Der Zug des Lebens – 50 Jahre EKG: 5. Sonntag nach Trintatis 2014 (Lk7,11-17)

Von Pfarrer Marvin Lange


Predigt zu Lk 7,11-17: Der Jüngling zu Nain
11 Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.
12 Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.
13 Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!
14 Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, aich sage dir, steh auf!
15 Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und aJesus gab ihn seiner Mutter.
16 Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: aEs ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: bGott hat sein Volk besucht.
17 Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.



1.    Zug des Lebens – Zug des Todes
Wie zwei Züge, die aufeinander zurasen: Hier der Zug des Lebens mit einer Menschenmenge von Jüngerinnen und Jüngern Jesu – da der Zug des Lebens mit einer Menschenmenge von Trauernden, Klageweibern um die Witwe und ihren frisch verstorbenen Sohn auf dem Weg zur Beerdigung.
Was für ein Zusammenprall dieser beiden Züge. Jesus sieht das Leid der Witwe. Der einzige Sohn. Tot. Abgrund der Trauer heißt das. Nicht nur persönlich – wahrscheinlich auch sozial. Ab sofort: Versorgung durch die Armenkasse der Gemeinde. Ohne Sohn. Ohne Ehemann. Jesus hat Mitleid, es geht ihm zu Herzen, es geht ihm an die Nieren, sein Innerstes wird angesprochen: Der Ort, wo das Mitleid sitzt, schreit zu ihm. Und da ist der Zug des Todes auch schon gestoppt. „Ab sofort kein Weinen mehr!“ sagt Jesus der Witwe. Hier der Tod, da das gesagte Unfassbare. Nicht weinen in einer vom Tod heimgesuchten Welt. Und da geschieht auch schon das Unfassbare. Jesus berührt die Bahre, auf der der Tote liegt. „Auferstanden!“ befiehlt er dem toten Mann. Und der Tote, berührt von Jesus, richtet sich auf, redet. 
Aus den beiden Zügen des Lebens und des Todes ist eine jubelnde Masse geworden. Freilich: Ehrfurcht ergriff die umstehenden Menschen. Eine Scheu vor dem Heiligen. Eine Furcht vor der unbegreiflichen Kraft, die von Gott ausgeht. Gottesbegegnungen sind immer verbunden mit einem gewissen Zittern. Zu groß ist der Abstand zwischen Gott und Mensch. Aber aus der Ehrfurcht wurde Jubel. Die umherstehenden Menschen wurden auf einmal zum Volk Gottes. Nicht länger der Zug des Lebens und des Todes. Auf einmal waren sie alle Volk Gottes. Und sie dankten und priesen Gott. Sie hatten sofort verstanden: Gott hat diesen Toten wieder lebendig gemacht. Nicht der Mensch Jesus. Nein, Jesus, in dem die schöpferische Kraft Gottes steckt. Ihm gilt unser Dank. Wir dürfen uns freuen. Eigentlich müssen wir uns sogar darüber freuen. Wer das Ernst nimmt, dem bleibt wohl nichts anderes übrig.

2.    Das tote Kind
Szenewechsel.
Eben haben wir getauft. Drei Menschen. Ein Baby, ein Kleinkind und eine junge Erwachsene.
Die Taufe, liebe Gemeinde, ist das Aufspringen auf den Zug des Lebens. 
Die Taufe ist das Zeichen Gottes für uns Menschen: Ich will, dass ihr lebt. Ich nehme Euch mit – auch über den Tod hinaus. 

X. ist ein fröhliches Mädchen. Ein Fest der Freude. Ein Fest des Lebens gegen das Dunkel des Todes. Gott sei Dank seid ihr heute hier: Ihr stimmt mit der Taufe ein in den Jubel der Massen, die im Glauben an das Leben und die Liebe zum Volk Gottes wurden. Ihr dürft daran festhalten: Nichts geschieht ohne den großen Plan Gottes. Ihr seid mitten drin. Und ihr werdet irgendwann verstehen – warum und wozu dieser Weg und kein leichterer. 
Denn es ist ja nun nicht so, dass Gott uns immer verständlich wäre. Gott hat seine düsteren Seiten. 
Ein Kind habt ihr verloren, und das kurz vor der Geburt. 
Wo war da Gott? Wo war da die große Kraft, die Jesus bei der trauernden Witwe angewandt hat? Wo war da der Jubel des Volkes über den Zug des Lebens? Wo ist das Leben, wenn um uns herum nur noch Tod und Traurigkeit ist? Die Witwe war wohl zur rechten Zeit am rechten Ort. Ihr Sohn wurde wieder lebendig.

Liebe Gemeinde, ich weiß auf solche Fragen keine Antworten. Manchmal gebe ich mich damit zufrieden zu sagen, dass unser Gott ein sehr seltsamer Herr ist. Dass er Dinge geschehen lässt, die sich meinem Verständnis von Güte, Barmherzigkeit und Allmacht entziehen. Dass er aus irgendeinem Grund bereit ist, uns Menschen leiden zu lassen. Dass er das tut – und wir stehen ratlos und beklommen da und schauen ängstlich auf das Leben.
Und halten dennoch an der Hoffnung fest, dass Gott uns gegenüber sich am Ende gnädig zeigen wird. Dass er uns annimmt. Das keiner von uns verloren geht. Und glauben gegen den Augenschein. Eben gerade habe ich X. getauft. Sie fährt mit dem Zug des Lebens.
 
3.    Die Flüchlinge
Szenenwechsel: Heimlich geht er mit seiner Frau in die Kirche. Ein stickiges kleines Kellerzimmer. Mehr geht nicht. Und auch das ist verboten. Diese Kirche ist eine Untergrundkirche. Im Iran haben es Christen schwer. Und Moslems, die neugierig sind auf das Christentum. Und noch schlimmer ergeht es denjenigen, die sich zu Jesus Christus bekehren. 
Heimlich geht er mit seiner Frau in die Untergrundkirche. Immer wieder. Beide überzeugt vor allem eines: Dass Gott die Liebe ist – und dass die Menschen einander in Liebe begegnen sollen. Das kannten sie vom Islam bislang nicht. Da war Hingabe und Unterwerfung angesagt. Gott und den anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen: Das war ihnen neu. Das überzeugte.
Während eines heimlichen Gemeindetreffens ein Anruf der Mutter: „Kommt nicht nach Hause. Bleibt weg. Die Geheimpolizei steht vor der Tür.“ Das junge Paar schläft unter einer Brücke – selbst zu Freunden zu gehen trauen sie sich nicht. Das geht eine Weile so. Immer wieder der warnende Anruf der Mutter: „Kommt bloß nicht zu Eurem Haus. Es wird überwacht.“
Ein schneller Entschluss. Über die Grenze in die Türkei. Da ist man in Sicherheit. Wenn sich die Lage beruhigt, kann man ja zurückgehen. Ein kurzer Urlaub in Istanbul. Mehr nicht. 
Die Lage bleibt angespannt. „Mama, wir haben kein Geld mehr. Verkauf unser Auto und zahl das Geld auf mein Konto“, heisst es nach einigen Wochen Zwangsurlaub. Die Regierung hatte da schon alles beschlagnahmt. Das kleine Haus, das Auto. Eine Heimkehr war nicht mehr möglich. Auf Umwegen gelangt das junge Paar nach Hilders in die Rhön. Mittlerweile eine kleine Familie geworden. Mit dem unsicheren Status der Asylanten lassen sie sich allesamt taufen. 
„Das mit der Liebe, das hat mich so sehr überzeugt. Wir wollen Christen sein – egal, ob sie uns abschieben oder nicht.“ 
Eben gerade haben wir S. getauft. Dem Zug des Todes entronnen. Umgestiegen auf den Zug des Lebens. Ihr lebt nun bei uns. Ihr lernt unsere Sprache. Unsere Kultur werdet ihr mehr und mehr kennenlernen müssen. Ihr gehört zum Volk Gottes. Wenn ihr Hilfe braucht, habt ihr die Bonhoeffer-Gemeinde. Das hier sind keine Christen, die nur reden. Hier wird die Liebe gelebt. Ich freue mich mit Euch. Und dass ihr heute hier seid.

4.    Die verspätete Konfirmandin
Noch einmal Szenenwechsel. Die dreizehnjährige J. bekommt es freigestellt: Konfirmation oder nicht. Sie entscheidet sich dagegen. Gott – was für ein Blödsinn. Zwei Jahre vergehen. Plötzlich lässt sich ihre Mutter taufen. Hier bei uns im Bonhoeffer-Haus. Und da geschieht etwas. Sie steht daneben und wird von Gott berührt. J. will auf einmal auch dazugehören. 15 Jahre alt – eine verspätete Konfirmandin. Unter den 13-Jährigen fällt sie ein wenig auf: Die beiden Jahre machen in dem Alter viel aus. Sie stand dabei, als ihre Mutter getauft wurde. Als Jesus ihre Mutter berührte. Da merkte sie: Der Zug des Lebens fährt weiter. Sie möchte nicht bei den Traurigen stehen bleiben. Das Leben stattdessen ergreifen. Seinen Sinn ergründen.
Das pralle Leben schenkt Gott uns. Und da will sie mitfahren. Den Zug des Todes und der Sinnlosigkeit hinter sich lassen.
Und deshalb hast Du Dich eben taufen lassen. Taufe ist eine Auferstehung. Du hast das alte Leben hinter dir gelassen. Das neue Leben mit Gott liegt vor Dir. Und ich freue mich ganz persönlich, eine Konfirmandin in diesem Jahr zu haben, die man fast schon so einbeziehen kann wie eine Teamerin!

5.    EKG: 50 Jahre Zug des Lebens
Liebe Gemeinde: Drei Beispiele für unseren Predigttext aus dem Leben unserer drei Täuflinge. Ganz persönliche Geschichten, wie Gott aufrichtet. Wie Gott auferstehen lässt. Hin zum Leben.
Ich möchte ein letztes hinzufügen: 50 Jahre Zug des Lebens in evangelisch-katholischer Gemeinschaft. Seit 50 Jahren gehen in Ziehers-Nord zwischen Bonhoeffergemeinde und St. Paulus Menschen aufeinander zu. Viele gehen den Weg auch miteinander. In den konfessionsverbindenden Ehen. Aber auch in unseren Krabbelkreisen, unsren Jugendgruppen, unsren Seniorenkreisen. Wenn kulturelle oder erwachsenenbildnerische Angebote von katholischer oder evangelischer Seite gemacht werden. 
Das, was auf kirchenleitender Ebene nach wie vor nicht klappen will, das wird hier bereits seit 50 Jahren gelebt. Angefangen bei den Pfarrern Lang und Slenczka – und fortgesetzt bis in die heutige Zeit mit unzähligen ökumenischen Trauungen, Einweihungen und mehr Schulgottesdiensten als das Jahr Wochen hat. Und dem alle Jahre wieder stattfindenden ökumenischen Sommerfest.
Dem Evangelisten Lukas kommt es genau darauf an: Dass alle am Ende in das Lob Gottes einstimmen. Evangelisch und katholisch kannte der noch nicht. Aber wusste: Die Meinungen zum Christentum gehen auseinander. Am Text kann man es gut erkennen. Lukas bezeichnet Jesus als den HERRn. Das Volk nennt ihn einen Propheten.  Am Ende steht das Volk Gottes, das Gott lobt. Alles andere verschwimmt da. Wird unwichtig.
Unsere große Gemeinsamkeit evangelisch wie katholisch ist der Glaube an Jesus Christus. Alles andere ist dagegen klein. Alles andere sind Überformungen. Weiße Messgewänder oder schwarze Taläre. Mit oder ohne Weihrauch. Die Papstkirche oder die „Kirche der Freiheit“.
Ihr Lieben, auch wenn es nur Formen sind: Es sind diese doch so stark, dass man sie wahrnimmt als wäre es große Unterschiede. Die Stellung der Frau in der Kirche. Die Sexualmoral, verbunden mit dem Zölibat für die Priester. Andere Festtage. Reliquien und Rosenkranz. Das Verbot für Evangelische, am katholischen Abendmahl teilzunehmen. Es mögen bloß Formen sein, aber es sind doch Formen, die an unsere menschliche Substanz gehen. 
Wo man sich wünschte, dass all die Regeln und theologischen Spitzfindigkeiten der Herr einfach wegwischen würde indem er den Kirchenleitungen zuruft: „Ich sage Euch, steht auf!“ so wie er es mit dem Jüngling in Naiin gemacht hat. Dass den trägen Kirchen nichts anderes übrig bleibt als aufzustehen und ins Lob Gottes einzustimmen. Und alle Grenzen zu überwinden. Und wirklich zu merken: Wir gehören alle zum Volk Gottes, wir Christusgläubigen. Alles was trennt, wird getilgt. Das Verbindende ist der Zug des Lebens, das Trennende wird aufgehoben.

6.    Die Freude Gottes
Eine regelmäßige Gottesdienstbesucherin sagte vor einer Weile zu mir: „Mit Ihren Predigten wollen Sie doch immer nur, dass sich die Menschen freuen.“ Ich war mir nicht sicher, ob sie es ernst meinte oder eher augenzwinkernd. 
Aber es stimmt. Freude ist eines meiner großen Themen. Eigentlich ist Freude das Ziel. Ich weiß, dass das mit der Freude manchen gar nicht leicht fällt. Und ich weiss auch, dass viele von Euch manchen Kummer und manch schwere Krankheit oder Verlust tragen müssen. Das weiß ich.
Dennoch werde ich nicht müde, euch Mut zu machen: Weiterzugehen, das Leben, das man hat, als Gottes Geschenk für euch zu begreifen. Natürlich in dem Bewusstsein, dass Gott alle Tränen trocknen wird. Im Wissen darum, dass Jesus auch an Dich herantritt, um dich aufzurichten. Im Glauben an die freundliche Berührung Gottes mitten im Tod. 
Schaut auf euer Leben und seht nach, wo eure Auferstehungen zu finden sind. Wo ihr an dem Punkt wart, als Jesus Euch berührt hat. Als ihr traurig wart, oder auf der Flucht, oder unsicher über den Sinn des Lebens.
Und Gott dann zu euch kam. 
Dann stimmt ein mit der Menschenmenge vom Zug des Lebens, lasst euch ergreifen vom Jubel und der Freude! In dem Moment seid ihr es nämlich selbst: Volk Gottes. 

