22. Sonntag nach Trinitatis 2013: Gott nahen! (Micha 6,6-8)

Von Pfarrer Marvin Lange

Predigt zu Micha 6,6-8: Gott nahen

6 »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich  ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern?

7 Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«

8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und  was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.


„Gott nahen“ Teil 1

Liebe Gemeinde!

Als ich in vorletzte Woche in Jerusalem in die Grabeskirche ging, um dort den Berg Golgatha zu sehen, also die Stelle, an der Jesus gekreuzigt wurde,

und den Stein, wo man Jesus hingelegt hatte, um ihn nach der Kreuzigung zu waschen,

und das Grab, wo er angeblich hineingelegt hatte,

war ich froh, dass es keine evangelische Kapelle oder Nische gab.

Man muss sich das so vorstellen: Fünf christliche Konfessionen in einer Kirche, jede Konfession älter und ehrwürdiger als die andere, jede sich wichtiger und besser wähnend als die andere, muss in einer sehr großen Kirche miteinander zurechtkommen.

Das geht so gut, dass man sich nicht einmal darüber einigen kann, wann geputzt werden darf und wer dafür verantwortlich ist, eine seit Jahren nach einer Renovierung vergessene Leiter wegzuräumen.

Es geht so gut miteinander, dass die türkische Regierung bereits vor Jahrhunderten beschlossen hat, den Kirchenschlüssel einer muslimischen Familie anzuvertrauen, die sich seit dieser Zeit um all diese eher hausmeisterlichen Tätigkeiten kümmert.

Weil die christlichen Konfessionen derart im Clinch liegen, hat die israelische Regierung daran nichts geändert, sondern dies um des lieben Friedens willen beibehalten.

Moslems sind es, die für eine der zentralsten Kirchen der Welt zuständig sind, weil sich die Christen innerhalb der Mauern derart unwillig begegnen, dass man sich dafür nur schämen kann, Christ zu sein.

Aber zu den Attraktionen dieser Kirche: Vom Berg Golgatha, also dem, wo Jesus wahrscheinlich gekreuzigt wurde, sieht man nichts.

Der Gipfel, der sich wohl unter dem Altar der Kirche befindet, ist völlig zugebaut mit Silber, Gold, Weihrauchgefäßen, Ikonen, Öllämpchen und natürlich auch Pilgern.

Letztere stellen sich in einer Schlange an, werfen sich vor dem angeblichen Kreuzigungsort nieder, verharren in demütiger Stellung vor dieser Zusammenstellung aus Gold und Silber und schleppen sich dann weiter zu der steinernen Liege, auf der der Leichnam Jesu eventuell für einen kurzen Moment zum Liegen kam.

Um in das angebliche Grab zu kommen, steht man ungefähr eine Stunde lang in einer gewaltigen Schlange an. Der Priester, der den Eingang gemeinsam mit einem israelischen Polizisten bewacht, nimmt gern Spenden an, um die Geber dann gleich wieder in die Schlange fortzuscheuchen.

Der Prophet Micha fragt dazu:

„Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott?

Soll ich mich  ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern?“

„Gott nahen“ – Teil 2

„Wir müssen das größer denken“, sagt einer aus dem Orgelausschuss der Bonhoeffergemeinde.

„Wir kommen mit dem Geld so nicht aus. Das muss mehr Volumen haben, der Organist muss mehr Register ziehen können, es muss alles größer werden.

Und dann wird es eben teurer.

Für den Gottesdienst ist das Beste gerade gut genug.“

Schweigen im Raum. Die Sitzung geht weiter.

Ein hin und her zwischen Kosten, Kunst und architektonischen Bedingungen.

Am Ende steht tatsächlich ein teureres Instrument als jemals von mir als damals noch recht unwissendem Ortspfarrer gedacht war.

Die Schulden werden wir noch in ein paar Jahren zurückzahlen müssen.

Alles freilich aus den Spenden, die gern gegeben werden.

Von denen, die den Orgelbau zu schätzen wissen.

Diejenigen, die dieses Projekt nicht unterstützen, brauchen ja tatsächlich nichts geben.

Ein Selbstläufer also.

„Ich kann das Wort ‚Orgel‘ nicht mehr hören“, bekannte mir erst vergangene Woche eine Kirchenvorsteherin.

Vielleicht ist es manchem etwas zu viel geworden, die hier öfter aus und ein gehen.

Ich nehme mich da selber nicht aus.

Wenn das Instrument da ist und wir damit Gottesdienst feiern können, dann mache ich drei Kreuze.

Dann ist endlich wieder mehr Platz für andere, dringend anstehende Renovierungsmaßnahmen.

Dann ist endlich wieder Luft da, um für andere Projekte zu sammeln, die nicht ganz so umstritten sind.

Der Prophet Micha fragt dazu:

„Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl?“

„Gott nahen“ – Teil 3

„Ich bin unheimlich gern hier im Bonhoeffer-Haus“, sagt die junge Mutter. „Obwohl ich katholisch bin. Ich nutze all die Angebote, die uns hier gemacht werden. Ich schätze die offene Art und Weise, mit der die Menschen sich hier begegnen. Mein Kind habe ich leider noch nicht taufen lassen. Meine Eltern und Schwiegereltern sind katholisch.

Die würden das nicht mitmachen. Bestimmt gäbe das Ärger. Ja, obwohl wir im Jahr 2013 leben, ist das hier im Rhöner Land immer noch wichtig. Auch wenn es heißt, dass es gute ökumenische Kontakte gibt. Ich habe ja selber schon lange überlegt, ob ich hier eintrete. Aber das geht doch nicht. Ich bin so erzogen worden. Außerdem ist es doch eh ein und der selbe Gott. Eigentlich gibt es doch gar keine Unterschiede.

Seltsam, dass ich trotzdem so gern hier bin.Der jetzige Papst ist zwar ganz in Ordnung, aber sonst habe ich mit katholisch sein gar nicht viel am Hut. Aber hier im Bonhoeffer-Haus bin ich echt gern.“

„Sie wissen, dass wir in einem freien Land leben und ab dem 14. Lebensjahr völlige Religionsfreiheit genießen?“ frage ich sie. „Sie wissen, dass wir für unser eigenes Leben und das unser Kinder Verantwortung übernehmen müssen in Glaubensdingen und uns da nicht familiäre Erwägungen abhalten sollten?“

„Ja schon…, vielleicht später dann…“

Der Prophet Micha fragt dazu:

„Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?“

Gott naht sich uns!

Drei Szenen darüber, wie sich aktuell Gott genähert wird. Drei Szenen, die der Prophet Micha wahrscheinlich recht gut kennt.

Da ist einmal eine Religiosität, die ganz und gar auf Äußerlichkeiten setzt, wie ich sie in Jerusalem schmerzlich erfahren musste. Gott nahe zu kommen wird dadurch versucht, dass man überall sogenannte sakrale Kunst hinstellt und man am Ende vor lauter Überflüssigem das Eigentliche nicht mehr zu sehen bekommt. Wie Brandopfer, die in Rauch und Qualm das Eigentliche verdecken. Die einen beinahe ersticken lassen und keine Luft mehr lassen für Gott selber. Diese Äußerlichkeiten können auch das teure Konfirmationskleid sein, während man selber kaum das Glaubensbekenntnis sprechen kann. Es kann die Trauung als Mega-Event sein, bei dem es dem Frisch-Vermählten Paar nur darauf ankommt, vor dem Fotografen in der Kirche schön zu posieren und der Pfarrer vor allem schnell fertig sein muss, damit man den Zeitplan einhalten kann, der schon ein Jahr vorher bis ins Detail regelt, welche Minute mit welcher Aktion belegt ist.

Religion in der totalen Äußerlichkeit – das hat der Prophet Micha vor 2500 Jahren gut gekannt im Tempel und Alltag – und hat es verachtet und spöttisch mit seinen Fragen bloßgestellt. „Will Gott das, dass man ihm naht mit lauter Äußerlichkeiten?“ fragt er rein rhetorisch.

Da ist zum anderen eine Frömmigkeit, die mit einem „möglichst viel“ meint, Gott am besten nahen zu können. Das Beispiel unsres Orgelneubaus können wir da für einen kleineren Bereich anführen – zweifellos mit Sachverstand alles geplant und gebaut, aber doch von einem so großen Volumen für so ein kleines Budget wie es dem Bonhoeffer-Haus zur Verfügung steht, dass sich manch einer fragt, warum so und nicht anders.

Der Limburger Bischof hat die „viel 1000 Widder“ und die „unzähligen Ströme von Öl“ freilich in einem ganz anderem, wahrscheinlich kriminellen Maß eingesetzt. Was er da machte zielt aber in die gleiche Richtung, die schon der Prophet Micha kritisierte.

Es ist letztendlich nach der Qualität der Gottesbeziehung, die nicht in Äußerlichkeiten ersticken soll, die Frage nach dem richtigen Maß für mein Verhalten gegenüber Gott.

Wieviel setze ich ein, um mich Gott auszusetzen? Oder anders gefragt: Wieviel, meinen wir, hat Gott nötig, damit er auf uns schaut?

Positiv, also in einem guten Sinne, brachte meine Tante aus Amerika diese Haltung des „immer mehr“ auf den Punkt, als sie sagte, dass, um das Wort Gottes zu verkündigen, das Beste gerade gut genug ist. Das heißt: Wenn andere von Jesus Christus überzeugt werden, wenn große Orgeln oder riesige Domherrenhäuser gebaut werden, dann können wir dazu all unser Geld verwenden. Ist schließlich nur irdisches, vergängliches  Geld und nicht die Glückseligkeit der Ewigkeit.

