgesprochen mit den Freunden. 
Das ist kompliziert. 
Man will ja auch nicht als lieblos dastehen!
Aber auch: Keine Geschenke, die nicht unbedingt nötig sind!

Es artet sonst in Weihnachtsstress aus – und es ist nicht schön, wenn wir es mit Kalt Valentin halten müssen und konstatieren: 

„Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger!“

Geschenke stehen für einen etwas anderen Weihnachtsfest-Typus: 
das Bescherfest. 
Und selbst wer keinen Weihnachtsbaum hat, aufs Schmücken verzichtet und nicht einen einzigen Weihnachtsgottesdienst besucht, der macht statistisch gesehen mit!
Wir haben es Luther zu verdanken, der dem Heiligen Nikolaus das Geschenkebringen wegnahm, da auch die Heiligen schließlich in ihren Gräbern bis zur Auferstehung warten müssen und man den Kindern doch bitte keinen Unsinn erzählen solle. 

Er meinte: 
Das größte Geschenk ist nunmal die Wahrheit, dass Gott in Jesus Christus Gestalt angenommen hat – 
und dies solle man den Kindern doch dadurch beibringen, dass man ihnen Geschenke schenkt.  
Und dazu dann von dem größten Geschenk, nämlich von Jesus selbst, erzählt. 

Ich kann nicht in die Herzen der Menschen schauen, aber ich behaupte: 
So, wie viele von uns in den letzten Tagen Geschenke zusammengeklaubt haben, eingekauft haben, online bestellt haben (das mache ich besonders gern), verpackt haben, hat das mit der Gotteskindschaft, wie sie dem Briefschreiber Johannes vorschwebt, nur in Ausnahmefällen zu tun.

Gotteskindschaft sieht anders aus!

c)    Die Weihnachtskrippe
Versuchen wir es mit der biblischen Tradition selber, nähern wir uns unserer eigenen Gotteskindschaft über die Weihnachtserzählungen des Neuen Testaments! 
Anhand derer können wir eine Menge über uns selbst erfahren!

Die Weihnachtskrippe steht für einen Anfang: 
Den neuen Anfang, den Gott gemacht hat, indem er Mensch wurde. 
„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ aus dem Johannesevangelium ist dafür der entscheidende Satz. 

So verstanden ist dann also weniger die Geburt, als vielmehr das ganze irdische Leben dieses Jesuskindes für uns von entscheidender Bedeutung! 
„Es wohnte unter uns.“ 

Weihnachten ist allein der Moment, wo alles für uns sichtbar beginnt.
Aber unsere eigene Gotteskindschaft, die beginnt ja auch irgendwo! 
Und dies sind meist bedeutende Zeiten im Leben:
–    Ich denke an meine Eltern, die mir erste Schritte des Glaubens beigebracht haben. Die mich – obwohl eigentlich völlig säkular denkend – haben taufen lassen. 
–    Ich denke an meine Religionslehrer, die sich größte Mühe gaben, mir ein Bewusstsein für das Christentum in einer Welt zu vermitteln, die dem Christentum zunehmend gleichgültig bis ablehnend gegenüber steht.
–    Ich denke an mich im Konferunterricht und dem einen Jahr, das ich mit meinem Pfarrer Dienstag für Dienstag hatte. Ein gutes Jahr.

Das war sozusagen meine persönliche Krippenerfahrung, der Beginn meiner Gotteskindschaft: 
Vater und Mutter, drum herum die unterschiedlichsten Gestalten:
Die drei Weisen vielleicht die Relilehrer und der Pfarrer, 
die Hirten meine Paten, 
andere Menschen, meine Freunde, Bekannte, 
eine Menge Engel dazu, die mich auf das Gleis gestellt haben, auf dem ich nun fahre. 
Ochsen, Schafe und Esel meine ich übrigens im Leben auch schon genug getroffen zu haben. 
Aber davon kann es ja, wie man bei unseren Krippenspielen lernt, nie genug geben!

Gute und schreckliche Erfahrungen gemacht, Licht und Dunkel ertragen und gefeiert; 
die Krippe kann so behaglich sein – sie muss nicht der Ort der Flucht, der Vertreibung und der Kälte sein. 
Das ist allein ein gern gehörtes Gerücht unserer Tage, das uns statt zum Glauben in die Sentimentalität zieht, die für das Ereignis der Geburt unseres Herrn absolut nicht angemessen ist.

Also: 
Mit der Krippe ist ein Anfang gemacht! 
Aber wenn wir ehrlich sind: Gotteskindschaft sieht doch noch einmal anders aus!

3.    Gotteskindschaft in der Nachfolge 
Johannes wird in seinem Brief an uns am Weihnachtsmorgen konkret: 
Er sagt: 
„es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein.“

Wie und was die Gotteskindschaft genau und im Einzelnen für dich und für mich bedeutet, ist noch nicht raus, ist noch nicht klar. 

Es ist nur soviel deutlich: 
Wenn das Ende der Zeiten anbricht, dann werden wir klar sehen, dass wir Jesus selbst in unserer Gotteskindschaft gleichen.
Wir sind dann ihm ähnlicher als wir uns das heute vorstellen können, mit all unseren Macken, unseren Fehlern, unseren Eitelkeiten und was es dergleichen mehr noch gibt!
Das heißt aber auch noch etwas anderes: 
Einen Teil der Offenbarung, was es bedeuten mag, ein Kind Gottes zu sein, haben wir sehr wohl: 
Es liegt klar zu Tage, denn es ist Jesus selber. 