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

LIED EG 294,1-4: NUN SAGET DANK UND LOBT DEN HERREN

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2014: Die Gemeinschaft des Rings (1. Tim 6,12-16)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist, sei mit euch allen!

Der Predigttext für den heutigen Konfirmationssonntag steht im 1 Tim 6,12-16

12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.
13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis,
14 dass du das Gebot unbefleckt, untadelig haltest bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus,
15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren,
16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.



Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn!“

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

Als ein großer „Herr der Ringe“-Fan oute ich mich gern. Als ich konfirmiert wurde, da jagten mir diese Verse das erste Mal einen Schauer über den Rücken – und jetzt gerade, ich bekenne es, tun sie es wieder. Unzählige Male habe ich die Bücher gelesen, unzählige Male die Filme gesehen – in normal- und in Langfassung, auf Deutsch, auf Englisch, und einmal als Hörbuch angehört.

Der große Kampf des Guten gegen das Böse ist das umfassende Thema des „Großen Ringkrieges“ im Werk von Tolkien. Der böse Herrscher Sauron soll aufgehalten werden, ja vernichtet werden, und das kann nur dadurch geschehen, dass der eine, große Meisterring im Schicksalsberg, einem feuerspeienden Vulkan mitten im finsteren Lande Mordor, eingeschmolzen wird. All die Helden: die Guten wie die Bösen, sind – gerade in den Filmen – notwendig für dieses fulminante Epos.

Da sind die beiden Zauberer Gandalf und Saruman; der eine ein liebevoller Pfeife rauchender Großvatertyp, der seine Kräfte und vor allem seine Weisheit für die Seite des Guten verwendet; der andere, geblendet von der Macht des Bösen, schwört dem dunklen Herrscher die Treue.  Da sind der Waldläufer Aragorn, der der spätere König ist, die Reiter von Rohan, Zwerge und Elfen; Boromir, der den Verlockungen der Macht des Ringes verfällt und dafür mit dem Leben bezahlt. Und, weniger großartig, nichtsdestoweniger relevant, das Geschöpf Gollum, das durch die Einflüsterungen des Ringes wahnsinnig wurde und ein erbärmliches, aber unsterbliches Leben fristet.

Diese Helden alle bilden eine bildgewaltige Kulisse. Aber eben: Nur Kulisse!
Denn: die entscheidende Geschichte handelt von zwei unscheinbaren kleinen Wesen, die dem Volk der Halblinge, den Hobbits angehören. Hobbits leben zurückgezogen im friedlich-lieblichen Auenland, sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Umtrunk oder der nächsten stattlichen Mahlzeit, Festen und Feiern nicht abgeneigt – aber große Helden sind sie eigentlich nicht.
Denn, und das ist eine wichtige Pointe im tolkienschen Werk, sie streben nach nichts sog. „Höherem“. Sie wollen gern ein bescheidenes Leben führen, und als einer der Hobbits, Sam, für kurze Zeit den Ring aufsetzt und ihm dieser zuflüstert, er könne der mächtigste und großartigste Gärtner des Auenlandes werden, da zieht er ihn nur kopfschüttelnd wieder vom Finger ab.
Größter Gärtner! Was für ein Unsinn. Das ist er doch längst. Und andere Verlockungen der Macht sind den Hobbits völlig fremd. Das Schöne, das Angenehme, das einfache, zufriedene Leben: das ist es, was ein Hobbit anstrebt. Und das ist nicht wenig! Aber es ist nichts, was der magische Ring ihm bieten könnte.

Eine Gemeinschaft ist es gewesen, die sich vom Rat des Halbelben Elrond in Bruchtal aufgemacht hatte. Eine Gemeinschaft von sehr unterschiedlichen Personen. Ein störrischer Zwerg; ein weitsichtiger Elb; ein weiser Zauberer; ein sehr stolzer und ein sehr demütiger Mensch; und vier lebenslustige Hobbits, die vom Leben einfach nur das Beste erwarten.
Das war eine Gemeinschaft von neun, die beim Übergang eines Flusses, an den Rauros-Fällen, an ihr Ende ging, ja zerbrach.

Ihr 10 Konfis, ihr steht nun auch vor einem solchen Übergang: vor eurer Konfirmation. Und eure Gemeinschaft ist jetzt, auf dem Höhepunkt, auch am zerbrechen. Ja ist bereits zerbrochen, denn die Konfirmandenzeit ist jetzt vorüber. Ein Jahr habt ihr miteinander und mit mir ausgehalten. Manch einer vielleicht auch tapfer durchgehalten.

Eine Gemeinschaft um ein Thema seid ihr gewesen. Nicht die Gemeinschaft des Ringes, die gegen die dunklen Mächte angetreten ist, sondern eine Gemeinschaft, die, wie es der Predigttext benennt, den guten Kampf des Glaubens kämpft. Nachgeholten Taufunterricht hat man das damals genannt. Denn ein Kampf ist es stets, wenn man sich ernsthaft damit auseinander setzt, was man in unserer Welt überhaupt (noch) glauben kann und darf.

Immer wieder haben wir uns von den verschiedensten Seiten Gott genähert. Und mussten immer wieder feststellen: Ganz greifbar ist er nicht. Gott ist uns trotz aller Offenbarung ganz schön entzogen.
Wir haben gemeinsam biblische Texte gelesen, haben damit die Grundlage kennengelernt. Haben Lieder im Gesangbuch angeschaut, um zu erfahren, was und wie die Menschen vor uns geglaubt haben. So habt ihr einen Teil der Tradition kennengelernt.

Haben Exkursionen gemacht, auf den Friedhof, um zu gucken, was die letzten Schritte am Ende sind und haben uns damit über Bestattungskultur ein wenig schlauer gemacht. Waren im Schwimmbad, um das Element Wasser für die Taufe kennenzulernen. Unterwegs mit dem Fahrrad, um zu schauen, wie man in Gottes freier Natur beten kann. Organisierte Nächstenliebe haben wir uns anhand unseres Seniorenkreises angeschaut und so in Erfahrung gebracht, was für hohe ethisch-moralische Anforderungen das Christentum an uns stellt.

Die Gemeinschaft erlebte zweifellos ihren Höhepunkt auf den beiden Konferfreizeiten, in jeder Hinsicht: Bei der Disko genauso wie bei der Feier des Heiligen Abendmahls, oder als wir rituell unsere Sünden verbrannt haben.

Und bei all dem habe ich euch hoffentlich vermitteln können: Zu glauben ist ein Kampf. Ein Kampf um die Wahrheit, ein Kampf um Worte, ein Kampf um das Ewige. Ein Kampf derer, die dem Glauben absagen. Ein Kampf mit sich selbst. Denn: je nachdem, wie man sich postiert, hat man unterschiedliche Blickwinkel auf das Leben!

Etwa so:

Angenommen „Gott existiert.“

Das heißt nicht weniger als: Das ganze Universum hat eine andere Bedeutung – nämlich eine von diesem Gott her. Umgekehrt hat die andere Überzeugung ebenfalls gewaltige Konsequenzen:
Angenommen Gott existiere nicht: Dadurch verlöre das Universum letzten Endes jede Bedeutung.Ja sogar das Leben von uns Menschen wäre völlig sinnfrei, sinnlos. Und damit auch das eigene Leben.

Und diese Überzeugungen gilt es im Leben auszubauen und weiter zu entwickeln. Den Kampf des Glaubens weiterzuführen. Und das kann man auf die eine oder andere Weise tun:
Verglichen mit den Helden aus dem Herrn der Ringe kann man sich verschiedenen Richtungen zuordnen: Da kann man gleichgültig sein und das Leben an sich vorbeiziehen lassen, wie es die meisten Menschen und Hobbits tun. Ich bin mir sicher, auch einige von euch werden das so machen, sowie ihr aus diesem Gottesdienst nach draußen zieht. Aber aufgefordert seid ihr dazu, „das ewige Leben zu ergreifen“, wozu ihr berufen seid.
Wenn man das will, dann kann man sich in das Nachdenken und Nachforschen über die größte Geschichte der Menschheit begeben, die mit Gott und seinen Menschen, und sich damit wie Gandalf dem guten Kampf des Glaubens widmen. Am Ende seines Lebens wird man dann vielleicht weise sein und mehr von dem verstehen, was kaum zu begreifen ist.
Oder man wird, und ich hoffe sehr, dass keinem von euch das passiert, eine Gestalt wie Boromir, der vom Glauben an die Macht des Ringes, völlig fanatisiert ein schlimmes Ende gefunden hat. Auch solche in die Irre gegangenen Christen gibt es, die den Glauben mit einer Ideologie verwechseln, und blindlings tun, was dieser angeblich vorschreibt. Damals die Kreuzritter und heute christliche Fanatiker, wie sie vermehrt aus Amerika auch nach Deutschland kommen.
Und dann gibt es die Realisten wie Aragorn oder Gimli und Legolas: Sie wissen, was zu tun ist; sie wissen, dass sie den Kampf nur gewinnen können, wenn sie zusammenstehen, zusammenhalten und ihre eigene Sache hoch halten.

All das sind Haltungen im Kampf um die Wahrheit, wie ihr sie einnehmen könntet. Könntet, denn nicht jeder von euch ist gleichgültig, nicht jeder von euch hat weise alte Männer (oder Frauen!) zum Vorbild, nicht jeder jetzt schon das Wissen, was alles zu tun ist. Es gibt aber dann noch eine letzte, eine ganz leise, aber unglaublich mächtige Zugangsweise, den Kampf des Glaubens zu führen:

Das sind diejenigen, die weiterhin nach links und rechts schauen, die keine großen Pläne vor Augen haben wie die Helden, sondern die sich in die Welt gestellt wissen als welche, die ihre Aufgabe zu erfüllen haben, wenn das auch nicht immer leicht ist: Die beiden Hobbits Sam und Frodo stehen für diese Haltung; und auf den christlichen Glauben übertragen bedeuten sie: der Kampf des Glaubens, den die beiden kämpfen, kann man auch erledigen, indem man einfach als Vorbild lebt. Dazu bedarf es keiner großen Reden, dazu bedarf es keiner großen Kräfte. Sondern nur den guten Willen und die daraus folgende Tat. Auf den christlichen Glauben übertragen heißt das nichts weiter als: 
Etwa heute zur Konfirmation, wie es im Predigttext heißt, „das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen“ abzulegen; und ansonsten im täglichen Leben davon Zeugnis zu geben: Also Christus in die Welt zu tragen, indem man sich so verhält wie einer, der das Ewige Leben bereits hat. Frei, hoffnungsvoll, lebensfroh, gläubig. Mit den Lachenden lachen und mit den Weinenden weinen.  
Und wenn man dann auch noch verstanden hat, dass die zerbrochene Gemeinschaft der Konferzeit einmündet in eine viel gewaltigere, größere Gemeinschaft, nämlich die der Gläubigen, der Kirche, dann versteht man: dieses heutige Ende kann einen Neuanfang bedeuten, zu dem Gott selbst euch einlädt.

Die Gemeinschaft der Heiligen, die Kirche, braucht euch junge Menschen.
Sie braucht Euch, dass ihr den Kampf des Glaubens weiterführt mit allen anderen Christen auf der Welt.
Sie braucht euch, dass ihr die Kirche immer wieder erneuert.
Neuen Wind hereinbringt.

Ihr seid berufen zum Ewigen Leben. Ihr seid berufen, den Kampf des Glaubens auf der richtigen Seite zu führen. Euer Schwert und euer Schild will Jesus Christus sein, der sich euch heute und alle Tage gibt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

Amen.

 

Epiphanias 2014: Predigt zur Jahreslosung Ps 73,28: Gott nahe zu sein ist mein Glück

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

  1. Das große Weihnachtsquiz und die Entzauberung der Welt

Liebe Gemiende!

Eine meiner Lieblingsquizfragen beim „Großen Weihnachtsquiz“, das ich gern mit Konfirmanden, Schülern, aber auch unserm Seniorenkreis in der Advents- und Weihnachtszeit spiele, lautet so:

Wieviele Könige brachten gemäß der Bibel  dem Christkind Geschenke: 2, 3, 4 oder gar keiner. Meistens ist die Antwort schnell gegeben. Weiß es einer von euch?

Die meisten von Euch werden gedacht haben: Na das waren doch drei. Drei heilige Könige aus dem Morgenland. Caspar, Melchior, Balthasar. Doch Pustekuchen: Die richtige Antwort lautet: Keiner. Denn es waren gar keine Könige. Es waren Weise, oder noch genauer: Magier, Astrologen aus dem Osten. Und sie gingen auch nicht zum Stall, sondern zum Haus der Maria. Und die Zahl ist ebenfalls nicht bestimmt. Da steht: Es kamen Weise. Also: mehrere. Gut, sie brachten drei Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und daraufhin nahmen viele bereits im 2. Jahrhundert nach Christus an, dass es auch drei Weise sein mussten.