Die Frage musste sich meine Tante freilich gefallen lassen, dass manch einer von dem einen Tun abgeschreckt wird, während andere gerade das gut und lobenswert finden.

Und der Prophet Micha hat das nur als rhetorische Frage verstanden: Um Gott zu nahen benötigen wir keinerlei Voraussetzungen und Einsätze. Der ist schließlich längst da, wenn wir meinen ihn aufsuchen zu müssen.

Und die dritte Variante, sich Gott zu nähern?

Die Mutter, die ihr Kind nicht taufen lassen kann, weil die Großeltern es für falsch halten, evangelisch zu werden? „Soll ich denn mein Kind opfern bzw. den Familienfrieden hintan stellen, um es den Leuten im Bonhoeffer-Haus recht zu machen, die meinen, alle müssten nach Möglichkeit früher oder später evangelisch werden?“

Heißt das, Gott in einem guten Sinne zu nahen, indem man Ärger in der Familie provoziert, weil ein Teil der Familie einfach zu katholisch ist, um einzusehen, dass Glauben nicht in der Entscheidungsgewalt anderer liegt sondern tatsächlich die Privatsache jedes einzelnen Menschen?

Natürlich nicht.

Natürlich ist es viel wichtiger als jede weitere Taufe, dass Menschen sich hier im Bonhoeffer-Haus treffen und miteinander gemeinsam erfahren und lernen, was es heißt, Gott zu begegnen. Natürlich freuen wir uns auch über jedes Mitglied, über jeden Täufling, wie gerade den kleinen Tisan. Jeder Eintritt in unsere Gemeinde, jede Taufe ist für mich etwas unglaublich besonderes, weil es zeigt, dass die evangelische Kirche nach wie vor Strahlkraft hat. Und dass für die Menschen die Verbundenheit mit Gott etwas ganz wichtiges ist.

Aber diese Strahlkraft oder Verbundenheit schafft sie nicht, weil Vorschriften bei uns hochgehalten werden und Zwänge, sondern weil wir den Menschen zu der Freiheit lassen wollen, die jedem Menschen von Gott her gegeben worden ist.

Und wenn man diese drei Weisen, Gott nahe kommen zu wollen, beiseite legt, weil man hier bei uns und anderswo erfahren hat, was evangelisch sein im 21. Jahrhundert heißen kann, dann kann man von ganzem Herzen auch das hören, was Micha seinen Israeliten vor fast drei Jahrtausenden Jahren als Antwort auf seine rhetorischen Fragen mitgegeben hat:

„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und  was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

1. Gottes Wort halten: Was uns von Jesus überliefert wurde, kennen und verstehen. Und damit die Glaubensbeziehung zu Gott stärken. Abends beim Gebet mit den Kindern oder Enkeln. Sonntags im Gottesdienst oder Kindergottesdienst. Bei Taufen, Trauungen und freilich auch dem Lebensende, bei den Beerdigungen. Beim Lesen in der eigenen Bibel oder beim Vorlesen der Kinderbibel für diejenigen, deren Ohren noch völlig offen sind für Gottes Wort.

2. Liebe üben: Nachsichtig sein mit denen, die man liebt. Das übt ein darin, auch mit denen, die man nicht so sehr liebt, ein wenig nachsichtiger umzugehen. Verständnis aufbringen; Verzeihen können; sich solidarisch zeigen mit denen, denen es nicht so gut geht. Sie kennen das alles, es ist längst Kirchensprech-Gemeingut geworden, wo die Leute im Gottesdienst dann abschalten. Und dennoch ist eine richtige Haltung, mit der man sich Gott naht. Wer Liebe übt, naht sich Gott auf einem guten Wege, hätte der Prophet Micha gesagt.

3. Demütig sein vor deinem Gott. Ein altes Wort, diese Demut. Philosophisch gesprochen: Wenn Gott tatsächlich da ist, dann ist er das Größte überhaupt anzunehmende Wesen, allmächtig, allwissend, allgütig, den ganzen Kosmos umfangend.
Ein wenig Bescheidenheit wäre da angebracht, wenn wir mal darüber nachdenken, was für kleine Wesen wir dagegen sind.

Theologisch gesprochen: Wenn dieser gewaltige Gott von sich aus sagt, dass er sich uns naht und er uns lieb hat, dann ist Bescheidenheit bzw. Demut für uns das Einzige, was wir überhaupt tun können.
Und das ist dann auch mehr ein Nichtstun!

Gott nahen.
Das war die rhetorische Frage des Propheten Micha, der die Antwort dann gleich mitliefert: Gott nahen wir nicht, weil Gott doch schon längst da ist.

Was wir selber machen können, um diese Nähe von uns aus aufzunehmen, ist sein Wort versuchen zu verstehen und zu halten, beim Nächsten Liebe zu üben und ansonsten dankbar zu ihm aufschauen, dass er für uns da ist – ohne unser eigenes Dazutun.

Das, liebe Gemeinde, ist dann ein fester Glaube.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn. Amen.

20. Sonntag nach Trinitatis 2013: Sabbat-Affären (Markus 2,23-3,6)

Von Pastor Dr. Wolfgang Kubik

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir machen uns keine Vorstellung, wie wichtig den Juden der Sabbat war und wohl auch heute ist.

Der Sabbattag ist heilig, das heißt: alles, was Arbeit ist oder nach Arbeit aussieht, ist tabu. Alles was Beine hat eilt zur Synagoge. Keiner würde seinen Gottesdienstbesuch vom Wetterbericht abhängig machen.


Dieser geheiligte Tag der Woche war für einen Juden von höchster Bedeutung, denn das strenge Beachten der Sabbatvorschriften brachte der Welt den Messias ein Stück näher. Er könnte kommen.

In zwei aufeinander folgenden Szenen zeigt der Evangelist Markus, wie sich Jesus mit dem Sabbat-Thema befassen muss. Wir lesen Mk 2,23 bis 3,6.

Jesus ist mit den Jüngern unterwegs. Sie rubbeln eine Handvoll Ähren im Getreidefeld und knabbern sodann die Körner. Da kommen Pharisäer. Was sind das für welche? Sie bilden eine Art Laienbruderschaft, eine geistliche Bewegung. Sowas könnten wir in unseren Gemeinden gut gebrauchen. Sie lieben die Gebote Gottes und beachten sie gewissenhaft. Jesus spricht zunächst sehr anerkennend von den Pharisäern. Pharisäer haben ihn einmal gewarnt, als Agenten des Königs Herodes ihm auflauerten. Aber Jesus verteidigt seine Jünger vor den Pharisäern. Diese stört wohlgemerkt nicht der Mundraub, sondern die Sabbatentheiligung! Jesus erinnert sie an David, als dieser noch eine Art Partisanenführer war: immer auf der Flucht, immer hungrig und erschöpft. Ebenso seine abenteuerliche Truppe (1. Sam 21). David ergriff die Chance, sich an einem Heiligtum mit Brot einzudecken. Es war dummerweise heiliges Brot. Das war Sünde, aber gleichzeitig ein Notstand. (Im Deutschen Reichsstrafgesetzbuch eine „Verbrauchsmittelentfernung“ bei geringer Strafe!)

Von einem Notstand kann aber an jenem Sabbat bei Jesus und seinen Jüngern keine Rede sein. Die Jünger hätten bis Montag warten können. Sie wären nicht verhungert. Das hätten Jesus und seine Jünger eigentlich wissen müssen, als sie an einem Sabbat durch ein Getreidefeld gingen und Ähren rubbelten. Wollte Jesus mit seiner unbekümmerten Provokation auf die Unverhältnismäßigkeit der pharisäischen Rüge hinweisen? Für Pharisäer ein Rückschlag für die Messiaserwartung! Doch damit nicht genug.

Nach der Sabbat-Affäre im Getreidefeld geht Jesus weiter in die Synagoge. Wahrscheinlich dieselben Pharisäer erwarten ihn. Ein Mann mit verdorrtem Arm steht schüchtern im Hintergrund. Die Pharisäer wissen genau: Jesus könnte heilen! Aber dann wäre wieder der Sabbat öffentlich verletzt. Meinen sie etwa im Ernst, dass der Gelähmte dann eben bis Montag warten müsse? Dann wäre aber Jesus weg, das hieße – Pech für den Behinderten! Diese Sabbatvorschriften machen Jesus zornig und traurig zugleich. Kennt das Sabbatgebot denn keine Notfälle, keine Barmherzigkeit? Was hat das noch mit echter Heiligkeit Gottes zu tun? Es ist Jesus zum Heulen.

Wir wissen, wie die Pharisäer als selbsternannte Religionswächter die Öffentlichkeit überwachten. Auch damit hätten Jesus rechnen müssen. Da war es ja offensichtlich, wer die Vorschriften einhielt und wer nicht. Diese brauchten nur äußerlich abgeprüft zu werden. Deswegen war die Wachsamkeit am Sabbat so beliebt. Sie wachen ja über die Gebote Gottes. Die hat Gott einst gegeben als Geländer zum Weg durchs Leben.

Aber glauben die Pharisäer allen Ernstes, dass Gott gnädig ist, wenn sie sich Quasten machen an den Zipfeln ihrer Kleider und blaue Schnüre an die Quasten der Zipfel (Numeri 15,37-41). Oder wenn sie in der Öffentlichkeit demonstrativ und bewusst lange und laut beten? Glauben sie ehrlich, dass der Messias auch nur eine Stunde eher kommt, wenn die Jünger sich beim Überqueren des Kornfeldes beherrschen und keine einzige Ähre aufrubbeln?

