Predigt zum Volkstrauertag 2012: Offenbarung 2,8-11: Ein Trostbrief: Ehemalige Kinder des Bonhoefferhauses predigen

Predigt zu Offenbarung 2, 8-11 am Volkstrauertag 2012

im Bonhoeffer-Haus der Evangelischen Kirchengemeinde in Fulda, Ziehers-Nord,

mit Taufe und 40 Jahre nach der Eröffnung des Gemeindehauses

Liebe Gemeinde,

ich habe Ihnen heute einen Trostbrief mitgebracht. Der Seher Johannes schreibt der Gemeinde in der türkischen Stadt Smyrna, dem heutigen Izmir: „Ich kenne dich, ich kenne deine Not und deine Stärke! Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“

Was sagt dieser Brief uns heute, liebe Gemeinde? Heute am Tauftag von Justin Antonyuk, heute am Volkstrauertag?

Schreibe dem Engel der Gemeinde in Smyrna:

Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:

„Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut! Aber du bist reich! 
Und ich kenne die Lästerung derjenigen, die sich dir gegenüber als jüdisch ausgeben; aber sie sind es nicht! Sie sind eine Versammlung des Satans! 
Fürchte dich nicht! Nicht vor dem, was du erleiden wirst. Siehe der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr geprüft werdet und ihr werdet zehn Tage Bedrängnis haben.
Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!


I

Ein Brief hat eine Anschrift. Dieser hier richtet sich an die Gemeinde in Smyrna. Aber der Seher Johannes schreibt nicht direkt an diese Gemeinde, er schreibt an den Engel der Gemeinde. Wie stelle ich mir den Engel einer Gemeinde vor? Haben auch Sie, liebe Ziehers-Norder, einen solchen Engel?

Ein Engel ist ein Bote. Er (oder ist es vielleicht eher eine Sie?) wechselt hin und her zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und uns. Bringt Nachrichten von Gott zu uns auf die Erde; erzählt Gott von uns. Der Engel achtet auf uns, schützt uns, behütet uns. Deshalb wählen so viele Eltern heute den Taufspruch aus Psalm 91, der auch Justin begleiten soll, den wir gerade getauft haben: „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten, dass sie dich behüten auf allen deinen wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“

Dass nicht nur jeder und jede Einzelne, sondern auch jede Gemeinde einen Engel hat, heißt: Was hier auf Erden in und mit einer Gemeinde geschieht, ist Gott nicht egal! Ob eine Gemeinde unter Verfolgung leidet, wie viele afrikanische Gemeinden in diesen Tagen; ob eine Gemeinde voll Schwung aufbricht und viele junge Familien anzieht; ob eine Gemeinde sich zurückzieht und das Gefühl hat: es geht ja doch nur alles bergab; all das interessiert und bewegt Gott. Jede Gemeinde mit ihren Stärken und Schwächen hat einen Engel, der sie vor Gott vertritt!

So verschieden wie die Gemeinden, so verschieden sind auch ihre Engel. Die einen brauchen Trost, die anderen Mahnung. Was zeichnet den Engel ihrer Kirchengemeinde hier in Ziehers-Nord aus?

Ich stelle mir vor, die Konfirmandinnen und Konfirmanden malen die Umrisse eines Engels mit großen spitzen Flügeln an die schönen hohen weißen Wände hier im Bonhoeffer-Haus. Und dann sind alle eingeladen, sich und die Gemeinde dort als Federn in die Flügel einzuzeichnen: die Spielkreise und die Tauffamilien, die Jugendlichen, die Konfirmandinnen und Konfirmanden, der Kreativkreis, die Senioren und der Kirchenvorstand, vielleicht auch die anderen Gemeinden drum herum, auch St. Paulus, auch die Schulen, zu denen Verbindungen bestehen.

So entsteht ein bunter Engel, an dem erkennbar wird, was diese Gemeinde auszeichnet. Für mich war und ist der Engel ihrer Gemeinde ein Engel der Gemeinschaft. Und zu so einem Engel passt ein Gemeindehaus. Hier spüren wir sofort: Niemand glaubt für sich allein! Evangelischer Glaube ist geteilter Glaube. Er lebt davon, dass wir uns gegenseitig kennen und stärken. Wer traurig ist, findet einen Menschen, der zuhört. Wer zweifelt, darf klagen und wird ermutigt. In die Jugendgruppe sind die eingeladen, die gut reden können und die, die lieber und gut Tischfußball spielen. Alle sind willkommen.

Ich erinnere mich noch, wie unsicher ich als Jugendlicher war, als wir einmal um das Haus ein Fest mit behinderten Kindern und Jugendlichen und der Lebenshilfe gefeiert haben. Wie wird das gehen? Wie werden wir uns verständigen? Können wir etwas miteinander spielen? Miteinander singen? Abends sind wir erfüllt nach Hause gegangen. Und bis heute begleiten mich das Lachen und die Herzlichkeit dieser Kinder und Jugendlichen. Der Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord hat mich gelehrt: Wir gehören zusammen, auch und gerade wenn wir unterschiedlich sind.

II

Jetzt haben wir die Anschrift des Briefes. Was steht denn nun in dem Brief? Ich lese drei Sätze an den Engel der Gemeinde in Ziehers-Nord: „Ich kenne dich!“ „Fürchte dich nicht!“ und „Sei treu, dann wirst du leben!“

III

Ich kenne dich! Das ist der erste Satz von Christus an den Engel der Gemeinde und an uns. Christus sieht uns. Er achtet auf uns. Er schätzt uns. Wir sind ihm lieb!

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut, sagt er. Vieles ist schwer. Für einzelne von uns: Krank sein, Abschied nehmen müssen. Im Beruf nicht die Anerkennung finden, die ich mir gewünscht habe. Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren. In meiner Familie scheitern. Aber auch als Gemeinde gibt es das: da kommt eine Gruppe an ihr Ende oder es sind nicht mehr genug Menschen da, um einen eigenen Chor zu haben. Manchmal muss eine Gemeinde von einem Menschen Abschied nehmen, der wichtig für alle war. Oder es gibt Enttäuschungen: Warum hat mich niemand besucht?

Ja, sagt Jesus Christus unserem Engel, ich kenne dich und deine Sorgen. „Aber du bist reich!“ Lass dich nicht abhalten von Gottes Zusage. Lass dich nicht verbittern. Trau der Freundlichkeit und der Gemeinschaft, trau mir und meinem Wort. Komm trotz und mit deinen Sorgen in die Gemeinde: Hier gibt es Menschen, die zuhören, die an dir interessiert sind, die sich gegenseitig stärken.

IV

„Fürchte dich nicht!“ Das ist der zweite Satz, den der Geist Gottes an die Gemeinde schreibt. Fürchte dich nicht! Mit dieser Zusage beginnt christliches Leben. Das sagt der Engel zu Maria, als sie hört, dass sie mit Jesus schwanger ist. Das sagt Jesus zu den Kranken, die verzweifelt zu ihm kommen. Das sagen wir zu den Kindern bei der Taufe: „Fürchte dich nicht, ich habe dich befreit, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Fürchte dich nicht, das ist für mich die Überschrift über das christliche Leben.

Mir ist dabei dreierlei wichtig:

  1. Fürchte dich nicht, kann man sich nicht selbst sagen. Das muss ich hören. Gerade wenn ich richtig Angst habe, brauche ich eine andere, die mir das zuspricht. Manchmal laut und deutlich, manchmal nur ins Ohr geflüstert: Trau dich, geh! Damit ich weiß, ich bin nicht allein, andere teilen meinen Glauben und meine Hoffnung. Sie stärken mir den Rücken. „Fürchte dich nicht“ braucht die Gemeinschaft.
  2. Wer: „Fürchte dich nicht!“ sagt oder hört, weiß: es gibt vieles, vor dem ich mich fürchten muss. Johannes schreibt der Gemeinde in Izmir: Fürchte dich nicht – und weiß zugleich, dass gerade einige im Gefängnis sind wegen ihres Glaubens. Er kennt ihre Not, aber er weiß auch um ihre Stärke: Christus ist bei euch! Deshalb ist die Zeit der Bedrängnis begrenzt. Zehn Tage wird sie dauern, sagt Johannes. Das war schon damals nicht als genaue Zeitangabe gemeint, sondern ein Bekenntnis: nur eine kurze Zeit, dann werdet ihr gerettet und eure Not wird ein Ende haben. Darauf vertrauen wir!
  3. Und schließlich: „Fürchte dich nicht!“ macht frei und mutig. Wer getauft ist, wer diese Zusage gehört hat, hat weniger Angst, den Mund aufzumachen. Traue ich mich, wenn eine in der Klasse gemobbt wird, mich auf ihre Seite zu stellen? Oder habe ich Angst, dann selbst angegriffen zu werden? Für was stehe ich ein, für was fühlen wir uns als Gemeinde verantwortlich?

V

Schließlich heißt es in dem Brief: „Sei treu, dann wirst du leben.“ Oder wie Johannes schreibt, dann wirst du die Krone des Lebens erhalten.

Was ist treu? Gemeinden wandeln sich. Vor 40 Jahren haben wir den Schwung genossen, mit dem hier oben viele Menschen neu anfangen wollten. Alles war möglich: ein neuer Stadtteil, eine junge Gemeinde, ein Aufbruch. Seitdem hat sich viel verändert. Der Stadtteil stellt jetzt neue Fragen an die Bonhoeffer-Gemeinde. Viele, die jung nach Ziehers-Nord gezogen sind, sind inzwischen alt geworden. Was ist für sie wichtig? Andere ziehen neu hierher und wollen nun ihre Akzente setzen. Finden sie Platz unter uns? Freuen wir uns auf neue Impulse von außen? Wie bleiben wir uns in allem Wandel treu?

Für mich heißt ‚treu’ zweierlei:

1. In allem Wandel bleiben wir wechselseitig füreinander verantwortlich. Wir achten aufeinander. Wir schauen, was Not tut und was wir dazu tun können, dass das Leben in Ziehers-Nord, in Fulda und darüber hinaus gedeiht.

Und 2. Wir richten uns gemeinsam aus auf Christus. Was will er uns heute sagen?

Ich will diesen Wandel am Beispiel des Volkstrauertages erläutern: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!“ stand und steht auf vielen Denkmälern für die Gefallenen der Weltkriege. Treue zu Christus und Gehorsam von Soldaten galten damals als ein und dasselbe. Aber die Kirche und die Gemeinden haben sich gewandelt. Sie haben gemerkt, dass sie in die Irre gegangen sind. Heute, am Volkstrauertag 2012, gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt, aber wir fragen uns zugleich: wie sind wir Christus treu, der seine Feinde liebte.

Mit Dietrich Bonhoeffer suchen wir Wege aus der Gewalt, gerade in diesen Tagen mit seinen Kriegsschrecken in Syrien, In Israel und Palästina: „Wer von uns darf denn sagen“, fragt Bonhoeffer, „dass er wüsste, was es für die Welt bedeuten könnte, wenn ein Volk – statt mit der Waffe in der Hand – betend und wehrlos und darum gerade bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer empfinge?“ „Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? D.h. durch die Großbanken, durch das Geld? oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dies alles aus dem einen Grund nicht, weil hier überall Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis und lässt sich nie und nimmermehr sichern …“

VI

Wir kennen die Anschrift auf dem Brief: an den Engel der Gemeinde. Wir haben gelesen, was darin steht: „Ich kenne dich. Fürchte dich nicht! Sei treu, dann wirst du leben!“ Nun bleibt noch die Frage: Wer ist der Absender?

Johannes, der Seher, schreibt nicht in eigenem Namen. Alles, was er sagt und tut, sagt und tut er im Namen von Jesus Christus. „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden.“

Für mich heißt das: Alles, was wir tun und reden, tun und reden wir nicht, damit wir und unsere Gemeinden engagiert oder interessant wirken. Wir verweisen auf Christus, so wie Johannes der Täufer das tut, mit dem langen Zeigefinger! Wir fragen, was Christus von uns will und was er uns verheißt. Oder um es noch einmal mit Dietrich Bonhoeffer zu sagen: Es geht in der Gemeinde nicht darum, „aus sich selbst etwas zu machen“, sondern „in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten zu leben“ und „sich Gott ganz in die Arme zu werfen“.

Das ist das Überraschende am Glauben: Schaue ich von mir weg auf das Kreuz und die Auferstehung, bekomme ich Mut für die Welt. Ich sehe die Not – und behalte die Hoffnung. Ich werde gestärkt – und mache anderen Mut. Ich werde frei – und helfe anderen. Ich schaue nach vorne – und sehe, wie Christus auf mich zukommt. Mit ausgebreiteten Armen sagt er: Ich kenne dich, fürchte dich nicht, du wirst leben!

Amen.

Jochen Cornelius-Bundschuh

Konfirmationspredigt am Pfingstsonntag 2013 zu Eph 6,14-17: Superhelden

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dessen Geist uns zusammenführt, sei mit euch allen! Amen.

Hört, was der Apostel im Epheserbrief im 6. Kapitel schreibt:

14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit

15 und an den Beinen gestiefelt, bereit einzutreten für das Evangelium des Friedens.

16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen,

17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.


  1. Superhelden im Kino und der Kirche

Liebe Konfirmanden!

Liebe Eltern, liebe Taufpaten, liebe Familien, liebe Festgemeinde!

Demnächst kommt ein neuer Super-Man-Film ins Kino. „Man of Steel“ läuft ab 20. Juni in den Kinos. Ich denke, da werde ich reingehen. Das Superhelden-Genre hat es mir schon lange angetan. Ob Batman oder Spiderman, ich versuche am Ball zu bleiben; ich versuche, alle auf Großleinwand zu sehen.

Heute Morgen haben wir hier 10 neue Super-Helden im Saal, die man ganz ohne Kinotechnik bestaunen darf. 10 junge Leute, die gleich ein Bekenntnis zu Gott, zu Jesus Christus und seiner Kirche ablegen werden. „Ja, wir sind bereit“, werden wir gleich – hoffentlich lautstark bis zur letzten Reihe – hören.