Wäre ja auch peinlich, zum Christkind so ganz ohne Geschenk zu kommen. (Weswegen den Hirten in unseren Krippenspielen ebenfalls noch rasch ein paar Geschenke angedichtet werden).

Und da die Geschenke doch recht teuer waren, und im Orient sich die Magier und Astrologen gern als Priester-Könige bezeichneten, entwickelten sich der Legende nach die drei Könige heraus, deren Namen wir wissen und deren Gebeine im Altar des Kölner Doms seit dem Jahr 1164 vereehrt werden können.

So, meine Lieben, entstehen Legenden, die die Herzen der Menschen berühren.

Doch ob uns etwas berührt oder nicht, sollte – wenn es um so etwas Gewichtiges geht wie unseren Glauben, das ist immerhin unser Weltbild – sich messen lassen mit der Wahrheit. Die Wahrheit wird wohl sein, dass die gesamte Geschichte der Weisen aus dem Morgenland eine Legende ist, die der Evangelist Matthäus erzählt, um die Einzigartigkeit von Jesus herauszustellen. Dass ein Stern gekommen sei extra für das Christkind. Dass dieser Stern jemanden leiten könne.

Übrigens ist es ganz interessant, dass gerade die Bibel mit dieser Geschichte Anleihen macht bei der Astrologie! Wird diese doch bereits in der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 völlig ad absurdum geführt, wenn es heißt: Gott „machte Lichter an die Feste des Himmels“, Sonne, Mond und Sterne. Und Gott sah, dass es gut war. Sterne haben nicht die Angewohnheit, über Häusern stehen zu bleiben. Aber Menschen haben die Angewohnheit, eine unglaubliche Phantasie zu entwickeln, wenn es darum geht, besondere Personen besonders herauszustellen.

Und so wird es wohl auch mit der Geschichte von den Heiligen Drei Königen sein. Eine Geschichte, die uns den Weg weisen soll zu Christus. Deren Ursprünge und historische Wahrheit jedoch völlig im Dunkeln liegen.

Wenn wir also der Wahrheit auf die Spur kommen wollen, müssen wir soweit zurück fragen, wie es uns möglich ist. Und können dann manche Überraschung erleben. Bis dahin, dass man zugeben muss: Wir wissen nicht, wie es sich tatsächlich zugetragen hat.


2. Die Jahreslosung 2014

Eine Überraschung kann man auch erleben, wenn man die diesjährige Jahreslosung genauer anschaut. Es ist ein wenig wie bei den drei Königen. Plötzlich verschwindet der schöne Satz und eine tiefere Wahrheit kommt ans Licht:

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“, steht da im 73. Psalm im 28. Vers als Losung des Jahres 2014.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ hat mich erst einmal angesprochen. Eine richtig schöne Jahreslosung. Bloß: Im hebräischen Urtext steht da etwas ganz anderes. Allein die katholische (oder ökumenische) Einheitsübersetzung bietet diesen wunderschönen Satz. Die Lutherübersetzung liest die Losung folgendermaßen: Psalm 73:28  „Aber das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte.“

Klingt ganz anders, ist aber auch nicht korrekt. In beiden Fällen hat man den Eindruck, dass wir Menschen es sind, die Einfluss darauf hätten, dass wir Gott nahe sind oder wir uns zu Gott halten sollen. Und in beiden Übersetzungen schwingt ein wenig eine Aufforderung mit. In der Jahreslosung: wenn du Gott nicht nahe bist, dann könnte es doch gut sein, dass du nicht glücklich bist. Oder im Luthertext: Keine Freude erlebst.

Es ist das alte „Wenn-Dann-Schema“, das uns in die Irre führt: von Gott weg, hin zu uns selbst – und am Ende machen wir uns unseren Gott so, wie er uns gefällt.

Im Urtext lesen wir: „Und mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

Das Wort „Glück“ finden wir nicht in der ganzen Bibel ein einziges Mal. Und dass wir in irgendeiner Weise etwas dafür tun können, ist in diesem Wort völlig ausgeschlossen.

3. Mir kommt Gott nahe!

Wir wollen so gerne selber etwas machen, damit wir Gott erleben, erfahren, durchdenken können. Manch einer meint, wenn er durch den Wald geht, spürt er Gottes Nähe. Kann sein, dass das so ist. Kann aber auch sein, dass er einfach Wälder so gern mag, dass ihm dass wie das höchste Glück auf Erden vorkommt.

Manch einer meint, nur durch bestimmte Handlungen könne er Gott erfahren, etwas im Fasten, Pilgern, Beten. Klar: Eine Auseinandersetzung mit Gott kann nicht verkehrt sein. Es ist sogar gut, zu versuchen, Gottes Nähe bewusst anzunehmen. Wir müssen uns dabei aber ein wenig in die richtige Relation setzen: Wie wahrscheinlich ist es denn, wohl, dass wir Gott nahen können, wenn er das nicht will?

Versucht mal, einen Termin bei der Kanzlerin zu bekommen, ach was sage ich: Beim Fuldaer Oberbürgermeister! Das geht genau dann, wenn er oder sie das möchte – wenn man mal von Zufallsbegegnungen absieht. Wenn wir das Verhältnis Gottes zum Menschen anschauen, dann ist da doch noch ein größerer Abstand als zwischen mir und Frau Merkel.

Der Abstand ist sogar so unglaublich groß, dass ich persönlich es als gotteslästerlich betrachte, wen einer sagt, dass man selber Gott nahen will und das auch kann. Es ist doch hier ganz umgekehrt: Epiphanias, Erscheinung, Offenbarung: Das alles geht allein von Gott aus. Er hat uns Jesus Christus geschickt, damit wir den direkten Draht zu ihm bekommen. Allein durch Christus haben wir ihn immer bei uns. Er ist also bereits da. Man kann sich ihm nicht nahen! Gott erscheint, so wie er es will – und nicht so, wie wir es uns wünschen oder wollen.

Das durchzieht sich durch die ganze Bibel. Moses fürchtete sich vor der Gottesbegegnung und wurde dann doch zum Anführer der verfolgten Israeliten in Ägypten durch die Wüste. Des Propheten Jonas Gottesbegegnung endete im Magen eines großen Fisches. Levi der Zöllner rechnete weder mit freundlichen Menschen- geschweige denn mit einer Gottesbegegnung – und er wurde zum Jünger Jesu durch bloße Aufforderung.

Und immer da, wo Gott beschworen wird, gezwungen wird, menschengemacht werden soll, (auch das ist auffällig), geht das entweder schief oder mit dem Tod einher: Die Geisterbeschwörung von En-Dor endet mit König Sauls Tod, der Wettlauf um den richtigen Glauben zwischen Elias und den Baalspriestern endet mit dem Tod aller Baalspriester.

Gott lässt sich nicht zwingen. Gott kommt zu uns, so wie er will. Ist er erst einmal da, ist er nicht greifbar. Wir bekommen ihn nicht zu fassen. Allein durch Jesus Christuskönnen wir überhaupt etwas sagen, das etwas mehr ist als die große Spekulation. Allein vermittelt durch die Heilige Schrift können wir begreifen, was diese Erscheinungsweise Gottes als Jesus zwischen Krippe und Kreuz für uns bedeutet. Und allein durch den Glauben sind wir Menschen in der Lage, überhaupt erst von Gottesbegegnung zu sprechen!

„Und mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

4. Das ist für mich gut!

Jetzt will ich euch mal etwas fragen: Wer von euch ist glücklich? Irgendjemand? Nur zu! Arme hoch, es ist bloß der Test dieser Gemeinde! Ich fange mal an: Ich halte mich für einen glücklichen Menschen! Doch so viele?!

Das Wort Glück ist eine neuzeitliche Erfindung. Es hat es schlechterdings nicht gegeben in der Bedeutung, wie wir es heute verwenden: umfassende  Zufriedenheit. Damals hatte es allein die Bedeutung von „gutes Schicksal“, „positive Bestimmung“. Glück war damals mehr „Glück in der Lotterie“ als das Glück der Lebensfreude.

Das Glück unserer Tage ist doch mehr bestimmt als „Happiness“, „Frohsein“, diese Dinge. „Ich bin glücklich“, heißt bei uns nicht: Ich habe Glück gehabt, also etwa: Im Lotto gewonnen, die OP überstanden, sondern es heißt: „Mir geht es so richtig gut.“

Im Altertum hätte man da wohl eher den Begriff der Seligkeit verwendet, der dann wiederum Angelegenheit Gottes ist. Jesus sagt: „Selig sind, die da geistlich arm sind“ usw. Oder man hätte näher spezifizieren müssen, worin es einem denn „so richtig gut geht“. Erst die Neuzeit verwendet den Begriff so, wie wir es zu tun pflegen.

Im hebräischen Urtext bekommen wir es dann auch mit dem Wort „tov“ zu tun. Ihr kennt das Wort vielleicht aus dem jiddischen Begriff: Massel tov! Was so viel bedeutet wie: „Gutes Gelingen!“ Und wenn man dann etwas  vermasselt hat, dann ist etwas nicht gelungen.

Tov ist also gemäß der Jahreslosung das, was mit mir eine Gottesbegegnung macht. Gut. Gott ist für mich gut. Gott tut mir gut.

Wichtig ist anzumerken: Das Wort kommt in der Schöpfungsgeschichte vor. 7 mal. Nach jedem Werk heißt es: Und Gott sah, dass es gut – tov – war. Wenn also die Jahreslosung dieses Wort verwendet, dann kommen wir der schöpfungsmäßigen Bestimmung des Menschen auf die Spur: Es ist gut für uns Menschen, wenn wir als Gottes Geschöpfe in der Welt leben. Wenn das Getrenntsein von Gott aufgelöst ist und er uns ganz nahe ist.

Warum ist es also gut, dass Gott mir nahe ist? Weil es von Anfang an Gottes Plan mit der Welt war. Weil der Mensch ohne Gott nur ein Klumpen Erde, ein Klumpen Adam ist. Und wir nur mit Gott zu einer lebendigen Seele werden.

„Mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

Es mag exegetisch nicht sauber sein, aber: Dass das so ist, mit Gott und uns – gestern – heute – und in Ewigkeit: Das ist unser wirklich aller Glück.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Glück der Welt, bewahrte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

2. Advent 2014: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlöung naht (Lk 21,25-33)

Von Pfarrer Marvin Lange

Predigttext Lk 21,25-33:
25  Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann  werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter,  weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist.
31 So auch ihr: wenn ihr seht, daß dies alles geschieht, so wißt, daß das Reich Gottes nahe 
32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.


Liebe Gemeinde!

Was für eine furchtbare Enthüllung. Und dann: „erhebt eure Häupter,  weil sich eure Erlösung naht.“ Nicht ab in den Bunker oder ab in die Depression. Ein christlicher Erwartungshorizont wird erschlossen, eine Zuversicht, Hoffnung, ein Glaube, der allem Herabziehenden und Demütigenden entgegensieht, aufrecht. Und weil das keine Einbildung oder Irrtum ist, blicken wir mit erhobenem Haupt auf die Welt. Denn wir haben eine feste Basis. Das ist die Erlösung — sie ist uns ganz nahe.

  1. Die iranische Familie

Was das bedeuten kann, schauen wir uns einmal etwas näher an:

Heimlich geht er mit seiner Frau in die Kirche. Ein stickiges kleines Kellerzimmer. Mehr geht nicht. Und auch das ist verboten. Diese Kirche ist eine Untergrundkirche. Im Iran haben es Christen schwer. Und Moslems, die neugierig sind auf das Christentum. Und noch schlimmer ergeht es denjenigen, die sich zu Jesus Christus bekehren. Heimlich geht er mit seiner Frau in die Untergrundkirche. Immer wieder. Beide überzeugt vor allem eines: Dass Gott die Liebe ist – und dass die Menschen einander in Liebe begegnen sollen. Das kannten sie vom Islam bislang so nicht. Da war Hingabe und Unterwerfung angesagt. Gott und den anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen: Das war ihnen neu. Das überzeugte.

Während eines heimlichen Gemeindetreffens ein Anruf der Mutter: „Kommt nicht nach Hause. Bleibt weg. Die Geheimpolizei steht vor der Tür.“ Das junge Paar schläft unter einer Brücke – selbst zu Freunden zu gehen trauen sie sich nicht. Das geht eine Weile so. Immer wieder der warnende Anruf der Mutter: „Kommt bloß nicht zu Eurem Haus. Es wird überwacht.“

Ein schneller Entschluss. Über die Grenze in die Türkei. Da ist man in Sicherheit. Wenn sich die Lage beruhigt, kann man ja zurückgehen. Ein kurzer Urlaub in Istanbul. Mehr nicht.

Die Lage bleibt angespannt. „Mama, wir haben kein Geld mehr. Verkauf unser Auto und zahl das Geld auf mein Konto“, heißt es nach einigen Wochen Zwangsurlaub. Die Regierung hatte da schon alles beschlagnahmt. Das kleine Haus, das Auto. Eine Heimkehr war nicht mehr möglich. Auf Umwegen gelangt das junge Paar in ein Asylantenheim in Osthessen. Mittlerweile eine kleine Familie geworden. Mit dem unsicheren Status der Asylanten haben sie sich allesamt taufen lassen. Der Vater begründete das so: „Das mit der Liebe, das hat uns so sehr überzeugt. Wir wollen Christen sein – egal, ob sie uns abschieben oder nicht.“

Neue Christen. Mit einen Hintergrund, der einem den Atem raubt. Aber als Christen, die aufsehen, die ihre Häupter erheben. Die wissen: Unsere Erlösung ist da. Die Ernst machen mit ihrem Glauben. Bei denen es um Leben und Tod geht. Die hier unter uns sind; in unseren Städten, unseren Dörfern in Hessen. Die unsere Sprache erst noch lernen müssen. Und unsere Kultur. Wie gut, dass es hier Christinnen und Christen gibt, die ihre Schwestern und Brüder freundlich aufnehmen!