Jesus glaubt dergleichen schon lange nicht mehr. Und was das Schlimmste ist: Das glauben die Pharisäer selber auch nicht. „Alles, was sie tun, machen sie, um von den Leuten gesehen zu werden“, resümiert Jesus. Das ist eine geradezu gespenstige Szene: die Gebote der Religion werden immer komplizierter bzw. nur noch mit professionellem Einsatz zu erfüllen. während das Herz der Gläubigen immer weiter verkümmert. Äußerlich funktioniert alles, aber im Inneren ist der Mensch nicht bei sich. Er übt sich darin, etwas vorzuspielen. Manch einer wird sich gefragt haben „wer bin ich wirklich?“ „Was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln“, kommentiert Jesus.

Aber genau da liegt das Problem! Wir halten einen Moment inne: was nehmen wir wohl mit nach Hause? Sollen wir uns bloß vornehmen, künftig nicht mehr am Sonntag das Auto zu waschen, sondern zum Gottesdienst zu gehen? Oder sollen wir sagen: Das heißt ja gerade evangelisch sein: Juden und Katholiken müssen den Feiertag heiligen, wir brauchen das nicht! Beides führt nicht weiter.

Wir kriegen plötzlich einen geschärften Blick dafür, wenn unser Leben immer mehr in Äußerlichkeiten versinken würde. Zum Beispiel: Hauptsache, ich beherrsche die liturgischen Formen im Gottesdienst! Wie lasse ich beim Kirchenkaffee betont beiläufig einfließen, dass ich gestern eine – wie heißt das doch? – namhafte Spende für die Diakonie überwiesen habe! Ich kenne die Gemeindeordnung in- und auswendig. Meine gepflegte Kleidung wird sicher Beachtung finden. Und einen Wettbewerb im schnellen Aufschlagen von Liednummern im Gesangbuch würde ich bestimmt gewinnen. Ich wäre mit mir zufrieden, im Kirchgang eine christliche Leistung erbracht zu haben. Ich gehe oft zur Kirche, um dem Pfarrer einen Gefallen zu tun. Ich genieße es, gesehen zu werden.

Diese und andere Äußerlichkeiten gewinnen allmählich Macht über meine Seele.

Dies und vieles mehr scheint manchmal die Gemeindezugehörigkeit auszumachen. Aber wir wissen doch, dass dies die Seele nicht tröstet. Was glaube ich eigentlich wirklich? Woran würde ich mich in einem Schicksalsschlag, ja, in meiner letzten Stunde festhalten können?

Es ist paradox: Im Namen Gottes muss Jesus sich über ein Gebot Gottes hinwegsetzen. Er steht über der Sabbatverordnung. Was haben die beiden Begebenheiten im Kornfeld und in der Synagoge gemeinsam? Beide zeigen uns: so ist Gott. Sie zeigen Gottes Großherzigkeit – das Gegenteil von Kleinkariertheit. Sie zeigen, wie es Gottes Sohn traurig und zornig macht, wenn Schein und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Ja, die beiden Begebenheiten im Evangelium zeigen, wie im Herzen Gottes die Barmherzigkeit das letzte Wort behält. Deswegen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“ Ja, Jesus geht es um den Menschen. Wo nicht, da macht es ihn wütend und traurig zugleich. So ist unser Herr! Er ist gekommen, um zu retten.

Nein, liebe Gemeinde! Bloße Appelle zum Arbeitsverbot am Sonntag und zum Gottesdienstbesuch führen nicht weiter. Wenn ich mich mir selbst in meinem Inneren zuwende, frage ich mich: Wo ist meine Begeisterung für Jesus abgeblieben? Wo blieb die Sehnsucht, im Glauben wahrhaftig zu bleiben? Wann beginnt meine Reise nach innen? Wer anfängt, sich so um Gott und die Seele zu kümmern, den würde es sonntags von allein zum gemeinsamen Gottesdienst ziehen. Er wüsste, was er für sich erwartet.

Liebe Gemeinde, die Tage werden kürzer. Bald wird sich die Sonne nur selten zeigen, eine Jahreszeit, die geradezu einlädt, mich um Gott und um meine Seele zu kümmern. Viele von uns haben ihre Lebensmitte in aller Stille schon überschritten. Das ist eine Herausforderung für uns, nach innen zu gehen.

Es würde mich auch nicht wundern, wenn ein Gemeindeglied nach dem anderen an dunklen Tagen sich aufs Sofa setzt, eine Kerze anzündet und den vergangenen Tag Gott zurückgibt. Wem eigene Worte zum Gebet fehlen, der schlage doch einfach die Psalmen in seiner Bibel auf. Sie stehen genau in der Mitte der Bibel. Man kann sie nicht verfehlen. Schon nach 2 oder 3 Psalmen merkt man: Da bin ja ich gemeint! Darüber könnten wir dann ja mal sprechen. Amen

8. Sonntag nach Trinitatis 2012: Der Tempel des Heiligen Geistes

Von Pfarrer Marvin Lange

Liebe Gemeinde,

der Kirchenvorstand hat vergangene Woche nach ziemlich mühsamen Verhandlungen beschlossen, dass wir versuchen wollen, das Bonhoeffer-Haus im unteren Bereich zukünftig an ein Spielcasino zu verpachten.  Es gab bei der sehr hitzigen Debatte weitere Überlegungen, das Kaminzimmer oben ein wenig umzubauen und künftig stundenweise an Damen eines bekannten Gewerbes zu vermieten.  Es ist bei der angespannten finanziellen Situation dringend nötig, schnell Geldmittel zu generieren. 


So können wir nicht nur ganz schnell die verbleibenden Mittel für die neue Orgel einwerben, sondern unser Bonhoeffer-Haus finanziell auch für die Zukunft absichern. Obwohl im Gottesdienstraum auch ein Restaurantbetrieb und im Saal ein Kino aufmachen könnte – dann bräuchten wir die Orgel ja eigentlich gar nicht mehr.  In dem Punkt war sich der Kirchenvorstand aber so uneins, ob wirklich alle Gottesdienste künftig draußen stattfinden könnten, dass wir diesen Punkt zur Abstimmung vertagt haben. Mir ist, das gebe ich unumwunden zu: mir wird das im Winter zu kalt sein, trotz Woll-Talars. Dann gibt es zumindest mit mir als Pfarrer eben ab dann nur noch Sommer-Gottesdienste!

Sie glauben mir nicht? Gut so!  Denn das eben Erzählte ist von mir frei erfunden, um in den heutigen Predigttext einzuführen.  Der Apostel Paulus beschreibt eine reale Situation, in der mit einem Tempel so verfahren wird, wie eben beschrieben. Und zwar nicht mit irgendeinem Tempel, sondern mit dem Tempel des Heiligen Geistes.

 (1 Korinther 6,9-20)

 9  Oder wißt ihr nicht, daß die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Laßt euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder,

10 Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.

11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid  reingewaschen, ihr seid  geheiligt, ihr seid  gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Der Leib ein Tempel des heiligen Geistes

12  Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen.

13 Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen.  Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.

 14 Gott aber  hat den Herrn auferweckt und  wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

 15 Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!

 16 Oder wißt ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden ein Fleisch sein« (1. Mose 2,24).

 17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist  ein Geist mit ihm.

 18 Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.

 19 Oder wißt ihr nicht, daß  euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und daß ihr nicht euch selbst gehört?

 20 Denn  ihr seid teuer erkauft; darum  preist Gott mit eurem Leibe.

Liebe Gemeinde,

Worte, bei denen manch einer vielleicht am liebsten laut „ja!“ dazu gesagt hätte. Aber auch Worte, die manch anderem eher den Kopf schütteln lassen. Die Meinungen dürften auseinander gehen. Es sind ethische Weisungen des Apostels. Und die klingen in unseren Ohren sehr moralisch, manchen vielleicht sogar moralin!

„Anders betrachtet!

 Ob Paulus damit rechnete, dass seine Worte noch 2.000 Jahre später auf die Goldwaage gelegt und ausgelegt werden? Sicher nicht. Dafür war ihm die Wiederkunft des Herrn zu nahe. Was er schreibt, ist für die nächsten dreißig Jahre Gemeindeleben gedacht, aber nicht für Tausende von Jahren. Darum müssen wir auch nicht genau wissen, wie die Fronten in der Gemeinde von Korinth verliefen, die Paulus hier entschärfen will. Wir müssen nur wissen, dass Paulus, der seinen Leib wohl nicht sonderlich liebte, in diesen Worten den Körper als einen Teil des alltäglichen Gottesdienstes versteht. Es genügt nicht, nur richtig zu denken. Auch der Körper ist Tempel des Heiligen Geistes. Das sagt er sich auch selbst. Paulus, der immerzu Kränkliche, will seinen Körper aufwerten. Darum bittet er auch die Menschen in der Gemeinde. Lasst euch nicht gehen, bittet er; und: Bemüht euch, auch euren Leib lieb zu haben. Schwer genug wird es ihm selber gefallen sein. Vermutlich weiß er aber, dass man sich manches erst selber sagen muss, um es dann anderen zu sagen. Und manches gelingt besser, wenn man es sich selbst immer wieder sagt. Auch der Körper, wie immer er auch erscheint, ist eine Form des Gottesdienstes.“[1]

Liebe Gemeinde,

 nun ist es ja so, dass wir in Zeiten leben, in denen um den Körper, um den Leib, ein wahrer Kult getrieben wird. Es kann bei all den Magermodells, Brust-Implantaten und Nasenkorrekturen also kaum dabei bleiben, dass wir einfach nur alle auf unseren Körper auf eine ordentliche Art und Weise Acht geben – und Paulus dann mit uns zufrieden wäre; oder anders ausgedrückt:  dass wir diesen wunderbaren Satz, in seiner ganzen Tiefe erfassen könnten:

„Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes!“

Es geht also nicht um Wellness und Sonnenbaden, Olympischen Sport und Diätkost. Das alles ist nicht verkehrt zu tun, aber ich vermute, Paulus würde über uns lachen, wenn er uns bei unseren teilweise absurden Bemühungen beobachten könnte, für unsere Körper stets das Beste zu geben.