10 Superhelden. Aber Moment: Was macht denn einen Superhelden aus?

a) Superhelden-Kräfte

Dass er Superkräfte hat, die normale Menschen nicht haben. Superman kommt schon mit diesen Superkräften auf die Erde, weil er eigentlich gar kein Mensch ist. Spiderman wird von der Spinne gebissen. Batman hat das Glück, dermaßen viel technisches Spielzeug zu besitzen, dass er einfach stärker ist als seine Gegner, die Superschurken.

b) Verantwortung

„Große Macht erfordert große Verantwortung!“ schärft dann auch Uncle Ben Spiderman immer wieder ein. Denn wenn man ohne diese Verantwortung durchs Leben stolziert, wird aus dem Superhelden rasch eben ein Superschurke. Das Eintreten für Gerechtigkeit und allgemein für die gute Sache zeichnet im moralischen Bereich das Leben des Superhelden aus. Der Superheld ist da zur Stelle, wo er gebraucht wird, er setzt sich ein für die Schwachen und Unterdrückten, er weiß, was zu tun ist, wenn Not am Mann ist.

c) Fremde in der Welt

Und das Leben des Superhelden findet meist in zwei Welten statt: Einmal die Welt der Superkräfte, wo er mit seinem Kostüm und seinen großen Fähigkeiten die Welt rettet. Hier fühlen sich die Superhelden wohl, weil sie ihre Fähigkeiten einsetzen können.

Und zum anderen findet ihr Leben mit einer Deckidentität statt. Da tun sie so, als wären sie ganz normale Menschen, die ein stinknormales Leben führen. So dass Peter Parker als Pizzabote ständig zu spät kommt und dann sogar gefeuert wird. Oder Clarke Kent als Journalist durchaus die Grenzen des menschlichen Lebens kennenlernt.

Die außergewöhnlichen Kräfte verpflichten den Superhelden zur Geheimhaltung. Und dadurch werden Superhelden rasch zu Fremden in der Welt, die sie umgibt. Sie fühlen sich manchmal wie Fremdkörper, die zur Umgebung nicht so recht passen.

Und mancher Superheld erträgt das nicht und verwandelt sich über diese Frustration in einen Superschurken oder verweigert sich seiner enormen Kräfte, wie wir es in dem humorvollen Trickfilm „Die Unglaublichen“ (The Incredibles) sehen können.

Sinnverlust, Trägheit und Langeweile sind die Folge für den Superhelden, der seine Kräfte ignoriert.

2. Christen sind Super-Helden

Und nun behaupte ich: Heute Morgen haben wir 10 neue Superhelden hier im Bonhoeffer-Haus. Ich versuch´s den anderen mal zu erklären. Bleibt Ihr vorerst sitzen und probiert eure Superkräfte bitte erst nach dem Gottesdienst aus.

a) Superchristen-Kräfte

Worin liegen Eure jeweiligen Superkräfte?

  • Ihr gehört hinein in die Reihe der Menschen, die getauft sind und dadurch vom Geist Gottes, dem Heiligen Geist, direkt berührt werden.
    Ihr tragt in Euch die Macht Gottes. Und diese Macht ist noch mächtiger als diejenige von Superman, denn sie reicht über die physikalische Welt hinaus in eine göttliche hinein, die unsere umfängt.
    Supermans Kräfte reichen nur in diese Welt, was schon ziemlich viel ist, Eure Kräfte reichen darüber hinaus.
  • Mit dieser Macht habt ihr Gott selbst hinter euch. Der schützt und stärkt euch, wenn ihr nicht weiter wisst. Den könnt ihr alles fragen. Dem dürft ihr alle Schwierigkeiten und Probleme erzählen. Und ihr dürft euch darauf verlassen: Er hört jedes eurer Gebete.
    Ihr habt den stärksten Berater, den man sich vorstellen kann.
    Weitaus hilfreicher als Batmans Butler, viel zuverlässiger als Peter Parkers sogenannter bester Freund.
  • Ihr tragt die Liebe von Jesus Christus in euch.
    Ihr gehört hinein in die Reihe der Menschen, die aus der unglaublichen Macht der Vergebung leben dürfen.
    D.h.: Ihr seid nicht dazu verdonnert, jeden Streit mit dem Abbruch der Beziehung zu beenden. Ihr wisst, dass mit dieser Liebe Gottes sogar Kriege beendet werden könnten und Friede auf der ganzen Welt möglich wäre.
    Ihr könnt diese Liebe im Herzen immer anwenden, wenn Streit und Missgunst herrschen.
    Ihr dürft, da ihr Christen seid,  anderen Menschen im Namen Gottes verzeihen.
    Ich kenne keinen Superhelden aus dem Kino, der diese Fähigkeit besitzt.
    Ihr habt sie.
    Nutzt sie also auch!
  • Ihr habt das Ewige Leben.
    Ihr habt Anteil an der Allmacht Gottes, weil Ihr sogar über den Tod hinaus noch eine Rolle in Gottes Reich spielen werdet.
    Ihr könnt gewiss sein, dass ihr beim Heiligen Abendmahl die Speise zur Unsterblichkeit bekommt.
    Ihr könnt euer Leben im Horizont der Auferweckung führen.
    Ihr dürft gewiss sein:
    Euer Leben, Euer Einsatz und Eure Mühen werden nicht vergebens sein.

b) Glaube und Verantwortung

Dass diese eure Superkräfte große Verantwortung mit sich bringen, liegt auf der Hand. Wie schnell sich Glaube in Heuchelei verwandeln kann, die Freiheit des Christentums zu Unterdrückung führt und aus der Macht der Vergebung die Macht der sozialen Kontrolle erwachsen kann, kann man in Geschichte und Gegenwart der Kirche ablesen. Lest Zeitung und Geschichtsbücher, dann seht ihr, wohin falsch eingesetzte Superkräfte von Kirchenleitungen, aber auch einfachen Christinnen und Christen führen. Ihr tragt selbst die Verantwortung dafür, dass ihr Eure Superkräfte so einsetzt, dass aus ihnen das Gute erwächst. Als Superheld ist man vom moralischen Standpunkt her keinen Deut besser als die normalen Leute.

Überhaupt „Das Gute“ erfüllen: Das ist mehr als das Erfüllen irgendwelcher Ver- oder Gebote, die vor tausenden Jahren in der Wüste einmal in Stein gehauen wurden. Das Eintreten für das Gute bedarf den Blick weit über den Tellerrand hinaus und wird da realisiert, also umgesetzt, wo ihr Gott und die Menschen so sehr liebt, wie ihr euch selber liebt. Das ist die Summe dessen, wie ihr Superhelden leben sollt: Indem ihr Gott und alle anderen so sehr respektiert wie euch selbst.

Klingt nach „einfach“, fällt aber selbst den größten Superhelden schwer.

c) Christen in der Welt

Dann ist da noch eine Kleinigkeit, die das Superhelden-Leben nicht unbedingt einfach macht: Ihr seid zunehmend Fremde in unserer Welt, zumindest in Mitteleuropa. Superhelden werden von einem Großteil der Bevölkerung in Deutschland mit großem Misstrauen beäugt. Eure Fähigkeiten werden gering geachtet, ihr werdet sie meistens im Verborgenen anwenden müssen.

Es reicht nicht mehr aus zu sagen: „Komm, ich bin Christ, du bist Christ, lass uns vertragen, wir legen unseren Streit bei.“

Ja nicht einmal mehr…: „Hey, Samstagabend ist Jugendgottesdienst, kommst Du mit?!“

…wird mehr von vielen als Ausdruck des Weltverständnisses akzeptiert, sondern mit Stirnrunzeln quittiert.

Wir können nicht mehr wissen, wer zum „Club“ dazugehört und wer nicht. Damit seid ihr in einer Situation, die alle Superhelden vereint: Unter Eurer Maske des normalen Lebens in einem Deutschland, in dem das Christentum  immer weiter an den Rand gedrängt wird, seid ihr getaufte Christen, die als Krieger des Lichtes

  • im entscheidenden Moment den Mund auftun,
  • im richtigen Augenblick in Schule und Beruf das Mobbing abwehren,
  • mitten im Streit die Gnade der Verzeihung hervorholen.

Die Superhelden des Christentums wurden schon vor einiger Zeit in die Privatquartiere abgeschoben. Religion soll nach Meinung von vielen nur noch privat stattfinden dürfen. Als Christen können wir das natürlich nicht, weil wir keiner Religion folgen, die uns irgendwelche merkwürdigen Regeln aufdrückt, sondern einer Weltanschauung angehören, die das gesamte Leben umfasst. In den Kirchen, in den Häusern, in den Familien, in der Politik, am Arbeitsplatz.

Superheld ist man oder man ist es eben nicht.

Man kann sein Getauftsein nicht am Eingang des Kinos oder Rathauses an den Haken hängen wie einen Mantel. Es kann schwer werden, wenn ihr in Schule und Beruf angemacht werdet: „Was, du bist noch nicht ausgetreten? Ich fahre einmal im Jahr auf Kosten des Herrn nach Malle!“

Es bedarf der Superkräfte und Eurer Erinnerung an sie, wenn ihr solchen Antichristen begegnet. Wenn es soweit ist, holt euch erst einmal Eure Stärkung hier im Bonhoeffer-Haus oder jeder anderen Kirche ab. Und redet darüber mit den anderen Superhelden, also mit Pfarrern, Kirchenvorstehern und weiteren Christen. Und habt den Mut, selbst Hand anzulegen:

In der Kirche mitzuarbeiten, sie mit zu gestalten und in eine gute Zukunft zu führen. Ab jetzt sofort etwa in der Jugendgruppe. Am 29. September, indem ihr die Kirchenvorsteher Eures Vertrauens wählt. Und später als Erwachsene bei den vielen Angeboten die euch die Kirche macht.

Die Offenheit hier im Bonhoeffer-Haus und auch in St. Johann für die Modernisierung ist da.  Nutzen könnt ihr diese Offenheit, wie ihr möchtet. Superhelden werden bei uns jedenfalls immer gebraucht.

Eure geistliche Waffenrüstung wartet nur darauf, angezogen und ausprobiert zu werden.

Amen.

Predigt zu Exaudi am 12.5.2013 zu Joh 14,15-19: „Christen sind keine Waisen!“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dessen Geist uns zusammenführt, sei mit euch allen!

15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

16 Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern  Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit:

17 den  Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.

19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen.  Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.



Liebe Gemeinde!

1. Der Theologe sagt: Der heilige Geist ist der Freak innerhalb der Dreieinigkeit

Als ich mich in der vergangenen Woche mit einem befreundeten Pfarrer über den eben vorgelesenen Predigttext austauschte, war sein Fazit ernüchternd: „Das kann man doch nicht predigen! Das versteht doch niemand! Vielleicht ein paar Theologen oder religiös übermäßig Interessierte!“

Er habe ein paar Tauffamilien am Sonntag da und da könne man doch nichts vom Heiligen Geist erzählen, der hier etwas seltsam anmutend als „Tröster“ geschildert wird. Der heilige Geist, so der sehr gelehrte Theologe weiter, sei doch für die meisten Menschen so etwas wie der „Clown“ oder der „Freak“ innerhalb der Heiligen Dreifaltigkeit.

Auch wenn ich über seine harten Worte überrascht war, habe ich ihm doch ein wenig recht geben müssen. Der heilige Geist scheint ein Schattendasein in unseren Kirchen zu führen. Und wenn Pfarrerinnen und Pfarrer von ihm zu reden beginnen, dann oftmals so, dass man hinterher auch nichts Neues erfahren hat. (Schauen wir mal, wie das hier nun ist…!)

Von Jesus reden: Ja, das ist einfach, da haben wir Geschichten und zum Teil sogar konkrete Geschichte. Da können wir Wundererzählungen ausdeuten, können seine Gleichnisse analysieren, können darüber nachdenken, was seine Auferstehung für uns bedeutet und was es für das Abendmahl bedeutet, dass auch Judas Iskariot mit am Tisch saß. Und die meisten Gottesdienste stellen dann ja auch tatsächlich Jesus in den Mittelpunkt.

Von Gott dem Vater reden: Auch das ist noch irgendwie möglich, da haben wir das, was uns Jesus von ihm berichtet – und wir haben das gewaltige Sammelsurium der Gottesvorstellungen des Alten Testamentes, die uns Gott den Schöpfer, Gott den Erhalter, Gott den Rächer, Gott den Barmherzigen und was es da sonst noch an Aussagen gibt, begreiflich machen.

Heute aber: Gott der heilige Geist.

Der Freak unter der Heiligen Dreieinigkeit, der nur zugänglich ist über Umwege, und den es „ganz konkret“ einfach auch gar nicht „gibt“. Wir wollen es also heute morgen mal mit ihm aufnehmen – und das, gerade weil eine Tauffamilie hier bei uns ist, die vielleicht dadurch einen neuartigen Zugang zu diesem Aspekt Gottes gewinnen kann. Denn: Den Segen Gottes bei der Taufe habt ihr eben auch nicht sehen können. Wasser ist geflossen, ein Versprechen wurde gegeben – dass die Liebe das höchste sei – aber alles ist unbewiesen und steht erst einmal im Raum. Es wird sich wohl erst noch im weiteren Leben erweisen müssen, inwieweit Gott mit der kleinen A-M ist und was ihr die Taufe bedeutet.

Jesus sagt: „Ich werde den Vater bitten und er sendet euch einen anderen Tröster.“

Besser übersetzt: Er sendet euch einen anderen Beistand, nämlich eben diesen Heiligen Geist, der meinem Kollegen und Freund so suspekt ist.

Dabei ist doch alles ganz einfach: Nachdem Jesus von den Toten auferstand, wurde er immer wieder von seinen Jüngern gesehen; teilweise in sehr privatem, kleinen Rahmen, etwa bei der Emmaus-Erzählung oder derjenigen von Maria aus Magdala; teilweise aber auch vor größeren Menschengruppen, etwa einem erweiterten Jünger- und Freundeskreis, schließlich von einer ganzen Menschenmenge mit über 500 Personen auf einmal. Nach 40 Tagen war der Zauber dieser erstaunlichen Begegnungen mit dem Auferstandenen dann vorbei. Jesus wurde entrückt zu seinem Vater in den Himmel, wie es Lukas im Evangelium und der Apostelgeschichte berichtet. Das haben wir am letzten Donnerstag, an Christi Himmelfahrt, gefeiert.

Problematisch wäre es für das Überleben des Christentums gewesen, wenn es das dann gewesen wäre.

Jesus kommt zu Erde.

Macht da einigen Wirbel.

Stirbt, steht von den Toten auf.

Und ist dann weg.

Dass es so eben nicht gekommen ist, zeigt unser heutiger Predigttext. Jesus steigt in den Himmel auf. Das bedeutet: Er befindet sich von da an in der Allgegenwart Gottes und eben nicht länger nur in der Gegenwart einiger weniger Auserwählter, und wenn es 500 auf einmal sind.

Allgegenwart bedeutet: Er ist überall gegenwärtig. Jetzt gerade hier. Mitten unter und in uns. Als Herrscher des Alls ist er jedem einzelnen dennoch ganz nah.