Ihm nachzufolgen, das ist die wahre Gotteskindschaft!
Das heißt als allererstes: Aus Glauben heraus leben. 
Egal ob ich am Arbeitsplatz bin oder mich zu Hause in der Familie befinde, allein oder mit anderen: 
Was ich tue, das tue ich im Bewusstsein, dass Gott selber mir ganz nahe ist und mich als sein Kind annimmt. 

Dann bedeutet es als nächstes: 
Auch derjenige, dem ich begegne, könnte ein Kind Gottes sein! 
Ich behandle ihn/sie also so, wie ich selbst behandelt werden möchte – ja noch mehr: 
ich versuche und bemühe mich darum, mein Gegenüber so zu behandeln, wie ich mich selbst liebe – als Kind Gottes! 
Das klappt nicht immer, das weiß ich selbst. 
Mir fällt es zwar recht leicht, Fehler einzusehen und mich bei anderen zu entschuldigen. 
Zu versuchen, Dinge wieder gut zu machen, wenn ich mal Mist gebaut habe. 
Das geht schon ganz gut.

Aber es fällt mir wahnsinnig schwer, anderen zu verzeihen. 
Wer mich einmal schlecht behandelt hat, dem gebe ich so schnell keine zweite Chance. 

Doch genau darauf käme es dann an, wenn Gotteskindschaft ernsthaft gelebt werden will! 
Falle ich, fallen wir dann also aus der Gotteskindschaft heraus, wenn wir ein nicht so heiliges Leben führen, wie ich es gerade verlange?

Nein! 
Denn mit der Taufe haben wir die Gewissheit, dass wir von Gott als seine Kinder angenommen werden. 
Ohne Bedingung.

Wie ein Vater seine Kinder liebhat, selbst wenn sie den ganzen Tag nur Unsinn im Kopf haben, so nimmt er uns als seine Kinder an. 
Aber wie ein Vater sich freut, wenn seine Kinder keinen Unsinn treiben, sondern liebevoll miteinander umgehen, so freut sich auch Gott an uns, wenn wir Jesus nachfolgen und ihn und sein Wort Ernst nehmen.

Gotteskindschaft heute, das heißt: 
Seid weihnachtliche Menschen! 
Schmückt nicht nur Eure Wohnungen weihnachtlich, sondern lasst euch von Gott selbst schmücken. 
Geht nicht nur in den Gottesdienst, sondern nehmt Gott und den Gottesdienst mit nach Hause!
Schenkt nicht allein verpackte Geschenke, sondern schenkt der Welt eure Liebe!

Er freut sich an Eurem Schmuck, der eure Augen leuchten lässt. 
Er freut sich an eurem Glauben, der aus eurem Herzen strahlt.
Er freut sich an Eurer Liebe, die den Nächsten bedenkt und beschenkt.

Und wir? 

Wir dürfen uns freuen über die Liebe Gottes, 
die höher ist als all unsere Vernunft, 
und die unsere Herzen und Sinne in Jesus bewahrt, dem Kind in der Krippe und dem Christus der Welt.
Amen.

15. Sonntag nach Trinitatis 2015: Das Reich Gottes in dieser Welt (Mt 6,25-34)

Von Pfarrer Marvin Lange

PREDIGTTEXT MT 6,25-34
25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.


29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

1.    Einstieg: Konfirmationsfrage (Was werden wir essen/trinken/anziehen?)
Liebe Gemeinde,
in unserem Text aus der Bergpredigt geht Jesus auf die drei entscheidenden Frage ein, die die meisten Eltern von Konfirmanden ungefähr ab jetzt umtreibt:
Was werden wir essen? 
Was werden wir trinken? 
Womit werden wir uns kleiden?

Die Suche nach dem passenden Restaurant, die Diskussionen mit den Jugendlichen, ob eher Schweinemedaillons in Safransauce oder American Burger, nehmen in vielen – wenn nicht den meisten Familien – einen breiten Raum ein.
Dann die elenden Diskussionen um die Getränke: Wieviel darf eine vierzehnjährige Konfirmandin „schon“ trinken – ab der Konfirmation mache man das doch so, dass da ein oder auch ein paar Gläschen in Ordnung seien.
Und die Debatten darüber, warum man sich einen Anzug kaufen soll und nicht unbedingt mit Flipflos in den Gottesdienst einziehen sollte, weswegen das Kleid nicht ganz so kurz sein darf (weil ihr knien müsst und dann sieht man von hinten möglicherweise mehr als ihr möchtet) oder warum man ganz einfach das gebrauchte Kostüm der großen Schwester nehmen soll, obwohl man doch so schön shoppen gehen könnte.

Ich selber verstehe diese Fragen und mache sie mir selber oft und stark zu eigen. 
Bald feiern wir einen Geburtstag: 
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

Und was sagt Jesus dazu?
Die Antwort fällt vernichtend aus. 
Nach all dem trachten die Heiden.

Wir sind nicht in besonders guter Gesellschaft, wenn wir das so tun. 
Wir sind Menschen – beide: Heiden und Christen!
Aber der feine aber am Ende doch gewaltige Unterschied ist: 
Heiden sind gottlos – Christen nicht. 

