Luther und die Wirtschaft (Apg 2,42-47)

Von Pfr. Stefan Remmert, Hünfeld

Liebe Gemeinde!
Geld regiert die Welt, so heißt es. Vielleicht regiert nicht Geld die Welt, zumindestens vertrauen wir Christen darauf, dass Gott die Welt regiert, aber es bestimmt unser Leben. Das Bett, in dem sie geschlafen haben, das Frühstück, dass sie heute morgen zu sich genommen haben, die Kleidung, die sie angezogen haben, die Schuhe, in denen sie zum Gottesdienst gelaufen sind, haben sie mit Geld bezahlt, dass sie oder ein anderer erarbeitet hat.


Ohne Arbeit, so kann man sagen, können wir in unserer Gesellschaft nicht leben. Ohne Arbeit verdienen wir kein Geld. Und ohne Geld können wir unseren Lebensunterhalt nicht bestreiten.
Ob jemand Arbeit findet, hängt davon ab, ob ein anderer dafür bereit ist, Geld für seine Dienstleistung oder sein Gewerk auszugeben oder nicht. Nur wenn ich Waren oder Dienstleistungen anbiete, die von anderen benötigt oder gekauft werden, verdiene ich Geld. Dabei geht es nicht darum, ob diese an sich sinnvoll sind. So wird jeder sagen, dass eine gute Pflege bei Krankheit oder Alter sinnvoll und wünschenswert ist, aber trotzdem geben die Menschen mehr Geld für ihren Konsum wie Handys, Computer, Autos etc. aus und sind bereit mehr dafür zu zahlen als für die wohl wichtigere Krankenversicherung.
Ich verdiene also nur dann Geld, wenn ich jemanden finde, der mich für meine Tätigkeit bezahlt. Ansonsten verdiene ich nichts und kann meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten. Ein Unternehmen, das auf dem Markt nichts verkauft, geht in den Konkurs. Gründe dafür können sein, dass die hergestellten Produkte nicht gekauft werden, weil sie zu teuer sind oder nicht benötigt werden. Und ob ein Produkt oder eine Dienstleistung benötigt wird entscheidet der Käufer bzw. Konsument.
Ein Beispiel. Jeder von uns isst Brot. Gibt es zwei Bäckereien an einem Ort, so entscheidet jeder von uns, bei welcher er sein Brot kauft. Kauft er bei Bäcker A, verdient Bäcker B kein Geld und seine Bäckerei wird nicht überleben. Konkret bedeutet das, dass wir mit jedem Euro, den wir ausgeben, eine Entscheidung treffen, und zwar die, welche Produkte und Dienstleistungen es geben soll und zu welchem Preis – die von uns nicht beachteten Anbieter werden vom Markt verschwinden; drastisch ausgedrückt: sei bestehen den Überlebenskampf nicht und sterben.
Nun kann man weiter fragen, welcher Preis für eine Dienstleistung oder ein Produkt fair ist, welche Gehälter gerecht sind, woran sich an Gehalt messen lassen soll usw.
Es wird also kompliziert. Gleichzeitig sind wir in diesem System des Wirtschaftens eingebunden. Wir können diesem System nicht entrinnen. Man kann sagen, dass wir in diesem System leben und weben. Die Frage ist, wie wir in diesem System leben wollen, ob wir es verändern wollen oder nicht.
Dazu zwei Beobachtungen, eine biblische und eine persönliche.
Zunächst die biblische.
Lukas stellt in seiner Apostelgeschichte im zweiten Kapitel das Idealbild einer christlichen Gemeinde dar. So schreibt er über die Jerusalemer Gemeinde (Apostelgeschichte 2,42 – Zürcher 2007)
42 Sie – die Christen in Jerusalem – aber hielten fest an der Lehre der Apostel und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und am Gebet.
43 Und Furcht erfasste alle: Viele Zeichen und Wunder geschahen durch die Apostel. 
44 Alle Glaubenden aber hielten zusammen und hatten alles gemeinsam; 
45 Güter und Besitz verkauften sie und gaben von dem Erlös jedem so viel, wie er nötig hatte. 
46 Einträchtig hielten sie sich Tag für Tag im Tempel auf und brachen das Brot in ihren Häusern; sie assen und tranken in ungetrübter Freude und mit lauterem Herzen, 
47 priesen Gott und standen in der Gunst des ganzen Volkes. Der Herr aber führte ihrem Kreis Tag für Tag neue zu, die gerettet werden sollten.
In Predigten und Auslegungen wird meist die Einheit der Christen in der Lehre, im Feiern des Gottesdienstes und im Abendmahl betont. Das ist richtig. Lukas schreibt aber auch, dass die Jerusalemer Christen gemeinsam lebten und, was für die meisten von uns fremd ist, dass sie ihren Besitz miteinander teilten. Die Reichen verkauften ihre Güter und die Armen profitierten davon, und, so kann man Lukas verstehen, alle verfügten über dasselbe Einkommen. Das ist eine Provokation, schließlich hat jeder von uns andere Bedürfnisse, der eine spielt Fußball und braucht Fußballschuhe, die andere spielt Volleyball und braucht deshalb eine andere Ausrüstung; beide Ausrüstungen, so darf man annehmen, sind vom Preis her unterschiedlich. Die Provokation besteht auch darin, dass Menschen unterschiedliche Fähigkeiten haben und Unterschiedliches leisten können und wollen. Dem einen fällt eine Arbeit leicht, dem andern fällt dieselbe Arbeit schwer, die eine will viel arbeiten, der andere wenig. Wir Menschen sind unterschiedlich, so dass ein gemeinsames und für alle gleiches Einkommen schon provoziert.
Nun die zweite persönliche Beobachtung.
In meinem Studium, ich komme aus der westfälischen Landeskirche, mussten die Studierenden ein Industriepraktikum über 6 Wochen machen, davon zwei Wochen Theorie und vier Wochen in einem Betrieb arbeiten. Es standen verschiedene Betriebe zur Auswahl, unter anderem auch das Stahlwerk Hoesch, das es heute nicht mehr gibt. Und Stahlwerk kann bedeutet: Hochofen. Das ist eine richtig schwere und harte Arbeit, und es wird rund um die Uhr gearbeitet. Dafür war der Lohn auch dem entsprechend höher als in den anderen Betrieben. Der Vorschlag der Mehrheit der Studierenden war, das gesamte verdiente Geld zusammen zu legen und es dann auf alle zu verteilen, so dass jeder denselben Betrag am Ende des Praktikums erhält. Das Problem war nur, dass keiner zu Hoesch wollte. Das Geld wollte jeder haben, die Arbeit nicht.
Schließlich fanden sich zwei, den Job übernahmen, darunter auch ich. Das Geld wurde dann doch nicht geteilt, weil von Solidarität nichts zu spüren war.
Was ich daraus gelernt habe, ist Folgendes: Es ist leicht, ideale Bedingungen einzufordern, aber schwer, sie selbst zu leben, auch bei denen, die anderen vorschreiben wollen, wie sie christlich zu leben haben. Und: Geld und Christenmenschen das ist schon eine interessante und spannungsreiche Beziehung. Die meisten Christenmenschen blenden das Thema Geld und Wirtschaften völlig aus, dabei „leben und weben“ wir in einem System, in dem Geld für das tägliche Leben eine bedeutende und bestimmende Rolle spielt.
Auch die Reformation hätte ohne das Geld der Städte und Fürstenhäuser nicht zur bestimmenden Interpretation des christlichen Glaubens werden können. Denken sie nur an die reformatorischen Pfarrer, die von den Städten und Fürsten bezahlt wurden.
Mit diesen Gedanken wende ich mich nun einem Text Martin Luthers zu, den er 1524 geschrieben hat „Von Kaufshandlung und Wucher“. Das ist Luthers bedeutendste Wirtschaftsethische Schrift, neben den beiden Sermonen „Kleiner Sermon vom Wucher“ von 1519 und „Großer Sermon vom Wucher“ von 1520. 
Luther hatte bei seinen Ausführungen die Handelsstadt Leipzig vor Augen, die sich zu einem Wirtschaftszentrum entwickelt hatte. Bei der Darstellung der Gedanken Luthers, dürfen wir nicht vergessen, dass er nicht im wirtschaftsliberalen Kapitalismus lebte, sondern im Merkantilismus. Das bedeutet, Waren wurden gegen Geld getauscht, Geld war ein reines Tauschmittel. Ein Gegenstand hatte einen bestimmten Preis, für den man das entsprechende Geld zahlte. Eine Finanzwirtschaft, wo Geld mit Geld verdient wird, wie bei uns an der Börse, durch Immobilien etc. kannte Martin Luther nicht. In Leipzig wurden Waren ausgetauscht. Auf dem Markt wurde der Bedarf der Bewohner für das Leben gedeckt. Eine Spekulation mit Waren und mit Geld gab es damals so noch nicht. Man kann auch von einer Kreislaufwirtschaft sprechen, weil die Ware gegen Geld getauscht wurde, das wiederum für eine andere Ware ausgegeben wurde. Geld an sich wurde nicht gehortet.
Dieser Wirtschaftskreislauf war für Luther unproblematisch. Erst als sich Waren und damit Kapital anhäuften und sich Monopole zu bilden begannen, sah er eine Gefahr, weil solche Kapitalansammlungen das Gemeinwohl gefährden. Man kann daher sagen, dass Luther das Geld als Zirkulationsmittel bejaht, es aber dessen Verselbständigung zum Kapital ablehnt. (Hans-Jürgen Priem) Das Neue war nun, dass man Geld kaufen kann. Geld kann man kaufen, indem man Kredite vergibt. Der Kreditnehmer kauft Geld, einen Kredit, und muss dafür einen entsprechenden Zins zahlen. Dieses Modell des „Geldkaufens“ ist uns allen bekannt.
Schon vor seiner großen Schrift „Vom Kaufhandel und Wucher“ kritisierte er die Geldwirtschaft in drei Punkten. Erstens, Zinsen widersprechen dem Wort Gottes. Leihen, so Luther, bedeutet eben nicht „Geld kaufen“ und dafür Zinsen nehmen. Zweitens widersprechen Zinsen dem natürlichen Sittengesetz. Oder haben wir jemals in der Natur gesehen, dass dort Zinsen erhoben werden. Man leiht sich etwas und gibt es dann zurück, so die natürliche und biblische Ordnung. Drittens soll Geld und der Besitz im Dienst der Nächstenliebe stehen. Wo das nicht geschieht, werden Geld und Besitz korrumpiert.
Diese Kritik hält Luther auch in seiner wirtschaftsethischen Hauptschrift bei. Darüber hinaus kritisiert er den beginnenden Auslandshandel, weil er keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen würde, sondern nur dazu dient, das eigene Ansehen zu erhöhen. Geld darf eben nach Luther nur zum eigenen Leben und zum Nutzen für den Nächsten ausgegeben werden.
Dazu ein ausführliches Zitat: 
„Es sollt nicht so heißen: Ich mag meine Ware so teur geben, als ich kann oder will; sondern so: Ich darf meine Ware so teuer geben, wie ich soll, oder, als recht und billig ist. Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, das frei in deiner Macht und Willen, ohne alles Gesetz und Maß steht, als wärest du ein Gott, der niemand verbunden wäre. Sondern weil solches dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es durch solch Gesetz und Gewissen begrenzt sein, daß du es ohne Schaden und Nachteil deines Nächsten übst. Und du sollst vielmehr acht haben darauf, wie du ihm nicht Schaden tust, als wie du Gewinn davon trügest. Ja, wo sind solche Kaufleute? Wie sollt der Kaufleute so wenig werden, und der Kaufhandel abnehmen, wo sie dies böse Recht bessern und auf christliche, billige Weise bringen würden!“ (Martin Luther, Von Kaufhandlung und Wucher 1524 in: Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. Herausgegeben von Kurt Aland, Band 7, 266)
Luther sieht den Handel als eine wohltätige Tat, die dem Nächsten als Käufer ebenso dient wie dem Verkäufer. Der Handel ist nach Luther ein Ausdruck der Liebe, die dem Nächsten ein gutes, vielleicht sogar ein besseres Leben ermöglicht. 
Nun muss der Verkäufer selbst ja auch leben. Wie entsteht nach Luther nun ein fairer und gerechter Preis für eine Ware oder Dienstleistung? 
Luther gibt dem Leser seiner Schrift drei Kategorien an die Hand, mit deren Hilfe er eine ethische Entscheidung für seine Waren und Dienstleistungen treffen kann.
Erstens, das Beste und sicherste wäre es, wenn die Preise öffentlich festgelegt würden. Hierzu sollte die Obrigkeit, d.h. der Staat verständige, redliche Leute einsetzen – also Sachverständige, die Maß und Grenze der Preise festlegen, damit Kaufleute und Verkäufer und Anbieter von Dienstleistungen einen angemessenen Lebensunterhalt haben.
Zweitens. Wenn es keine solche staatliche Ordnung gibt, so rät er, sich am landesüblichen Preis zu orientieren. Luther im Original: „Man lasse die Ware das gelten, wie sie auf dem allgemeinen Markt gegeben und genommen, bzw. wie es landesüblich ist, sie zu geben und zu nehmen“.
Drittens. Wenn es weder eine gesetzlich bindende Regelung, noch eine allgemein übliche Norm für die Preisbildung gibt, muss der Kaufmann selbst einen Preis festsetzen. Er soll sich dabei an seinem angemessenen Unterhalt orientieren und die Kosten, die Arbeit und das Risiko berechnen, was er für die Zurverfügungstellung der Ware oder Dienstleistung benötigt. Als Ursprungsmaß soll der Verdienst eines gewöhnlichen Arbeitnehmers zugrunde gelegt werden. Dabei gilt, dass der Kaufmann seine Arbeit und seinen Zeitaufwand derart in die Preise einrechnen kann, dass er entsprechend seiner Arbeit und Gefahr einen größeren und höheren Lohn erzielen darf. Evangelisch ist es, danach zu trachten, das rechte Maß zu treffen. Unwissentlich und ungewollt ein wenig zu viel nehmen, ist insofern tolerierbar, als dass das Leben nicht ohne Sünde ist. Wenn der Kaufmann nach bestem Wissen handelt, soll er sein Gewissen nicht beschweren. Dabei geht es natürlich nicht um eine grundsätzliche Freigabe und Willkür, sondern um eine Entlastung eines bewusst christlichen Kaufmanns, Händlers oder Dienstleisters, und gleichzeitig auch um die Sicherstellung der Handlungsfähigkeit, die verloren ginge, wenn jeweils der genaue Preis bestimmt werden müsste. 
Was ist an dieser Haltung christlich? Christlich ist es erstens, sich den gesetzlichen Normen zu unterstellen, ja, sie im Sinne einer Allgemeinwohlorientierung zu fordern und zu fördern. Christlich ist es zweitens, sich an das Übliche zu halten, d.h. die Gewissen anderer nicht durch allzu große Ferne von gegebenen Bedingungen zu beschweren. Nichts liegt Luther ferner als eine Diktatur des Evangeliums aufzurichten, daher zielen seine evangelischen Ratschläge auf den Einzelnen, der christlich sein und werden will. Christlich ist es also drittens, den Einzelnen auf sein Gewissen hin anzusprechen und ihn in der Gewissensfreiheit, die das Evangelium bewirkt, zu schulen.
Was Luther in seinen Schriften darlegt, ist keine Wirtschaftsethik, sondern er gibt dem einzelnen wirtschaftlich handelnden Menschen einen Maßstab an die Hand, damit er im Gespräch mit dem Evangelium in seiner einzigartigen Situation die jeweilige wirtschaftliche Situation beurteilt und so eine selbständige und entscheidungsfähige Person wird, die ihr Geschäft zum Nutzen für den Nächsten ausübt. Es ist nach Luther der einzelne Christenmensch, der in seiner einzigartigen Lebens- und Wirtschaftssituation für sich im Gespräch mit Gott, mit anderen Christen und der Bibel für sich einen Maßstab seines wirtschaftlichen Handelns nach dem Kriterium „Was nützt es dem Nächsten?“ entwickeln muss. Freiheit und Verantwortung sind nach Luther in Übereinstimmung mit der Bibel der Rahmen, indem sich der Christenmensch zu bewegen hat. Freiheit, die Gott dem Menschen aus Gnade geschenkt hat, Verantwortung vor Gott, die sich in der Freiheit der Liebe realisiert. Das Handeln in Freiheit und Verantwortung geschieht nach Martin Luther so, dass man in allem Tun und Lassen Gott vertraut. So formuliert er im „Großen Katechismus“ von 1529 zum Glauben, den er an Hand des Ersten Gebotes „Du sollst nicht andere Götter haben“ bestimmt: „Das ist: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist das gesagt, und wie versteht mans? Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist., da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“
Gott ist nach Luther als das, woran der Mensch sein Herz hängt, auf den oder das er sich in seinem Leben und Sterben wirklich verlässt. Zu diesen Götter, auf die sich Menschen verlassen, gehört eben auch das Geld, der Mammon. So schreibt er weiter:
„Das muss ich ein wenig grob ausstreichen, dass mans verstehe und merke an gemeinen Exempeln des Widerspiels. Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat, verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube.“
Die Gier nach Geld gehört nach Luther zum Wesen des sündigen Menschen. Und so kämpft im Herzen des Menschen Gott gegen Gott, der Vater Jesu Christi gegen den Gott Geld oder Mammon. Dieser Kampf ist die wirkliche Situation des Christenmenschen in der Welt. Und dieser Kampf läuft mitten durch den Glaubenden hindurch und endet erst mit Tod. Luther nennt darum den Christen Sünder und Gerechten zugleich. Wir Menschen sind somit „Spannungswesen“, nicht eindeutig und stehen zwischen dem wahren Gott und dem falschen Gott.
Konkreter geht Martin Luther, wenn er das siebte Gebot „Du sollst nicht stehlen“ auslegt. So sind Handwerker und Arbeiter Diebe, wenn sie ihre Arbeit nicht sorgfältig ausführen und überhöhte Preise verlangen. Und es sind, wie er schreibt, „meine Nachbarn, gute Freunde, mein eigenes Gesinde, dazu ich mich Gutes versehe, die mich am allerehesten betrügen“. Gleiches gilt auch für die Händler, die falsche Maße nehmen und überhöhte Preise verlangen.
Herausstreichen möchte ich, dass Luther nie von der Eigengesetzlichkeit des Marktes spricht, der wie ein Naturgesetz das Verhalten der Menschen bestimmt. Es sind nach ihm immer die einzelnen Menschen, die so handeln, die deshalb für das jeweilige Wirtschaftssystem verantwortlich sind, und nie das anonyme System, für das die Menschen nicht verantwortlich ist, weil es sich um ein Naturgesetz handelt. Luther streicht in seinem wirtschaftsethischen Denken die Verantwortung und die Freiheit des zur Verantwortung berufenen Einzelnen heraus. Wogegen er gekämpft hat, ist eine Gesellschaft der Ausbeutung, der Preistreiberei und der zügellosen Zinswirtschaft.
Was kann man von Luther, der versucht hat, die biblischen Aussagen auf die Wirtschaft seiner Zeit zu übertragen, meiner Meinung nach lernen?
Erstens, Luther ist unbequem, weil er den Einzelnen für sein Handeln, sein Tun und Lassen verantwortlich mach.
Zweitens, bedeutet nach Luther Arbeiten und Geldverdienen, sofern es fair und gerecht ist, einen Gottesdienst, der sich am Dienst am Nächsten konkretisiert. Arbeiten und Geldverdienen soll dem Gemeinwohl dienen. So wäre eine Steuerpolitik, die dem widerspricht, nicht in seinem und auch nicht im biblischen Sinne.
Drittens, gehört Arbeiten und Geldverdienen zum Wesen der Schöpfung. Arbeiten und Geldverdienen ist an sich nicht böse, sondern nur die Zielsetzung kann gut oder böse sein. Setze ich meine Arbeit und mein Geld zum Guten ein oder nicht?
Viertens sind Wirtschaftsethik und Glaube nach Luther nicht zu trennen. Wie er in seiner Auslegung zum ersten Gebot schreibt, zeigt das faktische Verhalten des Menschen, woran er glaubt. Das Herz, und damit die ganze Person, zeigt in seinem Verhalten, was für ihn wirklich wichtig ist.
Fünftens, muss nach Luther wirtschaftliches Handeln so ausgerichtet sein, dass es dem Leben dient. Dazu gehören die Fragen nach den Löhnen und Gehältern sowie nach den Zinsen.
Sechstens, so muss man Luther wohl in unserer Demokratie weiterdenken, kann uns unser Wirtschaftssystem als Christen nicht gleichgültig sein. Wirtschaft braucht einen Rahmen. Darauf weist Luther deutlich hin. Daraus folgt, dass wir Christen politisch sein müssen, um der Wirtschaft ihren Rahmen zu geben, in welchem sie sich gerecht entfalten kann. Eine vornehme Abstinenz von den Fragen, die das Leben aller Menschen bestimmt – und dazu gehört die Wirtschaft nun einmal – ist für Christen nicht möglich. In diesem Sinne ist ein politisches Engagement der Christen gefragt und in diesem Sinne ist die Bibel hoch politisch und parteiisch: Arbeit und Geld sollen dem Wohl aller Menschen dienen.
Die Fragen Luthers an uns heute sind also: Und was mache ich mit meinem Geld? Wo lege ich es an? Hier ist jeder zur Eigenverantwortung aufgerufen.
Schließen möchte ich mit dem Rat und dem Segen des Apostel Paulus aus dem 1.Thessalonicherbrief (5,21-24 – Zürcher 2007): 
21 Prüft aber alles, das Gute behaltet!
22 Meidet das Böse in jeder Gestalt!
23 Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch; Geist, Seele und Leib mögen euch unversehrt und untadelig erhalten bleiben bis zur Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. 
 24 Treu ist, der euch ruft: Er wird es auch tun.
Amen. 

