8. Sonntag nach Trinitatis 2012: Der Tempel des Heiligen Geistes

Von Pfarrer Marvin Lange

Liebe Gemeinde,

der Kirchenvorstand hat vergangene Woche nach ziemlich mühsamen Verhandlungen beschlossen, dass wir versuchen wollen, das Bonhoeffer-Haus im unteren Bereich zukünftig an ein Spielcasino zu verpachten.  Es gab bei der sehr hitzigen Debatte weitere Überlegungen, das Kaminzimmer oben ein wenig umzubauen und künftig stundenweise an Damen eines bekannten Gewerbes zu vermieten.  Es ist bei der angespannten finanziellen Situation dringend nötig, schnell Geldmittel zu generieren. 


So können wir nicht nur ganz schnell die verbleibenden Mittel für die neue Orgel einwerben, sondern unser Bonhoeffer-Haus finanziell auch für die Zukunft absichern. Obwohl im Gottesdienstraum auch ein Restaurantbetrieb und im Saal ein Kino aufmachen könnte – dann bräuchten wir die Orgel ja eigentlich gar nicht mehr.  In dem Punkt war sich der Kirchenvorstand aber so uneins, ob wirklich alle Gottesdienste künftig draußen stattfinden könnten, dass wir diesen Punkt zur Abstimmung vertagt haben. Mir ist, das gebe ich unumwunden zu: mir wird das im Winter zu kalt sein, trotz Woll-Talars. Dann gibt es zumindest mit mir als Pfarrer eben ab dann nur noch Sommer-Gottesdienste!

Sie glauben mir nicht? Gut so!  Denn das eben Erzählte ist von mir frei erfunden, um in den heutigen Predigttext einzuführen.  Der Apostel Paulus beschreibt eine reale Situation, in der mit einem Tempel so verfahren wird, wie eben beschrieben. Und zwar nicht mit irgendeinem Tempel, sondern mit dem Tempel des Heiligen Geistes.

 (1 Korinther 6,9-20)

 9  Oder wißt ihr nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Laßt euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder,

10 Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid  reingewaschen, ihr seid  geheiligt, ihr seid  gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Der Leib ein Tempel des heiligen Geistes

12  Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen.

13 Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen.  Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.

 14 Gott aber  hat den Herrn auferweckt und  wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

 15 Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!

 16 Oder wißt ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden ein Fleisch sein« (1. Mose 2,24).

 17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist  ein Geist mit ihm.

 18 Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.

 19 Oder wißt ihr nicht, daß  euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selbst gehört?

 20 Denn  ihr seid teuer erkauft; darum  preist Gott mit eurem Leibe.

Liebe Gemeinde,

Worte, bei denen manch einer vielleicht am liebsten laut „ja!“ dazu gesagt hätte. Aber auch Worte, die manch anderem eher den Kopf schütteln lassen. Die Meinungen dürften auseinander gehen. Es sind ethische Weisungen des Apostels. Und die klingen in unseren Ohren sehr moralisch, manchen vielleicht sogar moralin!

„Anders betrachtet!

 Ob Paulus damit rechnete, dass seine Worte noch 2.000 Jahre später auf die Goldwaage gelegt und ausgelegt werden? Sicher nicht. Dafür war ihm die Wiederkunft des Herrn zu nahe. Was er schreibt, ist für die nächsten dreißig Jahre Gemeindeleben gedacht, aber nicht für Tausende von Jahren. Darum müssen wir auch nicht genau wissen, wie die Fronten in der Gemeinde von Korinth verliefen, die Paulus hier entschärfen will. Wir müssen nur wissen, dass Paulus, der seinen Leib wohl nicht sonderlich liebte, in diesen Worten den Körper als einen Teil des alltäglichen Gottesdienstes versteht. Es genügt nicht, nur richtig zu denken. Auch der Körper ist Tempel des Heiligen Geistes. Das sagt er sich auch selbst. Paulus, der immerzu Kränkliche, will seinen Körper aufwerten. Darum bittet er auch die Menschen in der Gemeinde. Lasst euch nicht gehen, bittet er; und: Bemüht euch, auch euren Leib lieb zu haben. Schwer genug wird es ihm selber gefallen sein. Vermutlich weiß er aber, dass man sich manches erst selber sagen muss, um es dann anderen zu sagen. Und manches gelingt besser, wenn man es sich selbst immer wieder sagt. Auch der Körper, wie immer er auch erscheint, ist eine Form des Gottesdienstes.“[1]

Liebe Gemeinde,

 nun ist es ja so, dass wir in Zeiten leben, in denen um den Körper, um den Leib, ein wahrer Kult getrieben wird. Es kann bei all den Magermodells, Brust-Implantaten und Nasenkorrekturen also kaum dabei bleiben, dass wir einfach nur alle auf unseren Körper auf eine ordentliche Art und Weise Acht geben – und Paulus dann mit uns zufrieden wäre; oder anders ausgedrückt:  dass wir diesen wunderbaren Satz, in seiner ganzen Tiefe erfassen könnten:

„Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes!“

Es geht also nicht um Wellness und Sonnenbaden, Olympischen Sport und Diätkost. Das alles ist nicht verkehrt zu tun, aber ich vermute, Paulus würde über uns lachen, wenn er uns bei unseren teilweise absurden Bemühungen beobachten könnte, für unsere Körper stets das Beste zu geben.

„Ohne Gentechnik“ lese ich schmunzelnd auf manchen Milchverpackungen. „Alles bio“ ist gut, will uns die Lobby sogenannter Grüner Industrien weismachen.  Auch „Turne in die Urne!“ könnte bald ein Werbeslogan dieses neuen Körperbewusstseins lauten.  Aber genug gefrotzelt!

Schauen wir uns den Satz des Paulus einmal genauer an: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist!?“

1. Das Tempelgebäude

Tempel kennen wir umgangssprachlich ja eigentlich nur als Gebäude: Der längst zerstörte Jerusalemer Tempel, die Tempel der vielen tausend Hindu-Gottheiten,  die spöttisch verachteten Konsumtempel, in denen angeblich der Gott Mammon angebetet wird . Und freilich ist auch jedes Kirchengebäude ein Tempel, so also auch unser Bonhoeffer-Haus.

 (Und jetzt sitzen wir hier draußen und nicht im Tempel drin und feiern trotzdem Gottesdienst!)

Und Paulus verwendet tatsächlich Wort für das Stein- oder Holzgebäude eines Tempels, wenn er unseren Körper als Tempel beschreibt. Den Begriff Tempelgebäude verwendet Paulus ganz bewusst.  In der Sprache, in der er schreibt, dem Griechischen, gibt es noch einen zweiten Begriff für Tempel, den wir eher mit „heiligem Bereich“ oder „Heiligtum“ übersetzen würden.  Also ein Begriff, der überall da seine Berechtigung hat, wo Gott anwesend sein kann.  Denkt dabei etwa an Moses und den Brennenden Dornbusch, an die spontan gebauten Altäre der Erzväter, an den Berg Zion als Abbild des Himmels, oder auch die Waldhaine mit den Baumgottheiten der Kelten und Germanen.

 Und das, was wir hier gerade machen, so würde Paulus es sagen, das ist ein Gottesdienst in einem „Heiligtum“, und nicht in einem „Tempelgebäude“.

2. Umgang mit Tempelgebäuden

Nun spricht Paulus aber ganz bewusst vom menschlichen Körper als dem Tempelbau des Heiligen Geistes und nicht bloß von allgemein heiligen Orten.  Und es ist von großer Bedeutung, wie man mit einem Tempel umgeht. Lässt man einen Tempel langsam verfallen und vergammeln, wird er früher oder später nicht mehr benutzbar sein.  Sorgt man sich aber immer weiter um Innenausbau und Sanierung, Modernisierung und Renovierung, dann kann er für viele Jahrhunderte Bestand haben. Die großen Kathedralen des Mittelalters sind herausragende Zeugen dafür.  Mal sehen, wie viele Jahrhunderte unser Bonhoeffer-Haus Bestand haben wird – 40 Jahre sind es ja jetzt, und es wird immer weiter daran und darin gearbeitet, ausgebaut und saniert. Toiletten im Keller und Beamer-Installation, Treppen-Sanierung und Gartenarbeit: All das sind Bemühungen, unseren Tempel hier vor Ort gut in Schuss zu halten.  Aber auch dann kann es vorkommen, dass ein Tempel einem anderen Zweck zugeführt wird – meist dann, wenn die Gläubigen ausbleiben.

Aus meiner Heimatkirche in Kassel, einer Johanneskirche, ist etwa ein sehr schicker Bürokomplex des  Diakonischen Werkes geworden,  und es gibt viele Kirchen, in denen heute Restaurants und Diskotheken untergebracht sind.  Und ganz analog dazu verhält sich laut Paulus unser menschlicher Körper.  Wir gehören zu Gottes heiligem Bereich dazu, haben durch Taufe und Abendmahl, durch Glaube und Rechtfertigung, dadurch, dass Gott uns unbedingt anerkennt, Anteil an Gottes Heiligkeit.   

Da ist es dann (fast) zwingend, von unseren Körpern als von Tempelgebäuden dieses Gottes zu sprechen.  Wir sind von Gott heilig gemacht, folglich sind wir selber Heiligtümer.

Und unser Körper ist der Tempel-Bau dieses von Gott geweihten Heiligtums. Und genauso, wie man ein Kirchengebäude verrotten lassen kann, können auch wir diese aus Fleisch und Blut bestehenden menschlichen Tempelgebäude des Heiligen Geistes verrotten lassen.

Und da geht es nicht bloß um zu dick oder zu dünn, zu unsportlich oder zu asketisch.

Paulus bringt sehr drastische Beispiele dessen, was diesen Tempel schänden kann:

Wer fremdgeht, wer anderen Göttern nachläuft, Vergewaltiger, Prostituierte, Diebe, Geizige, Säufer, Lästerer, Räuber.

Ein ganzer Katalog wird uns um die Ohren gehauen mit dem, was sich für einen Tempel des Heiligen Geistes eben nicht schickt. Klar, es ist antike Moral des ausgehenden 1. Jahrhunderts, das moralische Gewicht liegt für Paulus bei sexuellen Missständen wie Päderastie und Hurerei. Doch im Wesentlichen stimmt dieser Katalog mit dem überein, was die bürgerliche Moral des 21. Jahrhunderts ebenfalls für richtig oder falsch hält.  Und dieser Katalog ließe sich freilich noch verlängern. Geht einmal die 10 Gebote durch, dann wisst ihr, worauf ich hinauswill.   

Es ist dieser Teil des Christentums, der gerade von uns Evangelischen immer wieder vergessen oder verdrängt wird: Wer glaubt, dass er von Gott geheiligt, gerechtfertigt, geliebt und unbedingt anerkannt ist,  der verfolgt damit automatisch auch eine deutliche Ethik, bei der es sehr wohl auch schwarz und weiß, richtig und falsch gibt. Das Toleranzgebot ist gut und wichtig, hört aber für einen Christen da auf, wo die eigene Toleranz entmachtet wird. Wer sich als von Gott geheiligt versteht, der tut eben gewisse Dinge nicht – und schreitet auch da ein, wo ein anderer Tempel des Heiligen Geistes missbraucht wird.  

Für einen Tempel wie das Bonhoeffer-haus geziemt es sich nicht, Räume stundenweise zu vermieten oder ein Spielcasino im Keller aufzumachen.  Weil es dem Heiligen dieses Ortes entgegen stehen würde.  Es wäre kaum erträglich, wenn wir die Abgründe des ältesten Gewerbes hier im Hause hätten – oder mitschuldig daran würden, wenn Menschen durch ihre Spielsucht ihr ganzes Vermögen an die Bank verlieren. Ich vermute, dass das allen einleuchtet. Und es leuchtet euch wahrscheinlich ebenso ein, dass man auch unter solch widrigen Umständen vom Heil Gottes, etwa in Gottesdiensten an solchen Orten, dennoch etwas erfahren könnte.

 Der Geist Gottes weht, wo er will.

Es wird nur den Menschen schwergemacht, auf ihn zu achten, wenn unter ihm die Automaten klingeln. Wie aber ist es mit den Tempeln, die ihr selber seid?  Da sind dann viele erstaunlich großzügig im Umgang mit dem Heiligen, sprich: mit sich selber.  Paulus reagiert darauf gegenüber den Korinthern sehr, sehr scharf.  Aber bei aller Schärfe doch mit einer ordentlichen Portion Vernunft.  Er kennt Grenzen, die er nicht zu überschreiten bereit ist.

Für uns heute ragt der Satz heraus (1 Kor 6,12): „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.“  Und: „Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll mich gefangen nehmen.“

Das beides zusammen kann man als eine „Goldene Regel“ des Handelns begreifen:  Ihr seid freie Menschen. Aber in diesem eurem freien Tun achtet als von Gott Geliebte darauf, Euer eigenes Tun so anzustellen, dass es dem Guten dient.  Und achtet in aller Freiheit, die ihr habt, darauf, dass euch eure Taten nicht so sehr gefangen nehmen, dass ihr nur noch euch selbst und eure Süchte und Sehnsüchte habt.    Und damit haben wir eine wunderbare Auslegung des Doppelgebotes der Liebe gefunden: „Liebe deinen Nächsten!“ Wer das beherzigt, der dient automatisch dem Guten.  „Liebe Gott von ganzem Herzen!“ Lass dich nicht gefangen nehmen von Deinem eigenen Tun. Richte stattdessen dein Herz auf Gott, auf Jesus, aus.

 Wer seinen Körper aber missbraucht und nicht im Sinne Gottes einsetzt, der muss sich die Frage gefallen lassen, wie es denn eigentlich um seinen Glauben bestellt ist: Wie gehst Du denn mit dem Heiligen um? Du schändet Deinen eigenen Tempel dadurch, dass Du Gottes Gebot missachtest.

3. Fazit

 Also: eure Körper sind Tempel des Heiligen Geistes.  Es geht nicht bloß darum, irgendwie „richtig“ zu glauben, sondern als ganze Person diesen Glauben zu verwirklichen.  Gott hat euch in eurer Taufe dazu geweiht.  Und nun ist es an euch, eure Tempel auszubauen und auszuschmücken mit dem, was Gott gefällt:  Allein an IHN sein Herz zu hängen, den nächsten zu lieben. Und dabei die eigene Tempelpflege mit im Blick zu haben!

Denn Gott und den Nächsten lieben – das kann ich nur so sehr, wie ich bereit bin, mich auch selber zu lieben. Aber mit dem Wissen, dass du ein Tempel des Heiligen Geistes bist, dürfte das leicht fallen!

Amen.


[1]Michael Becker, Werkstatt für Liturgie und Predigt Heft 5+6/2012, S.221.

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2012: Endlich keine Muggel mehr!

Konfirmationspredigt zu 1 Kor 2,12: Endlich keine Muggel mehr!

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus

und die Liebe Gottes die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Der Predigttext für den heutigen Pfingstsonntag steht: 1 Kor 2,12ff:

12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern  den Geist aus Gott, daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.

13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine  Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich beurteilt werden.

15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

16 Denn  »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen?« (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.


Liebe Konfirmanden,

Ihr seid nun keine Muggel mehr!

Ja, ihr habt mich richtig verstanden! Ihr gehört spätestens jetzt nicht mehr zu den Muggeln. Ihr wisst Bescheid in Sachen Kirche, Glaube und Gott. Könnt nicht mehr so tun, als sei das alles für euch ganz unbekannt.

Muggel, liebe Gemeinde, das sind in der Welt von Harry Potter die normalen Menschen, die keine Ahnung haben, dass es Zauberer, Hexen, Flugbesen und Drachen auf unserer Erde gibt. Leute, die nicht einmal ahnen, dass sie in einer Welt voller Magie leben.

Vom Muggel zum Zaubererschüler wird man in der Harry-Potter-Welt mit der Aufnahme in die Hohe Schule für Zauberei und Hexerei zu Hogwarts. Und zum Aufnahmeritual gehört es, dass man einen besonderen, sprechenden Hut aufgesetzt bekommt, der die Person, die ihn trägt, scheinbar besser kennt als man selbst.

Und dieser sprechende Hut ordnet die Zauberer-Schüler verschiedenen Häusern zu. Da ist das Haus Griffindor, dessen Mitglieder sich gewöhnlich durch Tapferkeit und Mut auszeichnen. Dann gibt es den ewigen Konkurrenten in allen Dingen, ob nun Quiddich oder Hexenbesenrennen, das Haus Slytherin, deren Zauberer vor allem für ihren enormen Ehrgeiz und große Zielstrebigkeit bekannt sind. Weiter das Haus Ravenclaw, dessen zugehörige Zauberer meist für überdurchschnittliche Intelligenz und Weisheit stehen. Und zu guter Letzt das Haus Hufflepuff, in das jeder kommen kann, solange er nur gerecht, treu und fleißig ist.

Für Harry Potter ist die Sache einfach, als er nach Hogwarts kommt: Er bekommt den sprechenden Hut aufgesetzt und dieser ordnet ihn dann dem Haus Griffindor zu. Eine winzige Wahlmöglichkeit hat er immerhin als angehender größter Zauberer aller Zeiten, die er aber ausschlägt.