Denn, wie Jesus dann ja auch sagt: „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück.“ Ihr habt mich immer bei euch, was immer ihr auch tut.

Er ist damit aber nicht länger so konkret unter den Menschen, wie er es vor seiner Kreuzigung und Auferstehung war. Wir können ihn nicht sehen. Manche meinen ihn fühlen und erspüren zu können. Er ist da als Heiliger Geist, als Geist der Wahrheit und als ein Beistand für jeden getauften Menschen.

Wer das begriffen hat, diesen Dreischritt: Jesus geht zu Gott. Jesus wird Gott gleich, etwa in seiner Allgegenwart. Jesus ist damit als Heiliger Geist unter uns,

…der hat vom Wesen des Christentums bereits enorm viel verstanden!

Und dann können wir auch meinen theologischen Freund in die Schranken weisen, der den Heiligen Geist als Freak oder Clown meinte bezeichnen zu müssen, weil das ja alles so arg kompliziert mit ihm sei.

2. Der Physiker sagt: Der heilige Geist ist nicht möglich, da er nicht zur Welt dazugehört

Ich habe allerdings noch einen anderen Freund. Der hat eine sehr materialistische Weltsicht. Der hat einmal Physik studiert. Und der sagt ganz deutlich: Man kann diesen Heiligen Geist nicht messen. Also kann es deinen Heiligen Geist auch nicht geben. Denn: Wenn der tatsächlich in dieser Welt wirkt, dann müsste man auch auf ihn messbar und belegbar schließen können. Das können wir nicht. Also ist dein Heiliger Geist eine Illusion, auf die du reinfällst.

Es ist ganz witzig, dass es Jesus Christus selber ist, der eben gerade das bereits vorwegnimmt. Er sagt: Ich sende euch

den „Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht.“

Jesus selber geht ganz selbstverständlich davon aus, dass die „Welt“ diesen Geist nicht empfangen kann, weil sie ihn weder sehen noch kennen kann. Was Jesus hier tut ist nichts weiter, als allen Streit um die Existenz Gottes endgültig beizulegen: Wer allein zur Welt gehört, also ganz und gar in einer rein physikalisch-materialistischen Weltanschauung gefangen ist, hat nicht einmal die Chance, etwas von diesem Geist wahrzunehmen. Derjenige kann nur sagen: Es ist kein Gott, da es ihm unmöglich ist, Gott wahrzunehmen. Oder dann leider diejenigen, die daran glauben bzw. ihn durchaus wahrnehmen können, als Freaks oder Clowns zu bezeichnen, wie es zur Zeit in der neuen und höchst aggressiven Atheismus-Debatte der Fall ist.

Der Atheist, also der Ungläubige, hat nicht den Hauch einer Chance, Gott näher zu kommen, wenn Gott selber es nicht will.

Ungerecht? Kann schon sein, darüber steht mir ein Urteil nicht zu. Doch das was Jesus sagt, geht ja noch weiter:

„Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“

Waren mit der Welt und dem Unvermögen, Gott zu erkennen, all diejenigen gemeint, deren Weltanschauung auf rein innerweltliche Vorgänge gerichtet ist, dreht es sich jetzt darum, dass Christinnen und Christen diesen Geist nur zu gut kennen. Der ist nämlich mitten in und unter euch – jenseits aller Messinstrumente! Und doch keine Illusion, sondern eine Erscheinungsform Gottes, an deren Wahrhaftigkeit keiner zweifelt, der sie bereits erlebt hat.

3. Der Mönch sagt: Nur mit dem heiligen Geist hat eine Kirchengemeinde eine Chance

Dazu will ich eine letzte Person heranziehen, die ich auf dem Kirchentag in Hamburg getroffen habe. Es trat bei einer Veranstaltung über die weitere Entwicklung unserer evangelischen Kirche ein kleiner Mönch auf.

Die Veranstaltung war davon geprägt, dass verschiedene Professoren und Kirchenoberhäupter (einer miesepetriger als der andere) mit Zahlen, Statistiken und Stirnrunzeln die Entwicklung unserer Kirche derart schwarzmalten, dass ich mich fragte, ob ich vielleicht auf einem anderen Planeten lebe oder auch einer anderen Kirche angehöre.

Ganz unscheinbar stand auf einmal ein kleiner Mann in seiner Kutte da, der als Gesprächspartner eingeladen war. Mein erste Gedanke: Was hat der denn nun noch beizutragen? Will der vielleicht aus katholischer Sicht die evangelische Kirche schlechtmachen?

Der fing an zu reden. Und da konnte man begreifen: dieser Mann hatte das mit Himmelfahrt, mit Jesus, mit dem Heiligen Geist und dem Beistand für Christen vollends verstanden. Das was er sagte war, dass jeder das Vertrauen haben darf, dass der Heilige Geist das eigene Leben berührt. In uns selbst wirkt gerade jetzt der Heilige Geist. Die Begeisterung, die ein solches Leben in sich trägt, trat bei diesem Mönch von ganz allein nach außen.

Der Mann war kein begnadeter Redner, sondern hat in einfachsten Worten geschildert, was er in seinem täglichen Leben erlebt. Dass es darum geht, dem Wirken Gottes – des Heiligen Geistes! – im eigenen Leben nachzuspüren, sich darauf einzulassen.

Etwa: Die Menschen, denen wir den Tag über begegnen, sollen uns als von Gott geschickt vorstellen. Egal, wen wir treffen, wir gehen zunächst einmal davon aus, dass es Gottes Wille ist, dass wir gerade auf diesen Menschen treffen. (Hinterher kann man seine Meinung ja immer noch korrigieren!)

Denn wir Christinnen und Christen sind ja nicht allein „von dieser Welt“, sondern haben eben auch Anteil an der Ewigkeit Gottes, die kein Messgerät jemals aufzeichnen kann.

Anders gesagt: Ihr, die ihr hier heute Morgen seid, dürft euch getragen und umarmt fühlen von diesem Beistand, den Jesus vor nunmehr 2000 Jahren seinen Jüngern angekündigt hat. Der entzündet die Herzen. Von jedem noch so kleinen Menschen. Wie etwa unserem Täufling. Und er ist doch derselbe, der der Herrscher des Alls ist. Keine Witzfigur für irgendwelche Frömmler. Und auch keine Illusion irgendwelcher Spinner.

Sondern die ganze geballte Kraft Gottes in der Liebe zu seinen Menschen.  Gestern. Heute. Und in Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn. Amen.

Predigt zu Kantate am 28.4.2013 zu Jes 12: „Was heisst evangelisch sein?“

Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid. Amen.

Liebe Vorkonfis, liebe Gemeinde!

Was heisst: „Evangelisch sein“?

Darüber habt ihr im letzten Vierteljahr in Eurer Familiengruppe bei N.K. einiges gelernt und nachgedacht. Das habt ihr erfahren dürfen, als ihr die Kirche erkundet habt. Und das habt ihr gelernt, als ihr gestern mit mir und vielen anderen Vorkonfirmanden und Pfarrer Pfeifer im Bibelmuseum in Frankfurt wart.

Gottesdienst kennt ihr auch schon, auf jeden Fall den Kindergottesdient, ein wenig auch schon den „richtigen“ Gottesdienst, also den, der eher für Erwachsene gedacht ist.

Ihr seid also für Euer Alter von neun Jahren bereits ziemlich weit auf dem Weg zu wissen, was das ist: Evangelisch sein.

Nun ist es die Aufgabe des Pfarrers, jeden Sonntag einen Abschnitt aus der Bibel vorzulesen und anhand dessen zu zeigen, was dieser Text für unser Leben zu sagen hat. Der Abschnitt, den ich heute Morgen vorlese und dann für euch auslege, der stammt aus dem Buch Jesaja im Alten Testament unserer Bibel. Es ist das gesamte und sehr kurze zwölfte Kapitel.

Hört selbst, was der Prophet Jesaja uns für heute Morgen mitteilt:


Predigttext: Jes 12

1 Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, daß du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.

2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn  Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!

6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Liebe Vorkonfirmanden, liebe Gemeinde!

Was heisst das: Evangelisch sein?! Mit diesem Kapitel aus dem Jesajatext noch im Ohr will ich eine doppelte Antwort versuchen!

1. Evangelisch sein heißt, einer Religion anzugehören für besonders faule Menschen

2. Evangelisch sein heißt, einer Religion anzugehören für besonders fleißige Menschen.

Das ist aber eine widersprüchliche Antwort, werdet ihr jetzt bestimmt denken: Entweder jemand ist besonders faul, oder er ist besonders fleißig!

Fangen wir vorne an!

Zunächst sagt Jesaja, dass Gott seine Menschen tröstet. Gott tröstet seine Menschen, wenn wir traurig sind, wenn wir ihn brauchen. Wie Eltern auf ihre Kindr schon einmal sauer sein können und zornig werden, so schließt Gott seine Kinder später wieder in die Arme und tröstet sie.

Fast schon ein wenig zu naiv, zu menschlich gedacht und von Jesaja aufgeschrieben.

Fast schon ein wenig zu sehr am Vatergott des Psychologen Sigmund Freud dran, der (verkürzt) behauptete, dass Gott nur eine Einbildung sei, als dass wir das so ohne weiteres akzeptieren wollten.

Da ist schon einmal die erste Anfrage: Warum um Himmels Willen sollte Gott denn überhaupt zornig sein auf seine Menschen?

Warum sollte ihm denn irgendetwas nicht passen an so netten Jungs und Mädchen wie Euch Vorkonfis?

Oder gar unserem kleinen Täufling?

Wir haken da ein und kommen denkerisch nicht so recht weiter.

Wir wollen von Gott nicht be- oder verurteil werden, wollen nicht akzeptieren, dass der Gott des Alten Testaments ein Gott voller Zorn ist. Können nur schwer nachvollziehen, dass die Menschen dieser Zeit Gott als einen strafenden, unbarmherzigen Gott erlebt haben.

Dabei ist der Gedankengang, der dazu führte, so einfach nachzuvollziehen: Gott hat seinen Menschen gut erschaffen. Sie erweisen sich aber ständig als ganz und gar nicht gut. Streit, Lüge, Lieblosigkeit sind ja nur der Anfang, kriminelle Energien, Kriegstreiben und Völkermord das Ende der Palette an Schlechtigkeiten des Menschen – alles andere als Ruhmesblätter des Geschöpfes Mensch,

Also: Aus menschlicher Sicht kann Gott gute Gründe haben, zornig zu sein.

Nun schreibt der Prophet aber, dass sich Gottes Zorn gewendet hat und er nun seine Menschen tröstet.

Ja wie denn, haben sich die Menschen gebessert? Hat sich Gottes Zorn gewandelt, weil wir auf einmal allesamt immer artig sind und uns so benehmen, wie er es mal vorgesehen hatte? Nichts dergleichen. Da hat sich gar nichts geändert. Menschen sind, wie sie sind – seit Adam und Eva liegt´s uns Menschen im Blut, Sünder zu sein. Und trotzdem sorgt sich Gott um uns. Trotzdem tröstet er uns. Egal, was wir machen: Der hat uns lieb.

Deswegegen habe ich vorhin gesagt: Evangelisch sein: Das ist die Religion für die Faulen. Wir brauchen nichts machen, damit Gott uns liebt.

Was macht Gott denn dann aber mit uns, dass wir es erkennen können? Gibt es Zeichen dafür, dass das auch stimmt?

2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn  Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

Wie kann der Prophet so etwas schreiben? Ich lese diese Prophezeiung auf uns heute bezogen. Auf Euch, liebe Bonhoeffergemeinde, und damit dann auch auf Euch liebe Vorkonfis!

„Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht“.

Dafür gibt es ein Zeichen, dass man selber dieses Gebet für sich immer und immer wieder sprechen kann. Durch die Taufe darf ich angstfrei und sicher durch´s Leben gehen. Ich habe keine Angst mehr vor dem Leben, wenn ich begriffen habe, dass Gott seit der Taufe ein besonderes Auge auf mich wirft. Der ist bei mir, der führt mich durch´s Leben – und wenn es nicht mehr weiter geht, dann wird er mich auf seinen Händen tragen.

Mit der Taufe könnt ihr gewiss sein: Gott ist Dein Heil!

Dann geht der Prophet noch weiter:

„denn  Gott der HERR ist meine Stärke“.

Wo bekommen wir Christen von Gott persönlich Stärke? Wo erleben wir Gott so nah, dass er in uns aufgeht und uns stärkt?

Beim Heiligen Abendmahl. Das ist der Ort, wo wir ganz konkret Gottes direkte Zuwendung in Form einer Stärkung erleben können. Wir essen nur ein kleines Stückchen Brot oder eine Oblate – und trinken nur einen kleinen Schluck Wein oder Traubensaft (die Kranken tunken auch manchmal das Brot hinein, um niemanden anzustecken), aber wir bekommen damit Kraft und Stärke von Gott selber.

Weiter schreibt der Prophet:

„denn  Gott der HERR ist mein Psalm“

Ein Psalm ist ein Lied. Und Gott als ein Lied erleben wir beim Feiern des Gottesdienstes. Hier beten wir und singen miteinander. Gott selber soll uns im Gottesdienst begegnen. Wir haben ihn immer wieder auf der Zunge – fast so wie ein Lied, das aus dem Kopf nicht verschwindet, ein Ohrwurm. Hier haben wir – wenigstens einmal in der Woche – Zeit und Raum dafür, uns auf den Schöpfer und Erhalter von Raum und Zeit – also einem jedem von uns – zu besinnen. Ihm zu danken, an ihn zu denken, uns seine Worte zusagen zu lassen.

„denn  Gott der HERR ist mein Heil.“

Das, liebe Gemeinde, erfahren wir, wenn wir wieder nach draußen gehen. In unsere Häuser, an unsere Arbeitsplätze, in unsere Familien. Da erweist sich Gott als unser Heil. Achtet doch einmal darauf, wo Gott in eurem Leben am Wirken ist. Wo er sich euch als der treue und freundlich tröstende Gott gezeigt hat. Ich bin mir sicher: Da könnte so mancher einiges erzählen, wie sich Gott völlig ohne Gegenleistung als der gnädige und barmherzige erwiesen hat.

Evangelisch sein: Religion für Faule!

Nun hatte ich aber eingangs noch einen zweiten Satz dazugestellt:

2. Evangelisch sein heißt, einer Religion anzugehören für besonders fleißige Menschen.

Wie kann denn das nun zusammen passen? Wo wir doch gerade gehört haben dass wir uns ganz entspannt zurücklehnen und Gott an uns wirken lassen dürfen? Bei der Taufe, beim Abendmahl, im Gottesdienst und im täglichen Leben?