2.Das Lächeln im Weihnachtsrummel

Szenenwechsel:

Manchmal schlendere ich diese Tage ganz bewusst langsam. Die Jacke halb geöffnet, so als hätte ich Zeit. Schenke den Menschen, die an mir vorüberhetzen, ein Lächeln. Und wie die Leute hetzen. Was sie jetzt gerade alles zu besorgen haben. Was man nicht online kaufen bestellen kann, das muss man schließlich bis zum 24. Dezember eingekauft haben.

Ich selber bin auch so. Begebe mich hinein in den Strudel aus Geschenkekaufen, Vorfreude und Weihnachtsmarktstimmung. Aber zwischendurch, wenn ich durch die Stadt gehe, dann halte ich bewusst inne. Und die Menschen, die gehetzten, schenken mir ein Lächeln zurück. Nicht immer, aber sehr oft. Und die Häupter gehen dann nach oben, die Menschen schauen auf, statt nur auf das, was vor ihren Füßen ist. So ein Lächeln ist zwar nicht die Erlösung, scheint mir für manche aber wie eine Enthüllung zu sein: Die Enthüllung, dass wir vergessen haben, wozu auf Weihnachten gewartet wird. Dass bei all dem schönen Rausch des Konsums der Urheber des Festes, Gott selber und das Jesuskind, ins Abseits geraten. Eigentlich ja so wie immer: Wenn das ganze Jahr über Gott und unsere Erlösung kaum noch eine Rolle spielen, wie kann es da dann an Weihnachten plötzlich anders sein? Ich will das nicht verurteilen. Wir Menschen sind so, wir vergessen Gott ganz gern. Ich selber auch; das ist ja sogar der Grund, weswegen wir auf Erlösung hoffen dürfen. Erlösung ist Gottesnähe. Erlösung ist, wenn Gott und Mensch sich auf Augenhöhe begegnen. Und das geschieht durch den, den wir in diesen Tagen eigentlich feiern. Durch das Kind in der Krippe – Jesus. Den erwachsenen Mann am Kreuz: Christus.

Ich gehe weiter durch die winterlichen Straßen, in aller Ruhe. Denn ich glaube an das, was Jesus gesagt hat: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Und wenn das so ist, dann soll jeder seine Geschenke doch in aller Eile kaufen gehen dürfen – an ihm, an Jesus, kommt ja ohnehin keiner vorbei.

3.      Gott kommt mir nahe: Jetzt!

Noch einmal Szenenwechsel.

 „Erhebt eure Häupter!“ Das klingt trotzig gegen alle Drohgebärden. Und die sind ja keine Kleinigkeit hier auf Erden. Wer einmal einen Gerichtsprozess erlebt, der weiß, was das für einen Ärger bedeuten kann. Wie da gefordert wird, Drohgebärden aufgefahren werden. Wie beide Seiten ihr vermeintliches Recht erstreiten wollen.

Ich erhebe mein Haupt, weil ich auf den setze, der allem überlegen ist. Der alle Macht im Himmel und auf Erden hat. Da braucht man sich nicht einschüchtern lassen, wenn man weiß: Er ist zu mir gekommen, er hat sich für mich dahingegeben, er hat sogar dem Tod die Macht genommen. Nichts kann mich mehr trennen von ihm. Erlösung ist nahe!

Nahe. – Doch sie ist wohl nicht ganz da. Sonst gäbe es keine Flüchtlinge, würden die Menschen nicht über lauter Geschenken und Glühwein Gott vergessen und wir würden alle in Frieden und Harmonie miteinander leben.

Jesus sagt etwas anderes: er spricht vom Reich Gottes schon jetzt, inwendig in euch, sowohl jetzt als auch in dem, was noch kommt. Und dass es nah ist. Ganz dicht bei euch ist.

Was ist uns denn eigentlich nah? Die Leute, die mit mir auf einer Wellenlänge sind, die mit mir auf gleicher Ebene denken, sind mir nahe; sogar dann, wenn sie irgendwo in räumlicher Ferne leben. Und andere, die ganz nahe zu mir leben, können mir ganz fern sein. Als im Sommer mitten im Gaza-Konflikt zwischen der Hamas und Israel plötzlich überall in Deutschland auf Demonstrationen wieder Judenhass offen zur Schau gestellt wurde, ich in die Gesichter der Schreihälse blickte und ihren Hass bemerkte: Wie fern waren mir diese Menschen. Unendlich fern erschienen sie mir, vermutlich fehlgeleitet, ohne einen Erwartungshorizont, der sich an Gott oder wenigstens am Mitmenschen orientiert. Und egal ob Islamisten, Radikale von links oder rechts: Ihnen allen scheint mir das freundliche Gesicht Gottes zu fehlen, das sie frohen Muts aufblicken lässt. Wenn das Haupt dieser Leute erhoben ist, dann nur für die Drohung und den Hass. Die Erlösung, die auch für sie ganz nahe ist, nehmen sie nicht wahr.

Und was geht mir nahe? Was dringt in mich ein, was nimmt guten Einfluss auf mich? Wenn ich meinen Nächsten liebe. In meiner Ehefrau genauso wie in den Menschen, die meiner Hilfe bedürfen. Wenn mir der Geschundene, Gequälte, Liegengelassene durch und durch geht. Wenn ich selber zum barmherzigen Samariter werde. Wenn ich selber meine Stimme gegen den Hass erhebe. Das geht mir nahe. Da ist Jesus ganz nahe. Da ist Erlösung ganz nahe.

Christen auf der ganzen Welt haben Gottes Wort, das Himmel und Erde überdauert. Sie können nachdenken über die Zukunft, die Gott an sein Ziel bringen wird. Können Tag für Tag geschenkte Zeit genießen und den Spielraum, den sie haben, zum Handeln an dieser Welt nutzen. Sie gemeinsam mit allen Menschen mit der gegebenen Vernunft und Verantwortung des Glaubens bestehen. Nahe ist unsere Erlösung, so nahe wie auch unser Umgang miteinander aus Nächstenliebe heraus. So greifbar nahe menschlich wie damals in Bethlehem. Gott auf Augenhöhe. Darum seht auf und erhebt eure Häupter. Jetzt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: Ihr lieben Christen freut euch nun (EG 6,1-5)

Ewigkeitssonntag 2013: Meine Worte werden nicht vergehen (Mk 13,31-37)

Predigt zu Mk 13,31-37

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

Amen.

Mk 13,31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.


32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist.

34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:

35 so wacht nun; denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,

36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.

37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!


1. Welt der Physis

Liebe Gemeinde,

wir wissen mittlerweile ganz gut Bescheid. Was das Alter des Universums angeht und seine Ausdehnung. Wie lange Sterne brauchen, bis sie verglühen. Wie lange unser Stern, die Sonne, noch haben wird, bis er verlischt. Wie lange unsere Erde noch bewohnbar sein wird.

Sie wird nach kosmischen Maßstäben schon ziemlich bald, nämlich bereits in etwa 500 Millionen Jahren nicht mehr von uns Menschen bewohnbar sein, da die Sonne auf dem Weg ihrer Verwandlung hin zu einem sogenannten Roten Riesen bis dahin immer heißer geworden sein wird. 100°C mehr im Durchschnitt auf der ganzen weiten Welt, und das immer weiter ansteigend, ist das Resultat dieses unumkehrbaren physikalischen Prozesses. Und in etwa sechs Milliarden Jahren, das ist schon noch eine ganze Weile, wird die Sonne die Erde verschlingen.

Dann, allerspätestens dann ist Schluss mit Leben auf diesem doch so schönen Planeten.

Sollte die Menschheit sich so rasant technisch und wissenschaftlich fortentwickeln wie in den letzten 50 Jahren, und sollten wir es bis dahin geschafft haben, uns nicht selbst auszurotten, dann könnten unsere Nachfahren vielleicht auf riesigen Raumschiffen zusammen mit Tieren und Pflanzen unterwegs sein zu neuen Welten. Irgendwo in der Galaxis, in den Weiten der Milchstraße, wird sich schon ein Planet finden, den wir dann bewohnen könnten.

Wir wissen also ziemlich genau darüber Bescheid, wie und wann etwa diese unsere Welt, der Planet Erde, zu Ende gehen wird.

2. Welt der Existenz

a: Philosophie

Liebe Gemeinde,

wir wissen sehr genau, wann die physikalische, materielle Welt vergehen wird. Bloß nützt uns dieses Wissen im täglichen Leben leider rein gar nichts.

Eine Welt bricht doch in dem Moment zusammen, wenn ein Mensch stirbt. Dann verschwindet eine ganze Welt. So wie er oder sie gelebt hat. Was er gefühlt hat. Was sie gedacht hat. Was er erlebt hat. Wen er geliebt hat und wie sie geliebt wurde.

All das kommt zu einem endgültigen Ende, wenn ein Menschenleben zu Ende geht.  Und das ist traurig. Meistens traurig, wenn der Mensch „alt und lebenssatt“ stirbt. Trauriger, wenn er zu jung stirbt. Oder „plötzlich und unerwartet“. Und umso trauriger, wenn ein Mensch seinem Leben freiwillig ein Ende setzt – so wie diese Woche bei Uttrichshausen auf der Autobahn.

Denn der Verlust wiegt viel mehr als bloß der eines Menschenlebens. Davon gibt es ja eigentlich auch so viele!  Das, was uns schmerzt, was uns manchmal an die Grenzen des Verstehens und des Aushalten-Könnens versetzt, ist der Verlust einer ganzen Welt, die stets mit einem Menschenleben verbunden ist.

Und: über das Ende dieser vielen Welten wissen wir meistens nichts. Das Ende eines Menschenlebens liegt im Dunkeln. Den Todeszeitpunkt können wir nicht voraussagen. Vielleicht auch besser so, wird mancher denken.

b) Jesus

Der Psalmbeter wagte sich zwar aus der Deckung und sagte: „70, wenn´s hoch kommt 80 Jahre“, dauere ein Menschenleben, aber das ist ja keine ordentliche Voraussage. So setzt also Jesus das Kommen des Herrn für die Nacht an. Dann, wenn man für Besuch nicht wirklich vorbereitet ist. Dann, wenn man müde und abgekämpft zu Bett gehen will. Allzu oft schaut dann, so Jesus, der Tod vorbei. Oder besser: Meist im unbekannten Moment schneidet der Herr über Leben und Tod den Lebensfaden ab – und zudem tatsächlich meistens in der Nacht.

Und mit dem Verlust eines geliebten Menschen müssen die Angehörigen dann umgehen lernen. Der fehlt und der Verlust schmerzt. Und er schmerzt besonders häufig an den Tagen, die besonders hell waren: Zur Weihnachtszeit, am Heiligen Abend, zum Jahreswechsel an Sylvester, an den Geburtstagen. „Ach, wäre sie doch jetzt hier“, höre ich mich da sagen.

Der Herr über Leben und Tod kommt in der Nacht. Und er verdunkelt mit seinem Kommen ganze Welten; manche scheint er im Meer der Tränen ganz zu verschlingen.

Und jetzt gibt Jesus uns einen weisen Rat. Er gibt zu, dass nicht einmal er selbst weiß, wann ein Leben zu Ende geht und der Herr kommt. Aber er empfiehlt uns, dass wir uns trotzdem auf sein Kommen vorbereiten. Da er ja ohnehin kommt, ist´s nicht schlecht, wenn man vorbereitet ist.

Er ruft uns zu: „Vergesst nicht, dass der Herr gerade dann kommt, wenn ihr es nicht erwartet.“ Und er will uns damit nicht niederdrücken oder fertig machen. Sondern dass wir uns mit dieser Tatsache anfreunden oder sie zumindest akzeptieren können. Dass es so ist wie es ist und wir die Zeit, die wir haben nicht mit Schlafen vertüddeln. Wachsam-Sein ist seine Empfehlung. Und zu diesem Wachsam-Sein gehört die Schau auf das eigene Leben und auf das Leben meiner Nächsten unverfälscht.

Wie oft höre ich bei den Beerdigungsgesprächen:

„Wir konnten uns noch gut verabschieden und haben Ungeklärtes geklärt.“

Ebenso oft steht aber noch manches im Raum, was man zu Lebzeiten gut hätte sagen können – aber dann ist es zu spät und wir können uns nur noch der Vergebung Gottes empfehlen, da derjenige, den man gern noch um Verzeihung gebeten hätte, gestorben ist. Auch das kommt eigentlich ziemlich oft vor.

Wachsam-Sein bedeutet dann, dass wir mit den uns umgebenden Menschen bei allem Respekt ehrlich und gerade heraus umgehen. Dass wir uns vielleicht für heute vornehmen, ein Problem endlich aus der Welt zu schaffen, das wir mit jemandem haben, indem wir auf ihn oder sie zugehen und es im Guten versuchen. Bevor es zu spät ist.

Denn ihr wisst nicht, wann der Zeitpunkt da ist.

3. Welt des Glaubens

Liebe Gemeinde!

Ihr dürft dies wirklich frohen Mutes tun: Aufeinander zugehen und aus der Macht der Vergebung heraus leben. Denn Jesus sagt ja noch etwas. Am Anfang unseres Predigttextes sagt er einen Satz, den ich Euch bei jedem Abendmahl mit auf den Weg gebe, da er mir selbst so wichtig geworden ist.
Er sagt: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

Vom unendlichen Weltraum und der Welt der Physik sprach ich am Anfang. Klar, diese Welt wird vergehen. Himmel und Erde. Genug davon.