5. Sonntag nach Trinitatis 2016: Leiden für die Torheit des Kreuzes (1. Kor 1,18-25)

von Pfarrer Marvin Lange

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth im ersten Kapitel.
Der Apostel schreibt:


PREDIGTTEXT 1. KOR 1,18-25

18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,  die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s  eine Gotteskraft.
19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«
20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt?  Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?
21 Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.
22 Denn  die Juden fordern Zeichen, und  die Griechen fragen nach Weisheit,
23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein  Ärgernis und den Griechen eine  Torheit;
24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und  Gottes Weisheit.
25 Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

1.    Fußballfans
Liebe Gemeinde,
•    jetzt muss ich Euch erst einmal etwas fragen. Wer von Euch schaut zur Zeit die EM-Spiele mit deutscher Beteiligung? (Meldungen abwarten) 
•    Wer von Euch versucht, möglichst viele Spiele mitzuschauen, auch wenn da nicht Deutschland mitspielt? (das sind wohl die echten, eingefleischten Fans!)
•    Und jetzt das Bekenntnis: Wer von euch vermeidet die Fußballspiele, hat darauf so gar keine Lust? (wieder Meldungen abwarten)

Man kann da gewisse Grade an Begeisterung ablesen. 
Da gibt es diejenigen, die alle Bundesligaspiele, möglichst viele EM-Spiele verfolgen. Die die Namen der Spieler kennen, die genau wissen, welcher Verein, auf welchem Tabellenplatz steht, oder welches Land jetzt gerade die besten Spieler hat.
Solche Leute sind echte Fußballbekenner, und die tummeln sich auf öfter mal im Stadion. Natürlich dann möglichst bei „ihrem“ Verein.
Und dann sind da diejenigen, die sich ab und an mal ein wenig interessieren, die gern mal einschalten, die auch zu einem Verein halten, aber wenn sie was verpassen, ist das nicht weiter tragisch.

Und dann gibt es diejenigen  (wie etwa mich), die vor 30 Jahren mit dem Vater ins Stadion mitgenommen wurden. Und die recht schnell gemerkt haben: Boah, ist das öde, 22 Menschen zuzugucken, wie sie hinter einem Ball herlaufen.
Bei mir ist das Ganze dann im Sommer 2006 in Folklore ungekippt. Seitdem bin ich Deutschland-Fan, versuche, die Deutschland-Spiele anzuschauen – aber eigentlich geht es mir mehr um die Freude der anderen. Die Emotionalität vor den Leinwänden (auch heute Abend wieder hier im Bonhoeffer-Haus, habe ich gehört), der Jubel, wenn Deutschland ein Tor macht.
Schade, wenn wir raus fliegen: Dann ist die Party vorbei.

Und dann sind da die Fußball-Muffel. Die wegschalten, weghören, sobald das Thema aufkommt.
Und zwischen den Extremen sind unglaublich viele weitere Abstufungen im Fußball-Bekenntnis.

Zusammenfassung 1  Moji auf Persisch:
Im Moment ist Fußball-Europa-Meisterschaft (EM 2016). Wer schaut alle Spiele? Wer interessiert sich nur ein bisschen? Wem ist es total egal? Für manche ist es sehr wichtig, wie ein Bekenntnis (confession), zu wem man hält. 


2.    Gottesdienstfans
Ähnlich können wir Gottesdienstfans beschreiben.
Da gibt es auch diejenigen, die mit 13 Jahren von den Eltern zum Konfirmandenunterricht geschickt wurden – und die dann recht schnell merken: Kirche, nein Danke. Das ist nichts für mich. Wenn ich groß bin, trete ich sofort aus; und das dann auch tun.
Die können wir vergleichen mit den Fußball-Muffeln.

Und dann sind da die Gelegenheitszuschauer. Diejenigen, die man bei der Konfirmation, der Trauung, der Taufe der Kinder, später auch der Enkel und zuletzt wieder bei der Beerdigung sieht. Treue Fans, wenn es um die eigene Sache geht, aber nicht wirklich am großen Ganzen interessiert.
Beim Fußball schalten sie nur dann ein, wenn Deutschland im Finale steht.

Dann haben wir die Weihnachtschristen (oder Weihnachts- plus Osterchristen). Sie wissen, welche Leute ich meine. Einmal im Jahr ist Gottesdienst! Die kommen gerne! Das ist so schön heimelig, das ist Tradition.
Die sind vergleichbar mit den EM-Begeisterten, die auf der Welle der Emotionalität reiten, für die Kirche reine Folklore ist.

Und dann sind da diejenigen, die echte Gottesdienstkultur leben. Die jeden Sonntag da sind. Die Bescheid wissen, bei welchem Pfarrer man gehen sollte (und wo man auch mal im Bett liegen bleiben darf) und welche Lektorin besser ist als mancher langjährige Prediger.
Die für ihre Sache glühen, die manche Bibeltexte mitsprechen könne, die den Psalm und die Lieder im Gesangbuch schneller aufschlagen können als ich.
Vergleichen können wir die mit den Bundesliga-Abonnementen, die so oft es geht nach Frankfurt fahren, um ihren Verein spielen zu sehen.

Das sind so allesamt die Gruppen, die wir kennen – und der Vergleich mit dem Fußball liegt nahe, da man sich selbst sofort verorten kann und dann mit einem Lächeln im Gesicht einmal abgleicht, wie das eigene Herz für Gott, den Gottesdienst und den Glauben schlägt.

„Wir predigen den gekreuzigten Christus.“
Das ist eine Zumutung für viele – nach wie vor, und das war auch schon beim Apostel Paulus so. 
Eine Torheit den Weisen und Verständigen, schrieb er an die Korinther.
Er konnte noch nicht wissen, wie die Verständigen, die Kaiser des alten Rom mit ihren Beraterstäben, später versuchten, diese Torheit des Christentums zu vernichten. In den Arenen mit Löwen und Gladiatoren, wo die Christen um dieser Torheit willen dann öffentlich ermordet wurden.

Zusammenfassung Moji 2 auf Persisch:
Mit Fußballfans kann man die Christen vergleichen: einige gehen nie zum Gottesdienst. Manche gehen nur einmal im Jahr (meistens an Weihnachten), andere einmal im Monat, wieder andere jede Woche. Warum gehen manche so selten oder nie? Ich denke: Weil sie das Christentum nicht verstehen – oder es nicht verstehen wollen. „Wir predigen den gekreuzigten Christus“, hat der Apostel Paulus (persisch „Puls“?) geschrieben. Das finden viele doof und unverständlich. Gott soll immer nur der Größte sein (Allahu Akbar!), nicht einer, der am Kreuz gestorben ist.


3.    Das Leiden der neuen Christen
Der gekreuzigte Christus: Das ist im Bereich unserer weit verbreiteten Wohlfühlreligion Weihnachtschristentum ebenfalls ein Ärgernis. Aber ein solches, das man in der heutigen Zeit einfach ignoriert. Kirche ist Kulturträger, lässt schöne Bachkantaten aufführen, die meisten Predigten sind lammfromm und zahnlos. 
Man nimmt die Kirche nicht wirklich Ernst mit dem, was sie verkündet.
Aber wir bewegen uns in Zeiten, in denen das Bekenntnis zu Christus wieder gefährlich wird.
Wir haben hier vier neue Christen. Eben habe ich sie getauft. Sie sind aus dem Iran hierhergekommen. Sie sind vor dem Islamischen Ayatolla-Regime geflohen. 
Einige haben sich heimlich mit dem Christentum beschäftigt. Andere sind einfach nur gegangen, weil sie die Umstände im theokratischen Faschismus nicht mehr ertragen konnten.
Sie sind auf mich und Pfarrer Pfeifer zugegangen. Sie möchten etwas über das Christentum lernen.
An Karfreitag ging es los mit einer Wanderung durch Kälte und Regen. Über 20 Iraner waren damals dabei.
Einige sind da schon ausgestiegen. 
Dann trafen wir uns wöchentlich. Gaben Unterricht in der christlichen Religion.
Führten sie ein in die Grundlagen von Ethik und Dogmatik. 
„Was ist eure Scharia“, wurde ich immer wieder gefragt. 
„Liebe Gott von ganzem Herzen. Und liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, war stets unsere Antwort. 
Fassungslos und staunend hörten die verbliebenen elf zu, dass es im Christentum um die Freiheit des einzelnen Gewissens geht, dass es eben keine Regeln gibt, die einfach nur umgesetzt werden müssen.
Auch die 10 Gebote sind nichts weiter als eine Anregung, dieses doppelte Liebesgebot umzusetzen. 
Überrascht waren sie, als sie hörten, dass man „einfach so“ aus der Kirche austreten darf, ohne Gefängsnisstrafe oder das Gehängtwerden fürchten zu müssen, wie es der Iran für vom Glauben abgefallene praktiziert.
Und gelehrig haben sie aufgesogen, wie man mit der Bibel umgehen kann, was das Abendmahl und was die Taufe bedeuten.
11 Spieler sind seit Karfreitag geblieben. 5 wurden letzten Sonntag in der Johanneskirche getauft. Vier taufen wir heute.
Doch das Wort vom Kreuz stößt in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auf breiten Widerstand.
Und dafür, was jetzt kommt, hinkt der Vergleich mit dem Fußball.
Meine Iraner werden nicht in Frieden gelassen. Der Ramadan überschattet alles im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Straße.
Die Frauen werden angemacht, sie mögen sich doch islamisch verhüllen. Den Männern wird nahegelegt, am islamischen Gebet teilzunehmen. Ärger gibt es immer wieder, wenn fastende Muslime am Tag essende Neu-Christen beim Essen und Trinken erwischen.
In der Schule lebt man auf engstem Raum miteinander. 
Ab Sonnenuntergang dürfen Muslime etwas essen bis zum Sonnenaufgang. Während der Nacht werden die Lautsprecher aufgedreht, aus denen Koransuren durch die Gänge schallen. 
An Schlaf ist da nicht zu denken. 

Sich zu outen, dass man Christ ist, ist undenkbar und gefährlich.
Unsere neuen Christen leben ihr Christsein im Verborgenen. 
Sie kommen heimlich hierher, wie damals die verfolgte Gemeinde in Rom.
Sie tun weiterhin so, als seien sie schlechte Muslime, um keine Gewalt herauf zu beschwören. Bei einem Verhältnis von 1:5 hält man lieber den Mund, duckt sich weg.
Sich stolz zu bekennen, ein Christ zu sein, ist lebensgefährlich.

Ich habe die Polizei verständigt. Man könne nichts machen, wurde mir gesagt. Nur wenn direkt etwas vorliegt, kann die Polizei etwas tun. 
Die Neuchristen hier trauen sich nicht, die Polizei zu rufen. Und die Sprachbarriere ist ein schlimmes Hindernis.
Und wenn die Polizei dann kommt? Dann bitten freundliche Beamte darum, bitte nett miteinander umzugehen und verschwinden wieder.
Landrat Woide und Dekan Seeberg sind verständigt – vielleicht kümmern diese sich darum.

Worauf ich hinaus will: Die Torheit vom Kreuz, das wahre Christentum, ist eben wenn´s Ernst nicht zu vergleichen mit Fußballfans. 
Das war einmal. 
Die Bandagen, mit denen der Kampf des Glaubens geführt wird in unserem Land, wird wieder härter.
Christen werden wieder bedroht dafür, dass sie Jesus als Gottes Sohn bekennen. 
Christen werden diskriminiert, weil sie ihre alte Religion, in dem Fall den Islam, hinter sich gelassen haben.
Christen wird eben kein Schutz gewährt, weil sie von ihrem im Grundgesetz verankerten Menschenrecht der Religionsfreiheit Gebrauch machen.

Zusammenfassung 3 Moji auf Persisch
Doch das Kreuz und der Tod von Jesus sind wichtig, um das Christentum zu verstehen. Jesus leidet für uns. Er starb am Kreuz für uns. Und wir heutigen Christen müssen uns einer Wahrheit stellen: Es gibt Christen, die diskriminiert werden, weil sie an Jesus als Gottes Sohn glauben. Im Flüchtlingsheim in der Daimler-Benz-Str. ist das ein Problem mit dem Ramadan und den neu getauften Christen aus dem Iran. 
Ihr Perser: Wie könnt ihr stolz sein auf euren neuen Glauben, auf das Christentum, wenn ihr verfolgt werdet? Das ist schwer und ihr braucht andere Christen, eine Gemeinde: Ihr braucht dafür die Bonhoeffer-Gemeinde, um das durchzustehen (to go through this)!


4.    Torheit Gottes/Schwachheit Gottes
Ich habe keine Antwort darauf, wie es weitergehen könnte. Ich weiß auch nicht, wie man mehr tun könnte. Vielleicht rufen Sie mal in der Ausländerbehörde an und erzählen davon, was ich Euch gerade erzähle.
Vielleicht kommt die Ausländerbehörde ihrer Fürsorgepflicht dann etwas besser nach, wenn viele Leute sich beschweren. 
Wenn wir Christen zusammen halten.
Wenn wir unserer „Scharia“ folgen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Das Beispiel aus der Daimler-Benz-Straße ist nur ein kleines Flüchtlingsheim hier in Fulda. Ich weiß von den Zuständen in Berlin, die ähnlich, allerdings noch etwas schlimmer sind, für konvertierte Christen.

Paulus schließt den Predigtabschnitt ab mit einem Satz, der Hoffnung macht.
„Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.“

Egal, was wir uns überlegen, um zu helfen. Auch egal, wie gemein unseren neuen Christen mitgespielt wird – Gott bleibt am Ende Sieger. Seine Torheit ist weiser, seine Schwachheit ist stärker als jeder Mensch es je sein könnte.

Insofern ist unseren neuen Christen wahrscheinlich schon damit gedient, wenn wir sie hier im Bonhoeffer-Haus freundlich aufnehmen, ihnen unsere Ohren leihen, nicht für sie etwas tun, sondern mit ihnen etwas tun.
Heute sind wir zum Essen eingeladen. Seit gestern früh dampften die Töpfe und Pfannen. Das kann eine gute Sache werden. 
Für mich ist eine echte Freundschaft daraus entstanden.
Was für eine Torheit, wenn wir diese Gelegenheit nicht annehmen würden, die Gott uns gerade zugetragen hat!
Als würde die Nationalelf keine Lust haben, einen Elfmeter zu versenken.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

Zusammenfassung 4  Moji auf Persisch
Wir Christen haben nur eine „Scharia“. Diese lautet:
„Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen.“ Und: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Deswegen, ihr alteingesessenen Christen: Ihr müsst euch beschweren. Ruft bei der Ausländerbehörde an, erzählt davon, was ihr gerade hört. Sagt ihnen, dass die Religionsfreiheit im Flüchtlingsheim nicht eingehalten wird. Gemeinsam sind wir als Christen stark!
Und ihr neuen Christen aus Persien: Lernt Deutsch, damit ihr hier gut leben könnt! Jeden Tag acht Stunden lernen sollte es sein! Damit ihr gute Berufe findet und nicht schlechte! Damit ihr die Nächsten hier versteht – und dann auch lieben könnt!
Und: Egal wie stark die Menschen sich zeigen und wenn sie euch angreifen; auch egal, wie schwach (weak) wir sind: Gottes Schwachheit (Weakness of God!) ist stärker als alle Kraft der Menschen zusammen (1 Kor 1,25)! Wir  bekommen von Gott die nötige Kraft durch Jesus Christus, unseren Herrn! Amen.