Auch hier hilft der Prophet Jesaja weiter:

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

Das heißt nicht mehr und nicht weniger als: Wer begriffen hat, dass Gott ihn völlig kostenlos und ohne Gegenleistung liebhat und unbedingt anerkennt, der ist darüber so begeistert, dass er diese Erfahrung an andere Leute weitergeben will. Der zögert nicht, wenn ein anderer Hilfe benötigt: So ein begeisterter hilft einfach. Und zwar immer dann, wenn es nötig ist.

Und je mehr er oder sie begeistert ist von dem, was Gott für uns getan hat, desto mehr wird derjenige so, wie Gott uns einmal haben wollte. Und dann werden wir selber zu Handlangern Gottes, werden seine Zeugen, seine Boten, seine Handwerker, seine Mitarbeiter an der großen Idee vom Reich Gottes, die sich in unserer Mitte in der Kirche bereits zu vollenden anbahnt.

Also: Bleibt richtig schön faul, was Euer Leben vor Gott angeht: Der sorgt für euch und ihr braucht nichts machen (das Abstrampeln für das Himmelreich überlassen wir einfach mal den anderen Konfessionen und Religionen).

Aber werdet damit gleichzeitig immer fleißiger, wenn es um Euer Leben mit den Menschen geht: Da dürft ihr euch anstrengen und das Gute, was ihr von Gott empfangen habt, freiwillig und ohne jeden Zwang weitergeben.

Als fröhliche und von Gott gestärkte Menschen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Predigt zu Miserikordias Domini am 14.4.2013 zu Johannes 21,12-17: „Hast du mich lieb?“

„Kinder, habt ihr nichts zu essen?!“ so fragt eines Morgens ein einsamer Fremder am Ufer des Sees. Gefragt ist eine Gruppe müder Fischer.

Textlesung Joh 21,12-17

12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch die Fische.
14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.
15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!
16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!


Liebe Gemeinde!

Das ist ein unvergesslicher Anblick: Dieser Fremde ist Jesus Christus. Etwa drei Tage nach Ostern zeigt er sich seinen resignierten Jüngern noch einmal leibhaftig. Leibhaftig heißt z.B., dass er morgens Hunger hat.

In dem Glaubenskurs, den wir am Samstag beginnen, werden uns keine schwierigen Dogmen beschäftigen. Kompliziertes würden wir schnell vergessen. Aber Leibhaftiges prägt ein Bild in unserer Seele ab, das wir nie vergessen werden. Nicht in Dogmen, sondern in Bildern bildet die Bibel unseren christlichen Glauben. Deshalb wird unser Glaubenskurs ein Bibelkurs sein: In Gesprächen über Gestalten der Bibel wird nach und nach jeweils ein Bild von ihnen entstehen.

Das gilt auch für das Bild, das sich jetzt am Seeufer entwickelt. Brot und Fisch essen Jesus und die Jünger zusammen. Dann sagt Jesus: „Simon, lass uns mal miteinander reden!“ Simon ist der alte Name von Petrus! Wir sehen Gottes Sohn mit gerade diesem Jünger etwas beiseite gehen. „Simon, hast du mich selbstlos lieb – mehr als die anderen?“ Bei dem Wörtchen „mehr“ ist Petrus hellwach – sein Lieblingswort! Erinnerungen steigen in ihm auf: Einst ließ Jesus die Gruppe allein über den See fahren. Als der Sturm gefährlich wird, erscheint Jesus. Er geht auf dem Wasser. Das fordert den Petrus heraus. Er will mehr als ängstlich im Boot zu hocken: „Wenn du’s bist, so heiße mich zu dir zu kommen“ und Jesus sagt tatsächlich: „dann komm!“ Und er kommt, als einziger!

Oder neulich, als ein Polizeitrupp Jesus vor den Augen der Jünger verhaftete. Petrus hat ein Schwert und säbelt einem Polizisten ein Ohr ab. Er will mehr, er will’s ihnen zeigen. Jesus macht schnell deutlich: So könnten wir arbeiten, aber so wollen wir nicht arbeiten! Es hätte schlimmer kommen können! Aber immer ist Petrus vorne dran, ein ausgeprägtes Alphatierchen.

Wir neigen in der Kirche zu falscher Bescheidenheit. „Das könnte ich nie!“ oder als Petrus gefährlich ins Wasser sinkt: „Das kommt davon!“ Ich behaupte: Wir brauchen in der Kirche Gemeindeglieder, die sich melden, wenn sie gerufen werden. Ja, wir brauchen Mitglieder, die mehr wollen. Jesus nimmt Petrus beim Wort: Du willst doch immer mehr; liebst du mich denn auch mehr?

Petrus sagt ja! Aber Jesus fragt erneut: „Simon, hast du mich wirklich lieb?“ Bitte lassen Sie Jesus diese Frage direkt an Sie richten! Tragen Sie Ihren Vornamen als Anrede ein! Denken Sie still darüber nach, was Ihnen Jesus Christus wirklich bedeutet! Von Ostern an können wir ihn unseren Freund nennen, ganz persönlich. Er ist die Freundschaftsseite von Gottes unsichtbarem Wesen. In Jesus ist der ferne Gott mir als Mensch ganz nahe geworden. Freundschaft mit Jesus ist also kein Hobby an der Peripherie, sie ist das Zentrum.

Aber kennen wir das auch? Dass solch eine persönliche Beziehung vertrocknet? Kennen wir das in unserer Kirche? Die Kirchensteuer klappt, die neuen Lieder sind brauchbar und die Lokalpresse berichtet freundlich. So könnte es weitergehen. Aber in mir wächst das berühmte Gefühl: das kann doch nicht alles sein? Es muss doch mehr geben?

Ich muss an dieser Stelle etwas erzählen: Ich fahre in Fulda gemächlich von einer roten Ampel 100 m weiter zur nächsten und schalte das Autoradio ein. Da demonstriert in Freiburg eine Gruppe junger Muslime gegen Karikaturen über Mohammed. Eine deutsche Muslima, vermutlich eine ehemalige Christin, wird interviewt. Ich schnappe ihre Entrüstung auf: „Wir protestieren, wie unser geliebter Prophet Mohammed beleidigt wird!“ „Geliebter Prophet Mohammed“ – immer wieder murmele ich diese Worte vor mich hin. Die Frau sprach es klar und entrüstet aus, ohne „ich sag mal so“ und ohne „wenn ich das mal ein Stückweit so sagen darf“! Und ich versuche, etwas Christliches zu formulieren: „Wir bekennen uns zu unserem geliebten Herrn Jesus Christus!“ Wo sind die jungen Christen, die dies fröhlich ins Mikrofon sagen?

Da fragt Jesus den Petrus ein drittes Mal. Wörtlich klingt es wie: „Simon, sind wir noch Freunde?“ Im Moment mag Petrus gedacht haben: „Was hat er denn bloß wieder? Hat er noch Probleme wegen der Magd, die immer wieder nervte?“

Aber nun dämmert es Petrus: „Dreimal fragte mich der Herr, ob ich ihn lieb habe. Dreimal haben das Gesindel von der Wache und diese Magd gefragt, ob ich ein Jünger von Jesus bin. Und dreimal habe ich es geleugnet. Ja, ich habe ihn verleugnet! Ich dachte, wegen der blöden Magd werde ich doch nicht zum Märtyrer!“ Jesus hatte sich noch umgedreht und Petrus hatte weinen müssen. Und er weint wieder bittere Tränen, als Jesus jetzt dreimal nach Lieben und Freundschaft fragt. Und ich denke an die muslimische Studentin und ihren geliebten Profeten Mohammed und an meinen Herrn Jesus Christus. Und nun weine auch ich im Auto…

Ich fasse mich wieder: Jesus fragt Petrus nicht nur dreimal, er betraut ihn ebenso oft mit der Achtsamkeit auf die Gemeinde: „Weide meine Schafe!“ Ich frage mich, was ich denn gemacht hätte, wenn mein engster Mitarbeiter mich dreimal verraten und im Stich gelassen hätte. Ich erwäge, was in Jesus vorging: Er hätte Petrus böse zusammenfalten können: „Ja, jetzt bist du zerknirscht, aber sonst immer Number one, doch als es darauf ankam, versagtest du. Auf dich ist kein Verlass! Der Zug ist abgefahren.“ Dann wäre die Krise der Freundschaft zum Beginn ihres Endes geworden.

Andererseits hätte er Petrus locker liberal vereinnahmen können: „Schwamm drüber, alter Junge! Das hätte mir auch passieren können. Man ist manchmal nicht so super steil zum Bekennen drauf!“ Dann wäre die Freundschaft an Oberflächlichkeit versandet.

Beides macht Jesus nicht! Jesus betreibt – im heutigen Jargon – eine heilende, seelsorgerliche Aufarbeitung. Jesus erspart dem Petrus nicht seine Tränen, er ist ja ganz tief abgestürzt. Aber bevor Petrus verzweifeln könnte, betraut Jesus ihn mit einem vertrauensvollen Auftrag. Vertrauen heilt. Die dritte Frage an Petrus klang auf Griechisch zunächst nach „Simon, sind wir noch Freunde?“ Inzwischen klingt sie anders: „Wollen wir wieder Freundschaft schließen?“ Das ist heilsam und heilend.

Immer wieder geht mir die Sehnsucht des Petrus nach „mehr“ durch den Sinn: Sind wir ihr gerecht geworden? Einmal sagte Jesus über eine Person: „Ihr müssen viele Sünden vergeben worden sein, denn sie hat so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Die vielen Tränen des Petrus waren eine Traurigkeit zum Heil.

Gott sei Dank! haben wir die Bibel. Ich bekomme Freude an dieser Therapie Jesu. So ist Jesus. So ist Gott durch Jesus. Er ist die uns zugewandte Freundschaftsseite von Gottes unsichtbarem Wesen.

Ich bin stolz darauf, einen solchen Herrn zu haben und Christ sein zu dürfen.

Und ich freue mich auf den Bibelkursus.

Amen.

Reformationstag 2013: Reformation jetzt! (Jes 62,6-7+10-12)

Predigt zum Reformationstag 2013 in der Christuskirche zu Fulda

Jes 62,6-7+10-12: Reformation jetzt!

von Pfr. Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen!

        Amen.


Der Predigttext für den heutigen Reformationstag steht im Jesaja-Buch im 62. Kapitel, die Verse 6-7+10-12.

Dort heißt es:

6 O Jerusalem, ich habe  Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,

7 laßt ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

10 Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg!  Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!

11 Siehe, der HERR läßt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der  Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!  Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!

12 Man wird sie nennen »Heiliges Volk«,  »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

  1. Das wahre Zeitalter der Reformation ist jetzt

Liebe Schwestern und Brüder,

wir leben in einer großartigen Zeit in diesem Land. Fast 70 Jahre kein Krieg auf unserem Boden, fast ein Vierteljahrhundert Deutschland geeint. Die Wirtschaft brummt. Die Lebensqualität befindet sich auf einem unglaublich hohem Niveau.

Ein Land, in dem heute eine Religionsfreiheit herrscht wie niemals zuvor. Ein Land, in dem die wahre Reformation im Religiösen jetzt gerade stattfindet. Das echte Zeitalter der Reformation war nicht zur Zeit Martin Luthers und seiner Nachfolger. Das Zeitalter echter Reformation hat jetzt, in den letzten 50 Jahren, begonnen.

Als Luther und seine Mitstreiter berechtigte Kritik an den Zuständen der Kirche übten, waren die Bedingungen für die Durchsetzung dieses Gedankengutes lange nicht reif:

Keine Freiheit in Glaubensdingen. Keine Freiheit der Religion, sondern nach längerem Ringen das damals als Fortschritt empfundene cuius regio, eius religio. Wem das Land gehört, dessen Religion wird in diesem Land praktiziert – wer anderes glaubt, wer der anderen Konfession angehört, dem wird gerade einmal das Recht eingeräumt auszuwandern.

Unvorstellbar heute.

Oder noch vor hundert Jahren die Schüler und Soldaten, die zum Gottesdienst beordert wurden, ob sie wollten oder nicht.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil wir heute tatsächlich die Freiheit des Gewissens haben, die die damaligen bloß postulierten, ohne wissen zu können, wie es ist, wirklich frei in Glaubensdingen zu sein.

Wir leben im wahren Zeitalter der Reformation, weil endlich der äußere Druck genommen ist, sich überhaupt einer oder der anderen Religion anzuschließen.

Religion ist etwas rein Freiwilliges geworden, etwas, das tatsächlich nur den Einzelnen und sein Gewissen betrifft. Etwas, das nicht vorgeschrieben wird.

Manche mögen nun unken, dass dieses mein gerade so gepriesenes wahres Zeitalter der Reformation nichts weiter ist als das Zeitalter des Relativismus, in der alles dem postmodernen Belieben und der Option unterworfen wird –

ich halte dagegen, dass dies genau der Boden ist, auf dem echter Glaube, wahres Christentum gedeihen kann., ohne dass sich irgendjemand beugen oder verbiegen muss.

Die Aufforderung des Schreibers des Jesajabuches, aus unserem Predigttext, durch die Tore hineinzugehen, durch die Tore Jerusalems und des neu erbauten Tempels:

Diese Aufforderung schließt zumindest heute die Freiheit mit ein, sich auch dagegen zu entscheiden. Nicht die Tore hoch zu machen, wie es im berühmtesten aller Adventslieder heißt.

Und dann auch das Angebot, das Gott bereit hält, beiseite zu wischen und für sich zu entscheiden: Das ist nicht mein Weg, den der Prophet vorschlägt.

Ich behaupte: Dies ist die Chance für die evangelische Kirche. Dies ist die Chance für die weltweite Kirche Jesu Christi, ihr Angebot von der Rechtfertigung des Gottlosen in die Welt hinein zu rufen.

Keine Vorteilsnahme durch einen Landesherrn, der bestimmt, dass die Kirchen voll zu sein haben.

Kein – oder zumindest kaum noch; hier in Fulda höre ich aus den Familien manchmal noch anderes  – Kein Druck innerhalb der Familien, etwa mindestens eine Person pro Sonntag abzustellen, der in den Gottesdienst zu gehen hat.

Diese Zeiten sind gottlob vorbei:

Jetzt hat sich das Wort Gottes selber durchzusetzen, das von denen, die mit ihm leben, kommuniziert werden muss.