Wenn Jesus also sagt, wir seien im Trachten danach wie die Heiden, dann wirft er uns vor, dass wir etwas Entscheidendes vergessen hätten.
Nämlich Gott selber.

Kann es aber sein, dass Jesus uns den völligen Verzicht auf solche Fragen empfiehlt?
Eine Party muss doch gut vorbereitet werden! 
Eine Konfirmation will sorgfältig geplant sein!
Und die Frage nach Essen/Trinken/Kleidung stellt sich doch unmittelbar, spätestens dann, 
wenn man weder das eine noch das andere hat. 

Es wird uns dieser Tage ja wieder vorgeführt, wenn ich lese und höre, dass es den vielen Flüchtlingen an Kleidung, vor allem an Schuhen, mangelt.

Ich will dem von einer anderen Seite nachgehen!

2.    Meine Zigeunerbegegnung (Nahrung und Kleidung)
Donnerstag war ich mal wieder einkaufen. Schon auf dem Parkplatz wurde ich beäugt von außerordentlich schlecht gekleideten Menschen aus Südosteuropa. 
Schmuddelig und schief grinsend schauten mich eindringlich an, was mich stark befremdete. 
Na, es könnten Flüchtlinge sein, wer weiß, andere Kultur, wir sind hier ja Willkommenskultur, also lächelte ich sie schüchtern an. 

Während ich meinen Einkaufswagen in den Supermarkt schob, sprach mich auch schon der erste an, indem er mir einen Zettel zeigte auf dem irgendetwas stand. 
Jedenfalls wollte er Geld von mir.
 
Ich wurde ihn rasch wieder los indem ich den Kopf schüttelte. 
Und irgendwie nervös war dabei. 
Sonst machen mir Bettler keine Angst.

Auf einmal merkte ich, dass um mich herum, allerdings noch in ordentlichem Abstand, bestimmt fünf oder sechs dieser Typen zu sehen waren. 
Während der eine mich noch angrinste, drückte sich plötzlich ein anderer an mir vorbei. 
Ich drückte dagegen mein Portemonnaie dichter an mich und fühlte mich zunehmend unwohl. 

„Das ist so eine südosteuropäische Diebesbande, vor denen manchmal gewarnt wird und die man früher einmal ungestraft Zigeuner nennen durfte“, schoss es mir durch den Kopf. 
Das darf man heute ja nicht mehr sagen. Das ist politisch inkorrekt. 

Aber egal: Die haben es auf mich abgesehen.

Es ist alles gut gegangen. 
Mir wurde nichts gestohlen. 
Noch ein paarmal wurde mir seltsam grinsend zugenickt, dann haben  sie von mir abgelassen.
Worauf will ich hinaus?

Diese Leute sorgen sich lang- und mittelfristig weder um Nahrung, noch um Getränke noch um Kleidung.
Die Kleidung war denkbar schlecht, überhaupt war das Äußerliche so, dass man es nicht nur sah, sondern auch roch: Hier kommt jemand sehr armes.
Und Nahrung und Trinken finden sich schon kurzfristig. 
Sei es durch einen Spender, sei es durch einen Diebstahl, dem ich zweifellos beinahe zum Opfer gefallen wäre.

Also die Sorge um Essen und Trinken und Kleidung: 
Empfiehlt es Jesus, sich so wenig darum zu scheren wie diese rumänische Bande? So dass erst dann, wenn der Magen knurrt oder die Kehle trocken ist, man auf einen raschen Raubzug geht?

Ich bin mir sicher, dass so etwas der Herr nicht gemeint haben kann!
Es würde ja bedeuten, dass man gegen Gottes Ordnung verstoßen müsste. 
Du sollst nicht stehlen. 
Nicht begehren. 
Wie meint er es also?
Muss man sich dennoch sorgen, obwohl er sagt, wir sollten das lassen?

Ich nähere mich der Antwort mit einer Überlegung über die Flüchtlinge hier in der Zeltstadt: 

3.    Ein Wort zu den Flüchtlingen (Aufforderung das Reich Gottes zu sehen, das diese in Deutschland sehen!)
Es sind da ja Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten untergebracht. 
Da sind gebrochene Menschen des syrischen Bürgerkriegs neben sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen neben Somaliern neben Afghanen und anderen.
 
Muslime, Christen, Jeziden, Atheisten. 

Bunt durcheinander gewürfelt und sich leider auch nicht immer grün.

Ich will bei den Kriegsflüchtlingen und politisch Verfolgten bleiben. 
Als diese weggegangen sind, geflohen sind, ging es ihnen um Leib und Leben, Hab und Gut.
Viele sind nur mit einem Rucksack unterwegs, ein Bündel Geld, das sie den kriminellen Schleusern abliefern mussten, um hierher zu kommen. 
Haus, Besitz, alles zurückgelassen. 
Diejenigen, die ich kenne, waren keine armen Leute, bevor sie hierhergekommen sind.

Sie kennen das alles.
Aus den Zeitungen.
Aus den Nachrichten.
(Hoffentlich hat der eine oder andere mittlerweile auch Kontakt zu Flüchtlingen. Nur durch echten Kontakt mit uns ist Integration möglich.)

Was trieb die Flüchtlinge ursprünglich an? 
Das Überleben. 
Mehr erst einmal nicht.
Und dann die Vision eines gelobten Landes. 
Des Paradieses. 
Wohin gehen, um zu überleben?