PREDIGTLIED EG 136,1-4: O KOMM DU GEIST DER WAHRHEIT

6. Sonntag nach Trinitatis 2016: Teure und billige Gnade im Sakrament der Taufe (Römer 6,1-11)

Von Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl
Gichenbacher Str. 15a
36129 Gersfeld-Dalherda

Predigt über Römer 6, 1-11 , 6. So.n. Trin., 3. Juli 2016, Bonhoeffergemeinde Fulda

Liebe Gemeinde!
Das bestimmende theologische Thema dieses 6. Sonntags nach Trinitatis ist die Taufe. Am vorigen Sonntag sind hier in der Bonhoefferkirche im Beisein der Gemeinde  einige Erwachsene getauft worden, die aus dem Iran zu uns gekommen waren. Sie empfingen die Heilige Taufe nach einer Phase des Unterrichts im christlichen Glauben. Diese Phase wurde von alters her „Katechumenat“ genannt. In der frühen Kirche sind bereits feste Taufsonntage dazu benannt, vor allem das Osterfest. Halten wir das einmal für das Verständnis des gehörten Abschnitts aus Römer 6 für uns fest.


In unseren sonst üblichen Gottesdiensten mit Taufen sind es im Unterschied zu jener Taufe von Erwachsenen nach empfangener Unterweisung doch überwiegend Säuglinge und Kleinkinder, die getauft werden, und die Fragen und Vorbereitungen auf eine solche Taufe sind schwerpunktmässig die Vorbereitungen auf ein familiäres Ereignis: 
welchen Namen geben wir als Eltern dem Kind? In welchem Alter soll das Kind getauft werden? Wer soll Pate werden? Was soll der Täufling anziehen? Wer hält das Kind übers Taufbecken? Wer spricht seine Namen aus? Gibt es eine Taufkerze? Werden Angehörige am Taufakt beteiligt? Wer macht Fotos? Welchen Taufspruch soll das Kind bekommen? Wie gestalten wir die anschliessende Feier? 
Bei der Frage nach einem schönen und geeigneten Taufspruch können Eltern heute auf die Möglichkeiten des Internet zurückgreifen; da erscheinen dann eine ganze Reihe möglicher Taufsprüche , aus der Bibel meist aus den Psalmen, denn dort geht es sehr oft um Engel, um Schutz, um Segen, um Führung, Leitung und Bewahrung. Bei den dort vorgeschlagenen Versen aus dem Neuen Testament tauchen Verse aus gehörten Kapitel Römer 6 allerdings auffälligerweise gar nicht auf, 
obwohl der Abschnitt doch die Taufe ausdrücklich benennt- im Unterschied etwa zu den Psalmentexten. Doch hat der Paulusabschnitt zugleich etwas Abschreckendes: in ihm ist mehrfach von Sterben und Tod die Rede. Passt das überhaupt zum Thema Taufe – wo doch viele Menschen mit der Taufe eher den Anfang des Lebens verbinden? –Allerdings gehören die Themen Leben und Tod, Sterben und Auferstehen sehr wohl zur Taufe, weil die Taufe genau daher und darin ihren Sinn und ihre Begründung hat. Denn die Taufe wäre geistlich ohne Bedeutung, wenn ihr Inhalt nicht gerade das wäre, was in Jesus Christus und mit Ihm geschehen ist. „Oder wisst ihr nicht,“ schreibt Paulus hier, „dass alle , die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft? So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ 
Liebe Gemeinde! Nirgendwo in seinen Briefen schreibt der Apostel Paulus mehr und genaueres über die Taufe. Wir erfahren aber auch hier nichts Verbindliches über die näheren und äusseren Umstände einer damaligen Taufe, nichts über Paten oder Gottesdienstformen, nichts über die Vorbedingungen der Taufe. Musste man z.B. erst im Glauben unterrichtet sein? Musste man vielleicht vorher eine Art Prüfung ablegen? Wie wurde die Taufe vollzogen?  Wer in der Gemeinde durfte sie durchführen? –  Wir erfahren auch nichts über die Frage, die die Christenheit bis heute brennend interessiert und sogar spaltet, nämlich die Frage, ob der Kinder-und Säuglingstaufe die Erwachsenentaufe vorzuziehen ist. Wir beachten jedoch genau die Sätze, die Paulus hier davor und danach schreibt: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade umso mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind… (Und:) Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen….So haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.“ – Es ist also im Zusammenhang der Taufe und ihrer Folgen ein neuer Lebenswandel beim Getauften erschienen, weil die Sünde ihre letzte Macht über ihn verloren hat. Wenn das zentral mit der Taufe zu tun hat, so ist sie der Eintritt in ein neues und radikal verändertes Leben. Diese Vorstellung gehörte dann allerdings in der Zeit des Paulus wohl eher zur Taufe eines mündigen und selbständigen Menschen als zur Taufe eines unmündigen Kindes oder gar Säuglings. Damit ist die Säuglingstaufe nicht prinzipiell infrage gestellt, wie wir noch sehen werden. Dass der Getaufte – als Erwachsener oder als Kind – in der Taufe in eine Beziehung zu Tod und Auferstehung Jesu, zu Karfreitag und Ostern gestellt wird, das war und ist unter allen Umständen das Wichtigste an der Taufe, alle anderen Dinge in und an der Taufe sind demgegenüber entweder nachgeordnet oder sogar nebensächlich. 
Wenn wir von da aus, liebe Gemeinde, nun unseren Blick noch einmal auf die Frage richten, die die Christenheit auf bestimmte Weise in zwei Lager spaltet, diesmal nicht etwa in die Trennung von evangelisch und katholisch, sondern in die zwischen Gegnern und Befürwortern der Kinder- bzw. Säuglingstaufe. Das ist eine Trennungslinie überwiegend durch die evangelische Glaubenswelt hindurch. Und es ist eine Trennungslinie, die sich auch innerhalb einer Konfession und einer Kirche abspielen kann. So wird z.B. theologisch bis heute darüber gestritten, ob Luther ein Befürworter der Kindertaufe war oder eher nicht. Ich lasse das hier einmal offen. Auch traue ich mir nicht zu, diese Frage im Blick auf Paulus entschieden zu beantworten. Es gibt für mich zwar eine Reihe von Beobachtungen im Blick auf das Neue Testament, die für die frühchristliche Kindertaufe sprechen, – ich denke etwa an die Kindersegnung durch Jesus oder daran, dass es mehrfach heisst, dass sich jemand mit seinem ganzen Hause taufen liess –  aber das tatsächliche Vorkommen der Kindertaufe in der Urkirche beweisen kann ich damit nicht.
                                                                                                                   Die theologisch ernsthaften Vertreter der Säuglingstaufe – also die, die nicht in erster Linie vom Interesse der leichten Gewinnung von Kirchenmitgliedern geleitet werden – denken mehr von der Entscheidung Gottes für den Menschen her ; die Vertreter der Erwachsenen- und Grosstaufe denken mehr von der Entscheidung des Menschen für Gott her. Welche der beiden Positionen dem Willen Gottes und Christi entspricht, werden wir zu irdischen Lebzeiten wohl nicht mit letzter Gewissheit bestimmen können. Mir ist dabei klar, dass sich die beiden Positionen bei Missbrauch jeweils nach zwei Seiten hin an einem geistlichen Abgrund bewegen: die Gross- und Erwachsenentaufe steht in der Versuchung der Selbst- und Werkgerechtigkeit, also einer Form menschlicher Selbstüberschätzung,  und die Säuglingstaufe steht in der Versuchung und Gefahr der billigen Gnade. – Liebe Gemeinde: die Rede von Unterschied zwischen der billigen und der teuren Gnade geht ja auf Dietrich Bonhoeffers Buch „Nachfolge“ von 1937 zurück. Teuer ist nach seiner Auffassung die Gnade Gottes, weil sie von Gott im Kreuz Jesu teuer erworben wurde. Genau davon spricht ja Paulus mehrfach und durchgängig hier in Römer 6. Gleich zu Anfang des Kapitels wehrt er sich gegen die billige Gnade: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde? – Das sei ferne! Wie sollen wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“ Und später: „ Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. (V.6) – Die Teilhabe an Christus bedeutet eben auch: ein neues Geschöpf werden, an der Auferstehung Jesu auch dadurch teilhaben, indem unser Leben neu wird. Es trägt schon die Züge des Kommenden. Das ist es, was das Neue Testament „Heiligung“ nennt. Die zu Jesus gehören, bleiben nicht einfach, was sie ohne Ihn waren. 
Was für ein gewaltiger Gedanke:  zu Jesus Christus und damit zur Familie Gottes zu gehören! Denn so gross ist ja das Geschenk Gottes der Taufe, weil Er uns darin für immer zu Seinen Kindern erklärt! Darum ist die Taufe so wichtig und unerlässlich. Eine stärkere Besiegelung unserer Gotteskindschaft kenne ich nicht. 
Ein Sakrament ist die Taufe, ein medium salutis, wie die alten Dogmatiken sagen, ein „Mittel des Heils“ . Und damit ein Mittel zum Ewigen Leben.                                                                              
                                                    
Der Vers 4 unseres Abschnitts sagt nach meiner Einschätzung das Wesentliche über das Sakrament überhaupt: „ So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“
Für den Theologen Karl Barth gab es überhaupt nur ein einziges Sakrament: nämlich das Geschehen des Kreuzes und der Auferstehung Jesu Christi. Denn Kreuz und Auferstehung Jesu sind der einzige reale Grund der Versöhnung zwischen Gott und uns – und damit ist der Weg zu unserem Ewigen Heil frei und offen. Das ist der erste und letzte Sinn des Sakraments. Dieses Geschehen wird uns in Gottes lebendigem Wort zugesprochen und kann von uns im Glauben ergriffen werden. Bei diesem Wort Gottes unterschieden die evangelischen Reformatoren zwischen dem verbum visibile und dem verbum invisibile, zwischen dem sichtbaren Wort und dem unsichtbaren Wort. Zu dem sichtbaren Wort gehören die Sakramente Taufe und Abendmahl. In ihnen wird dir und mir je einzeln und unverwechselbar die Gnade Gottes persönlich zugesprochen und zugesagt, die uns im Wort Gottes verkündigt wird und die wir im Glauben für uns annehmen. Darin geht es also nicht nur um eine allgemeine Glaubenserkenntnis über Gott und den Menschen, sondern es geht darum genau um dein und mein Heil , deine und meine Zugehörigkeit zu Gott und Christus. Weil das Kreuz und die Auferstehung des Sohnes ganz das Werk Gottes sind, zu dem wir ganz und gar nichts beitragen können, darum sind auch die Sakramente , in denen uns diese Gnade Gottes zuteil werden, ganz Seine Gabe und ganz Sein Geschenk. Das ist der tiefste Grund dafür , dass wir ohne Bedenken und in großer Freude Erwachsene und Kinder taufen, um ihnen die Gnade Gottes und Seinen Bund zuzusprechen. Das Wort des Herrn klingt dazu in unseren Ohren und Herzen nach: „Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.“ (Mark.10,14) Und: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. – Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Amen.                                             

Psalm 139 (EG 754)

Lesung Evang. : Matth.28,16-20

Lieder EG:
133,1+11
444,1-5
256,1+2+5
200,1-4
200,5+6

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2016: Halbgötter und Gotteskinder – Percy Jackson und die Helden des Olymp (1. Tim 6,11-16)

Gnade sei mit euch und Friede…

Der Predigttext für den heutigen Konfirmationssonntag steht im Ersten Brief des Paulus an Timotheus im 6. Kapitel. Dort schreibt der Apostel:
11 Aber du, Gottesmensch…
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!
12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Stellt euch vor: Die alten Griechen hätten Recht gehabt!


Auf dem Olymp, dem Himmel der Götter, wohnen Göttervater Zeus und seine Frau, die Göttin Hera, sein Bruder Poseidon, der Meeresgott, der Kriegsgott Ares und wie sie noch alle heißen.
Stellt euch vor: Bis heute beherrschen diese Göttinnen und Götter die Welt, kämpfen mal gegen, mal miteinander um die Vorherrschaft, jeder Gott mit seinem Können. Zeus mit Donner und Blitz, Poseidon mit den Wogen des Meeres und dem Dreizack, Aphrodite mit Schönheit und dem Gefühl des Verliebseins.
Stellt euch vor: Bis heute würden diese Götter mit Menschenmännern und –frauen Töchter und Söhne zeugen bzw. gebären.
Und stellt euch vor: Wir Normalsterblichen bekommen von all dem nichts mit, da ein zauberhafter Nebel alles Göttliche umhüllt, so dass die menschlichen Augen nie bis zum Eigentlichen durchdringen können.

In der Jugend-Romanreihe Percy Jackson und die Helden des Olymp, von dem amerikanischen Autor Rick Riordan wird eine solche Welt beschrieben. 
(Wer kennt es? Die Filme? Nee, die taugen nicht viel – die Bücher sind der Hammer!)
Der Held der ersten Buchreihe ist besagter Percy Jackson: Ein Sohn des Meeresgottes Poseidon mit einer Menschenfrau. 
Dadurch ist er ein Halbgott, ist zwar sterblich, hat aber besondere Kräfte. So kann er z.B. unter Wasser atmen oder die Kräfte des Meeres aus wenigen Wassertropfen entfesseln, wenn er etwa gegen Monster und andere Mächte der griechischen Mythologie kämpfen muss. Gemeinsam mit seiner Freundin Annabeth, einer Tochter der Göttin der Weisheit (Athene) und anderen Halbgöttern besteht er so manches Abenteuer. 
Witzig ist, dass all die jugendlichen Heldinnen und Helden völlige Schulversager sind: Von ADS oder ADHS geplagt, sind ihre Sinne eben eher auf den Umgang mit Göttern und Helden geeicht als auf den oftmals doch recht langsamen und routinierten Schulalltag. Und dass sich die Lese-Rechtschreib-Schwäche üblicherweise in dem Moment erledigt, wenn griechische Buchstaben auftauchen, ist ein weiteres Merkmal eines Halbgottes.

Nun stellt euch vor, ihr hättet einen solchen Gott zum Vater oder zur Mutter. 
Wer wäre das? 
Was würde passen? Oder anders: Welche Eigenschaften würdet ihr Euch wünschen, die ihr von dem einen oder anderen bekommen hättet? 
Weisheit? Gastfreundschaft? Stärke? Beliebtheit?

Ach, das ist ja so eine Sache mit dem Vererben. 
Eure Eltern heute hier, das sind wohl alles nette Menschen, aber Götter sind die wohl nicht. 
Trotzdem habt ihr von denen Eure Gene bekommen und eure Erziehung; das, was Euch zu einem großen Teil ausmacht. 
Wie oft musstet ihr schon hören: Du kommst mehr nach Mama – oder Du schlägst ja sehr nach deinem Vater!
Gerade in eurem Alter ist aber Individualität gefragt. 
Einzigartigkeit. 
Gerade nicht so zu sein, wie Eure Erzeuger!
Sich abnabeln ist nun dran. 
Und dass die Eltern euch denn auch ziehen lassen, wenn die Zeit kommt.

Und da sind wir dann auch schon mitten drin in der vergehenden Konferzeit: 
Wenn ihr in dem Jahr aufgepasst habt, dann dürfte euch einiges aufgefallen sein: Etwa, dass evangelisch sein eine sehr individuelle Angelegenheit ist. 
Gerade beim letzten Treffen trat das deutlich hervor. 
–    Da will der eine oder andere von euch konfirmiert werden wegen der Geschenke – na dann mal los! So einer war ich auch damals! 
–    Da sagt die eine oder andere, dass in der Konfirmation das Bekenntnis das Wichtigste ist: Sehr schön! Es freut mich, wenn von dem Jahr mit mir und Pfarrer Pfeifer richtig was hängen geblieben ist. 
–    Und da sagt mir eine ins Gesicht: „Mich sehen Sie hier so schnell nicht wieder!“ Schade; aber auch verlorene Helden dürfen immer wieder zum Olymp zurückkehren!
Evangelisch sein ist etwas individuelles. 
Es ist etwas, das sich weiterentwickeln muss und darf. 
Mit 14 Jahren seid ihr da noch nicht an ein Ende gekommen!
Und in unserer Kirche haben die laxen Christen genauso Platz wie die ganz Frommen! 
Das dürft ihr jetzt nicht mit Beliebigkeit verwechseln! 
In der heutigen Zeit wird das unserer evangelischen Kirche ja gern vorgeworfen: Dass wir uns dem Zeitgeist anpassen, dass wir uns politisch nach dem Wind richten, dass wir das Evangelium zugunsten einer Wohlfühlreligion verschleudern würden.
Ich frage mich dann immer, wenn ich solche Dinge lese oder höre, wo so etwas erlebt wird. 
Das Evangelium der Freiheit des Einzelnen wird in den Kirchen, die ich kennen lernen durfte, meist auf höchst interessante, oft sogar vergnügliche Weise verkündigt.
Für Beliebigkeit ist kaum Platz – aber dafür umso mehr für originelle Ideen, die Jesus Christus in die Herzen der Menschen treiben, individuelle Ausformungen von Frömmigkeit.

Heute hört ihr ebenfalls deutliche Worte: 
„Aber du, Gottesmensch… (ja, damit seid ihr Getauften gemeint!)
Jage … nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.“

Denn das ist die Klammer, die euch mehr mit den Halbgöttern aus der Buchreihe verbindet als ihr es für möglich haltet. Ihr habt von Jesus Christus die Befähigung erhalten, die ihr braucht, um den Kampf des Glaubens auszufechten!

