Pfingstpredigt 2011 – Vom Heiligen Geist

Predigt zu Joh 16,5-15

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

1.   Einleitung: Der heilige Geist ist kein Mauerblümchen!

Liebe Gemeinde,

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Von den drei Erscheinungsformen Gottes, also als Vater, Sohn und Heiliger Geist, führt letzterer irgendwie ein Schattendasein.

Der heilige Geist ist für manche ein wenig wie das Mauerblümchen der Trinität.


Gott den Vaterkönnen wir uns zwar nicht wirklich vorstellen, aber wir können ihm doch einige Eigenschaften zuordnen:

Als Schöpfer, als Allmächtiger oder als Allwissendender begegnet er uns in der Bibel. Von seinen dunklen Seiten können wir durch die Schrecken in unserer Welt Vermutungen anstellen.

Und dadurch, dass Jesus ihn seinen Vater nennt, haben wir sogar eine Beziehung zu ihm – wenn auch indirekt.

Gott den Sohnkönnen wir wohl am leichtesten fassen: Ist damit doch Jesus Christus selbst gemeint, der in den Evangelien und den Briefen, ja im Neuen Testament, offenbart ist.

Dass von ihm die Vergebung der Sünden kommt durch seinen Kreuzestod, dass er die Taufe eingesetzt hat, als Zeichen für Gottes unendliche Treue, und das Abendmahl für die Gemeinschaft von Gott und Mensch – das alles dürfen wir getrost auf sein Wort hin glauben. Auch dass das innere Wesen Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist, dass Gott die Liebe ist, wissen wir durch Gott den Sohn.

Doch von Gott dem heiligen Geist haben wir nur unsichere Kenntnis. Geister sind in der heutigen Zeit eher unmodern. Der menschliche Geist ist zusammengesetzt aus einem gewaltigen neuronalen Netzwerk unseres Körpers. Geister in Schlössern gehören einer romantischen Epoche an.

Und von einem Kollegen wird der heilige Geist immer nur dann angeführt, wenn er faul war oder keine Zeit für seine Predigt hatte. Der müsse das dann eben richten, der heilige Geist. 

Der Predigttext für den heutigen Sonntag zeigt uns einen Aspekt des Heiligen Geistes, wie er in der frühen Kirche, in der Gemeinde des Evangelisten Johannes erlebt und vorgestellt wurde.

Als Tröster wird er da beschrieben. Und als „Geist der Wahrheit“. Und als einer, der untrennbar mit Jesus und Gott dem Vater verbunden ist.

PREDIGTTEXT

Hören wir die Worte Jesu über den Geist, wie sie der Evangelist Johannes im 16. Kapitel überliefert hat:

Das Werk des heiligen Geistes

5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?

6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.

7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

9 über die Sünde: daß sie nicht an mich glauben;

10 über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

11 über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.

13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.

15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird’s von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

2.   Auslegung ekklesiologisch

Alles andere als ein Mauerblümchendasein fristet der Heilige Geist in der Gemeinde des Johannes. Er kommt, weil Jesus nach der Auferstehung zum Vater geht.

Und weil das nur gerecht sei, damit alle Welt Gott in Form des heiligen Geistes haben kann, nicht nur die überschaubare Zahl der Jünger in der Erscheinung des Auferstandenen.

Alle Welt: Das heißt: Alle, die den heiligen Geist empfangen haben. Alle getauften Christen!

Und alle Christen zusammen machen die eine heilige und apostolische Kirche aus, die weltumspannend und allgemein ist.

Ihr vier, die ihr euch heute Morgen habt taufen lassen, gehört nun zur Kirche Jesu Christi mit dazu. Ihr seid nun ebenfalls angehaucht vom Heiligen Geist Gottes.

Er ist es, der die Kirche macht und uns im Gebet, in der Predigt, beim Abendmahl, während der Taufe, begleitet.

Dabei dürfen wir nicht vergessen:

Er ist auch unverfügbar. Wir müssen nichts spüren, wenn er da ist. Es brauchen nicht die großen emotionalen Momente sein. Der Heilige Geist kann auch ganz nüchtern daherkommen, eben als Geist der Wahrheit, der lehrt und lenkt.

Oder wie Luther im dritten Artikel zum Glaubensbekenntnis sagt:

„Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten.“

Der Heilige Geist ist es, der uns erst den Glauben an Christus plausibel macht. Aus reiner Vernunft kommen wir doch nicht auf die Idee, an einen gekreuzigten Mann zu glauben, der dann angeblich von den Toten auferstanden ist! Zu diesem Glauben kommen wir nur mit Hilfe des Heiligen Geistes!

Und so ist zwar das Wirken des Geistes für uns nicht verfügbar, wir können  ihn uns nie und nimmer verfügbar machen, aber:

(Und das ist eine wahre Ungeheuerlichkeit!):

Überall da, wo auch nur ein wenig Glauben herrscht, da ist der Heilige Geist am Wirken. Das darf man ruhig minimalistisch sehen!

Da können und sollten wir uns dran erfreuen!

Unser kleiner Glaube, der jetzt gerade in uns ist: Ein Werk des Heiligen Geistes!

Die Entscheidung, sich hier und heute taufen zu lassen: Ein Werk des Heiligen Geistes.

Ich kann nun nicht sehen, was in Euren Herzen vorgeht, ob ihr glaubt oder auch nicht. Diejenigen aber, die an den dreieinigen Gott glauben: Die können jetzt tatsächlich mal für einen Moment innehalten und sich klarmachen: Dieser Glaube ist gewirkt von dem Heiligen Geist, der beim ersten Pfingstwunder in Jerusalem die Apostel auf die Straßen getrieben hat.

Euer Glaube wird unmittelbar von Gott gewirkt. Jetzt. In diesem Augenblick ist er in euch und um euch.

PAUSE

3.   Gedanken zum Geist, der in der Kirche weht 

Der Heilige Geist wirkt in Euch den Glauben. Alle Gläubigen zusammengenommen bilden die Kirche.

So ist die Kirche also auch ein Werk des Heiligen Geistes.

Aber die sichtbare Kirche hält so manche Ärgernisse bereit, die alles andere als geistgewirkt erscheinen.

Über vieles kann man sich aufregen. Man muss gar nicht an Kreuzzüge und Hexenverbrennungen denken, wenn man an seiner Kirche Dinge kritisieren will.

Und was dem einen an der Kirche gerade recht ist, das ist dem anderen gar nicht billig.

Meinungsverschiedenheiten, Eifersüchteleien, Heuchelei – all das sind schlimme Erfahrungen, die man durchaus mit den sichtbaren Kirchen machen kann.

Welcher Geist weht in der Kirche?

Ist es der Heilige Geist?

Ist es der Geist der Wahrheit?

Ist es der Tröster-Geist, von dem der heutige Predigttext zu uns spricht?

4.   Auf dem Kirchentag mit der Bonhoeffergemeinde

Es ist naheliegend, auf Ereignisse zu schauen, die mit der Kirche in Zusammenhang gebracht werden.

Es bietet sich geradezu an, das evangelische Großereignis dieses Jahres einmal mit dieser Frage zu betrachten: Den Evangelischen Kirchentag 2011 in Dresden.

Vergangene Woche war ich da – mit einem überschaubaren Teil der Bonhoeffergemeinde und einer Gruppe von Jugendlichen der Kirchenkreise Fulda, Schlüchtern und Gelnhausen sind wir dorthin gefahren. In einer Schule in Meißen 30 km vor Dresden hatten wir unser Quartier in einem Klassenzimmer.

Einige von euch waren unabhängig von mir da, und viele werden das Ereignis live im Fernsehen oder zumindest durch die Nachrichten verfolgt haben.

Was für ein Geist herrscht auf einem Kirchentag?

Drei Szenen, die für mich sehr charakteristisch waren:

Szene 1: Im Zelt schwitzen etwa 40 Menschen, die sich auf kleinen Kniebänken niedergelassen haben. Ich bin allein unterwegs, bin müde vom Laufen und von der heißen Mittagssonne. Die Menschen auf den Kniebänken schweigen, ich versuche möglichst leise einen Platz zu bekommen.

Ich beobachte. Die meisten Menschen haben die Augen zu. Einige schauen glücklich, andere ernst. Ich schließe ebenfalls die Augen, mehr aus Müdigkeit als aus Glaubensinteresse.

Plötzlich fängt einer an zu singen. Einfache Weisen aus Taizé erfüllen das Zelt. Mehr und mehr fallen in die Melodie ein. Auch ich singe nun mit. Fühle mich seltsam entspannt.

Als die Andacht vorüber ist, verlasse ich das Zelt wieder. Diese Pause hat einfach gut getan.

Szene 2:

Dick gepanzert stehen an der Semperoper zwei Polizistinnen. Sie sind schwer bewaffnet, Polizeistock und Pistole sind gut sichtbar. Es hat sich um sie herum eine kleine Menschenmenge gebildet. Geduldig und mit dem typischen dresdner Einschlag weisen sie den Kirchentagsbesuchern den Weg. Wo ist die Neustadt, gibt es in der Nähe öffentliche Toiletten, wie kommen wir am schnellsten zu Margot Kässmann usw.

Auch ich habe mich angestellt, um den Weg zum Bahnhof zu erfragen.

Dick gepanzert und doch so, als wären sie einfach nur Ortskundige, gehen sie mit uns um.

Obwohl zeitweise 300.000 Menschen gleichzeitig den Kirchentag besuchten, brauchten sie weder Polizeistock noch Rüstung.

Szene 3:

In Halle 3 auf dem Messegelände wird gestritten. Applaus, empörte Zwischenrufe und Gelächter wechseln sich ab.

Zwei Theologinnen ringen mit einem Kulturphilosophen darum, was die Kirche ausmacht und welche Kirche wir heute brauchen.

Die eine Theologin ist Professorin für feministische Theologie. Sie kann mit Gottesdiensten nichts mehr anfangen. Ihr reicht es, in der „Bibel für gerechte Sprache“ zu lesen und einmal im Jahr im Frauenbildungszentrum mit lieben Menschen aus aller Welt gemeinsam zu Abend zu essen.

Der anderen Theologin reicht das nicht. Sie will, dass sich Kirche für Weltfrieden und Solidarität mit den Armen einsetzt. Und Gottesdienste sollten sich mehr daran orientieren, was die Menschen gerade jetzt brauchen, dass man sich im Kirchenraum wohlfühlt.

Sie erntet viel Applaus.

Der junge Kulturphilosoph blickt die beiden ein wenig frostig an. „Predigt und Gottesdienst“, sagt er immer wieder. „Wir brauchen Gottesdienste und Predigten, die die Menschen herausfordern. Ich will nicht abgeholt werden, ich will mit Gott konfrontiert werden. Das soll sich nicht an meinem Bedürfnis, sondern muss sich an der Wahrheit des Evangeliums orientieren.“

Er erntet das meiste Gelächter. Ich applaudiere, dass mir die Hände schmerzen.

Ein buntes Bild, das diese drei Szenen ergeben. Ein Bild, das uns auch etwas über die Vielfalt des Heiligen Geistes sagt.

Wo er da genau gewirkt hat, das kann niemand mit endgültiger Gewissheit sagen…

Die innere Frömmigkeit beim Meditationsgottesdienst auf den Kniebänken hat mir für einen Moment die Ruhe gebracht, die ich brauchte.

Die große Friedfertigkeit von 300.000 Menschen hat mir gezeigt, dass der Geist, der all diese Menschen verbindet, Panzer und Schlagstöcke überwindet.

Und der Streit der Menschen um die richtige Kirche gab mir mit auf den Weg, dass unser evangelische Glaube wirklich bunt und verschiedenartig ist, aber dass diese Unterschiede auch in Ordnung sind.

Denn: Wenn da Glaube ist, dann ist da auch der Heilige Geist.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

1. Sonntag nach Epiphanias 2011 – Zur Heiligung des Sonntags

Predigt zu Mt 4,12-17

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

der die Welt erleuchtet,

sei mit euch allen.

Der Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach dem Erscheinungsfest steht im MtEv im 4. Kapitel. Es ist der Beginn des Wirkens Jesu in Galiläa

12 Als nun Jesus hörte, daß Johannes gefangengesetzt worden war, zog er sich nach Galiläa zurück.

13 Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebiet von Sebulon und Naftali,

14 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht (Jesaja 8,23; 9,1):

15 »Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa,

16 das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.«

17 Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen:

„Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“

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1. Advent 2011 – Predigt in Gemeinschaftsproduktion mit Frank Nico Jaeger aus Tann

Predigttext Offenbarung 5,1-5:

Das Buch mit den sieben Siegeln
51 Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.
2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?
3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.
4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.
5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.


Liebe Gemeinde,

der Predigttext aus dem heutigen Johannesoffenbarung will zunächst erst einmal gar nicht so recht zu dem Anlass heute Morgen passen: Der 1. Advent, besinnliche Stimmung und der Beginn der Aktion Brot für die Welt. Wenn man in der Johannesoffenbarung liest, dann muss man achtsam sein: Blickt man da doch in die Gedankenwelt eines religiösen Genies. Und Genie und Wahnsinn, das liegt oftmals dicht beisammen. Manch einem mag es so vorkommen, als Blicke er durch die Mauern eines Irrenhauses, wenn er in dieser Offenbarungsschrift herumstöbert.

Einen noch recht harmlosen Ausschnitt haben Sie gerade gehört. Der Seher Johannes: In für Christen sehr unbequemen Zeiten hat er gelebt. Und entsprechend unbequem sind seine Texte für uns heute. Und schwer verständlich.

Und doch hat der heutige Predigttext sehr viel mit dem Advent zu tun. Mit der Sehnsucht, dass unser Leben mehr sein soll als das, was wir im Alltag vor Augen haben. Mit der Hoffnung auf die Ankunft Gottes bei den Menschen.