Und es ist die Chance so groß wie nie, weil wir allesamt davon ausgehen können, dass diejenigen, die dabei sind, die sich haben taufen lassen und konfirmieren und Kirchenmitglieder sind und bleiben, dass die das wollen und die Botschaft von Jesus für alle Welt gern und aus freien Stücken hören,

in Zeiten, wo einem am Arbeitsplatz, wie mir kürzlich berichtet wurde, um die Ohren gehauen wird: „Bist Du noch nicht ausgetreten?“

Das Wort Gottes selber ist es, das sich jetzt durchsetzen muss. Und es sind wir Christinnen und Christen, die es immer wieder und wieder auszurichten haben.

Als Kommunikatoren des Evangeliums.

Als diejenigen, die durch die Tore eingehen, die Tore, die Gott uns geöffnet hat.

Die Prophezeiung des Propheten Jesaja liest sich dabei wie ein Reformprogramm für unser jetziges, m.E. so reformatorisch durchsetztes Zeitalter:

2. Primäre und sekundäre Religionserfahrungen: „Bereitet dem Volk den Weg!“

„Bereitet dem Volk den Weg“, ruft Jesaja uns zu. Dass damals die israelitischen Heimkehrer aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem gemeint waren, hält uns heutige nicht davon ab, darauf zu schauen, was für uns,

und damit meine ich in reformatorischer Absicht uns Christinnen und Christen,

was also für uns die richtige Wegbereitung für das „Volk“ ist:

für unsere Kirche, für unser Land, und für die Welt.

Ja sicher, die Kirchen der Reformation haben es schwer. Es sind nicht die sogenannten „primären religiösen Erfahrungen“, mit denen wir punkten können. Die Unmittelbarkeit des Religiösen im Gottesdienst und im Glaubensvollzug haben wir mit intellektueller Redlichkeit mehr und mehr verbannt:

Keine Heiligenverehrung, keine Erfahrung mit allen Sinnen, wie etwa mit Weihrauch, bunter Kleidung, Prozessionen und Wallfahrten. Nicht einmal herausgehobene Ämter mit verschiedenen Weihegraden und bestimmenden Lebensregeln.  Stattdessen allein das Wort und die Vernunft, der Intellekt und die an Jesus Christus orientierte Auslegung der Bibel.

„Sekundäre Religionserfahrung“ nennen das die Theologen und Religionswissenschaftler, wenn eine Religion so kühl und verkopft daherkommt, wie der Protestantismus.

In den letzten Jahrzehnten hat zum Glück ja wieder eine Hinwendung zum Menschen und zum Gefühlsleben stattgefunden.

Es ist die Erkenntnis dabei leitend, dass es vor allem „primäre“, also unmittelbare Religionserfahrungen sind, die distanzierte Menschen ansprechen, ja brauchen, um überhaupt zu verstehen, was Glauben sein kann.

Und so erlebt die Kirche zurzeit etwa eine Renaissance von Segnungsgottesdiensten, eine Zunahme der Abendmahlsfrömmigkeit, einen recht guten Zulauf bei Gottesdiensten, die persönlichen Bezug haben, also etwa Taufen, Konfirmationen oder den großen kirchlichen Events, man denke etwa an den Kirchentag.

Glaube und Religion wird von vielen nur noch wahrgenommen im Erleben – oder es wird gar nicht mehr wahrgenommen.

Was Martin Luther meinte mit seinem derben „Dem Volk aufs Maul schauen“, das gilt für uns heutige genauso wie 1525 in Wittenberg.

Und es gilt mitnichten nur für Pfarrer: Kommunikatoren des Evangeliums sind alle Christinnen und Christen.

Jeder ist dem Nächsten Priester, hat Luther in Anlehnung an den Hebräerbrief immer wieder und zurecht betont.

„Bereitet dem Volk den Weg“ heißt dann für uns: Wenn wir als evangelische Kirche überhaupt relevant in unserer säkularen Gesellschaft sein wollen, wenn man uns überhaupt noch verstehen soll, sollten wir auf diejenigen, die das Christentum noch nicht für sich entdecken konnten, offener, freundlicher, aber auch viel kräftiger werbend zugehen als wir es bislang getan haben.

Denn tun wir das nicht, dann merkt das sogenannte Volk auch nicht, dass wir eine Botschaft haben, die für sie von höchsten Interesse sein könnte:

Immerhin die Verheißung von Ewigem Leben, Gemeinschaft mit Gott, Befreiung aus der Selbstverfangenheit, Gottvergessenheit und Angst.

3. Bedingungen schaffen für die Kirche von heute

„Macht Bahn, macht Bahn“, ruft Jesaja uns zu.

Sehr viel hübscher – und etwas dichter am hebräischen Wortlaut dran – ist eine englische Übersetzung dieser Stelle:

„Build up the highway“, heißt es in einer englischen Übersetzung.

„Schüttet den Highway, die Schnellstraße, auf.”

Bei uns Deutschen kommen noch einmal ganz andere Assoziationen bei dem Wort Highway als bei der lutherischen „Bahn“ oder schlichten „Straße“.

Gemeint ist dann auch in der Tat bei Jesaja das persische (Schnell-)Straßennetz, das erste wirklich funktionierende und durchdachte Straßennetz in der Geschichte der Menschheit, lange vor den Römern.

Ohne Bereitstellung von Highways ist kein Handel und kein Austausch möglich. Ohne das planmäßige Anlegen dieser vielleicht wichtigsten Infrastruktur für größere Länder fallen diese irgendwann einfach in sich zusammen oder auseinander, da keine Zentralgewalt Einfluss auf die entlegeneren Gebiete hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet das: Baut weiter an der Infrastruktur, lasst sie nicht verkommen! Baut weiter an einer Infrastruktur, die der Kommunikation des Evangeliums dient.

Oder wenn schon nicht überall die Zahlen und Mittel es hergeben, Kirchen und Gemeindezentren weiter zu entwickeln, wie hier in Fulda auf dem Neuenberg in sensationeller Weise der Fall, so baut doch weiter an der vorhandenen Infrastruktur, dass unsere Räumlichkeiten nicht als Museum, sondern als lebendiger Ort der Gottesbegegnung wahrgenommen werden können.

Es sind die vielen Kirchen und es sind die Gemeinderäume, die unsere Kirche dringend braucht und erhalten sollte – im Gegensatz übrigens zum Pfarrhaus, das seinen Zenit als Mittelpunkt evangelischen Frömmigkeitslebens längst überschritten hat.

Für uns reformatorische Christinnen und Christen bedeutet diese Aufforderung zur „Aufschüttung des Highways“ genauso, dass unsere innere, spirituelle und religiöse Infrastruktur stets der Überprüfung bedarf.

Bin ich selbst überhaupt ausgerüstet, um den Anforderungen der Zeit mit meinem Glauben begegnen zu können?

Oder ist mein Gottesbild, was ich in meinem Herzen trage, dermaßen in die Jahre gekommen, dass ich eigentlich keine Kraft mehr daraus ziehe, sondern mehr Kraft hineinlegen muss, um dieses irgendwie – götzendienerisch – am Leben zu erhalten.

Die Vorstellung, wie Gott sein könnte, ändert sich doch über ein Menschenleben.

Den Gott aus Kindheitstagen festhalten zu wollen ist mindestens genauso verfehlt wie nicht zugeben zu können, dass die Haltung zur Politik über die Jahre eine andere geworden ist.
Um es auf den Punkt zu bringen:

Die religiöse Infrastruktur des Herzens ist nicht damit angegangen, indem man sich Kirchensteuern einziehen lässt.

Sie lebt davon, be- und genutzt zu werden. Und sie lebt vom Weitersagen: An Kinder und Enkel, dem Lebens- oder Ehepartner.

4. Ballast entrümpeln

„Räumt die Steine weg!“ mahnt Jesaja seine Israeliten.

„Entrümpelt endlich den ganzen Ballast, den ihr mitschleppt, ohne wirklich der Kommunikation des Evangeliums zu dienen.“

Und wenn ich das so plakativ sage, dann weiß ich freilich, dass dies kein generalstabsmäßiges Kommando sein kann.

Denn was die Kommunikation des Evangeliums verhindert statt fördert, das muss jede Gemeinde freilich für sich entscheiden!

Eine solche Entrümpelung muss von Gemeinde zu Gemeinde, von Ort zu Ort, ganz unterschiedlich ausfallen, da die Gepflogenheiten und Notwendigkeiten einfach unterschiedlich sind.

Lutherkirche ist nicht Versöhnungskirche ist nicht Trätzhof ist nicht Christuskirche!

Die Zersplitterung und Pluralisierung der Gesellschaft macht vor den Gemeinden nicht halt, und dann ist es gut, in der Fläche, wie hier in Fulda, verschiedene Angebote für unterschiedliche Interessen vorhalten zu können.

Was wollen und können die Christinnen und Christen vor Ort zur Kommunikation des Evangeliums beitragen? Und was lassen sie bleiben?

Solcher Art werden mehr und mehr die Fragen sein, nach der Kirchengemeinden sich ausrichten werden müssen. Ich stelle mir gemeinsam mit dem Münsteraner Theologen Prof.  Grethlein die Frage, ob das Vereinschristentum, wie wir es meist in der Fläche noch pflegen, nicht bald ausgedient haben wird zugunsten vieler anderer, durchaus reformatorischer  Formen der Kommunikation des Evangeliums,

die von den Gläubigen fürdie Gläubigen je sehr unterschiedlich ausgestaltet werden.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieser Prozess längst begonnen hat und wir Christinnen und Christen uns dabei nicht selbst im Weg stehen sollten.

Lasst uns die Steine wegräumen und den Highway hochziehen, ihn breit machen, dass die Kommunikation des Evangeliums gelinge!

Das Zeichen dafür, das wir aufrichten sollen, wie es Jesaja damals seinen Israeliten mit auf den Weg gab, ist für die Christenheit freilich das Kreuz. Indem wir darauf schauen und glauben, können wir mühelos die Infrastruktur unserer Kirchen – sowohl der Gebäude wie auch im Herzen – immer neu reformieren.

5. Christen: Erlöste des Herrn. Heiliges Volk

Jesaja spart nicht mit schönen Worten zum Ende seiner Verheißung in unserem Predigttext. Diejenigen, die das erleben, werden „Heiliges Volk“ genannt, „Erlöste des Herrn“.

Sei es nun, dass die frühe Christenheit diese Begrifflichkeiten einfach auf sich selbst bezogen hat oder aber die Prophezeiung Jesajas in Jesus Christus aufgegangen ist.

Es sei wie es will: Wir Christinnen und Christen sind mit den Juden das Heilige Volk, die Erlösten des Herrn.

Manchmal, da merkt man davon bei uns wenig. Zu wenig!

Schau ich mir etwa die Gesichter beim Heiligen Abendmahl an, dann frage ich mich manchmal, was Gott uns denn eigentlich noch anbieten muss, damit wir weniger sauertöpfisch drein schauen.

Reicht uns denn die Gemeinschaft mit Jesus, Ewiges Leben, die Liebe Gottes und seine unbedingte Anerkennung nicht aus, um frohen Mutes am Heiligen Mahl teilzunehmen?

Wir Gläubigen dürfen wesentlich fröhlicher in den Tag hineingehen, denn wir haben als „Erlöste des Herrn“ allen Grund, stets positiv in die Zukunft zu blicken: Es ist schließlich Gottes Zukunft mit uns, in die wir gehen.

Und am Ende, liebe Schwestern und Brüder, am Ende ist auch die Reformation unsere Kirche, die heute so greifbar ist wie nie zuvor, eine Sache unseres guten und gnädigen Gottes, der das Haupt der Kirche ist und bleibt in alle Ewigkeit.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn.

Amen!

22. Sonntag nach Trinitatis 2013: Gott nahen! (Micha 6,6-8)

Von Pfarrer Marvin Lange

Predigt zu Micha 6,6-8: Gott nahen

6 »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich  ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern?

7 Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«

8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und  was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.


„Gott nahen“ Teil 1

Liebe Gemeinde!

Als ich in vorletzte Woche in Jerusalem in die Grabeskirche ging, um dort den Berg Golgatha zu sehen, also die Stelle, an der Jesus gekreuzigt wurde,

und den Stein, wo man Jesus hingelegt hatte, um ihn nach der Kreuzigung zu waschen,

und das Grab, wo er angeblich hineingelegt hatte,

war ich froh, dass es keine evangelische Kapelle oder Nische gab.

Man muss sich das so vorstellen: Fünf christliche Konfessionen in einer Kirche, jede Konfession älter und ehrwürdiger als die andere, jede sich wichtiger und besser wähnend als die andere, muss in einer sehr großen Kirche miteinander zurechtkommen.

Das geht so gut, dass man sich nicht einmal darüber einigen kann, wann geputzt werden darf und wer dafür verantwortlich ist, eine seit Jahren nach einer Renovierung vergessene Leiter wegzuräumen.

Es geht so gut miteinander, dass die türkische Regierung bereits vor Jahrhunderten beschlossen hat, den Kirchenschlüssel einer muslimischen Familie anzuvertrauen, die sich seit dieser Zeit um all diese eher hausmeisterlichen Tätigkeiten kümmert.

Weil die christlichen Konfessionen derart im Clinch liegen, hat die israelische Regierung daran nichts geändert, sondern dies um des lieben Friedens willen beibehalten.

Moslems sind es, die für eine der zentralsten Kirchen der Welt zuständig sind, weil sich die Christen innerhalb der Mauern derart unwillig begegnen, dass man sich dafür nur schämen kann, Christ zu sein.

Aber zu den Attraktionen dieser Kirche: Vom Berg Golgatha, also dem, wo Jesus wahrscheinlich gekreuzigt wurde, sieht man nichts.

Der Gipfel, der sich wohl unter dem Altar der Kirche befindet, ist völlig zugebaut mit Silber, Gold, Weihrauchgefäßen, Ikonen, Öllämpchen und natürlich auch Pilgern.

Letztere stellen sich in einer Schlange an, werfen sich vor dem angeblichen Kreuzigungsort nieder, verharren in demütiger Stellung vor dieser Zusammenstellung aus Gold und Silber und schleppen sich dann weiter zu der steinernen Liege, auf der der Leichnam Jesu eventuell für einen kurzen Moment zum Liegen kam.

Um in das angebliche Grab zu kommen, steht man ungefähr eine Stunde lang in einer gewaltigen Schlange an. Der Priester, der den Eingang gemeinsam mit einem israelischen Polizisten bewacht, nimmt gern Spenden an, um die Geber dann gleich wieder in die Schlange fortzuscheuchen.

Der Prophet Micha fragt dazu:

„Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott?

Soll ich mich  ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern?“

„Gott nahen“ – Teil 2

„Wir müssen das größer denken“, sagt einer aus dem Orgelausschuss der Bonhoeffergemeinde.

„Wir kommen mit dem Geld so nicht aus. Das muss mehr Volumen haben, der Organist muss mehr Register ziehen können, es muss alles größer werden.