Wenn Jesus aber behauptet, dass seine Worte nicht vergehen, dann ist damit mehr gemeint als die wenigen Worte, die wir in der Bibel von ihm haben. Auch wenn diese ebenfalls in Ewigkeit bleiben werden.  Wenn Jesus von Worten spricht, auf griechisch „logoi“ (von Logos), dann können wir uns an den Anfang des Johannes-Evangeliums halten, wo es heißt: „Im Anfang war das Wort.“ Und alles ist durch dieses Wort gemacht worden. Die ganze Schöpfung, der ganze Kosmos, und auch alle Menschen sind in dieses Wort mit hineingenommen.

Wir sind sozusagen Worte Gottes. Denn wir gehören zu seiner Schöpfung mit dazu. Und wenn es heißt, dass diese physikalische Welt vergehen wird, können wir doch eigentlich recht gut damit leben, wenn wir begriffen haben, dass die Worte von Jesus Christus in Ewigkeit bleiben.

Dass Du Deine Mutter wiedersehen wirst.

Und Du Deinen Vater.

Du Deinen Ehemann.

Deine Ehefrau.

Und Du Dein zu früh verstorbenes Kind.

Und dass alles, was ungesagt geblieben ist, im ewigen Wort Gottes gesagt sein wird. Und Verzeihen und Vergeben nicht nur in der Luft liegen, sondern Wirklichkeit geworden sind. Denn er, das lebendige Wort Gottes, legt seine rechte Hand auf dich und sagt zu dir:

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt zum Volkstrauertag 2012: Offenbarung 2,8-11: Ein Trostbrief: Ehemalige Kinder des Bonhoefferhauses predigen

Predigt zu Offenbarung 2, 8-11 am Volkstrauertag 2012

im Bonhoeffer-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde in Fulda, Ziehers-Nord,

mit Taufe und 40 Jahre nach der Eröffnung des Gemeindehauses

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen heute einen Trostbrief mitgebracht. Der Seher Johannes schreibt der Gemeinde in der türkischen Stadt Smyrna, dem heutigen Izmir: „Ich kenne dich, ich kenne deine Not und deine Stärke! Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“

Was sagt dieser Brief uns heute, liebe Gemeinde? Heute am Tauftag von Justin Antonyuk, heute am Volkstrauertag?

Schreibe dem Engel der Gemeinde in Smyrna:

Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:

„Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut! Aber du bist reich! 
Und ich kenne die Lästerung derjenigen, die sich dir gegenüber als jüdisch ausgeben; aber sie sind es nicht! Sie sind eine Versammlung des Satans! 
Fürchte dich nicht! Nicht vor dem, was du erleiden wirst. Siehe der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet und ihr werdet zehn Tage Bedrängnis haben.
Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!


I

Ein Brief hat eine Anschrift. Dieser hier richtet sich an die Gemeinde in Smyrna. Aber der Seher Johannes schreibt nicht direkt an diese Gemeinde, er schreibt an den Engel der Gemeinde. Wie stelle ich mir den Engel einer Gemeinde vor? Haben auch Sie, liebe Ziehers-Norder, einen solchen Engel?

Ein Engel ist ein Bote. Er (oder ist es vielleicht eher eine Sie?) wechselt hin und her zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns. Bringt Nachrichten von Gott zu uns auf die Erde; erzählt Gott von uns. Der Engel achtet auf uns, schützt uns, behütet uns. Deshalb wählen so viele Eltern heute den Taufspruch aus Psalm 91, der auch Justin begleiten soll, den wir gerade getauft haben: „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten, dass sie dich behüten auf allen deinen wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“

Dass nicht nur jeder und jede Einzelne, sondern auch jede Gemeinde einen Engel hat, heißt: Was hier auf Erden in und mit einer Gemeinde geschieht, ist Gott nicht egal! Ob eine Gemeinde unter Verfolgung leidet, wie viele afrikanische Gemeinden in diesen Tagen; ob eine Gemeinde voll Schwung aufbricht und viele junge Familien anzieht; ob eine Gemeinde sich zurückzieht und das Gefühl hat: es geht ja doch nur alles bergab; all das interessiert und bewegt Gott. Jede Gemeinde mit ihren Stärken und Schwächen hat einen Engel, der sie vor Gott vertritt!

So verschieden wie die Gemeinden, so verschieden sind auch ihre Engel. Die einen brauchen Trost, die anderen Mahnung. Was zeichnet den Engel ihrer Kirchengemeinde hier in Ziehers-Nord aus?

Ich stelle mir vor, die Konfirmandinnen und Konfirmanden malen die Umrisse eines Engels mit großen spitzen Flügeln an die schönen hohen weißen Wände hier im Bonhoeffer-Haus. Und dann sind alle eingeladen, sich und die Gemeinde dort als Federn in die Flügel einzuzeichnen: die Spielkreise und die Tauffamilien, die Jugendlichen, die Konfirmandinnen und Konfirmanden, der Kreativkreis, die Senioren und der Kirchenvorstand, vielleicht auch die anderen Gemeinden drum herum, auch St. Paulus, auch die Schulen, zu denen Verbindungen bestehen.

So entsteht ein bunter Engel, an dem erkennbar wird, was diese Gemeinde auszeichnet. Für mich war und ist der Engel ihrer Gemeinde ein Engel der Gemeinschaft. Und zu so einem Engel passt ein Gemeindehaus. Hier spüren wir sofort: Niemand glaubt für sich allein! Evangelischer Glaube ist geteilter Glaube. Er lebt davon, dass wir uns gegenseitig kennen und stärken. Wer traurig ist, findet einen Menschen, der zuhört. Wer zweifelt, darf klagen und wird ermutigt. In die Jugendgruppe sind die eingeladen, die gut reden können und die, die lieber und gut Tischfußball spielen. Alle sind willkommen.

Ich erinnere mich noch, wie unsicher ich als Jugendlicher war, als wir einmal um das Haus ein Fest mit behinderten Kindern und Jugendlichen und der Lebenshilfe gefeiert haben. Wie wird das gehen? Wie werden wir uns verständigen? Können wir etwas miteinander spielen? Miteinander singen? Abends sind wir erfüllt nach Hause gegangen. Und bis heute begleiten mich das Lachen und die Herzlichkeit dieser Kinder und Jugendlichen. Der Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord hat mich gelehrt: Wir gehören zusammen, auch und gerade wenn wir unterschiedlich sind.

II

Jetzt haben wir die Anschrift des Briefes. Was steht denn nun in dem Brief? Ich lese drei Sätze an den Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord: „Ich kenne dich!“ „Fürchte dich nicht!“ und „Sei treu, dann wirst du leben!“

III

Ich kenne dich! Das ist der erste Satz von Christus an den Engel der Gemeinde und an uns. Christus sieht uns. Er achtet auf uns. Er schätzt uns. Wir sind ihm lieb!

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut, sagt er. Vieles ist schwer. Für einzelne von uns: Krank sein, Abschied nehmen müssen. Im Beruf nicht die Anerkennung finden, die ich mir gewünscht habe. Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren. In meiner Familie scheitern. Aber auch als Gemeinde gibt es das: da kommt eine Gruppe an ihr Ende oder es sind nicht mehr genug Menschen da, um einen eigenen Chor zu haben. Manchmal muss eine Gemeinde von einem Menschen Abschied nehmen, der wichtig für alle war. Oder es gibt Enttäuschungen: Warum hat mich niemand besucht?

Ja, sagt Jesus Christus unserem Engel, ich kenne dich und deine Sorgen. „Aber du bist reich!“ Lass dich nicht abhalten von Gottes Zusage. Lass dich nicht verbittern. Trau der Freundlichkeit und der Gemeinschaft, trau mir und meinem Wort. Komm trotz und mit deinen Sorgen in die Gemeinde: Hier gibt es Menschen, die zuhören, die an dir interessiert sind, die sich gegenseitig stärken.

IV

„Fürchte dich nicht!“ Das ist der zweite Satz, den der Geist Gottes an die Gemeinde schreibt. Fürchte dich nicht! Mit dieser Zusage beginnt christliches Leben. Das sagt der Engel zu Maria, als sie hört, dass sie mit Jesus schwanger ist. Das sagt Jesus zu den Kranken, die verzweifelt zu ihm kommen. Das sagen wir zu den Kindern bei der Taufe: „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Fürchte dich nicht, das ist für mich die Überschrift über das christliche Leben.

Mir ist dabei dreierlei wichtig:

  1. Fürchte dich nicht, kann man sich nicht selbst sagen. Das muss ich hören. Gerade wenn ich richtig Angst habe, brauche ich eine andere, die mir das zuspricht. Manchmal laut und deutlich, manchmal nur ins Ohr geflüstert: Trau dich, geh! Damit ich weiß, ich bin nicht allein, andere teilen meinen Glauben und meine Hoffnung. Sie stärken mir den Rücken. „Fürchte dich nicht“ braucht die Gemeinschaft.
  2. Wer: „Fürchte dich nicht!“ sagt oder hört, weiß: es gibt vieles, vor dem ich mich fürchten muss. Johannes schreibt der Gemeinde in Izmir: Fürchte dich nicht – und weiß zugleich, dass gerade einige im Gefängnis sind wegen ihres Glaubens. Er kennt ihre Not, aber er weiß auch um ihre Stärke: Christus ist bei euch! Deshalb ist die Zeit der Bedrängnis begrenzt. Zehn Tage wird sie dauern, sagt Johannes. Das war schon damals nicht als genaue Zeitangabe gemeint, sondern ein Bekenntnis: nur eine kurze Zeit, dann werdet ihr gerettet und eure Not wird ein Ende haben. Darauf vertrauen wir!
  3. Und schließlich: „Fürchte dich nicht!“ macht frei und mutig. Wer getauft ist, wer diese Zusage gehört hat, hat weniger Angst, den Mund aufzumachen. Traue ich mich, wenn eine in der Klasse gemobbt wird, mich auf ihre Seite zu stellen? Oder habe ich Angst, dann selbst angegriffen zu werden? Für was stehe ich ein, für was fühlen wir uns als Gemeinde verantwortlich?

V

Schließlich heißt es in dem Brief: „Sei treu, dann wirst du leben.“ Oder wie Johannes schreibt, dann wirst du die Krone des Lebens erhalten.

Was ist treu? Gemeinden wandeln sich. Vor 40 Jahren haben wir den Schwung genossen, mit dem hier oben viele Menschen neu anfangen wollten. Alles war möglich: ein neuer Stadtteil, eine junge Gemeinde, ein Aufbruch. Seitdem hat sich viel verändert. Der Stadtteil stellt jetzt neue Fragen an die Bonhoeffer-Gemeinde. Viele, die jung nach Ziehers-Nord gezogen sind, sind inzwischen alt geworden. Was ist für sie wichtig? Andere ziehen neu hierher und wollen nun ihre Akzente setzen. Finden sie Platz unter uns? Freuen wir uns auf neue Impulse von außen? Wie bleiben wir uns in allem Wandel treu?

Für mich heißt ‚treu’ zweierlei:

1. In allem Wandel bleiben wir wechselseitig füreinander verantwortlich. Wir achten aufeinander. Wir schauen, was Not tut und was wir dazu tun können, dass das Leben in Ziehers-Nord, in Fulda und darüber hinaus gedeiht.

Und 2. Wir richten uns gemeinsam aus auf Christus. Was will er uns heute sagen?

Ich will diesen Wandel am Beispiel des Volkstrauertages erläutern: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ stand und steht auf vielen Denkmälern für die Gefallenen der Weltkriege. Treue zu Christus und Gehorsam von Soldaten galten damals als ein und dasselbe. Aber die Kirche und die Gemeinden haben sich gewandelt. Sie haben gemerkt, dass sie in die Irre gegangen sind. Heute, am Volkstrauertag 2012, gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt, aber wir fragen uns zugleich: wie sind wir Christus treu, der seine Feinde liebte.

Mit Dietrich Bonhoeffer suchen wir Wege aus der Gewalt, gerade in diesen Tagen mit seinen Kriegsschrecken in Syrien, In Israel und Palästina: „Wer von uns darf denn sagen“, fragt Bonhoeffer, „dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?“ „Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? D.h. durch die Großbanken, durch das Geld? oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dies alles aus dem einen Grund nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmermehr sichern …“

VI

Wir kennen die Anschrift auf dem Brief: an den Engel der Gemeinde. Wir haben gelesen, was darin steht: „Ich kenne dich. Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“ Nun bleibt noch die Frage: Wer ist der Absender?

Johannes, der Seher, schreibt nicht in eigenem Namen. Alles, was er sagt und tut, sagt und tut er im Namen von Jesus Christus. „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden.“

Für mich heißt das: Alles, was wir tun und reden, tun und reden wir nicht, damit wir und unsere Gemeinden engagiert oder interessant wirken. Wir verweisen auf Christus, so wie Johannes der Täufer das tut, mit dem langen Zeigefinger! Wir fragen, was Christus von uns will und was er uns verheißt. Oder um es noch einmal mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen: Es geht in der Gemeinde nicht darum, „aus sich selbst etwas zu machen“, sondern „in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben“ und „sich Gott ganz in die Arme zu werfen“.

Das ist das Überraschende am Glauben: Schaue ich von mir weg auf das Kreuz und die Auferstehung, bekomme ich Mut für die Welt. Ich sehe die Not – und behalte die Hoffnung. Ich werde gestärkt – und mache anderen Mut. Ich werde frei – und helfe anderen. Ich schaue nach vorne – und sehe, wie Christus auf mich zukommt. Mit ausgebreiteten Armen sagt er: Ich kenne dich, fürchte dich nicht, du wirst leben!

