15. Sonntag nach Trinitatis 2015: Das Reich Gottes in dieser Welt (Mt 6,25-34)

Von Pfarrer Marvin Lange

PREDIGTTEXT MT 6,25-34
25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?
26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?
27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?
28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.


29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.
30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?
31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?
32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.
33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.
34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

1.    Einstieg: Konfirmationsfrage (Was werden wir essen/trinken/anziehen?)
Liebe Gemeinde,
in unserem Text aus der Bergpredigt geht Jesus auf die drei entscheidenden Frage ein, die die meisten Eltern von Konfirmanden ungefähr ab jetzt umtreibt:
Was werden wir essen? 
Was werden wir trinken? 
Womit werden wir uns kleiden?

Die Suche nach dem passenden Restaurant, die Diskussionen mit den Jugendlichen, ob eher Schweinemedaillons in Safransauce oder American Burger, nehmen in vielen – wenn nicht den meisten Familien – einen breiten Raum ein.
Dann die elenden Diskussionen um die Getränke: Wieviel darf eine vierzehnjährige Konfirmandin „schon“ trinken – ab der Konfirmation mache man das doch so, dass da ein oder auch ein paar Gläschen in Ordnung seien.
Und die Debatten darüber, warum man sich einen Anzug kaufen soll und nicht unbedingt mit Flipflos in den Gottesdienst einziehen sollte, weswegen das Kleid nicht ganz so kurz sein darf (weil ihr knien müsst und dann sieht man von hinten möglicherweise mehr als ihr möchtet) oder warum man ganz einfach das gebrauchte Kostüm der großen Schwester nehmen soll, obwohl man doch so schön shoppen gehen könnte.

Ich selber verstehe diese Fragen und mache sie mir selber oft und stark zu eigen. 
Bald feiern wir einen Geburtstag: 
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

Und was sagt Jesus dazu?
Die Antwort fällt vernichtend aus. 
Nach all dem trachten die Heiden.

Wir sind nicht in besonders guter Gesellschaft, wenn wir das so tun. 
Wir sind Menschen – beide: Heiden und Christen!
Aber der feine aber am Ende doch gewaltige Unterschied ist: 
Heiden sind gottlos – Christen nicht. 

Wenn Jesus also sagt, wir seien im Trachten danach wie die Heiden, dann wirft er uns vor, dass wir etwas Entscheidendes vergessen hätten.
Nämlich Gott selber.

Kann es aber sein, dass Jesus uns den völligen Verzicht auf solche Fragen empfiehlt?
Eine Party muss doch gut vorbereitet werden! 
Eine Konfirmation will sorgfältig geplant sein!
Und die Frage nach Essen/Trinken/Kleidung stellt sich doch unmittelbar, spätestens dann, 
wenn man weder das eine noch das andere hat. 

Es wird uns dieser Tage ja wieder vorgeführt, wenn ich lese und höre, dass es den vielen Flüchtlingen an Kleidung, vor allem an Schuhen, mangelt.

Ich will dem von einer anderen Seite nachgehen!

2.    Meine Zigeunerbegegnung (Nahrung und Kleidung)
Donnerstag war ich mal wieder einkaufen. Schon auf dem Parkplatz wurde ich beäugt von außerordentlich schlecht gekleideten Menschen aus Südosteuropa. 
Schmuddelig und schief grinsend schauten mich eindringlich an, was mich stark befremdete. 
Na, es könnten Flüchtlinge sein, wer weiß, andere Kultur, wir sind hier ja Willkommenskultur, also lächelte ich sie schüchtern an. 

Während ich meinen Einkaufswagen in den Supermarkt schob, sprach mich auch schon der erste an, indem er mir einen Zettel zeigte auf dem irgendetwas stand. 
Jedenfalls wollte er Geld von mir.
 
Ich wurde ihn rasch wieder los indem ich den Kopf schüttelte. 
Und irgendwie nervös war dabei. 
Sonst machen mir Bettler keine Angst.

Auf einmal merkte ich, dass um mich herum, allerdings noch in ordentlichem Abstand, bestimmt fünf oder sechs dieser Typen zu sehen waren. 
Während der eine mich noch angrinste, drückte sich plötzlich ein anderer an mir vorbei. 
Ich drückte dagegen mein Portemonnaie dichter an mich und fühlte mich zunehmend unwohl. 

„Das ist so eine südosteuropäische Diebesbande, vor denen manchmal gewarnt wird und die man früher einmal ungestraft Zigeuner nennen durfte“, schoss es mir durch den Kopf. 
Das darf man heute ja nicht mehr sagen. Das ist politisch inkorrekt. 

Aber egal: Die haben es auf mich abgesehen.

Es ist alles gut gegangen. 
Mir wurde nichts gestohlen. 
Noch ein paarmal wurde mir seltsam grinsend zugenickt, dann haben  sie von mir abgelassen.
Worauf will ich hinaus?

Diese Leute sorgen sich lang- und mittelfristig weder um Nahrung, noch um Getränke noch um Kleidung.
Die Kleidung war denkbar schlecht, überhaupt war das Äußerliche so, dass man es nicht nur sah, sondern auch roch: Hier kommt jemand sehr armes.
Und Nahrung und Trinken finden sich schon kurzfristig. 
Sei es durch einen Spender, sei es durch einen Diebstahl, dem ich zweifellos beinahe zum Opfer gefallen wäre.

Also die Sorge um Essen und Trinken und Kleidung: 
Empfiehlt es Jesus, sich so wenig darum zu scheren wie diese rumänische Bande? So dass erst dann, wenn der Magen knurrt oder die Kehle trocken ist, man auf einen raschen Raubzug geht?

Ich bin mir sicher, dass so etwas der Herr nicht gemeint haben kann!
Es würde ja bedeuten, dass man gegen Gottes Ordnung verstoßen müsste. 
Du sollst nicht stehlen. 
Nicht begehren. 
Wie meint er es also?
Muss man sich dennoch sorgen, obwohl er sagt, wir sollten das lassen?

Ich nähere mich der Antwort mit einer Überlegung über die Flüchtlinge hier in der Zeltstadt: 

3.    Ein Wort zu den Flüchtlingen (Aufforderung das Reich Gottes zu sehen, das diese in Deutschland sehen!)
Es sind da ja Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten untergebracht. 
Da sind gebrochene Menschen des syrischen Bürgerkriegs neben sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen neben Somaliern neben Afghanen und anderen.
 
Muslime, Christen, Jeziden, Atheisten. 

Bunt durcheinander gewürfelt und sich leider auch nicht immer grün.

Ich will bei den Kriegsflüchtlingen und politisch Verfolgten bleiben. 
Als diese weggegangen sind, geflohen sind, ging es ihnen um Leib und Leben, Hab und Gut.
Viele sind nur mit einem Rucksack unterwegs, ein Bündel Geld, das sie den kriminellen Schleusern abliefern mussten, um hierher zu kommen. 
Haus, Besitz, alles zurückgelassen. 
Diejenigen, die ich kenne, waren keine armen Leute, bevor sie hierhergekommen sind.

Sie kennen das alles.
Aus den Zeitungen.
Aus den Nachrichten.
(Hoffentlich hat der eine oder andere mittlerweile auch Kontakt zu Flüchtlingen. Nur durch echten Kontakt mit uns ist Integration möglich.)

Was trieb die Flüchtlinge ursprünglich an? 
Das Überleben. 
Mehr erst einmal nicht.
Und dann die Vision eines gelobten Landes. 
Des Paradieses. 
Wohin gehen, um zu überleben?

Den Ländern Mittel- und Nordeuropas, wo es kaum Gewalt gibt, wo Polizisten dein Freund und Helfer sind, wo man sogar ohne Arbeit gut leben kann, wo man für seine Kindern beste Ausbildungen erhält, wo es immer genug essen für alle gibt. 
Wo man trinken darf, was und wann man will, 
wo Kleidung wenn nicht kostenlos, 
so doch fast umsonst zu bekommen ist. 
Wo man freundlich empfangen wird.

Das ist ein gutes Ziel um zu fliehen! 
Ein besseres als alle anderen!

Ich würde mich auch auf den Weg zu uns machen, wenn ich ein vertriebener Christ aus Mossul wäre. 
Ich würde alles in Bewegung dafür setzen, mit meiner Familie hierher kommen zu dürfen. 
Alles gäbe ich dafür, mein Leben, das ohnehin ständig auf dem Spiel steht, würde ich als Einsatz in die Waagschale werfen.
Meine Kinder könnten es so einmal besser haben als ich es hatte!

Ihr Lieben, hier bei und ist tatsächlich das Reich Gottes bereits so sehr verwirklicht, dass wir es für selbstverständlich halten und gar nicht mehr merken, in was für einer großartigen Zeit in was für einem  großartigen Land wir leben.
Das merken nur diejenigen, die darauf schauen!

Bloß: Wie manche den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, so sehen bei uns so viele nicht mehr Gott vor lauter Reich Gottes um uns herum.

Dürfen wir es also Menschen der Bürgerkriegsländer verübeln, wenn sie sich hierher auf den Weg machen?
Kurz ist die Antwort: 
Nein – das dürfen wir nicht. 
Das Reich Gottes ist der Ort, den wir Christen anstreben. 
Und unser Land ist der Ort, den Flüchtlinge zum Teil für diesen Ort halten.
Dass dem nicht so ist und das Paradies von uns noch immer unendlich weit fort ist, das wird den meisten ja recht schnell klar – spätestens bei brennenden Heimen, aber auch schon wenn die Nächte in den Zeltstädten bald ungemütlich werden oder die Gewalt der konfliktbeladenen Länder zu uns hierher importiert wird und sich entlädt.

Doch die Vision des Reiches Gottes der Flüchtlinge kann für uns zum Schlüssel der Aufforderung Jesu werden. 
Denn: Das Reich Gottes ist die Antwort.

Doch zunächst ein Gegenbeispiel, 
eine Realsatire.

4.    Nur um sich selbst kreisen
„Katja ist Mitte dreißig und weitestgehend sorgenfrei. 
Jedenfalls was Sorgen für andere angeht. Für sich selbst sorgt sie sehr. 
Ihre Arbeitsstelle hatte ihr noch nie sonderliche Freude gemacht. 
Da traf es sich gut, dass sie schwanger wurde, dann in den Mutterschutz gehen konnte und nun erst einmal eine Weile zu Hause bleiben kann – 
mit sich und dem Kind, während ihr Mann arbeitet. 
Katjas Tage sind ausgefüllt mit Gedanken über sich und ihr Kind. 
Haushalt ist ihr zu anstrengend, muss sie doch auf ihr Kind achtgeben. 
Meist frühstückt sie spät oder sie geht essen. 
Einkaufen und Wäsche erledigt ihr Mann; sauber macht die freundliche Dame aus Kasachstan. 
Wenn sonst noch etwas Gewichtiges zu tun ist, kommt ihr Vater aus 200 km Entfernung angereist. 
Das Enkelkind lockt ihn mehr, als er die lange Fahrt und Rückfahrt fürchtet. 
Als jemand sie um eine kleine Hilfe bittet, kann sie gerade nicht, will spazieren gehen. 
Verspricht aber, später zu kommen. Kommt dann zu spät. 
Alle sorgen sich um Katja, und die sorgt sich um sich und um sonst nichts. 
Es gibt Tage, da weiß sie auf Anhieb nicht, was sie tun könnte. 
Dann fragt sie sich am Morgen: 
Was könnte ich mir heute mal Gutes tun? 
Kosmetikerin? 
Thai-Massage? 
Frühstücken im Café mit anderen Müttern? Es wird sich finden. 
Es findet sich immer. 
Katja ist sorglos, was andere Menschen angeht. 
Und sehr besorgt, was sie selbst angeht. Ihr ganzes Bestreben geht in eine Richtung: 
die eigene. 
Deswegen hören ihre Sorgen nie auf. Zufrieden kennt man sie nicht. 
Je sorgloser sie gegenüber anderen ist, desto besorgter wird sie um sich selbst.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)

5.    Mein Kalender und das Sorgen um den Nächsten Tag (der morgige Tag wird für das Seine sorgen!)
Noch einmal zum Predigttext zurück:
„Zunächst erscheint der Text – paradoxerweise – wie eine Überforderung. Wie soll das gehen – sich nicht zu sorgen? Vielleicht nicht um Essen, Trinken und Kleidung, davon haben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft genug. Aber um den Arbeitsplatz, um die Gesundheit, um die Kinder? 

Es gibt genug Grund zur Sorge im Leben. Auch der Vergleich mit den Vögeln und den Lilien hilft wenig weiter. 
Es ist ja Segen (und manchmal vielleicht auch Schicksal?) des Menschen, dass er planen und Vorsorge treffen kann.

Ich glaube, ein Schlüssel zum Verständnis liegt im letzten Vers: 
Sorgt nicht für morgen … 

Ich kenne das von mir: 
Dass die Zukunft – was muss ich organisieren, was kann alles schiefgehen, wie werde ich mich dann verhalten? – 
mich vom Jetzt ablenkt. 