Der Seher Johannes bekommt etwas zu sehen, das für uns normale Menschen verschlossen ist. Er bekommt die Vision des Himmels. Auf einem Thron sitzt einer, der ein Buch in der rechten Hand hält (V 1). Dieses Buch ist von innen und von außen beschrieben. Und das Buch ist gut verschnürt, so dass keiner es öffnen kann. Und damit nicht genug:

Die Verschnürung ist dazu noch versiegelt: So dass keiner es öffnen darf: außer dem, der die sieben Siegel darauf gedrückt hat. Was mag in dem Buch drinstehen, und was steht außen drauf? Hat es einen Titel mit Autorenangabe oder auf dem Rücken des Buches eine Kurzusammenfassung? Davon erfahren wir nichts.

Doch die Vision geht weiter: Ein „starker Engel“ fragt mit „lauter Stimme“ nach, wer denn würdig sei, diese sieben Siegel aufzubrechen. Aufbrechen der Siegel: Das heißt: Den Inhalt lesen zu dürfen, den Inhalt wissen zu dürfen, ja geradewegs zum Besitzer dieses Buches zu werden!

Und dann merkt Johannes: Niemand kann das Buch auftun und hineinsehen. Niemand ist würdig genug, es zu öffnen. Und mit „Niemand“ ist wirklich absolut gar niemand gemeint: Das meint die Wendung: „weder im Himmel, noch auf Erden, noch unter der Erde“. In der Denkweise der damaligen Welt: Weder himmlische Kreaturen, also Engel, noch die Menschen auf der Erde, noch die Dämonen und Schattenwesen der Unterwelt haben genug Würdigkeit, dieses Buch zu öffnen.

Und dann fängt der Seher Johannes an zu weinen.

Nachdem er das erfahren hat: Auch er gehört zu den Unwürdigen, zu denen, die das Buch nicht lesen dürfen. Er, der er doch schon so viel gezeigt bekommt! Er kann die Tränen nicht halten.

Vielleicht ist dieses Weinen gar nicht so unerwartet oder unpassend, wenn man sich klar macht, was Johannes da vor Augen hat. Na gut, ein Buch, in das man nicht rein sehen darf. Aber da fängt niemand an zu heulen! Auch damals nicht!

Der Seher merkte, dass dieses Buch mehr ist als andere Bücher. Er merkte: dieses Buch: das ist die Geschichte von allem. Es ist das Buch aller Zusammenhänge. In diesem Buch steht alle Weisheit und alles Wissen. In diesem Buch ist die Ganzheit des Universums und die Zerbrochenheit der Geschöpfe.

Das Buch ist auch dein Buch.

Hierin bist du mit allem, was dich kennzeichnet, verzeichnet.

Alles, was nötig ist, findest Du darin.

Aber du darfst es nicht lesen, darfst es nicht einmal öffnen, um darin zu blättern. Dabei umfasst das Buch das Gesamte Deines Lebens. Und Du merkst, dass du nicht hineinblicken kannst, nicht einmal darfst.

Woran liegt das?

Warum dürfen wir nicht hineinblicken?

Durch unsere Welt zieht sich ein Bruch.

Meist unsichtbar.

Mitunter ist dieser Bruch aber doch greifbar und spürbar.

Und dieser Bruch zieht sich nicht nur durch unsere Welt, sondern bisweilen auch durch unser Leben.

Durch die Art, wie wir miteinander umgehen.

Durch die Art, wie wir unser Leben bestreiten.

Dieser Bruch zieht sich durch unsere Kommunikation.

Durch unsere Beziehungen.

Durch unser Benehmen, wie wir nach außen hin auftreten und es wirklich in uns aussieht.

Durch unsere Welt geht ein Bruch, gehen viele Brüche, und viel zu oft scheint es, wir fänden uns damit ab.

Täglich geschieht Gewalt gegen Mitmenschen.

Dabei ist es ganz egal, wie diese Gewalt ausgeübt wird.

Ob mündlich oder tätlich.

Der Schmerz ist da und die Wunde heilt nur mäßig. Bisweilen wird es dann unerträglich und die angestauten Dinge entladen sich. Der Bruch wird sichtbar.

Schlimm wird es im Advent, besonders am ersten, denn dann wird der Bruch, in dem wir stehen, offenbar. Dann bemerken wir: nein, wir sind nicht würdig… wie schon der Seher Johannes! Und in die stolze, reiche, helle, und satte Welt kommt ein Kind. Klein verletzlich und auf den ersten Blick unbedeutend.

Es ist erstaunlich, dass wir uns jedes Jahr aufs Neue damit konfrontieren lassen. Denn dieses kleine Kind weist uns mit unglaublicher Leichtigkeit und Kraft auf unsere Gebrochenheit hin.

Den Advent wegwischen, die Botschaft dahinter, das würde manch einem gut gefallen. Wozu braucht man denn auch die zunächst niederschmetternde Botschaft von der Verletzlichkeit, wenn das keinen Kunden mehr ins neue Einkaufszentrum lockt?

Verzichten wir doch einfach auf das drum herum und geben uns ganz dem Konsum hin. Der Tannenbaum bleibt dann ja noch, auch die Geschenke bleiben.

Schade nur, dass der Tannenbaum gar nichts mit dem Inhalt des Festes zu tun hat und die Geschenke in unserer Zeit zum Selbstzweck geworden sind.

Ein Kind kommt auf die Welt und sagt ihr nicht den Kampf an.

Hier wird nicht gekämpft. Steck das Schwert weg, sagt das erwachsene Kind bald. Ein Kind kommt auf die Welt und erzählt den gebrochenen Menschen von der Liebe Gottes. Kostenlos, so sagt es, ist diese Liebe, frei verfügbar. Eine nie endende Kraftquelle, auf die keiner einen Besitzanspruch erheben kann, denn diese Liebe ist nicht gebunden an eine Institution oder an eine Macht, die verschwinden kann.

Last Christmasvon Wham! hat Stille Nacht, heilige Nacht, unter Jugendlichen und Menschen meines Alters beinahe abgelöst. So, wie es im Musikvideo gezeigt wird, das ist wohl für viele die das Idealbild von Weihnachten: Eine eingeschneite Berghütte, ein Mann mit gebrochenem Herzen und dann, unterm Baum die Versöhnung! Liebende wälzen sich im Pulverschnee. Freunde tragen Designerklamotten und sind alle fröhlich!

Das ist nicht Weihnachten, denn Weihnachten ist anders fröhlich und viel ehrlicher, aber auch schwieriger als ein Musikclip von 4 Min und 37 sec Länge.

Viele von uns stecken aber eher in dem Video von Wham! fest, wenn sie an Advent denken. Wer es anders macht, der ist ein Spielverderber!

Lasst uns froh und munter sein, aber nicht weiter darüber nachdenken, auf welcher Grundlage wir das tun sollen.

Es steht schlimm um uns, wenn einer mit guten Ideen verlacht wird und weil er sich den Luxus leistet, gegen den Strom zu schwimmen. Weihnachten steht aber genau dafür: Gegen den Strom.

Weihnachten bricht aus aus der bekannten Reihe, es ist kein heile-Welt-Musikvideo im Pulverschnee mit Pelzmütze. Hier geht es um die Bewusstmachung und Überwindung des Bruchs. Wegwischen kann man das nicht. Das fängt schon damit an, dass ein Kind die Erlösung bringen soll.

Ein Kind geboren unter Umständen wie sie heute wohl nur noch Menschen auf der Flucht erleben:

Keine Herberge, kein Quartier, ein zugiger Stall muss es sein.

Ein Kind auf dem Weg zu einem Kreuz.

Und wir?

Wir haben das verkitscht.

Gibt es denn eine Chance auf Heilung? fragt der Patient und der Doktor sagt: „Es gibt einen Riss in der Hoffnungslosigkeit!“

Froh horchen wir auf und erfahren: Wir könnten uns ja unserem Schicksal ergeben und den Advent und Weihnachten verflachen lassen, aber da ist so etwas wie Hoffnung auf Änderung, auch alle Jahre wieder, aber deswegen nicht weniger ehrlich!

Durch unsere Welt geht ein Bruch und „die Zerstörungen, die dem Leben angetan werden“, sind sehr groß. „Die Liebe, die zerbricht, die Freundschaft, die verraten wird, der Terror, der herrscht […], der Hunger, das Elend, die unendliche Not: das alles sind Belege dafür, es mit der Hoffnung zu lassen, … sich lieber zu ducken, um so vom Unglück zumindest nicht ganz getroffen zu werden.“

Und es ist schwer, all das auszuhalten ohne zu resignieren. Es ist schwer, nicht einzustimmen in das Weinen des Sehers Johannes:

Wir alle sind tatsächlich nicht würdig, das große Ganze zu schauen.

Wir alle würden daran zerbrechen.

„Es ist schwer, der Süße der Hoffnungslosigkeit nicht zu verfallen.“

Man muss nicht auf die Barrikaden, man braucht nicht aktiv zu werden.

Man kann auf der Couch sitzen bleiben, das Supertalent schauen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

ZÄSUR

Wer aber Gott erwartet, sein Ankommen, dessen Hoffnungslosigkeit bekommt Sprünge.

In dessen Hoffnungslosigkeit treten Risse auf. Der setzt sich in Widerspruch zu den Erfahrungen der Vergeblichkeit und Unabänderlichkeit, denn die wären der Tod!

Wer sich auf das Kommen Jesu einlässt, der wird um einen Bruch nicht umhin kommen, aber das ist dann ein Bruch mit Aussicht auf Heilung, auf endgültige Besserung.

Das ist Advent. Zeit der Hoffnung. Zeit des Heils!

Und das ist es dann auch, was dem religiösen Genie Johannes auf sein Weinen in der Vision entgegnet wird:

Es hat einer dieses versiegelte Buch in Händen, der es öffnen darf, der würdig genug ist, der dies für dich öffnen wird, ja das längst getan hat.

Und der wird dir das Ganze zeigen und den Zusammenhang und den Sinn.

Und das ist Jesus Christus.

Amen.

Amen.

Und davor? Bevor ich das so erlebe?

Da mag uns in dieser Adventszeit ein Gedicht des künstlerischen Genies Joseph Beuys als Anleitung zum guten Leben dienen:

Joseph Beuys
Anleitung zum guten Leben

Lass dich fallen, lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemanden Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen
und verteile sie überall in deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukle so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere dich, ‚verantwortlich zu sein‘ – tu es aus Liebe!
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib Geld weiter. Mach es jetzt. Es wird folgen.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, fantasievolle Träume.
Zeichne auf Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern, höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein. Sei frei. Preise dich selbst.

Lass die Angst fallen, spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir. Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken. Werde nass. Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe …

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,

bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

14. Sonntag nach Trinitatis 2011: Das Messiasgeheimnis im Markusevangelium

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus

und die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit euch allen.


TXT: Mk 1,40-45: Die Heilung eines Aussätzigen

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein!

42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich a

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du a niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und b opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so daß Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

  1. Der Mensch: Ein Schwätzer

Das kennt man doch gut. Man macht etwas, will aber nicht so gern, dass es bekannt wird. „Lass mal“, sagt man dann, „ich hätte lieber, dass das unter uns bleibt.“ Und dann verbreitet sich das Geschehene wie ein Lauffeuer. Ich sag noch: Erzähl´s  nicht weiter!“ und am nächsten Tag weiß es der ganze Freundeskreis. Die Nachbarschaft. Das Dorf.

Woran liegt das?

Menschen schwätzen gern. Sie erzählen sich Dinge gern weiter, die sie eigentlich nicht unbedingt etwas angehen.

Bilder steigen auf: „Die Frau Meyer, die hat für die Orgel der Bonhoeffergemeinde ein ganzes Register gespendet, für 10.000€, aber erzähl´s keinem weiter, die will lieber anonym bleiben!“

Andere Bilder: Das von meiner geschwätzigen Nachbarin von früher.

Das von dem gehörnten Ehemann, der als Einziger nicht weiß, dass ihn seine Frau betrügt.

Das Bild eines Gerüchtes, das uns zu Ohren kommt. Das wir kaum glauben können. Und gerade deshalb erzählen wir es weiter.

Der Mensch. Ein Schwätzer.

2. Messiasgeheimnis

Jesus will nicht, dass zu viele auf ihn aufmerksam werden. Er fährt den frisch geheilten an: „Hau ab und erzähl es keinem! Zeige dich nur dem Priester und vollziehe das vorgeschriebene Opfer!“

Jesus weiß: Gott hat den Aussatz besiegt und nicht er selbst. Also soll der nun Geheilte sich so verhalten, wie es dem Gesetz in Leviticus 14 entspricht. Einen Vogel opfern, einen Vogel freilassen. Den Ritus vollziehen. Nicht Jesus selbst steht im Mittelpunkt seines Tuns, sondern Gott. Ärgerlich für Jesus, dass nun alle auf ihn zeigen.

Hat Jesus noch nicht begriffen, dass er selbst auch Gott ist?

Wer hat da was wohl nicht verstanden?

3. Freudenschreie

Der hat mich geheilt.

Der hat das geschafft, was undenkbar war.

Mein verfaultes Fleisch ist wieder fest.

Meine schuppige Haut ist wieder glatt.

Meine Gliedmaßen kann ich wieder bewegen.

Jesus hat die Lepra besiegt. Oder Gott. Oder beide. Oder welche Macht auch immer.

Jesus hat nur ein Wort gesagt: katharísthäti! Sei rein!

Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.

Gleich gehe ich nach Hause zu meiner Familie und zu meinen Freunden.

Ob meine Frau mich noch liebt?

Ob meine Kinder mich erkennen?

Ich freue mich ja so.

Und ich bin ihm unglaublich dankbar.

Ich könnte die ganze Welt umarmen, denn jetzt bin ich gesund!