Amen.

Jochen Cornelius-Bundschuh

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2013 zu Eph 6,14-17: Superhelden

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dessen Geist uns zusammenführt, sei mit euch allen! Amen.

Hört, was der Apostel im Epheserbrief im 6. Kapitel schreibt:

14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit

15 und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens.

16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen,

17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.


  1. Superhelden im Kino und der Kirche

Liebe Konfirmanden!

Liebe Eltern, liebe Taufpaten, liebe Familien, liebe Festgemeinde!

Demnächst kommt ein neuer Super-Man-Film ins Kino. „Man of Steel“ läuft ab 20. Juni in den Kinos. Ich denke, da werde ich reingehen. Das Superhelden-Genre hat es mir schon lange angetan. Ob Batman oder Spiderman, ich versuche am Ball zu bleiben; ich versuche, alle auf Großleinwand zu sehen.

Heute Morgen haben wir hier 10 neue Super-Helden im Saal, die man ganz ohne Kinotechnik bestaunen darf. 10 junge Leute, die gleich ein Bekenntnis zu Gott, zu Jesus Christus und seiner Kirche ablegen werden. „Ja, wir sind bereit“, werden wir gleich – hoffentlich lautstark bis zur letzten Reihe – hören.

10 Superhelden. Aber Moment: Was macht denn einen Superhelden aus?

a) Superhelden-Kräfte

Dass er Superkräfte hat, die normale Menschen nicht haben. Superman kommt schon mit diesen Superkräften auf die Erde, weil er eigentlich gar kein Mensch ist. Spiderman wird von der Spinne gebissen. Batman hat das Glück, dermaßen viel technisches Spielzeug zu besitzen, dass er einfach stärker ist als seine Gegner, die Superschurken.

b) Verantwortung

„Große Macht erfordert große Verantwortung!“ schärft dann auch Uncle Ben Spiderman immer wieder ein. Denn wenn man ohne diese Verantwortung durchs Leben stolziert, wird aus dem Superhelden rasch eben ein Superschurke. Das Eintreten für Gerechtigkeit und allgemein für die gute Sache zeichnet im moralischen Bereich das Leben des Superhelden aus. Der Superheld ist da zur Stelle, wo er gebraucht wird, er setzt sich ein für die Schwachen und Unterdrückten, er weiß, was zu tun ist, wenn Not am Mann ist.

c) Fremde in der Welt

Und das Leben des Superhelden findet meist in zwei Welten statt: Einmal die Welt der Superkräfte, wo er mit seinem Kostüm und seinen großen Fähigkeiten die Welt rettet. Hier fühlen sich die Superhelden wohl, weil sie ihre Fähigkeiten einsetzen können.

Und zum anderen findet ihr Leben mit einer Deckidentität statt. Da tun sie so, als wären sie ganz normale Menschen, die ein stinknormales Leben führen. So dass Peter Parker als Pizzabote ständig zu spät kommt und dann sogar gefeuert wird. Oder Clarke Kent als Journalist durchaus die Grenzen des menschlichen Lebens kennenlernt.

Die außergewöhnlichen Kräfte verpflichten den Superhelden zur Geheimhaltung. Und dadurch werden Superhelden rasch zu Fremden in der Welt, die sie umgibt. Sie fühlen sich manchmal wie Fremdkörper, die zur Umgebung nicht so recht passen.

Und mancher Superheld erträgt das nicht und verwandelt sich über diese Frustration in einen Superschurken oder verweigert sich seiner enormen Kräfte, wie wir es in dem humorvollen Trickfilm „Die Unglaublichen“ (The Incredibles) sehen können.

Sinnverlust, Trägheit und Langeweile sind die Folge für den Superhelden, der seine Kräfte ignoriert.

2. Christen sind Super-Helden

Und nun behaupte ich: Heute Morgen haben wir 10 neue Superhelden hier im Bonhoeffer-Haus. Ich versuch´s den anderen mal zu erklären. Bleibt Ihr vorerst sitzen und probiert eure Superkräfte bitte erst nach dem Gottesdienst aus.

a) Superchristen-Kräfte

Worin liegen Eure jeweiligen Superkräfte?

  • Ihr gehört hinein in die Reihe der Menschen, die getauft sind und dadurch vom Geist Gottes, dem Heiligen Geist, direkt berührt werden.
    Ihr tragt in Euch die Macht Gottes. Und diese Macht ist noch mächtiger als diejenige von Superman, denn sie reicht über die physikalische Welt hinaus in eine göttliche hinein, die unsere umfängt.
    Supermans Kräfte reichen nur in diese Welt, was schon ziemlich viel ist, Eure Kräfte reichen darüber hinaus.
  • Mit dieser Macht habt ihr Gott selbst hinter euch. Der schützt und stärkt euch, wenn ihr nicht weiter wisst. Den könnt ihr alles fragen. Dem dürft ihr alle Schwierigkeiten und Probleme erzählen. Und ihr dürft euch darauf verlassen: Er hört jedes eurer Gebete.
    Ihr habt den stärksten Berater, den man sich vorstellen kann.
    Weitaus hilfreicher als Batmans Butler, viel zuverlässiger als Peter Parkers sogenannter bester Freund.
  • Ihr tragt die Liebe von Jesus Christus in euch.
    Ihr gehört hinein in die Reihe der Menschen, die aus der unglaublichen Macht der Vergebung leben dürfen.
    D.h.: Ihr seid nicht dazu verdonnert, jeden Streit mit dem Abbruch der Beziehung zu beenden. Ihr wisst, dass mit dieser Liebe Gottes sogar Kriege beendet werden könnten und Friede auf der ganzen Welt möglich wäre.
    Ihr könnt diese Liebe im Herzen immer anwenden, wenn Streit und Missgunst herrschen.
    Ihr dürft, da ihr Christen seid,  anderen Menschen im Namen Gottes verzeihen.
    Ich kenne keinen Superhelden aus dem Kino, der diese Fähigkeit besitzt.
    Ihr habt sie.
    Nutzt sie also auch!
  • Ihr habt das Ewige Leben.
    Ihr habt Anteil an der Allmacht Gottes, weil Ihr sogar über den Tod hinaus noch eine Rolle in Gottes Reich spielen werdet.
    Ihr könnt gewiss sein, dass ihr beim Heiligen Abendmahl die Speise zur Unsterblichkeit bekommt.
    Ihr könnt euer Leben im Horizont der Auferweckung führen.
    Ihr dürft gewiss sein:
    Euer Leben, Euer Einsatz und Eure Mühen werden nicht vergebens sein.

b) Glaube und Verantwortung

Dass diese eure Superkräfte große Verantwortung mit sich bringen, liegt auf der Hand. Wie schnell sich Glaube in Heuchelei verwandeln kann, die Freiheit des Christentums zu Unterdrückung führt und aus der Macht der Vergebung die Macht der sozialen Kontrolle erwachsen kann, kann man in Geschichte und Gegenwart der Kirche ablesen. Lest Zeitung und Geschichtsbücher, dann seht ihr, wohin falsch eingesetzte Superkräfte von Kirchenleitungen, aber auch einfachen Christinnen und Christen führen. Ihr tragt selbst die Verantwortung dafür, dass ihr Eure Superkräfte so einsetzt, dass aus ihnen das Gute erwächst. Als Superheld ist man vom moralischen Standpunkt her keinen Deut besser als die normalen Leute.

Überhaupt „Das Gute“ erfüllen: Das ist mehr als das Erfüllen irgendwelcher Ver- oder Gebote, die vor tausenden Jahren in der Wüste einmal in Stein gehauen wurden. Das Eintreten für das Gute bedarf den Blick weit über den Tellerrand hinaus und wird da realisiert, also umgesetzt, wo ihr Gott und die Menschen so sehr liebt, wie ihr euch selber liebt. Das ist die Summe dessen, wie ihr Superhelden leben sollt: Indem ihr Gott und alle anderen so sehr respektiert wie euch selbst.

Klingt nach „einfach“, fällt aber selbst den größten Superhelden schwer.

c) Christen in der Welt

Dann ist da noch eine Kleinigkeit, die das Superhelden-Leben nicht unbedingt einfach macht: Ihr seid zunehmend Fremde in unserer Welt, zumindest in Mitteleuropa. Superhelden werden von einem Großteil der Bevölkerung in Deutschland mit großem Misstrauen beäugt. Eure Fähigkeiten werden gering geachtet, ihr werdet sie meistens im Verborgenen anwenden müssen.

Es reicht nicht mehr aus zu sagen: „Komm, ich bin Christ, du bist Christ, lass uns vertragen, wir legen unseren Streit bei.“

Ja nicht einmal mehr…: „Hey, Samstagabend ist Jugendgottesdienst, kommst Du mit?!“

…wird mehr von vielen als Ausdruck des Weltverständnisses akzeptiert, sondern mit Stirnrunzeln quittiert.

Wir können nicht mehr wissen, wer zum „Club“ dazugehört und wer nicht. Damit seid ihr in einer Situation, die alle Superhelden vereint: Unter Eurer Maske des normalen Lebens in einem Deutschland, in dem das Christentum  immer weiter an den Rand gedrängt wird, seid ihr getaufte Christen, die als Krieger des Lichtes

  • im entscheidenden Moment den Mund auftun,
  • im richtigen Augenblick in Schule und Beruf das Mobbing abwehren,
  • mitten im Streit die Gnade der Verzeihung hervorholen.

Die Superhelden des Christentums wurden schon vor einiger Zeit in die Privatquartiere abgeschoben. Religion soll nach Meinung von vielen nur noch privat stattfinden dürfen. Als Christen können wir das natürlich nicht, weil wir keiner Religion folgen, die uns irgendwelche merkwürdigen Regeln aufdrückt, sondern einer Weltanschauung angehören, die das gesamte Leben umfasst. In den Kirchen, in den Häusern, in den Familien, in der Politik, am Arbeitsplatz.

Superheld ist man oder man ist es eben nicht.

Man kann sein Getauftsein nicht am Eingang des Kinos oder Rathauses an den Haken hängen wie einen Mantel. Es kann schwer werden, wenn ihr in Schule und Beruf angemacht werdet: „Was, du bist noch nicht ausgetreten? Ich fahre einmal im Jahr auf Kosten des Herrn nach Malle!“

Es bedarf der Superkräfte und Eurer Erinnerung an sie, wenn ihr solchen Antichristen begegnet. Wenn es soweit ist, holt euch erst einmal Eure Stärkung hier im Bonhoeffer-Haus oder jeder anderen Kirche ab. Und redet darüber mit den anderen Superhelden, also mit Pfarrern, Kirchenvorstehern und weiteren Christen. Und habt den Mut, selbst Hand anzulegen:

In der Kirche mitzuarbeiten, sie mit zu gestalten und in eine gute Zukunft zu führen. Ab jetzt sofort etwa in der Jugendgruppe. Am 29. September, indem ihr die Kirchenvorsteher Eures Vertrauens wählt. Und später als Erwachsene bei den vielen Angeboten die euch die Kirche macht.

Die Offenheit hier im Bonhoeffer-Haus und auch in St. Johann für die Modernisierung ist da.  Nutzen könnt ihr diese Offenheit, wie ihr möchtet. Superhelden werden bei uns jedenfalls immer gebraucht.

Eure geistliche Waffenrüstung wartet nur darauf, angezogen und ausprobiert zu werden.

Amen.

Predigt zu Exaudi am 12.5.2013 zu Joh 14,15-19: „Christen sind keine Waisen!“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dessen Geist uns zusammenführt, sei mit euch allen!

15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

16 Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern  Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit:

17 den  Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.

19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen.  Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.



Liebe Gemeinde!

1. Der Theologe sagt: Der heilige Geist ist der Freak innerhalb der Dreieinigkeit

Als ich mich in der vergangenen Woche mit einem befreundeten Pfarrer über den eben vorgelesenen Predigttext austauschte, war sein Fazit ernüchternd: „Das kann man doch nicht predigen! Das versteht doch niemand! Vielleicht ein paar Theologen oder religiös übermäßig Interessierte!“

Er habe ein paar Tauffamilien am Sonntag da und da könne man doch nichts vom Heiligen Geist erzählen, der hier etwas seltsam anmutend als „Tröster“ geschildert wird. Der heilige Geist, so der sehr gelehrte Theologe weiter, sei doch für die meisten Menschen so etwas wie der „Clown“ oder der „Freak“ innerhalb der Heiligen Dreifaltigkeit.

Auch wenn ich über seine harten Worte überrascht war, habe ich ihm doch ein wenig recht geben müssen. Der heilige Geist scheint ein Schattendasein in unseren Kirchen zu führen. Und wenn Pfarrerinnen und Pfarrer von ihm zu reden beginnen, dann oftmals so, dass man hinterher auch nichts Neues erfahren hat. (Schauen wir mal, wie das hier nun ist…!)

Von Jesus reden: Ja, das ist einfach, da haben wir Geschichten und zum Teil sogar konkrete Geschichte. Da können wir Wundererzählungen ausdeuten, können seine Gleichnisse analysieren, können darüber nachdenken, was seine Auferstehung für uns bedeutet und was es für das Abendmahl bedeutet, dass auch Judas Iskariot mit am Tisch saß. Und die meisten Gottesdienste stellen dann ja auch tatsächlich Jesus in den Mittelpunkt.

Von Gott dem Vater reden: Auch das ist noch irgendwie möglich, da haben wir das, was uns Jesus von ihm berichtet – und wir haben das gewaltige Sammelsurium der Gottesvorstellungen des Alten Testamentes, die uns Gott den Schöpfer, Gott den Erhalter, Gott den Rächer, Gott den Barmherzigen und was es da sonst noch an Aussagen gibt, begreiflich machen.