Nun stellt euch vor, ich hätte jetzt auch einen solchen Sprechenden Hut hier, und ihr müsstet ihn hier vorne am Altar aufsetzen.

Zur Wahl stünden hier und jetzt ebenfalls ein paar Häuser,

zum Beispiel: „evangelisch“, „unentschieden“, „gleichgültig“ und „ungläubig“.

Ich würde freilich hoffen, dass bei möglichst vielen der Hut EVANGELISCH schreien würde, aber da ich Realist bin und kein Traumtänzer, weiß ich, dass das nie und nimmer passieren würde. Ein Jahr lang habt ihr mich kennengelernt – und ich euch ebenfalls, so dass ich weiß, dass der Hut zumindest bei manch einem oder manch einer von euch ein deutliches „gleichgültig“ oder vielleicht sogar ein „ungläubig“ brüllen würde.

Doch der Hut aus Harry Potter schaut sich ja nicht bloß den aktuellen Stand eines Menschen an: der Hut aus Harry Potter schaut darauf, was wirklich in einem steckt, welches Potential, welche Möglichkeiten verborgen liegen.

Und da könnte es sein, dass der Hut bei jedem von euch auch eine starke evangelische Seite erblickt. Immerhin: Ihr seid alle getaufte Christen, habt alle ein ganzes Jahr lang mit Pfarrer Lange ausgehalten, wurdet beschult, seit in unzählige Gottesdienste gegangen, habt am Leben der Bonhoeffer-Gemeinde teilgehabt

und insgesamt Erfahrungen gesammelt, die keiner euch mehr nehmen kann!

Anders als bei Harry Potter gibt es aber gleich keinen Hut, der euch eurem Haus zuteilt. Anders als bei Harry Potter ist da niemand, der euch gleich in irgendetwas hinein zwingt.

Darüber, dass dieses „Ja,-wir-sind-bereit“ jetzt gleich keine Entscheidung von Eltern oder Verwandten, Pettern und Döds ist, haben wir gesprochen. Es ist allein eure Entscheidung. Eine Entscheidung, die ihr getroffen habt und gleich vor Gott und seiner Gemeinde laut „bejaht“. Ob ihr evangelisch sein wollt.

Und mit diesem ja verbunden ist weit mehr als evangelische Freiheitsliebe, christliche Hilfsbereitschaft und Kritikfähigkeit.

Mit eurem „Ja“ jetzt gleich legt ihr ein Bekenntnis zum Christentum ab. Ihr stimmt dann darin im Wesentlichen darin überein, was das Glaubensbekenntnis für Aussagen trifft.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass spätestens jetzt einigen von euch ein wenig mulmig geworden sein dürfte. Ist das denn gleich wirklich ein „Ja“, das ich guten Gewissens und reinen Herzens sagen kann?

Liebe Konfis, wenn einer unter euch problemlos zu allem, was ich euch im vergangenen Jahr erzählt habe, ja sagen könnte, wäre einer von uns beiden ein Heiliger… (und ich bin es nicht)!

Nehmt dieses aus dem heutigen Tage mit: Christsein, das ist eine Aufgabe. Und zwar eine für jeden Tag, für ein ganzes Leben, an der man wächst. Ähnlich wie Harry Potter aus dem Haus Griffindor nicht gleich der „Größte Zauberer aller Zeiten“ ist, seid ihr nicht mit der Konfession evangelisch gleich der größte Christ oder Heilige aller Zeiten! Christentum will angewendet sein, will weiter erfahren, weiter gelernt sein. Christentum muss auch über die Konfirmation hinaus Gehör finden.

Ich sage das deshalb, weil zur Zeit im evangelischen Christentum ein furchtbares Missverhältnis besteht zwischen Wissen um Inhalte einerseits und dem Tun dessen, was man noch so gemeinhin für christliche Werte hält andererseits. Wie soll man denn christliche Werte begreifen, wenn man das Wesen des Christentums nicht begriffen hat und nur noch so wenig Glaubenswissen vorhanden ist, dass man nicht mehr weiß, was Pfingsten eigentlich für ein Fest ist!?

Evangelisch-sein, liebe Konfis, so hat das mal einer eurer Petersberger Mitkonfirmanden ausgedrückt, ist „Religion für Faule“.

Ja, das stimmt, da unser Glaube unglaublich viel Spiel lässt für alle möglichen Ausformungen. Und es stimmt, weil evangelische glauben, dass sie ja ohnehin von Gott geliebt sind, egal, was sie tun.

Evangelisch zu sein, liebe Konfis, ist aber aus genau diesem Grunde besonders schwer! Weil mir eben niemand sagt, was genau zu tun ist. Weil es die so oft beschworenen „christlichen Werte“ doch nur in der jeweiligen Ableitung aus dem Glauben gibt. Die so hochgelobten Werte, liebe Konfis, die entstehen bei jedem Menschen im Gewissen stets neu. Wir Evangelischen sind damit eine Religion im Dauer-Ausnahmezustand:  Keiner da, der mir dabei hilft, alles immer gleich richtig zu machen. Oder?

Doch, da sind welche, die euch helfen, aber das Ausführen, das Tun, das müsst ihr schon selber machen. Ähnlich wie Harry Potter in der Zauberer-Welt einen großen Förderer, Unterstützer und Mentor in Albus Dumbledore hat, bietet euch der evangelische Glaube in all der großen Freiheit viele Hilfsmittel an, wie der christliche Glauben denn gelebt werden kann. Ich will nicht behaupten, dass ich für euch zum Dumbledore werden könnte, dafür fehlt mir der Bart und ich halte gern längere Reden, aber als einen Helfer auf dem Weg, den Glauben auszubauen, verstehe ich mich schon. Ich will euch gern die Hand reichen und fordere euch geradezu auf, genau jetzt weiter zu machen und euch hier in der Gemeinde anzudocken: Sei es in der Jugendgruppe, beim Helfen im Kindergottesdienst oder beim Ausarbeiten eines Jugendgottesdienstes.

Der persönliche Glaube ist mit der Konfirmation ja lange noch nicht abgeschlossen: Den Kinderglauben, den habt ihr längst hinter euch, ihr seid nun keine Muggel mehr. Es wird an der Zeit, auf dieser neuen Stufe weiter zu kommen und die nächste anzugehen.

Große Macht steht dem zur Verfügung, der die Muggelwelt hinter sich gelassen hat. Ihr habt immerhin die ganze Power des Heiligen Geistes im Rücken, der nun seit zwei Jahrtausenden in die Geschicke der Christen eingreift. Ihr habt die Hilfe der Kirche, ihr müsst sie bloß in Anspruch nehmen wollen. Ihr seid Gesegnete und Heilige im Glauben an Jesus Christus. Ihr habt das Geschenk des Ewigen Lebens. Ihr seid Geliebte Gottes. Sogar der Tod muss euch jetzt nicht mehr schrecken. Ihr werdet auferstehen!

Ihr habt die Welt Gottes erblickt, die unsere normalsterbliche Welt einschließt und mit seinen Wundern ausfüllt, wenn ihr diese Welt mit Augen des Gläubigen betrachtet.

Ihr solltet wirklich nicht länger so leben, als wäret ihr Muggel!

Ach, eines noch: Wendet eure Magie in der Muggelwelt ordentlich an!

Zaubert!

Dumbledore sagte einmal zu Harry Potter: „Worte sind – meiner nicht so bescheidenen Meinung nach – unsere wohl unerschöpflichste Quelle der Magie. Sie können Schmerz sowohl hinzufügen, als auch lindern.“

Nutzt diese eure Magie zum Guten! Ihr habt Worte! Achtet auf sie! Das Wort Gottes macht sogar Tote wieder lebendig. Wenn eure Worte aus dem Glauben heraus andere auch nur befähigen, ein kleines bisschen lebendiger zu sein als zuvor, dann habt ihr schon viel geschafft!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

1. Sonntag nach Epiphanias 2012 – Vom Schneider und vom Ruhm Gottes

Predigt zu 1 Kor 1,26-31:

Vom Schneider und Ruhm Gottes

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

der die Welt erleuchtet,

sei mit euch allen.

  1. Tapferer Schneider

Liebe Gemeinde,

ich habe einen Schneider in der Leipziger Straße. Der Schneider ist türkischer Abstammung, man hört es noch gerade so an seinem Akzent. Und mit türkischer Abstammung ist er natürlich ein Moslem.

Als ich letzte Woche meinen defekten Rucksack abgeholt habe, fragte er mich, was ich denn eigentlich beruflich mache.

Ich erzählte ihm, dass ich evangelischer Pfarrer sei hier in Fulda Ziehers-Nord.


Wir kamen ins Gespräch.

Viele Pfarrer seien bei ihm Kunden, meinte er. Und ich setzte nach: bestimmt alles Katholische.

Ja, das sei wohl so, meinte er dazu, aber er kenne den Unterscheid kaum, außer dass ich wohl ein Kind und eine Frau haben dürfte, meine katholischen Kollegen aber nicht.

Ich musste lachen. So ist das.

Dann wurde er auf einmal ganz ernst und guckte mich fest an: „Die Deutschen haben alle keinen Glauben“, stieß er hervor.

Da seien viele zwar noch Kirchenmitglieder, aber glauben würden die Menschen nicht.

Er erzählte von seinen Nachbarn, denen er immer wieder nahelegte, die Kirche am Sonntagmorgen zu besuchen.

„Wenn man schon selbst nichts davon versteht, dann doch wenigstens für die Kinder, die den Glauben wenigstens kennenlernen sollten, wenn das schon bei den Erwachsenen versäumt wurde.“

Dann musste er lachen: „Stellen Sie sich das nur vor: Ich bin am Freitag vor Weihnachten aus der Moschee vom Gebet gekommen und habe meinen Nachbarn gesagt: ‚Geht wenigstens Weihnachten in irgendeine Kirche! Es stehen hier doch so viele herum, der Weg ist kürzer als zur Moschee.‘ Er, der Moslem, versucht Menschen dazu zu bringen, in die Kirche zu gehen.“

Wir unterhielten uns weiter.

Ich erzählte ihm, dass nicht alles so schlecht sei, dass mir ganz viele Menschen begegnen, die fest an Gott glauben und die ihr Leben nach ihm ausrichten.

Nur ist dieser Glaube eben nicht so ohne weiteres sichtbar. Kirchen stehen in Fulda viele herum – aber Glauben findet im Herzen statt.

Ich konnte ihn nicht überzeugen.

Die Kirchen in Deutschland seien ihm zu leer. Es gibt so viele Menschen – wo sind die denn alle, wenn Gottesdienst ist? Wer an Gott glaubt, der freut sich doch daran, der lebt das so, dass er das immer wieder zum Ausdruck bringen will. Und zwar so, dass er dies an einem Ort tut, wo andere ganz genauso denken. Dazu seien die Kirchengebäude doch da, oder?

Ich gab ihm recht. Die Kirchen sind immer zu leer. Plätze sind immer noch frei. Sogar im kleinen Bonhoefferhaus. Außer beim Krippenspiel und zur Konfirmation.

„Aber da kommen die Leute ja gar nicht wegen Gott“, entgegnete er rasch. „Da kommen die Leute, weil sie sich über ihre Kinder, Enkel und Freunde freuen. Die glauben trotzdem nicht.“

Ich bekräftigte noch einmal meinen Eindruck, dass es auch in Fulda unter den Deutschen sehr viele echte Christen mit echtem Glauben gebe, und verabschiedete mich mit dem reparierten Rucksack in Händen.

Eines aus dem Gespräch blieb bei mir besonders hängen: Ein Moslem versucht, Menschen zum Glauben zu bringen. Zum Glauben an egal welchen Gott – ob nun Allah oder Jesus – es spielte für ihn überhaupt keine Rolle.

Hauptsache glauben – und diesen Glauben dann auch nach außen tragen!

2. Predigttext

In eine ähnliche Richtung zielt unser heutiger Predigttext aus dem Ersten Brief des Paulus an die Korinther im 1. Kapitel:

26 Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist;

28 und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist,

29 damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung,

31 damit, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

3. Der katholische Priesteranwärter und der Pietismus

Liebe Gemeinde,

„Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“

Wir sollen uns nicht verstecken mit unserem Glauben.

Wir sollen unseren Glauben nicht nur im Herzen haben. Wenn der eigene Glaube sich nur in der Innerlichkeit verkriecht, dann verkümmert er.

Das ist wohl das, was mein muslimischer Schneider in der Bevölkerung wahrnimmt und wo gegen er angeht.

Verändern wir einmal den Blickwinkel und gehen aus der Schneiderwerkstatt zu einem klassischen Feld der kirchengemeindlichen Arbeit: Auch aus dieser Woche!

Beim Hausabendmahl bei einem sehr alten und schwerkranken Ehepaar sehe ich mich plötzlich einem katholischen Priesteranwärter am Kaffeetisch gegenüber sitzen, der gerade sein Theologiestudium aufgenommen hat.
Er wollte wissen, was denn mit „evangelischem Pietismus“ gemeint sei.

Die liebe Frau aus unserer Gemeinde, die mich begleitet hat, um mir beim Abendmahl zu helfen, erklärte es ihm:

Eine besondere Form des evangelischen Glaubens, der auf der einen Seite ganz in die Innerlichkeit gerichtet ist, auf der anderen Seite aber auch ganz klar nach außen hin die eigene Frömmigkeit betont.

Pietisten sagen eher schon einmal Dinge über ihren eigenen Glauben, die sich mancher normale Christ nicht zu sagen getraut oder sogar verkneift.

Etwa Sätze wie: „Das machen wir, wenn Gott will und wir leben!“ oder auch: „Mit Jesus im Herzen schaffen wir das!“

Rasch ging das Gespräch dann in die Richtung, dass wir „normalen“ Protestanten oft ganz verkopft sind und unsere Frömmigkeit nicht so recht ans Herz lassen würden.

Und wenn wir das dann doch einmal täten, würden wir dafür keine Worte finden – vielleicht weil diese Worte uns dann als zu unvernünftig erscheinen.

Das sei ja auch so in Ordnung;

und ich nickte dem Studenten der katholischen Theologie am Kaffeetisch freundlich zu.

Ja, liebe Gemeinde, das ist schon so in Ordnung.

Und doch habe ich den Eindruck, dass ein bisschen mehr „Ruhm Gottes“ uns Protestanten gut zu Gesicht stehen würde.

Im Grunde verhalten wir uns nämlich genau so, wie es der Apostel Paulus für die Gemeinde von Korinth nicht haben will.

Wir rühmen uns unserer eigenen tollen Sachen, die wir anpacken, schon mal viel eher. Für die Bonhoeffergemeinde klingt das dann so:

„Das war ein schöner Filmabend hier bei uns im Hause, das haben wir gut gemacht!“

„Mensch, 165.000,-€ für die neue Orgel haben wir schon, was sind wir fleißige Sammler.“

„Ja, unsere  Gruppen wachsen momentan immer weiter, teilweise haben wir hier im Bonhoefferhaus vier Veranstaltungen gleichzeitig.“

„Das ist ja schon eine besondere Gemeinde, die Bonhoeffergemeinde!“

(auf die eigene Schulter klopfen)

Stimmt alles.

Und ich bin davon auch tatsächlich begeistert und auch überzeugt.

Und erzähle das auch gern weiter.

Ist wohl auch Teil meiner Aufgabe.

Aber eines darf ich, dürfen wir dabei nicht vergessen: Warum wir das alles machen: Doch wohl zum Ruhme Gottes, oder nicht?

Weil wir in unsrem Herzen glauben, dass Gott seinen Sohn gesandt hat, der für uns die Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung ist.

4. Das Christentum als Religion der kleinen Leute?

Oder nicht? Gehören wir eher zu dem, was ein Ausleger dieses Predigttextes schon 1975 geschrieben hat?

„Christentum ist die Religion kleiner Leute.“ … Unsere eigenen Gebildeten möchten wohl für Jesu Leiden und Sterben Achtung aufbringen, aber an seine Auferweckung von den Toten zu glauben sei „Torheit“. Dennoch meinte man: „Die Religion muss dem Volk erhalten bleiben.“ Das war im Grunde die Situation um 1910. Die christlichen Kirchen schrumpfende Mittelstandskirchen: unzählige Proletarier überzeugte Atheisten, viele Gebildete bestenfalls Pantheisten, zwischen beiden der nach Bildung strebende Mittelstand, dessen Nachwuchs mehr und mehr aus der Kirche hinauskonfirmiert wurde, um aus Naturwissenschaft oder Philosophie seine Weltanschauung zu beziehen. Solange aber die „Obrigkeit“ aus christlichen Fürsten bestand, solange christliche Geistliche Schulaufsicht übten, die Soldaten in Gottesdienste geführt wurden und selbst die humanistischen Gymnasien zu Beginn jeder Woche christliche Andachten abhielten, war unser Volk offiziell ein christliches Volk.