Gedanklich lebe ich viel zu oft im Morgen und verpasse damit eine große Chance: Gott zu begegnen. 

Gottes Nähe kann ich immer nur im Heute erfahren, in dem Moment, in dem mich etwas quält, in dem mich etwas freut, jetzt. 

Jesus will uns nicht überfordern, sondern entlasten: 
In seiner Gegenwart werden Sorgen leichter. 
Er gibt noch einen Hinweis im Umgang mit den eigenen Sorgen: 

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. 

Das sagt mir: 
Mach’ die Sorgen deines Nächsten zu deinen eigenen.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)
Also: 
Suche die Flüchtlinge auf, die jetzt hier sind – egal, ob du die Flüchtlingspolitik unserer Regierung für  richtig oder für falsch findest! 

Bleibe nicht nur bei dir selbst stehen!

Benenne aber auch das Falsche beim Namen – unerschrocken und ohne Rücksicht auf die Verdreher der Wahrheit! 

„Wer sich um den Nächsten sorgt, dessen eigene Sorgen werden kleiner.“ (Werkstatt für Liturgie und Predigt 7/2015, S. 285f.)

Und der darf dann auch gern gemeinsam in der Familie drüber nachdenken, was am besten an der Konfirmation aufgetischt wird und was für Kleidung für die nächste Party am angesagtesten ist.

Amen.
Und der Friede Gottes….


LIED NACH DER PREDIGT EG 182,1-6: SUCHET ZUERST GOTTES REICH IN DIESER WELT

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2015: Die Tribute Christi: Joh 14,23-27

Autor: Pfarrer Marvin Lange

Einspieler Lied: The hanging tree – rebel remix
„Are you, are you, 
coming to the tree
Where I told you to run 
so we’d both be free.
Strange things did happen here, 
no stranger would it be
If we met at midnight 
in the hanging tree.“


    „Kommst du, kommst du, 
kommst du zu dem Baum,
    Wohin ich dir riet zu fliehen 
und uns zu befreien?
    Seltsames trug sich hier zu, 
nicht seltsamer wäre es,
    Träfen wir uns um Mitternacht 
im Henkersbaum.“


Ein Hit ist es geworden, dieses Lied von James Newton Howard, das gesungen wird von Katniss Everdeen in der großen Trilogie „Die Tribute von Panem“. Platz 1 der Charts im Januar, wochenlang.
Die Geschichte um die Hungerspiele, bei denen in einer mörderischen Diktatur Jugendliche gegeneinander bis zum Tod bekämpfen müssen, hat mich von der ersten Filmminute an begeistert. 
Hat´s jemand von Euch gelesen? Ich habe nur die Filme geguckt – aber auch diese haben es in sich!
Es ist eine unbestimmt ferne Zukunft in einem Amerika, das durch innere Kriege und Katastrophen geeint wird von einer Diktatur. Präsident Snow regiert vom Kapitol aus in den Rocky Mountains zwölf Distrikte. Die Menschen in diesen Distrikten werden unfrei gehalten wie Sklaven und müssen für das Kapitol arbeiten, damit die Einwohner dort ihren extravaganten Lebensstil erhalten können. Als Höhepunkt des Jahres wird ein großes Filmfestival abgehalten, bei dem Jugendliche aus jedem Distrikt in einer Arena wie bei den römischen Gladiatorenspielen gegeneinander antreten müssen. Von den 24 Tributen, wie diese Jugendlichen heißen, darf nur einer siegreich heimkehren. 
Panis et circenses – so hieß das früher in Rom – Brot und Spiele für Massen. Und so heißt das Land Panem, also Brotland, in ständiger Erinnerung daran, dass nur mit dem Kapitol, nur unter der Diktatur, für alle genug Brot vorhanden ist. 
Das ist freilich Blödsinn: Die Diktatur des Kapitols führt zu einer entsetzlichen Mangelwirtschaft, bei der es nicht genügend Brot gibt. Die Menschen schlagen sich irgendwie durch, gehen in die Wälder wildern, handeln das wenige, das sie haben auf dem Schwarzmarkt. 

Dafür gibt es um so mehr circenses, also Spiele. 
Mörderische Spiele, mit denen die Menschen in Angst und kleingehalten werden sollen.
Es ist trotz der medialen Ausleuchtung eine finstere Welt, in der die Tribute von Panem spielt. Jugendliche, zum Teil Kinder werden zum merkwürdigen und zweifelhaften Vergnügen der Mächtigen in diesem schaurigen Ritual der Hungerspiele ermordet.

singen:
Are you, are you
Coming to the tree
They strung up a man
They say who murdered three.
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree.

Doch die Stimmung im Lande kippt. 
Der Drang nach Freiheit im Menschen ist einfach zu groß. Bei der Bestimmung der Tribute für die 74. Hungerspiele fällt das Los auf die 12-Jährige Primerose. Die größere, 16 Jahre alte Schwester Katniss erträgt den Gedanken daran nicht, dass ihre kleine zarte Schwester als Tribut in der Arena geopfert wird und meldet sich freiwillig an ihrer Stelle. 
Da die Welt in Panem eine Medienwelt ist und alles, wirklich alles, für Show-Zwecke vermarktet wird, erleben die armen Einwohner der 12 Distrikte, wie sich diese junge Frau freiwillig meldet und sich damit voraussichtlich selbstlos opfert. 
Und während viele ihrer Gegner im Verlauf des Spiels zu brutalen Mördern werden, nur um ihre eigene Haut zu retten, spielt Katniss in diesem Spiel von Gewalt und Gegengewalt nicht mit, sondern sucht nach einem Ausweg aus der Spirale der Gewalt.
Dies stachelt die über Fernsehen zuschauenden Menschen an, eine Rebellion zu starten – zunächst friedlich, später dann aber zunehmend auch mit Gewalt…

Ich will jetzt gar nicht weiter erzählen, sonst droht hier Spoiler-Gefahr – die, die es nicht kennen: Schaut es euch einfach an und urteilt selbst!

Jesus sagt: 
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Für mich hat diese Trilogie einen hohen cineastischen Stellenwert, weil in ihr etwas vorweggenommen wird, das ich für nicht so unwahrscheinlich halte. 
Es der Kampf um die Freiheit im postdemokratischen Zeitalter. 
Es ist in den Medien in aller Munde: 
Wir leben in einem medial bestimmten Zeitalter der Schwärme, der Shitstorms, der uns bestimmenden Werbeindustrie (ohne dass wir ´s merken) – inwieweit sind wir selbst frei, uns für das eine oder das andere zu entscheiden?
Bei den Tributen von Panem ist des Effie Trinket, die aufgesetzte Moderatorin, die diese Kunstwelt der Medien völlig übertrieben repräsentiert. 
Geistlos, oberflächlich, überschminkt. 
Sie hat ein gutes Herz, ja, aber sie kommt aus der medialen Rolle, die sie angenommen hat, einfach nicht mehr raus! 
Sie ist nie sie selbst. 
Niemals.

Inwieweit sind wir eigentlich noch Konsumenten und nicht selber schon das Produkt? Bei Google, bei Paypal, bei Facebook, da sind wir das schon längst: Scheinbar Konsumenten, die Dienstleistungen abrufen, in Wahrheit aber Produkte, die weiter vermarktet werden. 

Bei den Tributen von Panem ist die entsprechende Vermarktung, das „sich selbst zum Produkt machen“, sogar überlebenswichtig. 
Katniss und Peeta, die beiden Hauptdarsteller, wären nie so erfolgreich gewesen, wenn sie nicht von Stylist und Modedesigener Cinna entsprechend in Szene gesetzt worden wären. 

Einfach werbewirksam: „Das Mädchen, das in Flammen steht.“ 
Aus den Kohlegruben des 12. Distrikts ins Kapitol. 
Katniss, der brennende Todesengel. 

Das macht Quote, das verspricht Einkünfte. Schade, dass sie wahrscheinlich dabei sterben wird.

Und: Wie stark ist unser Spielraum für die politische Mitbestimmung in unserer repräsentativen Demokratie?  Sind wir schon im postdemokratischen Zeitalter angelangt?
Im Film mach sich Präsident Snow die mediale Inszenierung und Manipulation zu Eigen. 
Wenn Menschen manipulierbar sind, denkt er, dann sollte man das auch nutzen – zu seinen Zwecken. 
Wir sind noch nicht so weit hier bei uns, da hat Russland und Präsident Putin gerade eine traurige Vorreiterrolle in Europa, aber auch bei uns gibt es Tendenzen, die Menschen zu formen und zu manipulieren.
„Nudging“ heißt das heute bei uns, anstoßen, anschubsen. 
Das ist ein neues Programm der Bundesregierung, uns Anstöße zu geben, was gut für uns ist. Es wurde meist positiv, teilweise begeistert aufgenommen.
Mich überrascht das sehr.
Seit wann weiß denn der Staat, was für mich gut ist?
Ja weiß das denn jemand, was für mich gut ist? 
Ich habe zwar nichts gegen sporttreibende Vegetarier, die ihre Kinder früh in den Ganztagskindergarten mit ökologischer Früherziehung bringen, aber ist es nötig, dass der Staat mich in diese Richtung „nudgt“, also: schubst?
Vielleicht mag ich ja lieber anders leben?
Die Freiheit, so zu sein, wie man es selbst bestimmt und möchte, geht durch solche Maßnahmen mittel- und langfristig verloren. Und wir merken´s nicht einmal.

singen:
„Are you, are you, 
coming to the tree
Where I told you to run 
so we’d both be free.
Strange things did happen here, 
no stranger would it be
If we met at midnight 
in the hanging tree.“

Wie ist das denn nun für euch Konfis?
Ich behaupte: Das Christentum setzt etwas dagegen, gegen jede Fremdbestimmung. Gegen jede Form der Diktatur, gegen jede Form der Hirnwäsche.

Jesus setzt einen drauf. Er sagt: „Gott schickt euch einen Tröster, den Heiligen Geist. Der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Abgesehen davon, dass ein Tröster gerade hier im Rhöner Land noch eine etwas andere Bedeutung hat, sind diese Worte der Gegenpol zu dem, was uns heute oft eingeredet wird, wie wir zu leben hätten.
Es ist das Angebot, so zu sein, wie wir sein sollten – nämlich von Gott her gedacht, der im Gegensatz zum Staat oder den Medien oder wem auch immer genau weiß, was uns am besten tun würde. 
Katniss Aberdeen opfert sich für ihre kleine Schwester – Jesus Christus hat sich für dich geopfert, für jeden von uns.
Katniss Aberdeen verliert ihre Menschlichkeit nicht, obwohl sie angestachelt wird, sich barbarisch zu verhalten. – Jesus Christus bleibt menschlich, obwohl er göttlichen Ursprungs ist. Oder vielleicht ist das eher umgekehrt: Jesus ist göttlich, weil er bis zuletzt menschlich bleibt. 
Ist das bei Katniss vielleicht ebenso? Das würde sie zu einer Heiligen machen! 
Katniss Aberdeen wird zum Aushängeschild der Rebellin für die Freiheit von der Diktatur. – Jesus Christus ist derjenige, der allumfassend für Frieden eintritt und jeden Zwang ablehnt; sein Heiliger Geist ist die Kirche, die in der Welt wirkt – und nicht nur hinter Kirchenmauern!

Er sagt: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich, wie euch die Welt gibt.“ 

Ums kurz zu machen: Abgesehen davon, dass ich die Gestalt der Katniss Everdeen als eine Jesus-Figur identifiziere, denke ich, dass ihr Konfis das Zeug dazu habt, Teil der großen Sache zu sein.
Heute sagt ihr ja zur Rebellion der Herzen für Mitgefühl und Frieden.
Ihr sagt ja zur Reformation des Weltbildes: Gott hat euch frei geschaffen. Nutzt das!
Und ihr sagt ja zur Revolution der Freiheit, eure persönliche Überzeugung in unsere Gesellschaft, in die Schule, in die Kirche, in die Familie einzubringen.

Es liegt bei euch, diesen Moment zu nutzen und für euer Leben zu ergreifen: Wozu ihr heute „ja“ sagt, das will euch ein ganzes Leben lang tragen.
Nämlich Gott selber. 
Ich hoffe sehr, dass es keiner Rebellion bei uns bedarf wie bei den Tributen von Panem. 
Mit Blick auf die Entwicklungen im Nahen Osten, die zu uns rüber zu schwappen drohen, bin ich aber Realist genug um einzusehen, dass eine gewisse Wachsamkeit nötig ist.
Wir brauchen Katnisses und Peetas in unserer Gesellschaft. 
Jeden Tag, im Kleinen wie im Großen.
Konfirmanden: Ihr seid die Kirche. Jetzt. Nicht erst in Zukunft.
Ihr gehört zur Kirche seit der Taufe mit dazu.
Ich fordere euch auf, euch hier bei uns einzubringen. 
Für dieses Weltbild einzutreten, das unser Glaube ist.
Als aufrechte Protestanten. 
Als kritisch denkende Evangelische.
Als Menschen, die menschlich bleiben trotz allem.
Und auf die tiefe Wahrheit zu hören, die mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist.
Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.
Amen.