Den Ländern Mittel- und Nordeuropas, wo es kaum Gewalt gibt, wo Polizisten dein Freund und Helfer sind, wo man sogar ohne Arbeit gut leben kann, wo man für seine Kindern beste Ausbildungen erhält, wo es immer genug essen für alle gibt. 
Wo man trinken darf, was und wann man will, 
wo Kleidung wenn nicht kostenlos, 
so doch fast umsonst zu bekommen ist. 
Wo man freundlich empfangen wird.

Das ist ein gutes Ziel um zu fliehen! 
Ein besseres als alle anderen!

Ich würde mich auch auf den Weg zu uns machen, wenn ich ein vertriebener Christ aus Mossul wäre. 
Ich würde alles in Bewegung dafür setzen, mit meiner Familie hierher kommen zu dürfen. 
Alles gäbe ich dafür, mein Leben, das ohnehin ständig auf dem Spiel steht, würde ich als Einsatz in die Waagschale werfen.
Meine Kinder könnten es so einmal besser haben als ich es hatte!

Ihr Lieben, hier bei und ist tatsächlich das Reich Gottes bereits so sehr verwirklicht, dass wir es für selbstverständlich halten und gar nicht mehr merken, in was für einer großartigen Zeit in was für einem  großartigen Land wir leben.
Das merken nur diejenigen, die darauf schauen!

Bloß: Wie manche den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, so sehen bei uns so viele nicht mehr Gott vor lauter Reich Gottes um uns herum.

Dürfen wir es also Menschen der Bürgerkriegsländer verübeln, wenn sie sich hierher auf den Weg machen?
Kurz ist die Antwort: 
Nein – das dürfen wir nicht. 
Das Reich Gottes ist der Ort, den wir Christen anstreben. 
Und unser Land ist der Ort, den Flüchtlinge zum Teil für diesen Ort halten.
Dass dem nicht so ist und das Paradies von uns noch immer unendlich weit fort ist, das wird den meisten ja recht schnell klar – spätestens bei brennenden Heimen, aber auch schon wenn die Nächte in den Zeltstädten bald ungemütlich werden oder die Gewalt der konfliktbeladenen Länder zu uns hierher importiert wird und sich entlädt.

Doch die Vision des Reiches Gottes der Flüchtlinge kann für uns zum Schlüssel der Aufforderung Jesu werden. 
Denn: Das Reich Gottes ist die Antwort.

Doch zunächst ein Gegenbeispiel, 
eine Realsatire.

4.    Nur um sich selbst kreisen
„Katja ist Mitte dreißig und weitestgehend sorgenfrei. 
Jedenfalls was Sorgen für andere angeht. Für sich selbst sorgt sie sehr. 
Ihre Arbeitsstelle hatte ihr noch nie sonderliche Freude gemacht. 
Da traf es sich gut, dass sie schwanger wurde, dann in den Mutterschutz gehen konnte und nun erst einmal eine Weile zu Hause bleiben kann – 
mit sich und dem Kind, während ihr Mann arbeitet. 
Katjas Tage sind ausgefüllt mit Gedanken über sich und ihr Kind. 
Haushalt ist ihr zu anstrengend, muss sie doch auf ihr Kind achtgeben. 
Meist frühstückt sie spät oder sie geht essen. 
Einkaufen und Wäsche erledigt ihr Mann; sauber macht die freundliche Dame aus Kasachstan. 
Wenn sonst noch etwas Gewichtiges zu tun ist, kommt ihr Vater aus 200 km Entfernung angereist. 
Das Enkelkind lockt ihn mehr, als er die lange Fahrt und Rückfahrt fürchtet. 
Als jemand sie um eine kleine Hilfe bittet, kann sie gerade nicht, will spazieren gehen. 
Verspricht aber, später zu kommen. Kommt dann zu spät. 
Alle sorgen sich um Katja, und die sorgt sich um sich und um sonst nichts. 
Es gibt Tage, da weiß sie auf Anhieb nicht, was sie tun könnte. 
Dann fragt sie sich am Morgen: 
Was könnte ich mir heute mal Gutes tun? 
Kosmetikerin? 
Thai-Massage? 
Frühstücken im Café mit anderen Müttern? Es wird sich finden. 
Es findet sich immer. 
Katja ist sorglos, was andere Menschen angeht. 
Und sehr besorgt, was sie selbst angeht. Ihr ganzes Bestreben geht in eine Richtung: 
die eigene. 
Deswegen hören ihre Sorgen nie auf. Zufrieden kennt man sie nicht. 
Je sorgloser sie gegenüber anderen ist, desto besorgter wird sie um sich selbst.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)

5.    Mein Kalender und das Sorgen um den Nächsten Tag (der morgige Tag wird für das Seine sorgen!)
Noch einmal zum Predigttext zurück:
„Zunächst erscheint der Text – paradoxerweise – wie eine Überforderung. Wie soll das gehen – sich nicht zu sorgen? Vielleicht nicht um Essen, Trinken und Kleidung, davon haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft genug. Aber um den Arbeitsplatz, um die Gesundheit, um die Kinder? 

Es gibt genug Grund zur Sorge im Leben. Auch der Vergleich mit den Vögeln und den Lilien hilft wenig weiter. 
Es ist ja Segen (und manchmal vielleicht auch Schicksal?) des Menschen, dass er planen und Vorsorge treffen kann.