Heute aber: Gott der heilige Geist.

Der Freak unter der Heiligen Dreieinigkeit, der nur zugänglich ist über Umwege, und den es „ganz konkret“ einfach auch gar nicht „gibt“. Wir wollen es also heute morgen mal mit ihm aufnehmen – und das, gerade weil eine Tauffamilie hier bei uns ist, die vielleicht dadurch einen neuartigen Zugang zu diesem Aspekt Gottes gewinnen kann. Denn: Den Segen Gottes bei der Taufe habt ihr eben auch nicht sehen können. Wasser ist geflossen, ein Versprechen wurde gegeben – dass die Liebe das höchste sei – aber alles ist unbewiesen und steht erst einmal im Raum. Es wird sich wohl erst noch im weiteren Leben erweisen müssen, inwieweit Gott mit der kleinen A-M ist und was ihr die Taufe bedeutet.

Jesus sagt: „Ich werde den Vater bitten und er sendet euch einen anderen Tröster.“

Besser übersetzt: Er sendet euch einen anderen Beistand, nämlich eben diesen Heiligen Geist, der meinem Kollegen und Freund so suspekt ist.

Dabei ist doch alles ganz einfach: Nachdem Jesus von den Toten auferstand, wurde er immer wieder von seinen Jüngern gesehen; teilweise in sehr privatem, kleinen Rahmen, etwa bei der Emmaus-Erzählung oder derjenigen von Maria aus Magdala; teilweise aber auch vor größeren Menschengruppen, etwa einem erweiterten Jünger- und Freundeskreis, schließlich von einer ganzen Menschenmenge mit über 500 Personen auf einmal. Nach 40 Tagen war der Zauber dieser erstaunlichen Begegnungen mit dem Auferstandenen dann vorbei. Jesus wurde entrückt zu seinem Vater in den Himmel, wie es Lukas im Evangelium und der Apostelgeschichte berichtet. Das haben wir am letzten Donnerstag, an Christi Himmelfahrt, gefeiert.

Problematisch wäre es für das Überleben des Christentums gewesen, wenn es das dann gewesen wäre.

Jesus kommt zu Erde.

Macht da einigen Wirbel.

Stirbt, steht von den Toten auf.

Und ist dann weg.

Dass es so eben nicht gekommen ist, zeigt unser heutiger Predigttext. Jesus steigt in den Himmel auf. Das bedeutet: Er befindet sich von da an in der Allgegenwart Gottes und eben nicht länger nur in der Gegenwart einiger weniger Auserwählter, und wenn es 500 auf einmal sind.

Allgegenwart bedeutet: Er ist überall gegenwärtig. Jetzt gerade hier. Mitten unter und in uns. Als Herrscher des Alls ist er jedem einzelnen dennoch ganz nah.

Denn, wie Jesus dann ja auch sagt: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück.“ Ihr habt mich immer bei euch, was immer ihr auch tut.

Er ist damit aber nicht länger so konkret unter den Menschen, wie er es vor seiner Kreuzigung und Auferstehung war. Wir können ihn nicht sehen. Manche meinen ihn fühlen und erspüren zu können. Er ist da als Heiliger Geist, als Geist der Wahrheit und als ein Beistand für jeden getauften Menschen.

Wer das begriffen hat, diesen Dreischritt: Jesus geht zu Gott. Jesus wird Gott gleich, etwa in seiner Allgegenwart. Jesus ist damit als Heiliger Geist unter uns,

…der hat vom Wesen des Christentums bereits enorm viel verstanden!

Und dann können wir auch meinen theologischen Freund in die Schranken weisen, der den Heiligen Geist als Freak oder Clown meinte bezeichnen zu müssen, weil das ja alles so arg kompliziert mit ihm sei.

2. Der Physiker sagt: Der heilige Geist ist nicht möglich, da er nicht zur Welt dazugehört

Ich habe allerdings noch einen anderen Freund. Der hat eine sehr materialistische Weltsicht. Der hat einmal Physik studiert. Und der sagt ganz deutlich: Man kann diesen Heiligen Geist nicht messen. Also kann es deinen Heiligen Geist auch nicht geben. Denn: Wenn der tatsächlich in dieser Welt wirkt, dann müsste man auch auf ihn messbar und belegbar schließen können. Das können wir nicht. Also ist dein Heiliger Geist eine Illusion, auf die du reinfällst.

Es ist ganz witzig, dass es Jesus Christus selber ist, der eben gerade das bereits vorwegnimmt. Er sagt: Ich sende euch

den „Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.“

Jesus selber geht ganz selbstverständlich davon aus, dass die „Welt“ diesen Geist nicht empfangen kann, weil sie ihn weder sehen noch kennen kann. Was Jesus hier tut ist nichts weiter, als allen Streit um die Existenz Gottes endgültig beizulegen: Wer allein zur Welt gehört, also ganz und gar in einer rein physikalisch-materialistischen Weltanschauung gefangen ist, hat nicht einmal die Chance, etwas von diesem Geist wahrzunehmen. Derjenige kann nur sagen: Es ist kein Gott, da es ihm unmöglich ist, Gott wahrzunehmen. Oder dann leider diejenigen, die daran glauben bzw. ihn durchaus wahrnehmen können, als Freaks oder Clowns zu bezeichnen, wie es zur Zeit in der neuen und höchst aggressiven Atheismus-Debatte der Fall ist.

Der Atheist, also der Ungläubige, hat nicht den Hauch einer Chance, Gott näher zu kommen, wenn Gott selber es nicht will.

Ungerecht? Kann schon sein, darüber steht mir ein Urteil nicht zu. Doch das was Jesus sagt, geht ja noch weiter:

„Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“

Waren mit der Welt und dem Unvermögen, Gott zu erkennen, all diejenigen gemeint, deren Weltanschauung auf rein innerweltliche Vorgänge gerichtet ist, dreht es sich jetzt darum, dass Christinnen und Christen diesen Geist nur zu gut kennen. Der ist nämlich mitten in und unter euch – jenseits aller Messinstrumente! Und doch keine Illusion, sondern eine Erscheinungsform Gottes, an deren Wahrhaftigkeit keiner zweifelt, der sie bereits erlebt hat.

3. Der Mönch sagt: Nur mit dem heiligen Geist hat eine Kirchengemeinde eine Chance

Dazu will ich eine letzte Person heranziehen, die ich auf dem Kirchentag in Hamburg getroffen habe. Es trat bei einer Veranstaltung über die weitere Entwicklung unserer evangelischen Kirche ein kleiner Mönch auf.

Die Veranstaltung war davon geprägt, dass verschiedene Professoren und Kirchenoberhäupter (einer miesepetriger als der andere) mit Zahlen, Statistiken und Stirnrunzeln die Entwicklung unserer Kirche derart schwarzmalten, dass ich mich fragte, ob ich vielleicht auf einem anderen Planeten lebe oder auch einer anderen Kirche angehöre.

Ganz unscheinbar stand auf einmal ein kleiner Mann in seiner Kutte da, der als Gesprächspartner eingeladen war. Mein erste Gedanke: Was hat der denn nun noch beizutragen? Will der vielleicht aus katholischer Sicht die evangelische Kirche schlechtmachen?

Der fing an zu reden. Und da konnte man begreifen: dieser Mann hatte das mit Himmelfahrt, mit Jesus, mit dem Heiligen Geist und dem Beistand für Christen vollends verstanden. Das was er sagte war, dass jeder das Vertrauen haben darf, dass der Heilige Geist das eigene Leben berührt. In uns selbst wirkt gerade jetzt der Heilige Geist. Die Begeisterung, die ein solches Leben in sich trägt, trat bei diesem Mönch von ganz allein nach außen.

Der Mann war kein begnadeter Redner, sondern hat in einfachsten Worten geschildert, was er in seinem täglichen Leben erlebt. Dass es darum geht, dem Wirken Gottes – des Heiligen Geistes! – im eigenen Leben nachzuspüren, sich darauf einzulassen.

Etwa: Die Menschen, denen wir den Tag über begegnen, sollen uns als von Gott geschickt vorstellen. Egal, wen wir treffen, wir gehen zunächst einmal davon aus, dass es Gottes Wille ist, dass wir gerade auf diesen Menschen treffen. (Hinterher kann man seine Meinung ja immer noch korrigieren!)

Denn wir Christinnen und Christen sind ja nicht allein „von dieser Welt“, sondern haben eben auch Anteil an der Ewigkeit Gottes, die kein Messgerät jemals aufzeichnen kann.

Anders gesagt: Ihr, die ihr hier heute Morgen seid, dürft euch getragen und umarmt fühlen von diesem Beistand, den Jesus vor nunmehr 2000 Jahren seinen Jüngern angekündigt hat. Der entzündet die Herzen. Von jedem noch so kleinen Menschen. Wie etwa unserem Täufling. Und er ist doch derselbe, der der Herrscher des Alls ist. Keine Witzfigur für irgendwelche Frömmler. Und auch keine Illusion irgendwelcher Spinner.

Sondern die ganze geballte Kraft Gottes in der Liebe zu seinen Menschen.  Gestern. Heute. Und in Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn. Amen.

Predigt zu Kantate am 28.4.2013 zu Jes 12: „Was heisst evangelisch sein?“

Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid. Amen.

Liebe Vorkonfis, liebe Gemeinde!

Was heisst: „Evangelisch sein“?

Darüber habt ihr im letzten Vierteljahr in Eurer Familiengruppe bei N.K. einiges gelernt und nachgedacht. Das habt ihr erfahren dürfen, als ihr die Kirche erkundet habt. Und das habt ihr gelernt, als ihr gestern mit mir und vielen anderen Vorkonfirmanden und Pfarrer Pfeifer im Bibelmuseum in Frankfurt wart.

Gottesdienst kennt ihr auch schon, auf jeden Fall den Kindergottesdient, ein wenig auch schon den „richtigen“ Gottesdienst, also den, der eher für Erwachsene gedacht ist.

Ihr seid also für Euer Alter von neun Jahren bereits ziemlich weit auf dem Weg zu wissen, was das ist: Evangelisch sein.

Nun ist es die Aufgabe des Pfarrers, jeden Sonntag einen Abschnitt aus der Bibel vorzulesen und anhand dessen zu zeigen, was dieser Text für unser Leben zu sagen hat. Der Abschnitt, den ich heute Morgen vorlese und dann für euch auslege, der stammt aus dem Buch Jesaja im Alten Testament unserer Bibel. Es ist das gesamte und sehr kurze zwölfte Kapitel.

Hört selbst, was der Prophet Jesaja uns für heute Morgen mitteilt:


Predigttext: Jes 12

1 Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, daß du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.

2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn  Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!

6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Liebe Vorkonfirmanden, liebe Gemeinde!

Was heisst das: Evangelisch sein?! Mit diesem Kapitel aus dem Jesajatext noch im Ohr will ich eine doppelte Antwort versuchen!

1. Evangelisch sein heißt, einer Religion anzugehören für besonders faule Menschen

2. Evangelisch sein heißt, einer Religion anzugehören für besonders fleißige Menschen.

Das ist aber eine widersprüchliche Antwort, werdet ihr jetzt bestimmt denken: Entweder jemand ist besonders faul, oder er ist besonders fleißig!

Fangen wir vorne an!

Zunächst sagt Jesaja, dass Gott seine Menschen tröstet. Gott tröstet seine Menschen, wenn wir traurig sind, wenn wir ihn brauchen. Wie Eltern auf ihre Kindr schon einmal sauer sein können und zornig werden, so schließt Gott seine Kinder später wieder in die Arme und tröstet sie.

Fast schon ein wenig zu naiv, zu menschlich gedacht und von Jesaja aufgeschrieben.

Fast schon ein wenig zu sehr am Vatergott des Psychologen Sigmund Freud dran, der (verkürzt) behauptete, dass Gott nur eine Einbildung sei, als dass wir das so ohne weiteres akzeptieren wollten.

Da ist schon einmal die erste Anfrage: Warum um Himmels Willen sollte Gott denn überhaupt zornig sein auf seine Menschen?

Warum sollte ihm denn irgendetwas nicht passen an so netten Jungs und Mädchen wie Euch Vorkonfis?

Oder gar unserem kleinen Täufling?

Wir haken da ein und kommen denkerisch nicht so recht weiter.

Wir wollen von Gott nicht be- oder verurteil werden, wollen nicht akzeptieren, dass der Gott des Alten Testaments ein Gott voller Zorn ist. Können nur schwer nachvollziehen, dass die Menschen dieser Zeit Gott als einen strafenden, unbarmherzigen Gott erlebt haben.

Dabei ist der Gedankengang, der dazu führte, so einfach nachzuvollziehen: Gott hat seinen Menschen gut erschaffen. Sie erweisen sich aber ständig als ganz und gar nicht gut. Streit, Lüge, Lieblosigkeit sind ja nur der Anfang, kriminelle Energien, Kriegstreiben und Völkermord das Ende der Palette an Schlechtigkeiten des Menschen – alles andere als Ruhmesblätter des Geschöpfes Mensch,

Also: Aus menschlicher Sicht kann Gott gute Gründe haben, zornig zu sein.

Nun schreibt der Prophet aber, dass sich Gottes Zorn gewendet hat und er nun seine Menschen tröstet.

Ja wie denn, haben sich die Menschen gebessert? Hat sich Gottes Zorn gewandelt, weil wir auf einmal allesamt immer artig sind und uns so benehmen, wie er es mal vorgesehen hatte? Nichts dergleichen. Da hat sich gar nichts geändert. Menschen sind, wie sie sind – seit Adam und Eva liegt´s uns Menschen im Blut, Sünder zu sein. Und trotzdem sorgt sich Gott um uns. Trotzdem tröstet er uns. Egal, was wir machen: Der hat uns lieb.