Seit diese Illusion durch zwei Weltkriege und eine Revolution zerstört worden ist, Religionsausübung als Privatsache angesehen wird und in allen öffentlichen politischen Kundgebungen nicht mehr in Erscheinung tritt, gerade weil Christen wie Nichtchristen als verantwortungsbewusste Staatsbürger ihre humanistischen Ziele gemeinsam bekunden – sind wir als die „aus Gott in Christus Jesus erwählten“ nach mehr als 1000 Jahren wieder in die Situation der ersten Christen versetzt worden und lernen wieder sehen, dass Paulus jene drei Begriffe Gerechtigkeit, Heiligkeit und Erlösung zur Vertiefung und Vervollständigung dessen hinzugefügt hat, was die göttliche Weisheit mit ihrem uneinsichtigen Kosmos (als der denkenden Menschheit auf verschiedensten Stufen der Kultur) erreichen will.“[1]

Also: Wenn wir nicht anfangen, wieder mehr und öffentlich Gott zu loben: Wie soll denn da die schöne Nachricht von Jesus in die Köpfe der Menschen gelangen, die Gott längst vergessen haben?

Eine Obrigkeit, die dafür sorgt, dass die Menschen hübsch am Gottesdienst teilnehmen, die gibt es ja zum Glück nicht mehr.

Jetzt sind die Christen jeder für sich und als Kirchengemeinden mehr denn je gefordert, Zeugnis von ihrem Glauben abzulegen.

Was wäre wohl aus dem Christentum geworden, wenn die Korinther und Paulus und alle anderen nur gesagt hätten:

„Was ich glaube ist meine Sache. Bitte behaltet auch ihr euers für euch.“

Ne Weltreligion wäre jedenfalls nicht daraus entstanden!

5. Religion in orange (Gott 5.0) : Mit Rudolf Bultmann auf der Entmythologisierungsbahn

Wir sollten wieder viel mehr Gott rühmen.

Nicht nur heimlich und still.

Ob da aber der Weg meines Schneiders oder die Herzensfrömmigkeit des Pietismus der richtige ist, das weiß ich nicht.

Der ist ja nun mittlerweile auch um die 400 Jahre alt  (also der Pietismus, nicht der Schneider!).

Und Kopfmenschen sind wir irgendwo doch alle.

Da hat die Dame vom Kaffeetisch auf jeden Fall recht.

Wir müssen wohl wieder neu lernen, so von Gott zu sprechen, dass unser Verstand und unsere Vernunft uns dabei nicht auslachen.

Oder wie es einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, Rudolf Bultmann, formuliert hat:

Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muss sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“[2]

Liebe Gemeinde, dieses Bild vom Gott „da oben“ und wir „hier unten“ ist doch längst erledigt.

Das kann kein klar denkender Mensch mehr so glauben ohne sich mit lauter gedanklichen Tricks selbst zu überlisten.

Aber dennoch – oder vielleicht nun sogar noch mehr! – können wir an Gott glauben und ihn rühmen.

Wenn all der Wunderglaube und all diese irrealen antiken Vorstellungen nun über Bord geworfen werden müssen, damit wir unseren eigenen Verstand nicht opfern, dann bleibt doch viel mehr Raum für das Entscheidende an Gott.

Und dieses Entscheidende ist das, was sich uns offenbart hat:

Nämlich Jesus Christus.

Der Glaube an ihn als der Erscheinungsform Gottes, die uns Menschen wegen seines Menschseins am nächsten steht, benötigt doch all die Wunder und Mythen nicht.

Es genügt ein einziges, an dem festzuhalten ist: Jesus ist Mensch geworden, ist gestorben und ist auferweckt worden von den Toten.

Oder um es im Anschluss an Paulus ein wenig philosophischer auszudrücken:

Gott hat das, was nichtig ist, auserwählt, damit das, was ist, außer Kraft gesetzt werde.

Er ist derjenige, der das Nichtseiende ins Sein ruft.

Er macht sich klein bis zum Nichts-Sein.

Das ist der Tod.

Und den überwindet er.

Und holt das Leben da hinein, wo kein Leben mehr war.

Aber ist das jetzt nicht auch wieder ein Mythos?

Einer, der auferstanden ist?

In seiner einfach verstandenen Form auf jeden Fall.

Da ist es genauso ein Mythos wie etwa die Wiedergeburt von Isis und Osiris in der Religion der Alten Ägypter oder der Weihnachtsmann.

Aber wenn wir das, was da bei und mit Jesus geschehen ist, als eine geschichtliche Tatsache begreifen, dann wird aus dem mythischen Bild ein kosmisches Ereignis.

Da geht es dann nicht mehr darum, einen alten Mythos zu sezieren, sich darüber zu verwundern und dann hinter sich zu lassen, sondern da geht es: um das Ganze der Welt.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Wiedergeburt von Isis und Osiris gehen dich nichts an, da sie ins Reich des Mythos gehören. Und der Weihnachtsmann ebenso.

Die Auferstehung Jesu Christi ist aber Dreh- und Wendepunkt Deiner persönlichen eigenen Geschichte in dieser Welt hier und heute.

Diese ist derartig entscheidend, dass es höchste Zeit ist, dass wir uns wieder mal öfters darauf besinnen, Gott etwas lauter zu rühmen.

Es hängen ja nur so Dinge daran wie das ewige Leben, ein Leben ohne Ängste, ein Leben, das sich bei Gott selbst aufgehoben weiß.

Darum: „Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.“

Wie?

Zum Beispiel, indem ihr anfangt, ein wenig lauter euren eigenen Glauben zu bekennen.

Indem ihr, wenn ihr mir zustimmt, laut ein Amen zurückruft nach der Predigt.

Indem ihr frisch Getauften euch dem christlichen Glauben stellt – mit dem Wort der Bibel, mit Gottesdiensten, im Gebet, im Austausch mit anderen.

Und freilich auch indem ihr alle Religion nicht zur Privatsache werden lasst, sondern wie mein tapferer Schneider die Menschen immer wieder darauf aufmerksam macht, dass es das Leben selbst ist, das schöner und besser wird für den, der glaubt.

Amen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt zu Quasimodogeniti 2012 – Auferstehung? Nein Danke!

Predigt zu Kol 2,12-15

Kanzelgruß:

Friede sei mit euch allen,

die ihr in Christus seid. 

Amen.

Predigttext:

12 Mit ihm seid ihr  begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch  auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

13 Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr  tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden.

14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der  mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.

15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.


  1. Letzte Woche Ostern – und heute?

Liebe Gemeinde,

am vergangenen Ostersontag habe ich mich am Ende meiner Predigt über das Osterlachen ein wenig aus dem Fenster gelehnt mit einem persönlichen Bekenntnis zur Auferstehung von Jesus. Ich sagte:

„Ich weiß nicht, ob ich das alles so 1:1 für historisch wahr halte. Ich weiß nur, dass ich darauf vertraue und davon lebe. Und darum kann ich lachen!“

Das befreiende Lachen wurde als ein Merkmal des Glaubens an die Auferstehung von mir herausgestellt – und glaubte man den amüsierten Reaktionen hier im brechend vollen Gemeindezentrum, so schien der Glaube an die Auferweckung doch noch nicht verloren.

Fröhliche Heiterkeit: Diese steht zusammen mit tiefem Ernst und dem Ringen nach der Wahrheit an vorderster Stelle lebendigen Glaubens an Christus.

Fröhliche Heiterkeit: Sie erwächst automatisch aus dem tiefen Ernst im Glauben an die Auferweckung, wenn man feststellt: „Ich bin nicht verloren. Die Vorfahren ebenso nicht. Und auch nicht die, die mich umgeben und die, die nach mir kommen. Ich werde meinen zu früh verstorbenen Sohn wieder im Arm halten. Ich werde meine verstorbene Mutter wieder küssen. Ich werde mein Versagen und meine Schuld vergeben bekommen.“

All das führt den wahrhaft Gläubigen bei allem tief empfundenen Ernst doch zu fröhlicher Heiterkeit.

Noch ist es nicht soweit, aber schon jetzt haben wir die Gewissheit, dass es so kommen wird.

Letzte Woche: Ostern!

Dieser Sonntag: Wie die Neugeborenen!

Als wäre jeder Tag unser Geburtstag, als wären wir rein und unschuldig: so denken, fühlen und handeln wir im Glauben an den Auferstandenen.

Oder anders, vorsichtiger ausgedrückt: So dürfen, könnten, sollten wir sein.

Wie die Neugeborenen!

2. Was ist Auferstehung?

Der Glaube an den Auferstandenen fällt bei allem tiefen Ernst und aller fröhlichen Heiterkeit nach wie vor vielen schwer.

Das Ringen nach Wahrheit steht ihm oftmals im Wege.

Die scheinbar „vernünftige“ Welterfahrung steht ihm im Wege.

Wir haben noch keinen Toten zurückkehren sehen.

Lässt man die Beispiele von medizinischen Nahtoderfahrungsberichten fort, dann ist doch noch niemals jemand, der wirklich tot war, als Lebendiger zurückgekommen.

Alles sperrt sich in der menschlichen Vernunft dagegen, die Auferstehung Jesu Christi von den Toten anzuerkennen.

Die erste Reaktion auf den Bericht von dem leeren Grab und einer Auferstehung ist bereits im NT von der jüdischen Oberschicht überliefert:

Der ist von seinen Jüngern geklaut worden. Also: Das Grab war nur deshalb leer, weil andere geholfen haben, die Leiche fortzuschaffen.

Auferstehung? Nein Danke!

Die zweite Station führt uns zum Jesusbild, das eine christliche und weitverbreitete Sekte in der Antike hatte: Die sogenannten „Gnostiker“ sind davon ausgegangen, dass Jesus gar nicht hingerichtet wurde, sondern er sich nur zum Schein hat hinrichten lassen. Er war also nie wirklich tot, da sich diese Leute nicht vorstellen konnten, dass der Sohn Gottes – und damit Gott selbst – so weit gehen könnte, sich hinrichten zu lassen und zu sterben. Und erst recht nicht wie ein Verbrecher!

Übrigens hat sich Mohammed, der Prophet des Islam, dieser Auffassung mehr oder weniger angeschlossen, wenn er in Sure 4 sagt: „Doch sie töteten ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern er erschien ihnen nur so“ (oder anders übersetzt: „es erschien ihnen ein anderer ähnlicher.“).

Wo kein Kreuzestod, da auch keine Auferstehung.

Also auch hier: Auferstehung: Nein Danke!

Doch die Reise geht weiter, hin zur Aufklärung und bis in die Moderne hinein: Jesus wurde zwar gekreuzigt, aber er wurde nicht getötet. Als Scheintoter lag er im Grab. Später erholte er sich dann und floh nach Galiläa. Alle Jahre wieder können wir dann in Stern, Spiegel und Fokus erfahren, dass Jesus seine letzten Lebensjahre in Indien zugebracht hätte.

Auferstehung: Nein Danke!

Und schließlich immer weitere Versuche, die Auferstehung mit unserer Vernunft in Einklang zu bringen: Jesus sei den Jüngern bloß „erschienen“, und diese Phantasten konnten eben nicht anders, wird die Auferstehung wegpsychologisiert. Schließlich sind auch Massenphänomene von Erscheinungen aus der Psychologie bekannt.

Auferstehung? Nein Danke!

Die biblischen Texte seien nicht gut genug, ist eine weitere Kritik. Nicht nah genug dran am Ereignis.

Das älteste Evangelium, das des Markus, wird erst um das Jahr 70 geschrieben – immerhin vierzig Jahre nach der Kreuzigung.

Und der Apostel Paulus schreibt zwar früher, aber da ist nie von einem leeren Grab die Rede.

Pls geht es um Kreuz und Auferstehung.

Was mit dem Leichnam in der Zwischenzeit geschehen ist, interessiert ihn nicht besonders. Bis auf eine Notiz in 1. Kor 15, die aber bereits einer Bekenntnistradition folgt, schreibt Pls nichts von einem leeren Grab.

Das wurde wohl auch erst für spätere Generationen der wachsenden christlichen Kirche von Belang.

Wir können die Auferstehung nicht in dem Sinne für historisch wahr halten, wie wir wissen, dass Caesar den Rubikon überschritten hat.

Es hat ihn keiner auferstehen sehen. Man hat ihn nur hinterher gesehen – das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.

Die Historizität der Auferweckung entzieht sich dem, was wissenschaftlich nachweisbar ist.

Der Historiker mag sogar zum Schluss kommen, dass der Körper von Jesus liegengeblieben ist, oder seine Überreste an einem anderen Ort begraben wurden – für die Aussage des Glaubens, dass Jesus Christus auferstanden ist, tut dies aber alles nichts zur Sache!.

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Stellt euch vor, dass es gar kein Grab von Joseph von Arimathaia gab, zu dem die Jüngerinnen am Ostertag gehen konnten.

Stellt euch vor, der Leichnam von Jesus sei irgendwo am Wegesrand bei Golgatha verscharrt worden!

Würde das euren Glauben in irgendeiner Weise berühren?

Ist denn ein Grab überhaupt nötig, um an den Auferstandenen zu glauben?

Nein, liebe Gemeinde, wir brauchen das Grab nicht, um an den Auferweckten zu glauben. Wir brauchen die Gewissheit, dass er als der Auferweckte bei den Menschen war.

Wir brauchen die Gewissheit, dass die Erscheinungen von Jesus echt waren – und nicht nur eine Illusion!

Bevor ich mit Euch einsteigen möchte in die Frage, was nun die Bedeutung dessen ist, was damals geschah, müssen wir uns über einige Dinge einigen.

Sonst könnte es sein, dass ich an Euch vorbeirede!

  1. Jesus ist gekreuzigt worden und war wirklich ganz und gar tot. So tot, dass auch unsere modernen medizinischen Apparaturen ihn nicht zurückgebracht hätten. 
  2. Jesus ist danach Menschen begegnet als einer, der auf neue Art und Weise lebendig ist.
  3. Diese Begegnungen haben eine Bewegung in Gang gebracht, die die Kirche in ihrer vielfältigen Gestalt wurde.

Alle einverstanden?

Gut, Dann gehen wir nun die Frage an, was die Erscheinung des Auferstandenen bedeutet.

3. Worauf es dem Predigttext ankommt

Nur mit diesen Bedingungen gilt das, was der heutige Predigttext uns zuruft:

Der Schuldschein ist mit Jesus ans Kreuz genagelt worden.

Euch wurde vergeben.

Ihr seid trotz all Eurer Schwächen und Fehler, eurer selbstverschuldeten Gottesferne, trotz all dem seid ihr durch den Gekreuzigten gerechtfertigt, oder – wie man seit einigen Jahren in Theologenkreisen zu sagen pflegt:

Ihr seid bei und von Gott unbedingt anerkannt.

Er erkennt euch an, denn der Schuldschein eures Lebens ist bezahlt.

Und da merken wir: Schon der Kolosserbrief selber ist Auslegung, ist Predigt, ist Verkündigung, wenn er das Kreuz nimmt und unseren Schuldschein daran heftet.


Der Historiker würde sagen: Stimmt nicht, am Kreuz starb Jesus von Nazareth.

Derjenige, der den Glauben an den Auferstandenen teilt, kann dem nur ins Gesicht lachen:
„Ja, so ist es, der starb da. Aber mit ihm starb die ganze Menschheit in ihrer Gottesferne.“

Das kann ich nur verstehen aus dem Glauben an die Auferweckung.

Und die kann ich nur Begreifen aus meinem eigenen Erleben mit Gott.

4. Worauf es uns heute ankommt

Dem Kolosserbrief kam es darauf an, herauszustellen, dass Kreuz und Auferweckung uns von dem befreien, was uns von Gott trennt. Im damaligen Sprachgebrauch war das die Schuld, die man auf sich geladen hat, wenn man gegen Gottes Gebote verstößt.

Sünde.

Doch worauf kommt es uns heute an?

Ist in unserer Umgebung denn ein besonderes Sündenbewusstsein überhaupt noch anzutreffen?

Die meisten leben doch ganz gut mit ihrer Sünde oder bemerken sie nicht einmal. Manche sind sogar stolz darauf.

Ein kluger Theologe bemerkte dazu, dass jede Epoche ihre eigene Vorstellung hat, wozu Jesus Christus gekreuzigt wurde und warum er dann auferweckt wurde.

In der Antike war es die Sorge um die Unsterblichkeit der Seele.

Sollte denn mit dem Tod alles zu Ende sein? Weiterleben, über den Tod hinaus, das war die Sorge der Menschen. Ein Kirchenvater ging soweit, das Abendmahl als Speise zur Unsterblichkeit zu preisen. (Manchmal denke ich, er hat recht).

Im Mittelalter war allen klar, dass es nach dem Leben weitergeht – aber da war die Frage dann, wie das Leben nach dem Tod aussieht: Himmel oder Hölle?

Die Papstkirche erfand noch das Fegefeuer als Zwischenstopp hinzu. Was wurde nicht alles in Bewegung gesetzt, doch bloß in den Himmel zu kommen! Der Ablass war noch harmlos gegen all die Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Geißelungen, die für das Himmelreich durchgeführt wurden.