Ich glaube, ein Schlüssel zum Verständnis liegt im letzten Vers: 
Sorgt nicht für morgen … 

Ich kenne das von mir: 
Dass die Zukunft – was muss ich organisieren, was kann alles schiefgehen, wie werde ich mich dann verhalten? – 
mich vom Jetzt ablenkt. 

Gedanklich lebe ich viel zu oft im Morgen und verpasse damit eine große Chance: Gott zu begegnen. 

Gottes Nähe kann ich immer nur im Heute erfahren, in dem Moment, in dem mich etwas quält, in dem mich etwas freut, jetzt. 

Jesus will uns nicht überfordern, sondern entlasten: 
In seiner Gegenwart werden Sorgen leichter. 
Er gibt noch einen Hinweis im Umgang mit den eigenen Sorgen: 

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. 

Das sagt mir: 
Mach’ die Sorgen deines Nächsten zu deinen eigenen.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)
Also: 
Suche die Flüchtlinge auf, die jetzt hier sind – egal, ob du die Flüchtlingspolitik unserer Regierung für  richtig oder für falsch findest! 

Bleibe nicht nur bei dir selbst stehen!

Benenne aber auch das Falsche beim Namen – unerschrocken und ohne Rücksicht auf die Verdreher der Wahrheit! 

„Wer sich um den Nächsten sorgt, dessen eigene Sorgen werden kleiner.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)

Und der darf dann auch gern gemeinsam in der Familie drüber nachdenken, was am besten an der Konfirmation aufgetischt wird und was für Kleidung für die nächste Party am angesagtesten ist.

Amen.
Und der Friede Gottes….


LIED NACH DER PREDIGT EG 182,1-6: SUCHET ZUERST GOTTES REICH IN DIESER WELT

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2015: Die Tribute Christi: Joh 14,23-27

Autor: Pfarrer Marvin Lange

Einspieler Lied: The hanging tree – rebel remix
„Are you, are you, 
coming to the tree
Where I told you to run 
so we’d both be free.
Strange things did happen here, 
no stranger would it be
If we met at midnight 
in the hanging tree.“


    „Kommst du, kommst du, 
kommst du zu dem Baum,
    Wohin ich dir riet zu fliehen 
und uns zu befreien?
    Seltsames trug sich hier zu, 
nicht seltsamer wäre es,
    Träfen wir uns um Mitternacht 
im Henkersbaum.“


Ein Hit ist es geworden, dieses Lied von James Newton Howard, das gesungen wird von Katniss Everdeen in der großen Trilogie „Die Tribute von Panem“. Platz 1 der Charts im Januar, wochenlang.
Die Geschichte um die Hungerspiele, bei denen in einer mörderischen Diktatur Jugendliche gegeneinander bis zum Tod bekämpfen müssen, hat mich von der ersten Filmminute an begeistert. 
Hat´s jemand von Euch gelesen? Ich habe nur die Filme geguckt – aber auch diese haben es in sich!
Es ist eine unbestimmt ferne Zukunft in einem Amerika, das durch innere Kriege und Katastrophen geeint wird von einer Diktatur. Präsident Snow regiert vom Kapitol aus in den Rocky Mountains zwölf Distrikte. Die Menschen in diesen Distrikten werden unfrei gehalten wie Sklaven und müssen für das Kapitol arbeiten, damit die Einwohner dort ihren extravaganten Lebensstil erhalten können. Als Höhepunkt des Jahres wird ein großes Filmfestival abgehalten, bei dem Jugendliche aus jedem Distrikt in einer Arena wie bei den römischen Gladiatorenspielen gegeneinander antreten müssen. Von den 24 Tributen, wie diese Jugendlichen heißen, darf nur einer siegreich heimkehren. 
Panis et circenses – so hieß das früher in Rom – Brot und Spiele für Massen. Und so heißt das Land Panem, also Brotland, in ständiger Erinnerung daran, dass nur mit dem Kapitol, nur unter der Diktatur, für alle genug Brot vorhanden ist. 
Das ist freilich Blödsinn: Die Diktatur des Kapitols führt zu einer entsetzlichen Mangelwirtschaft, bei der es nicht genügend Brot gibt. Die Menschen schlagen sich irgendwie durch, gehen in die Wälder wildern, handeln das wenige, das sie haben auf dem Schwarzmarkt. 

Dafür gibt es um so mehr circenses, also Spiele. 
Mörderische Spiele, mit denen die Menschen in Angst und kleingehalten werden sollen.
Es ist trotz der medialen Ausleuchtung eine finstere Welt, in der die Tribute von Panem spielt. Jugendliche, zum Teil Kinder werden zum merkwürdigen und zweifelhaften Vergnügen der Mächtigen in diesem schaurigen Ritual der Hungerspiele ermordet.

singen:
Are you, are you
Coming to the tree
They strung up a man
They say who murdered three.
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree.