„Ohne Gentechnik“ lese ich schmunzelnd auf manchen Milchverpackungen. „Alles bio“ ist gut, will uns die Lobby sogenannter Grüner Industrien weismachen.  Auch „Turne in die Urne!“ könnte bald ein Werbeslogan dieses neuen Körperbewusstseins lauten.  Aber genug gefrotzelt!

Schauen wir uns den Satz des Paulus einmal genauer an: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist!?“

1. Das Tempelgebäude

Tempel kennen wir umgangssprachlich ja eigentlich nur als Gebäude: Der längst zerstörte Jerusalemer Tempel, die Tempel der vielen tausend Hindu-Gottheiten,  die spöttisch verachteten Konsumtempel, in denen angeblich der Gott Mammon angebetet wird . Und freilich ist auch jedes Kirchengebäude ein Tempel, so also auch unser Bonhoeffer-Haus.

 (Und jetzt sitzen wir hier draußen und nicht im Tempel drin und feiern trotzdem Gottesdienst!)

Und Paulus verwendet tatsächlich Wort für das Stein- oder Holzgebäude eines Tempels, wenn er unseren Körper als Tempel beschreibt. Den Begriff Tempelgebäude verwendet Paulus ganz bewusst.  In der Sprache, in der er schreibt, dem Griechischen, gibt es noch einen zweiten Begriff für Tempel, den wir eher mit „heiligem Bereich“ oder „Heiligtum“ übersetzen würden.  Also ein Begriff, der überall da seine Berechtigung hat, wo Gott anwesend sein kann.  Denkt dabei etwa an Moses und den Brennenden Dornbusch, an die spontan gebauten Altäre der Erzväter, an den Berg Zion als Abbild des Himmels, oder auch die Waldhaine mit den Baumgottheiten der Kelten und Germanen.

 Und das, was wir hier gerade machen, so würde Paulus es sagen, das ist ein Gottesdienst in einem „Heiligtum“, und nicht in einem „Tempelgebäude“.

2. Umgang mit Tempelgebäuden

Nun spricht Paulus aber ganz bewusst vom menschlichen Körper als dem Tempelbau des Heiligen Geistes und nicht bloß von allgemein heiligen Orten.  Und es ist von großer Bedeutung, wie man mit einem Tempel umgeht. Lässt man einen Tempel langsam verfallen und vergammeln, wird er früher oder später nicht mehr benutzbar sein.  Sorgt man sich aber immer weiter um Innenausbau und Sanierung, Modernisierung und Renovierung, dann kann er für viele Jahrhunderte Bestand haben. Die großen Kathedralen des Mittelalters sind herausragende Zeugen dafür.  Mal sehen, wie viele Jahrhunderte unser Bonhoeffer-Haus Bestand haben wird – 40 Jahre sind es ja jetzt, und es wird immer weiter daran und darin gearbeitet, ausgebaut und saniert. Toiletten im Keller und Beamer-Installation, Treppen-Sanierung und Gartenarbeit: All das sind Bemühungen, unseren Tempel hier vor Ort gut in Schuss zu halten.  Aber auch dann kann es vorkommen, dass ein Tempel einem anderen Zweck zugeführt wird – meist dann, wenn die Gläubigen ausbleiben.

Aus meiner Heimatkirche in Kassel, einer Johanneskirche, ist etwa ein sehr schicker Bürokomplex des  Diakonischen Werkes geworden,  und es gibt viele Kirchen, in denen heute Restaurants und Diskotheken untergebracht sind.  Und ganz analog dazu verhält sich laut Paulus unser menschlicher Körper.  Wir gehören zu Gottes heiligem Bereich dazu, haben durch Taufe und Abendmahl, durch Glaube und Rechtfertigung, dadurch, dass Gott uns unbedingt anerkennt, Anteil an Gottes Heiligkeit.   

Da ist es dann (fast) zwingend, von unseren Körpern als von Tempelgebäuden dieses Gottes zu sprechen.  Wir sind von Gott heilig gemacht, folglich sind wir selber Heiligtümer.

Und unser Körper ist der Tempel-Bau dieses von Gott geweihten Heiligtums. Und genauso, wie man ein Kirchengebäude verrotten lassen kann, können auch wir diese aus Fleisch und Blut bestehenden menschlichen Tempelgebäude des Heiligen Geistes verrotten lassen.

Und da geht es nicht bloß um zu dick oder zu dünn, zu unsportlich oder zu asketisch.

Paulus bringt sehr drastische Beispiele dessen, was diesen Tempel schänden kann:

Wer fremdgeht, wer anderen Göttern nachläuft, Vergewaltiger, Prostituierte, Diebe, Geizige, Säufer, Lästerer, Räuber.

Ein ganzer Katalog wird uns um die Ohren gehauen mit dem, was sich für einen Tempel des Heiligen Geistes eben nicht schickt. Klar, es ist antike Moral des ausgehenden 1. Jahrhunderts, das moralische Gewicht liegt für Paulus bei sexuellen Missständen wie Päderastie und Hurerei. Doch im Wesentlichen stimmt dieser Katalog mit dem überein, was die bürgerliche Moral des 21. Jahrhunderts ebenfalls für richtig oder falsch hält.  Und dieser Katalog ließe sich freilich noch verlängern. Geht einmal die 10 Gebote durch, dann wisst ihr, worauf ich hinauswill.   

Es ist dieser Teil des Christentums, der gerade von uns Evangelischen immer wieder vergessen oder verdrängt wird: Wer glaubt, dass er von Gott geheiligt, gerechtfertigt, geliebt und unbedingt anerkannt ist,  der verfolgt damit automatisch auch eine deutliche Ethik, bei der es sehr wohl auch schwarz und weiß, richtig und falsch gibt. Das Toleranzgebot ist gut und wichtig, hört aber für einen Christen da auf, wo die eigene Toleranz entmachtet wird. Wer sich als von Gott geheiligt versteht, der tut eben gewisse Dinge nicht – und schreitet auch da ein, wo ein anderer Tempel des Heiligen Geistes missbraucht wird.  

Für einen Tempel wie das Bonhoeffer-haus geziemt es sich nicht, Räume stundenweise zu vermieten oder ein Spielcasino im Keller aufzumachen.  Weil es dem Heiligen dieses Ortes entgegen stehen würde.  Es wäre kaum erträglich, wenn wir die Abgründe des ältesten Gewerbes hier im Hause hätten – oder mitschuldig daran würden, wenn Menschen durch ihre Spielsucht ihr ganzes Vermögen an die Bank verlieren. Ich vermute, dass das allen einleuchtet. Und es leuchtet euch wahrscheinlich ebenso ein, dass man auch unter solch widrigen Umständen vom Heil Gottes, etwa in Gottesdiensten an solchen Orten, dennoch etwas erfahren könnte.

 Der Geist Gottes weht, wo er will.

Es wird nur den Menschen schwergemacht, auf ihn zu achten, wenn unter ihm die Automaten klingeln. Wie aber ist es mit den Tempeln, die ihr selber seid?  Da sind dann viele erstaunlich großzügig im Umgang mit dem Heiligen, sprich: mit sich selber.  Paulus reagiert darauf gegenüber den Korinthern sehr, sehr scharf.  Aber bei aller Schärfe doch mit einer ordentlichen Portion Vernunft.  Er kennt Grenzen, die er nicht zu überschreiten bereit ist.

Für uns heute ragt der Satz heraus (1 Kor 6,12): „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.“  Und: „Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll mich gefangen nehmen.“

Das beides zusammen kann man als eine „Goldene Regel“ des Handelns begreifen:  Ihr seid freie Menschen. Aber in diesem eurem freien Tun achtet als von Gott Geliebte darauf, Euer eigenes Tun so anzustellen, dass es dem Guten dient.  Und achtet in aller Freiheit, die ihr habt, darauf, dass euch eure Taten nicht so sehr gefangen nehmen, dass ihr nur noch euch selbst und eure Süchte und Sehnsüchte habt.    Und damit haben wir eine wunderbare Auslegung des Doppelgebotes der Liebe gefunden: „Liebe deinen Nächsten!“ Wer das beherzigt, der dient automatisch dem Guten.  „Liebe Gott von ganzem Herzen!“ Lass dich nicht gefangen nehmen von Deinem eigenen Tun. Richte stattdessen dein Herz auf Gott, auf Jesus, aus.

 Wer seinen Körper aber missbraucht und nicht im Sinne Gottes einsetzt, der muss sich die Frage gefallen lassen, wie es denn eigentlich um seinen Glauben bestellt ist: Wie gehst Du denn mit dem Heiligen um? Du schändet Deinen eigenen Tempel dadurch, dass Du Gottes Gebot missachtest.

3. Fazit

 Also: eure Körper sind Tempel des Heiligen Geistes.  Es geht nicht bloß darum, irgendwie „richtig“ zu glauben, sondern als ganze Person diesen Glauben zu verwirklichen.  Gott hat euch in eurer Taufe dazu geweiht.  Und nun ist es an euch, eure Tempel auszubauen und auszuschmücken mit dem, was Gott gefällt:  Allein an IHN sein Herz zu hängen, den nächsten zu lieben. Und dabei die eigene Tempelpflege mit im Blick zu haben!

Denn Gott und den Nächsten lieben – das kann ich nur so sehr, wie ich bereit bin, mich auch selber zu lieben. Aber mit dem Wissen, dass du ein Tempel des Heiligen Geistes bist, dürfte das leicht fallen!