Und dann wird es eben teurer.

Für den Gottesdienst ist das Beste gerade gut genug.“

Schweigen im Raum. Die Sitzung geht weiter.

Ein hin und her zwischen Kosten, Kunst und architektonischen Bedingungen.

Am Ende steht tatsächlich ein teureres Instrument als jemals von mir als damals noch recht unwissendem Ortspfarrer gedacht war.

Die Schulden werden wir noch in ein paar Jahren zurückzahlen müssen.

Alles freilich aus den Spenden, die gern gegeben werden.

Von denen, die den Orgelbau zu schätzen wissen.

Diejenigen, die dieses Projekt nicht unterstützen, brauchen ja tatsächlich nichts geben.

Ein Selbstläufer also.

„Ich kann das Wort ‚Orgel‘ nicht mehr hören“, bekannte mir erst vergangene Woche eine Kirchenvorsteherin.

Vielleicht ist es manchem etwas zu viel geworden, die hier öfter aus und ein gehen.

Ich nehme mich da selber nicht aus.

Wenn das Instrument da ist und wir damit Gottesdienst feiern können, dann mache ich drei Kreuze.

Dann ist endlich wieder mehr Platz für andere, dringend anstehende Renovierungsmaßnahmen.

Dann ist endlich wieder Luft da, um für andere Projekte zu sammeln, die nicht ganz so umstritten sind.

Der Prophet Micha fragt dazu:

„Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl?“

„Gott nahen“ – Teil 3

„Ich bin unheimlich gern hier im Bonhoeffer-Haus“, sagt die junge Mutter. „Obwohl ich katholisch bin. Ich nutze all die Angebote, die uns hier gemacht werden. Ich schätze die offene Art und Weise, mit der die Menschen sich hier begegnen. Mein Kind habe ich leider noch nicht taufen lassen. Meine Eltern und Schwiegereltern sind katholisch.

Die würden das nicht mitmachen. Bestimmt gäbe das Ärger. Ja, obwohl wir im Jahr 2013 leben, ist das hier im Rhöner Land immer noch wichtig. Auch wenn es heißt, dass es gute ökumenische Kontakte gibt. Ich habe ja selber schon lange überlegt, ob ich hier eintrete. Aber das geht doch nicht. Ich bin so erzogen worden. Außerdem ist es doch eh ein und der selbe Gott. Eigentlich gibt es doch gar keine Unterschiede.

Seltsam, dass ich trotzdem so gern hier bin.Der jetzige Papst ist zwar ganz in Ordnung, aber sonst habe ich mit katholisch sein gar nicht viel am Hut. Aber hier im Bonhoeffer-Haus bin ich echt gern.“

„Sie wissen, dass wir in einem freien Land leben und ab dem 14. Lebensjahr völlige Religionsfreiheit genießen?“ frage ich sie. „Sie wissen, dass wir für unser eigenes Leben und das unser Kinder Verantwortung übernehmen müssen in Glaubensdingen und uns da nicht familiäre Erwägungen abhalten sollten?“

„Ja schon…, vielleicht später dann…“

Der Prophet Micha fragt dazu:

„Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?“

Gott naht sich uns!

Drei Szenen darüber, wie sich aktuell Gott genähert wird. Drei Szenen, die der Prophet Micha wahrscheinlich recht gut kennt.

Da ist einmal eine Religiosität, die ganz und gar auf Äußerlichkeiten setzt, wie ich sie in Jerusalem schmerzlich erfahren musste. Gott nahe zu kommen wird dadurch versucht, dass man überall sogenannte sakrale Kunst hinstellt und man am Ende vor lauter Überflüssigem das Eigentliche nicht mehr zu sehen bekommt. Wie Brandopfer, die in Rauch und Qualm das Eigentliche verdecken. Die einen beinahe ersticken lassen und keine Luft mehr lassen für Gott selber. Diese Äußerlichkeiten können auch das teure Konfirmationskleid sein, während man selber kaum das Glaubensbekenntnis sprechen kann. Es kann die Trauung als Mega-Event sein, bei dem es dem Frisch-Vermählten Paar nur darauf ankommt, vor dem Fotografen in der Kirche schön zu posieren und der Pfarrer vor allem schnell fertig sein muss, damit man den Zeitplan einhalten kann, der schon ein Jahr vorher bis ins Detail regelt, welche Minute mit welcher Aktion belegt ist.

Religion in der totalen Äußerlichkeit – das hat der Prophet Micha vor 2500 Jahren gut gekannt im Tempel und Alltag – und hat es verachtet und spöttisch mit seinen Fragen bloßgestellt. „Will Gott das, dass man ihm naht mit lauter Äußerlichkeiten?“ fragt er rein rhetorisch.

Da ist zum anderen eine Frömmigkeit, die mit einem „möglichst viel“ meint, Gott am besten nahen zu können. Das Beispiel unsres Orgelneubaus können wir da für einen kleineren Bereich anführen – zweifellos mit Sachverstand alles geplant und gebaut, aber doch von einem so großen Volumen für so ein kleines Budget wie es dem Bonhoeffer-Haus zur Verfügung steht, dass sich manch einer fragt, warum so und nicht anders.

Der Limburger Bischof hat die „viel 1000 Widder“ und die „unzähligen Ströme von Öl“ freilich in einem ganz anderem, wahrscheinlich kriminellen Maß eingesetzt. Was er da machte zielt aber in die gleiche Richtung, die schon der Prophet Micha kritisierte.

Es ist letztendlich nach der Qualität der Gottesbeziehung, die nicht in Äußerlichkeiten ersticken soll, die Frage nach dem richtigen Maß für mein Verhalten gegenüber Gott.

Wieviel setze ich ein, um mich Gott auszusetzen? Oder anders gefragt: Wieviel, meinen wir, hat Gott nötig, damit er auf uns schaut?

Positiv, also in einem guten Sinne, brachte meine Tante aus Amerika diese Haltung des „immer mehr“ auf den Punkt, als sie sagte, dass, um das Wort Gottes zu verkündigen, das Beste gerade gut genug ist. Das heißt: Wenn andere von Jesus Christus überzeugt werden, wenn große Orgeln oder riesige Domherrenhäuser gebaut werden, dann können wir dazu all unser Geld verwenden. Ist schließlich nur irdisches, vergängliches  Geld und nicht die Glückseligkeit der Ewigkeit.

Die Frage musste sich meine Tante freilich gefallen lassen, dass manch einer von dem einen Tun abgeschreckt wird, während andere gerade das gut und lobenswert finden.

Und der Prophet Micha hat das nur als rhetorische Frage verstanden: Um Gott zu nahen benötigen wir keinerlei Voraussetzungen und Einsätze. Der ist schließlich längst da, wenn wir meinen ihn aufsuchen zu müssen.

Und die dritte Variante, sich Gott zu nähern?

Die Mutter, die ihr Kind nicht taufen lassen kann, weil die Großeltern es für falsch halten, evangelisch zu werden? „Soll ich denn mein Kind opfern bzw. den Familienfrieden hintan stellen, um es den Leuten im Bonhoeffer-Haus recht zu machen, die meinen, alle müssten nach Möglichkeit früher oder später evangelisch werden?“

Heißt das, Gott in einem guten Sinne zu nahen, indem man Ärger in der Familie provoziert, weil ein Teil der Familie einfach zu katholisch ist, um einzusehen, dass Glauben nicht in der Entscheidungsgewalt anderer liegt sondern tatsächlich die Privatsache jedes einzelnen Menschen?

Natürlich nicht.

Natürlich ist es viel wichtiger als jede weitere Taufe, dass Menschen sich hier im Bonhoeffer-Haus treffen und miteinander gemeinsam erfahren und lernen, was es heißt, Gott zu begegnen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes Mitglied, über jeden Täufling, wie gerade den kleinen Tisan. Jeder Eintritt in unsere Gemeinde, jede Taufe ist für mich etwas unglaublich besonderes, weil es zeigt, dass die evangelische Kirche nach wie vor Strahlkraft hat. Und dass für die Menschen die Verbundenheit mit Gott etwas ganz wichtiges ist.

Aber diese Strahlkraft oder Verbundenheit schafft sie nicht, weil Vorschriften bei uns hochgehalten werden und Zwänge, sondern weil wir den Menschen zu der Freiheit lassen wollen, die jedem Menschen von Gott her gegeben worden ist.

Und wenn man diese drei Weisen, Gott nahe kommen zu wollen, beiseite legt, weil man hier bei uns und anderswo erfahren hat, was evangelisch sein im 21. Jahrhundert heißen kann, dann kann man von ganzem Herzen auch das hören, was Micha seinen Israeliten vor fast drei Jahrtausenden Jahren als Antwort auf seine rhetorischen Fragen mitgegeben hat:

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und  was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

1. Gottes Wort halten: Was uns von Jesus überliefert wurde, kennen und verstehen. Und damit die Glaubensbeziehung zu Gott stärken. Abends beim Gebet mit den Kindern oder Enkeln. Sonntags im Gottesdienst oder Kindergottesdienst. Bei Taufen, Trauungen und freilich auch dem Lebensende, bei den Beerdigungen. Beim Lesen in der eigenen Bibel oder beim Vorlesen der Kinderbibel für diejenigen, deren Ohren noch völlig offen sind für Gottes Wort.

2. Liebe üben: Nachsichtig sein mit denen, die man liebt. Das übt ein darin, auch mit denen, die man nicht so sehr liebt, ein wenig nachsichtiger umzugehen. Verständnis aufbringen; Verzeihen können; sich solidarisch zeigen mit denen, denen es nicht so gut geht. Sie kennen das alles, es ist längst Kirchensprech-Gemeingut geworden, wo die Leute im Gottesdienst dann abschalten. Und dennoch ist eine richtige Haltung, mit der man sich Gott naht. Wer Liebe übt, naht sich Gott auf einem guten Wege, hätte der Prophet Micha gesagt.

3. Demütig sein vor deinem Gott. Ein altes Wort, diese Demut. Philosophisch gesprochen: Wenn Gott tatsächlich da ist, dann ist er das Größte überhaupt anzunehmende Wesen, allmächtig, allwissend, allgütig, den ganzen Kosmos umfangend.
Ein wenig Bescheidenheit wäre da angebracht, wenn wir mal darüber nachdenken, was für kleine Wesen wir dagegen sind.

Theologisch gesprochen: Wenn dieser gewaltige Gott von sich aus sagt, dass er sich uns naht und er uns lieb hat, dann ist Bescheidenheit bzw. Demut für uns das Einzige, was wir überhaupt tun können.
Und das ist dann auch mehr ein Nichtstun!

Gott nahen.
Das war die rhetorische Frage des Propheten Micha, der die Antwort dann gleich mitliefert: Gott nahen wir nicht, weil Gott doch schon längst da ist.

Was wir selber machen können, um diese Nähe von uns aus aufzunehmen, ist sein Wort versuchen zu verstehen und zu halten, beim Nächsten Liebe zu üben und ansonsten dankbar zu ihm aufschauen, dass er für uns da ist – ohne unser eigenes Dazutun.

Das, liebe Gemeinde, ist dann ein fester Glaube.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn. Amen.

Predigt zu Judika 2013, Markus 10,35-45: Ehemalige Kinder des Bonhoefferhauses predigen

Predigt zum Sonntag Judika, 17.3.2013, Bonhoefferhaus Fulda

von Pfarrer Christian Fischer, Kassel

Liebe Gemeinde, unser heutiger Predigttext steht im  Markusevangelium, 10. Kapitel, Verse 35-45.

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?

Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder  euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir.


Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;

und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Amen.

Liebe Gemeinde,

ein uraltes Thema, das unser Predigttext anspricht. So alt wie die Menschheit. Sie kennen es, ich kenne es, keiner ist so richtig frei davon. Die Frage ist ganz einfach. Werden wir wirklich geliebt? Oder anders herum: Wen hast Du am liebsten? Wem gehört der Platz an Deiner Seite…

Wenn Sie Geschwister haben, kennen Sie das Problem. Haben Sie auch einmal als Kind Ihre Mutter gefragt: Mami, wen hast Du lieber, meinen Bruder oder mich? Wen hast Du am liebsten?

Ich weiß nicht, was Ihre Mutter darauf geantwortet hat. Aber besonders beliebt ist bei Müttern die Antwort: Ich habe Euch beide natürlich gleich lieb.

Eine schöne Antwort. Haben Sie sie geglaubt?

Wen hast du am liebsten – die Frage stellt sich nicht nur in der Familie. Auch in jeder Gemeinschaft ist sie manchmal das große heimliche Thema.

Am Arbeitsplatz zum Beispiel. Wen mag der Chef oder die Chefin ganz besonders? Wer bekommt die besten Beurteilungen, mit wem werden vertrauliche Details ausgetauscht?

Oder in der Schule. Wer wird von der Lehrerin besser als die anderen behandelt,  bei wem drückt sie immer wieder ein Auge zu. Wer darf beim Ausflug neben ihr sitzen. Tja, die Sympathie lässt sich eben doch nicht so richtig verbergen.

Wen hast du am liebsten – die Frage stellte sich und stellt sich immer wieder auch in unserer Gemeinde. Das war auch schon so vor 35 Jahren, als ich im Bonhoefferhaus mitgemacht habe. Wir alle wollten beachtet werden. Schon damals

Ganz besonders von unserem damaligen Pfarrer. Martin Slenczka.

Unter uns Jugendlichen nur „Der Chef“ genannt.

Darin drückte sich Anerkennung und Bewunderung aus. Und gleichzeitig war er derjenige, an dem wir uns orientierten. Uns sicher fragten wir uns auch damals manchmal: Wen mag er ganz besonders?

Sie sehen, das mit der Gleichbehandlung ist eine eine schwierige Sache. Und ich frage mich:

Warum wollen wir eigentlich immer gerne die Nummer eins sein?

Ich glaube, ein Grund dafür liegt auf der Hand: Wir brauchen Liebe, um zu leben. Wir brauchen Liebe, um Vertrauen in die Welt zu gewinnen. Wir brauchen das Gefühl, anerkannt zu werden, damit wir vertrauen in uns selbst bekommen. Und wenn wir nicht genug davon bekommen, fangen wir an, uns umzusehen. Wer bekommt die Liebe, die wir nicht bekommen. Kann man etwas dafür tun, damit wir mehr geliebt werden.

Und schon ändern wir unser Verhalten, damit wir bekommen, was wir so nötig brauchen.

Wir strengen uns an, damit wir gelobt werden.