Christus wurde vorgestellt als Weltenrichter, der Schlechtes gegen Böses aufrechnet, nur die Guten mitnimmt und den Rest verdammt.

In nachreformatorischer Zeit änderte sich dieses Bild des Auferstandenen zunehmens und wich der Frage, was wir in diesem Leben tun können, jetzt, da Christus für uns gestorben und auferweckt worden ist und wir das ewige Leben und das Heil im Himmel haben.

Mehr und mehr Fragen nach der Lebensgestaltung traten auf den Plan, so dass manch einer meinte (und leider immer noch irrigerweise meint), die Kirche sei nichts weiter als ein großer Wohltätigkeitsverein.

Angst, Lebensbewältigung, Sinnkrisen, Umbrüche des Lebens: Das waren und sind die großen Fragen, die mit Kreuz und Auferstehung im vergangenen Jahrhundert in Verbindung gebracht wurden.

Zwischen dem „Füge dich, Gott sieht alles!“ und dem gemeinsamen Batiken von Kirchentagschals liegen nur wenige Seiten Geschichte der Auslegung des Glaubens an den Auferweckten.

Doch was ist die Frage jetzt gerade 2012?

Was treibt Menschen um, die im relativistischen Zeitalter zwischen Pluralismus und Fundamentalismus eine Antwort auf genau was eigentlich suchen?

Liebe Gemeinde,

ewiges Leben, Himmel oder Hölle, Lebensregeln, Lebenskunst – nach wie vor sind das Themen, die die Herzen bewegen. Warum sonst haben gerade jetzt so viele Angst und Sorge vor den verrückten Moslems, die auf den Straßen Korane kostenlos verteilen? Wenn die Frage nach ewigem Leben, Himmel und Hölle und so weiter niemanden mehr beträfe, dann würde sich keiner einen Dreck um diese salafistische Sekte und ihre menschenverachtenden Meinungen scheren.

Dann würden wir sie genauso belächeln wie die Altkommunisten oder  die Zeugen Jehovas.

Woran liegt das, dass viele das gerade nicht tun?

Wie kommt es, dass es die Leute aufwühlt?

Das, was die Herzen vieler jetzt und gerade bewegt, ist doch die Frage, ob da überhaupt ein Gott ist.

Und wenn diese Frage dann positiv beantwortet, also bejaht wird:
Ob der sich überhaupt einmischt.

Ob Gott sich wirklich als Person offenbart hat? Ob Gott vielleicht als abstrakt gedacht werden sollte?

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, ob das eure Fragen sind.

Kirchenbesucher leben ja meist im Glauben an Christus.

Für euch – oder zumindest für die meisten von euch – ist der Umgang mit Kreuz und Auferstehung, der Bibel, ja mit Gott selber vertraut.

Aber Zweifel müssten euch genauso vertraut sein.

Vielleicht könnt ihr mir zustimmen, wenn ich sage: Glaube an Gott kann schon mal schwer sein. Aber mein Glaube kommt ja gar nicht von mir – mein Glaube wird von Gott gemacht, immer wieder neu.

Und dieser Gott erscheint uns in Jesus Christus als Person. So konkret wie möglich. Als Mensch, der sogar gestorben ist.

Aber auch so unglaublich wie möglich: Als Auferstandener.

Und ich darf mich in diesen Glauben hineinfallen lassen.

Und dann darf ich auf Gottes Wort hören.

Darf erkennen und verstehen.

Stück für Stück.

Darf mich intellektuell vom Glaubenswissen herausfordern lassen.

Darf mich meinen religiösen Gefühlen stellen.

Darf seine Gegenwart anbeten.

Und in dem Moment hört dann das zweifelnde Fragen auf. Und ich lebe aus der Anbetung heraus in der Gewissheit seiner befreienden Gnade.

Keine Schuldscheine mehr.

Dafür ewiges Leben.

Den Himmel.

Die Gemeinschaft der Heiligen.

Das unbedingte Anerkanntsein bei Gott.

Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen

Predigt zu Invokavit 2012, 1. Mose 3,1-19: Der Sündenfall

Predigt über Genesis, 1. Mose 3,1-19, Invokavit 26.02.2012 Bonhoeffergemeinde Fulda, mit Abm. U. Gospelchor

VERLESUNG des Abschnitts nach rev. Lutherbibel

Liebe Gemeinde zu Anfang der Passionszeit,

 in unseren Lutherbibeln steht über dieser alttestamentlichen Geschichte die Überschrift „Der Sündenfall“ . Obwohl das Wort „Sünde“ in dieser Geschichte noch nicht fällt, sondern erst im nachfolgenden Kapitel bei Kain und Abel (4,7), muss diese Überschrift nicht unangemessen sein. Diese Geschichte ist – jedenfalls in einigen Details – dermassen bekannt, dass sie nicht nur ungezählte Male Eingang in die bildende Kunst gefunden hat, sondern in unserer Zeit ebenso –durch Bezugspunkte wie  Paradies oder Verführung – in die Werbung für Produkte wie z.B. Autos oder Reisen in ferne Länder oder für Schokolade.


Diese Geschichte enthält mehr bedenkenswerte Einzelheiten als in einer einzelnen Predigt gewürdigt und betrachtet werden können. Am heutigen Sonntag Invokavit legen wir unser besonderes Augenmerk auf den Bereich der Verführung und Versuchung zur Sünde – wie ja auch das gehörte Evangelium.

Die Verse, die wir eben gehört haben, sind eigentlich keine selbständige Geschichte, sondern sie bilden mit der Geschichte in Kapitel 2 vom Garten Eden und von der besonderen Erschaffung bzw. Formung Adams und später seiner Frau eine Einheit. Eine andere Geschichte freilich und davon zu trennen ist die eigentliche Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1, die bezeugt, dass Gott diese ganze Welt samt Himmel und Erde geschaffen hat  ohne eine Vorgabe, rein durch Sein Wort und Seinen Willen. Jene wirkliche Schöpfungsgeschichte ist die einzigartige Geschichte vom  r e i n e n  W e r d e n  der Welt und ihrer Geschöpfe sowie des Menschen als Abbild Gottes.

Der heutige Abschnitt dagegen ist aus der Geschichte eines von Gott mit Leben beschenkten bestimmten Mannes und einer bestimmten Frau in der Begegnung mit Gott und untereinander, in der Begegnung mit der Versuchung und den Folgen der Übertretung des Gebotes Gottes. In der Geschichte wird dabei dieses Menschenpaar als das erste Paar überhaupt aufgefasst.

Ich würde davon abraten, von dieser Geschichte als von einem  M y t h u s  zu sprechen. Ein Mythus handelt von Dingen und Zuständen, die sich turnusmässig, kreislaufartig  und typisch wiederholen, etwa die Kreisläufe von Sommer und Winter oder Ähnliches. Würden wir die Geschichte als Mythos deuten, wurden wir später vielleicht sagen: „So handelt typisch eine Frau“. Oder „So sind eben die Männer.“

Solche Deutungen sind unter Berufung auf diese Geschichte in den mehr als zwei Jahrtausenden der Auslegung immer wieder vorgenommen worden – überwiegend zu Lasten der Frau – , aber eine solche Sichtweise vertritt diese biblische Geschichte jedenfalls nicht.

Eine wirkliche  G e s c h i c h t e  ist in ihrem Handlungsablauf in der Reihenfolge unumkehrbar. Unumkehrbar ist  in dieser Geschichte die Reihenfolge von Gottes Wohltat , Gottes Gebot, der Versuchung zur Übertretung des Gebotes, der Übertretung selbst und der Folgen, die daraus entstehen.

Ein lieber holländischer Bekannter, Piet, Mitglied einer reformierten Kirche, fragte mich vor vielen Jahren einmal sinngemäss so : „Wir lernen doch in der Kirche immer, dass wir alle sündig sind und dass wir nur durch Jesus Christus und Sein Kreuz Vergebung und Erlösung haben. Aber ist das denn fair? Haben wir selber von Gott her denn überhaupt eine Chance, ohne Sünde zu sein?“ – Meine Antwort , zu der ich heute noch stehe, lautete etwa: „Das, was wir Sünde nennen, ist doch nicht unser von Gott geschaffenes Wesen, sondern Sünde besteht im Grunde doch aus lauter   e i n z e l n e n  und  k o n k r e t e n   Übertretungen der Gebote Gottes. Ich glaube nicht, dass auch nur eine einzige dieser Übertretungen zwingend notwendig ist. Wir könnten uns in jedem einzelnen Fall auch  f ü r  Gottes Willen statt gegen Gottes Willen entscheiden.“

Liebe Gemeinde! Ich denke, dass unsere heutige Predigtgeschichte mit dieser Thematik zu tun hat, denn sie erzählt uns auf ihre Weise, wie es zur Verführung und zur Übertretung des Gebotes Gottes kommt. Gleich zu Anfang hier: „Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde , die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“  – Es ist viel darüber gerätselt worden, warum nun gerade die Schlange hier die Rolle des Versuchers übernommen hat. Ist hier wirklich nur an ein bestimmtes Tier gedacht worden? Etwa, weil diese – wie ich finde, wenig kuschelige – Tierart irgendwo liegt, auf unschuldige Beute wartet und dann blitzschnell und tödlich zubeisst? Oder steht noch mehr dahinter? – Es gab im Gottesvolk Israel immer wieder den prophetischen Kampf gegen die Verehrung heidnischer Gottheiten. Dazu gehörte auch eine schlangenähnliche babylonische Gottheit. In 2. Könige 18,4 wird über König Hiskia berichtet: „ Er entfernte die Höhenheiligtümer und zerbrach die Steinmale und hieb das Bild der Aschera um und zerschlug die eiserne Schlange , die Mose gemacht hatte. Denn bis zu dieser Zeit hatte ihr Israel geräuchert , und man nannte sie Nehuschtan.“  – Die Schlange hier in unserer Sündenfallgeschichte ist offensichtlich mehr als eine Tierart – so wie ja in der vorhin gehörten Versuchungsgeschichte Jesu eben der Versucher als Teufel oder Satan auftrit – eine personhafte Macht, die gegen Gott und Seinen Willen auftritt, die den Menschen mit Gott entzweien und auseinanderbringen will. Die theologische Methode dabei ist bei der Schlange gegenüber dem Menschen dieselbe wie beim Teufel gegenüber Jesus: beidemale geht es darum, Gottes Wort im Munde zu führen, um es zu verdrehen und zu verfälschen.

Die Schlange wird hier als „klug“ bezeichnet; das entsprechende hebräische Wort dafür ist „ arom“ ; darauf komme ich noch zurück. „arom“ bedeutet nicht nur klug im Sinn von weise, sondern ebenso klug im Sinn von listig und tückisch. Es ist tückisch, wenn die Schlange hier die Grundform der Verleumdung Gottes, der Lüge und der Abkehr von Gott einführt mit der Frage: „af ki-amar elohim“? – „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“  Diese Fragerichtung ist bis heute geeignet, Gottes in der Bibel klar bezeugtes Wort und Seinen Willen immer wieder in Zweifel zu ziehen und Sein Wort menschlichen Absichten und Ansichten anzugleichen oder es in seiner Autorität und in seiner guten Absicht für den Menschen ganz in Frage zu stellen. Das könnte man nun an allen Worten und Geboten Gottes durchdeklinieren, z.B. am 5. Gebot: „Sollte Gott wirklich gesagt haben: Du sollst nicht töten!?“ – „Vielleicht könnte und sollte man aber doch dem Töten hier und da etwas Raum geben, etwa vor der Geburt oder bei Krankheit oder gegen Lebensende?“

„Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ – In dieser Fragerichtung  haben wir die Urform aller schlechten Theologie vorliegen. „Sollte Gott wirklich gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“ fragt die Schlange konkret. Sie kennt wohl Gottes grosszügiges Wort an Adam: „ Du darfst essen von allen Bäumen, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ (Gen.2, 17) Doch macht die Schlange das grosse Angebot Gottes klein gegenüber der einen Einschränkung, indem sie gegenüber der Frau salopp gesagt fragt: “Sag mal, ihr dürft hier  wohl gar nichts, oder?“ – Die Frau korrigiert zunächst wohl die Behauptung der Schlange, indem sie wiederholt, was Gott tatsächlich zum Menschen gesagt hat, aber die Schlange bohrt weiter, indem sie nun zur direkten Lüge übergeht: „ Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiss: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgehen, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Diese Lüge besteht im Kern darin, dem Menschen einzureden, dass Gott ihn nicht liebt, sondern dass Er eifersüchtig darüber wacht, dass der Mensch Ihm nicht ebenbürtig wird. Was hier als Macht der Versuchung auftaucht, ist eine Macht, die immer nur gegen Gott sein und auftreten kann, eine Macht, die zu Gottes Liebe und Gottes Willen immer nur Nein sagen kann, deren ganze Existenz nur darin besteht, Gott zu hassen. Diese Macht tritt z.B. in Goethes Drama Faust als Mephistopheles auf, der von sich sagt: „ Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“  So wie das Böse Gott nur hassen kann, so hasst es auch Gottes liebstes Geschöpf, den Menschen. Jesus spricht vom Teufel als dem „Vater der Lüge“ (Joh.8,44) Weil er kein Geschöpf Gottes ist, ist er kein wirkliches Wesen, sondern ein Unwesen, auf der Grenze zwischen dem, was nach Gottes Willen geschaffen und gut ist, und dem, was von Gott nicht geschaffen wurde, sondern was verworfen wurde. Gott muss sich vor diesem Unwesen nicht fürchten, weil Gott ihm überlegen ist. Bei uns Menschen sieht das ganz anders aus. In der Geschichte des Menschen hat das Böse, hat jener Ungeist überreiche, schreckliche und millionenfach tödliche Ernte gehalten.

Für die Frau in unserer Sündenfallgeschichte sehen die Früchte des einen verbotenen Baumes verlockend genug aus, um seine Frucht zu nehmen und zu essen – zusammen mit dem Mann.

Dass es sich dabei um einen Apfel handelte, steht dort nicht; vielleicht hat hier die spätere lateinische Übersetzung eine Rolle gespielt, wo das Wort malum im Lateinischen das Schlechte, das Übel bedeutet, das Wort malus dagegen hat die Bedeutung von Apfel. Das nur am Rande.

Die Augen der beiden wurden nach der verbotenen Frucht wohl aufgetan, aber das ursprüngliche Ziel, nämlich klug  zu werden, wurde weit verfehlt: statt klug  – also hebr. „arom“ – zu werden, merken sie nur, dass sie nackt  – hebräisch „eirom“ – waren . Das Wortspiel hier „arom-eirom“(=klug-nackt) steht dafür, dass, wenn der Mensch der Lüge des Versuchers folgt und lieber auf eigene Klugheit als auf die Weisheit Gottes vertraut, dass er dann Moorboden betritt, sumpfiges Gelände, dünnes Eis, oder wie immer wir das im Bild nennen können. Der Mensch, der der Lüge des Versuchers folgte, bricht ein. 

Das Gewahrwerden der Nacktheit hier in der Geschichte und die daraufhin einsetzende zunächst eher spärliche Bekleidung mit Feigenblättern zeigt noch ein Anderes, was im Verlauf der Geschichte noch stärker hervortritt: die ursprüngliche Einheit von Mann und Frau wird nachhaltig beschädigt. Mann und Frau grenzen sich voreinander ab. Rief der Mann im Kapitel davor beim Anblick der Frau noch begeistert aus: „Diese nun endlich! Gebein von meinem Gebein!“, so werden nun Mann und Frau einander sehr bald mit Schuldzuweisungen überziehen.

Nach einem nutzlosen Versteckspiel vor Gott zieht Gott den Mann und seine Frau zur Verantwortung für die Übertretung Seines Gebotes. Adam sagt: „Die Frau, die du mir gegeben hast, gab mir von dem Baum, und ich ass.“ – Ist das womöglich noch ein Vorwurf an Gott, dass Er ihm die Frau zugeführt hatte, über deren Anblick er sich dabei so gefreut hatte? – „Die Frau, die du mir gegeben hast…“ – Sieht so vielleicht die Verantwortung aus, die der Mann in der Geschichte der Menschheit für die Frau so oft gern übernehmen wollte und will?

Auch die von Gott zur Rede gestellte Frau – „Warum hast du das getan?“ – hat keine Neigung, die Verantwortung zu übernehmen: „ Die Schlange betrog mich, so dass ich ass.“ – Das alles sind weitverbreitete Verhaltensmuster , wenn es um die Aufarbeitung von Schuld geht: Schuld haben entweder die Anderen („die Frau, die du mir gegeben hast“ ) oder die Umstände („die Schlange betrog mich“).