LIED EG 396,1-3: JESU MEINE FREUDE (TEXT: GERHARD SCHÖNE)

Ewigkeitssonntag 2008: Die Lügen der Tröster (2.Petrus 3,8-13)

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

1.Die Lügen der Tröster

Nun sich das Herz von allem löste,

was es an Glück und Gut umschließt,

Komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste,

der du aus Gottes Herzen fließt.


Liebe Gemeinde,

um die Trauer, um unsere Sorgen und Ängste, das Schwere in unserem Leben geht es in diesem Lied.

Gerade am heutigen Ewigkeitssonntag kann solch ein Lied Seelenbalsam sein. Wohl kaum ein Tag im Jahr ist so sehr vom Andenken an unsere Verstorbenen geprägt wie der heutige.

Besonders schmerzlich merken viele gerade um diese Zeit herum, dass mit dem Tod eines geliebten Menschen eine Lücke entstanden ist, die niemand schließen kann.

Wirklich: Niemand kann diese Lücke schließen. Menschen sind schließlich keine ersetzbare Massenware. So bleibt eine Wunde zurück. Und sie kann immer wieder aufbrechen.

Komm, Tröster, Heilger Geist, und tröste, der du aus Gottes Herzen fließt.

Das ist es, was uns angeboten wird. Was Gott uns anbietet. Seinen Trost. Er ist bei uns. Jetzt und hier.

Doch der Verlust eines geliebten Menschen bleibt. Wenn jemand fehlt, dann fehlt er eben auch, wenn man getröstet wird.

Und schlimmstenfalls haben Trostworte etwas Grässliches an sich. Etwas Verlogenes. „Es wird schon wieder, Kopf hoch!“ „Es gibt schlimmeres!“ „Wir sind doch für dich da, deswegen brauchst Du nicht so traurig zu sein.“

Schrecklich können sie sein, dieLügen der Tröster.

Denn manchmal, da wird es eben nicht wieder.

Der Kopf bleibt hängen.

Und für einen selber, da gibt es eben nichts Schlimmeres.

Und wenn die ganze Welt da wäre für einen – sie bringt einem den geliebten Menschen nicht zurück!

Trost, liebe Gemeinde, ist etwas Zwiespältiges. Auf der einen Seite brauchen wir ihn, denn echter Trost kommt aus echter Hoffnung.

Auf der anderen Seite kann er falsch sein, und dann lässt er einen mit schalem Geschmack im Munde zurück.

2. Vom Ich zum Du

Einsamkeit ist das, was bei Gesprächen mit Witwern und Witwen am Häufigsten beklagt wird. Einsamkeit ist das Schlimmste nach einem Verlust. Alte Gewohnheiten nicht mehr länger gemeinsam zu erledigen. Morgens aufzuwachen und der Andere fehlt.

Ein stilles Haus. Eine stille Wohnung.

Und andere Leute vertreiben einem die Einsamkeit nur für die Dauer ihres Besuchs.

Oder wenn man heimkommt: Die Stille.

Und niemand, der es nicht selber erlebt, kann wirklich nachfühlen, was es heißt, diese Qual zu erleben.

Was ist mit uns, wenn wir um einen geliebten Menschen trauern? Was kann uns da echten Trost geben?

Drehen wir die Fragerichtung einmal um. Nicht: Was ist mit uns?

Sondern: Was ist denn mit den Verstorbenen?

Was ist denn eigentlich mit den Toten, wegen derer wir traurig sind?

Wenn wir das beantworten, dann können wir vielleicht ein neues Verhältnis zu unserer eigenen Trauer bekommen.

3. Predigtext

Ich lese dazu den heutigen Predigttext 2 Petr. 3,8-13:

8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, daß  ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.

9 Der Herr  verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und  will nicht, daß jemand verloren werde, sondern daß jedermann zur Buße finde.

10  Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann  werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und  die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.

11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müßt ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,

12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

13 Wir warten aber auf  einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung,  in denen Gerechtigkeit wohnt.

4. Wo sind unsere Toten 1

Zwei Dinge sind es, die wir direkt aus dem Text mitnehmen können.

Gott rechnet in anderen Maßstäben als wir. Vor ihm sind 1000 Jahre wie ein Tag. Und ein Tag wie 1000 Jahre.

Dass wir hier auf Erden leben und die Erde sich weiterhin mit uns dreht, das hat mit Gottes Barmherzigkeit zu tun.

Diese beiden Dinge müssen wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns der Frage stellen, was eigentlich mit den Verstorbenen ist. Wo die sind.

In der Antike:

Unterwelt / hades

Styx/ Münze

Schattendasein. Nicht ganz tot, Abglanz der Lebenden

Skeptiker:

Wir wissen es nicht. Darüber machen wir keine Aussagen.

Epikur:

Es spielt keine Rolle: Wenn wir leben, sind wir nicht tot, wenn wir tot sind, leben wir nicht.

Hinduismus / Buddhismus:

Wiedergeburt

Islam:

Paradies und sieben Himmel

5. Wo sind unsere Toten 2

Und im Christentum?

Lange dachte man, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat.

Dass sie nach dem Tod in den Himmel hinauf fliegt. In vielen Filmen, in vielen Romanen wird mit dieser Vorstellung bis heute gespielt.

Dabei ist sie alles andere als christlich.

Die Trennung von Leib und Körper geht auf die griechische Philosophie zurück.

Wenn man die Bibel ernst nimmt, dann wird man rasch feststellen: Es geht immer um den ganzen Menschen.

Das eine geht nicht ohne das Andere.

Spätestens durch die moderne Hirnforschung und Neurologie in den letzten Jahren ist diese biblische Erkenntnis um den Menschen, wie er ist, bestätigt worden.

Mensch sein heißt immer körperlich sein.

Die Konsequenz daraus ist hart: Wenn ein Mensch stirbt, so stirbt er ganz.

Den Tod nehmen wir dann ganz und gar ernst:

Das merken wir in unserer Trauer, das sehen wir im Ritus der Beerdigung: Wir beerdigen unsere Verstorbenen. Ganz und gar.

Sie sind unserem Zugang entzogen.

Von der Vorstellung einer Seelenwanderung in den Himmel sollten wir uns frei machen.

So befreit können wir unsere eigene Trauer auch viel besser verstehen.

Was uns bleibt, sind gute und schmerzliche Erinnerungen. Fotos, Gerüche an Kleidungsstücken, die Geschichte eines gelebten Lebens.

Dennoch ist das nicht alles, wenn ein Mensch gestorben ist.

Im Johannesevangelium spricht Jesus Christus vom Ewigen Leben der Gläubigen.

Und unser heutiger Predigttext spricht vom Ende aller Dinge, wenn Gott alles neu machen wird.

Und alle biblischen Bilder haben eines gemeinsam:

Gott führt über den Tod hinaus die Menschen zu seinem Ziel.

Und dieses Ziel ist nicht der Tod, sondern das Leben.

Es bleibt etwas vom Alten. Es wird etwas neu gemacht werden.

Und auch wenn der Verstorbene ganz tot ist, so hat er in der Ewigkeit Gottes doch bereits Anteil am Ewigen Leben. Wenn 1000 Tage für Gott sind wie ein Tag, dann heißt das doch vor allem eines: Gott zählt und rechnet anders als wir.

Er ist barmherzig mit uns, er nimmt uns alle hinein in seine Ewigkeit, die für uns hier und jetzt schon begonnen hat!

Es gilt für uns das, was uns durch Jesus Christus gezeigt worden ist.

Er selber ist gestorben am Kreuz. Doch ist er nach drei Tagen auferweckt worden aus dem Tod und wir werden ihm darin folgen.

Das ist die Frohe Botschaft für jeden Tag, liebe Gemeinde.

Und ein echter Trost.

Wir sind mitten drin in Gottes Ewigkeit. Von unseren Verstorbenen trennt uns nur die Ewigkeit Gottes, die für uns schon angebrochen ist.

Die Offenbarung des Johannes beschreibt diesen Trost mit hellstrahlenden Vision:

Offb 21,1-7

21, 1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiß!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.

Amen.

Der Zug des Lebens – 50 Jahre EKG: 5. Sonntag nach Trintatis 2014 (Lk7,11-17)

Von Pfarrer Marvin Lange


Predigt zu Lk 7,11-17: Der Jüngling zu Nain
11 Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.
12 Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.
13 Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!
14 Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, aich sage dir, steh auf!
15 Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und aJesus gab ihn seiner Mutter.
16 Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: aEs ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: bGott hat sein Volk besucht.
17 Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.



1.    Zug des Lebens – Zug des Todes
Wie zwei Züge, die aufeinander zurasen: Hier der Zug des Lebens mit einer Menschenmenge von Jüngerinnen und Jüngern Jesu – da der Zug des Lebens mit einer Menschenmenge von Trauernden, Klageweibern um die Witwe und ihren frisch verstorbenen Sohn auf dem Weg zur Beerdigung.
Was für ein Zusammenprall dieser beiden Züge. Jesus sieht das Leid der Witwe. Der einzige Sohn. Tot. Abgrund der Trauer heißt das. Nicht nur persönlich – wahrscheinlich auch sozial. Ab sofort: Versorgung durch die Armenkasse der Gemeinde. Ohne Sohn. Ohne Ehemann. Jesus hat Mitleid, es geht ihm zu Herzen, es geht ihm an die Nieren, sein Innerstes wird angesprochen: Der Ort, wo das Mitleid sitzt, schreit zu ihm. Und da ist der Zug des Todes auch schon gestoppt. „Ab sofort kein Weinen mehr!“ sagt Jesus der Witwe. Hier der Tod, da das gesagte Unfassbare. Nicht weinen in einer vom Tod heimgesuchten Welt. Und da geschieht auch schon das Unfassbare. Jesus berührt die Bahre, auf der der Tote liegt. „Auferstanden!“ befiehlt er dem toten Mann. Und der Tote, berührt von Jesus, richtet sich auf, redet. 
Aus den beiden Zügen des Lebens und des Todes ist eine jubelnde Masse geworden. Freilich: Ehrfurcht ergriff die umstehenden Menschen. Eine Scheu vor dem Heiligen. Eine Furcht vor der unbegreiflichen Kraft, die von Gott ausgeht. Gottesbegegnungen sind immer verbunden mit einem gewissen Zittern. Zu groß ist der Abstand zwischen Gott und Mensch. Aber aus der Ehrfurcht wurde Jubel. Die umherstehenden Menschen wurden auf einmal zum Volk Gottes. Nicht länger der Zug des Lebens und des Todes. Auf einmal waren sie alle Volk Gottes. Und sie dankten und priesen Gott. Sie hatten sofort verstanden: Gott hat diesen Toten wieder lebendig gemacht. Nicht der Mensch Jesus. Nein, Jesus, in dem die schöpferische Kraft Gottes steckt. Ihm gilt unser Dank. Wir dürfen uns freuen. Eigentlich müssen wir uns sogar darüber freuen. Wer das Ernst nimmt, dem bleibt wohl nichts anderes übrig.

2.    Das tote Kind
Szenewechsel.
Eben haben wir getauft. Drei Menschen. Ein Baby, ein Kleinkind und eine junge Erwachsene.
Die Taufe, liebe Gemeinde, ist das Aufspringen auf den Zug des Lebens. 
Die Taufe ist das Zeichen Gottes für uns Menschen: Ich will, dass ihr lebt. Ich nehme Euch mit – auch über den Tod hinaus. 

X. ist ein fröhliches Mädchen. Ein Fest der Freude. Ein Fest des Lebens gegen das Dunkel des Todes. Gott sei Dank seid ihr heute hier: Ihr stimmt mit der Taufe ein in den Jubel der Massen, die im Glauben an das Leben und die Liebe zum Volk Gottes wurden. Ihr dürft daran festhalten: Nichts geschieht ohne den großen Plan Gottes. Ihr seid mitten drin. Und ihr werdet irgendwann verstehen – warum und wozu dieser Weg und kein leichterer. 
Denn es ist ja nun nicht so, dass Gott uns immer verständlich wäre. Gott hat seine düsteren Seiten. 
Ein Kind habt ihr verloren, und das kurz vor der Geburt. 
Wo war da Gott? Wo war da die große Kraft, die Jesus bei der trauernden Witwe angewandt hat? Wo war da der Jubel des Volkes über den Zug des Lebens? Wo ist das Leben, wenn um uns herum nur noch Tod und Traurigkeit ist? Die Witwe war wohl zur rechten Zeit am rechten Ort. Ihr Sohn wurde wieder lebendig.