Amen.


[1]Michael Becker, Werkstatt für Liturgie und Predigt Heft 5+6/2012, S.221.

20. Sonntag nach Trinitatis 2012: Ewige Liebe (1 Kor 7,29-31)

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus

und die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit euch allen.

1 Kor 7,29-31:

29 Das sage ich aber, liebe Brüder:  Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein,  als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht;

30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht;

31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht.  Denn das Wesen dieser Welt vergeht.


Liebe Gemeinde,

bei Trauungen im Vorgespräch erlebe ich es im besten Falle, dass Brautpaare mir etwas von ihrer Liebe preisgeben, so dass ich verstehen kann, was am je anderen so besonders ist.

Wenn so ein Gespräch gut läuft, dann erzählen mir Braut und Bräutigam etwas von den wahren Beweggründen für ihre Beziehung und warum er bzw. sie es sein soll und sonst kein anderer mehr.

In einem Fall, an das ich mich besonders gut erinnern kann, da geriet die zukünftige Ehefrau sehr, sehr, sehr ins Schwärmen.

Sie redete unablässig von „Ewiger Liebe“ und davon, dass man verheiratet die Gewissheit hat, dass man wirklich zusammengehört.

Dem Bräutigam war das wohl ein wenig peinlich, so dass er sie irgendwann stoppte: „Na ja, es heisst doch: Bis der Tod uns scheidet.“

Auch die größte Liebe unter Menschen hört irgendwann auf – und wenn man sie mit ins Grab nimmt; spätestens von da an ist diese Liebe nur noch sehr einseitig und geht vom überlebenden Partner aus.

„Du bist aber unromantisch!“ brauste die Braut auf. „Liebst Du mich denn gar nicht über alles?“

„Doch schon“, entgegnete der Bräutigam entnervt, „aber ewig hält gar nichts. Nicht einmal unsere Liebe!“

Die Braut versuchte sich Hilfe bei mir, ihrem Pfarrer, zu holen: „Sie reden doch in den Kirchen ständig von der Liebe und von der Ewigkeit! Wo wenn nicht jetzt und hier bei einer Hochzeit, noch dazu vor Gott und seiner Gemeinde, lohnt es sich denn, von ‚ewiger Liebe‘ zu reden?“

Ich hielt einen Moment inne, musste das erst einmal sacken lassen. „Sie haben beide recht“, erwiderte ich diplomatisch, „aber so unromantisch es auch sein mag: Ihrem Mann kann ich aus meiner Sicht insgesamt eher zustimmen!“

Sie schaute mich verblüfft an: „Aber wo ist sie denn dann, die Ewige Liebe?“

Es ist ja so, dass wir nicht wissen können, was genau nach dem Tod ist. Die Maßstäbe für unser Leben hier auf der Erde werden wohl in Gottes Ewigkeit umgewertet sein.

Und überhaupt: „Ewig“ – das ist ein Begriff, der allein Gott zukommt. Nicht einmal das Universum ist, folgt man der aktuellen Mehrheitsmeinung der Astronomie, ewig, sondern hat zeitliche Grenzen.

Wie können wir dann in so einer sehr kurzen Zeit, wie sie unser Leben in Anspruch nimmt, von ewiger Liebe reden?

Das können wir, wenn wir verliebt sind. Das können wir gut und gern, wenn wir romantisch veranlagt sind.

Aber wir dürfen gleichzeitig wissen, dass die blumige Sprache der Liebe und der Romantik eben nicht unbedingt realistisch ist.

Und spätestens vor dem Scheidungsrichter, sollte die Ehe in die Brüche gegangen sein, spätestens da wird auch der überschwänglichste Romantiker den Begriff „ewig“ für die eigene Liebe ausklammern wollen. „Ja damals“, heisst es dann.  „Da habe ich noch an die ewige Liebe geglaubt. Aber jetzt, wo ich gemerkt habe, wie sie wirklich ist…“

Sich verliebt anschauen und romantisch dem anderen Ewige Liebe schwören ist das eine – ein anderes ist die Frage, wie die Realität aussieht.

Und die ist meistens ja nicht ganz so rosig. Zumindest nicht in Ewigkeit.

Der Apostel Paulus hat mit dem heutigen Predigttext einen geradezu philosophisch wie theologisch genialen Vorschlag gemacht, wie man leben soll.

„Haben, als hätte man nicht“, kann man das ganze überschreiben.

„Wenn du eine Frau hast, sollst du sein, als hättest du keine.“

Haben ist hier im Sinne von besitzen zu begreifen. Und das ist ja damals wie heute aktuell.

Damals deshalb, weil Menschen in unglaublichem Maße tatsächlich und rechtlich abhängig waren von anderen: Der Sklave von seinem Herrn, der Klient von seinem Patron. Die Ehefrau von ihrem Ehemann.

Und heute nicht mehr eine rechtliche Abhängigkeit und Unterordnung, aber dennoch eine Tatsächliche, die durch das Miteinander und Gegeneinander von Menschen entsteht.

Eifersüchteleien, angebliche Rechte gegenüber dem Partner sowie Gewalt in der Ehe sind mitten unter uns.

„Haben als hätte man nicht“, ermahnt uns der Apostel Paulus.

Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand, weil ihr der Klügere seid gegenüber eurer Ehefrau. Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand gegenüber eurem Ehemann, weil ihr den besseren Draht zu den Kindern habt.

Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand, weil ihr es seid, die das Geld verdienen, während der Partner – sei es als Hausmann oder als Hausfrau – für Haus und Kinder sorgt und ihn bzw. sie mit einem Taschengeld abspeist.

Lebt so, als hättet ihr nicht die Oberhand. Lebt so, als wäre Euer Partner nicht euer Besitz, sondern etwas ganz kostbares, das euch gegeben ist, damit ihr Euer Leben besser leben könnt als ohne ihn oder sie.

Paulus setzt da ja noch einiges drauf. Er schreibt weiter:

Die Menschen sollen so sein:„die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht“

Der erste Gedanke, der hier kommt ist, ist der an eine griechisch-römische philosophische Schule, die sogenannte „Stoa“.

Bei dieser Philosophenschule, die zur Zeit des Paulus groß in Mode war, ging es darum, möglichst in Seelenruhe und Gelassenheit die Welt zu betrachten bzw. möglichst in emotionaler Selbstbeherrschung zu leben.

Meint Paulus etwa das, wenn er sagt, dass man, wenn man weint, so sein soll, als weinte man nicht? Oder wenn er denen, die sich freuen empfiehlt, so zu sein, als freuten sie sich nicht. Der Hörer der damaligen Zeit muss das sofort assoziiert haben – wir heute aus der Distanz zur antiken Welt lebenden haben es da besser. Wir hören das nicht, sondern fragen uns eher: Wie um Himmels willen soll das denn gehen? Was meint Paulus?

Wir müssen den vorangegangenen Satz hinzunehmen: „Die Zeit ist kurz“, sagt er da. Oder, im griechischen Original so viel treffender: „Der Zeitpunkt ist zusammengeballt.“

Das heißt soviel wie: Ihr lebt schon mitten im anbrechenden Reich Gottes. Schafft euch selbst nicht neue Götter, indem ihr eure eigenen Lebensbezüge für so wichtig nehmt! Habt stattdessen im Hinterkopf: Ich brauche eigentlich nicht zu weinen, wenn ich traurig bin: Das Wesen dieser Welt ist am vergehen. Gott ist unmittelbar dabei, mit dem Evangelium von Jesus Christus etwas Neues zu schaffen.

Ja sicher: Es gibt viel Schlimmes, Entsetzliches, Trauriges. Auch hier in unserer Gemeinde, auch hier heute Morgen unter uns gibt es sehr viel, über das man weinen könnte und freilich auch darf.

Paulus würde das auch nie verurteilen, in Trauer oder nach schlimmen Erfahrungen zu weinen. An anderer Stelle, im Römerbrief 12,15, empfiehlt er sogar:

„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“

Hier aber sagt er: Seid so, ihr Weinenden, als weintet ihr nicht.

Auch hier geht es darum, ganz ähnlich wie im Beispiel des beherrschenden Partners, als würde man dieses Weinen besitzen. Als würde man ganz und gar von dem gefangen sein, was gerade um einen herum geschehen ist und geschieht.

Stattdessen will Paulus, dass wir den Blick auf das wirklich Wesentliche lenken. Und das ist nicht diese Welt, denn diese Welt ist am vergehen.

Vor der Größe Gottes wird unser Leben doch ganz klein, unsere Traurigkeiten ganz unbedeutend – allerdings nur dann, wenn man verstanden hat, dass Gott für uns da ist.

Ohne das ist Gott vor der ganzen Größe des Universums nur eine weitere Größe, die unser Leben noch anstrengender, ja geradezu noch niederschmetternder und sinnloser machen könnte.

Der Atheist und Philosoph Friedrich Nietzsche hat daraus die einzig richtige Konsequenz gezogen: Vor dem Hintergrund, dass es keinen Gott gebe und dadurch dann auch auf lange Sicht rein gar nichts wichtig ist und Bestand hat, ist alles nichtig.

Diese Form des Nihilismus, wie man es dann genannt hat, zwingt dazu, das eigene Leben nicht länger wichtig zu nehmen – allerdings um den Preis der totalen Bedeutungslosigkeit von allem. Auch der eigenen Sinn- und Bedeutungslosigkeit von einem selber. Dass Nietzsche über diesen Gedankengang wahnsinnig wurde und in geistiger Umnachtung starb, verwundert dann auch nicht länger. Hat man einmal in den Abgrund des Nichts geblickt, ist das für uns Menschen nur dann zu ertragen, wenn wir wegschauen oder uns diesen Abgrund allen Seins schönreden.