Wir versuchen, in der Schule, gute Noten zu schreiben, damit wir unsere Eltern glücklich machen. Denn nur glückliche Eltern geben uns das Gefühl: Ja sie lieben uns. Wirklich.

Wir strengen uns an, am Arbeitsplatz, damit wir von unseren Vorgesetzten das Gefühl bekommen. Ja, wir brauchen dich, wir schätzen deine Arbeit.

Und in unseren Gemeinden wünschen wir uns die Anerkennung vom Pfarrer oder der Pfarrerin, damit das Ganze für uns Sinn macht.

Ist es da nicht verständlich, dass auch die Jünger Jakobus und Johannes zu ihren Chef gehen und die Bitte äußern: Jesus wir würden unheimlich gerne später mal ganz nah bei Dir ein, am liebsten zu Deiner Rechten und zu Deiner Linken.

Ich seh sie schon da stehen vor Jesus, in großer Erwartung. Wie sie hoffen, dass er sagt: „Klar, das geht in Ordnung, ihr seid doch meine liebsten, ihr müsst es den anderen ja nicht weitersagen …“

Es könnte doch alles so einfach sein. Jesus gibt ihnen ihre Wunschplätze und alle sind glücklich. Aber nix da. Jesus sagt klar und deutlich, dass die Platzvergabe gar nicht seine Sache ist. Und schließlich werden noch die anderen Jünger wütend. Auch sie wollen ja alle gerecht behandelt werden.

Große Verwirrung, bis Jesus klarstellt. Versteht endlich, bei mir geht’s nicht darum wer der erste ist, sondern dass ihr Euch helft und dient. Gerade wer glaubt, mich an meisten zu lieben, der soll der größte Diener sein.

Was für eine Antwort. Statt dem Logenplatz an der Seite des Herrn, nur der Platzanweiser für die anderen. „Darf ich Dir meinen Platz geben, um den ich solange gekämpft habe. Darf ich dir den Vortritt lassen. Ich geb Dir meinen Platz gerne “  –

Oh, ich merke wie schwer das ist. Das, was ich für mich so lange ersehnt habe, soll ich freiwillig den anderen überlassen. Das geht uns doch allen ziemlich gegen den Strich.

Na gut, ich möchte mich dennoch für einen Augenblick auf den Gedanken einlassen.

Was hieße es denn, diese Aufforderung Jesu in die Tat umzusetzen.

1. Ich müsste lernen, anderen den Vortritt zu lassen. Auch dann, wenn ich davon überzeugt bin, dass ich der richtige bin. Nicht nach vorne drängeln und laut rufen: Hier bin ich. Sondern abwarten, warten, wer es vielleicht nötiger hat, den Posten zu übernehmen. Ganz schön schwierig, anderen den Vortritt zu lassen.

2. Ich müsste lernen, mich mit anderen zu freuen. Und zwar nicht nur mit meinen Freunden, sondern vielleicht sogar mit meinen Konkurrenten. In der Schule, am Arbeitsplatz, in der Gemeinde. Das ist echt schwer

3. Ich müsste lernen auch mal zu verlieren. Oder zurückzustehen.
„Können Sie verlieren?“
 Also ich finde das unheimlich schwer.
Zurückzustehen und dann noch dem Gewinner gratulieren. Vielleicht lernt man das am besten beim Sport.
Das gibt’s dafür regeln. Die helfen.
Es ist aber wirklich nicht einfach.

Also, wenn ich das Ernst nehme, was Jesus sagt, müsste ich es lernen, anderen den Vortritt zu lassen, mich mit anderen zu freuen,  und schließlich auch mal zu zurückzustehen oder gar zu verlieren.

Tja, liebe Gemeinde. Und genau diese drei wichtigen Dinge, die habe ich genau hier im Bonhoefferhaus gelernt.

Als 8- jähriger in der Jungschar,

im Kindergottesdienst,

später im Konfirmandenunterricht und als Jugendlicher in der Disco. 

Was war das für mich eine Freude jeden Sonntag in den Gottesdienst zu gehen. Als Konfirmand war ich ganz stolz darauf, endlich der Predigt von Pfarrer Slenczka zu lauschen. Die war immer spannend und meistens Tagesgespräch. Und dann danach draußen beim Kicker die Freunde treffen. Wie schön. Und lustig und laut. Und trotzdem nicht immer gewonnen.

Und wie bewegend. Das erste Abendmahl. Am Vorabend der Konfirmation an Tischen, hier in diesem Raum. Ich seh das alles noch vor mir. Brot und Wein geteilt. Keine Verlierer und keine Gewinner in der Gemeinschaft Jesu Christi. Wenigstens für einen Moment. Beim Abendmahl. Schön, dass man den Raum von damals noch erkennen kann. Ist immerhin über 30 Jahre her.

Ich muss gestehen, leicht gefallen ist mir das nicht, als Kind zu lernen, dass man anderen den Vortritt lassen kann, ohne etwas dabei zu verlieren. So wie es wohl auch Jakobus und Johannes nicht leichtgefallen ist, wo sie doch so gerne den Ehrenplatz wollten.

Aber ich hatte hier in diesem Haus  immer das Gefühl, dass Jesus mitten  unter uns ist. Das er mit jedem redet und jedem sein Lachen schenkt. Dass er keine Unterschiede macht. Egal aus welcher Ecke der Gemeinde jemand kommt, egal ob er viel Geld hat oder wenig.

Ja, hier habe ich gelernt, dass es gut tun kann, einander zu dienen und abzugeben. Und manchmal habe ich die Frage nach den besten Plätzen dann ganz einfach vergessen. War nicht mehr so wichtig, wer die Nummer 1 ist. Und das war ein schönes Gefühl.

In unserem Predigttext sagt Jesus: Das mit den besten Plätzen, dass kann ich Euch sowieso nicht versprechen, da habe ich überhaupt keinen Einfluss drauf. Gott allein sagt nämlich, wer auf welchen Platz kommt. Und er wird diese Plätze jenen geben, für die sie bestimmt sind.

Ich kann mich also anstrengen, wie ich will, mein Platz ist bestimmt. Das ist frustrierend für all jene, die glaubten, sich durch besondere Leistung ihren Platz erkämpfen zu können. Das ist furchtbar, für jeden, der sich so anstrengt, um Erfolg, Liebe und Zuneigung zu gewinnen.

Aber das ist ein wunderbarer Satz, für all jene, die Gott vertrauen wollen. Für all jene heißt das nämlich: Du hast Deinen Platz bei Gott sicher und diesen Platz kann Dir keiner wegnehmen.

Du brauchst Dir keine Gedanken zu machen, wo dieser Platz ist, denn Gott hat ihn bestimmt.

Er weiß vielleicht besser als Du selbst, wo Dein richtiger Platz am Tisch des Herrn ist.

Mach Dir also keine Gedanken um die Platzkarten.

Ist das nicht ein schönes Gefühl: Kein Gerangel um die besten Plätze, keine bange Frage, komm ich noch rein, kein Herumgeschubse. Kein banges Warten auf die Liebe, auf die Zuneigung.

Bei Gott ist unser Platz sicher. Er kennt mich. Er liebt mich und hat schon den richtigen Platz für mich ausgesucht.

Merken Sie, wie man aufatmen kann, wenn der Platz bereits reserviert ist. Wie frei das macht?

Wer die Angst verliert, nicht den besten Platz zu bekommen, der wird frei. Und Freiheit, ja die war in diesem Haus für mich wirklich immer wieder zum Greifen nah. Hier im Bonhoefferhaus in Fulda wurde Kirchengeschichte geschrieben. Hier durfte vieles gedacht und laut gesagt werden, was sonst in Fulda sich kaum einer zu sagen traute.

Hier durfte ehrlich gebetet und gelobt werden. Und wenige Augenblicke später wurde gelacht und getanzt. Getanzt? – Ja, getanzt!

Sicher, da werden sich nur wenige dran erinnern. An „Green Apple“ – die Discothek im Bonhoefferhaus. An manchen Freitagabenden hatten wir über 200 Tanzwütige Jugendliche hier im Haus, die Motorräder standen aufgereiht vor der Eingangstür und einmal musste sogar die Polizei kommen. Welch ein Geschenk, dass wir einen Küster Bämpfer hatten, der immer da war, wenn es brenzlig wurde und zu uns gehalten hat.

Ja, das ist Freiheit, Dinge auszuprobieren, die sich keiner so recht vorstellen kann. Und Menschen zu haben, die dich dabei zu unterstützen. Ich bin heute noch unendlich dankbar für diese Erfahrungen der Freiheit.

Und ich finde es toll, dass diese Freiheit hier im Bonhoefferhaus so viele Nachahmer gefunden hat. Bis auf den heutigen Tag. So viele Glücksfälle. Da hat Gott nicht mit seinem Segen gespart. 

Wenn Du mir vertraust, werde ich den richtigen Platz für Dich finden und freihalten, sagt Gott unser Herr. So wie ich den richtigen Platz für meinen Sohn Jesus frei gehalten habe. So wie ich ihn für Jakobus und Johannes frei gehalten habe, genauso werde ich ihn auch für Dich frei halten.

Wer auf dieses Angebot vertraut, der kann wirklich lernen, abzugeben und loszulassen.

Versuchen wir`s.

Ohne Neid und Konkurrenz

Anderen den Vortritt lassen

und Schritte in die Freiheit gehen.

Öffne unsere Herzen, Herr, dass uns dies jeden Tag, ein bisschen mehr gelingt.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

20. Sonntag nach Trinitatis 2013: Sabbat-Affären (Markus 2,23-3,6)

Von Pastor Dr. Wolfgang Kubik

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir machen uns keine Vorstellung, wie wichtig den Juden der Sabbat war und wohl auch heute ist.

Der Sabbattag ist heilig, das heißt: alles, was Arbeit ist oder nach Arbeit aussieht, ist tabu. Alles was Beine hat eilt zur Synagoge. Keiner würde seinen Gottesdienstbesuch vom Wetterbericht abhängig machen.


Dieser geheiligte Tag der Woche war für einen Juden von höchster Bedeutung, denn das strenge Beachten der Sabbatvorschriften brachte der Welt den Messias ein Stück näher. Er könnte kommen.

In zwei aufeinander folgenden Szenen zeigt der Evangelist Markus, wie sich Jesus mit dem Sabbat-Thema befassen muss. Wir lesen Mk 2,23 bis 3,6.

Jesus ist mit den Jüngern unterwegs. Sie rubbeln eine Handvoll Ähren im Getreidefeld und knabbern sodann die Körner. Da kommen Pharisäer. Was sind das für welche? Sie bilden eine Art Laienbruderschaft, eine geistliche Bewegung. Sowas könnten wir in unseren Gemeinden gut gebrauchen. Sie lieben die Gebote Gottes und beachten sie gewissenhaft. Jesus spricht zunächst sehr anerkennend von den Pharisäern. Pharisäer haben ihn einmal gewarnt, als Agenten des Königs Herodes ihm auflauerten. Aber Jesus verteidigt seine Jünger vor den Pharisäern. Diese stört wohlgemerkt nicht der Mundraub, sondern die Sabbatentheiligung! Jesus erinnert sie an David, als dieser noch eine Art Partisanenführer war: immer auf der Flucht, immer hungrig und erschöpft. Ebenso seine abenteuerliche Truppe (1. Sam 21). David ergriff die Chance, sich an einem Heiligtum mit Brot einzudecken. Es war dummerweise heiliges Brot. Das war Sünde, aber gleichzeitig ein Notstand. (Im Deutschen Reichsstrafgesetzbuch eine „Verbrauchsmittelentfernung“ bei geringer Strafe!)

Von einem Notstand kann aber an jenem Sabbat bei Jesus und seinen Jüngern keine Rede sein. Die Jünger hätten bis Montag warten können. Sie wären nicht verhungert. Das hätten Jesus und seine Jünger eigentlich wissen müssen, als sie an einem Sabbat durch ein Getreidefeld gingen und Ähren rubbelten. Wollte Jesus mit seiner unbekümmerten Provokation auf die Unverhältnismäßigkeit der pharisäischen Rüge hinweisen? Für Pharisäer ein Rückschlag für die Messiaserwartung! Doch damit nicht genug.

Nach der Sabbat-Affäre im Getreidefeld geht Jesus weiter in die Synagoge. Wahrscheinlich dieselben Pharisäer erwarten ihn. Ein Mann mit verdorrtem Arm steht schüchtern im Hintergrund. Die Pharisäer wissen genau: Jesus könnte heilen! Aber dann wäre wieder der Sabbat öffentlich verletzt. Meinen sie etwa im Ernst, dass der Gelähmte dann eben bis Montag warten müsse? Dann wäre aber Jesus weg, das hieße – Pech für den Behinderten! Diese Sabbatvorschriften machen Jesus zornig und traurig zugleich. Kennt das Sabbatgebot denn keine Notfälle, keine Barmherzigkeit? Was hat das noch mit echter Heiligkeit Gottes zu tun? Es ist Jesus zum Heulen.

Wir wissen, wie die Pharisäer als selbsternannte Religionswächter die Öffentlichkeit überwachten. Auch damit hätten Jesus rechnen müssen. Da war es ja offensichtlich, wer die Vorschriften einhielt und wer nicht. Diese brauchten nur äußerlich abgeprüft zu werden. Deswegen war die Wachsamkeit am Sabbat so beliebt. Sie wachen ja über die Gebote Gottes. Die hat Gott einst gegeben als Geländer zum Weg durchs Leben.

Aber glauben die Pharisäer allen Ernstes, dass Gott gnädig ist, wenn sie sich Quasten machen an den Zipfeln ihrer Kleider und blaue Schnüre an die Quasten der Zipfel (Numeri 15,37-41). Oder wenn sie in der Öffentlichkeit demonstrativ und bewusst lange und laut beten? Glauben sie ehrlich, dass der Messias auch nur eine Stunde eher kommt, wenn die Jünger sich beim Überqueren des Kornfeldes beherrschen und keine einzige Ähre aufrubbeln?

Jesus glaubt dergleichen schon lange nicht mehr. Und was das Schlimmste ist: Das glauben die Pharisäer selber auch nicht. „Alles, was sie tun, machen sie, um von den Leuten gesehen zu werden“, resümiert Jesus. Das ist eine geradezu gespenstige Szene: die Gebote der Religion werden immer komplizierter bzw. nur noch mit professionellem Einsatz zu erfüllen. während das Herz der Gläubigen immer weiter verkümmert. Äußerlich funktioniert alles, aber im Inneren ist der Mensch nicht bei sich. Er übt sich darin, etwas vorzuspielen. Manch einer wird sich gefragt haben „wer bin ich wirklich?“ „Was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln“, kommentiert Jesus.