Liebe Gemeinde, ich weiß auf solche Fragen keine Antworten. Manchmal gebe ich mich damit zufrieden zu sagen, dass unser Gott ein sehr seltsamer Herr ist. Dass er Dinge geschehen lässt, die sich meinem Verständnis von Güte, Barmherzigkeit und Allmacht entziehen. Dass er aus irgendeinem Grund bereit ist, uns Menschen leiden zu lassen. Dass er das tut – und wir stehen ratlos und beklommen da und schauen ängstlich auf das Leben.
Und halten dennoch an der Hoffnung fest, dass Gott uns gegenüber sich am Ende gnädig zeigen wird. Dass er uns annimmt. Das keiner von uns verloren geht. Und glauben gegen den Augenschein. Eben gerade habe ich X. getauft. Sie fährt mit dem Zug des Lebens.
 
3.    Die Flüchlinge
Szenenwechsel: Heimlich geht er mit seiner Frau in die Kirche. Ein stickiges kleines Kellerzimmer. Mehr geht nicht. Und auch das ist verboten. Diese Kirche ist eine Untergrundkirche. Im Iran haben es Christen schwer. Und Moslems, die neugierig sind auf das Christentum. Und noch schlimmer ergeht es denjenigen, die sich zu Jesus Christus bekehren. 
Heimlich geht er mit seiner Frau in die Untergrundkirche. Immer wieder. Beide überzeugt vor allem eines: Dass Gott die Liebe ist – und dass die Menschen einander in Liebe begegnen sollen. Das kannten sie vom Islam bislang nicht. Da war Hingabe und Unterwerfung angesagt. Gott und den anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen: Das war ihnen neu. Das überzeugte.
Während eines heimlichen Gemeindetreffens ein Anruf der Mutter: „Kommt nicht nach Hause. Bleibt weg. Die Geheimpolizei steht vor der Tür.“ Das junge Paar schläft unter einer Brücke – selbst zu Freunden zu gehen trauen sie sich nicht. Das geht eine Weile so. Immer wieder der warnende Anruf der Mutter: „Kommt bloß nicht zu Eurem Haus. Es wird überwacht.“
Ein schneller Entschluss. Über die Grenze in die Türkei. Da ist man in Sicherheit. Wenn sich die Lage beruhigt, kann man ja zurückgehen. Ein kurzer Urlaub in Istanbul. Mehr nicht. 
Die Lage bleibt angespannt. „Mama, wir haben kein Geld mehr. Verkauf unser Auto und zahl das Geld auf mein Konto“, heisst es nach einigen Wochen Zwangsurlaub. Die Regierung hatte da schon alles beschlagnahmt. Das kleine Haus, das Auto. Eine Heimkehr war nicht mehr möglich. Auf Umwegen gelangt das junge Paar nach Hilders in die Rhön. Mittlerweile eine kleine Familie geworden. Mit dem unsicheren Status der Asylanten lassen sie sich allesamt taufen. 
„Das mit der Liebe, das hat mich so sehr überzeugt. Wir wollen Christen sein – egal, ob sie uns abschieben oder nicht.“ 
Eben gerade haben wir S. getauft. Dem Zug des Todes entronnen. Umgestiegen auf den Zug des Lebens. Ihr lebt nun bei uns. Ihr lernt unsere Sprache. Unsere Kultur werdet ihr mehr und mehr kennenlernen müssen. Ihr gehört zum Volk Gottes. Wenn ihr Hilfe braucht, habt ihr die Bonhoeffer-Gemeinde. Das hier sind keine Christen, die nur reden. Hier wird die Liebe gelebt. Ich freue mich mit Euch. Und dass ihr heute hier seid.

4.    Die verspätete Konfirmandin
Noch einmal Szenenwechsel. Die dreizehnjährige J. bekommt es freigestellt: Konfirmation oder nicht. Sie entscheidet sich dagegen. Gott – was für ein Blödsinn. Zwei Jahre vergehen. Plötzlich lässt sich ihre Mutter taufen. Hier bei uns im Bonhoeffer-Haus. Und da geschieht etwas. Sie steht daneben und wird von Gott berührt. J. will auf einmal auch dazugehören. 15 Jahre alt – eine verspätete Konfirmandin. Unter den 13-Jährigen fällt sie ein wenig auf: Die beiden Jahre machen in dem Alter viel aus. Sie stand dabei, als ihre Mutter getauft wurde. Als Jesus ihre Mutter berührte. Da merkte sie: Der Zug des Lebens fährt weiter. Sie möchte nicht bei den Traurigen stehen bleiben. Das Leben stattdessen ergreifen. Seinen Sinn ergründen.
Das pralle Leben schenkt Gott uns. Und da will sie mitfahren. Den Zug des Todes und der Sinnlosigkeit hinter sich lassen.
Und deshalb hast Du Dich eben taufen lassen. Taufe ist eine Auferstehung. Du hast das alte Leben hinter dir gelassen. Das neue Leben mit Gott liegt vor Dir. Und ich freue mich ganz persönlich, eine Konfirmandin in diesem Jahr zu haben, die man fast schon so einbeziehen kann wie eine Teamerin!

5.    EKG: 50 Jahre Zug des Lebens
Liebe Gemeinde: Drei Beispiele für unseren Predigttext aus dem Leben unserer drei Täuflinge. Ganz persönliche Geschichten, wie Gott aufrichtet. Wie Gott auferstehen lässt. Hin zum Leben.
Ich möchte ein letztes hinzufügen: 50 Jahre Zug des Lebens in evangelisch-katholischer Gemeinschaft. Seit 50 Jahren gehen in Ziehers-Nord zwischen Bonhoeffergemeinde und St. Paulus Menschen aufeinander zu. Viele gehen den Weg auch miteinander. In den konfessionsverbindenden Ehen. Aber auch in unseren Krabbelkreisen, unsren Jugendgruppen, unsren Seniorenkreisen. Wenn kulturelle oder erwachsenenbildnerische Angebote von katholischer oder evangelischer Seite gemacht werden. 
Das, was auf kirchenleitender Ebene nach wie vor nicht klappen will, das wird hier bereits seit 50 Jahren gelebt. Angefangen bei den Pfarrern Lang und Slenczka – und fortgesetzt bis in die heutige Zeit mit unzähligen ökumenischen Trauungen, Einweihungen und mehr Schulgottesdiensten als das Jahr Wochen hat. Und dem alle Jahre wieder stattfindenden ökumenischen Sommerfest.
Dem Evangelisten Lukas kommt es genau darauf an: Dass alle am Ende in das Lob Gottes einstimmen. Evangelisch und katholisch kannte der noch nicht. Aber wusste: Die Meinungen zum Christentum gehen auseinander. Am Text kann man es gut erkennen. Lukas bezeichnet Jesus als den HERRn. Das Volk nennt ihn einen Propheten.  Am Ende steht das Volk Gottes, das Gott lobt. Alles andere verschwimmt da. Wird unwichtig.
Unsere große Gemeinsamkeit evangelisch wie katholisch ist der Glaube an Jesus Christus. Alles andere ist dagegen klein. Alles andere sind Überformungen. Weiße Messgewänder oder schwarze Taläre. Mit oder ohne Weihrauch. Die Papstkirche oder die „Kirche der Freiheit“.
Ihr Lieben, auch wenn es nur Formen sind: Es sind diese doch so stark, dass man sie wahrnimmt als wäre es große Unterschiede. Die Stellung der Frau in der Kirche. Die Sexualmoral, verbunden mit dem Zölibat für die Priester. Andere Festtage. Reliquien und Rosenkranz. Das Verbot für Evangelische, am katholischen Abendmahl teilzunehmen. Es mögen bloß Formen sein, aber es sind doch Formen, die an unsere menschliche Substanz gehen. 
Wo man sich wünschte, dass all die Regeln und theologischen Spitzfindigkeiten der Herr einfach wegwischen würde indem er den Kirchenleitungen zuruft: „Ich sage Euch, steht auf!“ so wie er es mit dem Jüngling in Naiin gemacht hat. Dass den trägen Kirchen nichts anderes übrig bleibt als aufzustehen und ins Lob Gottes einzustimmen. Und alle Grenzen zu überwinden. Und wirklich zu merken: Wir gehören alle zum Volk Gottes, wir Christusgläubigen. Alles was trennt, wird getilgt. Das Verbindende ist der Zug des Lebens, das Trennende wird aufgehoben.

6.    Die Freude Gottes
Eine regelmäßige Gottesdienstbesucherin sagte vor einer Weile zu mir: „Mit Ihren Predigten wollen Sie doch immer nur, dass sich die Menschen freuen.“ Ich war mir nicht sicher, ob sie es ernst meinte oder eher augenzwinkernd. 
Aber es stimmt. Freude ist eines meiner großen Themen. Eigentlich ist Freude das Ziel. Ich weiß, dass das mit der Freude manchen gar nicht leicht fällt. Und ich weiss auch, dass viele von Euch manchen Kummer und manch schwere Krankheit oder Verlust tragen müssen. Das weiß ich.
Dennoch werde ich nicht müde, euch Mut zu machen: Weiterzugehen, das Leben, das man hat, als Gottes Geschenk für euch zu begreifen. Natürlich in dem Bewusstsein, dass Gott alle Tränen trocknen wird. Im Wissen darum, dass Jesus auch an Dich herantritt, um dich aufzurichten. Im Glauben an die freundliche Berührung Gottes mitten im Tod. 
Schaut auf euer Leben und seht nach, wo eure Auferstehungen zu finden sind. Wo ihr an dem Punkt wart, als Jesus Euch berührt hat. Als ihr traurig wart, oder auf der Flucht, oder unsicher über den Sinn des Lebens.
Und Gott dann zu euch kam. 
Dann stimmt ein mit der Menschenmenge vom Zug des Lebens, lasst euch ergreifen vom Jubel und der Freude! In dem Moment seid ihr es nämlich selbst: Volk Gottes. 

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

LIED EG 294,1-4: NUN SAGET DANK UND LOBT DEN HERREN

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2014: Die Gemeinschaft des Rings (1. Tim 6,12-16)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist, sei mit euch allen!

Der Predigttext für den heutigen Konfirmationssonntag steht im 1 Tim 6,12-16

12 Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.
13 Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis,
14 dass du das Gebot unbefleckt, untadelig haltest bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus,
15 welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren,
16 der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.



Drei Ringe den Elbenkönigen hoch im Licht,
Sieben den Zwergenherrschern in ihren Hallen aus Stein,
Den Sterblichen, ewig dem Tode verfallen, neun,
Einer dem Dunklen Herrn auf dunklem Thron
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.
Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn!“

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

Als ein großer „Herr der Ringe“-Fan oute ich mich gern. Als ich konfirmiert wurde, da jagten mir diese Verse das erste Mal einen Schauer über den Rücken – und jetzt gerade, ich bekenne es, tun sie es wieder. Unzählige Male habe ich die Bücher gelesen, unzählige Male die Filme gesehen – in normal- und in Langfassung, auf Deutsch, auf Englisch, und einmal als Hörbuch angehört.

Der große Kampf des Guten gegen das Böse ist das umfassende Thema des „Großen Ringkrieges“ im Werk von Tolkien. Der böse Herrscher Sauron soll aufgehalten werden, ja vernichtet werden, und das kann nur dadurch geschehen, dass der eine, große Meisterring im Schicksalsberg, einem feuerspeienden Vulkan mitten im finsteren Lande Mordor, eingeschmolzen wird. All die Helden: die Guten wie die Bösen, sind – gerade in den Filmen – notwendig für dieses fulminante Epos.

Da sind die beiden Zauberer Gandalf und Saruman; der eine ein liebevoller Pfeife rauchender Großvatertyp, der seine Kräfte und vor allem seine Weisheit für die Seite des Guten verwendet; der andere, geblendet von der Macht des Bösen, schwört dem dunklen Herrscher die Treue.  Da sind der Waldläufer Aragorn, der der spätere König ist, die Reiter von Rohan, Zwerge und Elfen; Boromir, der den Verlockungen der Macht des Ringes verfällt und dafür mit dem Leben bezahlt. Und, weniger großartig, nichtsdestoweniger relevant, das Geschöpf Gollum, das durch die Einflüsterungen des Ringes wahnsinnig wurde und ein erbärmliches, aber unsterbliches Leben fristet.