Ein wenig so wie die romantisch veranlagte Braut mit ihrer „Ewigen Liebe“!

Für den Apostel Paulus sind Nihilismus und die Abgründe der menschlichen Existenz zwar noch nicht ausgesprochen, aber doch frielich bereits mit Händen greifbar.

Er kehrt den depressiv machenden Gedanken an die Nichtigkeit der Welt allerdings um. Er behauptet dabei nicht, dass die Welt an Sinnhaftigkeit durch unser Tun gewinnen würde – aber er weiß aus eigener Erfahrung, dass der gesamte Kosmos ein Ziel hat, das von Gott gegeben  ist. Unsere jetzige Zeit, die wir erleben, ist ein kleiner zusammengeballter Zeitpunkt, bei dem wir das große Glück haben, von dem Ereignis etwas zu erfahren, das der Welt Richtung und Ziel gibt.

„Haltet euch nicht fest an den Dingen, die ohnehin vergehen! Setzt diese nicht absolut. Richtet euch darauf ein, dass Gott mit euch noch viel mehr vorhat. Euer Lachen und euer Weinen werden nichts sein im Vergleich zur Ewigkeit Gottes.“

Die ganze Jagd nach dem Glück, in die ich selbst auch verstrickt bin, das räume ich unumwunden ein, diese ganze Jagd ist doch wirklich lächerlich, wenn wir uns klarmachen, was eigentlich wirklich wichtig ist. Genauso all die Traurigkeiten: Was kann denn eigentlich noch schlimm sein im Angesicht der ewigen Gemeinschaft mit Gott? Schlimm wäre das alles hier, wenn sich am Ende herausstellen würde, dass kein Gott da ist. Dem Paulus geht es also in seiner Überlegung des „Habens als hätte man nicht“ um das Bekanntwerden mit den realen Verhältnissen zwischen Mensch, Welt und Gott. Und vor Gott, ich sagte das bereits, wird alles ganz klein.

Mein Lieblingsphilosoph, Immanuel Kant, der nur das glauben wollte, was man auch beweisen konnte, sah sich in verzweifelter Situation, als er feststellen musste, dass keiner der Gottesbeweise der Welt des Mittelalters stichhaltig genug waren, um als echte Beweise zu gelten. Auch seine eigenen Versuche, das Vorhandensein Gottes zu demonstrieren, scheiterten letztendlich daran, dass sich Gott unseres Zugriffes entzieht.

Ihm fiel dann nicht viel mehr ein als ein „als ob“ einzufügen. Leben, „als ob“ es Gott gibt. Leben, „als ob“ eine höchste Macht im Kosmos vorhanden ist, die uns gerade im Bereich des Moralischen zu Höchtleistungen bringen kann. Kant ahnte: Bricht auch dieses „als ob Gott da wäre“ weg, sieht es um die Menschheit schlecht aus. Wie recht er damit hatte sieht man an den Diktaturen der Sozialisten und Nationalsozialisten, deren Ideologie aus einer Verstümmelung der Ethik Kants heraus geronnen ist – freilich über Weiterentwicklungen bei Denkern wie Hegel, Marx und Nietzsche, um nur die Wesentlichen zu benennen.

Der Mensch, der selbst Gott sein will und diese Welt für wirklich wesentlich hält, scheitert – spätestens mit dem eigenen Tod.

Es mag dann ein Trick sein, Gott im „als ob“ vorauszusetzen – ein Trick des Unglaubens, in dieser Welt zu bestehen – aber er erscheint mir immer noch besser als der Nihilismus, der allem seine Grundlage entzieht.

Aber: Auf wackeligem Boden bewegt sich derjenige, der  im „als ob-Gottes“ lebt.

Anders derjenige, der erfahren hat, dass Jesus Christus für ihn da ist. Der begriffen hat, dass das Sein dieser Welt zwar am Vergehen ist, das Reich Gottes aber mitten im Werden ist. Da wird einem dann auch vor dem Kältetod des Universums und den Schrecken, die wir erleben, nicht mehr bange. Angstfrei können wir nach vorn und in die Zukunft blicken, da wir wissen, dass Gott sich für uns hingibt und uns liebt.

Aber wie ist es denn nun mit der Ewigen Liebe? Irgendwie muss sie ja doch da sein, sonst würden nicht so viele Leute darüber reden!? Oder irren sich all die vielen?

Sie irren sich, wenn sie meinen, dass sie es sind, die diese Ewige Liebe herstellen könnten. Sie irren, wenn sie meinen, dass wir Menschen etwas tun könnten, das ewigen Bestand hat.

Aber sie liegen genau richtig, wenn diese Ewige Liebe aus dem Glauben an Gott heraus fließt.

Sie liegen genau richtig, wenn sie ihre eigene Liebe zum Partner als ein Abbild der Ewigen Liebe Gottes begreifen.

In dem Moment, wo man im Glauben seine Liebe zum Partner hat, hat man auch Anteil an der Ewigen Liebe Gottes.

Und diese Liebe, die können wir nun einmal nicht erreichen, daher ist es für uns sinnvoller, sie auch nicht krampfhaft besitzen zu wollen.

Arbeiten an der eigenen Liebe, das wohl. Im Bemühen darum, sie zu erhalten, müssen wir sie pflegen. Denn auch wenn das Wesen dieser Welt vergeht, sind wir ja noch mittendrin!

Martin Luther brachte das einmal in ein sehr schönes Bild. Er sagte:

„Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der von der Erde bis an den Himmel reicht.“

Zugegeben: Erneut blumige, romantische  Sprache. Aber eben eine, die wahrscheinlich sogar noch hinter der Realität Gottes zurücksteht, dessen Liebe eben eine Ewige ist und bleibt.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

5. Sonntag nach Trinitatis 2012: „Gott 9.0“ – Tikki Küstenmachers Buch und seine Gottesbilder (Gen 12,1-4)

Von Pfarrer Marvin Lange

Gott 9.0. Tikki Küstenmachers Buch und seine Gottesbilder anhand von Gen 12,1-4.
Predigttext: Gen 12,1-4a
Prediger: Pfarrer Marvin Lange
Ort: Ev. Fulda-Bonhoeffer-Kirchengemeinde
Predigtjahr: 2012

[1] Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. [2] Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. [3] Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. [4a] Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.


Liebe Gemeinde,
einen kurzen Abschnitt, es ist der Anfang der Abrahamsgeschichte, haben Sie da eben gehört.
Und wie so oft, wenn biblische Predigttexte eher kurz sind, dann bieten sie eine Fülle an Inhalt, die auf den ersten Blick gar nicht bemerkt wird.
Der erste Blick nimmt nur dieses wahr: Gott fordert den Abram auf, in ein Land zu gehen, das er ihm noch zeigen will; dass er daraufhin die Nachkommen Abrams zu einem großen Volk machen wird, er sie segnet. Zudem will Gott diejenigen segnen, die Abraham und sein Volk segnen und verfluchen, wer dieses Volk verflucht. Im Anschluss erfahren wir noch, dass Abram tut, wie Gott es befohlen hat, im Schlepptau den Lot, seinen Vetter. Und wir erfahren, dass er zu dem Zeitpunkt 75 Jahre alt gewesen sein soll – ein Alter, in dem in Deutschland kaum einer eine solche Reise ins Ungewisse wagen würde. Und der Ausgangspunkt der Reise ist Haran, eine Stadt im heutigen Irak.

Liebe Gemeinde,
ich möchte Sie heute Morgen mitnehmen, anhand dieser wenigen Verse, anhand dieser kleinen Geschichte, ihr persönliches Gottesbild zu erkunden.
Wie stellen Sie sich eigentlich Gott vor?

Jeder unter uns hat da ein etwas anders geartetes Bild.
Am einfachsten kann man das daran erkennen, wie Kinder an Gott glauben: Gott ist im Himmel, da oben bei den Wolken, und wir sind hier unten auf der Erde.
Wenn es blitzt und donnert, schieben die Engel Kegeln im Himmel und wenn ein Sonnenstrahl durch die Wolken fällt, hat Gott mit seinem Finger dort das Land berührt.
Gott sitzt auf einem Thron in den Wolken, hat einen langen Bart und schaut, ob seine Geschöpfe, Menschen und Tiere, auch alles richtig machen.

Ein gängiges Bild Gottes für Menschen zwischen 3 und 12 Jahren. Und auch in meiner 9. Klasse, das sind immerhin 15-16-Jährige, war es noch sehr verbreitet – verbunden mit dem Hinweis: Aber wir glauben nicht an Gott.

Ich muss dann immer schmunzeln, wenn mir das jemand sagt im Zusammenhang mit dem Gott in den Wolken, weil ich ihm einfach antworten muss: „An den Gott glaube ich auch nicht.“
Und wenn ich an einen solchen Gott glauben würde, wäre ich ein Mensch des Hochbarock, ein Kind oder doch sehr naiv.
Das Erstaunen ist dann bei meinem Gegenüber meist groß und verkehrt sich schnell in Verwirrung: „Der Pfarrer glaubt gar nicht an Gott“, denkt dann manch ein Erwachsener, der den Rauschebart-Gott in seinem Leben zuletzt als 13-Jähriger geglaubt hat.