Der Versucher selbst, die Schlange, wird von Gott nicht zur Rede gestellt. Gott weiss, mit wem Er es hier zu tun hat. Er hat von dieser Macht des Bösen nichts Anderes erwartet. Er verwirft die Schlange und sagt ihr ewige Feindschaft zwischen dem Schlangengeschlecht und den Nachkommen der Frau voraus. Der Satz „ihr Nachkomme soll dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen“ wurde von den Christen später auf Jesus Christus gedeutet, der das Böse besiegt, aber nicht ohne Seinen Kreuzestod. „…bricht den Kopf der alten Schlangen und zerstört der Höllen Reich.“ (EG 39: Kommt und lasst uns Christum ehren)

Der ursprünglich bei Übertretung des Gebotes durch Gott angedrohte Tod tritt am Ende nicht ein. Das ist ein Akt der Gnade und Bewahrung durch Gott. Dennoch hat die Sünde der Übertretung Folgen für den Menschen : die Frau wird an Schwangerschaft und Geburt von Kindern schwerer tragen als bisher gedacht und ihr Verlangen wird sich auf den Mann richten, der ihr Herr sein wird. Und Adam wird statt des lieblichen Gartens Eden den schwer zu bearbeitenden Acker als Arbeitsstelle haben und gegen Unkraut kämpfen und sich plagen müssen . „Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, von der du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“

Mit diesen Worten endet der heutige Predigtabschnitt, und in der Geschichte wird dann noch weiter erzählt, wie die beiden aus dem Garten vertrieben werden.

Von den hier an die Beiden gerichteten Worten Gottes wurde das Wort an die Frau: „Der Mann wird über dich herrschen“ reichlich dazu benutzt und missbraucht, eine Herrschaftsstellung des Mannes über die Frau als gottgewollt zu begründen. Dabei wurde zu gern übersehen, dass diese Ankündigung im Gefolge des Sündenfalls genannt wird . Die Beherrschung der Frau durch den Mann ist also eine Folge des Ungehorsams gegen Gott , sie ist keine Anordnung Gottes des Schöpfers. Zur guten Schöpfung Gottes gehört vielmehr die Schaffung des Menschen zu Gottes Abbild gerade als Mann und Frau. M.a.W.: die Beherrschung der Frau durch den Mann gehört zu den negativen Folgen der Sünde. Die Beherrschung der Frau durch den Mann ist genauso wenig erstrebenswert  wie der steinige unfruchtbare Acker, wie die Dornen und Disteln  und wie der Tod.

Die Hauptstrafe Adams und seiner Frau scheint mir darin zu liegen, dass jeder eine bestimmte Last auferlegt bekommt, die er  a l l e i n  tragen und schultern muss. Erst durch Jesus Christus, erst durch die Ihn gekommene Versöhnung Gottes mit dem Menschen wird auch ihre innermenschliche Gemeinschaft wieder mit geheilt. Darum kann Paulus später schreiben: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal.6,2)

Erst in Jesus Christus kommt wieder zusammen, was durch menschliche Sünde getrennt wurde: Gott kommt mit dem Menschen wieder zusammen und die, die zu Ihm gehören wollen, kommen wieder zusammen als Seine Gemeinde aus Schwestern und Brüdern und als die Liebesgemeinschaft von Mann und Frau. „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer der ist ? Er heisst Jesus Christ, der Herr Zebaoth und ist kein andrer Gott, das Feld muss Er behalten.“

Amen.

20. Sonntag nach Trinitatis 2012: Ewige Liebe (1 Kor 7,29-31)

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus

und die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit euch allen.

1 Kor 7,29-31:

29 Das sage ich aber, liebe Brüder:  Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein,  als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht;

30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht;

31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht.  Denn das Wesen dieser Welt vergeht.


Liebe Gemeinde,

bei Trauungen im Vorgespräch erlebe ich es im besten Falle, dass Brautpaare mir etwas von ihrer Liebe preisgeben, so dass ich verstehen kann, was am je anderen so besonders ist.

Wenn so ein Gespräch gut läuft, dann erzählen mir Braut und Bräutigam etwas von den wahren Beweggründen für ihre Beziehung und warum er bzw. sie es sein soll und sonst kein anderer mehr.

In einem Fall, an das ich mich besonders gut erinnern kann, da geriet die zukünftige Ehefrau sehr, sehr, sehr ins Schwärmen.

Sie redete unablässig von „Ewiger Liebe“ und davon, dass man verheiratet die Gewissheit hat, dass man wirklich zusammengehört.

Dem Bräutigam war das wohl ein wenig peinlich, so dass er sie irgendwann stoppte: „Na ja, es heisst doch: Bis der Tod uns scheidet.“

Auch die größte Liebe unter Menschen hört irgendwann auf – und wenn man sie mit ins Grab nimmt; spätestens von da an ist diese Liebe nur noch sehr einseitig und geht vom überlebenden Partner aus.

„Du bist aber unromantisch!“ brauste die Braut auf. „Liebst Du mich denn gar nicht über alles?“

„Doch schon“, entgegnete der Bräutigam entnervt, „aber ewig hält gar nichts. Nicht einmal unsere Liebe!“

Die Braut versuchte sich Hilfe bei mir, ihrem Pfarrer, zu holen: „Sie reden doch in den Kirchen ständig von der Liebe und von der Ewigkeit! Wo wenn nicht jetzt und hier bei einer Hochzeit, noch dazu vor Gott und seiner Gemeinde, lohnt es sich denn, von ‚ewiger Liebe‘ zu reden?“

Ich hielt einen Moment inne, musste das erst einmal sacken lassen. „Sie haben beide recht“, erwiderte ich diplomatisch, „aber so unromantisch es auch sein mag: Ihrem Mann kann ich aus meiner Sicht insgesamt eher zustimmen!“

Sie schaute mich verblüfft an: „Aber wo ist sie denn dann, die Ewige Liebe?“

Es ist ja so, dass wir nicht wissen können, was genau nach dem Tod ist. Die Maßstäbe für unser Leben hier auf der Erde werden wohl in Gottes Ewigkeit umgewertet sein.

Und überhaupt: „Ewig“ – das ist ein Begriff, der allein Gott zukommt. Nicht einmal das Universum ist, folgt man der aktuellen Mehrheitsmeinung der Astronomie, ewig, sondern hat zeitliche Grenzen.

Wie können wir dann in so einer sehr kurzen Zeit, wie sie unser Leben in Anspruch nimmt, von ewiger Liebe reden?

Das können wir, wenn wir verliebt sind. Das können wir gut und gern, wenn wir romantisch veranlagt sind.

Aber wir dürfen gleichzeitig wissen, dass die blumige Sprache der Liebe und der Romantik eben nicht unbedingt realistisch ist.

Und spätestens vor dem Scheidungsrichter, sollte die Ehe in die Brüche gegangen sein, spätestens da wird auch der überschwänglichste Romantiker den Begriff „ewig“ für die eigene Liebe ausklammern wollen. „Ja damals“, heisst es dann.  „Da habe ich noch an die ewige Liebe geglaubt. Aber jetzt, wo ich gemerkt habe, wie sie wirklich ist…“

Sich verliebt anschauen und romantisch dem anderen Ewige Liebe schwören ist das eine – ein anderes ist die Frage, wie die Realität aussieht.

Und die ist meistens ja nicht ganz so rosig. Zumindest nicht in Ewigkeit.

Der Apostel Paulus hat mit dem heutigen Predigttext einen geradezu philosophisch wie theologisch genialen Vorschlag gemacht, wie man leben soll.

„Haben, als hätte man nicht“, kann man das ganze überschreiben.

„Wenn du eine Frau hast, sollst du sein, als hättest du keine.“

Haben ist hier im Sinne von besitzen zu begreifen. Und das ist ja damals wie heute aktuell.

Damals deshalb, weil Menschen in unglaublichem Maße tatsächlich und rechtlich abhängig waren von anderen: Der Sklave von seinem Herrn, der Klient von seinem Patron. Die Ehefrau von ihrem Ehemann.

Und heute nicht mehr eine rechtliche Abhängigkeit und Unterordnung, aber dennoch eine Tatsächliche, die durch das Miteinander und Gegeneinander von Menschen entsteht.

Eifersüchteleien, angebliche Rechte gegenüber dem Partner sowie Gewalt in der Ehe sind mitten unter uns.

„Haben als hätte man nicht“, ermahnt uns der Apostel Paulus.

Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand, weil ihr der Klügere seid gegenüber eurer Ehefrau. Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand gegenüber eurem Ehemann, weil ihr den besseren Draht zu den Kindern habt.

Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand, weil ihr es seid, die das Geld verdienen, während der Partner – sei es als Hausmann oder als Hausfrau – für Haus und Kinder sorgt und ihn bzw. sie mit einem Taschengeld abspeist.

Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand. Lebt so, als wäre Euer Partner nicht euer Besitz, sondern etwas ganz kostbares, das euch gegeben ist, damit ihr Euer Leben besser leben könnt als ohne ihn oder sie.

Paulus setzt da ja noch einiges drauf. Er schreibt weiter:

Die Menschen sollen so sein:„die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht“

Der erste Gedanke, der hier kommt ist, ist der an eine griechisch-römische philosophische Schule, die sogenannte „Stoa“.

Bei dieser Philosophenschule, die zur Zeit des Paulus groß in Mode war, ging es darum, möglichst in Seelenruhe und Gelassenheit die Welt zu betrachten bzw. möglichst in emotionaler Selbstbeherrschung zu leben.

Meint Paulus etwa das, wenn er sagt, dass man, wenn man weint, so sein soll, als weinte man nicht? Oder wenn er denen, die sich freuen empfiehlt, so zu sein, als freuten sie sich nicht. Der Hörer der damaligen Zeit muss das sofort assoziiert haben – wir heute aus der Distanz zur antiken Welt lebenden haben es da besser. Wir hören das nicht, sondern fragen uns eher: Wie um Himmels willen soll das denn gehen? Was meint Paulus?

Wir müssen den vorangegangenen Satz hinzunehmen: „Die Zeit ist kurz“, sagt er da. Oder, im griechischen Original so viel treffender: „Der Zeitpunkt ist zusammengeballt.“

Das heißt soviel wie: Ihr lebt schon mitten im anbrechenden Reich Gottes. Schafft euch selbst nicht neue Götter, indem ihr eure eigenen Lebensbezüge für so wichtig nehmt! Habt stattdessen im Hinterkopf: Ich brauche eigentlich nicht zu weinen, wenn ich traurig bin: Das Wesen dieser Welt ist am vergehen. Gott ist unmittelbar dabei, mit dem Evangelium von Jesus Christus etwas Neues zu schaffen.

Ja sicher: Es gibt viel Schlimmes, Entsetzliches, Trauriges. Auch hier in unserer Gemeinde, auch hier heute Morgen unter uns gibt es sehr viel, über das man weinen könnte und freilich auch darf.

Paulus würde das auch nie verurteilen, in Trauer oder nach schlimmen Erfahrungen zu weinen. An anderer Stelle, im Römerbrief 12,15, empfiehlt er sogar:

„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“

Hier aber sagt er: Seid so, ihr Weinenden, als weintet ihr nicht.

Auch hier geht es darum, ganz ähnlich wie im Beispiel des beherrschenden Partners, als würde man dieses Weinen besitzen. Als würde man ganz und gar von dem gefangen sein, was gerade um einen herum geschehen ist und geschieht.

Stattdessen will Paulus, dass wir den Blick auf das wirklich Wesentliche lenken. Und das ist nicht diese Welt, denn diese Welt ist am vergehen.

Vor der Größe Gottes wird unser Leben doch ganz klein, unsere Traurigkeiten ganz unbedeutend – allerdings nur dann, wenn man verstanden hat, dass Gott für uns da ist.

Ohne das ist Gott vor der ganzen Größe des Universums nur eine weitere Größe, die unser Leben noch anstrengender, ja geradezu noch niederschmetternder und sinnloser machen könnte.

Der Atheist und Philosoph Friedrich Nietzsche hat daraus die einzig richtige Konsequenz gezogen: Vor dem Hintergrund, dass es keinen Gott gebe und dadurch dann auch auf lange Sicht rein gar nichts wichtig ist und Bestand hat, ist alles nichtig.

Diese Form des Nihilismus, wie man es dann genannt hat, zwingt dazu, das eigene Leben nicht länger wichtig zu nehmen – allerdings um den Preis der totalen Bedeutungslosigkeit von allem. Auch der eigenen Sinn- und Bedeutungslosigkeit von einem selber. Dass Nietzsche über diesen Gedankengang wahnsinnig wurde und in geistiger Umnachtung starb, verwundert dann auch nicht länger. Hat man einmal in den Abgrund des Nichts geblickt, ist das für uns Menschen nur dann zu ertragen, wenn wir wegschauen oder uns diesen Abgrund allen Seins schönreden.

Ein wenig so wie die romantisch veranlagte Braut mit ihrer „Ewigen Liebe“!

Für den Apostel Paulus sind Nihilismus und die Abgründe der menschlichen Existenz zwar noch nicht ausgesprochen, aber doch frielich bereits mit Händen greifbar.

Er kehrt den depressiv machenden Gedanken an die Nichtigkeit der Welt allerdings um. Er behauptet dabei nicht, dass die Welt an Sinnhaftigkeit durch unser Tun gewinnen würde – aber er weiß aus eigener Erfahrung, dass der gesamte Kosmos ein Ziel hat, das von Gott gegeben  ist. Unsere jetzige Zeit, die wir erleben, ist ein kleiner zusammengeballter Zeitpunkt, bei dem wir das große Glück haben, von dem Ereignis etwas zu erfahren, das der Welt Richtung und Ziel gibt.

„Haltet euch nicht fest an den Dingen, die ohnehin vergehen! Setzt diese nicht absolut. Richtet euch darauf ein, dass Gott mit euch noch viel mehr vorhat. Euer Lachen und euer Weinen werden nichts sein im Vergleich zur Ewigkeit Gottes.“

Die ganze Jagd nach dem Glück, in die ich selbst auch verstrickt bin, das räume ich unumwunden ein, diese ganze Jagd ist doch wirklich lächerlich, wenn wir uns klarmachen, was eigentlich wirklich wichtig ist. Genauso all die Traurigkeiten: Was kann denn eigentlich noch schlimm sein im Angesicht der ewigen Gemeinschaft mit Gott? Schlimm wäre das alles hier, wenn sich am Ende herausstellen würde, dass kein Gott da ist. Dem Paulus geht es also in seiner Überlegung des „Habens als hätte man nicht“ um das Bekanntwerden mit den realen Verhältnissen zwischen Mensch, Welt und Gott. Und vor Gott, ich sagte das bereits, wird alles ganz klein.

Mein Lieblingsphilosoph, Immanuel Kant, der nur das glauben wollte, was man auch beweisen konnte, sah sich in verzweifelter Situation, als er feststellen musste, dass keiner der Gottesbeweise der Welt des Mittelalters stichhaltig genug waren, um als echte Beweise zu gelten. Auch seine eigenen Versuche, das Vorhandensein Gottes zu demonstrieren, scheiterten letztendlich daran, dass sich Gott unseres Zugriffes entzieht.

Ihm fiel dann nicht viel mehr ein als ein „als ob“ einzufügen. Leben, „als ob“ es Gott gibt. Leben, „als ob“ eine höchste Macht im Kosmos vorhanden ist, die uns gerade im Bereich des Moralischen zu Höchtleistungen bringen kann. Kant ahnte: Bricht auch dieses „als ob Gott da wäre“ weg, sieht es um die Menschheit schlecht aus. Wie recht er damit hatte sieht man an den Diktaturen der Sozialisten und Nationalsozialisten, deren Ideologie aus einer Verstümmelung der Ethik Kants heraus geronnen ist – freilich über Weiterentwicklungen bei Denkern wie Hegel, Marx und Nietzsche, um nur die Wesentlichen zu benennen.

Der Mensch, der selbst Gott sein will und diese Welt für wirklich wesentlich hält, scheitert – spätestens mit dem eigenen Tod.

Es mag dann ein Trick sein, Gott im „als ob“ vorauszusetzen – ein Trick des Unglaubens, in dieser Welt zu bestehen – aber er erscheint mir immer noch besser als der Nihilismus, der allem seine Grundlage entzieht.

Aber: Auf wackeligem Boden bewegt sich derjenige, der  im „als ob-Gottes“ lebt.

Anders derjenige, der erfahren hat, dass Jesus Christus für ihn da ist. Der begriffen hat, dass das Sein dieser Welt zwar am Vergehen ist, das Reich Gottes aber mitten im Werden ist. Da wird einem dann auch vor dem Kältetod des Universums und den Schrecken, die wir erleben, nicht mehr bange. Angstfrei können wir nach vorn und in die Zukunft blicken, da wir wissen, dass Gott sich für uns hingibt und uns liebt.

Aber wie ist es denn nun mit der Ewigen Liebe? Irgendwie muss sie ja doch da sein, sonst würden nicht so viele Leute darüber reden!? Oder irren sich all die vielen?

Sie irren sich, wenn sie meinen, dass sie es sind, die diese Ewige Liebe herstellen könnten. Sie irren, wenn sie meinen, dass wir Menschen etwas tun könnten, das ewigen Bestand hat.

Aber sie liegen genau richtig, wenn diese Ewige Liebe aus dem Glauben an Gott heraus fließt.