Diese Helden alle bilden eine bildgewaltige Kulisse. Aber eben: Nur Kulisse!
Denn: die entscheidende Geschichte handelt von zwei unscheinbaren kleinen Wesen, die dem Volk der Halblinge, den Hobbits angehören. Hobbits leben zurückgezogen im friedlich-lieblichen Auenland, sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Umtrunk oder der nächsten stattlichen Mahlzeit, Festen und Feiern nicht abgeneigt – aber große Helden sind sie eigentlich nicht.
Denn, und das ist eine wichtige Pointe im tolkienschen Werk, sie streben nach nichts sog. „Höherem“. Sie wollen gern ein bescheidenes Leben führen, und als einer der Hobbits, Sam, für kurze Zeit den Ring aufsetzt und ihm dieser zuflüstert, er könne der mächtigste und großartigste Gärtner des Auenlandes werden, da zieht er ihn nur kopfschüttelnd wieder vom Finger ab.
Größter Gärtner! Was für ein Unsinn. Das ist er doch längst. Und andere Verlockungen der Macht sind den Hobbits völlig fremd. Das Schöne, das Angenehme, das einfache, zufriedene Leben: das ist es, was ein Hobbit anstrebt. Und das ist nicht wenig! Aber es ist nichts, was der magische Ring ihm bieten könnte.

Eine Gemeinschaft ist es gewesen, die sich vom Rat des Halbelben Elrond in Bruchtal aufgemacht hatte. Eine Gemeinschaft von sehr unterschiedlichen Personen. Ein störrischer Zwerg; ein weitsichtiger Elb; ein weiser Zauberer; ein sehr stolzer und ein sehr demütiger Mensch; und vier lebenslustige Hobbits, die vom Leben einfach nur das Beste erwarten.
Das war eine Gemeinschaft von neun, die beim Übergang eines Flusses, an den Rauros-Fällen, an ihr Ende ging, ja zerbrach.

Ihr 10 Konfis, ihr steht nun auch vor einem solchen Übergang: vor eurer Konfirmation. Und eure Gemeinschaft ist jetzt, auf dem Höhepunkt, auch am zerbrechen. Ja ist bereits zerbrochen, denn die Konfirmandenzeit ist jetzt vorüber. Ein Jahr habt ihr miteinander und mit mir ausgehalten. Manch einer vielleicht auch tapfer durchgehalten.

Eine Gemeinschaft um ein Thema seid ihr gewesen. Nicht die Gemeinschaft des Ringes, die gegen die dunklen Mächte angetreten ist, sondern eine Gemeinschaft, die, wie es der Predigttext benennt, den guten Kampf des Glaubens kämpft. Nachgeholten Taufunterricht hat man das damals genannt. Denn ein Kampf ist es stets, wenn man sich ernsthaft damit auseinander setzt, was man in unserer Welt überhaupt (noch) glauben kann und darf.

Immer wieder haben wir uns von den verschiedensten Seiten Gott genähert. Und mussten immer wieder feststellen: Ganz greifbar ist er nicht. Gott ist uns trotz aller Offenbarung ganz schön entzogen.
Wir haben gemeinsam biblische Texte gelesen, haben damit die Grundlage kennengelernt. Haben Lieder im Gesangbuch angeschaut, um zu erfahren, was und wie die Menschen vor uns geglaubt haben. So habt ihr einen Teil der Tradition kennengelernt.

Haben Exkursionen gemacht, auf den Friedhof, um zu gucken, was die letzten Schritte am Ende sind und haben uns damit über Bestattungskultur ein wenig schlauer gemacht. Waren im Schwimmbad, um das Element Wasser für die Taufe kennenzulernen. Unterwegs mit dem Fahrrad, um zu schauen, wie man in Gottes freier Natur beten kann. Organisierte Nächstenliebe haben wir uns anhand unseres Seniorenkreises angeschaut und so in Erfahrung gebracht, was für hohe ethisch-moralische Anforderungen das Christentum an uns stellt.

Die Gemeinschaft erlebte zweifellos ihren Höhepunkt auf den beiden Konferfreizeiten, in jeder Hinsicht: Bei der Disko genauso wie bei der Feier des Heiligen Abendmahls, oder als wir rituell unsere Sünden verbrannt haben.

Und bei all dem habe ich euch hoffentlich vermitteln können: Zu glauben ist ein Kampf. Ein Kampf um die Wahrheit, ein Kampf um Worte, ein Kampf um das Ewige. Ein Kampf derer, die dem Glauben absagen. Ein Kampf mit sich selbst. Denn: je nachdem, wie man sich postiert, hat man unterschiedliche Blickwinkel auf das Leben!

Etwa so:

Angenommen „Gott existiert.“

Das heißt nicht weniger als: Das ganze Universum hat eine andere Bedeutung – nämlich eine von diesem Gott her. Umgekehrt hat die andere Überzeugung ebenfalls gewaltige Konsequenzen:
Angenommen Gott existiere nicht: Dadurch verlöre das Universum letzten Endes jede Bedeutung.Ja sogar das Leben von uns Menschen wäre völlig sinnfrei, sinnlos. Und damit auch das eigene Leben.

Und diese Überzeugungen gilt es im Leben auszubauen und weiter zu entwickeln. Den Kampf des Glaubens weiterzuführen. Und das kann man auf die eine oder andere Weise tun:
Verglichen mit den Helden aus dem Herrn der Ringe kann man sich verschiedenen Richtungen zuordnen: Da kann man gleichgültig sein und das Leben an sich vorbeiziehen lassen, wie es die meisten Menschen und Hobbits tun. Ich bin mir sicher, auch einige von euch werden das so machen, sowie ihr aus diesem Gottesdienst nach draußen zieht. Aber aufgefordert seid ihr dazu, „das ewige Leben zu ergreifen“, wozu ihr berufen seid.
Wenn man das will, dann kann man sich in das Nachdenken und Nachforschen über die größte Geschichte der Menschheit begeben, die mit Gott und seinen Menschen, und sich damit wie Gandalf dem guten Kampf des Glaubens widmen. Am Ende seines Lebens wird man dann vielleicht weise sein und mehr von dem verstehen, was kaum zu begreifen ist.
Oder man wird, und ich hoffe sehr, dass keinem von euch das passiert, eine Gestalt wie Boromir, der vom Glauben an die Macht des Ringes, völlig fanatisiert ein schlimmes Ende gefunden hat. Auch solche in die Irre gegangenen Christen gibt es, die den Glauben mit einer Ideologie verwechseln, und blindlings tun, was dieser angeblich vorschreibt. Damals die Kreuzritter und heute christliche Fanatiker, wie sie vermehrt aus Amerika auch nach Deutschland kommen.
Und dann gibt es die Realisten wie Aragorn oder Gimli und Legolas: Sie wissen, was zu tun ist; sie wissen, dass sie den Kampf nur gewinnen können, wenn sie zusammenstehen, zusammenhalten und ihre eigene Sache hoch halten.

All das sind Haltungen im Kampf um die Wahrheit, wie ihr sie einnehmen könntet. Könntet, denn nicht jeder von euch ist gleichgültig, nicht jeder von euch hat weise alte Männer (oder Frauen!) zum Vorbild, nicht jeder jetzt schon das Wissen, was alles zu tun ist. Es gibt aber dann noch eine letzte, eine ganz leise, aber unglaublich mächtige Zugangsweise, den Kampf des Glaubens zu führen:

Das sind diejenigen, die weiterhin nach links und rechts schauen, die keine großen Pläne vor Augen haben wie die Helden, sondern die sich in die Welt gestellt wissen als welche, die ihre Aufgabe zu erfüllen haben, wenn das auch nicht immer leicht ist: Die beiden Hobbits Sam und Frodo stehen für diese Haltung; und auf den christlichen Glauben übertragen bedeuten sie: der Kampf des Glaubens, den die beiden kämpfen, kann man auch erledigen, indem man einfach als Vorbild lebt. Dazu bedarf es keiner großen Reden, dazu bedarf es keiner großen Kräfte. Sondern nur den guten Willen und die daraus folgende Tat. Auf den christlichen Glauben übertragen heißt das nichts weiter als: 
Etwa heute zur Konfirmation, wie es im Predigttext heißt, „das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen“ abzulegen; und ansonsten im täglichen Leben davon Zeugnis zu geben: Also Christus in die Welt zu tragen, indem man sich so verhält wie einer, der das Ewige Leben bereits hat. Frei, hoffnungsvoll, lebensfroh, gläubig. Mit den Lachenden lachen und mit den Weinenden weinen.  
Und wenn man dann auch noch verstanden hat, dass die zerbrochene Gemeinschaft der Konferzeit einmündet in eine viel gewaltigere, größere Gemeinschaft, nämlich die der Gläubigen, der Kirche, dann versteht man: dieses heutige Ende kann einen Neuanfang bedeuten, zu dem Gott selbst euch einlädt.

Die Gemeinschaft der Heiligen, die Kirche, braucht euch junge Menschen.
Sie braucht Euch, dass ihr den Kampf des Glaubens weiterführt mit allen anderen Christen auf der Welt.
Sie braucht euch, dass ihr die Kirche immer wieder erneuert.
Neuen Wind hereinbringt.

Ihr seid berufen zum Ewigen Leben. Ihr seid berufen, den Kampf des Glaubens auf der richtigen Seite zu führen. Euer Schwert und euer Schild will Jesus Christus sein, der sich euch heute und alle Tage gibt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Glaubenskämpfe, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

Amen.

 

Epiphanias 2014: Predigt zur Jahreslosung Ps 73,28: Gott nahe zu sein ist mein Glück

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

  1. Das große Weihnachtsquiz und die Entzauberung der Welt

Liebe Gemiende!

Eine meiner Lieblingsquizfragen beim „Großen Weihnachtsquiz“, das ich gern mit Konfirmanden, Schülern, aber auch unserm Seniorenkreis in der Advents- und Weihnachtszeit spiele, lautet so:

Wieviele Könige brachten gemäß der Bibel  dem Christkind Geschenke: 2, 3, 4 oder gar keiner. Meistens ist die Antwort schnell gegeben. Weiß es einer von euch?

Die meisten von Euch werden gedacht haben: Na das waren doch drei. Drei heilige Könige aus dem Morgenland. Caspar, Melchior, Balthasar. Doch Pustekuchen: Die richtige Antwort lautet: Keiner. Denn es waren gar keine Könige. Es waren Weise, oder noch genauer: Magier, Astrologen aus dem Osten. Und sie gingen auch nicht zum Stall, sondern zum Haus der Maria. Und die Zahl ist ebenfalls nicht bestimmt. Da steht: Es kamen Weise. Also: mehrere. Gut, sie brachten drei Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und daraufhin nahmen viele bereits im 2. Jahrhundert nach Christus an, dass es auch drei Weise sein mussten.

Wäre ja auch peinlich, zum Christkind so ganz ohne Geschenk zu kommen. (Weswegen den Hirten in unseren Krippenspielen ebenfalls noch rasch ein paar Geschenke angedichtet werden).

Und da die Geschenke doch recht teuer waren, und im Orient sich die Magier und Astrologen gern als Priester-Könige bezeichneten, entwickelten sich der Legende nach die drei Könige heraus, deren Namen wir wissen und deren Gebeine im Altar des Kölner Doms seit dem Jahr 1164 vereehrt werden können.

So, meine Lieben, entstehen Legenden, die die Herzen der Menschen berühren.

Doch ob uns etwas berührt oder nicht, sollte – wenn es um so etwas Gewichtiges geht wie unseren Glauben, das ist immerhin unser Weltbild – sich messen lassen mit der Wahrheit. Die Wahrheit wird wohl sein, dass die gesamte Geschichte der Weisen aus dem Morgenland eine Legende ist, die der Evangelist Matthäus erzählt, um die Einzigartigkeit von Jesus herauszustellen. Dass ein Stern gekommen sei extra für das Christkind. Dass dieser Stern jemanden leiten könne.

Übrigens ist es ganz interessant, dass gerade die Bibel mit dieser Geschichte Anleihen macht bei der Astrologie! Wird diese doch bereits in der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 völlig ad absurdum geführt, wenn es heißt: Gott „machte Lichter an die Feste des Himmels“, Sonne, Mond und Sterne. Und Gott sah, dass es gut war. Sterne haben nicht die Angewohnheit, über Häusern stehen zu bleiben. Aber Menschen haben die Angewohnheit, eine unglaubliche Phantasie zu entwickeln, wenn es darum geht, besondere Personen besonders herauszustellen.

Und so wird es wohl auch mit der Geschichte von den Heiligen Drei Königen sein. Eine Geschichte, die uns den Weg weisen soll zu Christus. Deren Ursprünge und historische Wahrheit jedoch völlig im Dunkeln liegen.

Wenn wir also der Wahrheit auf die Spur kommen wollen, müssen wir soweit zurück fragen, wie es uns möglich ist. Und können dann manche Überraschung erleben. Bis dahin, dass man zugeben muss: Wir wissen nicht, wie es sich tatsächlich zugetragen hat.