4. Jesus der Kautz

Er ist ja schon ein seltsamer Kautz, dieser Jesus. Kaum heilt er mich, schon jagt er mich fort.

Gleich zu den Priestern soll ich gehen.

Opfer darbringen.

Die Priester haben mir doch gar nicht geholfen!

Jesus hat geholfen!

Alle sollen das wissen: Da ist einer, der wirklich helfen kann!

Sagt es allen Kranken weiter!

Sollte Jesus wirklich gesagt haben, dass ich darüber Stillschweigen wahren soll?

Er ist ja schon ein seltsamer Kautz, dieser Jesus…

5. Die Geheimnistheorie im Markusevangelium

Um das Markusevangelium zu verstehen, kann es hilfreich sein, sich eine Entstehungstheorie dieses Evangeliums anzuschauen.

Was trieb den Evangelisten, das Evangelium so aufzuschreiben, wie wir es heute lesen können?

Es sind einige Merkmale, die uns auf eine Fährte führen können.

Im Markusevangelium ermahnt Jesus Leute immer wieder dazu, über dies und das Stillschweigen zu bewahren.

Geheimniskrämerei ist ein typisches Merkmal, das das Markusevangelium durchzieht.

Bei einigen Heilungen ermahnt er die Geheilten, Stillschweigen zu bewahren, so etwa bei unserem Aussätzigen aus dem heutigen Predigttext.

Die Dämonen erkennen ihn: Ihnen gebietet er gleich zu Beginn des Evangeliums mit dem Wirken Jesu in Kapernaum (1,21ff.), sie sollten ihn und seine Mission keinem verraten.

Auch von den Jüngern verlangt er, dass sie über das wahre Sein Jesu als Gottessohn niemandem etwas sagen sollen.

„Je mehr er es aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.“ (Mk 7,36).

Sogar als Petrus ihm gegenüber – übrigens genau auf der Hälfte des Evangeliums im Kapitel 8 – bekennt, dass Jesus der Christus sei, will Jesus nicht, dass das weiter bekannt wird.

Erst nach der Auferweckung von den Toten, nach Kreuz und Auferstehung sollten alle weitererzählen, was sie gesehen haben.

Und noch etwas kann man herauslesen:

Weder die Jünger, noch die „normalen“ Zuhörer verstanden Jesus wirklich.

Auf die Leidensankündigung in Mk 8,31ff. reagiert Petrus mit einer Abwehr, die das völlige Unverständnis zeigt, und die Gleichnisse in Kapitel 4 zeugen davon, dass das Volk sie nicht versteht.

Also: Schweigegebote auf der Seite von Jesus – Unverständnis auf der Seite der übrigen Menschen.

Warum dieser Aufwand?

Der Evangelist Markus schrieb sein Evangelium um 70 n.Chr.

Das heißt, etwa 40 Jahre nach der Kreuzigung.

Den irdischen Jesus wird er kaum gekannt haben.

Vielmehr schöpft er aus verschiedenen Quellen, die ihm vorlagen. Mündliche wohl wie schriftliche.

Auffällig ist, dass die Wunder Jesu eigentlich ziemlichen Eindruck gemacht haben müssten.

Das heißt, Markus war klar, dass zwischen dem Erzählten von Jesus (nämlich: mit Macht über die Dämonen, Krankheiten, das Wetter [etwa Stillung des Sturmes] und Speisung von 5000 Menschen)  und der Wirkung, die davon ausging, eine hohe Diskrepanz, ein großer Graben liegt.

Wenn dieser Jesus diese gewaltigen Taten in der Öffentlichkeit vollbracht hat, dann hätten sich schon zu Lebzeiten unglaubliche Anhängerscharen bilden müssen.

Dann hätte die Mehrzahl der Juden ihn als den Messias anerkennen müssen, weil er eben über Kräfte verfügen konnte, die zweifellos göttlichen (oder zumindest übernatürlichen) Ursprungs waren.

Schon zu Lebzeiten Jesu´  hätte es gewaltige Menschenmassen geben müssen, die ihm nachfolgten.

Das war aber nicht der Fall.

Nicht in der Zeit des Wirkens des irdischen Jesus.

Da wird von den Zwölfen gesprochen, von einigen weiteren Jüngerinnen und Jüngern, immerhin von 72 Jüngern, die er im (später verfassten) Lukasevangelium aussendet.

Und auch nach der Auferstehung verbreitet sich das Christentum zwar schneeballsystemmäßig, aber doch eher langsam und mit Hindernissen.

So dass zur Entstehungszeit des Markusevangeliums zwar in jedem Winkel des römischen Reiches kleine christliche Gemeinden vorhanden waren, aber von einer Reichs- oder gar Weltreligion war man doch weit entfernt.

Der Evangelist merkte diesen Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Und ihm war bekannt, dass sich die Wunder eher im Verborgenen abgespielt haben sollen.

So wurde für ihn – vielleicht beim Verfassen des Evangeliums, wahrscheinlich aber schon früher – immer deutlicher, dass Jesus erst nach Kreuz und Auferweckung in der Welt bekannt werden wollte.

Wahrscheinlich kannte der Evangelist die Briefe des Paulus und die in ihnen ganz starke Kreuzestheologie.

Durch Kreuz und Leid wurde die Welt – wurden wir alle! – erlöst.

Nicht die großmächtigen Einzelwunder sind es, die uns zu Gott und zum Ewigen Leben bringen, sondern die Tatsache, dass Gott Mensch wurde und bis zum Äußersten ging und er den Tod alles Irdischen starb.

Wahrscheinlich kannte Markus diese Theologie, die in krassem Gegensatz zu dem mächtigen Gottesmann Jesus steht, der von Wunder zu Wunder eilt und über Legionen von Engeln und Dämonen gebieten kann.

Da passte es, diesen Geheimniskomplex aufzunehmen und noch auszubauen.

Ein fortwährendes Ineinander von Hoheit und Niedrigkeit, von Offenbarung und Verbergung begegnet uns beim Wirken Jesu im Markusevangelium.

Stillschweigen und laut verkünden – über die Elemente gebieten und von den Soldaten verspottet werden. Beides beobachtet man im Evangelium deutlich. Beides gilt es auch auszuhalten.

Was bleibt für uns?

Wir können Markus in einem schon einmal zustimmen:

Darin nämlich dass auch wir nicht wirklich verstehen, wie das sein kann:

Jesus ist Gott und Mensch zugleich. Und Kreuz und Leid sind der Schlüssel zum Verständnis des Wirkens von Jesus, nicht seine Wundertaten.

Insofern sind wir, wenn wir da einstimmen können, sogar ein wenig weiter als die Jünger.

Aber ich für mich kann nur sagen, dass ich aus diesem Glaubenswissen immer wieder herausfalle und den Wundermann Jesus dem Gekreuzigten immer wieder vorziehe. Und damit lebe auch ich noch in großem Unverständnis.

Wir können außerdem dem Markus darin zustimmen, dass der heutige Predigttext nur vor dem Hintergrund vom Ende her, von Kreuz und Auferstehung her, verstanden werden kann.

Denn hinterher, nach der Auferstehung, da sollten ja die Jünger in alle Welt gehen und das Evangelium verkündigen.

Wenn wir so auf das große Ganze schauen, dann geht es nicht mehr bloß darum, dass sich einer einmal darüber gefreut hat, dass er geheilt ist. Und wir am liebsten auch so einen Arzt hätten.

Es kann uns heute auch nicht darum gehen, dass man über seine Heilung Stillschweigen wahrt:

Sondern es geht darum, dass Jesus sich durch Kreuz und Auferweckung allen Menschen zuwendet:

Mehr noch als dem Aussätzigen wendet er sich dir zu! Und dir! Und dir! Und dir!

Nämlich insofern als dass er dir und der ganzen Menschheit zuruft: katharisthäti!

„Sei rein!“

Amen.

Und der Friede Gottes,…

2. Sonntag nach Epiphanias 2011: Die Rücklichter Gottes

Predigt Ex 33,17b-23

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

der die Welt erleuchtet,

sei mit euch allen.

P3 am 2. Sonntag nach Epiphanias (16.1.2011)

2. Mose 33,17b-23:


17 Der HERR sprach zu Mose: Auch das, was du jetzt gesagt hast, will ich tun; denn  du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und b ich kenne dich mit Namen.

18 Und Mose sprach: Laß mich deine Herrlichkeit sehen!

19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.

20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.

21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin.

23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

  1. Nur die Rücklichter sehen: Aufbegehren

Liebe Gemeinde,

ein Kommilitone aus Studententagen von mir, der einige Semester mehr studiert hatte als ich, der erzählte mir zu Beginn meines Studiums ausholend und gespickt mit vielen Fremdwörtern vom Wesen Gottes und anderen schlauen Dingen.

Als er merkte, dass ich ihm nicht mehr folgen konnte und nichts mehr verstand, und seine immer weiterführenden Erklärungen auch nichts nutzten, da fing er an zu lachen und sagte: „Jetzt siehst du von mir wohl nur noch die Rücklichter! Keine Sorge, da kommst Du auch noch hin. Ich bin eben schon viel weiter als du.“

Dass diese Anekdote für eine längere Freundschaft nicht unbedingt die beste Voraussetzung war, das könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Wer will schon hören, dass man nicht in der Lage sei, Dinge zu begreifen. Wer will schon hören, dass man – egal was man tut – immer nur die Rücklichter des Gegenübers wahrnehmen kann.

Dann soll doch das Gegenüber bitteschön so freundlich sein und die Dinge leichter, einfacher erklären.

Damals hatte ich mich darüber wirklich geärgert, heute weiß ich, dass es Situationen gibt, wo es sich genau so verhält.

In manchen Bereichen des Lebens und des Wissens kommt man einfach nicht weiter, da einem zu viele Grundlagen fehlen. Bei mir ist das heute so gut wie alles, was mit Chemie zu tun hat. Da könnte sich der wohlmeinendste Lehrer mit mir auseinander setzen, über einige Allgemeinplätze käme er mit mir wohl nicht hinaus.

Ein hoffnungsloser Fall!

  1. Der Mensch: Ein hoffnungsloser Fall

Der Predigttext am heutigen Morgen führt uns einen ebenso hoffnungslosen Fall vor Augen.

Moses, der Prophet, der Richter, der Heerführer, der Wundertäter, der Gesetzgeber, der Mann Gottes.

Dieser laut biblischem Bericht wirklich auf vielen Gebieten beschlagene Mann Moses wünscht, die „Herrlichkeit Gottes“ zu sehen.

Ich gebe zu: Ich kann nur einfallen in den Wunsch von Moses. Die Herrlichkeit Gottes zu erblicken, direkt von Gott zu Mensch kommunizieren, das würde ich auf jeden Fall auch gerne mal. Ein großer Anspruch, den da der Moses äußert: „Gott, lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Ich unterstelle mal einigen unter uns, dass sich viele da genauso einreihen können wie ich es tue.

Endlich einmal Gott sehen können. Das, was man so viele Jahre geglaubt hat, endlich zu erblicken, mit beiden Augen – und damit endlich auch alle Zweifel beseitigt zu haben.

„Ich habe Gott gesehen“, könnte man dann sagen. „Jetzt glaube und vertraue ich ihm nicht allein, sondern jetzt weiß ich endlich, dass er da ist.“

Und trotz all unsere Zustimmung für Moses führt uns diese Geschichte letztendlich vor Augen, was für ein hoffnungsloser Fall Moses doch ist – und mit ihm wir Menschen.

  1. Moses im Kontext

Es ist schon verblüffend. Da befinden sich die Israeliten am Berg Sinai, und Moses begibt sich immer wieder auf den Berg, um mit Gott zu sprechen. An einem dieser Tage kommt er hinab mit den 10 Geboten, und siehe da: Die Israeliten haben sich einen Gott aus Gold gemacht, den sie sehen können. Moses schmeißt vor Wut die Gesetzestafeln hin dass sie zerbrechen und lässt das Götzenbild zerstören. Da führt Gott das Volk all die Wochen und Tage durch die Wüste in Form einer Wolke, in Form einer Feuersäule, es kommt zu gewaltigen Erscheinungsformen Gottes am Berg, man kann seine Stimme hören – und die Israeliten machen sich einen Gott den man sehen und anfassen kann.

Moses verurteilt das. Gott will sich nicht ganz und gar zeigen, schon gar nicht als leblose Statue.

Doch genau dieser Wunsch treibt auch Moses an, als er Gott bittet, ihm doch „seine Herrlichkeit“ zu zeigen.

Moses wünscht sich ebenfalls einen handhabbaren Gott. Einen, der nicht ganz so unberechenbar ist, einen, wo man draufschauen kann und dann sagt: Da ist er. Das ist Gott. So wie ihr auf den Stuhl, auf dem ihr sitzt zeigen könnt und sagt: Der steht hier und ich sitze drauf!

Genau der – freilich indirekte – Wunsch nach dem Götzenbild treibt Moses an, Gott zu fragen.

Zeig dich mir einmal. Einmal. Dann aber richtig. Und dann hab ich Ruhe.

  1. Der gnädige Gott weicht dem Anspruch des Menschen aus

Anders als mein Studienkollege mit gegenüber weicht Gott dem Moses in unserem Predigttext aus.

Man könnte fast sagen: Gott ist zu höflich, Moses direkt zu sagen: „Bei mir kannst du ohnehin nur die Rücklichter sehen. Wer von euch Menschen mehr sieht, der kann mehr nicht mehr leben.“

Gott ist höflich.

Das ist nun etwas, was ich beim alttestamentlichen Gott Jahwe überhaupt nicht erwartet hätte,

verhält der sich doch gerade im AT wie ein rechter Pascha-Gott, wie ihn sich nur durch und durch patriarchale Gesellschaften sich haben ausmalen können.