Aber genau da liegt das Problem! Wir halten einen Moment inne: was nehmen wir wohl mit nach Hause? Sollen wir uns bloß vornehmen, künftig nicht mehr am Sonntag das Auto zu waschen, sondern zum Gottesdienst zu gehen? Oder sollen wir sagen: Das heißt ja gerade evangelisch sein: Juden und Katholiken müssen den Feiertag heiligen, wir brauchen das nicht! Beides führt nicht weiter.

Wir kriegen plötzlich einen geschärften Blick dafür, wenn unser Leben immer mehr in Äußerlichkeiten versinken würde. Zum Beispiel: Hauptsache, ich beherrsche die liturgischen Formen im Gottesdienst! Wie lasse ich beim Kirchenkaffee betont beiläufig einfließen, dass ich gestern eine – wie heißt das doch? – namhafte Spende für die Diakonie überwiesen habe! Ich kenne die Gemeindeordnung in- und auswendig. Meine gepflegte Kleidung wird sicher Beachtung finden. Und einen Wettbewerb im schnellen Aufschlagen von Liednummern im Gesangbuch würde ich bestimmt gewinnen. Ich wäre mit mir zufrieden, im Kirchgang eine christliche Leistung erbracht zu haben. Ich gehe oft zur Kirche, um dem Pfarrer einen Gefallen zu tun. Ich genieße es, gesehen zu werden.

Diese und andere Äußerlichkeiten gewinnen allmählich Macht über meine Seele.

Dies und vieles mehr scheint manchmal die Gemeindezugehörigkeit auszumachen. Aber wir wissen doch, dass dies die Seele nicht tröstet. Was glaube ich eigentlich wirklich? Woran würde ich mich in einem Schicksalsschlag, ja, in meiner letzten Stunde festhalten können?

Es ist paradox: Im Namen Gottes muss Jesus sich über ein Gebot Gottes hinwegsetzen. Er steht über der Sabbatverordnung. Was haben die beiden Begebenheiten im Kornfeld und in der Synagoge gemeinsam? Beide zeigen uns: so ist Gott. Sie zeigen Gottes Großherzigkeit – das Gegenteil von Kleinkariertheit. Sie zeigen, wie es Gottes Sohn traurig und zornig macht, wenn Schein und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Ja, die beiden Begebenheiten im Evangelium zeigen, wie im Herzen Gottes die Barmherzigkeit das letzte Wort behält. Deswegen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“ Ja, Jesus geht es um den Menschen. Wo nicht, da macht es ihn wütend und traurig zugleich. So ist unser Herr! Er ist gekommen, um zu retten.

Nein, liebe Gemeinde! Bloße Appelle zum Arbeitsverbot am Sonntag und zum Gottesdienstbesuch führen nicht weiter. Wenn ich mich mir selbst in meinem Inneren zuwende, frage ich mich: Wo ist meine Begeisterung für Jesus abgeblieben? Wo blieb die Sehnsucht, im Glauben wahrhaftig zu bleiben? Wann beginnt meine Reise nach innen? Wer anfängt, sich so um Gott und die Seele zu kümmern, den würde es sonntags von allein zum gemeinsamen Gottesdienst ziehen. Er wüsste, was er für sich erwartet.

Liebe Gemeinde, die Tage werden kürzer. Bald wird sich die Sonne nur selten zeigen, eine Jahreszeit, die geradezu einlädt, mich um Gott und um meine Seele zu kümmern. Viele von uns haben ihre Lebensmitte in aller Stille schon überschritten. Das ist eine Herausforderung für uns, nach innen zu gehen.

Es würde mich auch nicht wundern, wenn ein Gemeindeglied nach dem anderen an dunklen Tagen sich aufs Sofa setzt, eine Kerze anzündet und den vergangenen Tag Gott zurückgibt. Wem eigene Worte zum Gebet fehlen, der schlage doch einfach die Psalmen in seiner Bibel auf. Sie stehen genau in der Mitte der Bibel. Man kann sie nicht verfehlen. Schon nach 2 oder 3 Psalmen merkt man: Da bin ja ich gemeint! Darüber könnten wir dann ja mal sprechen. Amen

Osterpredigt 2013 – Maria von Magdala in Joh 20,11-18: Wen suchst du?

Predigt zu Joh 20,11ff: Maria von Magdala

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der von den Toten auferweckt wurde!

Predigttext:

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab

12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist.

15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.

16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen  Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

18 Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.


  1. Der äußere Rahmen: Trauer von Maria = Unsere Trauer

Da steht eine Frau an einem Grab und weint. Sie ist völlig fertig, dass ihr geliebter Mann gestorben ist. Und dann sieht sie mit einigem Erschrecken:

Das Grab wurde geöffnet. Ihr Mann liegt nicht mehr da, wo er vorhin noch gelegen hat, als er beerdigt wurde.

Stattdessen sitzen da zwei merkwürdige Gestalten im Grabloch und fragen sie: „Frau, was weinst du?“

Die tränenüberströmte Frau merkt nicht, dass diese beiden Gestalten Engel sind, die ihr die Nachricht der Auferstehung des Gottessohnes weitersagen wollen.

Die tränenüberströmte Frau weiß nur: Irgendjemand hat den geliebten Leichnam weggenommen.

In der Trauer ist ihr kein über-die-Grenze-Denken möglich.

In der Trauer sieht Maria von Magdala nur das leere Grab – und verzweifelt.

Sie sucht den Toten bei den Toten auf – und findet ihn nicht.

Maria weiß genau: Der war mauestot, dieser Jesus.

Und wir alle wissen: keiner kann einen Toten zurückbringen.

Keiner, der tot und begraben liegt, kann ins Leben zurückkehren.

Das wissen wir so sehr, dass an diesem Wissen niemals gerüttelt werden darf.

Wenn wir an unsere Gräber gehen und ein Grab ist auf einmal leer, die Erde zerwühlt und der Sarg liegt offen darin – dann gehen wir zur Polizei oder gleich zur Staatsanwaltschaft.

Tote erheben sich nicht aus den Gräbern.

Nicht bei uns – und auch nicht bei Maria von Magdala.

Und auch nicht am Ostermorgen.

Und dann tritt eine weitere Gestalt in die Grabhöhle hinein.

Maria erkennt nicht, wer das ist: Wohl jemand vom Friedhofspersonal, vielleicht weiß der, wer hier das Grab von Jesus geschändet hat und wo der Leichnam hingeräumt wurde.

Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast. Dann will ich ihn holen.“

So verzweifelt ist Maria von Magdala mittlerweile, dass sie ohne Klagen selbst helfen will, alles wieder zurechtzubringen.

Jesus gehört ins Grab hinein.

Er muss hier liegen, damit er eine letzte Ruhestätte hat.

Er gehört in ein Grab, er darf nicht draußen in der Wildnis, auf einem Friedwald, in einem Seebegräbnis beerdigt sein.

Jesus muss ins Grab des Joseph von Arimatäa zurück!

Maria von Magdala ist bereit, alles zu geben, damit die Welt wieder so wird, wie sie sein sollte.

Ein Grab scheint geschändet zu sein – sie will dafür sorgen, dass es wieder geschlossen wird.

Und dann tritt der vermeintliche Leichnam auf.

Jesus selbst ist es ja, der da in der Tür des Grabes steht und sie anspricht.

„Maria“, sagt er bloß.

Und sie erkennt ihn.

Sie begreift in dem Moment, als Jesus selbst zu ihr spricht, warum das Grab leer ist, beginnt nun zu begreifen, was diese beiden Gestalten im Grab von ihr wollten, dass das Boten Gottes sind,

dass die Welt durch die Augen Gottes eine ganz andere ist als die bisher gekannte.

Und sie lässt sich hineinnehmen in den Glauben an den Auferstandenen Jesus.

Wenn wir an unseren Gräbern stehen, dann…

– ach was wollen wir weiter von Gräbern hören! Wo der Auferstandene selbst doch mit seinem Wort zu uns spricht, wenn wir ihn feiern!

Wenn wir an unseren Gräbern stehen, dann sind wir traurig, wie Maria es war. Aber wenn wir die Stimme des lebendigen Gottes hören, dann spüren wir doch in uns die Gewissheit der Auferstehung von Jesus und uns selbst und unserer lieben Angehörigen!

Wir werden mit ihm leben. Das ist heute die Botschaft. Und unsere lieben Verstorbenen ebenso!

Maria drängt es, hinaus zu gehen und den anderen davon zu erzählen. Und sie tut das ziemlich unaufgeregt: „Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.“

Da wird nichts mehr hinzugeschmückt, um die Geschichte glaubhafter zu machen – was wollte man auch noch mehr sagen!

Der Herr ist auferstanden. Halleluja! Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!

2. Der innere Rahmen: Maria will zu Christus gelangen, aber sie sieht ihn nicht

Maria ist ja eine gläubige Frau.

Sie hat Vertrauen zu Gott und hatte dieses Vertrauen auch zu Jesus gehabt.

Auf die Idee, dass Gott mit Jesus aber etwas ganz anderes, neues, unerhörtes vorhat, kommt sie nicht.

Dazu reicht ihr menschlicher Horizont einfach nicht aus!

Sie will also Jesus aufsuchen und findet ihn nicht.

Sie weint, sie ist enttäuscht. Sie kann weder nach rechts noch nach links blicken.

Sie sieht die Engel nicht im Grab als Engel, die ihnen die Auferstehungsbotschaft bringen.

Sie sieht durch ihre eigene Verblendung nichts mehr.

Sie sieht nur noch Tod. Und Verlust.

Gott selbst hat sich klein gemacht und ist gestorben.

Das passt in ihr Menschenhirn nicht hinein.

Das erträgt man vielleicht noch an der Krippe im Stall mit einem süßen Baby, das selig lacht. Holder Knabe im lockigen Haar.

Aber man erträgt es nicht länger am Kreuz.

Und man erträgt es nicht länger in einem Grab, wo dieser holdselige Knabe hingerichtet gebettet wurde.

Maria erwartet von Gott nichts Besonderes.

Sie erwartet nicht einmal Trost.

Sie schaut hin und kann Gott nicht erkennen.

Die Tränen sind kein hinreichender Grund dafür, dass sie die Engel nicht sehen kann.

Die Trauer ist keine Begründung, dass sie Jesus erst einmal nicht sieht.

Die Begründung ist, dass sie Gott in ihrem Herzen klein gemacht hat.

Dass sie über ihn verfügen möchte. Statt zu akzeptieren, dass er stets der ganz andere ist.

Sie will ihn aufsuchen als den Toten. Als den Leichnam, den sie kennt.

Damals im Grab der Auferstehung. Und heute für uns ebenso, wenn wir uns vormachen, dass wir Gott aufsuchen könnten, indem wir uns unsere eigenen Vorstellungen von Gott machen.

Wir gelangen nicht zu ihm, wenn wir selbst uns Gott zurecht basteln. Wir gelangen nicht zu ihm durch ein noch so entschiedenes JA zu Christus und zum christlichen Glauben.

Wir gelangen nur dann zu ihm, wenn er einfach so zu uns kommt.

Wenn wir auf sein Wort hören.

Sein Wort, das wir in Predigt, Sakrament und eigener Bibellesung finden.

3. Der göttliche Rahmen: Christus gelangt zu Maria

Christus gelangt zu Maria – unerwartet. Was tut er: Er spricht sie mit Namen an.

Er sagt allein den Namen und dringt so bis in ihr Herz hinein.

Mit Maria hat er etwas vor. Sie soll diese Geschichte weitersagen.

Sie soll verkündigen.

So wird aus dieser Frau im Johannesevangelium die erste Predigerin des Ostergeschehens.

Gemäß dem Evangelisten ist das Entscheidende aber:

Maria wird gefunden.

Ihre eigene Suche ging in die Irre.

Sie hat es nur bis vor das Nichts eines leeren Grabes geschafft.

Als Lebendiger offenbart sich ihr Jesus am Grab, und ermahnt sie dann sogar noch: Halte mich nicht auf, rühre mich nicht an, geh aus dem Grab und verkündige das Leben bei Gott!

Die Frage, wen sie eigentlich sucht, wird selbst durch den beantwortet, der sie aufsucht und findet.

Und ihr eine neue Sicht auf Gott ermöglicht.

Sie hatte Jesus zwischen Grabtüchern und Friedhofsgemüse gesucht. Sie findet nichts als das. Grabtücher, Friedhofsangestellte, Friedhofsgemüse!

Stattdessen findet er sie – und zwar in tiefster Innerlichkeit.

Mit der Nennung des Namens gelangt er zu ihr.

Mit den Ohren und dem Herzen, nicht mit den Augen.

Und natürlich lebt er.

Natürlich ist er nicht tot!

Diese Begriffe spielen für Christen doch überhaupt keine Rolle mehr, will uns der Evangelist Johannes damit belehren.

Selbstverständlich ist er der Auferstandene, der als ewiger Gott der König des gesamten Kosmos ist und der das Universum ausfüllt.

Das zu erwähnen ziert sich das Johannesevangelium in dieser Geschichte, da es ja sonnenklar vor Augen steht!

Freilich werden wir uns wiedersehen, wenn wir einmal sterben. Selbstverständlich werden wir mit hineingenommen in die Auferweckung von Jesus.

Er ist uns vorangegangen, damit wir wenigstens diesen Aspekt der ganzen Andersartigkeit unsres Gottes begreifen lernen – so wie Maria von Magdala es begreifen lernte durch die Anrede mit nur einem einzigen Wort, ihrem Namen!

4. Fazit: Wir sind diejenigen, die von Christus aufgesucht werden. Uns trifft dieses „Maria“

Auch bei den Taufen eben gerade ging es darum: Mit den eigenen Namen wurden diese Menschen in die Nachfolge Jesu gerufen.

Er sucht euch auf. Ihr braucht euch nicht einmal bewusst entscheiden.

Denn Christus hat sich längst für euch entschieden.

Und die „Kirche des Wortes“ wird nicht aufhören, eben das zu verkündigen, will sie noch Kirche genannt werden.

Und es macht mir persönlich Mut, wenn Menschen dann doch auch im Erwachsenen-Alter ihren Weg zu unserer Kirche finden.

Oder um im Bilde zu bleiben: Wenn Menschen sich von Christus finden lassen und die Andersartigkeit Gottes auch in der anderen Konfession, bei uns Protestanten, entdecken und als den klareren oder wahrhaftigeren Weg zu Gott erleben.

Mit all denen, die wie Maria ins Leben bei Christus gerufen werden, danke ich Gott dafür, dass er getan hat, was er tat!

Der Herr ist Auferstanden. Halleluja!

Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.