Liebe Gemeinde, das ist ein Gottesbild, das viele von uns einmal hatten, das aber hoffentlich alle hinter sich gelassen haben.
Wenn ich zu Euch also dahingehend spreche, dass wir unterschiedliche Gottesbilder in unseren Köpfen mit uns herumtragen, dann meine ich damit nicht unbedingt,
ob man an Jesus als den Auferstandenen glaubt,
oder an eine philosophische Transzendenz,
an Allah
oder Gott den HERRN,
nicht einmal, ob man gar nicht glaubt,
sondern ich meine das, was sich dahinter verbirgt.
Auch derjenige, der nicht an Gott glaubt, hat ein Gottesbild, das er für so unwahrscheinlich hält, dass es ihm unmöglich ist, daran sein Herz zu hängen.
Und manch einer, der Jesus im Herzen zu haben meint, dessen Gottesbild ist nicht viel weiter als das von den verrückten Salfisten, die in den Innenstädten mit kostenlosen Koranausgaben missionieren wollen und in Deutschland Schariarecht einfordern.

Aber von Anfang an!
Laut dem überaus empfehlenswerten Buch „Gott 9.0“ von Tikki Küstenmacher kann man momentan 8 bis 9 Gottesbilder ausmachen, die es in der gesamten Menschheit gibt.
Diese Gottesbilder werden von ihm abgestuft dargestellt von Gott 1.0 bis Gott 9.0., analog zu Computerprogrammen und technischen Geräten, die derzeit auf den Markt geworfen werden.

Da ist zum Beispiel das Gottesbild 4.0, das in unseren Kirchen landauf landab geläufig ist – und dessen Unflexibilität eine große Schuld daran hat, dass die Kirchen oft leer sind und Gott von vielen modernen Menschen nicht ernst genommen wird.
Dieses Gottesbild ist das des ewigen Richters, der straft und Sünden vergibt, der zuständig ist für ewige Wahrheit und eine höhere Ordnung.

Oder da ist das Gottesbild 5.0, das besonders im Protestantismus viele Anhänger hat und für Freiheit im Glauben steht – eine Freiheit, die dann aber auch verbunden ist mit kritischer Auseinandersetzung mit der Bibel, mit Jesus, mit Gott.
Rationalität und Wissenschaftlichkeit zeichnen diesen Gottesbegriff aus und er ist der Gott, den viele heute bräuchten, aber leider nie kennen gelernt haben, da es sich Pfarrer und Lehrer gern einfach machen und lieber den Gott der höheren Wahrheit ihren Schülern beibringen, statt den Gott der kritischen Vernunft auf sie loszulassen.

Das, was ich nun gleich anhand unseres Predigttextes exerziere, ist hoffentlich dem Gottesbild der Freiheit und der Wissenschaftlichkeit geschuldet.
Obwohl ich einräumen muss, dass mir das Gottesbild 7.0 mehr behagt, da dieses in der Lage ist, die Gottesbilder aller Menschen zusammenzuschauen.
Also dem Kind den Kinderglauben zu lassen, dem starr am orthodoxen Luthertum hängenden nicht reinzureden in sein Gottesbild, aber doch Hinweise zu geben, wie man sein Gottesbild erweitern könnte.

12,1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Was für ein Gottesbild haben wir mit dem Beginn dieser uralten Geschichte?

Es ist das Gottesbild von Familie, Clan und Stamm, das Sicherheit und Vertrauen schafft.
Gemeinsam in der Gruppe, gemeinsam als Clan überleben wir in der lebensfeindlichen Umwelt, da uns Gott dabei hilft.
Wir müssen beisammen bleiben, wir müssen die Familiengötter hochhalten, die überlieferten Rituale in Feuer und Wasser durchführen, dann wissen wir Gott auf unserer Seite.

Heute ist dieses Gottesbild oft bei jungen Familien anzutreffen, die ihr Kind taufen lassen möchten.
Die Taufe wird dann oft verstanden als ein magischer Schutz, der das Baby vor den Gefahren des Alltages bewahrt.
Und mit der gemeinsamen Anstrengung als Familie erleben sie im Taufritual Sicherheit und Heil.

Und dieses Gottesbild 2.0 wird auf einmal auf eine harte Probe gestellt: „Geh aus deinem Vaterland. Verlass deine Verwandtschaft“, heißt es auf einmal.
Gott 2.0 würde so etwas niemals sagen. Ein neues Gottesbild bricht sich in der Abrahamsgeschichte Bahn. Gott 3.0 löst den reinen Familiengott ab und zeigt in den folgenden Versen sein zornrotes Gesicht:
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

Es ist der erste Umschwung hin zum Kriegsgott Jahwe, der für die Menschen des endenden 2. Jahrtausends auf einmal viel plausibler wurde als der der Totems, Familiengottheiten und der Stämme.
Nicht umsonst wird Abraham als Vater des Monotheismus nicht nur im Christentum, sondern selbstverständlich auch im Judentum und im Islam bezeichnet.

Ausbruch und Eroberung, heroische Taten im Namen Gottes und Abenteuer für den Glauben: Das ist es, was an Gottesbild hinter den beiden Versen um Segen und Fluch steckt.
Die Perspektive des Strammes wird erweitert: „Mit mir im Rücken wirst du zu einem großen Volk, wenn du mir opferst, an mich glaubst, will ich dir einen großen Namen machen. Wenn du an meiner Seite bleibst, dann werden diejenigen, die an deiner Seite sind, genauso gesegnet wie du. Und freilich: Wer gegen mich ist, der wird verflucht.“

Ein bisschen kann man den Eindruck gewinnen, dass dieses Gottesbild das der Pubertät der Menschheitsgeschichte ist.
Der Gott von Zorn und Übermut.
Ein Gott für Kreuzfahrer und Jihadisten, für Ikonoklasten und egoistisch Gläubige. Wenn ihr dieses Gottesbild in der Bibel sucht, blättert mal ein wenig im Psalter und im Buch Richter. Da werdet ihr fündig!

Dennoch: Eine Weiterentwicklung des Familiengottesbildes, das schon!
Aber kaum ein Gott, an den die meisten von uns glauben.
Wer von Euch denkt denn, dass Gott diejenigen verflucht, die dich verfluchen?
Wem unter euch würde das denn die große Glaubenszuversicht bringen, wenn Gott sagen würde: „Aus dir und deinen Nachkommen will ich ein großes Volk machen…“?

Es sind tatsächlich unter Europäern vor allem Jugendliche mitten in der Pubertät, die so denken, und Kleinkinder im Alter von 2-4 Jahren, die sich voller Zorn auf dem Boden wälzen, wenn nicht alles so geschieht, wie sie es für richtig halten.
Ich erinnere mich gut daran, wie ich einmal als 16jähriger nachts heimlich zu meiner damaligen Freundin aufgebrochen bin, und mit dem ersten Bus am nächsten Morgen heimfuhr: Und beständig betete, dass mein Vater mich bloß nicht erwischen möge – Ich weiß nicht mehr, was ich Gott alles versprochen habe, aber tatsächlich krabbelte ich morgens um halb sechs müde in mein Bett ungesehen und unbemerkt.

Ich vermute, die wenigsten unter euch finden sich hierin wieder, auch wenn die meisten dieses Gottesbild in sich verinnerlicht haben dürften aus dieser Zeit der Jugendlichkeit.

Das ist ja auch nicht weiter schlimm.

Momentan sind es unter erwachsenen Menschen vor allem religiöse Fanatiker jedweder Religion, die das Gottesbild Gott 3.0 mit angespannten Brustmuskeln vor sich her tragen. Die islamistischen Jihadisten, die eine große Umma, eine weltumspannende Gemeinschaft aller Muslime erwarten, die als sogenannte Märtyrer ins Paradies eingehen wollen, die glauben Gott auf diese Weise.
Es wäre jetzt ein Missverständnis, das Gottesbild Abrahams ebenso abzuwerten wie das der Irren von Timbuktu oder von Kabul heute.

Es handelt sich um eine Weiterentwicklung, eine neue Stufe der Gottesbegegnung.
Jesus selbst hat große Anteile an diesem Gottesbild, wenn er sagt, dass er keine Brüder, Schwestern und Eltern hat als diejenigen, die Gottes Willen tun.
Oder wenn er im Tempel die Händler und Tiere mit einer Peitsche heraustreibt!
Oder die Dämonen besiegt.

Unser Leben, unser eigener Glauben, ist voll des Gottesbildes 3.0, das Abraham aus seinem Vaterland herausführt.
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, könnte heute ein Kirchentagsmotto sein, hat aber hinter sich den starken Gott 3.0, der mich stark macht.

4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Aber es ist nicht nur Gott 2.0 der Familie und Gott 3.0 der Macht, mit dem wir es in unserem kurzen Text zu tun bekommen. Es ist auch Gott 4.0 dabei, das Gottesbild der Wahrheit und Weisheit.
Abraham wird ein hohes Alter gegeben um auszudrücken:
Der hat große Weisheit, nur jemand mit viel Erfahrung lässt sich auf solch eine Verrücktheit ein. Ein jüngerer Mann würde doch – ganz im Gottesbild 2.0 stehend – an die Gründung einer Familie denken, an Sicherheiten und so fort.
Nur der an einer höheren Wahrheit festhaltende ist in der Lage, dem Befehl Gottes blind zu folgen. Nur jemand, der priesterlich oder prophetisch handelt, der Gott gehorcht.
Und das ist es, was Abraham tut!
Ohne nachzufragen unterwirft er sich der höheren Ordnung Gottes und gehorcht Gott.
Das ist das Gottesbild, das Küstenmacher als Gott 4.0 bezeichnet.

Vorhin sagte ich, dass dieses Gottesbild 4.0 unsere Kirchen sehr stark prägt.

Liebe Gemeinde,
meiner Auffassung nach prägt es sie nicht nur, sondern beherrscht sie geradezu.
Und das macht die Kirche im Gesamten für viele Menschen in Deutschland oft unattraktiv.