Er sagt zu Moses: Ich werde vor dir all meine Güte vorübergehen lassen – man kann es auch übersetzen: Ich werde an dir „meine unermessliche Schönheit“ vorbeigehen lassen.

Also: Gott macht ein Zugeständnis und ist bereit, ihm eine seiner Eigenschaften zu zeigen: Seine Güte, vielleicht auch seine unermessliche Schönheit, je nachdem man es auslegt: Ich kann mir Schönheit vor Augen eher vorstellen als Güte.

Und zusätzlich nennt er ihm wieder seinen wahren Namen: Gott heißt mit wahrem Namen im Alten Testament Jahwe, das wir gewöhnlich mit der „Herr“ übersetzen.

Und er schiebt gleich noch eine Deutung dieses Namens hinterher: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Und erst nach diesem freundlichen Zugeständnis wird er deutlicher – man merkt: Gott weiß genau: Das reicht dem Moses alles nicht. Das reicht den Menschen nicht. Denen reichte ja selbst Feuersäule, Wolke und geteiltres Meer nicht aus.

Die wollen mehr. Die wollen Gott zum anfassen haben.

Damit sie ihn, wenn er unangenehm wird, schnell in den Schrank stellen können und zu machen. Oder ihn in die Hosentasche stecken können. Dann ist er ungefährlich.

Nachdem also Gott eine höfliche, ausweichende Antwort gegeben hat, wird er sehr deutlich: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Also ist eine Bedingung für das „Ins-Angesicht-Gottes-schauen“ das sofortige Ende des Lebens.

  1. Der schreckliche obscure Gott

Liebe Gemeinde,

Gott ist schrecklich, so schrecklich, dass wir seinen bloßen Anblick nicht ertragen würden.

Die Forderung des Moses, die Bitte des Menschen nach dem vollständigen Offenbar-Werden Gottes kommt dem Wunsch nach dem Tod gleich.

Das würden wir Menschen nicht aushalten.

Die dunkle Seite Gottes würde uns sofort unseres Verstandes und unseres Lebens berauben.

Und es scheint mir so zu sein, dass diese unheimliche, diese geradezu dämonische Seite Gottes auch in dieser Welt hin und wieder aufscheint.

Wenn Menschen sterben, besonders, wenn sie viel zu jung sterben – da fragt man sich doch, was das nun eigentlich für ein Gott ist, der das so zulässt.

Wenn wir vor dem Grauen von Katastrophen stehen, wie dieser Tage gerade in Brasilien und Australien – vielleicht auch mit menschlichem Verschulden, gut – aber dennoch mit der Frage: Warum lässt Gott das eigentlich zu.

Anders übrigens schätze ich unser selbstgemachtes Leid ein: Da schlägt die düstere Seite des Menschen zu!

Es gibt sie, die abgewandte, düstere Seite unseres Gottes.

Sein Angesicht mit allen seinen Furchen und Schrecknissen können wir nicht sehen, solange wir leben.

Wir würden vergehen.

  1. Der offenbare Gott in Jesus Christus (+imago die)

Nun zeigt sich Gott dem Mose gegenüber als ziemlich zurückhaltend und höflich.

Der versteht den Wunsch, den er ihm nicht erfüllen kann.

Er kann ihm nur die Rücklichter anbieten.

Oder anders: Er kann ihm nur eine Seite zeigen.

Als Christen können wir das gut verstehen:

Auch wir können nur eine einzige Seite unseres Gottes wirklich sehen – er offenbart sich uns ja dar als der Dreieine.

Von Gott dem Vaterwissen und begreifen wir nur wenig; eine echte Vorstellung haben wir nicht von ihm, können wir auch gar nicht haben. Das ist die Seite, die Gott dem Moses verbirgt: Wer den Vater sieht, muss sterben.

Von Gott dem Sohnkönnen wir dagegen einiges sehen: Gott hat sich in und als Jesus Christus uns offenbart.

Wir sehen das Kind in der Krippe, und dann und vor allem den Mann am Kreuz und den Herrlichen, wen er auferweckt ist.

Und sind mit ihm leibhaftig verbunden im Abendmahl.

Liebe Gemeinde, eine Erscheinungsweise Gottes ist unser heiliges Abendmahl, das wir gleich auch miteinander feiern.

Hier, so sagen es die Theologen, hier beim Abendmahl „ereignet sich Gott“.

Anders ausgedrückt: Die engste Verbindung, die Gott und Mensch eingehen können, vielleicht sogar enger noch als die zwischen Moses und Gott in der Felsspalte, ist im Abendmahl zu finden.

In der uns ganz und gar zugewandten Seite Gottes, die eben nicht bloß aus Rücklichtern besteht, die wir nicht einholen können.

Es wird auch in unsere Gemeinde gerade darüber nachgedacht, ob wir diese Gabe Gottes an uns  an ein Alter oder ein kirchliches Fest – die Konfirmation – binden dürfen oder ob nicht alle geladen sind, die getauft sind und das Sakrament des Altars empfangen möchten, da sie echte Begegnung mit Jesus begehren.

Und es ist da noch eine dritte Erscheinungsform Gottes in der Welt:

Die des Heiligen Geistes.

Die zeigt sich am deutlichsten in der Gemeinschaft der Christen, der Kirche.

Die Taufe ist das Zeichen dafür.

Gotteserfahrung, Gotteserscheinung ist sichtbar möglich durch den Heiligen Geist, wenn das Ebenbild Gottes, der Mensch (Gen 1,27), dem Nächsten dient und ihn liebt.

Der Mensch selber kann als Getaufter zu einer Erscheinungsweise Gottes werden.

Nicht indem wir uns untereinander nur die Rücklichter zeigen,

(denn so schrecklich sind wir ja gar nicht), 

sondern indem wir uns hineinbegeben in den Anspruch des Menschen an Gott:

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Und diesen Anspruch kraft des Glaubens und im Bewusstsein, dass wir Gottes Ebenbilder sind, ernst nehmen.

Indem wir untereinander Gottes Herrlichkeit sichtbar werden lassen.

Amen.

Und die Gnade Gotte, die höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied EG 398: In dir ist Freude

Predigt zu Judika 2011: Genesis 22: Versuchung Abrahams

Predigt zu Gen 22,1-13: Abrahams Versuchung – Die Opferung Isaaks auf Moria

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat.

22,1 Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: „Abraham!“

Und er antwortete: „Hier bin ich.“

2 Und er sprach: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.“

3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.


4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne

5 und sprach zu seinen Knechten: „Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“

6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.

7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: „Mein Vater!“ Abraham antwortete: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Und er sprach: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“

8 Abraham antwortete: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ Und gingen die beiden miteinander.

9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz

10 und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete.

11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: „Abraham! Abraham!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“

12 Er sprach: „Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.“

13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

1.     „…der hat aber gesagt…“

„…und wenn der Stefan dir sagt, dass Du aus dem Fenster springen sollst, was machst Du dann? Ach, das lässt Du dann also bleiben? Dann erzähl mir bitte auch nicht, dass Du der Nina nur deswegen an den Haaren gezogen hast, weil Dir der Stefan das gesagt hat.“

Liebe Gemeinde,

so schimpfte mich vor vielen Jahren einmal mein Grundschullehrer aus.

Nur weil irgendjemand irgendetwas sagt, muss man nicht folgen. Selbst dann nicht, wenn derjenige stärker ist als ich es bin – und ich dadurch ein wenig Angst vor ihm habe.

Es ist keine große Weisheit, dass wir für unser Handeln verantwortlich gemacht werden. Die Ausrede, der oder die sagte mir dies und das… und ich tat das dann – diese Ausrede entbindet uns nicht von der Verantwortung, die wir im Leben mit unseren Taten haben.

2.     „Gott hat aber gesagt…“

Wie verhält es sich aber, wenn Gott es ist, der dieses „etwas“ sagt.

Wie geht es aus, wenn Gott sich direkt ins Leben eines Menschen einmischt?

Wenn er selber – Gott – den Menschen anredet und auffordert, etwas zu tun, das nach unseren Maßstäben unglaublich abwegig ist und an Perversion kaum zu überbieten: Seinen eigenen Sohn zu opfern?

Begeben wir uns einmal in den Gesamtzusammenhang hinein: Abraham und Sara sind alt und kinderlos. Eine Art Ersatzsohn wird mit der Dienstmagd Hagar, der Ägypterin, gezeugt und geboren: Ismael, der später mit seiner Mutter in die Wüste gejagt wird.

Gott erhört die Gebete von Sara und Abraham; in hohem Alter bekommen beide endlich den ersehnten Nachkommen geschenkt: Isaak, der Stammhalter, der geliebte Sohn.

Und genau diesen ersehnten, geliebten Sohn soll Abraham nun diesem Gott opfern.

Dass dies nur eine Prüfung seines Glaubens sein sollte, konnte Abraham nicht wissen. Und wir erfahren nichts darüber, weswegen Gott dem Abraham solch eine Prüfung auferlegt. Gott verlangt von Abraham Abscheuliches. Und Abraham antwortet auf die Forderung Gottes nichts. Er argumentiert nicht, redet sich nicht raus. Abraham steht früh am Morgen auf, nimmt seinen Sohn, zwei Knechte, einen Esel, das Brennholz und zieht los.

Wenn Gott uns direkt anspricht, wenn Gott so konkret in unser Leben tritt, dann handeln wir entsprechend.

Wie ein Automat sind wir dann bereit, selbst den eigenen Sohn zu opfern.

3.     Kant aber hat gesagt

Oder?

Kann man da nicht anders?

Kann man nur so reagieren, wie es Abraham getan hat?

Gott ganz oben – wir ganz unten?

Der große Königsberger Philosoph Immanuel Kant hat sich die Passage über die Opferung Isaaks auch einmal vorgenommen. Er schrieb dazu:

„Denn wenn Gott zum Menschen wirklich spräche, so kann dieser doch niemals wissen, daß es Gott sei, der zu ihm spricht. Es ist schlechterdings unmöglich, daß der Mensch durch seine Sinne den Unendlichen fassen, ihn von Sinnenwesen unterscheiden und ihn woran kennen solle. – Daß es aber nicht Gott sein könne, dessen Stimme er zu hören glaubt, davon kann er sich wohl in einigen Fällen überzeugen; denn wenn das, was ihm durch sie geboten wird, dem moralischen Gesetz zuwider ist, so mag die Erscheinung ihm noch so majestätisch und die ganze Natur überschreitend dünken: er muß sie doch für Täuschung halten.“[1]

Die Antwort Kants ist bestechend einfach:

Erstens: Wir können nie wirklich wissen, wer da zu uns spricht, wenn derjenige behauptet, Gott zu sein. Es könnte ja auch alles nur Einbildung, oder sogar eine psychische Krankheit, sein.

Und zweitens: Wenn das, was man da hört gegen das Sittengesetz, das heißt gegen das, was als moralisch von uns gefordert ist, verstößt, dann könne das nie und nimmer die Stimme Gottes sein.

Abraham hätte dieser Stimme antworten sollen, statt dem Sohn noch das Holz aufzuladen, etwa so:

„Dass ich meinen Sohn nicht töten soll, davon bin ich überzeugt; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott sein könnte, davon bin ich ganz und gar nicht überzeugt, und das kann ich mit der Aufforderung auch nicht werden – selbst dann nicht, wenn deine Stimme klar und deutlich vom Himmel herab rufen würde.“[2]

4.     Ich aber sage euch: Gott ist anders!

Nun, so schön die Argumentation Kants auch ist, sie hat einen Haken: Es wird vorausgesetzt, dass Gott ein durch und durch moralisches Wesen ist, es wird ein immer bloß gerechter, moralischer Gott von Kant erwartet.

Der Kant macht sich´s einfach: Alles, was nicht ins Schema passt, alles, was etwa mit Gottes Zorn, Gottes Eigensinn, Gottes Unnahbarkeit, Gottes Verschlossenheit, Gottes Rache zu tun hat, eben mit all dem, was für uns vor allem im Alten Testament von Gott gesagt wird, all diese Eigenschaften, oder sagen wir lieber: diese dunkle Seite Gottes: Die blendet Kant einfach aus.

Liebe Gemeinde, das kann man tun. Wir Menschen interpretieren Gott eben mal auf diese, mal auf die andere Weise.

Bloß: Was bleibt uns dann noch von dieser Geschichte der Versuchung Abrahams? Ja, was bliebe noch am ganzen Christentum, wenn wir Gott nur noch dann in der Bibel zu Wort kommen ließen, wo er in unsere Vernunft hereinpasst?

Es bliebe der Kuschelgott, der immer nur liebende Gott, der so weich ist, dass er jetzt schon keine Substanz mehr aufweist. Ein Gott, der so bequem und heimelig ist, dass man ihn einfach beiseite stellen oder sich in die Hosentasche stecken kann.

Es wäre der „liebe Gott“, von dem Pfarrerinnen und Pfarrer landauf landab in den letzten Jahren viel zu viel gepredigt haben.

Ein Gott billiger Gnade.

Und wenn es auch richtig ist, dass unser Gott sich uns gegenüber gnädig und barmherzig zeigt, dass er uns unbedingt anerkennt, er uns liebt – so richtig das auch ist, so darf doch darüber nicht vergessen werden, dass, nach allem, was wir hier auf Erden sehen und erleben können, Gott auch manchmal schreckliches ist.

Erzählungen wie die von der beinahe vollzogenen Opferung Isaaks halten uns diese dunklen, anderen Seiten Gottes wach.

Ich gehe davon aus, dass manch einer oder eine von Euch neben all dem Guten, das er von Gott erfahren durfte, sehr wohl auch seine düsteren Seiten erlebt hat – selber oder zumindest im Beobachten der Menschen und der Welt:

Ein Kind, das ich zu Grabe tragen muss, zeigt uns etwas von der dunklen Seite Gottes.