2. Die Jahreslosung 2014

Eine Überraschung kann man auch erleben, wenn man die diesjährige Jahreslosung genauer anschaut. Es ist ein wenig wie bei den drei Königen. Plötzlich verschwindet der schöne Satz und eine tiefere Wahrheit kommt ans Licht:

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“, steht da im 73. Psalm im 28. Vers als Losung des Jahres 2014.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ hat mich erst einmal angesprochen. Eine richtig schöne Jahreslosung. Bloß: Im hebräischen Urtext steht da etwas ganz anderes. Allein die katholische (oder ökumenische) Einheitsübersetzung bietet diesen wunderschönen Satz. Die Lutherübersetzung liest die Losung folgendermaßen: Psalm 73:28  „Aber das ist meine Freude, daß ich mich zu Gott halte.“

Klingt ganz anders, ist aber auch nicht korrekt. In beiden Fällen hat man den Eindruck, dass wir Menschen es sind, die Einfluss darauf hätten, dass wir Gott nahe sind oder wir uns zu Gott halten sollen. Und in beiden Übersetzungen schwingt ein wenig eine Aufforderung mit. In der Jahreslosung: wenn du Gott nicht nahe bist, dann könnte es doch gut sein, dass du nicht glücklich bist. Oder im Luthertext: Keine Freude erlebst.

Es ist das alte „Wenn-Dann-Schema“, das uns in die Irre führt: von Gott weg, hin zu uns selbst – und am Ende machen wir uns unseren Gott so, wie er uns gefällt.

Im Urtext lesen wir: „Und mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

Das Wort „Glück“ finden wir nicht in der ganzen Bibel ein einziges Mal. Und dass wir in irgendeiner Weise etwas dafür tun können, ist in diesem Wort völlig ausgeschlossen.

3. Mir kommt Gott nahe!

Wir wollen so gerne selber etwas machen, damit wir Gott erleben, erfahren, durchdenken können. Manch einer meint, wenn er durch den Wald geht, spürt er Gottes Nähe. Kann sein, dass das so ist. Kann aber auch sein, dass er einfach Wälder so gern mag, dass ihm dass wie das höchste Glück auf Erden vorkommt.

Manch einer meint, nur durch bestimmte Handlungen könne er Gott erfahren, etwas im Fasten, Pilgern, Beten. Klar: Eine Auseinandersetzung mit Gott kann nicht verkehrt sein. Es ist sogar gut, zu versuchen, Gottes Nähe bewusst anzunehmen. Wir müssen uns dabei aber ein wenig in die richtige Relation setzen: Wie wahrscheinlich ist es denn, wohl, dass wir Gott nahen können, wenn er das nicht will?

Versucht mal, einen Termin bei der Kanzlerin zu bekommen, ach was sage ich: Beim Fuldaer Oberbürgermeister! Das geht genau dann, wenn er oder sie das möchte – wenn man mal von Zufallsbegegnungen absieht. Wenn wir das Verhältnis Gottes zum Menschen anschauen, dann ist da doch noch ein größerer Abstand als zwischen mir und Frau Merkel.

Der Abstand ist sogar so unglaublich groß, dass ich persönlich es als gotteslästerlich betrachte, wen einer sagt, dass man selber Gott nahen will und das auch kann. Es ist doch hier ganz umgekehrt: Epiphanias, Erscheinung, Offenbarung: Das alles geht allein von Gott aus. Er hat uns Jesus Christus geschickt, damit wir den direkten Draht zu ihm bekommen. Allein durch Christus haben wir ihn immer bei uns. Er ist also bereits da. Man kann sich ihm nicht nahen! Gott erscheint, so wie er es will – und nicht so, wie wir es uns wünschen oder wollen.

Das durchzieht sich durch die ganze Bibel. Moses fürchtete sich vor der Gottesbegegnung und wurde dann doch zum Anführer der verfolgten Israeliten in Ägypten durch die Wüste. Des Propheten Jonas Gottesbegegnung endete im Magen eines großen Fisches. Levi der Zöllner rechnete weder mit freundlichen Menschen- geschweige denn mit einer Gottesbegegnung – und er wurde zum Jünger Jesu durch bloße Aufforderung.

Und immer da, wo Gott beschworen wird, gezwungen wird, menschengemacht werden soll, (auch das ist auffällig), geht das entweder schief oder mit dem Tod einher: Die Geisterbeschwörung von En-Dor endet mit König Sauls Tod, der Wettlauf um den richtigen Glauben zwischen Elias und den Baalspriestern endet mit dem Tod aller Baalspriester.

Gott lässt sich nicht zwingen. Gott kommt zu uns, so wie er will. Ist er erst einmal da, ist er nicht greifbar. Wir bekommen ihn nicht zu fassen. Allein durch Jesus Christuskönnen wir überhaupt etwas sagen, das etwas mehr ist als die große Spekulation. Allein vermittelt durch die Heilige Schrift können wir begreifen, was diese Erscheinungsweise Gottes als Jesus zwischen Krippe und Kreuz für uns bedeutet. Und allein durch den Glauben sind wir Menschen in der Lage, überhaupt erst von Gottesbegegnung zu sprechen!

„Und mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

4. Das ist für mich gut!

Jetzt will ich euch mal etwas fragen: Wer von euch ist glücklich? Irgendjemand? Nur zu! Arme hoch, es ist bloß der Test dieser Gemeinde! Ich fange mal an: Ich halte mich für einen glücklichen Menschen! Doch so viele?!

Das Wort Glück ist eine neuzeitliche Erfindung. Es hat es schlechterdings nicht gegeben in der Bedeutung, wie wir es heute verwenden: umfassende  Zufriedenheit. Damals hatte es allein die Bedeutung von „gutes Schicksal“, „positive Bestimmung“. Glück war damals mehr „Glück in der Lotterie“ als das Glück der Lebensfreude.

Das Glück unserer Tage ist doch mehr bestimmt als „Happiness“, „Frohsein“, diese Dinge. „Ich bin glücklich“, heißt bei uns nicht: Ich habe Glück gehabt, also etwa: Im Lotto gewonnen, die OP überstanden, sondern es heißt: „Mir geht es so richtig gut.“

Im Altertum hätte man da wohl eher den Begriff der Seligkeit verwendet, der dann wiederum Angelegenheit Gottes ist. Jesus sagt: „Selig sind, die da geistlich arm sind“ usw. Oder man hätte näher spezifizieren müssen, worin es einem denn „so richtig gut geht“. Erst die Neuzeit verwendet den Begriff so, wie wir es zu tun pflegen.

Im hebräischen Urtext bekommen wir es dann auch mit dem Wort „tov“ zu tun. Ihr kennt das Wort vielleicht aus dem jiddischen Begriff: Massel tov! Was so viel bedeutet wie: „Gutes Gelingen!“ Und wenn man dann etwas  vermasselt hat, dann ist etwas nicht gelungen.

Tov ist also gemäß der Jahreslosung das, was mit mir eine Gottesbegegnung macht. Gut. Gott ist für mich gut. Gott tut mir gut.

Wichtig ist anzumerken: Das Wort kommt in der Schöpfungsgeschichte vor. 7 mal. Nach jedem Werk heißt es: Und Gott sah, dass es gut – tov – war. Wenn also die Jahreslosung dieses Wort verwendet, dann kommen wir der schöpfungsmäßigen Bestimmung des Menschen auf die Spur: Es ist gut für uns Menschen, wenn wir als Gottes Geschöpfe in der Welt leben. Wenn das Getrenntsein von Gott aufgelöst ist und er uns ganz nahe ist.

Warum ist es also gut, dass Gott mir nahe ist? Weil es von Anfang an Gottes Plan mit der Welt war. Weil der Mensch ohne Gott nur ein Klumpen Erde, ein Klumpen Adam ist. Und wir nur mit Gott zu einer lebendigen Seele werden.

„Mir kommt Gott nahe, das ist für mich gut.“

Es mag exegetisch nicht sauber sein, aber: Dass das so ist, mit Gott und uns – gestern – heute – und in Ewigkeit: Das ist unser wirklich aller Glück.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Glück der Welt, bewahrte eure Herzen und Sinne in Christus Jesus!

2. Advent 2014: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlöung naht (Lk 21,25-33)

Von Pfarrer Marvin Lange

Predigttext Lk 21,25-33:
25  Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
27 Und alsdann  werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter,  weil sich eure Erlösung naht.
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist.
31 So auch ihr: wenn ihr seht, daß dies alles geschieht, so wißt, daß das Reich Gottes nahe 
32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.


Liebe Gemeinde!

Was für eine furchtbare Enthüllung. Und dann: „erhebt eure Häupter,  weil sich eure Erlösung naht.“ Nicht ab in den Bunker oder ab in die Depression. Ein christlicher Erwartungshorizont wird erschlossen, eine Zuversicht, Hoffnung, ein Glaube, der allem Herabziehenden und Demütigenden entgegensieht, aufrecht. Und weil das keine Einbildung oder Irrtum ist, blicken wir mit erhobenem Haupt auf die Welt. Denn wir haben eine feste Basis. Das ist die Erlösung — sie ist uns ganz nahe.

  1. Die iranische Familie

Was das bedeuten kann, schauen wir uns einmal etwas näher an:

Heimlich geht er mit seiner Frau in die Kirche. Ein stickiges kleines Kellerzimmer. Mehr geht nicht. Und auch das ist verboten. Diese Kirche ist eine Untergrundkirche. Im Iran haben es Christen schwer. Und Moslems, die neugierig sind auf das Christentum. Und noch schlimmer ergeht es denjenigen, die sich zu Jesus Christus bekehren. Heimlich geht er mit seiner Frau in die Untergrundkirche. Immer wieder. Beide überzeugt vor allem eines: Dass Gott die Liebe ist – und dass die Menschen einander in Liebe begegnen sollen. Das kannten sie vom Islam bislang so nicht. Da war Hingabe und Unterwerfung angesagt. Gott und den anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen: Das war ihnen neu. Das überzeugte.

Während eines heimlichen Gemeindetreffens ein Anruf der Mutter: „Kommt nicht nach Hause. Bleibt weg. Die Geheimpolizei steht vor der Tür.“ Das junge Paar schläft unter einer Brücke – selbst zu Freunden zu gehen trauen sie sich nicht. Das geht eine Weile so. Immer wieder der warnende Anruf der Mutter: „Kommt bloß nicht zu Eurem Haus. Es wird überwacht.“

Ein schneller Entschluss. Über die Grenze in die Türkei. Da ist man in Sicherheit. Wenn sich die Lage beruhigt, kann man ja zurückgehen. Ein kurzer Urlaub in Istanbul. Mehr nicht.

Die Lage bleibt angespannt. „Mama, wir haben kein Geld mehr. Verkauf unser Auto und zahl das Geld auf mein Konto“, heißt es nach einigen Wochen Zwangsurlaub. Die Regierung hatte da schon alles beschlagnahmt. Das kleine Haus, das Auto. Eine Heimkehr war nicht mehr möglich. Auf Umwegen gelangt das junge Paar in ein Asylantenheim in Osthessen. Mittlerweile eine kleine Familie geworden. Mit dem unsicheren Status der Asylanten haben sie sich allesamt taufen lassen. Der Vater begründete das so: „Das mit der Liebe, das hat uns so sehr überzeugt. Wir wollen Christen sein – egal, ob sie uns abschieben oder nicht.“

Neue Christen. Mit einen Hintergrund, der einem den Atem raubt. Aber als Christen, die aufsehen, die ihre Häupter erheben. Die wissen: Unsere Erlösung ist da. Die Ernst machen mit ihrem Glauben. Bei denen es um Leben und Tod geht. Die hier unter uns sind; in unseren Städten, unseren Dörfern in Hessen. Die unsere Sprache erst noch lernen müssen. Und unsere Kultur. Wie gut, dass es hier Christinnen und Christen gibt, die ihre Schwestern und Brüder freundlich aufnehmen!

2.Das Lächeln im Weihnachtsrummel

Szenenwechsel:

Manchmal schlendere ich diese Tage ganz bewusst langsam. Die Jacke halb geöffnet, so als hätte ich Zeit. Schenke den Menschen, die an mir vorüberhetzen, ein Lächeln. Und wie die Leute hetzen. Was sie jetzt gerade alles zu besorgen haben. Was man nicht online kaufen bestellen kann, das muss man schließlich bis zum 24. Dezember eingekauft haben.

Ich selber bin auch so. Begebe mich hinein in den Strudel aus Geschenkekaufen, Vorfreude und Weihnachtsmarktstimmung. Aber zwischendurch, wenn ich durch die Stadt gehe, dann halte ich bewusst inne. Und die Menschen, die gehetzten, schenken mir ein Lächeln zurück. Nicht immer, aber sehr oft. Und die Häupter gehen dann nach oben, die Menschen schauen auf, statt nur auf das, was vor ihren Füßen ist. So ein Lächeln ist zwar nicht die Erlösung, scheint mir für manche aber wie eine Enthüllung zu sein: Die Enthüllung, dass wir vergessen haben, wozu auf Weihnachten gewartet wird. Dass bei all dem schönen Rausch des Konsums der Urheber des Festes, Gott selber und das Jesuskind, ins Abseits geraten. Eigentlich ja so wie immer: Wenn das ganze Jahr über Gott und unsere Erlösung kaum noch eine Rolle spielen, wie kann es da dann an Weihnachten plötzlich anders sein? Ich will das nicht verurteilen. Wir Menschen sind so, wir vergessen Gott ganz gern. Ich selber auch; das ist ja sogar der Grund, weswegen wir auf Erlösung hoffen dürfen. Erlösung ist Gottesnähe. Erlösung ist, wenn Gott und Mensch sich auf Augenhöhe begegnen. Und das geschieht durch den, den wir in diesen Tagen eigentlich feiern. Durch das Kind in der Krippe – Jesus. Den erwachsenen Mann am Kreuz: Christus.