Nehmt dieses aus dem heutigen Tage mit: 
Christsein, das ist eine Aufgabe.  
Und zwar eine für jeden Tag, für ein ganzes Leben, an der man wächst. 

Ähnlich wie Percy Jackson nicht gleich der größte Held aller Zeiten ist, seid ihr nicht mit der Konfession evangelisch gleich der größte Christ oder Heilige aller Zeiten!
Christentum will angewendet sein, will weiter erfahren, weiter gelernt sein. 
Christentum muss auch über die Konfirmation hinaus Gehör finden, wenn es echt ist.

Ich sage das deshalb, weil zur Zeit im evangelischen Christentum ein furchtbares Missverhältnis besteht zwischen Wissen um Inhalte einerseits 
und dem Tun dessen, was man noch so gemeinhin für christliche Werte hält andererseits. 
Wie soll man denn christliche Werte begreifen, wenn man das Wesen des Christentums nicht begriffen hat und nur noch so wenig Glaubenswissen vorhanden ist, dass man nicht mehr weiß, was Pfingsten eigentlich für ein Fest ist!?
Was sind das denn für christliche Werte, wenn am Donnerstag auf Seite 3 der Fuldaer Zeitung steht, dass in Asylbewerberheimen Christen nicht oder nur unzureichend geschützt werden? 
Ich rede davon nun immer wieder seit zwei Jahren in allen möglichen Kontexten – jetzt ist es sogar in der Zeitung angekommen.
Christliche Werte, ihr Lieben: Das ist nichts Feststehendes; auch dazu gehört Mut und Glaube, manchmal Kampfgeist.

Ihr seid mit der Taufe bereits zu Kindern Gottes geworden. 
Ihr gehört zu Jesus Christus dazu. 
Habt also nicht nur das Erbe Eurer Eltern, sondern auch die Aufgabe der Nachfolge von Jesus.

Evangelisch sein, liebe Konfis, so hat das mal einer eurer Petersberger Mitkonfirmanden ausgedrückt, ist „Religion für Faule“. 
Ja, das stimmt, da unser Glaube unglaublich viel Spiel lässt für alle möglichen Ausformungen. 
Und es stimmt, weil Evangelische glauben, dass sie ja ohnehin von Gott geliebt sind, egal, was sie tun.

Evangelisch zu sein, liebe Konfis, ist aber aus genau diesem Grunde besonders schwer! 
Weil mir eben niemand sagt, was genau zu tun ist. 
Weil es die so oft beschworenen „christlichen Werte“ doch nur in der jeweiligen Ableitung aus dem Glauben gibt. 
Die so hochgelobten Werte, liebe Konfis, die entstehen bei jedem Menschen im Gewissen stets neu. 
Wir haben keinen Apostolischen Stuhl, der uns sagt, was richtig ist oder falsch. Wir haben auch keine Scharia. 
Bibel und Vernunft müssen für uns ausreichen!
 
Wir Evangelischen sind damit eine Religion im Dauer-Ausnahmezustand:  
Keiner da, der mir dabei hilft, alles immer gleich richtig zu machen. 

Oder? 

Doch, da sind welche, die euch helfen, aber das Ausführen, das Tun, das müsst ihr schon selber machen.
Ähnlich wie Percy Jackson in der Griechischen-Götter-Welt einen großen Förderer, Unterstützer und Mentor in einem freundlichen Zentauren namens Chiron hat, bietet euch der evangelische Glaube in all der großen Freiheit viele Hilfsmittel an, wie der christliche Glauben denn gelebt werden kann.

Ich will nicht behaupten, dass ich für euch zu so einem Chiron werden könnte, dafür fehlen mir die vier Pferdehufe und etwa 3000 Jahre Erfahrung. 
Aber als einen Helfer auf dem Weg, den Glauben auszubauen, verstehe ich mich schon. 
Ich will euch gern die Hand reichen und fordere euch geradezu auf, genau jetzt weiter zu machen und euch hier in der Gemeinde noch stärker anzudocken: 
Sei es in der Jugendgruppe, beim Helfen im Kindergottesdienst oder beim Ausarbeiten der endlich in Schwung kommenden Jugendgottesdienste – auch Dank der heute hier spielenden Band „To Be Honest!“

Der persönliche Glaube ist mit der Konfirmation ja lange noch nicht abgeschlossen: 
Den Kinderglauben, den habt ihr längst hinter euch, ihr wisst nun, dass ihr auch Gott zum Vater habt. 
Es ist an der Zeit, auf dieser neuen Stufe weiter zu kommen und die nächste anzugehen. 

Große Macht steht dem Gottesmenschen zur Verfügung, der verstanden hat, dass er sich nicht bloß auf Menschen und die materielle Welt verlassen braucht. 
Ihr habt immerhin die ganze Power des Heiligen Geistes im Rücken, der nun seit zwei Jahrtausenden in die Geschicke der Christen eingreift. 
Ihr habt die Hilfe der Kirche, ihr müsst sie bloß in Anspruch nehmen wollen. 
Ihr seid Gesegnete und Heilige im Glauben an Jesus Christus.
Ihr habt das Geschenk des Ewigen Lebens. 
Ihr seid Geliebte Gottes.
Sogar der Tod muss euch jetzt nicht mehr schrecken.
Ihr werdet auferstehen!
Ihr habt die Welt Gottes erblickt, die unsere normalsterbliche Welt einschließt und mit seinen Wundern ausfüllt, wenn ihr diese Welt mit Augen des Gottesmenschen, des Gläubigen betrachtet.

Ihr solltet  wirklich nicht länger so leben, als wäret ihr ganz normale Menschen! 
Gott selber zum Vater – das ist noch mehr als bei Percy Jackson, wo die Gottheiten ja doch nur Teilaspekte der Schöpfung abbilden!

Ach, eines noch: Wendet eure Fähigkeiten unter den Normalsterblichen ordentlich an!
Wirkt Wunder!

Nutzt diese zum Guten! 
Ihr habt Worte! 
Worte, die bei anderen Wunder bewirken können.
Das Wort Gottes macht sogar Tote wieder lebendig. 

Wenn eure Worte aus dem Glauben heraus andere auch nur befähigen, ein kleines bisschen lebendiger zu sein als zuvor, dann habt ihr schon viel geschafft!
Ich wünsche mir mehr solcher Wunder. Von Euch!
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen.

Osterpredigt 2016 zu 1. Kor 15,1-11: Auferstehungstheorien

Von Pfarrer Marvin Lange

Der Herr ist Auferstanden. Halleluja!
Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!

1.    Osterwitz
Josef von Arimathäa kommt am Karfreitag spät am Abend zu seiner Frau heim. Sie stellt sie ihn zur Rede: „Wo warst Du die ganze Zeit?“ 
Josef sagt: „Stell Dir vor, die Römer haben heute Jesus am Kreuz hingerichtet. Er hatte keine Bestattungsvorsorge und da habe ich ihn in unser neues Familiengrab gelegt…“ 
Seine Frau dreht durch: „Josef, wie konntest du nur? Jesus, der den ganzen Tag vom Reich Gottes geredet hat anstelle zu arbeiten! Diesen Schnorrer, Säufer und Fresser, der sich mit Zöllnern und Huren zu Tisch gelegt hat? Du hast ja wohl nicht mehr alle Schriftrollen im Regal! Wo sollen wir jetzt hin, wenn wir tot sind?“ Josef unterbricht sie: „Frau, mach dir keine Sorgen, ist doch nur für`s Wochenende.“


2.    Predigttext 1 Kor 15,1-11
1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht,
2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, daß ihr umsonst gläubig geworden wärt.
3 Denn als erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Daß Christus gestorben ist für unsre Sünden  nach der Schrift;
4 und daß er begraben worden ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage  nach der Schrift;
5 und daß er  gesehen worden ist von Kephas,  danach von den Zwölfen.
6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.
7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach  von allen Aposteln.
8 Zuletzt von allen ist er  auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.
9 Denn  ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, daß ich ein Apostel heiße,  weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.
10 Aber  durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.
11 Es sei nun ich oder jene: so predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

3.    Heutiger Osterglaube
Ostern ist gemeinsam mit dem Karfreitag das entscheidende Fest der Kirche. Während der Karfreitag für das Kreuz und das Ungenügen des Menschen gegenüber Gott in den Mittelpunkt rückt – und die damit verbundene Gottverlassenheit Jesu, die Tilgung der Sünde, das letzte und einmalige Opfer – ist Ostern die Bestätigung der Lebendigkeit des Gekreuzigten.
Auferstehung von den Toten. Jesus hat es vorgemacht. Und wir dürfen ihm folgen.
Soweit die Theologie dieses Feiertagskomplexes in aller Kürze.

Traut man Umfragen über den Auferstehungsglauben, so halten noch 35% der Evangelischen in Deutschland die Auferstehung für wahr. Dass es „irgendwie nach dem Tod weitergeht“, akzeptieren ein paar Menschen mehr – aber die Auferstehung von den Toten, wie es das Neue Testament überliefert, hält die gewaltige Mehrheit für Unsinn oder doch für sehr unwahrscheinlich.
Ich habe daraufhin einen Kollegen gefragt, wie man mit diesem Befund umgehen sollte, was man also Ostern predigen kann, wenn nur jeder Dritte, das, was man da erzählt, noch nachvollziehen kann.
„Ganz einfach“, ermutigte mich der Kollege. „Bei der Auferstehung und dem griechischen Wort „egertä“ geht es um das Aufstehen, das Feststehen, das hochgehoben werden, das von Gott getragen sein. Nicht aus der schwachen Liegeposition das Leben meistern, sondern im Stehen, mit Blick in die Zukunft. Das ist ein gutes Bild für die Auferstehung, das die Leute verstehen.“ 
Ich habe mich bei ihm freundlich für den Hinweis bedankt, glaube aber nicht, dass das irgendjemanden dazu bringt, die Auferstehung als eine Wahrheit für das eigene Leben anzunehmen. 
Auferstehung – das ist so unglaublich viel mehr, das ist die Konstante des Christentums, an der tatsächlich alles hängt.
Ohne den Glauben an die Auferstehung, so der Apostel Paulus etwas später im ersten Korintherbrief, ohne Glauben an die Auferstehung „sind wir die elendsten unter allen Menschen“.
Heute morgen, zu Ostern, will ich euch mitnehmen in die Theologie, um euch schmackhaft zu machen, was zwei Dritteln unseres Volkes verloren gegangen ist. Dass wir am Ende aufstehen und in die Welt hinaus geschickt werden, um den freimachenden Glauben an die Auferweckung anderen zu erzählen, ist dabei eine Binsenweisheit, die sich von selbst versteht. 
Schauen wir dabei zuerst auf unsren Namensgeber: Dietrich Bonhoeffer.

4.    Der Glaube an die Auferstehung bei Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge!
Für Dietrich Bonhoeffer ist ganz klar gewesen: Die Auferstehung Jesu Christi ist ein historisches Ereignis gewesen. Sehr ungewöhnlich, aber dennoch historisch. Das heißt: So wie wir zuverlässige Texte darüber haben, dass Caesar den Rubikon überschritten hat, so haben wir eben auch zuverlässige Texte darüber, dass Jesus auferstanden ist. Der Brief des Paulus an die Korinther bietet (übrigens auch laut Meinung aller mir bekannten Theologen) den ältesten Bericht von den Sichtungen des Auferstandenen Christus. 
Er sei gesehen worden erst von Kephas (das ist der, den man dann später Petrus genannt hat), dann von den 12 Jüngern, also dem engsten Jüngerkreis. Danach mehr als 500 Brüdern – ich ergänze: Sicherlich waren auch ziemlich viele Schwestern anwesend – auf einmal. Und um das Maß voll zu machen: Als Paulus das schrieb, lebten einige noch, die davon berichten konnten. Jakobus hat ihn noch gesehen, und schließlich alle Apostel, auch Paulus selbst „als einer unzeitigen Geburt“. 
Für Bonhoeffer ist das alles recht einfach, wenn man seinen Ausführungen in der Schrift Sanctorum Communio folgt: Aus der Auferweckung Jesu folgt die Auferweckung für alle Christen. Diese eigene Auferweckung führt dazu, dass jeder Christ in die Nachfolge Jesu gerufen ist und als Teil der weltumfangenden Kirche Jesu Christi Gemeinschaft untereinander pflegt und ein Leben in Nächstenliebe führt. In der Hinwendung zum Nächsten erfahren wir dann eine Transzendenz, die die wahre Gottebenbildlichkeit des Menschen zum Ausdruck bringt. Für Bonhoeffer ist die Bedeutung der Auferstehung heute und für uns also eine Auferstehung in die Nachfolge.

5.    Gerd Lüdemann: Alles Unsinn!
Sehr anders geht der Wissenschaftler Gerd Lüdemann von der Universität Göttingen an die Frage nach der Auferweckung. Für ihn steht fest: Eine historische, eine wissenschaftlich fundierte Aussage über die Auferweckung Jesu von den Toten kann es nicht geben. Er unterzieht den Auferstehungserzählungen einer radikalen historischen Kritik.
Sie ist eine Glaubenssache, die für einen vernünftigen Menschen absurd ist.
Die Texte, die wir haben, sind allesamt sehr viel später aufgeschrieben worden, das Interesse der Autoren zielt in die Richtung, Jesus als den Messias darzustellen. In Wirklichkeit wissen wir nichts über ein Grab von Jesus, vielleicht ist er auch einfach irgendwo verwest. Vielleicht wurde sein Leib tatsächlich gestohlen, wie es bereits im Matthäusevangelium als eine bewusst in die Welt gesetzte Lügengeschichte berichtet wird. Vielleicht hatten Menschen tatsächlich Visionen des Auferweckten gehabt, vielleicht sogar 500 auf einmal – aber wir alle wissen: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen. Ein moderner Mensch kann nicht an die Auferweckung glauben, wenn er sich dem wissenschaftlichen Weltbild verpflichtet fühlt. „Das Grab Jesu war nicht leer, sondern voll, und sein Leichnam ist nicht entwichen, sondern verwest.“ 

6.    Wolfhart Pannenberg: Singularität!
Ein anderer Theologe, Wolfhart Pannenberg, ist anderer Ansicht: Aus wissenschaftlicher Sicht haben wir es bei der Auferstehung mit einer sogenannten Singularität zu tun. Nach unserem Kenntnisstand ist bislang noch niemand von den Toten auf die Art und Weise zurückgekehrt, wie es Jesus laut biblischen Zeugnis getan hat. 
Die Berichte des Neuen Testamentes sind für Pannenberg alles andere als unglaubwürdig, in den Evangelien mag manch legendenhafte Ausschmückung hinzu gekommen sein, aber zumindest die Paulusbriefe bieten ein breites Fundament dafür, dass der Glaube an Jesus als den Messias nur deswegen entstehen konnte, weil er von den Toten auferstanden ist. Immer wieder sprechen die Briefe und die Evangelien auch davon, dass eben kein Glaube entstanden ist. Die Frauen werden im Lukasevangelium ausgelacht, der Jünger Thomas ist sprichwörtlich dafür, dass er ungläubig bleibt, bis er durch Jesus selbst von der Wahrheit überzeugt wird. Wenn die Berichte tendenziös sein sollen, dann haben sich die Autoren keine Mühe gegeben, die bereits damals vorhandene Gegenseite aus den Textzeugnissen zu eliminieren.
Aber noch einmal zum Begriff einer historischen Singularität: Jesus ist ja nicht so wiedergekommen wie jemand nach einer Zeit des kurzen Herzstillstandes oder so wie Lazarus oder die anderen Erzählungen vom Auferwecktwerden von den Toten. 
Das sind allesamt schon wunderbare Ereignisse und sollen nicht geschmählert werden. Auch unsere heutige Medizin wirkt da manches kleinere Wunder, aber die alle haben eine Schwäche: Wer heute wiederbelebt wird, muss irgendwann trotzdem sterben.
Bei der Auferweckung von Jesus haben wir es aber mit einer ganz neuen und unerklärbaren Kategorie von Leben zu tun. Nämlich: ewigem Leben!
Und das führt uns zu einem weiteren Denker des Christentums, den ich Euch für ein Denken der Auferweckung Jesu nicht vorenthalten möchte:

7.    Rudolf Bultmann: Auferweckung ins Kerygma!
Für Rudolf Bultmann kommt es nicht darauf an, wie das alles genau gewesen ist, sondern dass Jesus Christus gekreuzigt wurde und dann von den Toten auferstanden ist. Das entscheidende Ereignis, das historisch fassbar ist, ist die Kreuzigung. Bei der Auferweckung hingegegen haben wir es mit der Bestätigung der Sinnhaftigkeit des Kreuzestodes zu tun. Wie das war, kann niemand sagen. Konstatiert werden kann allein: Auferstehung hat mit diesem Jesus Christus stattgefunden und niemand weiß, wie diese ausgesehen hat. Schließlich gibt es ja nur Zeugen des Auferstandenen, und kein einziges menschliches Zeugnis der Auferweckung selber!
Damit kann Bultmann dazu kommen zu sagen: „Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, begegnet uns im Worte der Verkündigung, nirgends anders. Eben der Glaube an dieses Wort ist in Wahrheit der Osterglaube.“ 
Seine Kritiker haben daraus gemacht: Jesus sei bei Bultmann ja bloß auferstanden ins Kerygma, in die Verkündigung. 
Bultmann hat das mit Gelassenheit angenommen und geantwortet: „Ich akzeptiere diesen Satz. Er ist völlig richtig, vorausgesetzt, dass er richtig verstanden wird. Er setzt voraus, dass das Kerygma (die Verkündigung) selbst eschatologisches Geschehen ist; und er besagt, dass Jesus im Kerygma wirklich gegenwärtig ist. Ist das der Fall, so werden alle Spekulationen über die Seinsweise des Auferstandenen gleichgültig. An den im Kerygma präsenten Christus glauben, ist der Sinn des Osterglaubens.“ 