Die Naturkräfte, die er zwar nicht entfesselt, aber sehr wohl zulässt, und die dann Zerstörung anrichten, etwa in Erdbeben und Tsunami, lassen uns erahnen, dass wir es bei Gott nicht einfach nur mit einem zu tun haben, der mit uns schmusen will.

Bei Gott haben wir es immer auch mit etwas ganz Anderem zu tun als wir es erwarten.

Daher halte ich die Argumentation meines Lieblingsphilosophen Kant zwar für durchaus schlüssig, aber letztendlich für falsch.

Gott ist nicht nur Vernunft und Moral, bei Gott haben wir stets auch eine unbekannte Größe vor Augen.

Und die erschreckt uns. Und die zeigt uns die Differenz zwischen Mensch und Gott:

Dieses Aufscheinen der ganzen Andersartigkeit Gottes erzeugt das, was man als Gottesfurcht bezeichnet. Nicht ein Gott, der uns ängstet, aber doch einer, dem wir Menschen mit höchstem Respekt begegnen sollen.

5.     Bonhoeffer sagt: Gott ruft unbedingt!

Doch kommen wir noch einmal zu unserem Predigttext zurück.

Es ist schnell gesagt, dass Abraham ja hätte anders reagieren können, ja sogar anders hätte reagieren sollen.

Sich weigern, protestieren; oder verhandeln, so wie wir Abraham aus der Geschichte kennen, in der er um die Rettung von Sodom und Gomorrha feilscht.

Allein: Der tut das nicht.

Geradezu blindlings folgt auf den Ruf Gottes die Tat Abrahams.

Wie es zu diesem Gehorsam kommen kann, das haben einige von Euch zusammen mit mir bereits am vergangenen Donnerstag beim Bonhoeffergesprächsabend erfahren.

Bonhoeffer schreibt in seinem Büchlein „Nachfolge“ über eine andere Stelle in der Bibel, wo Gott mit seiner gesamten Autorität zu einem Menschen spricht.

Wenn Jesus etwa im Markusevangelium den Zöllner Levi zum Jünger beruft, dann fällt die Reaktion ähnlich kurz und knapp aus wie bei Abrahams Ruf zum Opfer an seinem Sohn.

Jesus spricht im Evangelium: „‘Folge mir nach!‘ Und er stand auf und folgte ihm nach.“

Auch Levi antwortet nicht, sondern folgt dem Ruf Gottes – hier durch Jesus – bedingungslos.

Bonhoeffer dazu: „Der Ruf ergeht, und ohne weitere Vermittlung folgt die gehorsame Tat des Gerufenen. […] Es ist der natürlichen Vernunft überaus anstößig.“[3]

Es müsste doch wenigstens erklärt werden, wie jemand eine so abrupte Wende in seinem Leben vollziehen kann, vom Zöllner zum Jünger; Psychologen, Historiker, Biographieforscher müssten auf den Plan treten. Aber all das interessiert bei der Jüngerberufung nicht.

Bonhoeffer weiter: „Warum (interessiert das) nicht? Weil es nur eine einzige Begründung für dieses Gegenüber von Ruf und Tat gibt: Jesus Christus selbst. Er ist es, der ruft; und darum folgt der Zöllner. […] Jesus ruft in die Nachfolge, nicht als Lehrer und Vorbild, sondern als der Christus, der Sohn Gottes.“

Wenn Gott nun den Menschen ruft, und sei es zur Ermordung des geliebten Sohnes, dann kann der Mensch, dann kann auch Abraham gar nicht anders, als die Messer zu wetzen und umgehend zur Tat zu schreiten.

Wenn die ganze Autorität Gottes in der Waagschale liegt, was sollten wir Menschen dann dagegen setzen können?

6.     Was sagen wir Menschen eigentlich?

Tatsächlich können wir in dieser Situation nichts dagegen setzen.

Wir sind in einer solchen Situation der direkten Gottesbegegnung alles andere als selbstbestimmt.

Gott der Herr ist nicht Stefan aus meiner Grundschulklasse;

mir scheinen im Übrigen solche absoluten Rufe Gottes auch nur sehr spärlich vorzukommen.

– Viel spärlicher jedenfalls als die Rufe der unterschiedlichen Stefans in unserem Leben, sei es am Arbeitsplatz, in der Konfirmandenstunde oder im Freundeskreis.

Da sind die Jünger Jesu, an die solch ein Ruf erging. Da sind die Propheten – bei manchen erging der Ruf zunächst nicht einmal so absolut, die konnten sich noch wehren. Einzelne Gestalten allesamt und einmalig wie Abraham.

Aber an uns?

Ergeht der Ruf Gottes auch an uns, an jeden von uns, an die Kirche, an die hier versammelte Gemeinde?

So unmittelbar, so konkret, so fürchterlich wie bei Abraham erlebe zumindest ich den Ruf Gottes nicht.

Höre ich vielleicht nicht genug hin?

Ist es in unserer Welt zu laut?

Aber kann denn irgendetwas – verstopfte Ohren, oder der Lärm unserer Welt den Ruf Gottes übertönen?

Vielleicht ist es für uns auch besser so, dass Gott die meisten von uns nicht so unmittelbar anredet, wie er es bei Abraham tat.

Wie Gottes Marionetten würden wir die Nachfolge betreiben.

Doch Gott scheint uns lieber als „Freie“ haben zu wollen.

Der braucht uns nicht als seine Marionetten.

Der braucht uns nicht alle als seine Handlanger ohne eigenen Willen.

Freiwill er uns sehen.

Dass diese uns gegebene Freiheit ebenfalls wieder einer düsteren Tat unseres Gottes geschuldet ist, ja die düstere Tat sogar Bedingung der Freiheit ist – 

nämlich das in letzter Konsequenz für uns Menschen nicht fassbare Ereignis der Kreuzigung Jesu Christi, das nun doch vollzogene Menschenopfer, vor dem Issak verschont blieb – 

das lässt uns etwas ratlos zurück.

Auch bei diesem Mord scheint so sehr die düstere Seite Gottes auf, dass es zum Fürchten wäre, wüssten wir nicht, dass dies für uns geschieht.

Für unsleidet er, für uns war er bedingungslos treu.

Für unswurde das blutige Opfer dann doch vollzogen.

Und wenn das verstanden ist, dann verwundert es vielleicht etwas weniger, dass der Ruf Jesu heute an uns so viel leiser ergeht;

weil wir von ihm längst mitgenommen werden, durch´s Kreuz hinein in die Auferweckung.

Trotz den dunklen Seiten Gottes, trotz den Krisen, die unsere Welt erschüttern, trotz des großen Unglaubens seiner Kinder, unserer Sünde.

Letzten Endes hat dann auch Abraham seinen Sohn nicht schlachten müssen. Gott hat ihn verschont. Die helle, freundliche, lichte Seite Gottes wird in der Geschichte für einen Augenblick sichtbar, als der Widder an die Stelle Isaaks tritt.

Und dieser helle Augenblick mag für diejenigen unter euch, die im eigenen Leben der finsteren Seite Gottes begegnet sind oder noch begegnen, am Ende wohltuend als Erlösung erlebt werden.

Am Ende ist und bleibt Gott bei aller Strenge und aller Andersartigkeit für seine Menschen der Barmherzige, der Gnädige; einer, der sich uns freundlich zuwendet.

Kein Gott zum Kuscheln. Das nicht.

Aber ein Gott, der sich für uns geopfert hat – endgültig.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Lied EG 93: Nun gehören unsre Herzen


[1] Kant, Streit der Fakultäten, zitiert nach GPM 65/2=Pastoraltheologie 2011/2, Seite 186.

[2] Nach Kant a.a.O.

[3] Bonhoeffer-Auswahl Bd. 3.Entscheidungen (Hgg.: Gremmels/Huber), 2006, S. 121.

Christvesper 2011 – Weihnachten wird doch unterm Baum entschieden!

Predigtzu Jes 9,1-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

  1. Werbung

Liebe Gemeinde,

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ So kennen wir es seit Wochen aus der Werbung. Und ordentlich aufgeregt hat sich darüber so mancher Pfarrer und Dekan. Mich eingeschlossen. Aber man kann sich ja auch einmal irren: Weihnachten, liebe Gemeinde, das wird sehr wohl auch unterm Baum entschieden.


Es ist, um das zu verstehen, ein wenig Abstand vom sogenannten vorweihnachtlichen Rummel nötig. Und es ist Abstand nötig von der Vorstellung, dass das, was da an Gegenständen unter dem Baum liegt, Weihnachten ausmacht.

Dann bekommt dieser Satz nämlich auf einmal eine anderen, tiefere Dimension. Vielleicht ist der Satz des großen Medienkonzerns sogar und eigentlich nur heute Abend wirklich verständlich. Weit über das hinausweisend, was sich Werbestrategen dabei gedacht haben!

Dass Ihr heute Abend von Baum zu Baum gegangen seid, ist schon einmal ein Hinweis. Die behaglichen Räume des weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers habt ihr verlassen, um euch im festlich geschmückten Bonhoefferhaus die ewige Wahrheit von Weihnachten erneut sagen zu lassen.

2. Gefühle

Ihr seid aufgebrochen mit unterschiedlichsten Gefühlen im Herzen.

Für die Kleinsten ist die Anspannung und Aufregung besonders groß, alles wartet doch nur darauf, endlich nach Hause zu können und Geschenke auszupacken.

Für die Älteren spielen andere Anspannungen noch eine Rolle: ist alles gut vorbereitet? Ist das Essen für die Familie und Verwandten gut genug? Haben wir die Vegetarier und Schnückschen gut genug bedacht? Wird es heute Abend wieder Streit geben? Und die weniger geliebte Verwandtschaft, die trotzdem da ist, weil man sie sich ja nun mal nicht aussuchen kann, wie bringen wir mit denen die Feiertage rum?

Für die ganz Alten ist es vielleicht weniger Anspannung als vielmehr ein Fragen: Was ist dazwischen gewesen, zwischen dem Weihnachten meiner Kindheit und dem Weihnachten heute Nacht? Wo sind all die Weihnachten hin? Welche Erinnerungen werden mich heute Abend heimsuchen? Frohe, traurige? Wie viele werde ich noch erleben?

3. Ethik

Anspannung und verschiedene Gefühlslagen auf unterschiedlichste Art und Weise bei den unterschiedlichen Menschen der Bonhoeffergemeinde.

Und doch ist für alle eines klar:

Heute Abend, da wird Weihnachten unterm Baum entschieden.

Und zwar im zwischenmenschlichen Geschehen unterm und am Weihnachtsbaum. Darin, wie wir gleich miteinander umgehen. Ob wir das Fest der Liebe zu einem Fest der zwanghaften Freundlichkeit verkommen lassen? Ob wir aufgeben, und gleich den Fernseher anmachen? Oder ob wir uns mächtig anstrengen – um dann festzustellen, dass Perfektion unterm Weihnachtsbaum von uns niemals erreicht werden kann?!

Das ist übrigens eine alte Weisheit, dass unser eigenes Tun zum Weihnachtsfest eigentlich erst einmal ganz zweitrangig ist. Was haben denn Maria und Joseph an der Krippe groß getan, am ersten Weihnachtsfest der Welt? Mit bescheidensten Mitteln haben sie es eingerichtet, dass Maria die Geburt übersteht. Aber: Auf einmal haben da Engelschöre gesungen, fremde Menschen kamen zum Beglückwünschen, zum Beschenken. Abgesehen von den Strapazen einer Geburt war da nichts mit Stimmung und Lichterglanz. Nichts, was das Paar selbst getan hätte.

Es ist vielmehr das „annehmen-können“, das „sich-beschenken-lassen“, das „man-selbst-sein-dürfen“ und damit verbunden auch das „andere-so-sein-lassen-wie-sie-sind“, was uns aus dieser Geschichte leuchtet.

Würden heute Abend solche Gestalten wie die Hirten vom Feld hier reinspazieren, wir würden wohl verächtlich die Nase rümpfen und sie nicht für voll nehmen. Das Anliegen, dass sie das göttliche Kind sehen wollen, sich anstecken lassen wollen vom Evangelium, weil ihnen das der Engel auf dem Feld gesagt hat, würden wir wohl kaum abnehmen.

Vielleicht ist das auch der Grund, dass wir die Stimmen der Engel nicht vernehmen. Wir nehmen uns selbst und unsere Anstrengung, nicht nur an Weihnachten, einfach zu ernst. Und vergessen allzu oft, dass das den anderen ganz genauso geht. Messen oftmals anderen nicht die Wichtigkeit bei, die wir für uns selbst beanspruchen.

4. Dogmatik

Dabei haben wir mit der Weihnachtsgeschichte ein Muster dessen, wie sich Weihnachten unterm Baum entscheiden kann!

Viele Jahre vor dem allerersten Weihnachten in Bethlehem gab es immer wieder Prophezeiungen, die Hinweise gaben, dass Gott es selbst ist, der unsere Welt verändern wird. Im Alten Testament stehen diese Visionen, von denen wir eine vorhin schon gehört haben.

a) Lichtmetaphorik

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ 

Liebe Gemeinde, wenn man an die Anspannung im Herzen denkt und daran, was heute Abend alles daheim auch schief laufen könnte, dann könnte man meinen, dass wir dieses Volk sind, das im Dunkeln tappt. Als würde die Prophezeiung noch nicht erfüllt sein. Als bräuchten wir ganz dringend noch viel mehr Festbeleuchtung, die uns unsere Sorgen und Nöte wegleuchtet. Aber diese Prophezeiung ist schon erfüllt. Lange schon.

Denn dieses Licht ist längst da. Der helle Schein, den der Prophet nur schemenhaft erblickt hat, ist doch längst Wirklichkeit geworden. Es ist derjenige, den wir heute in der Krippe liegend feiern und der später sein Leben für uns am Kreuz lassen wird.

b) Zwei-Reiche-Lehre

Bei Jesaja werden ihm vier Namen gegeben, wie er seine Herrschaft ausüben wird, dass unsere Welt eine wird, die gewaltfrei, gerecht und friedlich ist.