Ich gehe weiter durch die winterlichen Straßen, in aller Ruhe. Denn ich glaube an das, was Jesus gesagt hat: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Und wenn das so ist, dann soll jeder seine Geschenke doch in aller Eile kaufen gehen dürfen – an ihm, an Jesus, kommt ja ohnehin keiner vorbei.

3.      Gott kommt mir nahe: Jetzt!

Noch einmal Szenenwechsel.

 „Erhebt eure Häupter!“ Das klingt trotzig gegen alle Drohgebärden. Und die sind ja keine Kleinigkeit hier auf Erden. Wer einmal einen Gerichtsprozess erlebt, der weiß, was das für einen Ärger bedeuten kann. Wie da gefordert wird, Drohgebärden aufgefahren werden. Wie beide Seiten ihr vermeintliches Recht erstreiten wollen.

Ich erhebe mein Haupt, weil ich auf den setze, der allem überlegen ist. Der alle Macht im Himmel und auf Erden hat. Da braucht man sich nicht einschüchtern lassen, wenn man weiß: Er ist zu mir gekommen, er hat sich für mich dahingegeben, er hat sogar dem Tod die Macht genommen. Nichts kann mich mehr trennen von ihm. Erlösung ist nahe!

Nahe. – Doch sie ist wohl nicht ganz da. Sonst gäbe es keine Flüchtlinge, würden die Menschen nicht über lauter Geschenken und Glühwein Gott vergessen und wir würden alle in Frieden und Harmonie miteinander leben.

Jesus sagt etwas anderes: er spricht vom Reich Gottes schon jetzt, inwendig in euch, sowohl jetzt als auch in dem, was noch kommt. Und dass es nah ist. Ganz dicht bei euch ist.

Was ist uns denn eigentlich nah? Die Leute, die mit mir auf einer Wellenlänge sind, die mit mir auf gleicher Ebene denken, sind mir nahe; sogar dann, wenn sie irgendwo in räumlicher Ferne leben. Und andere, die ganz nahe zu mir leben, können mir ganz fern sein. Als im Sommer mitten im Gaza-Konflikt zwischen der Hamas und Israel plötzlich überall in Deutschland auf Demonstrationen wieder Judenhass offen zur Schau gestellt wurde, ich in die Gesichter der Schreihälse blickte und ihren Hass bemerkte: Wie fern waren mir diese Menschen. Unendlich fern erschienen sie mir, vermutlich fehlgeleitet, ohne einen Erwartungshorizont, der sich an Gott oder wenigstens am Mitmenschen orientiert. Und egal ob Islamisten, Radikale von links oder rechts: Ihnen allen scheint mir das freundliche Gesicht Gottes zu fehlen, das sie frohen Muts aufblicken lässt. Wenn das Haupt dieser Leute erhoben ist, dann nur für die Drohung und den Hass. Die Erlösung, die auch für sie ganz nahe ist, nehmen sie nicht wahr.

Und was geht mir nahe? Was dringt in mich ein, was nimmt guten Einfluss auf mich? Wenn ich meinen Nächsten liebe. In meiner Ehefrau genauso wie in den Menschen, die meiner Hilfe bedürfen. Wenn mir der Geschundene, Gequälte, Liegengelassene durch und durch geht. Wenn ich selber zum barmherzigen Samariter werde. Wenn ich selber meine Stimme gegen den Hass erhebe. Das geht mir nahe. Da ist Jesus ganz nahe. Da ist Erlösung ganz nahe.

Christen auf der ganzen Welt haben Gottes Wort, das Himmel und Erde überdauert. Sie können nachdenken über die Zukunft, die Gott an sein Ziel bringen wird. Können Tag für Tag geschenkte Zeit genießen und den Spielraum, den sie haben, zum Handeln an dieser Welt nutzen. Sie gemeinsam mit allen Menschen mit der gegebenen Vernunft und Verantwortung des Glaubens bestehen. Nahe ist unsere Erlösung, so nahe wie auch unser Umgang miteinander aus Nächstenliebe heraus. So greifbar nahe menschlich wie damals in Bethlehem. Gott auf Augenhöhe. Darum seht auf und erhebt eure Häupter. Jetzt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: Ihr lieben Christen freut euch nun (EG 6,1-5)

Ewigkeitssonntag 2013: Meine Worte werden nicht vergehen (Mk 13,31-37)

Predigt zu Mk 13,31-37

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

Amen.

Mk 13,31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.


32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist.

34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:

35 so wacht nun; denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,

36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.

37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!


1. Welt der Physis

Liebe Gemeinde,

wir wissen mittlerweile ganz gut Bescheid. Was das Alter des Universums angeht und seine Ausdehnung. Wie lange Sterne brauchen, bis sie verglühen. Wie lange unser Stern, die Sonne, noch haben wird, bis er verlischt. Wie lange unsere Erde noch bewohnbar sein wird.

Sie wird nach kosmischen Maßstäben schon ziemlich bald, nämlich bereits in etwa 500 Millionen Jahren nicht mehr von uns Menschen bewohnbar sein, da die Sonne auf dem Weg ihrer Verwandlung hin zu einem sogenannten Roten Riesen bis dahin immer heißer geworden sein wird. 100°C mehr im Durchschnitt auf der ganzen weiten Welt, und das immer weiter ansteigend, ist das Resultat dieses unumkehrbaren physikalischen Prozesses. Und in etwa sechs Milliarden Jahren, das ist schon noch eine ganze Weile, wird die Sonne die Erde verschlingen.

Dann, allerspätestens dann ist Schluss mit Leben auf diesem doch so schönen Planeten.

Sollte die Menschheit sich so rasant technisch und wissenschaftlich fortentwickeln wie in den letzten 50 Jahren, und sollten wir es bis dahin geschafft haben, uns nicht selbst auszurotten, dann könnten unsere Nachfahren vielleicht auf riesigen Raumschiffen zusammen mit Tieren und Pflanzen unterwegs sein zu neuen Welten. Irgendwo in der Galaxis, in den Weiten der Milchstraße, wird sich schon ein Planet finden, den wir dann bewohnen könnten.

Wir wissen also ziemlich genau darüber Bescheid, wie und wann etwa diese unsere Welt, der Planet Erde, zu Ende gehen wird.

2. Welt der Existenz

a: Philosophie

Liebe Gemeinde,

wir wissen sehr genau, wann die physikalische, materielle Welt vergehen wird. Bloß nützt uns dieses Wissen im täglichen Leben leider rein gar nichts.

Eine Welt bricht doch in dem Moment zusammen, wenn ein Mensch stirbt. Dann verschwindet eine ganze Welt. So wie er oder sie gelebt hat. Was er gefühlt hat. Was sie gedacht hat. Was er erlebt hat. Wen er geliebt hat und wie sie geliebt wurde.

All das kommt zu einem endgültigen Ende, wenn ein Menschenleben zu Ende geht.  Und das ist traurig. Meistens traurig, wenn der Mensch „alt und lebenssatt“ stirbt. Trauriger, wenn er zu jung stirbt. Oder „plötzlich und unerwartet“. Und umso trauriger, wenn ein Mensch seinem Leben freiwillig ein Ende setzt – so wie diese Woche bei Uttrichshausen auf der Autobahn.

Denn der Verlust wiegt viel mehr als bloß der eines Menschenlebens. Davon gibt es ja eigentlich auch so viele!  Das, was uns schmerzt, was uns manchmal an die Grenzen des Verstehens und des Aushalten-Könnens versetzt, ist der Verlust einer ganzen Welt, die stets mit einem Menschenleben verbunden ist.

Und: über das Ende dieser vielen Welten wissen wir meistens nichts. Das Ende eines Menschenlebens liegt im Dunkeln. Den Todeszeitpunkt können wir nicht voraussagen. Vielleicht auch besser so, wird mancher denken.

b) Jesus

Der Psalmbeter wagte sich zwar aus der Deckung und sagte: „70, wenn´s hoch kommt 80 Jahre“, dauere ein Menschenleben, aber das ist ja keine ordentliche Voraussage. So setzt also Jesus das Kommen des Herrn für die Nacht an. Dann, wenn man für Besuch nicht wirklich vorbereitet ist. Dann, wenn man müde und abgekämpft zu Bett gehen will. Allzu oft schaut dann, so Jesus, der Tod vorbei. Oder besser: Meist im unbekannten Moment schneidet der Herr über Leben und Tod den Lebensfaden ab – und zudem tatsächlich meistens in der Nacht.

Und mit dem Verlust eines geliebten Menschen müssen die Angehörigen dann umgehen lernen. Der fehlt und der Verlust schmerzt. Und er schmerzt besonders häufig an den Tagen, die besonders hell waren: Zur Weihnachtszeit, am Heiligen Abend, zum Jahreswechsel an Sylvester, an den Geburtstagen. „Ach, wäre sie doch jetzt hier“, höre ich mich da sagen.

Der Herr über Leben und Tod kommt in der Nacht. Und er verdunkelt mit seinem Kommen ganze Welten; manche scheint er im Meer der Tränen ganz zu verschlingen.

Und jetzt gibt Jesus uns einen weisen Rat. Er gibt zu, dass nicht einmal er selbst weiß, wann ein Leben zu Ende geht und der Herr kommt. Aber er empfiehlt uns, dass wir uns trotzdem auf sein Kommen vorbereiten. Da er ja ohnehin kommt, ist´s nicht schlecht, wenn man vorbereitet ist.

Er ruft uns zu: „Vergesst nicht, dass der Herr gerade dann kommt, wenn ihr es nicht erwartet.“ Und er will uns damit nicht niederdrücken oder fertig machen. Sondern dass wir uns mit dieser Tatsache anfreunden oder sie zumindest akzeptieren können. Dass es so ist wie es ist und wir die Zeit, die wir haben nicht mit Schlafen vertüddeln. Wachsam-Sein ist seine Empfehlung. Und zu diesem Wachsam-Sein gehört die Schau auf das eigene Leben und auf das Leben meiner Nächsten unverfälscht.

Wie oft höre ich bei den Beerdigungsgesprächen:

„Wir konnten uns noch gut verabschieden und haben Ungeklärtes geklärt.“

Ebenso oft steht aber noch manches im Raum, was man zu Lebzeiten gut hätte sagen können – aber dann ist es zu spät und wir können uns nur noch der Vergebung Gottes empfehlen, da derjenige, den man gern noch um Verzeihung gebeten hätte, gestorben ist. Auch das kommt eigentlich ziemlich oft vor.

Wachsam-Sein bedeutet dann, dass wir mit den uns umgebenden Menschen bei allem Respekt ehrlich und gerade heraus umgehen. Dass wir uns vielleicht für heute vornehmen, ein Problem endlich aus der Welt zu schaffen, das wir mit jemandem haben, indem wir auf ihn oder sie zugehen und es im Guten versuchen. Bevor es zu spät ist.

Denn ihr wisst nicht, wann der Zeitpunkt da ist.

3. Welt des Glaubens

Liebe Gemeinde!

Ihr dürft dies wirklich frohen Mutes tun: Aufeinander zugehen und aus der Macht der Vergebung heraus leben. Denn Jesus sagt ja noch etwas. Am Anfang unseres Predigttextes sagt er einen Satz, den ich Euch bei jedem Abendmahl mit auf den Weg gebe, da er mir selbst so wichtig geworden ist.
Er sagt: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

Vom unendlichen Weltraum und der Welt der Physik sprach ich am Anfang. Klar, diese Welt wird vergehen. Himmel und Erde. Genug davon.

Wenn Jesus aber behauptet, dass seine Worte nicht vergehen, dann ist damit mehr gemeint als die wenigen Worte, die wir in der Bibel von ihm haben. Auch wenn diese ebenfalls in Ewigkeit bleiben werden.  Wenn Jesus von Worten spricht, auf griechisch „logoi“ (von Logos), dann können wir uns an den Anfang des Johannes-Evangeliums halten, wo es heißt: „Im Anfang war das Wort.“ Und alles ist durch dieses Wort gemacht worden. Die ganze Schöpfung, der ganze Kosmos, und auch alle Menschen sind in dieses Wort mit hineingenommen.

Wir sind sozusagen Worte Gottes. Denn wir gehören zu seiner Schöpfung mit dazu. Und wenn es heißt, dass diese physikalische Welt vergehen wird, können wir doch eigentlich recht gut damit leben, wenn wir begriffen haben, dass die Worte von Jesus Christus in Ewigkeit bleiben.