8.    Ingolf Dahlfert: Tat Gottes!
Das ist schwere Kost. Vielleicht erhellt uns das der neuere Theologe Ingolf Dalferth. Er ist in den 90er Jahren eingestiegen in die Debatte um die Historizität der Auferweckung Jesu. Ihm geht es darum zu zeigen, dass man an die Wirklichkeit der Auferweckung nicht herangehen kann wie an andere geschichtliche Ereignisse. Es würde sich schließlich auch „niemand an einen Historiker wenden, um Aufschluss über die Zusammensetzung des Wassermoleküls, des genetischen Codes der Tomate oder die Winkelsumme im Dreieck zu erhalten.“ 
Für Dalferth ist ganz klar: Es geht bei der Auferweckung um das Wirken Gottes selber. Das zu untersuchen ist aber nicht Angelegenheit des Historikers, sondern des Theologen. „Gott allein hat Jesus von den Toten auferweckt (Röm 10,9), Gott allein hat die Menschen erwählt und berufen, die diese unglaubliche Gottestat bezeugen (Gal 1,15f.), und Gott allein setzt durch seinen Geist in den Stand, dieses Zeugnis zu glauben und in das Auferweckungsbekenntnis einzustimmen (1Kor 12,3). Inhalt, Vollzug und Erfolg der Auferweckungsbotschaft werden daher gleichermaßen als freie Tat und Wirkung der schöpferischen Liebe Gottes verstanden, die keiner menschlichen Bekräftigung bedürfen oder auch nur fähig wären und die durch eine solche auch in keiner Weise an Überzeugungskraft gewinnen könnten.“ 

9.    Resümee
Am Ende ist es aufgrund der Strittigkeit der Auferstehung eine Angelegenheit des Heiligen Geistes, den Glauben an diese Tat Gottes zu wecken. 
Diese kann aber nur gelingen durch ein direktes Erleben und Erfahren des Auferstandenen selber. Dies geschieht schon seit längerem nicht mehr in direkten Erscheinungen (der Apostel Paulus hatte die letzte und die ist doch schon eine Weile her), sondern in der Begegnung mit ihm in den verschiedenen Lebensbereichen.
•    Bultmann hat Recht, wenn er sagt, die Verkündigung, der wöchentliche Gottesdienst führen zum Glauben an den Auferstandenen (und sind zugleich die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Gottesdienst stattfindet).
•    Pannenbergs Bemühen um eine wissenschaftliche Herleitung ist aber ebenso wenig verkehrt, wenn wir mit Menschen konfrontiert sind, die mit der Auferweckung so gar nichts anfangen können. Darauf hinzuweisen, wie fundiert die neutestamentlichen Texte sind. Sich ihnen mit Verstand hinzugeben und diese Texte ernsthaft und mit kritischem Geist zu lesen.
•    Dalferth ist darin Recht zu geben, dass die Auferweckung Tat Gottes ist und sich am Ende dann doch unseren wissenschaftlichen Untersuchungen entzieht. Wir wissen´s nicht, und wir sollen es auch nicht wissen. Der Glaube an die Auferweckung ist der Glaubensverantwortung jedes einzelnen Christen anheimgestellt. 

Es greift, und damit komme ich zu einem vielleicht überraschenden Schluss, es greift auch bei der Frage nach der Auferweckung das Bilderverbot. 
„Mach dir kein Bildnis von Gott“, heißt es ja in den 10 Geboten. Da die Auferweckung eine Tat Gottes ist und Jesus als der Christus durch die Auferweckung vollkommen in den Bereich Gottes tritt, ist es folgerichtig, uns selbst aus Glaubensverantwortung ein weiteres Konkretisieren zu verbieten. Anders: Je konkreter wir uns die Auferweckung bildlich vorstellen, desto mehr grenzen wir damit die Tat Gottes ein, machen sie kleiner als sie ist.

Es war aus gutem Grund keiner dabei, als es geschah. Und immer, wenn ihn etwa seine Jünger oder auch die Frauen am Grab erkennen, entzieht er sich. 
Jesus ist durch die Auferweckung tatsächlich Sohn Gottes. Nicht Weihnachten machen ihn dazu, sondern die Auferweckung des Gekreuzigten. Als dieser ist er Sohn Gottes und damit Teil der Dreieinigkeit. 
Und jedes Bild, das wir davon ziehen, das wir uns von einem sphärisch schwebenden Jesus oder einer wie auch immer gearteten Geist-Erscheinung machen, macht nicht nur Gottes Tat, sondern auch Gott selbst kleiner, als er ist.
Und wir? 
Wir sind, um mit Bonhoeffer zu sprechen, in der Tat in die Nachfolge des Auferweckten gerufen. 
Jeder einzelne – aber in dem Sichverlassenkönnen auf die Kirche, deren Haupt der Auferweckte ist und der uns zuruft: 
„Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

10.    Zu guter Letzt: Noch´n Witz
Ein Pfarrer kommt in den Himmel und Petrus zeigt ihm alles. Aus einem Raum klingt nur Stille und ehrfürchtiges Beten. 
„Das“, erklärt Petrus, „ist der Raum für die Gemeindeglieder, welche den ganzen Tag andächtig beten.“ 
Aus dem nächsten Raum kommt lauter Krach. 
„Ach“, sagt Petrus, „lass uns schnell weiter gehen, hinter dieser Tür sind die Küster. Sie rauchen, trinken, spielen Karten und erzählen den ganzen Tag schlechte Witze.“
Aus dem dritten Raum klingt wieder Stille. „Das“, sagt Petrus, „ist der Raum für die Pfarrer.“ 
„Ah“, meint da der Pfarrer, „sie beten wohl wie die Gemeindeglieder in der Stille?!“
„NEIN“, meint Petrus, „es ist noch keiner drinnen…..“

Und der Friede Gottes, der höher ist als Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
LIED EG 100,1-5: WIR WOLLEN ALLE FRÖHLICH SEIN

Predigt an Reminiszere 2016 zu Röm 5,1-5: Christen in der Verfolgung

PREDIGT ZU RÖM 5,1-5: CHRISTEN IN DER VERFOLGUNG
51 Da wir nun  gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir  Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;
2 durch ihn haben wir auch  den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern  wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, daß Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber  Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5  Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.


1.    Einführung: Ich in der BAMF Gießen
Liebe Gemeinde, 
am Montag bin ich mit einer iranischen Flüchtlingsfamilie zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nach Gießen gefahren. Die Kinder wurden vorher rasch in den Kindergarten nach St. Paulus gebracht, dann habe ich mich mit den beiden aufgemacht, um zur Anhörung, zum großen Interview zu fahren. Die Familie gehört seit letzten März zur Bonhoeffer-Gemeinde – er ist ein guter Kirchgänger und hilft in der Gemeinde ehrenamtlich mit, wann immer ich ihn frage. Sie ist ab und an beim Krabbelkreis dabei und hat jetzt angeregt, dass wir einen Glaubenskurs für Iraner anbieten sollen. Pfr. Pfeifer und ich arbeiten gerade daran. 

Also nun: Anhörung in Gießen mit der ungewissen Aussicht auf ein Bleiberecht. 
Bekommen diese Leute hier Asyl? 
Oder werden sie zurück in den Iran geschickt werden?
Oder bekommen sie den unangenehmen Aufenthaltsstatus der „Duldung“, wo man auf Jahre hin zwischen den Stühlen hängt?

Wenn ihr euch auskennt, dann wisst ihr, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wie ein Gefängnis abgesichert ist – nach innen wie nach außen. Große stacheldrahtbewehrte Zäune, im Gebäude Gittertüren, wie ich es nur aus dem Knast in Hünfeld kenne. Ich durfte nicht einmal unbegleitet die Toilette benutzen – wovor die Beamten Angst haben, wurde mir leider nicht erläutert. Aber wahrscheinlich haben sie so schlechte Erfahrungen gemacht, dass das nötig ist.

Nach einer Stunde des Wartens wurden wir in eine kleine Amtsstube geführt. Ein völlig überarbeiteter Amtmann saß uns gegenüber an einem Computer, in der Ecke saß ein Auszubildender und hörte zu. Ich nahm an, das würde jetzt schnell gehen. Für mich stellte sich die Situation so einfach dar. Für den Beamten freilich nicht. 

Zweieinhalb Stunden mussten die beiden erzählen. Alles schleppte sich lang hin, denn es wurde per Übersetzer, also mit einem Dolmetscher, verhandelt. Wie es im Iran war. Warum sie nun hier sind. Was das alles mit dem Christentum zu tun hat.

Im Iran gibt es Formen des Christentums, die erlaubt sind. Die Menschen, die in christlichen Familien geboren werden, dürfen ihre Religion behalten. Das sind in erster Linie orthodoxe Christen, oder Angehörige der armenischen Minderheit. Denen sind dann zwar eine Reihe von Berufen verwehrt und sie werden dadurch diskriminiert, aber sie dürfen ihren Glauben an Jesus Christus einigermaßen unbehelligt leben. 

Doch wenn man sich als gebürtiger Moslem entscheidet, auch nur eine Kirche zu besuchen oder gar ein Christ werden zu wollen, dann ist man übel dran. Irgendwann spricht es sich herum bis in Polizei- oder Geheimpolizeikreise und man hat die Sicherheitsdienste bei sich im Haus.

Momentan gibt es im Iran eine Welle der christlichen Erweckung. Wahrscheinlich in keinem Land der Welt finden momentan so viele Menschen zu Jesus Christus wie im Iran. Untergrundartig läuft das Ganze.
Heimlich. Ohne eine Institution oder Organisation. Der eine sagt es dem anderen weiter.

Abbas erzählte bei der BAMF, wie er Jesus fand – oder vielleicht eher Jesus ihn: „Wir waren befreundet mit einem Mann namens Raschid, von dem wir wussten, dass er ein Christ war, ein evangelischer. Wir wussten auch, dass das verboten war – aber es gibt im Iran so vieles verbotenes –  und die Leute machen das dann trotzdem. Eines Tages waren wir bei Raschid eingeladen und er hat uns gefragt, ob wir zusammen Musik machen wollen. Er könne aber nur fromme christliche Lieder spielen. Da haben wir dann zu dritt zusammen gesessen und gesungen und das erste Mal von Jesus aus der Sicht der Christen gehört. Wir kannten ihn ja schon aus muslimischer Sicht. Aber das jetzt war für uns etwas ganz neues. Wir trafen uns für die Musik noch drei oder vier Mal, und dann fragte er uns, ob wir mal mitkommen wollen in eine Untergrundkirche. 
Jung und dumm wie wir waren, gingen wir mit. Die kleine Gruppe, die aus nicht mehr als 8 oder 10 Leuten bestand, betete, sang und diskutierte über die biblischen Bücher. Was wir da erfuhren, war eine Erlösung vom bisherigen Leben: Gott war auf einmal nicht länger finster, sondern freundlich und voller Liebe. Wir kannten vom schiitischen Islam immer nur die Androhung der Hölle und dass die Mullahs uns sagten, was wir tun sollen. 
Und ständig wird in der Moschee und auf den Festen geweint aus Angst vor Gott. Wie anders waren diese Versammlungen! Fröhlich, positiv, voller Lachen. Als dann die Polizei vor unserem Haus stand, und unsere Flucht begann, dachten wir noch, dass sich alles einrenken würde. Wir hatten doch eigentlich nichts gemacht, meine Frau war schwanger und wir waren keine armen Leute im Iran. Erst haben wir bei Freunden übernachtet, dann sind wir über die Türkei abgehauen, als klar wurde, dass der iranische Staat wohl ernst macht. Aus der Zeitung haben wir in der Türkei erfahren, dass unsere Untergrundkirche zugemacht worden ist und alle Mitglieder verhaftet worden sind. Wir können nicht mehr so tun, als hätten wir das alles nicht erlebt: Wir können nicht mehr zurück in den Iran, einfach deswegen, weil wir den christlichen Gott gefunden haben. Und wenn wir dem nicht abschwören, dann werde ich gehenkt und meine Frau geht für immer ins Gefängnis.“

2.    Der Apostel Paulus und die Situation der Verfolgung
Der Apostel Paulus schreibt zu dieser Erfahrung direkt. Er wusste von den Bedrängnissen, die Christen treffen können. Die ersten Verfolgungen oder zumindest Anfeindungen erlebte er noch mit. (Die Legende besagt, Paulus sei bei den Christenverfolgungen des römischen Kaisers Nero getötet worden.)
 
Er schreibt, dass wir uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes rühmen.
„Nicht allein aber das, sondern  wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, daß Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber  Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5  Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Für mich ist das schwer einzusehen; warum sollten wir uns der Bedrängnis rühmen? Vielleicht verstehe ich das nicht, weil ich hier in großer Sicherheit lebe. 

Aber für all die iranischen Christen im Untergrund, für all die Christen auf der Flucht aus Syrien und dem Irak, macht diese Abfolge durchaus Sinn. Sie passt zu ihrer Lebenserfahrung, die, wenn man so will, die dunkle Seite, die das Christentum mit sich bringt, thematisiert, nämlich dass es nicht einfach ist, ein Christ zu sein. 

Ich versuche es mal aus meiner Position eines satten westlichen Christen:
Bedrängnis, so Paulus, führt zu Geduld. 
Oh ja, die konvertierten Christen im Iran sind geduldig. Ich weiß von einem iranischen Konvertiten, der gegenüber einer armenischen Kirche gewohnt hat, aber aus Furcht nie hingegangen ist. Stattdessen hat er viel über das Christentum im Internet gelesen und ist darüber zum Glauben an Christus gekommen. Sonntags hat er durch das offene Fenster die Gesänge der Liturgie gehört und sich ausgemalt, was da wohl vor sich geht.
Ab und an mal hat er sich mit seinen Glaubensgeschwistern im Hauskreis heimlich getroffen. Bis auch da die Religionspolizei zugeschlagen hat. (Da hinten sitzt er übrigens).

Geduld ist nötig in Bedrängnis, und diese kommt einem einfach so zu, so Paulus. Warten, abwarten. Dann die Gelegenheit nutzen. Da ist ein Mitbruder, eine Mitschwester. Das wenige Wissen um Jesus teilen.  Ein paar Kopien machen. Ein Gebet. Vielleicht ein Lied, wenn jemand eines kennt. Eine Umarmung. Schnell wieder aus einander gehen.

„Geduld aber führt zu Bewährung.“ Gemeint ist tatsächlich eine charakterliche Bewährung (dokimä), die durchaus eine Prüfung des eigenen Gewissens beinhaltet. Anders gewendet: Werde ich, wenn ich aufgrund meines Christseins verfolgt und bedrängt werde, trotz der Geduld, die ich erhalte, mich im Glauben bewähren? Oder werde ich aufgeben und hinschmeißen, mich den Bedrängnissen unterwerfen? „Dann werd´ halt wieder Muslim“, wurde geflüchteten Konvertiten gesagt, die gern in ihre Heimat zurückmöchten. Das ist für denjenigen vielleicht möglich, einfach hin und her zu wechseln, für den seine Religion nicht wichtig ist. 

Schwarze Schafe mag es immer geben, die ihre neue Liebe für Jesus nur vorgaukeln, um ins reiche Deutschland zu kommen. Die gibt es zweifellos. Aber kommt man mit ernsthaften Konvertiten ins Gespräch, dann fällt eine Hingabe an Gott auf, wie ich sie bei den einheimischen Christen oft vermisse. Da ist etwas Unbedingtes, etwas Glühendes, eine Leidenschaft, die etwas hat von dem Christentum, das ein Paulus gepredigt hat 
und das die späteren Generationen in den ersten Jahrhunderten, die apostolischen Väter, die Apologeten, wie Justin oder Origenes oder auch Tertullian es vor sich her trugen. Wer einmal vom Feuer der Liebe Jesu entflammt ist, der kann nicht mehr zurück. Der ist selbst in Bedrängnis und Geduld charakterstark und wird seinen Glauben bewähren.

Paulus weiter: Derjenige, der sich bewährt hat, lebt in der Hoffnung. Nämlich die Hoffnung auf Gott selber. 
Das heißt: „Durch den Kampf mit den Anfechtungen im Durchstehen der Leiden wird die darin vorausgesetzte Hoffnung nur immer gewisser, stärker und bestimmender.“ 
Selbst, wenn Christen heute in Bedrängnis sind, haben sie die gute Hoffnung, dass sie für ihre Standhaftigkeit belohnt werden. Ewiges Leben ist schließlich keine Kleinigkeit!

3.    Unsere Situation vor Ort
Und wir? Wir sind ja nicht im Iran, hier gibt es keine Christenverfolgungen. Was hat das alles mit uns zu tun? O doch. Es gibt sie. 
Ich kenne nur wenige Flüchtlinge, die konvertierte Christen sind, aber alle erzählen mir von Bedrohungen und Gewalterfahrungen in den Asylantenheimen. Und alle meine Kollegen erzählen mir exakt das gleiche:  Geflüchtete Konvertiten haben hier vor Ort Leidenserfahrungen gemacht, nur deswegen, weil sie Christen geworden sind.

Wo ist da die Bonhoeffer-Gemeinde, um diesen Leuten beizustehen? Wo sind die frommen Menschen, die sich religiöse Reden von Pfarrer Lange anhören, aber zurückschrecken, wenn der Glaube in die Bedrängnis geht? Wo ist euer Mitleiden, euer Mitfühlen mit euren Glaubensgeschwistern?  Wo ist der Aufschrei der aufrechten Christen darüber, dass es dies sogar in unserem Land, direkt hier in Fulda, gibt?

Wollen die Christen in Deutschland nur den ersten Satz des Predigttextes? „Da wir nun  gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir  Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus (V1)“.
Selbstgerecht Frieden mit Gott machen? 

Bonhoeffer sagte einmal seinen Studenten: „Wer nicht für die Juden schreit, soll auch nicht gregorianisch singen.“ 
Ich möchte mich dem anschließen und euch sagen: „Wer nicht für unsere Glaubensgeschwister in unserer Nachbarschaft eintritt, der hat in einem evangelischen Gottesdienst nichts mehr verloren.“

Wir stehen damit vor einer Zerreißprobe: Zwischen denjenigen, die erkennen, was für eine gewaltige Aufgabe vor uns steht; die sich geduldig darin bewähren und die Hoffnung nicht aufgeben, weil sie wissen, dass sie mit Gott auf ihrer Seite nur gewinnen können – und denjenigen, die den Kopf in den Sand stecken und längst vergessen haben, dass unser Christentum in Deutschland genauso fragil, so zerbrechlich ist wie das im Iran. 