Er nennt ihn: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Fried-Fürst“.

Ganz klar, die ersten der drei Titel sind Titel, die für Gott reserviert sind. Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater. Sie beziehen sich auf Gottes Herrschaft. Allein der letzte Titel, Friedefürst, kann vielleicht auch auf gewöhnlich irdische Verhältnisse, auch auf unsere Politikerinnen und Politiker, bezogen werden.

Aber eines ist ganz klar: Der Prophet stellt sich die gerechte und gute Herrschaft Gottes als eine vor, die zunächst einmal außerhalb unseres Handlungsbereiches liegt. Der neue Herrscher bringt Attribute, Eigenschaften, mit, die einfach kein Mensch hat. Wir nicht, kein König. Nicht einmal unser Bundespräsident!

Es sind zwei Reiche, die übereinandergelegt werden: Das himmlische, göttliche Reich, und unsere Erde. Übereinandergelegt bedeutet, dass diese himmlischen Eigenschaften zwar göttlich bleiben, aber doch merklichen Einfluss auf das Geschehen hier auf Erden haben. Wie das gehen soll, das konnte sich der Prophet nur in den Vorstellungen der damaligen Königsideologie vorstellen. Gewaltig. Mächtig. Mit viel Prunk.

Dass das dann etwas anders wurde, mit Armut und Krippe und Kreuz, das konnte er nicht wissen. Spätere Propheten hatten immerhin eine Ahnung. Und es fällt ja auch uns Nachgeborenen schwer, das alles zu verstehen und zu glauben, obwohl es nicht noch aussteht, sondern bereits geschehen ist!

Aber das mit den zwei Reichen: Das hat sich erfüllt und wurde verbunden in dem Kind in der Krippe. In dem König am Kreuz. In dem Herrscher über den Tod.

Der ist es nämlich, der auf eine sehr ruhige und geheimnisvolle Art und Weise ein Friedensreich aufgebaut hat. Nicht eines, das auf Urkunde und Besitz, EZB und Bruttoinlandsprodukt aufbaut. Nicht auf Soldatenstiefel und Waffen, Nato und Unomandate setzt dieses Kind. Alle Institutionen, die uns so wichtig sind, sind diesem Kind nicht gut genug. Es muss schon ein bisschen mehr sein!

Seine Macht zieht dieses Kind aus dem Glauben. Der Glaube der Menschen an Gott. Der das ganze Sein bestimmt und der in den Herzen der Menschen aufleuchtet. Und der dann auch in jeder dieser Institutionen vorhanden ist, wenn Menschen da sind, die an sein Wort glauben.

Eine Macht ist das, die die Menschen weihnachtlich gestimmt werden lässt. Nicht nur heute Abend. Sondern jeden Tag. So, dass sie sich freundlich begegnen. In Offenheit und zugleich mit gestärktem Rücken.

c) Liebe

Um ein überstrapazierte Wort zu bemühen: Es ist die Macht, die bewirkt, dass Menschen sich in Liebe begegnen. Das ist das Geheimnis der Macht von Jesus Christus. Und das ist der eigentliche Grund, weswegen wir alle heute Abend hier beisammen sind. Um uns wieder die Bestätigung zu holen: Die Herrschaft der Liebe wird kein Ende haben im Glauben an dieses Kind in der Krippe. Und im Glauben an die Herrschaft an dieses Kind sind Wunder möglich. Wunder heute Abend unterm Weihnachtsbaum. Das Wunder der Versöhnung mit einem Verwandten oder Freund. Das Wunder eines gelingenden Miteinanders. Das Wunder der Weihnacht, wie sie eigentlich nur Kinder erleben können:

Mit Aufregung und Anspannung im Herzen – positiv hin zum Geheimnis der Welt:

Nämlich das Fest zu feiern, bei dem die wichtigste Botschaft deines Lebens ihren Anfang nahm.

Das Fest der Geburt unseres Erlösers Jesus Christus.

Der ist es, der mit dir heute Abend Weihnachten unterm Baum entscheidet.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

6. Sonntag nach Trinitatis 2010 – „Der Tod kann über ihn hinfort nicht herrschen.“ Von Namen und Nummern

Von Pfarrer Marvin Lange

PREDIGT ZU RÖM 6,3-11
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.


1. KZ-Stimmung: Der „äußere Mensch“
Liebe Gemeinde,
Das KZ Buchenwald an einem Juli-Tag im Jahr 1939.
Ein neuer Häftling kommt an. Mit über 400 anderen Männern und einigen Frauen muss er mehrere Stunden lang im hellen Sonnenschein auf dem Apellplatz warten. Er blickt auf das Lagertor, darüber steht in metallenen Lettern: „Jedem das Seine.“
Ein Karren wird vor den Wartenden vorbeigefahren.
Auf ihm türmen sich Leichen in Häftlingskleidung.
Ihre Körper sind ausgemergelt, die Gesichter schmal und schmutzig.



Der neue Häftling soll sich nun einreihen, um sich die gesamte Körperbehaarung entfernen zu lassen. Auch ein Bad in beißendem Desinfektionsmittel gehört dazu.

Dann beraubt man ihn seines Namens. Niemand braucht, ja niemand soll ihn mehr nennen.
Im KZ haben die Häftlinge eine Nummer, mit der sie angeredet werden.
Namen sind nur für Menschen, Nummern dagegen für Häftlinge.

Damit man weiß, welche Art Häftling er ist, bekommt er zwei Abzeichen. Einen gelben Winkel, weil er ein Jude ist. Und einen schwarzen Winkel, weil er als Schauspieler als „nicht arbeitswillig“, sprich asozial gilt. Übereinandergelegt ergeben die beiden Winkel einen schwarz-gelben Stern.
Der neue Häftling zieht seine gestreifte Sträflingskleidung an.

Von nun an gilt er als seiner Würde beraubt.
Ohne Namen.
In den Schubladen der Mächtigen als „asozialer Jude“ registriert.
In der Sträflingskleidung mit geschorenen Haaren für die Aufseher nur noch an Nummer und Kennzeichnung erkennbar.
Dass der neue Häftling 16 Stunden am Tag im Steinbruch zu arbeiten hat, interessiert ohnehin keinen mehr.

2. Taufsonntag: Der innere Mensch
Liebe Gemeinde,
Sonntagmorgen hier im Bonhoefferhaus.
Die Tauffamilie zieht mit dem Pfarrer ein.
Die Gemeinde erhebt sich und bittet um den Heiligen Geist.
Der Täufling schläft, der Gottesdienst nimmt seinen Lauf.
Das Taufevangelium wird verlesen.
Irgendwann werden Taufeltern und Paten vom Pfarrer befragt, ob sie bereit sind, das Kind im christlichen Glauben zu erziehen.

Die Antwort ist immer „Ja“; mal laut, mal vorsichtig gesprochen.
Keine weiteren Fragen, keine Prüfung der Herzen.
Als Bekräftigung spricht die ganze Gemeinde das Glaubensbekenntnis (– manchmal sogar nur die Gemeinde, wenn die Tauffamilie diese Worte nie gelernt oder bereits vergessen hat).

Dann kommt die Tauffamilie nach vorn.
Die Eltern werden nach dem Namen des Kindes gefragt, den sie laut und deutlich aussprechen sollen. Jeder in der Gemeinde soll hören: Dieser – dieser und kein anderer Mensch wird jetzt getauft.
Und der Pfarrer gießt dem Kind 3x Wasser über den Kopf und spricht dabei die Worte: „Ich taufe dich in den Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Das Kind erhält noch einen Taufspruch mit auf den Lebensweg, das Köpfchen wird abgetrocknet.
Vielleicht schreit es.
Als Zeichen der Erinnerung wird eine Kerze angezündet.
Die Tauffamilie wird vor dem Altar gesegnet.
Dann setzen sich alle wieder hin.
Ein neuer Christ ist da.

Und wir können nichts sehen.
Das Baby hat sich nicht verändert.
Es geht kein besondere Glanz von ihm aus.
Die Wassertropfen am Taufkleid trocknen schon.
Nicht einmal einen neuen Namen hat es bekommen.

Und doch ist hier mehr geschehen, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausmalen können.
Es ist insbesondere weit mehr passiert als bei der sehr sichtbaren, lauten und entsetzlichen Aufnahmeprozedur im KZ.

3. Taufe in Tod und Auferweckung
Wie sagt Paulus im heutigen Predigttext Röm 6?
3 (Oder) wißt ihr nicht, daß alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, daß unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so daß wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden,
9 und wissen, daß Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.
10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott.
11 So auch ihr, haltet dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.


Ein Satz hat es mir besonders angetan, ich möchte ihn immer und immer wieder lesen: „Der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.“
Romans 6:9 qa,natoj auvtou/ ouvke,ti kurieu,eiÅ
qa,natoj – das Wort bedeutet Tod (Sie kennen es durch das verballhornte Wort der Nazis „Euthanasie“)
qa,natoj auvtou/ ouvke,ti kurieu,eiÅ
Kyrios, der Herr, bekannt aus „Kyrie eleison“, Herr erbarme dich.
kurieu,ein = Herr sein, herrschen, befehlen, Übermensch sein über lauter Nummern, die vom Tod verschlungen werden sollen.

Wer getauft ist, über den kann der Tod hinfort nicht mehr herrschen.
Was für eine unglaubliche Macht, die wir in uns tragen, die wir getauft sind!
Weil die Taufe uns von der Sünde befreit – ja weil in der Taufe in uns die Sünde gestorben ist.
Und von der Sünde befreit sein heißt:
Den Tod, der der Sünde Sold ist, nicht schmecken zu müssen.

Stattdessen hat sich dem Getauften ganz tief Christus eingegraben.
In der Taufe ist der Mensch Christus gleichgeworden.

Spätestens hier sehen wir: Es bedarf keiner Priester, keiner sogenannten höher gestellten Menschen oder Mächte, die uns Christus vermitteln müssten.
Es bedarf allein der Taufe – und mit der Taufe ist jeder Mensch Christus aufs Engste verbunden.
Christus bietet sich dir selber als Mittler an, weil er in Dir seit der Taufe wohnt.

Äußerlich sieht man´s nicht.
Und innerlich ist es nicht immer erfühlbar, begreifbar, verstehbar.
Aber vor Gott ist es so und nicht anders, ganz egal, was wir darüber nun denken.

In der Taufe seid ihr:
– mitbegraben,
– mitverbunden,
– mitgekreuzigt,
– mitgestorben,
– und lebt mit Christus.

4. Tod und Auferstehung im KZ Buchenwald
Ich komme noch einmal zurück auf die entsetzlichen Umstände von Buchenwald.
Sie sind mir deshalb gerade jetzt so nahe und stehen mir so eindrucksvoll vor Augen, weil die Jugendgruppen Bonhoeffergemeinde und St. Johann/Petersberg am letzten Dienstag einen Tagesausflug mit mir dorthin gemacht haben.

Wer dorthin kam, dem sollte die Würde genommen werden. Die Gottebenbildlichkeit sollte ihm ausgetrieben werden.
Der Mensch galt weniger denn das Vieh.

Hoffnung auf Überleben gab es wenig.
Durch sadistischen Umgang wurde den Häftlingen gezeigt, welchen Status sie haben: Ohne Namen usw.

Lauter äußere Zeichen, die das Innere der Menschen brechen sollten.

Lauter äußere Schikanen und Grausamkeiten, die auch aus jungen Männern bei der SS entsetzliche Monster werden ließen.
Oder anders: Die Sünde des Menschen konnte sich in Buchenwald bei der SS auf erschreckende Weise entfalten.
In jedem von uns steckt ein Kain, der seinen Bruder Abel zu erschlagen imstande ist.
Damit geht die Menschheitsgeschichte nach der Vertreibung aus dem Paradies los: Mit einem Mord.

Junge Männer wurden zu Mördern, Sadisten und Henkern, die sicher ohne solche Absichten bei der SS ihren Dienst angetreten hatten.

Da soll mir noch einmal einer kommen und über das Wort „Sünde“ lachen!
Der lacht den Opfern der Sünder ins Gesicht!

Der äußeren Zeichen waren viele: Diese sollten alle zeigen: Man hat es nur noch mit Menschen 2. Klasse zu tun, das sind doch nur sogenannte Untermenschen.
Laut und deutlich wurden die Häftlinge gequält.

Wo war eigentlich Gott in Buchenwald?
Wo ist Gott in Guantanamo?
War er auch da?
Wo war Gott im KZ? möchte man fragen.

Ich will nicht zynisch erscheinen mit dem was ich jetzt sage – ich meine es ganz ernst:
Gott war da.
Er war da in jedem einzelnen Opfer.

„Mitbegraben, mitverbunden, mitgekreuzigt, mitgestorben, mit Christus leben“:

Das gilt ja nicht bloß für uns in Bezug auf Christus!
Sondern nur in beide Richtungen gedacht wird ein Schuh daraus:
Von Christus her in Bezug auf uns.
Jesus lässt sich mit uns mitbegraben etc.

Gott war auch in Buchenwald, wie er gleichzeitig auch in den anderen Arbeits- und Vernichtungslagern bis auf den heutigen Tag sich hat immer wieder für und mit uns kreuzigen lassen.

Und all die Tränen?
Das sind auch die Tränen Gottes, die er über jeden der Sünder verliert, die mit ihren Sünden dem Geschenk der Taufe ins Gesicht speien.