Deswegegen habe ich vorhin gesagt: Evangelisch sein: Das ist die Religion für die Faulen. Wir brauchen nichts machen, damit Gott uns liebt.

Was macht Gott denn dann aber mit uns, dass wir es erkennen können? Gibt es Zeichen dafür, dass das auch stimmt?

2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn  Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

Wie kann der Prophet so etwas schreiben? Ich lese diese Prophezeiung auf uns heute bezogen. Auf Euch, liebe Bonhoeffergemeinde, und damit dann auch auf Euch liebe Vorkonfis!

„Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht“.

Dafür gibt es ein Zeichen, dass man selber dieses Gebet für sich immer und immer wieder sprechen kann. Durch die Taufe darf ich angstfrei und sicher durch´s Leben gehen. Ich habe keine Angst mehr vor dem Leben, wenn ich begriffen habe, dass Gott seit der Taufe ein besonderes Auge auf mich wirft. Der ist bei mir, der führt mich durch´s Leben – und wenn es nicht mehr weiter geht, dann wird er mich auf seinen Händen tragen.

Mit der Taufe könnt ihr gewiss sein: Gott ist Dein Heil!

Dann geht der Prophet noch weiter:

„denn  Gott der HERR ist meine Stärke“.

Wo bekommen wir Christen von Gott persönlich Stärke? Wo erleben wir Gott so nah, dass er in uns aufgeht und uns stärkt?

Beim Heiligen Abendmahl. Das ist der Ort, wo wir ganz konkret Gottes direkte Zuwendung in Form einer Stärkung erleben können. Wir essen nur ein kleines Stückchen Brot oder eine Oblate – und trinken nur einen kleinen Schluck Wein oder Traubensaft (die Kranken tunken auch manchmal das Brot hinein, um niemanden anzustecken), aber wir bekommen damit Kraft und Stärke von Gott selber.

Weiter schreibt der Prophet:

„denn  Gott der HERR ist mein Psalm“

Ein Psalm ist ein Lied. Und Gott als ein Lied erleben wir beim Feiern des Gottesdienstes. Hier beten wir und singen miteinander. Gott selber soll uns im Gottesdienst begegnen. Wir haben ihn immer wieder auf der Zunge – fast so wie ein Lied, das aus dem Kopf nicht verschwindet, ein Ohrwurm. Hier haben wir – wenigstens einmal in der Woche – Zeit und Raum dafür, uns auf den Schöpfer und Erhalter von Raum und Zeit – also einem jedem von uns – zu besinnen. Ihm zu danken, an ihn zu denken, uns seine Worte zusagen zu lassen.

„denn  Gott der HERR ist mein Heil.“

Das, liebe Gemeinde, erfahren wir, wenn wir wieder nach draußen gehen. In unsere Häuser, an unsere Arbeitsplätze, in unsere Familien. Da erweist sich Gott als unser Heil. Achtet doch einmal darauf, wo Gott in eurem Leben am Wirken ist. Wo er sich euch als der treue und freundlich tröstende Gott gezeigt hat. Ich bin mir sicher: Da könnte so mancher einiges erzählen, wie sich Gott völlig ohne Gegenleistung als der gnädige und barmherzige erwiesen hat.

Evangelisch sein: Religion für Faule!

Nun hatte ich aber eingangs noch einen zweiten Satz dazugestellt:

2. Evangelisch sein heißt, einer Religion anzugehören für besonders fleißige Menschen.

Wie kann denn das nun zusammen passen? Wo wir doch gerade gehört haben dass wir uns ganz entspannt zurücklehnen und Gott an uns wirken lassen dürfen? Bei der Taufe, beim Abendmahl, im Gottesdienst und im täglichen Leben?

Auch hier hilft der Prophet Jesaja weiter:

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

Das heißt nicht mehr und nicht weniger als: Wer begriffen hat, dass Gott ihn völlig kostenlos und ohne Gegenleistung liebhat und unbedingt anerkennt, der ist darüber so begeistert, dass er diese Erfahrung an andere Leute weitergeben will. Der zögert nicht, wenn ein anderer Hilfe benötigt: So ein begeisterter hilft einfach. Und zwar immer dann, wenn es nötig ist.

Und je mehr er oder sie begeistert ist von dem, was Gott für uns getan hat, desto mehr wird derjenige so, wie Gott uns einmal haben wollte. Und dann werden wir selber zu Handlangern Gottes, werden seine Zeugen, seine Boten, seine Handwerker, seine Mitarbeiter an der großen Idee vom Reich Gottes, die sich in unserer Mitte in der Kirche bereits zu vollenden anbahnt.

Also: Bleibt richtig schön faul, was Euer Leben vor Gott angeht: Der sorgt für euch und ihr braucht nichts machen (das Abstrampeln für das Himmelreich überlassen wir einfach mal den anderen Konfessionen und Religionen).

Aber werdet damit gleichzeitig immer fleißiger, wenn es um Euer Leben mit den Menschen geht: Da dürft ihr euch anstrengen und das Gute, was ihr von Gott empfangen habt, freiwillig und ohne jeden Zwang weitergeben.

Als fröhliche und von Gott gestärkte Menschen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Predigt zu Miserikordias Domini am 14.4.2013 zu Johannes 21,12-17: „Hast du mich lieb?“

„Kinder, habt ihr nichts zu essen?!“ so fragt eines Morgens ein einsamer Fremder am Ufer des Sees. Gefragt ist eine Gruppe müder Fischer.

Textlesung Joh 21,12-17

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.
14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.
15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!


Liebe Gemeinde!

Das ist ein unvergesslicher Anblick: Dieser Fremde ist Jesus Christus. Etwa drei Tage nach Ostern zeigt er sich seinen resignierten Jüngern noch einmal leibhaftig. Leibhaftig heißt z.B., dass er morgens Hunger hat.

In dem Glaubenskurs, den wir am Samstag beginnen, werden uns keine schwierigen Dogmen beschäftigen. Kompliziertes würden wir schnell vergessen. Aber Leibhaftiges prägt ein Bild in unserer Seele ab, das wir nie vergessen werden. Nicht in Dogmen, sondern in Bildern bildet die Bibel unseren christlichen Glauben. Deshalb wird unser Glaubenskurs ein Bibelkurs sein: In Gesprächen über Gestalten der Bibel wird nach und nach jeweils ein Bild von ihnen entstehen.

Das gilt auch für das Bild, das sich jetzt am Seeufer entwickelt. Brot und Fisch essen Jesus und die Jünger zusammen. Dann sagt Jesus: „Simon, lass uns mal miteinander reden!“ Simon ist der alte Name von Petrus! Wir sehen Gottes Sohn mit gerade diesem Jünger etwas beiseite gehen. „Simon, hast du mich selbstlos lieb – mehr als die anderen?“ Bei dem Wörtchen „mehr“ ist Petrus hellwach – sein Lieblingswort! Erinnerungen steigen in ihm auf: Einst ließ Jesus die Gruppe allein über den See fahren. Als der Sturm gefährlich wird, erscheint Jesus. Er geht auf dem Wasser. Das fordert den Petrus heraus. Er will mehr als ängstlich im Boot zu hocken: „Wenn du’s bist, so heiße mich zu dir zu kommen“ und Jesus sagt tatsächlich: „dann komm!“ Und er kommt, als einziger!

Oder neulich, als ein Polizeitrupp Jesus vor den Augen der Jünger verhaftete. Petrus hat ein Schwert und säbelt einem Polizisten ein Ohr ab. Er will mehr, er will’s ihnen zeigen. Jesus macht schnell deutlich: So könnten wir arbeiten, aber so wollen wir nicht arbeiten! Es hätte schlimmer kommen können! Aber immer ist Petrus vorne dran, ein ausgeprägtes Alphatierchen.

Wir neigen in der Kirche zu falscher Bescheidenheit. „Das könnte ich nie!“ oder als Petrus gefährlich ins Wasser sinkt: „Das kommt davon!“ Ich behaupte: Wir brauchen in der Kirche Gemeindeglieder, die sich melden, wenn sie gerufen werden. Ja, wir brauchen Mitglieder, die mehr wollen. Jesus nimmt Petrus beim Wort: Du willst doch immer mehr; liebst du mich denn auch mehr?

Petrus sagt ja! Aber Jesus fragt erneut: „Simon, hast du mich wirklich lieb?“ Bitte lassen Sie Jesus diese Frage direkt an Sie richten! Tragen Sie Ihren Vornamen als Anrede ein! Denken Sie still darüber nach, was Ihnen Jesus Christus wirklich bedeutet! Von Ostern an können wir ihn unseren Freund nennen, ganz persönlich. Er ist die Freundschaftsseite von Gottes unsichtbarem Wesen. In Jesus ist der ferne Gott mir als Mensch ganz nahe geworden. Freundschaft mit Jesus ist also kein Hobby an der Peripherie, sie ist das Zentrum.

Aber kennen wir das auch? Dass solch eine persönliche Beziehung vertrocknet? Kennen wir das in unserer Kirche? Die Kirchensteuer klappt, die neuen Lieder sind brauchbar und die Lokalpresse berichtet freundlich. So könnte es weitergehen. Aber in mir wächst das berühmte Gefühl: das kann doch nicht alles sein? Es muss doch mehr geben?

Ich muss an dieser Stelle etwas erzählen: Ich fahre in Fulda gemächlich von einer roten Ampel 100 m weiter zur nächsten und schalte das Autoradio ein. Da demonstriert in Freiburg eine Gruppe junger Muslime gegen Karikaturen über Mohammed. Eine deutsche Muslima, vermutlich eine ehemalige Christin, wird interviewt. Ich schnappe ihre Entrüstung auf: „Wir protestieren, wie unser geliebter Prophet Mohammed beleidigt wird!“ „Geliebter Prophet Mohammed“ – immer wieder murmele ich diese Worte vor mich hin. Die Frau sprach es klar und entrüstet aus, ohne „ich sag mal so“ und ohne „wenn ich das mal ein Stückweit so sagen darf“! Und ich versuche, etwas Christliches zu formulieren: „Wir bekennen uns zu unserem geliebten Herrn Jesus Christus!“ Wo sind die jungen Christen, die dies fröhlich ins Mikrofon sagen?

Da fragt Jesus den Petrus ein drittes Mal. Wörtlich klingt es wie: „Simon, sind wir noch Freunde?“ Im Moment mag Petrus gedacht haben: „Was hat er denn bloß wieder? Hat er noch Probleme wegen der Magd, die immer wieder nervte?“

Aber nun dämmert es Petrus: „Dreimal fragte mich der Herr, ob ich ihn lieb habe. Dreimal haben das Gesindel von der Wache und diese Magd gefragt, ob ich ein Jünger von Jesus bin. Und dreimal habe ich es geleugnet. Ja, ich habe ihn verleugnet! Ich dachte, wegen der blöden Magd werde ich doch nicht zum Märtyrer!“ Jesus hatte sich noch umgedreht und Petrus hatte weinen müssen. Und er weint wieder bittere Tränen, als Jesus jetzt dreimal nach Lieben und Freundschaft fragt. Und ich denke an die muslimische Studentin und ihren geliebten Profeten Mohammed und an meinen Herrn Jesus Christus. Und nun weine auch ich im Auto…

Ich fasse mich wieder: Jesus fragt Petrus nicht nur dreimal, er betraut ihn ebenso oft mit der Achtsamkeit auf die Gemeinde: „Weide meine Schafe!“ Ich frage mich, was ich denn gemacht hätte, wenn mein engster Mitarbeiter mich dreimal verraten und im Stich gelassen hätte. Ich erwäge, was in Jesus vorging: Er hätte Petrus böse zusammenfalten können: „Ja, jetzt bist du zerknirscht, aber sonst immer Number one, doch als es darauf ankam, versagtest du. Auf dich ist kein Verlass! Der Zug ist abgefahren.“ Dann wäre die Krise der Freundschaft zum Beginn ihres Endes geworden.

Andererseits hätte er Petrus locker liberal vereinnahmen können: „Schwamm drüber, alter Junge! Das hätte mir auch passieren können. Man ist manchmal nicht so super steil zum Bekennen drauf!“ Dann wäre die Freundschaft an Oberflächlichkeit versandet.

Beides macht Jesus nicht! Jesus betreibt – im heutigen Jargon – eine heilende, seelsorgerliche Aufarbeitung. Jesus erspart dem Petrus nicht seine Tränen, er ist ja ganz tief abgestürzt. Aber bevor Petrus verzweifeln könnte, betraut Jesus ihn mit einem vertrauensvollen Auftrag. Vertrauen heilt. Die dritte Frage an Petrus klang auf Griechisch zunächst nach „Simon, sind wir noch Freunde?“ Inzwischen klingt sie anders: „Wollen wir wieder Freundschaft schließen?“ Das ist heilsam und heilend.

Immer wieder geht mir die Sehnsucht des Petrus nach „mehr“ durch den Sinn: Sind wir ihr gerecht geworden? Einmal sagte Jesus über eine Person: „Ihr müssen viele Sünden vergeben worden sein, denn sie hat so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Die vielen Tränen des Petrus waren eine Traurigkeit zum Heil.

Gott sei Dank! haben wir die Bibel. Ich bekomme Freude an dieser Therapie Jesu. So ist Jesus. So ist Gott durch Jesus. Er ist die uns zugewandte Freundschaftsseite von Gottes unsichtbarem Wesen.

Ich bin stolz darauf, einen solchen Herrn zu haben und Christ sein zu dürfen.

Und ich freue mich auf den Bibelkursus.

Amen.