Doch die Stimmung im Lande kippt. 
Der Drang nach Freiheit im Menschen ist einfach zu groß. Bei der Bestimmung der Tribute für die 74. Hungerspiele fällt das Los auf die 12-Jährige Primerose. Die größere, 16 Jahre alte Schwester Katniss erträgt den Gedanken daran nicht, dass ihre kleine zarte Schwester als Tribut in der Arena geopfert wird und meldet sich freiwillig an ihrer Stelle. 
Da die Welt in Panem eine Medienwelt ist und alles, wirklich alles, für Show-Zwecke vermarktet wird, erleben die armen Einwohner der 12 Distrikte, wie sich diese junge Frau freiwillig meldet und sich damit voraussichtlich selbstlos opfert. 
Und während viele ihrer Gegner im Verlauf des Spiels zu brutalen Mördern werden, nur um ihre eigene Haut zu retten, spielt Katniss in diesem Spiel von Gewalt und Gegengewalt nicht mit, sondern sucht nach einem Ausweg aus der Spirale der Gewalt.
Dies stachelt die über Fernsehen zuschauenden Menschen an, eine Rebellion zu starten – zunächst friedlich, später dann aber zunehmend auch mit Gewalt…

Ich will jetzt gar nicht weiter erzählen, sonst droht hier Spoiler-Gefahr – die, die es nicht kennen: Schaut es euch einfach an und urteilt selbst!

Jesus sagt: 
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Für mich hat diese Trilogie einen hohen cineastischen Stellenwert, weil in ihr etwas vorweggenommen wird, das ich für nicht so unwahrscheinlich halte. 
Es der Kampf um die Freiheit im postdemokratischen Zeitalter. 
Es ist in den Medien in aller Munde: 
Wir leben in einem medial bestimmten Zeitalter der Schwärme, der Shitstorms, der uns bestimmenden Werbeindustrie (ohne dass wir ´s merken) – inwieweit sind wir selbst frei, uns für das eine oder das andere zu entscheiden?
Bei den Tributen von Panem ist des Effie Trinket, die aufgesetzte Moderatorin, die diese Kunstwelt der Medien völlig übertrieben repräsentiert. 
Geistlos, oberflächlich, überschminkt. 
Sie hat ein gutes Herz, ja, aber sie kommt aus der medialen Rolle, die sie angenommen hat, einfach nicht mehr raus! 
Sie ist nie sie selbst. 
Niemals.

Inwieweit sind wir eigentlich noch Konsumenten und nicht selber schon das Produkt? Bei Google, bei Paypal, bei Facebook, da sind wir das schon längst: Scheinbar Konsumenten, die Dienstleistungen abrufen, in Wahrheit aber Produkte, die weiter vermarktet werden. 

Bei den Tributen von Panem ist die entsprechende Vermarktung, das „sich selbst zum Produkt machen“, sogar überlebenswichtig. 
Katniss und Peeta, die beiden Hauptdarsteller, wären nie so erfolgreich gewesen, wenn sie nicht von Stylist und Modedesigener Cinna entsprechend in Szene gesetzt worden wären. 

Einfach werbewirksam: „Das Mädchen, das in Flammen steht.“ 
Aus den Kohlegruben des 12. Distrikts ins Kapitol. 
Katniss, der brennende Todesengel. 

Das macht Quote, das verspricht Einkünfte. Schade, dass sie wahrscheinlich dabei sterben wird.

Und: Wie stark ist unser Spielraum für die politische Mitbestimmung in unserer repräsentativen Demokratie?  Sind wir schon im postdemokratischen Zeitalter angelangt?
Im Film mach sich Präsident Snow die mediale Inszenierung und Manipulation zu Eigen. 
Wenn Menschen manipulierbar sind, denkt er, dann sollte man das auch nutzen – zu seinen Zwecken. 
Wir sind noch nicht so weit hier bei uns, da hat Russland und Präsident Putin gerade eine traurige Vorreiterrolle in Europa, aber auch bei uns gibt es Tendenzen, die Menschen zu formen und zu manipulieren.
„Nudging“ heißt das heute bei uns, anstoßen, anschubsen. 
Das ist ein neues Programm der Bundesregierung, uns Anstöße zu geben, was gut für uns ist. Es wurde meist positiv, teilweise begeistert aufgenommen.
Mich überrascht das sehr.
Seit wann weiß denn der Staat, was für mich gut ist?
Ja weiß das denn jemand, was für mich gut ist? 
Ich habe zwar nichts gegen sporttreibende Vegetarier, die ihre Kinder früh in den Ganztagskindergarten mit ökologischer Früherziehung bringen, aber ist es nötig, dass der Staat mich in diese Richtung „nudgt“, also: schubst?
Vielleicht mag ich ja lieber anders leben?
Die Freiheit, so zu sein, wie man es selbst bestimmt und möchte, geht durch solche Maßnahmen mittel- und langfristig verloren. Und wir merken´s nicht einmal.

singen:
„Are you, are you, 
coming to the tree
Where I told you to run 
so we’d both be free.
Strange things did happen here, 
no stranger would it be
If we met at midnight 
in the hanging tree.“

Wie ist das denn nun für euch Konfis?
Ich behaupte: Das Christentum setzt etwas dagegen, gegen jede Fremdbestimmung. Gegen jede Form der Diktatur, gegen jede Form der Hirnwäsche.