Es ist an uns, dass sich solche Dinge nicht wiederholen.
An uns Getauften, die wir in besonderer Verantwortung auf dieser Erde leben.
„Haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus!“

5. Des Beispiel Paul Schneider
Von einem Mann, der das Wort Gottes auch in der finstersten Stunde nicht vergaß, sondern immer wieder laut aussprach, will ich kurz berichten, dessen Biographie eindrücklich nachzulesen ist in dem Buch „Der Prediger von Buchenwald“.

Kleine Zeichen der Hoffnung gab es freilich auch dort, inmitten des Naziterrors.

Was es bedeutet, in Christi Tod getauft zu sein, das hatte dieser Mann besonders deutlich gemacht:
Paul Schneider, dessen 71. Todestag sich nächsten Sonntag jährt.
Ein Pfarrer aus dem Hunsrück, der von den Nazis eingekerkert und zu Tode gefoltert worden ist, weil er sich weigerte, die Hakenkreuzfahne zu grüßen.
(„Es gibt nur einen Gott.“)

Unser „neuer Häftling“ von vorhin, der die Hölle des KZ Buchenwald überlebte, berichtete:

„Mehrfach wurde Schneiders Stimme, wenn Tausende zum Appell angetreten waren, laut und deutlich aus dem Arrestgebäude gehört:

„Kameraden hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

PREDIGTLIED: EG 320,1-5: NUN LAßT UNS GOTT DEM HERREN
 

Predigt zum Karfreitag 2009: Es ist vollbracht!

Predigt zu Johannes 19,16-30am Karfreitag 2009

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Predigttext:

Sie nahmen ihn aber

17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.

18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.

19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.

20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.

22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.


24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.

29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.

30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.

Es ist vollbracht I

„Es ist vollbracht!“

Was ist vollbracht? Gekreuzigt bist du!

An einen Marterpfahl gebunden lässt du dein Leben hinter dir!

Traurige Menschen lässt du zurück.

Traurige Frauen, traurige Jünger – und vielleicht ein paar enttäuschte Bürger.

Sonst, wie bei jedem Todesfall: eine gewaltige Anzahl dir unbekannter völlig gleichgültiger Menschen. Leute, die dich nicht gekannt haben, die nie von dir gehört haben.

Und nun hängst du am Kreuz, lässt dein Leben.

Und rufst mit dem letzten Atemzug, der dir geblieben ist: Es ist vollbracht!

Hauchst diese großartigen Worte aus.

Als wäre dein Tod eine große Tat, als wären deine Qualen, die du auf dich genommen hast, für irgendjemanden zu verstehen.

Als wären sie für uns zu irgendetwas nütze.

Warum kannst du nicht wenigstens im Tode hinnehmen, dass du ganz und gar kläglich gescheitert bist?

Heilungen hast du angeblich vollbracht.

Angeblich Wunder gewirkt.

Die Krönung: Tote sollst du zum Leben gebracht haben.

Unglaubwürdiger Du! Hingerichteter, kannst dir selbst nicht helfen.

Kein einziger deiner sogenannten Freunde ist bei dir geblieben.

Ein paar Frauen trauen sich an die schwerbewachte Hinrichtungsstätte und dein „Lieblingsjünger“.

Wärest du der Messias, du wärest längst herabgestiegen.

Wärest du der große Revolutionär, du hättest es erst gar nicht soweit kommen lassen.

Du hast dich Rabbi, Meister, Lehrer nennen lassen.

Wärst du ein kluger und umsichtiger Mann gewesen, du wärest nie hierher gekommen.

Aber du musstest ja den Helden spielen.

Du musstest ja schweigen gegen die Anklagen, die sie erhoben.

Du schwiegest da, wo du hättest reden sollen.

Sonst hast du doch auch den Mund aufbekommen!

Und nun: in deinem ganzen Scheitern rufst du so etwas.

Glaubst du wirklich, mit deinem Tod hättest du etwas getan?

Wer bist du denn schon gewesen, außer einem in die Irre gegangenen Propheten aus Galiläa.

Überhaupt: Was kann aus Galiläa schon gutes kommen?

Gift und Galle möchte ich spucken, wenn mir nicht so traurig zumute wär.

Es ist vollbracht II

Ihr wollt einen Sieger?

Ihr wollt jemanden, der in Ewigkeit selbstbewusst von Gott spricht?

Ihr wollt den Siegertypen haben, der voller Gottvertrauen und Kraft ganze Menschenalter durchschreitet?

Einen noch stärkeren Putin, einen noch schöneren Obama?

Oder doch lieber einen Großvatertypen wie Gandalf den Grauen aus „Der Herr der Ringe“?

Schaut der Realität ins Auge: Dort oben hängt er.

Das ist euer Sieger.

Das ist eure ganze Hoffnung.

Schluss mit dem Jammern und dem Verdrängen von Tatsachen.

Und seien sie auch noch so bitter.

Entweder der Tod dieses Mannes hat einen Sinn – oder aber, wir können seine Worte und Taten samt seinen Wundern einfach nur vergessen.

Wer erklärte denn seine Aufgabe jemals für gescheitert?

Doch nicht er! Niemals hat er das getan.

Seine Feinde wollten es am liebsten so.

Leidenschaftlich kämpft der Passionsbericht aus dem Johannesevangelium gegen Zweifel und Sprachlosigkeit an, die sehr leicht Menschen unter dem Kreuz Christi befallen.

Ihr wollt einen Sieger? Schaut hin – und hört ihn euch genau an.

Es ist vollbracht III

Jesus ist seinen Weg konsequent gegangen. Den Leidenden war er ein Helfer, den Kranken ein Heiler; gegenüber Sündern war er barmherzig.

Aber er ist nicht einfach nur der „liebe Herr Jesus“, wie er manchmal genannt wird.

Der „liebe Herr Jesus“ – ein wenig müsste er dann ja haben vom lieben Herrn Meier oder der lieben Frau Müller aus der Nachbarschaft.

Sicher: freundlich den Menschen zugewandt wird er gewesen sein.

Selbst in der Sterbestunde spricht er noch voller Souveränität zu seiner Mutter und dem Lieblingsjünger unter dem Kreuz: Siehe das ist dein Sohn. Siehe das ist deine Mutter.

Dem Menschen zugewandt in Liebe: Das war Jesus, und darin sehen wir die Liebe Gottes zu den Menschen.

Aber einfach nur der „liebe Herr Jesus“ ist er sicherlich nicht gewesen.

Ein aufrechter Mann, der genau wusste, was er wollte. Einer, der einen Menschen auch schon mal schroff abweisen konnte.

Der Bedingungen stellte.

„Verschenke deinen Reichtum“ etwa. Oder: „Lass die Toten ihre Toten begraben!“

Einer, der in den Jerusalemer Tempel ging und die Kassen der Händler umstieß.

Geradlinigkeit, Wahrhaftigkeit sind Eigenschaften von ihm.

Vielleicht überspanne ich den Bogen etwas, wenn ich von Jesus als von einem Helden spreche – aber „der liebe Herr Jesus“ ist eine unverfrohrene Untertreibung.

Der liebe Herr Jesus hätte sich erst gar nicht ins gefährliche Jerusalem begeben.

Der wäre hübsch in Nazareth geblieben und wäre Zimmermann geworden, wie schon sein Vater vor ihm, wie sich das gehört hätte.

Denken wir ihn uns für heute einmal lieber als einen Helden, der ganz bewusst seinen Tod auf sich nimmt und am Ende ruft: „Es ist vollbracht!“

Es ist vollbracht IV

Was ist eigentlich vollbracht? Wie kommt dieser Mensch zu einer solch inneren Stärke mitten im Elend?

Wer so fragt, der entkommt der Lethargie angesichts des so sinnlos erscheinenden Kreuzes.

Wer so fragt, der bekommt wieder Boden unter den Füßen.

Das Evangelium weist uns den Weg zur Antwort auf diese Frage: Nicht in Beschönigungen, die den Tod verklären. Nicht in frommer Fantasie, die sich ausmalt: da ist sicherlich ein göttliches Wesen mal eben in menschliche Haut geschlüpft.

Nichts aus der Luft gegriffenes lässt unser Predigttext gelten.

Sein sicherer Halt ist die Bibel, die hebräische, das Alte Testament.

Immer wieder heisst es: „Damit die Schrift erfüllt würde“.

Die frohe Botschaft lautet: Was Jesus vollbracht hat, haben wir alles schwarz auf weiß.

Wir hätten es schließlich besser wissen können: Von allen großen Gerechten wird berichtet, dass sie angefeindet wurden, am schärfsten oft von den eigenen Leuten.

Ihre Leidensgeschichten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte.

Die Propheten im Alten Testament, der griechische Philosoph Sokrates, der den Schierlingsbecher nehmen musste, Seneca, der zum Selbstmord von seinem Schüler dem Kaiser Nero gezwungen wurde, in neuer Zeit dann Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder in Amerika Martin Luther King.

An ihnen kann man es sehen: Die großen Gerechten sind meist nicht sonderlich beliebt.

Und so ist es auch mit Jesus von Nazareth gewesen. Er ist mit aller Konsequenz seinen Weg gegangen. Und diese Konsequenz gipfelte in seiner Ermordung am Kreuz.

Es ist vollbracht V

Wenn wir nun mit aller Konsequenz und damit verbundenen Härte auf den Weg von Jesus blicken.

Wenn wir das tun und einsehen, dass den Gerechten schon oftmals diese Schicksal ereilt.

Vielleicht ist das manchem schon genug.

Vielleicht reicht es dann einigen schon.

Vielleicht können dann schon einige mit einstimmen in seinen Ruf und bestätigen:

Jawohl. Es ist vollbracht.

Allein: Mir und vielen anderen würde das nicht reichen.

Schlimm genug, dass viele Menschen aufgrund ihrer Gerechtigkeit und Standhaftigkeit ermordet wurden und werden.

Vielleicht könnte ich zu Jesus am Kreuz sagen:

„Du hast dein Leben konsequent gelebt und nun hinter dich gebracht. Aber vollbracht, was auch mit vollendet übersetzt werden kann, das hast du nicht.

Es ist relativ rasch und abrupt und viel zu früh zu Ende gegangen.“

Und dennoch, liebe Gemeinde, hat Jesus mit seinem Ausruf recht.

Oder anders: Er wird recht behalten.

Wir dürfen uns an Karfreitag von ihm sagen lassen: „Es ist vollbracht!“

Wir dürfen uns zurückfallen lassen unter das Kreuz. Wir dürfen mit den Frauen und dem Lieblingsjünger unter dem Kreuz stehen und mitweinen und im Leben auch manches Mal traurig sein.

Wir dürfen aber auch aufatmen und unser normales Denken und Handeln zurückstellen, wenn wir auf das Kreuz schauen.

Der, der da gestorben ist: Der ist nämlich für dich gestorben.

Er nimmt deinen eigenen Tod ganz und gar auf sich.

Der Tod, den Christus da am Kreuz stirbt, der ist dein eigener.

Es ist eine ganz besondere Form der Stellvertretung, die Jesus am Kreuz auf sich nimmt.

Gott leidet auf einmal mit.

Und damit wird Gott mir selbst zum Nächsten.

Nehmen wir etwa ein Beispiel aus der Erziehung von Kindern. Da heißt es an einer Baustelle: „Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.“

Und ein paar Kinder gehen am Bauzaun vorbei, spielen dort in unmittelbarer Nähe auf der Straße. Und eines schönen Nachmittags klettern die Kids über den Bauzaun und schaffen es sogar, einen Bagger zum Laufen zu bringen.

Niemand wird verletzt, aber ein gewaltiger Sachschaden entsteht.

Und die Eltern müssen haften.

Das hat man nun von den lieben Kleinen, könnten Sie sagen.

Oder auch: Das hat man nun davon, dass man Kinder nicht ordentlich erzieht.

Aber gleichgültig wie sie von so einem Fall denken: „Eltern haften für ihre Kinder.“ Punktum.

Und genauso ist es auch bei Gott und uns, seinen Kindern. Gott haftet für uns. Er ist an Karfreitag für uns in die Bresche gesprungen.

Wieso nun, könnten Sie einwenden, ist das denn bei Gott genauso wie mit den Eltern, die zu haften haben?

Stirbt da nicht nur ein Gerechter mehr auf Golgatha?

Ruft er nicht völlig umsonst: es ist vollbracht?

Die Antwort fällt eindeutig aus: Wir bleiben beim Kreuz ja nicht stehen.

Auch wenn wir heute den Karfreitag feiern und des Leidens und Sterbens Jesu gedenken.

Auch dann wissen wir ja, was übermorgen gefeiert wird. Wir wissen ja, dass Jesus binnen dreier Tage auferstanden ist von den Toten.

Dass er gesehen wurde. Dass er wieder und wieder erlebt wurde.

Und nur mit dem Hintergrundwissen um dieses so ungeheuerliche Ereignis können wir Jesus zustimmen und sagen: Wirklich und wahrhaftig: Es ist vollbracht.

Nur im Licht der Auferstehung können wir die Dunkelheit des Kreuzes verstehen.

Wenn Eltern dann für ihre Kinder nach dem Unfall auf der Baustelle haften, dann schließen sie ihr Kind hinterher gewöhnlich auch wieder in die Arme.

Sie lassen sie weiterhin draußen spielen.

Hoffentlich sagen sie ihnen vorher gründlich die Meinung, damit das nicht noch einmal vorkommt, aber Elternliebe ist nur dann zu verstehen, wenn man das Gesamte anschaut.

Wir verstehen Karfreitag nicht ohne Ostern. Auferstehung gehört unbedingt mit dazu. Sonst ist keinerlei Perspektive da. Sonst starb tatsächlich einfach nur einer mehr.

Aber auch umgekehrt: Von der Auferstehung betrachtet bekommt die Kreuzigung selber Sinn.

Dass Gott nämlich selber meinen eigenen Tod stirbt.

Dass der, der da am Kreuz hängt, für mich gestorben ist, das ist die Botschaft des Karfreitags.