Sie liegen genau richtig, wenn sie ihre eigene Liebe zum Partner als ein Abbild der Ewigen Liebe Gottes begreifen.

In dem Moment, wo man im Glauben seine Liebe zum Partner hat, hat man auch Anteil an der Ewigen Liebe Gottes.

Und diese Liebe, die können wir nun einmal nicht erreichen, daher ist es für uns sinnvoller, sie auch nicht krampfhaft besitzen zu wollen.

Arbeiten an der eigenen Liebe, das wohl. Im Bemühen darum, sie zu erhalten, müssen wir sie pflegen. Denn auch wenn das Wesen dieser Welt vergeht, sind wir ja noch mittendrin!

Martin Luther brachte das einmal in ein sehr schönes Bild. Er sagte:

„Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der von der Erde bis an den Himmel reicht.“

Zugegeben: Erneut blumige, romantische  Sprache. Aber eben eine, die wahrscheinlich sogar noch hinter der Realität Gottes zurücksteht, dessen Liebe eben eine Ewige ist und bleibt.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

1. Advent 2012: Die Tore zum Leben

Predigt zu Ps 24 (Textlesung im Gang der Predigt.)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

Jakob der Schmied nähert sich gemeinsam mit seiner Frau und einigen Freunden aus seiner Heimatstadt dem „Schönen Tor“ zum Hof des Tempels in Jerusalem. Mehrere Tage sind sie  gewandert, um endlich zum Heiligtum zu kommen. Ihre Kleidung ist staubig, auf ihren Gesichtern glänzt der Schweiß.


Doch in ihren Augen die Freude, endlich das Ziel erreicht zu haben; endlich durch das Tor des Tempels zu schreiten; Gott dem HERRN die vorgeschriebenen Opfer darzubringen; sich von SEINER Gegenwart anstecken zu lassen; zu IHM zu beten; seine Herrlichkeit zu rühmen und zu preisen. Einzuziehen mit all den anderen Gläubigen – Pilgerern aus ganz Israel!

Die Stadt ist voller Menschen. Einzeln und in kleineren Gruppen strömen sie zu dem Ort, an dem SEIN Gottesname wohnt.

Voller Erwartung stehen sie vor dem Tor.

Ein Priester empfängt sie. Mit Ernst schaut er die kleine Schar an und redet sie an mit den alten Worten aus dem Psalm:

„Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.“

Jakob der Schmied und seine Gefährten verneigen sich. Jakobs Augen leuchten, als er die Bitte um den Einlass spricht:

„Wer darf auf des Herrn Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?“

Der Priester blickt allen forschend ins Gesicht. Langsam, einem nach dem anderen. Dann lächelt er und verkündet:

„Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist,

wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört: der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.“

Und die Pilgergruppe murmelt gemeinsam im Chor: „Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.“

Der Priester tritt zur Seite, das Portal der Pilger zum Vorhof des Tempels öffnet sich, die Pilgerschar tritt hindurch.

Riesig ragen die Tore des Allerheiligsten auf, verziert mit den schönsten Farben, mit Blattgold und Silber.

„Wie schade“, denkt Jakob der Schmied, „dass diese Tore wohl niemals für uns geöffnet werden!“

Rebekka steht am Wegesrand. Sie hat davon gehört, dass dieser Verrückte in die Stadt kommen soll. Jesus aus Nazareth, der Sohn eines Zimmermanns, den manche neuerdings als Messias bezeichnen, obwohl er bloß eine kleine zerlumpte Jüngergruppe um sich geschart hat. Nicht einmal ein Heer kann der angebliche Davidssohn aufweisen. „Es sind einfach zu viele Messiasse in letzter Zeit gekommen“, denkt sie. „Wenn Gott seinen Messias wirklich senden wird, dann werden die Menschen das merken. Dann werden alle Türen im Tempel für alle Menschen weit geöffnet werden, dann wird die Welt selber eine Tür zum Himmelreich haben!“

Rebekka blickt die Straße hinunter. Die Menschenmenge ist laut und die Luft stinkt sogar noch mehr als sonst. Zu dem üblichen Geruch nach Abwässern und Kot mischt sich nun der Schweiß der Bewohner von Jerusalems, die ihre Arbeit niedergelegt haben, um diesem Jesus nachzugaffen. Sie selber hat sich auch aufgemacht.

„Wir werden ja sehen, ob der der Messias ist!“

Die Zeit vergeht, und die Hitze des Tages nimmt zu.

Um sie herum hört sie die merkwürdigsten Geschichten. Dass Jesus Wasser in Wein verwandelt habe. „Na, zum Glück nicht Wein in Wasser“, kontert sie messerscharf. Dass er Menschen geheilt habe, die unheilbar krank waren. Dass er sogar einen Toten in Bethanien wieder lebendig gemacht habe, obwohl der schon im Grabloch vor sich hin faulte. „Deswegen stinkt es hier wohl so“, neckt sie den Erzähler, der sie daraufhin zornig anstarrt.

Kein Wort will sie glauben. Rebekkas Herz ist hart. „Erst wenn meine Tochter wieder lebendig ist, erst wenn mein Mann wieder zu mir zurückkehrt und erst wenn die Römer das Land verlassen haben – dann weiß ich, dass der Messias gekommen ist. Soviel Unglück – Gott kann doch nicht in so eine kaputte Welt kommen.“

Das Geschrei der Menge wird lauter. „Hosianna!“ brüllen die Menschen. „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“

Und auf einmal steht Jesus vor ihr.

Seinem Blick kann sie nicht standhalten. Die Freundlichkeit seiner Augen ist unendlich. Solche Güte hat sie noch niemals in einem Gesicht gesehen.

„Rebekka“, sagt er zu ihr. In ihrem Kopf pocht es.

Ihr Herz schlägt höher.

Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. Sie fällt auf ihre Knie, umfasst seine Hand. Sie hört den Lärm der Straße nicht mehr, den Gestank nimmt sie nicht mehr wahr.

Sie weiß nicht, was sie sagen soll, aber das macht nichts. Denn Jesus selbst richtet das Wort jetzt an sie:

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!“

Rebekka weiß nicht, was sie sagen soll. Sie stammelt zurück:

„Wer ist der König der Ehre?“

Und Jesus antwortet ihr, aber so laut, dass alle Menschen im Umkreis es hören können:

„Wer ist der König der Ehre?

Es ist der HERR, stark und mächtig,

der HERR, mächtig im Streit.“

Jesus blickt in die Runde, schaut zum Tempelberg hinauf, zum Zion, und lässt seine Augen dann auf dem Berg der Gerichteten, auf dem Platz der Schädel, auf Golgatha ruhen. Mit einem leichten Anflug von Kummer auf seinem Gesicht ruft er der Menge zu:

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe! Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre.“

Eine Ewigkeit scheint vergangen zu sein, seitdem Rebekka vor Jesus niedergefallen war. Jetzt ist er weitergegangen, die Menschenmenge um sie herum schreit weiter ihr „Hosianna!“ und dieses „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“

Rebekka steht auf, blickt unsicher um sich. Was war da in sie gefahren? Wie konnte sie sich nur so gehen lassen, sich von den Augen dieses Mannes verführen lassen?

Sie schüttelt den Kopf.

„Nein“, sagt sie laut und deutlich, „der hat mich nicht verführt. Der hat mir etwas Wichtiges gesagt!

Die Türen in der Welt sollen wir öffnen. Die Tore sollen wir weit machen. Das sollen wir tun, damit Gott einziehen kann.

Und Jesus meinte mit ‚Türen in der Welt‘ weit mehr als die Tore des Tempels oder die Türen einer Stadt.  Der ist vor mir stehen geblieben, weil er mich damit meinte. Und alle Menschen um sie herum.“

Rebekka geht weiter, läuft ziellos im Gewirr der Jerusalemer Gassen umher. Sie hat ja eigentlich noch so viel zu erledigen. Die Pilgergruppe müsste spätestens heute Nachmittag bei ihr im Gästehaus ankommen. Die würden von ihr frisches Brot verlangen. Eigentlich müsste sie jetzt backen. Und all die anderen Besorgungen für das große Fest!

Jakob der Schmied würde wieder mit seiner Familie bei ihr einkehren. Sie mochte den Mann gern und seine Frau mit den drei Kindern.

Da fällt ihr etwas auf: „Machet die Türen weit und die Tore in der Welt hoch“, hatte Jesus gesagt.

Nicht bloß der Ruf der Pilger und Priester beim Einzug im Tempel war das, sondern weit mehr:

Das war sie selber, die sich da öffnen sollte. Die Türen des Herzens waren gemeint.

Damit Gott in die Welt einziehen kann, müssen die Herzen der Menschen offen sein für ihn.

Auch für das, was unbequem ist, ja was ihnen sogar verhasst sein mag.

Sie denkt nach.

Konnte sie ihr Herz soweit öffnen und ihrem Mann vergeben? Konnte sie ihr Herz soweit öffnen und einen Römer bei sich zu Hause so freundlich willkommen heißen wie etwa Jakob, den Schmied?

Sie lächelt. Das würde vielleicht noch gehen. Aber ihre tote Tochter? Die machte ihr keiner mehr lebendig. Da kann man die Türen des Herzens noch so sehr öffnen, die Trauer wird ihr keiner jemals nehmen.

Und dann durchzuckt es sie und sie versteht, was Jesus meinte.

Jesus hatte ihre Tochter in dem Moment gemeint, als er zum Berg der Verurteilten, nach Golgatha hinaufgeblickt hatte.

Er hatte ihre Tochter gemeint und all die vielen Tränen, die Mütter und Väter vergießen, all die Traurigkeiten, die Menschen angetan werden und die sie sich gegenseitig antun.

Jesus würde auch als Messias das Leid nicht aus der Welt verbannen.

Er würde aber einen neuen Weg eröffnen, damit umzugehen.

Und dann lacht sie auf. Sie ist ja schon mitten dabei, in ihm den Messias zu sehen, den Sohn König Davids aus Jakobs Stamm!

Aber es hatte seine Logik: Wenn Gott der HERR in ihr Herz einzöge, dann wäre er auch dann da, wenn Leid und Unheil über ihr Leben kämen. Er wäre dann bei ihr, egal, was auch geschieht.

Rebekka schlendert nach Hause. „Wir werden ja sehen, ob du der Messias bist!“, flüstert sie in sich hinein, als sie die Tür ihres Hauses öffnet.

  3.

Einige Tage später kommt Jakob, der Schmied, wieder ins Gästehaus.

Rebeka denkt, er wolle sich nun verabschieden. Stattdessen sagt er mit belegter Stimme: „Sie haben ihn umgebracht! Dabei war ich fast davon überzeugt, dass er der Messias ist. Jetzt müssen wir doch auf einen anderen warten.“

Seine Frau legt ihm die Hand auf die Schultern.

„Weißt Du, Rebekka, der Mann war ohnehin nicht ganz richtig im Kopf. Als ich bei ihm saß und wir gemeinsam aßen, da sagte er doch allen Ernstes: ‚Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hindurchgeht, wird er selig werden.‘

Rebekka blickt auf, sie lächelt: „Ich glaube, mein lieber Jakob, die Geschichte mit Jesus ist noch nicht zu Ende. Da passiert noch etwas Entscheidendes.“

Und als Jakob sie verwirrt ansieht, spürt sie, wie der wahre Messias sich längst in ihrem Herzen Bahn gebrochen hat.

Das Warten hat ein Ende. Die Tore zum Leben sind geöffnet worden. Und niemand kann sie je wieder zuschließen.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

5. Sonntag nach Trinitatis 2012: „Gott 9.0“ – Tikki Küstenmachers Buch und seine Gottesbilder (Gen 12,1-4)

Von Pfarrer Marvin Lange

Gott 9.0. Tikki Küstenmachers Buch und seine Gottesbilder anhand von Gen 12,1-4.
Predigttext: Gen 12,1-4a
Prediger: Pfarrer Marvin Lange
Ort: Ev. Fulda-Bonhoeffer-Kirchengemeinde
Predigtjahr: 2012

[1] Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. [2] Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. [3] Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. [4a] Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.


Liebe Gemeinde,
einen kurzen Abschnitt, es ist der Anfang der Abrahamsgeschichte, haben Sie da eben gehört.
Und wie so oft, wenn biblische Predigttexte eher kurz sind, dann bieten sie eine Fülle an Inhalt, die auf den ersten Blick gar nicht bemerkt wird.
Der erste Blick nimmt nur dieses wahr: Gott fordert den Abram auf, in ein Land zu gehen, das er ihm noch zeigen will; dass er daraufhin die Nachkommen Abrams zu einem großen Volk machen wird, er sie segnet. Zudem will Gott diejenigen segnen, die Abraham und sein Volk segnen und verfluchen, wer dieses Volk verflucht. Im Anschluss erfahren wir noch, dass Abram tut, wie Gott es befohlen hat, im Schlepptau den Lot, seinen Vetter. Und wir erfahren, dass er zu dem Zeitpunkt 75 Jahre alt gewesen sein soll – ein Alter, in dem in Deutschland kaum einer eine solche Reise ins Ungewisse wagen würde. Und der Ausgangspunkt der Reise ist Haran, eine Stadt im heutigen Irak.

Liebe Gemeinde,
ich möchte Sie heute Morgen mitnehmen, anhand dieser wenigen Verse, anhand dieser kleinen Geschichte, ihr persönliches Gottesbild zu erkunden.
Wie stellen Sie sich eigentlich Gott vor?

Jeder unter uns hat da ein etwas anders geartetes Bild.
Am einfachsten kann man das daran erkennen, wie Kinder an Gott glauben: Gott ist im Himmel, da oben bei den Wolken, und wir sind hier unten auf der Erde.
Wenn es blitzt und donnert, schieben die Engel Kegeln im Himmel und wenn ein Sonnenstrahl durch die Wolken fällt, hat Gott mit seinem Finger dort das Land berührt.
Gott sitzt auf einem Thron in den Wolken, hat einen langen Bart und schaut, ob seine Geschöpfe, Menschen und Tiere, auch alles richtig machen.

Ein gängiges Bild Gottes für Menschen zwischen 3 und 12 Jahren. Und auch in meiner 9. Klasse, das sind immerhin 15-16-Jährige, war es noch sehr verbreitet – verbunden mit dem Hinweis: Aber wir glauben nicht an Gott.

Ich muss dann immer schmunzeln, wenn mir das jemand sagt im Zusammenhang mit dem Gott in den Wolken, weil ich ihm einfach antworten muss: „An den Gott glaube ich auch nicht.“
Und wenn ich an einen solchen Gott glauben würde, wäre ich ein Mensch des Hochbarock, ein Kind oder doch sehr naiv.
Das Erstaunen ist dann bei meinem Gegenüber meist groß und verkehrt sich schnell in Verwirrung: „Der Pfarrer glaubt gar nicht an Gott“, denkt dann manch ein Erwachsener, der den Rauschebart-Gott in seinem Leben zuletzt als 13-Jähriger geglaubt hat.

Liebe Gemeinde, das ist ein Gottesbild, das viele von uns einmal hatten, das aber hoffentlich alle hinter sich gelassen haben.
Wenn ich zu Euch also dahingehend spreche, dass wir unterschiedliche Gottesbilder in unseren Köpfen mit uns herumtragen, dann meine ich damit nicht unbedingt,
ob man an Jesus als den Auferstandenen glaubt,
oder an eine philosophische Transzendenz,
an Allah
oder Gott den HERRN,
nicht einmal, ob man gar nicht glaubt,
sondern ich meine das, was sich dahinter verbirgt.
Auch derjenige, der nicht an Gott glaubt, hat ein Gottesbild, das er für so unwahrscheinlich hält, dass es ihm unmöglich ist, daran sein Herz zu hängen.
Und manch einer, der Jesus im Herzen zu haben meint, dessen Gottesbild ist nicht viel weiter als das von den verrückten Salfisten, die in den Innenstädten mit kostenlosen Koranausgaben missionieren wollen und in Deutschland Schariarecht einfordern.

Aber von Anfang an!
Laut dem überaus empfehlenswerten Buch „Gott 9.0“ von Tikki Küstenmacher kann man momentan 8 bis 9 Gottesbilder ausmachen, die es in der gesamten Menschheit gibt.
Diese Gottesbilder werden von ihm abgestuft dargestellt von Gott 1.0 bis Gott 9.0., analog zu Computerprogrammen und technischen Geräten, die derzeit auf den Markt geworfen werden.

Da ist zum Beispiel das Gottesbild 4.0, das in unseren Kirchen landauf landab geläufig ist – und dessen Unflexibilität eine große Schuld daran hat, dass die Kirchen oft leer sind und Gott von vielen modernen Menschen nicht ernst genommen wird.
Dieses Gottesbild ist das des ewigen Richters, der straft und Sünden vergibt, der zuständig ist für ewige Wahrheit und eine höhere Ordnung.