Es gilt heute wieder mutig zu bekennen. Und sich dafür auch anfeinden zu lassen. Von den einen zum Gutmenschen abgestempelt zu werden, weil man für Flüchtlinge eintritt. Und von den anderen als rechtsradikal  beschimpft zu werden, weil man beim Namen nennt, was Sache ist. Beides erlebe ich immer wieder. 

Zu guter Letzt: Diese Menschen, von denen ich rede, sind nicht die Täter von Paris oder Istanbul oder Köln. Es sind die Elenden, die Opfer aus den Kriegsgebieten, Unterdrückte der Islamischen Staaten, Menschen, 
die in dieser Welt Frieden und Ruhe suchen, Geborgenheit für sich und ihre Familien. Menschen, die als unsere Glaubensgeschwister tapfer Jesus als den Herrn bekennen. Unter uns aber stellt manch einer sie im Übereifer unserer endlosen Debatten zu den potentiellen Mördern und Attentätern. Angstgetriebene verschanzen sich hinter Mauern und Zäunen und Belastbarkeitsgrenzen als seinen wir eine belagerte Stadt. Als könnte man nicht differenzieren!

Angst macht blind. Und darum ist mir dies heute morgen so wichtig. Vergesst Eure Glaubensgeschwister nicht: Die Hilfesuchenden bei uns genausowenig wie die Verfolgten im Iran oder in Syrien. Verleih ihnen eine Stimme. Misch dich ein. Werde Pate für einen konvertierten Christen, eine konvertierte Christin.

Wenn du das nicht kannst: Bete für sie. Jeden Tag! 

Ja, auch wir verspüren zunehmend  Angst um uns, um unser Land, um unsere Freiheit. Aber diese Angst darf unsere Barmherzigkeit nicht besiegen. Unseren Charakter, der gerade in der Bedrängung sich bewähren soll. Im Vertrauen auf die Herrlichkeit Gottes.
Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

LIED: IN DEINE STILLE KOMME ICH

22. Sonntag nach Trinitatis 2016: Die Bekehrung des Paulus (Apg 9,1-21)

Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl
Gichenbacher Str. 15a
36129 Gersfeld-Dalherda

Predigt über Apostelgeschichte 9, 1-21, 23. Oktober 2016, Bonhoeffergemeinde

VERLESUNG DES ABSCHNITTS NACH REV. LUTHERBIBEL

Liebe Gemeinde!
Mein Schwiegervater August Nohl, Forstbeamter, nannte den Moment, als der Apostel Paulus seinen Fuß zum ersten Mal auf den Boden Europas setzte, eine „Sternstunde der Menschheit“. Gemeint war von ihm die Überfahrt des Paulus von Troas in Kleinasien, der heutigen Türkei, über die Insel Samothrake und Neapolis nach Philippi in Griechenland, wo aufgrund der Mission durch Paulus die erste Gemeinde Jesu Christi auf europäischem Boden gegründet wurde. (Apg.16) 


Die archäologische Stätte Philippis wurde übrigens im Juli 2016 u.A. als Ort der ältesten europäischen christlichen Gemeinde  zum UNESCO-Welterbe erklärt.
Die eben gehörte  Geschichte , in der Saulus von Tarsus vom Gegner und Verfolger der Gemeinde Jesu zum Anhänger und Apostel Jesu Christi wird, wurde am Ende eine Geschichte mit riesiger Wirkung. Denn der Apostel, der den Namen Paulus trägt, hat durch seine missionarische und theologische Lebensleistung ganz entscheidend dazu beigetragen, dass der Glaube an Jesus Christus so weitergetragen wurde, dass er zu den damaligen Heiden und damit zu unseren Vorfahren und schliesslich zu uns gelangte. 
Was wir über die Herkunft des Saulus bzw. Paulus und über sein Leben wissen, stammt aus seinen eigenen im Neuen Testament überlieferten Briefen und aus der Apostelgeschichte, aus der wir diese Geschichte von seiner Bekehrung hörten.
Aus all diesen Texten wissen wir: Saulus wuchs als Diasporajude auf, und zwar in Tarsus am Mittelmeer, der Hauptstadt der damaligen römischen Provinz Kilikien. Die Stadt war bekannt für ihre hohe griechische Bildung. Paulus´ Familie war wohl vermögend genug, das römische Bürgerrecht zu erwerben. Deshalb trug Saulus nicht nur den Namen des israelitischen Königs Saul, sondern auch den römisch-griechischen Namen Paulus (übersetzt: „der Kleine“) , den er später für sich selbst in seinen Briefen gebraucht.  Als Beruf erlernte er den des Zeltmachers; wir würden das heute etwa Sattler nennen . Er hat dieses Handwerk auch noch später als Apostel und Missionar ausgeübt. Saulus war ausserdem umfassend gebildet, und wir dürfen davon ausgehen, dass seine genaue Kenntnis des jüdischen Gesetzes u.A. durch den Unterricht bei dem berühmten jüdischen Lehrer Gamaliel in Jerusalem  bedingt war. (Apg.22,3) Saulus zählte sich im Judentum zu der Gruppe der Pharisäer. Er  befolgte streng die Vorschriften des jüdischen Gesetzes , der Thora, also der 5 Büchern Mose und deren Auslegungen. 
Wir fragen schon an dieser Stelle: warum wurde er als junger Mann denn ein so entschiedener Gegner und Feind der Anhänger und der Gemeinde Jesu? Warum wurde er es so sehr, dass er die Anhänger und Jünger Jesu regelrecht verfolgte? 
Die Christen, die er verfolgte, werden in unserem heutigen Predigttext „die Anhänger des  n e u e n  Weges“ genannt.  N e u und provokativ und deshalb zu bekämpfen war für die Pharisäer und war für Saulus die Gesetzesauslegung Jesu gewesen, Seine Auslegung  im Geist der Vollmacht Gottes und im Geist der Liebe und nicht im Geist des Buchstabens. Und diese Auslegung wurde von den Jüngern und Anhängern Jesu nun weitergetragen – noch dazu mit der ungeheuren Behauptung, dass Jesus – der für Seine Gegner ein zu Recht zum Tode verurteilter Gesetzesbrecher gewesen war – am Ostermorgen von den Toten auferstanden sei.  
In seinem Zorn auf diesen Glauben bzw. in seiner Auffassung Irrglauben liess sich der junge Pharisäer Saulus in Jerusalem vom Hohen Rat eine Vollmacht dazu geben, die Jünger Jesu in der Synagoge in Damaskus im Norden aufzuspüren und gefangen nach Jerusalem zu bringen. Aber es kam alles ganz anders!
 – Auf dem Weg nach Damaskus tritt der Auferstandene Jesus selbst ihm entgegen. Ein Licht vom Himmel umleuchtet den Saulus so stark, dass er zu Boden stürzt. In der Kunst der Malerei ist das manchmal als Sturz von einem Pferd, von einem hohen Ross, dargestellt.
 Und dann hört er eine Stimme: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“  – Auf die Frage: „Herr, wer bist du“ , bekommt Saulus zur Antwort: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“  Indem also Saulus die Gemeinde Jesu verfolgt, verfolgt er Jesus selbst.  Das macht ihm der Auferstandene hier klar. Jahre später wird Paulus über seine Begegnung mit dem Auferstandenen den Korinthern schreiben: „ Zuletzt ist Christus auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heisse, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich , was ich bin. „(1.Kor15,8ff)
In dieser Begegnung mit Jesus selbst geht zunächst alles zuende und zugrunde, was vorher der Verfolger Saulus war. Noch hat er nicht den neuen Auftrag, den Christus ihm für sein gesamtes weiteres Leben geben wird. Noch ist er nicht der Apostel Saulus-Paulus. Im Moment ist er vielmehr gar nichts. Er steht am Rande seiner Existenz überhaupt. Er kann wohl noch aufstehen, aber er sieht nichts mehr. Das ist er nicht gewohnt und darum ist er völlig hilflos.  Er muss von jemand anderem nach Damaskus geführt werden.  Dorthin führt ihn nun nicht mehr sein eigener Entschluss, sondern der Befehl des Herrn. Er sagt ihm: „Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst.“ Jesus verweist ihn so schliesslich an Seine Gemeinde. Und es ist genau die Gemeinde, die Saulus vorher gehasst und verfolgt hat. 
Zunächst ist Saulus in seiner gesamten Existenz so am Boden zerstört, dass er drei Tage lang nicht einmal isst oder trinkt.  
Dann aber bringt der Herr Jesus Christus Seine Gemeinde ins Spiel – zuerst in Gestalt des Hananias, dem wir im Neuen Testament nur hier begegnen, ein Mann, der kein erkennbares kirchliches Amt innehat. Von ihm heisst es nur: Er ist „ein Jünger Jesu“. Hananias zögert einen Moment, als ihm der Herr ausgerechnet diesen Saulus zur Aufgabe stellt, denn die Gemeinde fürchtet sich inzwischen vor diesem Verfolger Saulus. Und das ist auf jeden Fall sehr verständlich! Wir müßten uns heute einmal vorstellen, liebe Gemeinde: irgendwo im Nahen Osten, etwa in Syrien, käme ein IS-Terrorist zu einer vom IS blutig verfolgten christlichen Gemeinde und begehrte Einlass und zukünftige Mitgliedschaft. Könnte man und würde man ihm auf Anhieb glauben, dass er sich radikal geändert hat? – Doch wohl eher nicht! 
Aber der Herr sagt dem Hananias über den bisherigen Verfolger Saulus: „Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug.“ 
Und Er sagt ausserdem – und auch das wird eine Überschrift über dem weiteren Weg des Saulus sein: –  „Ich will ihm zeigen, wieviel er   l e i d e n  muss um meines Namens willen.“
Weiter wird erzählt:
„Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem heiligen Geist erfüllt werdest. Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf , liess sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.“ – Die Gemeinde, die er verfolgt hatte, nimmt ihn nun tatsächlich als ihren Bruder auf.
Und übergangslos beginnt Saulus nun die Tätigkeit, der sein ganzes weiteres Leben gehören wird: Jesus Christus zu verkündigen und Ihm zu dienen.
In seinen späteren Briefen macht er deutlich, dass der Inhalt seiner Botschaft und Verkündigung nicht von M e n s c h e n  stammt, dass er sich also das Evangelium nicht durch so etwas wie Unterricht angeeignet hat. Im Galaterbrief schreibt er:  „Denn ich tue euch kund.., dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.“ (1,11f)
Diesen Unterschied des Saulus-Paulus zu uns, liebe Gemeinde, können wir getrost respektieren und stehenlassen. Es war wirklich so, dass Jesus Christus diesen Mann für diese besondere Aufgabe von Geburt an erwählt hat.  (Gal.1,15f) Paulus wird nie aufhören zu betonen, dass diese Erwählung gerade nicht  s e i n  Verdienst ist, sondern die reine Gnade Gottes.
Und es gilt ebenso das Andere, was in unserem Predigabschnitt bereits gesagt von Jesus gesagt wird: „ Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muss um meines Namens willen.“
Denn, liebe Gemeinde, das ganze weitere Leben dieses Apostels wird ein Leben auf der  G r e n z e   sein, und zwar in dreifacher Hinsicht:
Paulus wird zum  E r s t e n  hin- und hergerissen werden auf der  G r e n z e  zwischen I s r a e l  und der christlichen  G e m e i n d e . Er wird zeitlebens schwer darunter leiden, dass das jüdische Volk – und damit das Volk und der Glaube , aus denen er selbst stammt! – Christus mehrheitlich nicht als Herrn und Gottessohn annimmt. Besonders die Kapitel 9-11 seines Römerbriefs geben ein lebendiges Zeugnis von seiner nie beendeten Liebe zu seinem Volk, für das Paulus dessen Unglauben gegenüber Christus zum Trotz an der Liebe Gottes festhält. Gott wird Seine erste Liebe Israel nie fallen lassen. Dessen ist Paulus gewiss.

Das Leben des Paulus ist zum  Z w e i t e n  ein Leben auf der  G r e n z e  zwischen der Vollmacht der Berufung Apostel Jesu Christi auf der einen Seite und der immer wiederkehrenden Bestreitung seines Apostelamtes durch andere Jünger andererseits. Dieser Konflikt zeichnet sich im letzten Vers unseres Predigttextes schon ab, wo als Reaktion auf Paulus´erste Predigttätigkeit in Damaskus geschildert wird: „ Alle aber, die es hörten, entsetzten sich und sprachen: Ist das nicht der, der in  Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen, und ist er nicht deshalb hierhergekommen, dass er sie gefesselt zu den Hohepriestern führe?“ (V.21)-  Ständig und sein Leben lang mußte sich Paulus mit der Bestreitung seiner apostolischen Autorität auseinandersetzen , wie er sie aus Kreisen der Gemeinden Jesu erfuhr – sogar in Auseinandersetzung mit Simon Petrus und den anderen ersten Jüngern Jesu, besonders, als um die Frage der Verbindlichkeit oder Nichtverbindlichkeit des jüdischen Gesetzes für gläubig gewordene und getaufte Christen aus nichtjüdischen und also aus heidnischen Völkern ging.

Und das Leben des Apostels Paulus war zum  D r i t t e n  ein Leben auf der G r e n z e  zwischen Vollmacht und Ohnmacht, zwischen Kraft und Schwäche, zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Leben und Tod . Er mußte erfahren, dass er vom Herrn immer gerade nur soviel Kraft erhielt, wie er für seinen grossen Auftrag brauchte . Auf seine Bitte hin, von seiner schweren Krankheit geheilt zu werden, erhielt er die Antwort des Herrn: „ Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig .“ (2.Kor12,9) Entsprechend schreibt Paulus: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Denn ich bin guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin so bin ich stark.“ (V.9bf.)
Neben dem Licht Jesu Christi, das dem Saulus vor Damaskus zum ersten Mal aufging und das seinen Weg hell machte, erlebte er immer wieder auch die Finsternis, die diesem Licht vorausgegangen war. (s.bes. Römer 7) Er mußte erfahren, dass trotz dieser Erleuchtung im Angesicht Jesu Christi (s.2.Kor.4,6) wir diesen Schatz des Evangeliums in irdenen und zerbrechlichen Gefässen haben (s.dort V.7ff.), dass wir auch das Sterben Jesu an unserem Leibe tragen, dass unser Wissen und unsere Erkenntnis noch Stückwerk sind und dass wir von der Herrlichkeit Gottes jetzt erst nur soviel sehen wie ein dunkles Bild in einem matten Spiegel (s. 1.Kor.13). Paulus weiß aber gleichzeitig , dass am Ende Gottes Licht stärker sein wird als alles, was jetzt noch diesem Licht entgegensteht. Diesen Glauben und diese Hoffnung und diese Liebe Gottes spricht dieser Apostel durch sein Lebenswerk  u n s zu , einer jeden und einem jeden von uns, die wir durch die Taufe diesem Jesus Christus gehören. Die Taufe war ja bei Saulus das Erste, was er nach seiner Bekehrung zu Christus begehrte und an sich vollziehen liess. Die Taufe war und ist die Grundlage , „in Christus“ zu sein und zu leben. Von diesem „in Christus sein“ wird Paulus  immer wieder reden und schreiben. Es bedeutet, am Kreuz und an der Auferstehung Jesu Anteil zu haben. Sein Kreuz stellt den Tod und das Leben nebeneinander , um deutlich zu machen, dass Sein Leben uns allen zugute kommt. Im Römerbrief schreibt er über die Taufe: „ Oder wißt ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft? So sind wir ja mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Röm.6,3f) 
Liebe Gemeinde! Wir tragen die Merkmale des Sterbens Jesu in mancherlei Weise mit uns herum, damit in allem auch das Leben Jesu uns zugute kommt. So verläuft  – wie bei Paulus – auch unser Leben auf der  G r e n z e von Licht und Finsternis, auf der Grenze von Kraft und Ohnmacht, auf der Grenze von Erfolg und Mißerfolg, auf der Grenze von Gesundheit und Krankheit,  und auf der Grenze zwischen Tod und Leben. Und insofern unser Leben durch die Taufe und den Glauben „in Christus“ ist, behalten die Kraft und das Leben die Oberhand. So nahe ist Er uns gekommen – und so nahe dürfen wir Ihm sein! Die Taufe ist uns das verläßliche Zeichen und Siegel dieser Nähe und dieser umfassenden Liebe Gottes. Und im Glauben nehmen wir diese Nähe Gottes und Jesu Christi zu uns an. Amen.


11. Sonntag nach Trinitatis 2016: Das evangelische Christentum und die Religionen (Epheser 2,4-10)

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.


Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Epheserbrief im 2. Kapitel, die Verse 4 bis 10. Nach eigener Übersetzung und verschiedenen Textvergleichen lese ich die Variante der BasisBibel, die in diesem Fall nicht nur leichter zu verstehen, sondern auch wesentlich genauer aus dem altgriechischen überträgt:


4Aber Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt
5und uns zusammen mit Christus
lebendig gemacht.
Das tat er,
obwohl wir doch tot waren
aufgrund unserer Übertretungen.
– Aus reiner Gnade seid ihr gerettet! –
6Er hat uns mit Christus auferweckt
und zusammen mit ihm
einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!
7So wollte Gott für alle Zukunft zeigen,
wie unendlich reich seine Gnade ist:
die Güte, die er uns erweist,
weil wir zu Christus Jesus gehören.
8Denn aus Gnade seid ihr gerettet – 
durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft,
sondern es ist Gottes Geschenk.
9Er gibt es unabhängig von irgendwelchen Taten,
damit niemand darauf stolz sein kann.
10Denn wir sind Gottes Werk.
Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus Jesus
hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Liebe Gemeinde, 
im Glaubenskurs mit den Iranern haben wir an einem Nachmittag eine wahre Sternstunde gehabt. Es ging um die Frage, worin nun eigentlich der Unterschied im Glauben zwischen Christen und den Angehörigen anderer Religionen liege.
Glaube sei doch Glaube, und ob ich meinen Gott nun Allah nenne oder Jesus oder HaSchem oder wie auch immer – es laufe doch auf das Gleiche hinaus.
(Das ist übrigens eine Aussage, die ich von religionslosen und kirchenfernen Menschen immer wieder höre und die mir vor Augen führen, dass es mit der religiösen Bildung in unserem Land nicht allzuweit her ist).