An Weihnachten feiern wir, dass Gott in die Welt gekommen ist.

An Ostern feiern wir, dass er den Tod für uns überwindet.

Am Karfreitag aber, da stirbt Christus für uns am Kreuz.

Und daher ist dieser Feiertag nach evangelischem Verständnis weiterhin der höchste christliche Feiertag im ganzen Kirchenjahr.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigt an Palmsonntag 2009 zu Phil 2,5-11: Vom König und Bettelmädchen

Kanzelgruß

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Paulus an die Philipper im 2. Kapitel. Es ist ein uraltes Lied von Christus.

Predigttext Phil 2,5-11

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

6 Er, der  in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,

7 sondern entäußerte sich selbst und nahm  Knechtsgestalt an,  ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

8 Er  erniedrigte sich selbst und ward  gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn auch Gott  erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,

10 daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

11 und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Kanzelgebet


Herr, öffne uns die Ohren und das Herz, dass wir dein Wort hören

in den menschlichen Worten, die dich bezeugen. Amen.

Strophe 1: Die Entäußerung Christi

A)Das Märchen vom König und Bettelmädchen

Liebe Gemeinde,

Es war einmal ein König, der über ein großes Reich herrschte. Und wie er so durch sein Land ritt, da sah er im Schmutz der Straße ein junges Bettelmädchen.

Er blickte sie an und er fand sie sehr schön.

Und von dem Moment an ging dem König das Bettelmädchen nicht aus dem Sinn.

Er hatte sich über beide Ohren in sie verliebt.

Was war nun zu tun?

Er konnte sie an seinen Könighof kommen lassen, ihr die schönsten Kleider geben und sie zur Geliebten oder gar Ehefrau machen.

Denn diese Macht hatte er.

Sie würde gewiss nicht widersprechen, sondern überglücklich sein, dass sie nun so sehr emporgehoben wurde.

Aber der Gedanke, dass sie sich nur freuen würde, von ihm in eine bessere Stellung gebracht worden zu sein, wurmte den König.

Er wollte, dass das Bettelmädchen ihn aufrichtig liebt, dass sie ihn so liebt, wie er ist.

Nicht den König mit all seinem Reichtum sollte sie in ihm sehen, sondern ganz einfach einen Menschen, der auf der gleichen Stufe steht wie sie.

Also reifte in ihm ein Plan.

Er nahm seine Königskrone ab und legte sein Ornat beiseite.

Und er zog sich Lumpen an und verkleidete sich als Bettelmann. So verließ er heimlich das Schloss und begab sich wie ein Bettler zu seiner Liebe.

Und sie lernte ihn kennen als Ihresgleichen.

Wann wird aber der Moment gekommen sein, in dem er sich ihr ganz offenbaren kann?

Wann wird er sie auf sein Schloss holen können und sie als Königin an seine Seite stellen?

B)Reflexion des Märchens: Identität und Verwandlung

Liebe Gemeinde,

der König, der seine Kleider tauscht gegen die Kleider eines Bettlers, um ein Bettelmädchen lieben zu können:

Er bleibt doch stets der König in der Gewandung eines Bettlers.

Der Lumpen dient ihm doch nur zur Verkleidung, um zu einer gelegenen Stunde, wenn das Mädchen den König endlich um seiner selbst (und nicht um seiner Krone, seiner Hoheit usw. willen) liebt, die Maske fallen zu lassen.

Um dann die Bettlerin in sein Schloss hinaufzuführen.

Allein: Wann wäre diese Stunde gekommen?

Müssten König und Bettelmädchen nicht ein ganzes Leben miteinander als Bettler verbracht haben, damit der Schock und die ungeheure Ehrfurcht über die wahre Identität des Königs nicht über die arme Frau hereinbricht?

Der König kann sich eigentlich gar nicht, oder doch erst sehr spät, als der König zu erkennen geben.

Denn wie eine Hypothek würde sein Königtum sonst auf dem Mädchen lasten.

Immer würde sie ihm dankbar sein, dass er sie gerettet hat vor dem Schmutz der Straße.

Nur mit Mühe könnte sie ihm im Streit widersprechen – da sie sich stets daran erinnert, dass er sie wieder in den Schlamm zurückstoßen könnte.

Muss er dann nicht, wenn er sie wahrhaftig liebt, sein ganzes Königtum dahingeben, um ihresgleichen zu sein?

Könnte er damit ihr Herz gewinnen, damit sie ihn wirklich liebt, ohne mit einem Auge noch auf die Herrlichkeit der Majestät zu schielen?

Aber wenn der König das tun würde:

Sich ganz und gar hingäbe und alles hinter sich ließe und sein Königreich einem andern schenkte.

Wäre er dann noch er selber?

Oder würde er nicht seine eigene Persönlichkeit derartig zurückstellen, dass es schon gar nicht mehr klar ist, wer dieser Mann eigentlich wirklich ist: Ist er dann König oder Bettler?

C)Wahrer Mensch und wahrer Gott

Ganz ähnlichen Fragen geht der heutige Predigttext des Paulus an die Philipper nach.

Was genau hat Gott da gemacht, als er sich der Menschheit als Jesus Christus offenbarte?

Als Gott Menschengestalt annahm, sich selbst entäußerte?

Was bedeutet das, dass er Knechtsgestalt annahm und der Erscheinung nach als Mensch erkannt wurde?

Hat Gott da bloß die Gestalt eines Menschen angenommen oder ist er wirklich ganz und gar Mensch geworden?

In dem Märchen verkleidet sich der König einfach als Bettler und treibt ein Possenspiel – und selbst wenn er sein ganzes Leben lang so tut, als sei er ein Bettler, bleibt es eine Verkleidung.

Er bleibt der König, der sich eben als Bettler ausgibt.

Bei Gott ist es anders: Wie der König das Mädchen, umso mehr liebt Gott die Menschen.

Doch nimmt er nicht einfach nur die äußere Gestalt eines Menschen an.

Er verkleidet sich nicht als Mensch, sondern er wird es.

Ganz und gar.

Er macht von der Geburt bis zum Tod alles mit, was ein Menschenleben ausmacht.

Es ist nicht so, dass Gott einen Menschen spielt, sondern: Er ist es wirklich und er hat sein Gottsein im Himmel zurückgelassen.

Das sehen wir, wenn wir auf Jesus schauen.

Der mit den Menschen gemeinsam gelebt hat.

Der zu den Elenden gegangen ist und mit Leuten gegessen hat, mit denen man eigentlich keinen Umgang pflegt:

mit Betrügern und Zöllnern.

Sogar mit Prostituierten hat er sich abgegeben.

Und wie könnten wir ihn als ganzen Menschen ansehen, wenn er nicht auch gelitten hätte und in letzter Konsequenz gestorben wäre?

An Karfreitag können wir die Hoheit, die in diesem Jesus steckt, noch nicht sehen.

Erst am Ostermorgen begreifen es die Frauen, als sie zum Grab kommen und feststellen: Er ist auferstanden von den Toten.

Obwohl Jesus ganz Mensch gewesen ist, lebte er in einem unglaublichen Gottvertrauen.

Darin spiegelt sich seine göttliche Herkunft.

Er nennt Gott seinen Vater und hat der Welt etwas mitzuteilen.

Denken Sie etwa an die Bergpredigt. Oder an die Gleichnisse.

Strophe 2: Die Erhöhung Christi

D)Unsere Sünde und die Erlösung durch Christus

Auch der Wochenpsalm bietet uns ein Bild an, um zu verstehen, wer dieser Jesus Christus gewesen ist.

Das Bild vom Schlamm, in dem wir Menschen gefangen sind, in dem wir zu versinken drohen:

Gemeint sind die kleinen und großen Lebenskrisen, unsere Probleme in der Ehe und der Familie, unsere Schwierigkeiten im Beruf und in den Rollen, die wir mitspielen zu müssen glauben.

Unsere Ängste und Sorgen, etwa in der Schule vor Lehrern und Klassenkameraden oder Eltern zu bestehen.

Wenn wir in das Bild von Bettler und König zurückkehren, dann sind wir Menschen die Bettler, die im Schlamm sitzen.

Bettler allerdings, die andauernd selber König sein wollen.

Wie oft versuchen wir so zu tun, als wären wir die Allergrößten.

Wir unternehmen viel, damit wir wie Könige angesehen und behandelt werden.

Wir verschaffen uns Respekt. Schon im Kindergartenalter bekommen wir beigebracht, dass man sich durchsetzen muss.

Als Paulus das Lied in seinem Brief an die Philipper verwendete, da hatte er solche Leute vor sich:

Geistige Bettler allesamt, von denen jeder am liebsten König sein will.

Die mit Kräften versuchen, aus dem Schlamassel, in denen sie stecken, selber herauszukommen.

Leute wie wir, die am liebsten ganz oben wären, gefangen in ihren vielfältigen Eitelkeiten.

Mit dem Lied erinnert Paulus die Gemeinde in Philippi daran, dass der, der an höchster Stelle thront, der das All in Händen hält, es genau umgekehrt gemacht hat:

Er ist Bettler geworden, statt zu versuchen, nach allen Seiten hin zu zeigen, wie großartig er ist.

Knechtsgestalt hat er angenommen, wie es im Predigttext heißt.

Er hat seine Größe, sein Gottsein im Himmel gelassen. Aber nicht sein Vertrauen zu seinem Vater.

Und er ist zu uns hinab in den Schlamm getreten.

Er ist nicht der ferne und unnahbare Gott, sondern er steht neben uns in den Zeiten des Leides, auch vor den Schlechtigkeiten, die Menschen einander antun.

Er geht den Weg von oben nach unten.

Da trifft er auf uns.

Und wir auf ihn.

Weil er ganz Mensch wurde, kann er uns, können wir ihm begegnen.

Weil er sich zu uns herabbegeben hat, und zwar ganz und gar, können wir ihn selbst am Kreuz noch ansehen und anbeten.

Die Kirche, die Christus als ihr Haupt bekennt, kann die Gnade, dieses Wunder und dieses Geheimnis Gottes immer neu erleben und verkündigen.

In jeder Predigt des Evangeliums, in jeder Feier des Abendmahls vergegenwärtigen wir uns das.

Und weil Gott Mensch wurde, der sich wie wir freute und litt, können wir im Leid eines jeden Menschen das Leid erkennen, das Gott auf sich genommen und durchgestanden hat.

Durch das Kreuz Christi sind Gottes- und Nächstenliebe untrennbar miteinander verbunden:

Die Liebe zu Gott verwirklicht sich in der Liebe zum Nächsten.

Und in der liebevollen Hinwendung zum Nächsten erkennen wir unseren Gott.

Das kann einem die Kraft schenken, bei einem Menschen in Krankheit und Not zu bleiben.

Sich für den anderen hingeben und mit ihm auszuhalten.

Oder trotz vieler Einschränkungen in der Ehe in guten wie in schlechten Zeiten für das Versprechen einzutreten, das man sich am Hochzeitstag einmal gegeben hat.

Das Schwere zu ertragen: Die alten Eltern, die einen aufgrund ihrer Demenz nicht mehr erkennen, kann man aufnehmen, bis Gott sie heimruft.

Die Kinder, die auf einmal Jugendliche sind und nun eigene Wege gehen wollen: Ihnen die Freiheit zu lassen, die sie brauchen.

Oder dass man sich vornimmt, jeden Monat etwas an ein bestimmtes Projekt zu geben, was man hat.

Oder dass man an Bettlern in der Innenstadt nicht naserümpfend vorbeigeht, sondern mit einem kleinen Beitrag respektiert, dass nicht alles Leben so abläuft wie in unserem scheinbar so geraden Leben.

Wir dürfen von uns selber abgeben.

Von unseren Reichtümern oder von unserem vermeintlich guten Recht.

In diesen praktischen Erfahrungen wird sich bestätigen, was wir eigentlich schon immer wissen: dass uns im Nächsten Christus begegnet.

E)Kreuz und Auferstehung eröffnen den Dialog mit Gott

Christus ist den Weg vom König zum Bettler mit aller Konsequenz gegangen.

Sein menschlicher Weg endet am Kreuz auf Golgatha. Dieses Ende, dieser Tod ist aber der eigentliche Triumph Gottes.

Denn er nimmt in sein Kreuz die ganze Menschheit mit hinein.

Uns alle.

Die wir im Schlamm feststecken.

Er lässt sich für uns kreuzigen.

Und ist auferweckt worden.

Und auch da wird er uns mitnehmen.

Gott hat ein komplettes Menschenleben durchlebt.

Deshalb sind wir Menschen überhaupt erst in der Lage, Gott in seiner großen Liebe zu uns zu erkennen.

Und auch sich selbst und andere zu erkennen, die dringend Hilfe brauchen.

Weil Jesus diesen Weg gegangen ist und mit Gottvertrauen als Mensch durchhält:

deshalb kann ich zu dem am Kreuz auf Golgatha hingerichteten Jesus beten und weiß:

Er wird mich verstehen, denn er ist mit mir immer auf Augenhöhe, egal, wie tief ich gesunken bin.

Die Tage, in die wir jetzt hineingehen, vom heutigen Palmsonntag bis Karfreitag, sind schwer und  traurig.

Aber wir wissen, bei wem wir Trost finden.

Denn: Weil Jesus den Weg vorangegangen ist, können wir darauf vertrauen, dass er aus allem einen Ausweg gefunden hat.

Der Tod hat nicht das letzte Wort.

Und im Glauben daran können wir uns ihm ganz zuwenden – im Gottesdienst und im Dienst am Nächsten.

Der Mann, der am Kreuz auf Golgatha stirbt:

Ihm gehören unsere Herzen.

Seit knapp 2000 Jahren folgen Christen in aller Welt dem Gekreuzigten nach und bekennen:

„Der Herr ist Jesus Christus!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Lassen Sie uns singen: „Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha“, EG 93 (alle).