Dass Du Deine Mutter wiedersehen wirst.

Und Du Deinen Vater.

Du Deinen Ehemann.

Deine Ehefrau.

Und Du Dein zu früh verstorbenes Kind.

Und dass alles, was ungesagt geblieben ist, im ewigen Wort Gottes gesagt sein wird. Und Verzeihen und Vergeben nicht nur in der Luft liegen, sondern Wirklichkeit geworden sind. Denn er, das lebendige Wort Gottes, legt seine rechte Hand auf dich und sagt zu dir:

„Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Predigt zum Volkstrauertag 2012: Offenbarung 2,8-11: Ein Trostbrief: Ehemalige Kinder des Bonhoefferhauses predigen

Predigt zu Offenbarung 2, 8-11 am Volkstrauertag 2012

im Bonhoeffer-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde in Fulda, Ziehers-Nord,

mit Taufe und 40 Jahre nach der Eröffnung des Gemeindehauses

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen heute einen Trostbrief mitgebracht. Der Seher Johannes schreibt der Gemeinde in der türkischen Stadt Smyrna, dem heutigen Izmir: „Ich kenne dich, ich kenne deine Not und deine Stärke! Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“

Was sagt dieser Brief uns heute, liebe Gemeinde? Heute am Tauftag von Justin Antonyuk, heute am Volkstrauertag?

Schreibe dem Engel der Gemeinde in Smyrna:

Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:

„Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut! Aber du bist reich! 
Und ich kenne die Lästerung derjenigen, die sich dir gegenüber als jüdisch ausgeben; aber sie sind es nicht! Sie sind eine Versammlung des Satans! 
Fürchte dich nicht! Nicht vor dem, was du erleiden wirst. Siehe der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet und ihr werdet zehn Tage Bedrängnis haben.
Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!


I

Ein Brief hat eine Anschrift. Dieser hier richtet sich an die Gemeinde in Smyrna. Aber der Seher Johannes schreibt nicht direkt an diese Gemeinde, er schreibt an den Engel der Gemeinde. Wie stelle ich mir den Engel einer Gemeinde vor? Haben auch Sie, liebe Ziehers-Norder, einen solchen Engel?

Ein Engel ist ein Bote. Er (oder ist es vielleicht eher eine Sie?) wechselt hin und her zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns. Bringt Nachrichten von Gott zu uns auf die Erde; erzählt Gott von uns. Der Engel achtet auf uns, schützt uns, behütet uns. Deshalb wählen so viele Eltern heute den Taufspruch aus Psalm 91, der auch Justin begleiten soll, den wir gerade getauft haben: „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten, dass sie dich behüten auf allen deinen wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“

Dass nicht nur jeder und jede Einzelne, sondern auch jede Gemeinde einen Engel hat, heißt: Was hier auf Erden in und mit einer Gemeinde geschieht, ist Gott nicht egal! Ob eine Gemeinde unter Verfolgung leidet, wie viele afrikanische Gemeinden in diesen Tagen; ob eine Gemeinde voll Schwung aufbricht und viele junge Familien anzieht; ob eine Gemeinde sich zurückzieht und das Gefühl hat: es geht ja doch nur alles bergab; all das interessiert und bewegt Gott. Jede Gemeinde mit ihren Stärken und Schwächen hat einen Engel, der sie vor Gott vertritt!

So verschieden wie die Gemeinden, so verschieden sind auch ihre Engel. Die einen brauchen Trost, die anderen Mahnung. Was zeichnet den Engel ihrer Kirchengemeinde hier in Ziehers-Nord aus?

Ich stelle mir vor, die Konfirmandinnen und Konfirmanden malen die Umrisse eines Engels mit großen spitzen Flügeln an die schönen hohen weißen Wände hier im Bonhoeffer-Haus. Und dann sind alle eingeladen, sich und die Gemeinde dort als Federn in die Flügel einzuzeichnen: die Spielkreise und die Tauffamilien, die Jugendlichen, die Konfirmandinnen und Konfirmanden, der Kreativkreis, die Senioren und der Kirchenvorstand, vielleicht auch die anderen Gemeinden drum herum, auch St. Paulus, auch die Schulen, zu denen Verbindungen bestehen.

So entsteht ein bunter Engel, an dem erkennbar wird, was diese Gemeinde auszeichnet. Für mich war und ist der Engel ihrer Gemeinde ein Engel der Gemeinschaft. Und zu so einem Engel passt ein Gemeindehaus. Hier spüren wir sofort: Niemand glaubt für sich allein! Evangelischer Glaube ist geteilter Glaube. Er lebt davon, dass wir uns gegenseitig kennen und stärken. Wer traurig ist, findet einen Menschen, der zuhört. Wer zweifelt, darf klagen und wird ermutigt. In die Jugendgruppe sind die eingeladen, die gut reden können und die, die lieber und gut Tischfußball spielen. Alle sind willkommen.

Ich erinnere mich noch, wie unsicher ich als Jugendlicher war, als wir einmal um das Haus ein Fest mit behinderten Kindern und Jugendlichen und der Lebenshilfe gefeiert haben. Wie wird das gehen? Wie werden wir uns verständigen? Können wir etwas miteinander spielen? Miteinander singen? Abends sind wir erfüllt nach Hause gegangen. Und bis heute begleiten mich das Lachen und die Herzlichkeit dieser Kinder und Jugendlichen. Der Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord hat mich gelehrt: Wir gehören zusammen, auch und gerade wenn wir unterschiedlich sind.

II

Jetzt haben wir die Anschrift des Briefes. Was steht denn nun in dem Brief? Ich lese drei Sätze an den Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord: „Ich kenne dich!“ „Fürchte dich nicht!“ und „Sei treu, dann wirst du leben!“

III

Ich kenne dich! Das ist der erste Satz von Christus an den Engel der Gemeinde und an uns. Christus sieht uns. Er achtet auf uns. Er schätzt uns. Wir sind ihm lieb!

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut, sagt er. Vieles ist schwer. Für einzelne von uns: Krank sein, Abschied nehmen müssen. Im Beruf nicht die Anerkennung finden, die ich mir gewünscht habe. Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren. In meiner Familie scheitern. Aber auch als Gemeinde gibt es das: da kommt eine Gruppe an ihr Ende oder es sind nicht mehr genug Menschen da, um einen eigenen Chor zu haben. Manchmal muss eine Gemeinde von einem Menschen Abschied nehmen, der wichtig für alle war. Oder es gibt Enttäuschungen: Warum hat mich niemand besucht?

Ja, sagt Jesus Christus unserem Engel, ich kenne dich und deine Sorgen. „Aber du bist reich!“ Lass dich nicht abhalten von Gottes Zusage. Lass dich nicht verbittern. Trau der Freundlichkeit und der Gemeinschaft, trau mir und meinem Wort. Komm trotz und mit deinen Sorgen in die Gemeinde: Hier gibt es Menschen, die zuhören, die an dir interessiert sind, die sich gegenseitig stärken.

IV

„Fürchte dich nicht!“ Das ist der zweite Satz, den der Geist Gottes an die Gemeinde schreibt. Fürchte dich nicht! Mit dieser Zusage beginnt christliches Leben. Das sagt der Engel zu Maria, als sie hört, dass sie mit Jesus schwanger ist. Das sagt Jesus zu den Kranken, die verzweifelt zu ihm kommen. Das sagen wir zu den Kindern bei der Taufe: „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Fürchte dich nicht, das ist für mich die Überschrift über das christliche Leben.

Mir ist dabei dreierlei wichtig:

  1. Fürchte dich nicht, kann man sich nicht selbst sagen. Das muss ich hören. Gerade wenn ich richtig Angst habe, brauche ich eine andere, die mir das zuspricht. Manchmal laut und deutlich, manchmal nur ins Ohr geflüstert: Trau dich, geh! Damit ich weiß, ich bin nicht allein, andere teilen meinen Glauben und meine Hoffnung. Sie stärken mir den Rücken. „Fürchte dich nicht“ braucht die Gemeinschaft.
  2. Wer: „Fürchte dich nicht!“ sagt oder hört, weiß: es gibt vieles, vor dem ich mich fürchten muss. Johannes schreibt der Gemeinde in Izmir: Fürchte dich nicht – und weiß zugleich, dass gerade einige im Gefängnis sind wegen ihres Glaubens. Er kennt ihre Not, aber er weiß auch um ihre Stärke: Christus ist bei euch! Deshalb ist die Zeit der Bedrängnis begrenzt. Zehn Tage wird sie dauern, sagt Johannes. Das war schon damals nicht als genaue Zeitangabe gemeint, sondern ein Bekenntnis: nur eine kurze Zeit, dann werdet ihr gerettet und eure Not wird ein Ende haben. Darauf vertrauen wir!
  3. Und schließlich: „Fürchte dich nicht!“ macht frei und mutig. Wer getauft ist, wer diese Zusage gehört hat, hat weniger Angst, den Mund aufzumachen. Traue ich mich, wenn eine in der Klasse gemobbt wird, mich auf ihre Seite zu stellen? Oder habe ich Angst, dann selbst angegriffen zu werden? Für was stehe ich ein, für was fühlen wir uns als Gemeinde verantwortlich?

V

Schließlich heißt es in dem Brief: „Sei treu, dann wirst du leben.“ Oder wie Johannes schreibt, dann wirst du die Krone des Lebens erhalten.

Was ist treu? Gemeinden wandeln sich. Vor 40 Jahren haben wir den Schwung genossen, mit dem hier oben viele Menschen neu anfangen wollten. Alles war möglich: ein neuer Stadtteil, eine junge Gemeinde, ein Aufbruch. Seitdem hat sich viel verändert. Der Stadtteil stellt jetzt neue Fragen an die Bonhoeffer-Gemeinde. Viele, die jung nach Ziehers-Nord gezogen sind, sind inzwischen alt geworden. Was ist für sie wichtig? Andere ziehen neu hierher und wollen nun ihre Akzente setzen. Finden sie Platz unter uns? Freuen wir uns auf neue Impulse von außen? Wie bleiben wir uns in allem Wandel treu?

Für mich heißt ‚treu’ zweierlei:

1. In allem Wandel bleiben wir wechselseitig füreinander verantwortlich. Wir achten aufeinander. Wir schauen, was Not tut und was wir dazu tun können, dass das Leben in Ziehers-Nord, in Fulda und darüber hinaus gedeiht.

Und 2. Wir richten uns gemeinsam aus auf Christus. Was will er uns heute sagen?

Ich will diesen Wandel am Beispiel des Volkstrauertages erläutern: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ stand und steht auf vielen Denkmälern für die Gefallenen der Weltkriege. Treue zu Christus und Gehorsam von Soldaten galten damals als ein und dasselbe. Aber die Kirche und die Gemeinden haben sich gewandelt. Sie haben gemerkt, dass sie in die Irre gegangen sind. Heute, am Volkstrauertag 2012, gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt, aber wir fragen uns zugleich: wie sind wir Christus treu, der seine Feinde liebte.

Mit Dietrich Bonhoeffer suchen wir Wege aus der Gewalt, gerade in diesen Tagen mit seinen Kriegsschrecken in Syrien, In Israel und Palästina: „Wer von uns darf denn sagen“, fragt Bonhoeffer, „dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?“ „Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? D.h. durch die Großbanken, durch das Geld? oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dies alles aus dem einen Grund nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmermehr sichern …“

VI

Wir kennen die Anschrift auf dem Brief: an den Engel der Gemeinde. Wir haben gelesen, was darin steht: „Ich kenne dich. Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“ Nun bleibt noch die Frage: Wer ist der Absender?

Johannes, der Seher, schreibt nicht in eigenem Namen. Alles, was er sagt und tut, sagt und tut er im Namen von Jesus Christus. „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden.“

Für mich heißt das: Alles, was wir tun und reden, tun und reden wir nicht, damit wir und unsere Gemeinden engagiert oder interessant wirken. Wir verweisen auf Christus, so wie Johannes der Täufer das tut, mit dem langen Zeigefinger! Wir fragen, was Christus von uns will und was er uns verheißt. Oder um es noch einmal mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen: Es geht in der Gemeinde nicht darum, „aus sich selbst etwas zu machen“, sondern „in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben“ und „sich Gott ganz in die Arme zu werfen“.

Das ist das Überraschende am Glauben: Schaue ich von mir weg auf das Kreuz und die Auferstehung, bekomme ich Mut für die Welt. Ich sehe die Not – und behalte die Hoffnung. Ich werde gestärkt – und mache anderen Mut. Ich werde frei – und helfe anderen. Ich schaue nach vorne – und sehe, wie Christus auf mich zukommt. Mit ausgebreiteten Armen sagt er: Ich kenne dich, fürchte dich nicht, du wirst leben!

Amen.

Jochen Cornelius-Bundschuh