Wenn wir uns der Frage nach dem Glauben nähern, sollten wir uns dem Verhältnis Gott und Mensch nähern.
In allen Religionen, die mir bekannt sind, ist eines gleich:
Gott ist da oben, der Mensch ist ganz unten.
Dann gibt die Religion vor, wie ein Mensch zu leben hat. Damit verbunden ist der Winsch, dass man sich irgendwie bei Gott beliebt machen könne. Oder seine Aufmerksamkeit bekäme. Oder Wünsche erfüllt bekommt. Oder nach dem Tod in den Himmel oder ins Paradies gelangt.
Allen (mir bekannten) Religionen ist es gemeinsam, dass man diese Regeln befolgen solle – und dann klappt´s auch mit dem Himmel, dann bekommt man ein prima Gottesverhältnis.
Ich zeichne es euch mal hier auf das Flipchart:

Schaubild 1
 

Auf diese Art und Weise wird allzu oft auch das Christentum verstanden.
Gott oben, Mensch unten: gibt der Welt die 10 Gebote und das Doppelgebot der Liebe, sendet Jesus, dass man sein Herz an ihn hängt. 
Wer das tut, kommt in den Himmel, wer das nicht tut, von dem wissen diese Theologen nicht so recht, ob er nun in die Hölle kommt, oder einfach verschwindet oder was auch immer.

All denen, die das Christentum so sehen, sei nun unser Predigttext zur näheren Lektüre empfohlen. (Wir wissen heute: der Text stammt sehr wahrscheinlich nicht aus der Feder des Paulus, sondern wohl aus seinem Schülerkreis, die sich darum bemühte, die Theologie des Paulus weiter auszufeilen).

Jedenfalls geht der Text geht gleich ganz stark los: 
4Aber Gott ist reich an Barmherzigkeit.
Er hat uns seine ganze Liebe geschenkt.

Gott hat uns seine ganze Liebe geschenkt: Wir dürfen das wörtlich nehmen. Und wenn wir den Begriff „Liebe“ direkt verstehen, dann ist das doch wohl etwas mehr, als dass uns Gott gute Regeln für unser Zusammenleben gibt. 
Keine Liebesbeziehung hält durch, wenn wir die Liebe vor allem durch Regeln definieren. 
Keine Liebesbeziehung hält durch, wenn es immer nur ein „Oben-Unten-Verhältnis“ ist! Daran zerbräche jede Freundschaft und jede Ehe. Auf Augenhöhe begegnen sich Liebende!

Dann wird er in Vers 5 noch viel deutlicher:
Aus reiner Gnade seid ihr gerettet.“

Gnade, das ist auch so ein großes Wort, ähnlich wie die Liebe. 
Gnade, das ist etwas, das man dann doch nur aus erhöhter Position jemandem gewähren kann. 
Das kommt unverdient.
Etwa konnte sie in früheren Zeiten der König seinen Untertanen erweisen. 
Oder in der heutigen Zeit: eine Amnestie für Straftäter.
Die Aufnahme von Flüchtlingen in einem sicheren Land entgegen der Gesetzeslage.
Das ist Gnade.

Beim Wort Gnade wird Gott dann doch ganz oben und der Mensch – wie in Schaubild 1 – ganz unten gedacht.
Aber in dem Zusammenhang kommt nichts mit dem Abmühen des Menschen. 
Wenn es um Gnade geht, dann werden Regeln sogar völlig durchbrochen.

Und Paulus führt das aus, im 6. Vers, wenn er feststellt:
6Er hat uns mit Christus auferweckt
und zusammen mit ihm
einen Platz im Himmel gegeben.
Denn wir gehören zu Christus Jesus!

Also in aller Deutlichkeit: 
Der Platz im Himmel ist uns gesichert: Unverdient, aus Gnade. 
Mit Gottes Liebe.
Weil Gott selber zu uns gekommen ist als Jesus Christus. 
Weil Gott das Unten und das Oben wegmacht. Er selber ist Mensch geworden.
Er ist es, der sich für jeden einzelnen Menschen abmüht!
Da müssen wir wohl mal ein zweites Schaubild anfertigen: SCHAUBILD 2
 

Ja aber wie ist das denn mit dem eigenen Tun und Wollen?
Wie ist das denn nun mit den Regeln?


Der Epheserbrief ist ganz deutlich: 
Im Vers 8 und Vers 9 wiederholt er es: 

8Denn aus Gnade seid ihr gerettet – 
durch den Glauben.
Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft,
sondern es ist Gottes Geschenk.

Also: Die Grenze, sich selber Gott anzunähern (im Schaubild ist das die waagrechte Linie), die bleibt. 
Und sie kann von uns Menschen nicht durchbrochen werden. Und das ist auch gar nicht nötig, weil Gott sie eben durchbrochen hat.
Ich stelle das immer wieder gern fest: Christentum, insbesondere in seiner evangelischen Gestalt, das ist Religion für Faule. 
Wir können für unser Seelenheil, dass Gott uns annimmt, dass Gott uns gegenüber gnädig ist, dass wir in den Himmel kommen, nichts, aber auch rein gar nichts tun.

Und jetzt kommt das Dilemma des 21. Jahrhunderts: 
Paulus hat noch damit gerungen zu verstehen, wie man Gott als Jesus Christus erkennen und begreifen kann. 
Und hat mit seinen Schülern daraus dann seine Theologie entwickelt, aus der hervorgeht, das Christus uns alles schenkt.
Luther hat damit gerungen, wie man einen gnädigen Gott erhalten kann. Für den hatte erstmal Schaubild 1 gegolten!
Schaubild 2 ist aus dem Studium bei Paulus entstanden.

Und wir heute sind in einer seltsamen Situation: 
Wir können nichts tun für das Himmelreich (laut Paulus) und wir werden von Jesus unbedingt anerkannt (laut Luther):
Das führt dahin, dass die Leute sagen: „Gott, na und?“

Das ist dann die Vorstufe zu: An Gott glaube ich nicht.

„Gott, na und? Der hat mich ja doch nur lieb und alles andere wissen wir nicht.“

Das ist genau die Haltung, die viele unserer Mitmenschen momentan teilen. 
Die Angst vor dem Richtergott ist komplett verschwunden. 
Gut so!
Aber: 
Die Erkenntnis, dass Gott ein unbedingt liebender ist, führt bei vielen Menschen dazu, dass sie ihn einfach ignorieren oder sogar ablehnen.
Anders gesagt: Den Leuten ist es völlig egal, ob sie in den Himmel kommen oder nicht, weil sie entweder meinen, dass nach dem Tode ohnehin alles aus ist – oder aber Gott sie dann bedingungslos schon rein lassen wird.

Oder ist das doch nicht ganz so?
Der Deutschrapper Marteria thematisiert das in seinem Lied „OMG“  = „O mein Gott dieser Himmel, wie komm ich da bloß rein.“ 
Immerhin ist das eines der Lieblingslieder der jüngeren Generation, 37 Wochen lang belegte es 2014 Platz eins der deutschen Charts. 
Sein Lied endet ernüchternd: Auf die Frage, wie er in den Himmel kommen könnte, antwortet er am Ende selbst: 
„Egal, ich liege in ihren Armen. 
Ich lieg in ihren Armen. (Armen!)
Oh mein Gott, bin im Himmel,
sie macht mich einfach nur heeeeeiß.“ 

Keine Antwort im Song, sondern einfach nur Gleichgültigkeit, da man mit der Liebsten ein Schäferstündchen verbringt.

Oder die Leute, die mir manchmal begegnen, und vom Himmelslohn reden. Für die scheint mir, wenn das nicht eine bloße Floskel ist, Gott doch sehr wohl noch eine Realität zu sein.

Das ist so schade, weil die Realität Gottes dieser Leute eher ins Schaubild 1 passt. 
Für Evangelische ist das nicht wirklich denkbar: 
Erarbeiteter Himmelslohn.
Den hat Jesus doch schon für uns besorgt!

Aber das ist ohnehin die Minderheit. 
Die Mehrheit der Leute hat eher die Gleichgültigkeit Gott gegenüber. 
So wie vor einiger Zeit mir mal ein Konfirmand begegnete und auf die Aussage, dass man als Christ einen Platz im Himmel hat, nur antwortete: „Ja und?“

Liebe Gemeinde,
die Folge des evangelischen Christentums ist, dass sich ein Teil der vorher noch gemäß Schaubild 1 Gläubigen von Gott verabschiedet. 
Für Schaubild 2 scheinen mir die meisten Menschen keine Anwendung zu haben. Es lässt sie kalt zurück. Weckt kein Interesse.

Dabei ist die Theologie aus Schaubild 2 doch so unendlich viel tiefergehend: 
Nicht wir kleinen Menschen sind Herren des Geschehens, sondern der ewige Gott macht sich uns gleich. 
Er kommt zu uns!
Und er schenkt uns das ewige Leben.
Und er erlaubt uns, unser Leben in Freiheit zu leben ohne uns irgendwelche Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
Ja, ihr habt richtig gehört: Knüppel! Die Regeln, die manche meinen zu brauchen, das sind „irgendwelche Moralvorstellungen aus längst vergangenen Jahrhunderten. Moral ist nichts, was bleibt. Moral wendet das Mäntelchen in den Wind des gesellschaftlichen Geschmacks. Das ist keine Größe, an der ich mich abarbeiten kann.“ (WLP 6 2016,234)
Die Regeln des Zusammenlebens müssen von jeder Generation und immer wieder neu durchdacht und festgelegt werden. Aber dann doch wohl auch ohne ein ewig festgezurrtes Gesetz Gottes!

Andererseits gibt es sie ja doch: die Moral. Und auch eine durchaus christlich zu beschreibende Moral gibt es! 

Und die Leute von der Kirche, das kann man überall verfolgen, die stellen doch ständig irgendwelche moralischen Forderungen!
Woran liegt das? 
Entweder ist derjenige, der da fordert, noch im Schaubild 1 verhaftet (den Eindruck habe ich im übrigen nicht selten) – oder aber er tut einfach nur das, was der Paulusschüler selber in seinem letzten Vers 10 sagt und woraus sich wiederum eine Menge herleiten lässt: 

10Denn wir sind Gottes Werk.
Durch unsere Zugehörigkeit zu Christus Jesus
hat er uns so geschaffen,
dass wir nun das Gute tun.
Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Aus dem heraus, was Gott da für uns getan hat und tut, entsteht der Glaube. 
Plötzlich ist er da.
Glaube ist die Beziehung Gottes zu mir, in die ich nur überwältigt oder begeistert einstimmen kann.
Und dann passiert etwas, das die allgemeine Vernunft übersteigt:
Aus dem Glauben heraus richte ich automatisch mein Leben anders aus. 
Der allmächtige Gott liebt mich? 
Wow, meine Minderwertigkeitsgefühle sind wie weggewaschen! Mich Erdenwurm liebt derjenige, der Himmel und Erde gemacht hat! 
Und dieser Jesus nimmt mich an? 
Mit meinen Ecken und Kanten, mit meinen Fehlern, mit meiner eigenen Gottvergessenheit?
Wow, da kann ich ja ganz anders, viel entspannter ins Leben gehen. 
Auch wenn mich der Chef anmotzt, auch wenn meine Ehe auf der Kippe steht oder sogar gescheitert ist: Da kann ich guten Gewissens immer weiter machen und gehen. 
Und ich kann das weitergeben. 
Ich kann anderen Leuten davon erzählen. Und noch besser: 
Ich kann mich danach verhalten.

Plötzlich ergibt der liebende Gott (Schaubild 2) Sinn für mein Leben: 
Viel freier, ja erlöster kann ich mein Leben leben als vorher.
Oder umgekehrt, mit Martin Luther aus seiner Epheserbriefauslegung von vor 500 Jahren gesprochen:
„Derhalben ist es ebenso ungereimt geredet, wenn sie sagen: der Gerechte muss gute Werke tun – wie wenn sie sagen: Die Sonne muss leuchten. Der Birnbaum muss gute Früchte tragen, Gott soll gute Werke tun, drei und sieben müssen zehn sein; da doch dies alles mit innerlicher Notwendigkeit aus der Sache folgt. Dass ich´s noch klarer sage: Dies alles folgt mit Notwendigkeit von sich aus und aus seiner Natur. (…) Der Gerechte tut von sich aus gute Werke. Die Kreatur tut, was sie tun soll!“ (Luthers Epistelauslegung 3. Epheserbrief, 1973, S. 13.)

Den Iranern, die sich hier haben taufen lassen, unterstelle ich, dass sie das größtenteils gespürt haben. Und deswegen gern hierher kommen.
Ich frage mich aber, wie wir dahin kommen können, dieses Gespür der Mehrheit unseres Volkes zurückzubringen.
Wenn dann doch wohl allein mit Zuversicht: 

Gott selbst hat es schon für uns bereitgestellt,
damit wir unser Leben entsprechend führen können.

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Predigt an Misericordias Domini 2016 zu Joh 21,1-19

Von Pfarrer i.R. Wolfgang Schmidt-Nohl                                                            

VERLESUNG von Joh 21,1-19 nach rev. Lutherbibel

Liebe Gemeinde!
Aus mehreren Gründen wird dieses 21. Kapitel des Johannesevangeliums für einen Nachtrag des Evangeliums gehalten. Schliesslich hat das vorige Kapitel 20 einen ausgesprochenen Abschluss: „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor Seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes…“ (20, 30f)

Auf der anderen Seite finden sich im darauffolgenden hier verlesenen Kapitel 21 so viele Anklänge und Bezüge zum Johannesevangelium, dass es als wirkliche und authentische Fortsetzung des Evangeliums verstanden werden kann. Es wird am Ende ja auch unter dieselbe Verfasserschaft gestellt : „Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“ (21,24) Und dieser Jünger wird im gesamten Evangelium nicht unter einem persönlichen Namen geführt, sondern als der „Jünger, den Jesus liebhatte“. Es handelt sich dabei wohl um Johannes, einen der Söhne des Zebedäus, neben seinem Bruder Jakobus.
Die Geschichte, die wir hier heute bedenken, zählt zu den vollgültigen Ostergeschichten des Neuen Testaments. Wir verstehen darunter alle die Geschichten, in denen der auferstandene Jesus den Seinen lebendig begegnet. 
In all diesen Berichten schafft der Auferstandene selbst und allein die Bedingungen der Begegnung mit ihm. Keine einzige Ostergeschichte wurde entsprechend von denen herbeigesehnt, denen der Auferstandene diese Begegnung gewährt.
Das sind auf der einen Seite Begegnungen in und um Jerusalem, auf der anderen Seite Begegnungen des Auferstandenen in Galiläa, wo Jeus Seine Jünger einst in die Nachfolge berufen hatte. Den Frauen am Grab war ja gesagt worden: „Geht aber hin und sagt Seinen Jüngern und Petrus, dass Er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr Ihn sehen, wie Er euch gesagt hat.“ (Mark.16,7)
Diese Ankündigung wird unter Anderem in unserer heutigen Predigtgeschichte eingelöst. Dabei erinnern manche Umstände und Einzelheiten an die Zeit des irdischen Jesus mit Seinen Jüngern . Es ist schliesslich auch für uns persönlich nicht egal, wo wir Jesus und Seinem Wort zuerst im Leben begegnet sind. Vielleicht war das in der Kirche, im Schul- oder Konfirmandenunterricht, möglicherweise auch im Abendgebet der Eltern oder Großeltern an unserem Bett.

Die heute gehörte Ostergeschichte beginnt mit dem Zusammensein von Sieben der Jünger am See Tiberias bzw. Genezareth: Simon Petrus, Thomas, Nathanael, die Söhne des Zebedäus Johannes und Jakobus und noch zwei Andere. Es handelt sich also um kein organisiertes Treffen oder eine Zusammenkunft des Zwölfer- bzw. Elferkreises , in dem etwa auf eine Begegnung mit dem Auferstandenen gewartet würde. Die Situation entspricht eher dem Alltag der Männer, die von Beruf Fischer gewesen waren. Dem gehen sie jetzt nach, und zwar wurde nachts gefischt. Aber in dieser Nacht fangen sie nichts. Schon das könnte sie an den Fischzug des Petrus zur Zeit des irdischen Jesus erinnern und damit an die Berufung des Simon zum Menschenfischer. (Lukas 5)
Wir hören weiter: „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wußten nicht, dass es Jesus war.“ – So war es vor ihnen schon Maria aus Magdala am Grab Jesu ergangen: „ Sie wandte sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.“ (Joh.20,14) – Der Auferstandene ist nicht einfach der wiederbelebte Jesus von Nazareth. Er ist der lebendige und bereits verherrlichte Sohn Gottes auf Seinem Weg zurück zum Vater. Als solcher wird Er erkannt an Seinem Wort und an den Zeichen, die Er tut und mit denen Er die Jünger an Seine irdische Zeit mit Ihm erinnert.
„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer.“ – Womöglich ist das auch für uns, die wir im Glauben zu Ihm gehören, unsere ewige Zukunft: dass an dem Morgen, auf denen keine Nacht mehr folgen wird, Er auf uns wartet, um uns von hier nach dort ins Leben zu bringen, das kein Ende mehr hat. 
Den Jüngern am See gibt Er den Auftrag, das Fischernetz zur rechten Seite des Bootes auszuwerfen. Es kommt zu einem gewaltigen Fischfang. Sie konnten das Netz mit Fischen kaum ziehen. Da endlich erkennt Ihn der Lieblingsjünger und sagt zu Petrus: „Es ist der Herr!“ – Simon wirft sich vom Boot ins Wasser, um nur schnell genug bei Seinem Herrn zu sein. Will er am Ende wieder einmal der Erste und Wichtigste von allen sein?  – Davon wird zwischen Jesus und Petrus noch die Rede sein.
Die anderen Jünger kamen mit dem Boot und dem vollen Netz die etwa 100 Meter hinterher.
An Land wartet Jesus mit einer Mahlzeit aus Fisch und Brot auf sie, zubereitet auf einem Kohlenfeuer. Das griechische Wort für Kohlenfeuer – anthrakia , siehe das eingedeutschte Wort Anthrazit – begegnet im gesamten Neuen Testament nur an zwei Stellen: hier und im Hof des Hohenpriesters Kaiphas, wohin Simon Petrus dem gefangengenommenen Jesus gefolgt war und sich mit den Knechten daran wärmte. Während dieses Aufenthalts leugnete er allerdings dreimal, zu Jesus zu gehören. Wollte der Herr ihn nun mit dem Kohlenfeuer daran erinnern? – Das folgende Gespräch zwischen dem Herrn und Simon lässt darauf schliessen. Doch soweit ist es noch nicht.
Jesus gibt den Befehl, von den gefangenen Fischen zur Mahlzeit dazu zu holen.