Jesus setzt einen drauf. Er sagt: „Gott schickt euch einen Tröster, den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Abgesehen davon, dass ein Tröster gerade hier im Rhöner Land noch eine etwas andere Bedeutung hat, sind diese Worte der Gegenpol zu dem, was uns heute oft eingeredet wird, wie wir zu leben hätten.
Es ist das Angebot, so zu sein, wie wir sein sollten – nämlich von Gott her gedacht, der im Gegensatz zum Staat oder den Medien oder wem auch immer genau weiß, was uns am besten tun würde. 
Katniss Aberdeen opfert sich für ihre kleine Schwester – Jesus Christus hat sich für dich geopfert, für jeden von uns.
Katniss Aberdeen verliert ihre Menschlichkeit nicht, obwohl sie angestachelt wird, sich barbarisch zu verhalten. – Jesus Christus bleibt menschlich, obwohl er göttlichen Ursprungs ist. Oder vielleicht ist das eher umgekehrt: Jesus ist göttlich, weil er bis zuletzt menschlich bleibt. 
Ist das bei Katniss vielleicht ebenso? Das würde sie zu einer Heiligen machen! 
Katniss Aberdeen wird zum Aushängeschild der Rebellin für die Freiheit von der Diktatur. – Jesus Christus ist derjenige, der allumfassend für Frieden eintritt und jeden Zwang ablehnt; sein Heiliger Geist ist die Kirche, die in der Welt wirkt – und nicht nur hinter Kirchenmauern!

Er sagt: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich, wie euch die Welt gibt.“ 

Ums kurz zu machen: Abgesehen davon, dass ich die Gestalt der Katniss Everdeen als eine Jesus-Figur identifiziere, denke ich, dass ihr Konfis das Zeug dazu habt, Teil der großen Sache zu sein.
Heute sagt ihr ja zur Rebellion der Herzen für Mitgefühl und Frieden.
Ihr sagt ja zur Reformation des Weltbildes: Gott hat euch frei geschaffen. Nutzt das!
Und ihr sagt ja zur Revolution der Freiheit, eure persönliche Überzeugung in unsere Gesellschaft, in die Schule, in die Kirche, in die Familie einzubringen.

Es liegt bei euch, diesen Moment zu nutzen und für euer Leben zu ergreifen: Wozu ihr heute „ja“ sagt, das will euch ein ganzes Leben lang tragen.
Nämlich Gott selber. 
Ich hoffe sehr, dass es keiner Rebellion bei uns bedarf wie bei den Tributen von Panem. 
Mit Blick auf die Entwicklungen im Nahen Osten, die zu uns rüber zu schwappen drohen, bin ich aber Realist genug um einzusehen, dass eine gewisse Wachsamkeit nötig ist.
Wir brauchen Katnisses und Peetas in unserer Gesellschaft. 
Jeden Tag, im Kleinen wie im Großen.
Konfirmanden: Ihr seid die Kirche. Jetzt. Nicht erst in Zukunft.
Ihr gehört zur Kirche seit der Taufe mit dazu.
Ich fordere euch auf, euch hier bei uns einzubringen. 
Für dieses Weltbild einzutreten, das unser Glaube ist.
Als aufrechte Protestanten. 
Als kritisch denkende Evangelische.
Als Menschen, die menschlich bleiben trotz allem.
Und auf die tiefe Wahrheit zu hören, die mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist.
Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen.

LIED EG 396,1-3: JESU MEINE FREUDE (TEXT: GERHARD SCHÖNE)

Ewigkeitssonntag 2008: Die Lügen der Tröster (2.Petrus 3,8-13)

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

1.Die Lügen der Tröster

Nun sich das Herz von allem löste,

was es an Glück und Gut umschließt,

Komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste,

der du aus Gottes Herzen fließt.


Liebe Gemeinde,

um die Trauer, um unsere Sorgen und Ängste, das Schwere in unserem Leben geht es in diesem Lied.

Gerade am heutigen Ewigkeitssonntag kann solch ein Lied Seelenbalsam sein. Wohl kaum ein Tag im Jahr ist so sehr vom Andenken an unsere Verstorbenen geprägt wie der heutige.

Besonders schmerzlich merken viele gerade um diese Zeit herum, dass mit dem Tod eines geliebten Menschen eine Lücke entstanden ist, die niemand schließen kann.

Wirklich: Niemand kann diese Lücke schließen. Menschen sind schließlich keine ersetzbare Massenware. So bleibt eine Wunde zurück. Und sie kann immer wieder aufbrechen.

Komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste, der du aus Gottes Herzen fließt.

Das ist es, was uns angeboten wird. Was Gott uns anbietet. Seinen Trost. Er ist bei uns. Jetzt und hier.

Doch der Verlust eines geliebten Menschen bleibt. Wenn jemand fehlt, dann fehlt er eben auch, wenn man getröstet wird.

Und schlimmstenfalls haben Trostworte etwas Grässliches an sich. Etwas Verlogenes. „Es wird schon wieder, Kopf hoch!“ „Es gibt schlimmeres!“ „Wir sind doch für dich da, deswegen brauchst Du nicht so traurig zu sein.“

Schrecklich können sie sein, dieLügen der Tröster.

Denn manchmal, da wird es eben nicht wieder.

Der Kopf bleibt hängen.

Und für einen selber, da gibt es eben nichts Schlimmeres.

Und wenn die ganze Welt da wäre für einen – sie bringt einem den geliebten Menschen nicht zurück!

Trost, liebe Gemeinde, ist etwas Zwiespältiges. Auf der einen Seite brauchen wir ihn, denn echter Trost kommt aus echter Hoffnung.

Auf der anderen Seite kann er falsch sein, und dann lässt er einen mit schalem Geschmack im Munde zurück.

2. Vom Ich zum Du

Einsamkeit ist das, was bei Gesprächen mit Witwern und Witwen am Häufigsten beklagt wird. Einsamkeit ist das Schlimmste nach einem Verlust. Alte Gewohnheiten nicht mehr länger gemeinsam zu erledigen. Morgens aufzuwachen und der Andere fehlt.