Oder da ist das Gottesbild 5.0, das besonders im Protestantismus viele Anhänger hat und für Freiheit im Glauben steht – eine Freiheit, die dann aber auch verbunden ist mit kritischer Auseinandersetzung mit der Bibel, mit Jesus, mit Gott.
Rationalität und Wissenschaftlichkeit zeichnen diesen Gottesbegriff aus und er ist der Gott, den viele heute bräuchten, aber leider nie kennen gelernt haben, da es sich Pfarrer und Lehrer gern einfach machen und lieber den Gott der höheren Wahrheit ihren Schülern beibringen, statt den Gott der kritischen Vernunft auf sie loszulassen.

Das, was ich nun gleich anhand unseres Predigttextes exerziere, ist hoffentlich dem Gottesbild der Freiheit und der Wissenschaftlichkeit geschuldet.
Obwohl ich einräumen muss, dass mir das Gottesbild 7.0 mehr behagt, da dieses in der Lage ist, die Gottesbilder aller Menschen zusammenzuschauen.
Also dem Kind den Kinderglauben zu lassen, dem starr am orthodoxen Luthertum hängenden nicht reinzureden in sein Gottesbild, aber doch Hinweise zu geben, wie man sein Gottesbild erweitern könnte.

12,1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Was für ein Gottesbild haben wir mit dem Beginn dieser uralten Geschichte?

Es ist das Gottesbild von Familie, Clan und Stamm, das Sicherheit und Vertrauen schafft.
Gemeinsam in der Gruppe, gemeinsam als Clan überleben wir in der lebensfeindlichen Umwelt, da uns Gott dabei hilft.
Wir müssen beisammen bleiben, wir müssen die Familiengötter hochhalten, die überlieferten Rituale in Feuer und Wasser durchführen, dann wissen wir Gott auf unserer Seite.

Heute ist dieses Gottesbild oft bei jungen Familien anzutreffen, die ihr Kind taufen lassen möchten.
Die Taufe wird dann oft verstanden als ein magischer Schutz, der das Baby vor den Gefahren des Alltages bewahrt.
Und mit der gemeinsamen Anstrengung als Familie erleben sie im Taufritual Sicherheit und Heil.

Und dieses Gottesbild 2.0 wird auf einmal auf eine harte Probe gestellt: „Geh aus deinem Vaterland. Verlass deine Verwandtschaft“, heißt es auf einmal.
Gott 2.0 würde so etwas niemals sagen. Ein neues Gottesbild bricht sich in der Abrahamsgeschichte Bahn. Gott 3.0 löst den reinen Familiengott ab und zeigt in den folgenden Versen sein zornrotes Gesicht:
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Es ist der erste Umschwung hin zum Kriegsgott Jahwe, der für die Menschen des endenden 2. Jahrtausends auf einmal viel plausibler wurde als der der Totems, Familiengottheiten und der Stämme.
Nicht umsonst wird Abraham als Vater des Monotheismus nicht nur im Christentum, sondern selbstverständlich auch im Judentum und im Islam bezeichnet.

Ausbruch und Eroberung, heroische Taten im Namen Gottes und Abenteuer für den Glauben: Das ist es, was an Gottesbild hinter den beiden Versen um Segen und Fluch steckt.
Die Perspektive des Strammes wird erweitert: „Mit mir im Rücken wirst du zu einem großen Volk, wenn du mir opferst, an mich glaubst, will ich dir einen großen Namen machen. Wenn du an meiner Seite bleibst, dann werden diejenigen, die an deiner Seite sind, genauso gesegnet wie du. Und freilich: Wer gegen mich ist, der wird verflucht.“

Ein bisschen kann man den Eindruck gewinnen, dass dieses Gottesbild das der Pubertät der Menschheitsgeschichte ist.
Der Gott von Zorn und Übermut.
Ein Gott für Kreuzfahrer und Jihadisten, für Ikonoklasten und egoistisch Gläubige. Wenn ihr dieses Gottesbild in der Bibel sucht, blättert mal ein wenig im Psalter und im Buch Richter. Da werdet ihr fündig!

Dennoch: Eine Weiterentwicklung des Familiengottesbildes, das schon!
Aber kaum ein Gott, an den die meisten von uns glauben.
Wer von Euch denkt denn, dass Gott diejenigen verflucht, die dich verfluchen?
Wem unter euch würde das denn die große Glaubenszuversicht bringen, wenn Gott sagen würde: „Aus dir und deinen Nachkommen will ich ein großes Volk machen…“?

Es sind tatsächlich unter Europäern vor allem Jugendliche mitten in der Pubertät, die so denken, und Kleinkinder im Alter von 2-4 Jahren, die sich voller Zorn auf dem Boden wälzen, wenn nicht alles so geschieht, wie sie es für richtig halten.
Ich erinnere mich gut daran, wie ich einmal als 16jähriger nachts heimlich zu meiner damaligen Freundin aufgebrochen bin, und mit dem ersten Bus am nächsten Morgen heimfuhr: Und beständig betete, dass mein Vater mich bloß nicht erwischen möge – Ich weiß nicht mehr, was ich Gott alles versprochen habe, aber tatsächlich krabbelte ich morgens um halb sechs müde in mein Bett ungesehen und unbemerkt.

Ich vermute, die wenigsten unter euch finden sich hierin wieder, auch wenn die meisten dieses Gottesbild in sich verinnerlicht haben dürften aus dieser Zeit der Jugendlichkeit.

Das ist ja auch nicht weiter schlimm.

Momentan sind es unter erwachsenen Menschen vor allem religiöse Fanatiker jedweder Religion, die das Gottesbild Gott 3.0 mit angespannten Brustmuskeln vor sich her tragen. Die islamistischen Jihadisten, die eine große Umma, eine weltumspannende Gemeinschaft aller Muslime erwarten, die als sogenannte Märtyrer ins Paradies eingehen wollen, die glauben Gott auf diese Weise.
Es wäre jetzt ein Missverständnis, das Gottesbild Abrahams ebenso abzuwerten wie das der Irren von Timbuktu oder von Kabul heute.

Es handelt sich um eine Weiterentwicklung, eine neue Stufe der Gottesbegegnung.
Jesus selbst hat große Anteile an diesem Gottesbild, wenn er sagt, dass er keine Brüder, Schwestern und Eltern hat als diejenigen, die Gottes Willen tun.
Oder wenn er im Tempel die Händler und Tiere mit einer Peitsche heraustreibt!
Oder die Dämonen besiegt.

Unser Leben, unser eigener Glauben, ist voll des Gottesbildes 3.0, das Abraham aus seinem Vaterland herausführt.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, könnte heute ein Kirchentagsmotto sein, hat aber hinter sich den starken Gott 3.0, der mich stark macht.

4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Aber es ist nicht nur Gott 2.0 der Familie und Gott 3.0 der Macht, mit dem wir es in unserem kurzen Text zu tun bekommen. Es ist auch Gott 4.0 dabei, das Gottesbild der Wahrheit und Weisheit.
Abraham wird ein hohes Alter gegeben um auszudrücken:
Der hat große Weisheit, nur jemand mit viel Erfahrung lässt sich auf solch eine Verrücktheit ein. Ein jüngerer Mann würde doch – ganz im Gottesbild 2.0 stehend – an die Gründung einer Familie denken, an Sicherheiten und so fort.
Nur der an einer höheren Wahrheit festhaltende ist in der Lage, dem Befehl Gottes blind zu folgen. Nur jemand, der priesterlich oder prophetisch handelt, der Gott gehorcht.
Und das ist es, was Abraham tut!
Ohne nachzufragen unterwirft er sich der höheren Ordnung Gottes und gehorcht Gott.
Das ist das Gottesbild, das Küstenmacher als Gott 4.0 bezeichnet.

Vorhin sagte ich, dass dieses Gottesbild 4.0 unsere Kirchen sehr stark prägt.

Liebe Gemeinde,
meiner Auffassung nach prägt es sie nicht nur, sondern beherrscht sie geradezu.
Und das macht die Kirche im Gesamten für viele Menschen in Deutschland oft unattraktiv.

Der Gott der höheren Ordnung weiß alles, seine Heilige Schrift wird unhinterfragt als „Wort Gottes“ bezeichnet, auch dann, wenn Fehler und Ungereimtheiten offensichtlich sind,
Gott verlangt den Sühnetod Jesu am Kreuz, weil andere Schuld auf sich geladen haben,
Gott soll angefleht werden um Barmherzigkeit und sein Wohlwollen.
Die Wunder sind zu glauben mit der Begründung, dass man manches eben nicht wissen und verstehen kann.

Kaum jemand, der unserer Kirche fernsteht, käme wohl heute von sich aus auf die Idee, sich Gott so vorzustellen.
Er würde sich wohl an den Kopf fassen und die Gläubigen als antiquiert und autoritätshörig bezeichnen.
Und ich würde ihm Recht geben: An diesen Gott glaube ich nicht!

Auch wenn Gott 4.0 eine große Revolution gegenüber dem Gott des Ausbruchs und Zornes ist, er die Gemüter beruhigt und in gemeinschaftliche Bahnen lenkt, ist es längst an der Zeit, dieses Gottesbild von Schuld und Vergebung zu erweitern.

Heute dürfen wir mit unserem aufgeklärtem Gottesbild 5.0 fragen:
War diese Geschichte, die Abrahamserzählung, war das wirklich so?
Hat sich das wirklich so zugetragen?

Und da kann ich all diejenigen, die ein wenig skeptisch sind, beruhigen:
Nein.
Natürlich war das nicht so.
Abraham soll um die 1600 v. Chr. gelebt haben.
Die Erzählungen um ihn und die anderen Erzväter Isaak und Jakob sind aber nicht vor dem 9. Jahrhundert aufgeschrieben worden.
Die Geschichte ist geradezu archetypisch.
In Abraham treffen wir auf eine Gestalt, die von vielen verschiedenen Personen und Orten beeinflusst und in einer Person zusammengeschmolzen ist.
„Den“ Abraham, wie er uns in der Bibel gezeigt wird, den wird es wohl nie gegeben haben. Lesen Sie doch mal ab Genesis 12; das sind wunderschöne, spannende Geschichten.
Aber eben nur das:
Geschichten, nicht Geschichte!

Und was ist jetzt mit Gott?
Wo ist der dann noch, wenn das alles nur eine Erzählung ist, die von Gott und Abraham handelt, die aber so nie stattgefunden hat?

Gott ist eben genau da: In der Erzählung!
Ob sich das 1:1 so zugetragen hat, ist für uns heute ziemlich belanglos.

Von Belang ist allerdings, dass Menschen Erfahrungen mit Gott gemacht haben – Erfahrungen, die wir heute hören und die wir für unser Leben fruchtbar machen können.

Und diese Erfahrungen haben sie aufgeschrieben.
Der Name „Haran“ für den Ort des Aufbruchs Abrahams ist doch nur deswegen genannt, weil zum Zeitpunkt der Verfassung dieser Erzählung das Volk Israel in Gefangenschaft in ebendieser Region saß.
Dass er gemeinsam mit seinem Vetter Lot loszieht in das verheißene Land: Das ist doch bloß die Aufforderung, dass die an den Wassern zu Babylon sitzenden Juden es mutig genauso tun sollen.
1000 Jahre nach Abraham wird diese Geschichte für das Volk Gottes zu einer Geschichte Gottes mit dem Gründer dieses Volkes!

Und der Hinweis, dass mit dem Segen Abrahams alle Völker der Erde gesegnet sein sollen, ist nicht bloß die enge Sicht eines Gott 3.0, sondern es ist die universale Perspektive des Monotheismus gemeint, die sich erst mit dem Gottesbild 7.0 Bahn bricht.

Bis dahin, liebe Gemeinde, ist es noch ein weiter Weg.
Und wer sich jetzt etwas überfahren fühlen sollte, dem kann ich direkt sagen:
Ist ja nicht schlimm, wenn dein Gottesbild intakt ist und du von ganzem Herzen glaubst. Freu dich daran und arbeite weiter an dem, wie du Gott siehst.
Aber denjenigen unter euch, die mehr wollen als das wenige, was ich hier und jetzt bloß angedeutet habe, die sind vielleicht schon auf dem Weg hin zu weiteren Stufen des persönlichen Glaubens.

Allen aber – ob nun unverstanden oder unbefriedigt – empfehle ich dieses Buch Gott 9.0 von Küstenmacher;
und zur persönlichen Vertiefung lade ich alle ein, Ende August zu dem Glaubenskurs, den Pfr. Schmidt-Nohl gemeinsam mit mir hier im Bonhoeffer-Haus für die Gesamtgemeinde anbieten wird, zu kommen.

Und egal welches Gottesbild du hast: Im Glauben an Christus und als Erbe Abrahams gilt für dich die Zusage und der Auftrag Gottes:
„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!“

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

12. Sonntag nach Trinitatis 2012: Festpredigt von Propst Bernd Böttner: 40 Jahre Bonhoefferhaus am 26.08.2012 (Apg 3,1-10)

Von Propst Bernd Böttner

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Predigttext Apostelgeschichte 3, 1 – 10:

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.
2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.
3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.
4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!



5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.
6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,
 

8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.
10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

 

Liebe Gemeinde!

Schritt für Schritt, Stufe um Stufe gehen Petrus und Johannes hinauf zum Tempel in Jerusalem. Im hellen Sonnenlicht nehmen sie den Weg, es ist fünfzehn Uhr am Nachmittag, sie wollen zu der zweiten von den drei Gebetszeiten im Tempel. So wie sie es gewohnt sind als fromme Juden. Petrus, der Ältere, und Johannes, der Jüngere, haben sich von Jesus rufen lassen in seine Nachfolge und berufen lassen zu Aposteln, zu Botschaftern der guten Nachricht. Ausgerüstet mit dem heiligen Geist haben sie frei und mutig in Jerusalem öffentlich gepredigt und getauft auf den Namen Jesu Christi. Und doch gehen sie weiterhin auf den vertrauten Pfaden des Glaubens, in dem sie von ihren Müttern und Vätern erzogen worden sind.

Denselben Weg wurde wahrscheinlich schon am frühen Morgen ein Gelähmter getragen, vielleicht von Freunden oder auch von seiner Familie. An einem Eingang zum Tempel, an der Schönen Pforte, haben sie ihn abgesetzt, damit er um Almosen bettelt. Das scheint ein guter Platz zu sein. Hier geben die Leute ordentlich. Wer lässt sich auf dem Weg zum Gottesdienst nicht anrühren von dem Leid der anderen? Auf dem Weg zum Gebet wird man empfindlich, wer sein Herz für Gott öffnet, verschließt es nicht so leicht seinen Mitmenschen.

So wird es auch Petrus und Johannes gegangen sein, als sie auf dem Weg zur Schönen Pforte die weniger schöne Gestalt davor in den Blick genommen haben. Vielleicht sind ihnen auch noch andere Gedanken durch den Kopf gegangen, die auch uns – Hand aufs Herz – manchmal durch den Kopf gehen: Muss man diese Situation so schamlos ausnutzen? Ich fühle mich genötigt, etwas zu geben, ohne dass ich wirklich prüfen kann, ob der andere es nötig hat. Wären da nicht andere Hilfen viel notweniger? Aber die jetzt anzusprechen, dafür ist keine Zeit – und dann könnte das ja auch noch so ausgelegt werden, als wolle ich nicht wirklich helfen und mich nur herausreden.

Also was tun? Das Gesangbuch fester fassen, schneller gehen und so tun, als habe man nichts gesehen? Oder schnell einen Euro geben und dann weiter?

Weder das eine noch das andere tun Petrus und Johannes. Die beiden bleiben stehen, halten der Situation stand und sehen hin. Der Mensch am Boden merkt, da stehen ihm welche im Licht. Er hört sich die Worte sagen, die er immer sagt. Er sieht abwechselnd auf die Hände der beiden und in seine Mütze. Was er sieht und wahrnimmt, das sind die potentiellen Spender. Aber das vertraute Geräusch einer fallenden Münze bleibt aus. Kein Nesteln am Geldbeutel, kein Münzengeklimper. Stattdessen ein Moment der Stille, diese Blicke und dann die Worte: „Sieh uns an!“

Was soll denn das? Sonst bemerken ihn die Passanten schon von weitem, holen das Geld hervor und lassen es offensichtlich oder auch dezent in die Mütze fallen.
Wollen die beiden ganz sicher gehen, dass ich sie in ihrer gönnerhaften Pose wahrnehme? Springt da jetzt mehr heraus als sonst? Wird das ein guter Tag heute? Oder doch nicht? Also kein Geld? Vielleicht sogar eine Beschimpfung oder eine sachliche Begründung für das Nichtsgeben?

Es kommt alles ganz anders. Und es beginnt mit dem Hinsehen und Ansehen. Im Hinsehen und Ansehen kommt der Gelähmte als Mensch in den Blick, seine ganze Person, sein ausdruckloses Gesicht, seine blinzelnden Augen, aber auch die wenigen Hoffnungsfunken über dem großen Ozean der Resignation, seine bescheidenen Erwartungen und sein Wunsch, dass die anderen mehr in ihm sehen können als nur den, der schon mit einem Almosen zufrieden gestellt werden kann.