„Simon zieht das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriß doch das Netz nicht.“ (V.11) Mit Sicherheit hatte die genaue Zahl der Fische 153 eine bestimmte Bedeutung, doch lässt sich für uns der genaue Sinn nicht mehr herausfinden. Möglicherweise steht die Zahl für die Anzahl der damals bekannten Völker, denen die Apostel das Evangelium predigen sollten. Dass das Netz nicht zerriß, mag man so deuten, dass die Einheit der Christenheit auf der Erde nicht zerreisst, solange sie in der Einheit in Jesus Christus verbunden bleibt.
Der Auferstandene hält die Mahlzeit mit den Seinen, und keiner muss mehr fragen , wer Er ist. Alle wissen es. Dass Er es ist, der diese Mahlzeit austeilt, macht Brot und Fisch zum Sakrament wie sonst Brot und Wein. Mehr als Seine Gegenwart ist an Heil nicht möglich. Sakrament, Mittel zum ewigen Heil, ist bereits jedes lebendige Wort, das Jesus Christus an uns richtet. Alles, was je Sakrament genannt werden darf, hat seinen einzigen Grund im Kreuz und in der Auferstehung Jesu am Ostermorgen.
Liebe Gemeinde! Das ewige Heil in Christus ruft in Seine Nachfolge, hier besonders dargestellt in der Berufung des Simon Petrus in den Dienst an der Herde und Gemeinde Jesu Christi.
„Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? –Er spricht zu Ihm: Ja, Herr, du weiß, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!“ (15)
Dasselbe fragt der Herr noch zweimal, und beim dritten Mal wird Petrus traurig:
„Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!“
Es mag sein, dass die dreifache Frage den Petrus an seine dreifache Verleugnung Jesu im Hof des Kaiphas erinnern soll, aber das muß nicht der einzige Sinn der Ernsthaftigkeit des Fragens Jesu sein. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Jesus Christus im menschlichen Sinn nachtragend ist. Jedenfalls weist der Neutestamentler Rudolf Bultmann in seinem grossen Johanneskommentar darauf hin, dass die urchristliche Überlieferung von einer Rehabilitierung des Petrus nirgendwo etwas weiss oder auch nur andeutet.
Die dreifache Frage Jesu an Seinen Jünger hat doch wohl eher mit der immensen Verantwortung des Simon Petrus für die frühe Gemeinde und Christenheit zu tun. Er vertraut ihm die geistliche Leitung dieser Schar der Glaubenden an. Das ist in erster Linie keine kirchliche Machtstellung , sondern in erster Linie Hingabe an diese Aufgabe und am Ende der Verlust von Leben und Gesundheit für Petrus. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte Er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als Er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!“ (V.18f) 

– Noch einmal beruft Jesus den Petrus, Ihm nachzufolgen, und diesmal besteht 
kein Zweifel, dass diese Nachfolge am Ende sein Leben von ihm fordern wird. So wird er in seinem Dienst wie in seiner Leitung der Gemeinde ganz diesem auferstandenen Jesus Christus angehören. Dieser besondere Auftrag des Petrus wird dann auch mit seinem Tod enden. Es ist hier keine Rede davon, dass ein etwaiger Nachfolger des Petrus eine annähernd gleiche Berufung bekäme oder gar, dass hier von Jesus so etwas wie ein dauerndes Amt der Leitung ins Leben gerufen worden wäre.
Gleichwohl dürfen alle, die zu Jesus gehören wolle, die Frage des Herrn hier für sich persönlich hören: „Liebst du mich mehr als alle Andren?“ Oder in etwas kleinerer Münze: „Liebst du mich überhaupt?“ Bin ich dir wichtiger als viele Andere und vieles Andere? Hörst du aus allen Stimmen um dich herum meine Stimme heraus? Und bist du bereit, auf sie zu hören? Am Ende , selbst wenn du Nachteile dafür in Kauf nehmen musst? Oder gar, wenn es dich dein Leben kostet? „Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ (Joh.10)
In vielen Ländern und Gegenden dieser Welt ist Nachfolge Jesu nicht billiger zu haben als um den Preis von Leben, Freiheit und Gesundheit. Wie sicher können diese Jüngerinnen und Jünger Jesu unserer Unterstützung , unserer  Solidarität und unserer Fürbitte sein? 
Oder ist es nicht vielmehr so, dass wir unsere Geschwister im Glauben noch nicht einmal hier bei uns in Deutschland schützen können, oder sie nicht vor Nachstellungen schützen wollen?
Da sagte ein aktueller evangelischer deutscher Kirchenführer doch allen Ernstes öffentlich, er würde sich ja für verfolgte Christen in Flüchtlingsheimen einsetzen, wenn er nur genau wissen könnte, wie repräsentativ solche Berichte seien. Das darf doch eigentlich gar nicht wahr sein!
Wie wollen und sollen wir 2017 in unserer Evangelischen Kirche ein grosses Reformations- und Lutherjubiläum feiern? Die Wiederentdeckung des Evangeliums von Gottes freier Gnade in Christus brachte Martin Luther in eine Lebensgefahr, der er sich bewusst stellen musste. Den Weg fauler Kompromisse als Weg zurück in den Schoss seiner Kirche lehnte er ab, nicht ohne Angst und nicht ohne Zittern und Zagen. Doch der lebendige Christus half ihm hindurch.
Jesu Frage an Petrus: „Hast du mich lieber, als mich diese haben?“ mag manches an Möglichkeiten in sich tragen, aber eine Aufforderung zu religiöser Toleranz oder zu so etwas wie political correctness ist diese Frage ganz sicher nicht. Die dreifache Frage Jesu: „Hast du mich lieb?“ ist auch keine Einladung an Seine Gemeinde, unsere Kirche als religiöse Gemischtwarenhandlung zu gestalten.
Dann feiern wir das Gedächtnis der Reformation doch lieber mit Barmen 1934, wo es im Bekenntnis der damaligen Synode in grosser Klarheit heisst: 
                                                                                                       

„Jesus Christus, wie Er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung ausser und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“ (These 1)

Jesu Frage an dich und mich nach unserer Liebe und Treue zu Ihm ist im Kern Seine Zusage wirklichen Lebens, eines Lebens in Seiner Gegenwart und an Seiner Hand. Darum vor allem geht es in der Botschaft von Ostern.
Amen.

1. Weihnachtstag 2015: Gotteskinder (1. Joh 3,1-3)

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen. 
Amen.

Der Predigttext für den heutigen Weihnachtsmorgen steht bei 1 Joh 3,1-3.
1 Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.


1.    Einleitung: Gotteskindschaft: Noch nicht offenbar
Liebe Gemeinde,
das ist also die Weihnachtsbotschaft 2015: Ihr seid Gottes Kinder! 
Aber das Kind liegt doch in der Krippe, Maria und Joseph stehen dabei, die Hirten kommen, die Engel singen in der Nacht, später treten dann die Weisen aus dem Morgenland dazu: 
Das Kind Gottes ist doch eng verbunden mit dem Krippenbild, mit dem göttlichen Kind, mit Jesus von Nazareth.
Nicht so sehr mit uns!
Wir dürfen uns heute Morgen aber aus dem 1. Johannesbrief sagen lassen: 
„Ihr seid Gottes Kinder!“
 
Es ist zwar, so räumt der Schreiber ein, noch nicht offenbar, was das nun im Einzelnen heißt, aber ihr seid es. 
So geht es plötzlich gar nicht mehr um das Kind in der Krippe, sondern um uns!
Schauen wir da hin: auf uns!

2.    Das Wort ward Fleisch: Gotteskindschaft an der Krippe
a)    Weihnachtschmuck allüberall
Viele von uns haben ihre Wohnungen in den letzten Wochen kräftig geschmückt. 
Engelchen und Kerzen fehlen in fast keiner Wohnung. 
Weihnachtsbäume stehen in den Wohnzimmern, 
Sterne hängen von den Zimmerdecken, Fensterbilder strahlen nach außen wie nach innen. 

Weihnachten ist eine ungebrochene Tradition unserer säkularisierten Welt. 

Sogar eine Freundin von mir, eine atheistische Weihnachtshasserin, hat sich für ihre sechsjährige Tochter dieses Jahr darauf eingelassen, beim Weihnachtstrubel mitzumachen.  
Ihre Tochter durfte beim Krippenspiel in der Schule hoch im Norden Deutschlands ein Engel sein. 
Weihnachtskekse wurden gebacken. 
Sogar ein Weihnachtsbaum wurde angeschafft.

Weihnachten ist für solche Leute am ehesten ein Lichter- und Familienfest, das begangen wird, um Familie zu besuchen oder sich besuchen zu lassen. 
In der dunkelsten Zeit des Jahres: Machen wir es uns hell, warm und gemütlich!

Gotteskindschaft sieht anders aus.

b)    Fest der Bescherung
Oder die letzten Tage in der Stadt. Geschenke einkaufen. 
Selbst der griesgrämigste Typus Mensch wird meist hineingerissen in die Welt des Schenkens und Beschenktwerdens zur Weihnachtszeit, wie etwa der fürchterliche Ebenezer Scrouge ind er berühmten Geschichte von Charles Dickens. 

Es ist nicht einfach, sich dem zu entziehen. 
Und es ist ja auch eine sehr schöne Tradition!
Wir haben bei uns daheim die Regel: Innerfamiliär wird geschenkt wie man will, außerfamiliär möglichst nicht, aber dies wiederum abgesprochen mit den Freunden. 
Das ist kompliziert. 
Man will ja auch nicht als lieblos dastehen!
Aber auch: Keine Geschenke, die nicht unbedingt nötig sind!

Es artet sonst in Weihnachtsstress aus – und es ist nicht schön, wenn wir es mit Kalt Valentin halten müssen und konstatieren: 

„Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger!“

Geschenke stehen für einen etwas anderen Weihnachtsfest-Typus: 
das Bescherfest. 
Und selbst wer keinen Weihnachtsbaum hat, aufs Schmücken verzichtet und nicht einen einzigen Weihnachtsgottesdienst besucht, der macht statistisch gesehen mit!
Wir haben es Luther zu verdanken, der dem Heiligen Nikolaus das Geschenkebringen wegnahm, da auch die Heiligen schließlich in ihren Gräbern bis zur Auferstehung warten müssen und man den Kindern doch bitte keinen Unsinn erzählen solle. 

Er meinte: 
Das größte Geschenk ist nunmal die Wahrheit, dass Gott in Jesus Christus Gestalt angenommen hat – 
und dies solle man den Kindern doch dadurch beibringen, dass man ihnen Geschenke schenkt.  
Und dazu dann von dem größten Geschenk, nämlich von Jesus selbst, erzählt. 

Ich kann nicht in die Herzen der Menschen schauen, aber ich behaupte: 
So, wie viele von uns in den letzten Tagen Geschenke zusammengeklaubt haben, eingekauft haben, online bestellt haben (das mache ich besonders gern), verpackt haben, hat das mit der Gotteskindschaft, wie sie dem Briefschreiber Johannes vorschwebt, nur in Ausnahmefällen zu tun.

Gotteskindschaft sieht anders aus!

c)    Die Weihnachtskrippe
Versuchen wir es mit der biblischen Tradition selber, nähern wir uns unserer eigenen Gotteskindschaft über die Weihnachtserzählungen des Neuen Testaments! 
Anhand derer können wir eine Menge über uns selbst erfahren!

Die Weihnachtskrippe steht für einen Anfang: 
Den neuen Anfang, den Gott gemacht hat, indem er Mensch wurde. 
„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ aus dem Johannesevangelium ist dafür der entscheidende Satz. 

So verstanden ist dann also weniger die Geburt, als vielmehr das ganze irdische Leben dieses Jesuskindes für uns von entscheidender Bedeutung! 
„Es wohnte unter uns.“ 

Weihnachten ist allein der Moment, wo alles für uns sichtbar beginnt.
Aber unsere eigene Gotteskindschaft, die beginnt ja auch irgendwo! 
Und dies sind meist bedeutende Zeiten im Leben:
–    Ich denke an meine Eltern, die mir erste Schritte des Glaubens beigebracht haben. Die mich – obwohl eigentlich völlig säkular denkend – haben taufen lassen. 
–    Ich denke an meine Religionslehrer, die sich größte Mühe gaben, mir ein Bewusstsein für das Christentum in einer Welt zu vermitteln, die dem Christentum zunehmend gleichgültig bis ablehnend gegenüber steht.
–    Ich denke an mich im Konferunterricht und dem einen Jahr, das ich mit meinem Pfarrer Dienstag für Dienstag hatte. Ein gutes Jahr.

Das war sozusagen meine persönliche Krippenerfahrung, der Beginn meiner Gotteskindschaft: 
Vater und Mutter, drum herum die unterschiedlichsten Gestalten:
Die drei Weisen vielleicht die Relilehrer und der Pfarrer, 
die Hirten meine Paten, 
andere Menschen, meine Freunde, Bekannte, 
eine Menge Engel dazu, die mich auf das Gleis gestellt haben, auf dem ich nun fahre. 
Ochsen, Schafe und Esel meine ich übrigens im Leben auch schon genug getroffen zu haben. 
Aber davon kann es ja, wie man bei unseren Krippenspielen lernt, nie genug geben!

Gute und schreckliche Erfahrungen gemacht, Licht und Dunkel ertragen und gefeiert; 
die Krippe kann so behaglich sein – sie muss nicht der Ort der Flucht, der Vertreibung und der Kälte sein. 
Das ist allein ein gern gehörtes Gerücht unserer Tage, das uns statt zum Glauben in die Sentimentalität zieht, die für das Ereignis der Geburt unseres Herrn absolut nicht angemessen ist.

Also: 
Mit der Krippe ist ein Anfang gemacht! 
Aber wenn wir ehrlich sind: Gotteskindschaft sieht doch noch einmal anders aus!

3.    Gotteskindschaft in der Nachfolge 
Johannes wird in seinem Brief an uns am Weihnachtsmorgen konkret: 
Er sagt: 
„es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein.“

Wie und was die Gotteskindschaft genau und im Einzelnen für dich und für mich bedeutet, ist noch nicht raus, ist noch nicht klar. 

Es ist nur soviel deutlich: 
Wenn das Ende der Zeiten anbricht, dann werden wir klar sehen, dass wir Jesus selbst in unserer Gotteskindschaft gleichen.
Wir sind dann ihm ähnlicher als wir uns das heute vorstellen können, mit all unseren Macken, unseren Fehlern, unseren Eitelkeiten und was es dergleichen mehr noch gibt!
Das heißt aber auch noch etwas anderes: 
Einen Teil der Offenbarung, was es bedeuten mag, ein Kind Gottes zu sein, haben wir sehr wohl: 
Es liegt klar zu Tage, denn es ist Jesus selber. 

Ihm nachzufolgen, das ist die wahre Gotteskindschaft!
Das heißt als allererstes: Aus Glauben heraus leben. 
Egal ob ich am Arbeitsplatz bin oder mich zu Hause in der Familie befinde, allein oder mit anderen: 
Was ich tue, das tue ich im Bewusstsein, dass Gott selber mir ganz nahe ist und mich als sein Kind annimmt. 

Dann bedeutet es als nächstes: 
Auch derjenige, dem ich begegne, könnte ein Kind Gottes sein! 
Ich behandle ihn/sie also so, wie ich selbst behandelt werden möchte – ja noch mehr: 
ich versuche und bemühe mich darum, mein Gegenüber so zu behandeln, wie ich mich selbst liebe – als Kind Gottes! 
Das klappt nicht immer, das weiß ich selbst. 
Mir fällt es zwar recht leicht, Fehler einzusehen und mich bei anderen zu entschuldigen. 
Zu versuchen, Dinge wieder gut zu machen, wenn ich mal Mist gebaut habe. 
Das geht schon ganz gut.

Aber es fällt mir wahnsinnig schwer, anderen zu verzeihen. 
Wer mich einmal schlecht behandelt hat, dem gebe ich so schnell keine zweite Chance. 

Doch genau darauf käme es dann an, wenn Gotteskindschaft ernsthaft gelebt werden will! 
Falle ich, fallen wir dann also aus der Gotteskindschaft heraus, wenn wir ein nicht so heiliges Leben führen, wie ich es gerade verlange?

Nein! 
Denn mit der Taufe haben wir die Gewissheit, dass wir von Gott als seine Kinder angenommen werden. 
Ohne Bedingung.

Wie ein Vater seine Kinder liebhat, selbst wenn sie den ganzen Tag nur Unsinn im Kopf haben, so nimmt er uns als seine Kinder an. 
Aber wie ein Vater sich freut, wenn seine Kinder keinen Unsinn treiben, sondern liebevoll miteinander umgehen, so freut sich auch Gott an uns, wenn wir Jesus nachfolgen und ihn und sein Wort Ernst nehmen.

Gotteskindschaft heute, das heißt: 
Seid weihnachtliche Menschen! 
Schmückt nicht nur Eure Wohnungen weihnachtlich, sondern lasst euch von Gott selbst schmücken. 
Geht nicht nur in den Gottesdienst, sondern nehmt Gott und den Gottesdienst mit nach Hause!
Schenkt nicht allein verpackte Geschenke, sondern schenkt der Welt eure Liebe!

Er freut sich an Eurem Schmuck, der eure Augen leuchten lässt. 
Er freut sich an eurem Glauben, der aus eurem Herzen strahlt.
Er freut sich an Eurer Liebe, die den Nächsten bedenkt und beschenkt.

Und wir? 

Wir dürfen uns freuen über die Liebe Gottes, 
die höher ist als all unsere Vernunft, 
und die unsere Herzen und Sinne in Jesus bewahrt, dem Kind in der Krippe und dem Christus der Welt.
Amen.