Ein stilles Haus. Eine stille Wohnung.

Und andere Leute vertreiben einem die Einsamkeit nur für die Dauer ihres Besuchs.

Oder wenn man heimkommt: Die Stille.

Und niemand, der es nicht selber erlebt, kann wirklich nachfühlen, was es heißt, diese Qual zu erleben.

Was ist mit uns, wenn wir um einen geliebten Menschen trauern? Was kann uns da echten Trost geben?

Drehen wir die Fragerichtung einmal um. Nicht: Was ist mit uns?

Sondern: Was ist denn mit den Verstorbenen?

Was ist denn eigentlich mit den Toten, wegen derer wir traurig sind?

Wenn wir das beantworten, dann können wir vielleicht ein neues Verhältnis zu unserer eigenen Trauer bekommen.

3. Predigtext

Ich lese dazu den heutigen Predigttext 2 Petr. 3,8-13:

8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß  ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.

9 Der Herr  verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und  will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß jedermann zur Buße finde.

10  Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann  werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und  die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.

11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müßt ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,

12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

13 Wir warten aber auf  einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung,  in denen Gerechtigkeit wohnt.

4. Wo sind unsere Toten 1

Zwei Dinge sind es, die wir direkt aus dem Text mitnehmen können.

Gott rechnet in anderen Maßstäben als wir. Vor ihm sind 1000 Jahre wie ein Tag. Und ein Tag wie 1000 Jahre.

Dass wir hier auf Erden leben und die Erde sich weiterhin mit uns dreht, das hat mit Gottes Barmherzigkeit zu tun.

Diese beiden Dinge müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns der Frage stellen, was eigentlich mit den Verstorbenen ist. Wo die sind.

In der Antike:

Unterwelt / hades

Styx/ Münze

Schattendasein. Nicht ganz tot, Abglanz der Lebenden

Skeptiker:

Wir wissen es nicht. Darüber machen wir keine Aussagen.

Epikur:

Es spielt keine Rolle: Wenn wir leben, sind wir nicht tot, wenn wir tot sind, leben wir nicht.

Hinduismus / Buddhismus:

Wiedergeburt

Islam:

Paradies und sieben Himmel

5. Wo sind unsere Toten 2

Und im Christentum?

Lange dachte man, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat.

Dass sie nach dem Tod in den Himmel hinauf fliegt. In vielen Filmen, in vielen Romanen wird mit dieser Vorstellung bis heute gespielt.

Dabei ist sie alles andere als christlich.

Die Trennung von Leib und Körper geht auf die griechische Philosophie zurück.

Wenn man die Bibel ernst nimmt, dann wird man rasch feststellen: Es geht immer um den ganzen Menschen.

Das eine geht nicht ohne das Andere.

Spätestens durch die moderne Hirnforschung und Neurologie in den letzten Jahren ist diese biblische Erkenntnis um den Menschen, wie er ist, bestätigt worden.

Mensch sein heißt immer körperlich sein.

Die Konsequenz daraus ist hart: Wenn ein Mensch stirbt, so stirbt er ganz.

Den Tod nehmen wir dann ganz und gar ernst:

Das merken wir in unserer Trauer, das sehen wir im Ritus der Beerdigung: Wir beerdigen unsere Verstorbenen. Ganz und gar.

Sie sind unserem Zugang entzogen.

Von der Vorstellung einer Seelenwanderung in den Himmel sollten wir uns frei machen.

So befreit können wir unsere eigene Trauer auch viel besser verstehen.

Was uns bleibt, sind gute und schmerzliche Erinnerungen. Fotos, Gerüche an Kleidungsstücken, die Geschichte eines gelebten Lebens.

Dennoch ist das nicht alles, wenn ein Mensch gestorben ist.

Im Johannesevangelium spricht Jesus Christus vom Ewigen Leben der Gläubigen.

Und unser heutiger Predigttext spricht vom Ende aller Dinge, wenn Gott alles neu machen wird.

Und alle biblischen Bilder haben eines gemeinsam:

Gott führt über den Tod hinaus die Menschen zu seinem Ziel.

Und dieses Ziel ist nicht der Tod, sondern das Leben.

Es bleibt etwas vom Alten. Es wird etwas neu gemacht werden.

Und auch wenn der Verstorbene ganz tot ist, so hat er in der Ewigkeit Gottes doch bereits Anteil am Ewigen Leben. Wenn 1000 Tage für Gott sind wie ein Tag, dann heißt das doch vor allem eines: Gott zählt und rechnet anders als wir.

Er ist barmherzig mit uns, er nimmt uns alle hinein in seine Ewigkeit, die für uns hier und jetzt schon begonnen hat!

Es gilt für uns das, was uns durch Jesus Christus gezeigt worden ist.

Er selber ist gestorben am Kreuz. Doch ist er nach drei Tagen auferweckt worden aus dem Tod und wir werden ihm darin folgen.

Das ist die Frohe Botschaft für jeden Tag, liebe Gemeinde.

Und ein echter Trost.

Wir sind mitten drin in Gottes Ewigkeit. Von unseren Verstorbenen trennt uns nur die Ewigkeit Gottes, die für uns schon angebrochen ist.

Die Offenbarung des Johannes beschreibt diesen Trost mit hellstrahlenden Vision:

Offb 21,1-7

21, 1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Amen.