Alles das kann aber nur dann in ihm und an ihm wahrgenommen werden, wenn er wirklich in den Blick genommen wird, wenn da eine Beziehung hergestellt wird zwischen ihm und den anderen, wenn die, die sich hier begegnen, wirklich die Konfrontation aushalten, auch die Konfrontation mit einer möglichen Veränderung, die nicht ohne Folgen bleiben wird, weder für die, die wirklich helfen wollen, noch für den, dem geholfen werden soll.

Und dann spricht Petrus die denkwürdigen Worte: „Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, gebe ich dir!“

Ob Petrus sich in diesem Moment erinnert hat an ein Lehrstück, das die Jünger mit Jesus hatten? 5000 waren Jesus nachgefolgt an einen einsamen Ort. Jesus hatte dort vom Reich Gottes gepredigt. Es war Abend geworden und die Leute hatten Hunger. Die Jünger sahen keine Möglichkeit, den Menschen zu Essen zu geben und forderten Jesus auf: „Schick sie weg!“ Doch Jesus tut ihnen diesen Gefallen nicht, vielmehr fordert er sie auf: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Jetzt besinnen sich die Jünger auf die Ressourcen besinnen, die vorhanden sind. Sie sind nicht gerade üppig, aber sie sind vorhanden: Fünf Brote und 2 Fische. Im Teilen vermehrt sich das Wenige und reicht am Ende für alle.

Das Geld war Petrus und Johannes offensichtlich ausgegangen. Mit frommen oder schlauen Worten können sie den Gelähmten auch nicht abspeisen. Also besinnen sie sich auf eine andere Ressource, auf einen Namen, genauer gesagt auf den Namen Jesus Christus.

Das ist weder der Name eines berühmten Orthopäden noch eines bekannten alternativen Mediziners. Jesus Christus ist der Name des Nazareners, dem sie nachgefolgt sind. Später wird Petrus mehr von Jesus erzählen, was er gepredigt und getan hat, dass er gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Dieser Jesus hat auch dem Gelähmten die Kraft gegeben aufzustehen, auf seinen eigenen Füßen zu stehen, erste Schritte zu gehen und schließlich sogar zu tanzen und zu springen.

Petrus erinnert sich an eine Ressource, über die er nicht einfach verfügen kann und die er dennoch aufruft. Er selbst ist es nicht, der wirkt was hier geschieht. Gott selbst ist es, der gesund machen kann, der Leben und Sterben in der Hand hält.

Was wäre geschehen, wenn der Gelähmte trotz der Aufforderung, trotz des großen Glaubens der beiden Apostel nicht hätte aufstehen können? Das ist eine berechtigte Frage, die wir uns oft genug stellen in anderen Situationen unseres Lebens: Warum Gott, greifst du nicht ein? Warum lässt du Menschen nicht gesund werden, so wie wir es uns wünschen.

Das ist eine berechtigte Frage, die uns aber jetzt davon abbringt zu sehen, was hier geschehen ist: Jahrelang hat der Kranke an der Schwelle verbracht, ohne dass er den heiligen Ort selbst betreten konnte. Jetzt kann er den Tempel selbst betreten und mit den anderen Gott loben. Die anderen wundern sich: In Gottes Namen helfen, ja natürlich, aber wirklich gesund werden, geht das nicht zu weit? Ist das nicht überzogen? Soll man da nicht lieber auf dem Teppich bleiben?

Gut, dass Petrus und Johannes einmal nicht so gedacht haben, sonst säße der Lahme immer noch auf seinem Teppich vor der schönen Pforte und wäre nicht hindurch gekommen, hätte nicht erfahren können, dass Glaube und Kirche nicht nur etwas für Gesunde sind, sondern für alle.

Ich weiß wohl um die Bedeutung des Geldes, dass es vielen Notleidenden in unserem Land und erst Recht in unserer Welt gerade daran fehlt. Nicht zuletzt auch, um den Arzt oder Medikamente zu bezahlen. Almosen allein können einen Menschen nicht wirklich heilen, schon eher, dass Menschen einander ansehen mit den Augen Gottes, als Geschöpfe Gottes, als Schwestern und Brüder Jesu, in dessen Namen Heil zu finden ist, Heil, das weit mehr ist als Gesundheit, das aber auch dazu führen kann, dass Menschen gesund werden.

Mit diesen Gedanken bin ich, liebe Gemeinde, längst bei dem Namensgeber ihrer Gemeinde und ihres Hauses: Dietrich Bonhoeffer. In seinem Buch „Gemeinsames Leben“ beschreibt er wie der andere mir durch Christus zum Bruder wird, wie die andere mir durch Christus zur Schwester wird und wie sich dadurch unsere Beziehung grundlegend verändert.

Weitere Beziehungen zwischen dem Leben und Wirken Bonhoeffers und unserem heutigen Predigttext lassen sich aufzeigen.

„Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andre da ist“, schreibt er in seinen Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft, „… sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend“.

Bonhoeffer hat diese Einstellung gelebt, er hat sie sich hart erarbeiten müssen. Im Herbst 1931 hat der junge Pfarrer und Privatdozent auf Anweisung der vorgesetzten Kirchenbehörde eine verwilderte Konfirmandenklasse im Arbeiterviertel Prenzlauer Berg in Berlin übernommen. „Das ist so ungefähr die tollste Gegend von Berlin mit den schwierigsten sozialen und politischen Verhältnissen“ schreibt er und fährt fort: „Anfangs benahmen sich die Jungen wie verrückt..“ Es ist spannend nachzulesen, wie Bonhoeffer, der aus gelehrtem und reichem Haus kommt, das Vertrauen dieser Jungen gewinnt. Das ist alles andere als ein für die damalige Zeit klassischer Konfirmandenunterricht. Moderne Erlebnispädagogen können staunend zur Kenntnis nehmen, dass er mit ihnen Fußball spielt, Ausflüge unternimmt, Schach spielt und Englisch lernt. Vor der Konfirmation besorgt er einen Ballen Stoff, von dem jeder seiner Jungs so viel bekommt, dass es für einen Anzug reicht.
Bonhoeffer, weiß, dass er die der Kirche entfremdeten Kinder nicht einfach in die Kirche zurückholen kann, sondern dass  er mit ihnen auf eine ganz unkirchliche Weise Kirche sein und leben muss.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, schon im Frühjahr 1933 hält Bonhoeffer einen Vortrag, in dem er ausführt, dass die Kirche den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet ist, auch dann, wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören. Darüber hinaus ist die Kirche aber nicht nur verpflichtet, die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.

Für Bonhoeffer gehört zusammen, was uns in unserem Predigttext bei Petrus und Johannes begegnet: Es beginnt mit einem Blick, es folgt das Wort und schließlich die Tat. Es geht um den ganzen Menschen, ihn mit den Augen Gottes zu sehen. So wird es möglich ihn in seiner Situation wahrzunehmen und anzusprechen mit dem Wort, das helfen und heilen kann und das Menschen verändern kann.

So für andere in der Gemeinde und darüber hinaus da zu sein, das können wir, wenn unser Glaube Kraft schöpft aus dem Gebet und aus der Gemeinschaft, die sich aus den Quellen speist, die Petrus und Johannes im Tempel, im Gebet, im Gottesdienst suchen.

Das Bonhoeffer-Haus ist seit 40 Jahren ein Haus des Gebetes, des Gottesdienstes, der Gemeinschaft, die vielfältige Formen weit über den klassischen Gottesdienst hinaus gefunden hat und immer neu findet – so wie in dem Glaubenskurs, der in der nächsten Woche hier beginnt und für den zum Schluss des Gottesdienstes noch einmal eingeladen wird.

Ich wünsche auch in Zukunft Gottes Segen für dieses Haus, allen die hier ein- und ausgehen, dass sie hier finden, was sie suchen, Hoffnung und Trost, Stärkung und Orientierung –  und noch viel mehr, Unerwartetes und Heilsames, das ihr Leben verändert, so dass sie laufen, springen, tanzen können, hier drin und draußen – ganz egal ob auf den eigenen Füßen oder im Rollstuhl, ob blind oder sehend, Frau oder Mann, alt oder jung, evangelisch oder katholisch.  Amen
 

Propst Bernd Böttner, An der Ochsenwiese 14, 63450 Hanau

Osterpredigt 2011 zu Mt 28

Liebe Gemeinde,

es ist wohl so, dass sich alljährlich zu Ostern Pfarrerinnen und Pfarrer auf die Kanzeln begeben, und dann die Auferweckung Jesu Christi von den Toten mit irgendwelchen irgendwie mehr oder weniger passenden Bildern versuchen zu veranschaulichen.

Dass etwa auch die Natur gerade jetzt aufwacht, dass die Tiere längst ihren Winterschlaf hinter sich ließen.

Dass die Bäume nun ausschlagen und endlich wieder Blumen in den Gärten erblühen.


Ja, kann es denn sein, dass ein Lächeln auf der Straße eine Form der Auferweckung ist? Dass da, wo ein Mensch einem anderen Versöhnung anbietet, Auferweckung stattfindet?

Liebe Gemeinde, das wird landauf landab heute morgen zweifellos verkündigt.

Und zweifellos hat vieles davon auch seine volle Berechtigung.

Es ist schön, es ist sinnlich, es ist moralisch wertvoll. Es mag auch viel Freude mit sich bringen.

Bloß: Auferweckung ist das alles nicht!

Auferweckung geht nicht unter in den sich wiederholenden Abläufen der Natur – Auferweckung hat keine Wiederholung; sie ist einmalig.

Auferweckung geht nicht unter im sich freundlich Zulächeln – denn nach Auferweckung ist nichts mehr, wie es einmal war.

Auferweckung  geht nicht unter in der Versöhnung von Feinden – Auferweckung ist die vollkommene Versöhnung Gottes mit den Menschen und aller Menschen untereinander.

Ja, liebe Gemeinde, mit viel zu kleinen und stets nur unzureichenden Beispielen wurden Christinnen und Christen in den letzten 50 Jahren im Glauben über die Auferweckung regelrecht klein gehalten. Immer wiederkehrende Debatten darüber, ob sich das nun so oder vielleicht ganz anders zugetragen hat, machen es ja auch nicht leicht, den Glauben an dieses Unglaubliche zu wecken. Und die immer wieder kehrende Diskussion, ob der Leichnam nicht vielleicht gestohlen wurde, oder Jesus noch gar nicht tot war und dergleichen führen einen weg vom Eigentlichen der Auferstehungsbotschaft.

Es wundert mich daher nicht, dass laut einer Untersuchung des FOCUS nur noch rund ein Drittel der Deutschen an die Auferweckung Jesu Christi glauben. Wer immer nur hört, Auferweckung sei so etwas wie ein Aufblühen der Natur oder ein besonders gutmenschliches Verhalten, der benötigt den Glauben an solcher Art Auferweckung doch auch gar nicht. Das kann er jährlich neu erleben – und im Blumenladen gibt es auch zur Weihnachtszeit alle Zeugnisse dieser sogenannten Auferweckung.

70% der Deutschen glauben nicht an Auferweckung, das bedeutet auch: Rund die Hälfte unserer Kirchenmitglieder hält das Wesentliche des Christentums für unglaubwürdig, unmöglich oder gar für unnötig. Mich als Theologen erstaunt dann aber doch sehr, dass man sich auch ohne den Glauben an die Auferweckung zur Kirche dazu gehörig zählen und fühlen kann.

Positiv gewendet heißt das aber auch: Die andere Hälfte der Kirchenmitglieder glaubt sehr wohl an die Auferweckung unseres Herrn.

Es mag der Mann Jesus von Nazareth aufgeführt werden. Was er getan hat zu Lebzeiten. Liebe und Frieden war seine Botschaft vor der heraufziehenden Gottesherrschaft.

Dem stimmen beide Hälften der Christen in Deutschland zu.

Aber dieser friedliebende Heilige und Liebesapostel wäre ohne Auferweckung aus dem Grabe am Kreuz einfach nur gescheitert. Ohne Ostermorgen hat das Kreuz nunmal allein die Bedeutung eines furchtbaren Hinrichtungsinstruments. Ohne die Begegnung Jesu mit seinen Jüngerinnen und Jüngern nach der Kreuzigung wäre das Christentum nicht einmal denkbar, geschweige denn glaubbar geworden.

Auferweckung heute haben wir nicht einfach so. Auferweckung ist analogielos und entzieht sich unserem Verstehen.

Auferweckung ist und bleibt die große Verheißung an uns alle.

Wie geht es denn den ersten Zeugen der Auferweckung?

Im Osterevangelium des Matthäus sind es zwei Frauen, die mit dieser ganz neuen und unbegreiflichen Situation konfrontiert werden.

Mt 28,1.10

1 Als aber der Sabbat vorüber war und a der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

3 Seine Gestalt war wie der Blitz und a sein Gewand weiß wie der Schnee.

4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.

6 Er ist nicht hier; a er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat;

7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, daß er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach a Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt.

8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfaßten seine Füße und fielen vor ihm nieder.

10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen a Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen.

Glaube an die Auferweckung:

Das ist doch mehr noch als ein großes Erdbeben. Das ist mehr noch als der Engel, der den Stein vor dem Grabe forträumt. Auferweckung: Das erzeugt Furcht und Freude zugleich.

Auferweckung: Das ist, wenn der verstorbene Ehemann wieder ganz da ist. Das ist, wenn die Eltern, denen ihr Kind zu früh geraubt wurde, mit diesem wieder vereint sind.

Auferweckung, das ist, wenn wir selber so zurechtgebracht werden, wie Gott uns schon immer haben wollte – und wir selber diejenigen, denen wir heute mit großen Vorbehalten begegnen, mit Freude entgegengehen.

Auferweckung: das ist die Vollendung von Gottes Schöpfung.

Liebe Gemeinde, wie das aussehen wird, das wir nicht. Wie der Herr der Auferweckung das bewerkstelligen wird, das kann keiner sagen. Was wir aber sagen können ist, dass Gott uns mit Jesus Christus ein Pfand darauf gegeben hat. Und dieses Pfand ist in unserer Welt sichtbar in Taufe und Abendmahl.

Es gibt seit einigen Jahren bei jüngeren Leuten den Brauch, vor einer Party sich schon einmal in kleinerer Runde zu treffen und in Vorfreude auf das kommende Fest schon einmal einen zu heben.

Das Ganze wird „Vorglühen“ genannt und stellt sozusagen eine kleine Vor-Party vor der eigentlichen Party dar.

Wie auch immer man im Einzelnen nun zum Vorglühen steht, so kann uns dieser neue Brauch etwas veranschaulichen:

Jesus Christus ist nicht für sich allein auferstanden. Seine Auferweckung von den Toten ist Teil von Gottes großem Plan für uns alle. Wenn man nun wieder um eine Analogie bemüht ist, dann ist seine Auferweckung, die wir im Abendmahl feiern, das Vorglühen auf das große Fest in der Ewigkeit. Beim Abendmahl jetzt gleich können wir gemeinsam vorglühen. Vorglühen hin auf die Vollendung. Und deswegen sind auch alle Christen eingeladen. Kein getaufter Mensch soll ausgeschlossen sein. Egal ob evangelisch oder katholisch, ob alt oder jung. Am Tisch des Herrn wird gemeinsam das Ewige Leben gegessen und getrunken.

Spötter und Ungläubige mögen nun anfangen zu fragen, was das mit uns hier und jetzt eigentlich zu tun hat. Den Vorwurf von armseliger Jenseitsvertröstung müssen sich die Kirchen schon länger gefallen lassen. Ich stelle dem entgegen: Der Glaube an die Auferweckung von den Toten stellt im jetzigen Leben mehr auf den Kopf als alles, was es an Weltanschauungen und Denkrichtungen auf Erden gibt.

Wer heute an die Auferstehung der Toten glaubt, wer sich gewiss ist, dass die Liebe Christi allen Schmerz, alles Leid und den Tod fortwischt, der kann so frei und so froh durchs Leben gehen, wie kein anderer. Das eigene Leben gewinnt auf einmal höchste Qualität weil es nicht mehr begrenzt und beschränkt ist auf dieses Leben. Darüber muss man sich doch riesig freuen!

Und das eigene Leben verliert endlich die Art von Ichbezogenheit, mit der wir alle durch´s Leben schreiten. Ich selber und mein kleines Wollen und Handeln sind im Bewusstsein der Auferweckung von den Toten her betrachtet nicht länger wichtig. Mich muss nichts mehr belasten. Ich bin völlig frei.

Auch hier darf ich mich riesig freuen.

Jetzt.

Heute.

Euer ganzes Leben lang.

Und am Ende der Zeiten? Dann erheben wir uns aus unseren Gräbern und blicken uns voll erstaunter Freude an, dass es genau so eingetroffen ist, wie es verheissen wurde und doch so anders, als es jeder sich ausmalte.

Und schauen dabei in Gottes lachendes Gesicht.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

  • 1. Was Auferweckung nicht ist!
    1. 70% glauben nicht an die Auferweckung
    2. Ohne Auferweckung ist das Kreuz sinnlos
    3. Was Auferweckung ist
    4. Abendmahl: Das große Vorglühen!
    5. Und jetzt sofort?