Der Gott der höheren Ordnung weiß alles, seine Heilige Schrift wird unhinterfragt als „Wort Gottes“ bezeichnet, auch dann, wenn Fehler und Ungereimtheiten offensichtlich sind,
Gott verlangt den Sühnetod Jesu am Kreuz, weil andere Schuld auf sich geladen haben,
Gott soll angefleht werden um Barmherzigkeit und sein Wohlwollen.
Die Wunder sind zu glauben mit der Begründung, dass man manches eben nicht wissen und verstehen kann.

Kaum jemand, der unserer Kirche fernsteht, käme wohl heute von sich aus auf die Idee, sich Gott so vorzustellen.
Er würde sich wohl an den Kopf fassen und die Gläubigen als antiquiert und autoritätshörig bezeichnen.
Und ich würde ihm Recht geben: An diesen Gott glaube ich nicht!

Auch wenn Gott 4.0 eine große Revolution gegenüber dem Gott des Ausbruchs und Zornes ist, er die Gemüter beruhigt und in gemeinschaftliche Bahnen lenkt, ist es längst an der Zeit, dieses Gottesbild von Schuld und Vergebung zu erweitern.

Heute dürfen wir mit unserem aufgeklärtem Gottesbild 5.0 fragen:
War diese Geschichte, die Abrahamserzählung, war das wirklich so?
Hat sich das wirklich so zugetragen?

Und da kann ich all diejenigen, die ein wenig skeptisch sind, beruhigen:
Nein.
Natürlich war das nicht so.
Abraham soll um die 1600 v. Chr. gelebt haben.
Die Erzählungen um ihn und die anderen Erzväter Isaak und Jakob sind aber nicht vor dem 9. Jahrhundert aufgeschrieben worden.
Die Geschichte ist geradezu archetypisch.
In Abraham treffen wir auf eine Gestalt, die von vielen verschiedenen Personen und Orten beeinflusst und in einer Person zusammengeschmolzen ist.
„Den“ Abraham, wie er uns in der Bibel gezeigt wird, den wird es wohl nie gegeben haben. Lesen Sie doch mal ab Genesis 12; das sind wunderschöne, spannende Geschichten.
Aber eben nur das:
Geschichten, nicht Geschichte!

Und was ist jetzt mit Gott?
Wo ist der dann noch, wenn das alles nur eine Erzählung ist, die von Gott und Abraham handelt, die aber so nie stattgefunden hat?

Gott ist eben genau da: In der Erzählung!
Ob sich das 1:1 so zugetragen hat, ist für uns heute ziemlich belanglos.

Von Belang ist allerdings, dass Menschen Erfahrungen mit Gott gemacht haben – Erfahrungen, die wir heute hören und die wir für unser Leben fruchtbar machen können.

Und diese Erfahrungen haben sie aufgeschrieben.
Der Name „Haran“ für den Ort des Aufbruchs Abrahams ist doch nur deswegen genannt, weil zum Zeitpunkt der Verfassung dieser Erzählung das Volk Israel in Gefangenschaft in ebendieser Region saß.
Dass er gemeinsam mit seinem Vetter Lot loszieht in das verheißene Land: Das ist doch bloß die Aufforderung, dass die an den Wassern zu Babylon sitzenden Juden es mutig genauso tun sollen.
1000 Jahre nach Abraham wird diese Geschichte für das Volk Gottes zu einer Geschichte Gottes mit dem Gründer dieses Volkes!

Und der Hinweis, dass mit dem Segen Abrahams alle Völker der Erde gesegnet sein sollen, ist nicht bloß die enge Sicht eines Gott 3.0, sondern es ist die universale Perspektive des Monotheismus gemeint, die sich erst mit dem Gottesbild 7.0 Bahn bricht.

Bis dahin, liebe Gemeinde, ist es noch ein weiter Weg.
Und wer sich jetzt etwas überfahren fühlen sollte, dem kann ich direkt sagen:
Ist ja nicht schlimm, wenn dein Gottesbild intakt ist und du von ganzem Herzen glaubst. Freu dich daran und arbeite weiter an dem, wie du Gott siehst.
Aber denjenigen unter euch, die mehr wollen als das wenige, was ich hier und jetzt bloß angedeutet habe, die sind vielleicht schon auf dem Weg hin zu weiteren Stufen des persönlichen Glaubens.

Allen aber – ob nun unverstanden oder unbefriedigt – empfehle ich dieses Buch Gott 9.0 von Küstenmacher;
und zur persönlichen Vertiefung lade ich alle ein, Ende August zu dem Glaubenskurs, den Pfr. Schmidt-Nohl gemeinsam mit mir hier im Bonhoeffer-Haus für die Gesamtgemeinde anbieten wird, zu kommen.

Und egal welches Gottesbild du hast: Im Glauben an Christus und als Erbe Abrahams gilt für dich die Zusage und der Auftrag Gottes:
„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!“

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn ein Christus Jesus. Amen.

12. Sonntag nach Trinitatis 2012: Festpredigt von Propst Bernd Böttner: 40 Jahre Bonhoefferhaus am 26.08.2012 (Apg 3,1-10)

Von Propst Bernd Böttner

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

Predigttext Apostelgeschichte 3, 1 – 10:

1 Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit.
2 Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.
3 Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen.
4 Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an!



5 Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge.
6 Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!
7 Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest,
 

8 er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
9 Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.
10 Sie erkannten ihn auch, dass er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.

 

Liebe Gemeinde!

Schritt für Schritt, Stufe um Stufe gehen Petrus und Johannes hinauf zum Tempel in Jerusalem. Im hellen Sonnenlicht nehmen sie den Weg, es ist fünfzehn Uhr am Nachmittag, sie wollen zu der zweiten von den drei Gebetszeiten im Tempel. So wie sie es gewohnt sind als fromme Juden. Petrus, der Ältere, und Johannes, der Jüngere, haben sich von Jesus rufen lassen in seine Nachfolge und berufen lassen zu Aposteln, zu Botschaftern der guten Nachricht. Ausgerüstet mit dem heiligen Geist haben sie frei und mutig in Jerusalem öffentlich gepredigt und getauft auf den Namen Jesu Christi. Und doch gehen sie weiterhin auf den vertrauten Pfaden des Glaubens, in dem sie von ihren Müttern und Vätern erzogen worden sind.

Denselben Weg wurde wahrscheinlich schon am frühen Morgen ein Gelähmter getragen, vielleicht von Freunden oder auch von seiner Familie. An einem Eingang zum Tempel, an der Schönen Pforte, haben sie ihn abgesetzt, damit er um Almosen bettelt. Das scheint ein guter Platz zu sein. Hier geben die Leute ordentlich. Wer lässt sich auf dem Weg zum Gottesdienst nicht anrühren von dem Leid der anderen? Auf dem Weg zum Gebet wird man empfindlich, wer sein Herz für Gott öffnet, verschließt es nicht so leicht seinen Mitmenschen.

So wird es auch Petrus und Johannes gegangen sein, als sie auf dem Weg zur Schönen Pforte die weniger schöne Gestalt davor in den Blick genommen haben. Vielleicht sind ihnen auch noch andere Gedanken durch den Kopf gegangen, die auch uns – Hand aufs Herz – manchmal durch den Kopf gehen: Muss man diese Situation so schamlos ausnutzen? Ich fühle mich genötigt, etwas zu geben, ohne dass ich wirklich prüfen kann, ob der andere es nötig hat. Wären da nicht andere Hilfen viel notweniger? Aber die jetzt anzusprechen, dafür ist keine Zeit – und dann könnte das ja auch noch so ausgelegt werden, als wolle ich nicht wirklich helfen und mich nur herausreden.

Also was tun? Das Gesangbuch fester fassen, schneller gehen und so tun, als habe man nichts gesehen? Oder schnell einen Euro geben und dann weiter?

Weder das eine noch das andere tun Petrus und Johannes. Die beiden bleiben stehen, halten der Situation stand und sehen hin. Der Mensch am Boden merkt, da stehen ihm welche im Licht. Er hört sich die Worte sagen, die er immer sagt. Er sieht abwechselnd auf die Hände der beiden und in seine Mütze. Was er sieht und wahrnimmt, das sind die potentiellen Spender. Aber das vertraute Geräusch einer fallenden Münze bleibt aus. Kein Nesteln am Geldbeutel, kein Münzengeklimper. Stattdessen ein Moment der Stille, diese Blicke und dann die Worte: „Sieh uns an!“

Was soll denn das? Sonst bemerken ihn die Passanten schon von weitem, holen das Geld hervor und lassen es offensichtlich oder auch dezent in die Mütze fallen.
Wollen die beiden ganz sicher gehen, dass ich sie in ihrer gönnerhaften Pose wahrnehme? Springt da jetzt mehr heraus als sonst? Wird das ein guter Tag heute? Oder doch nicht? Also kein Geld? Vielleicht sogar eine Beschimpfung oder eine sachliche Begründung für das Nichtsgeben?

Es kommt alles ganz anders. Und es beginnt mit dem Hinsehen und Ansehen. Im Hinsehen und Ansehen kommt der Gelähmte als Mensch in den Blick, seine ganze Person, sein ausdruckloses Gesicht, seine blinzelnden Augen, aber auch die wenigen Hoffnungsfunken über dem großen Ozean der Resignation, seine bescheidenen Erwartungen und sein Wunsch, dass die anderen mehr in ihm sehen können als nur den, der schon mit einem Almosen zufrieden gestellt werden kann.

Alles das kann aber nur dann in ihm und an ihm wahrgenommen werden, wenn er wirklich in den Blick genommen wird, wenn da eine Beziehung hergestellt wird zwischen ihm und den anderen, wenn die, die sich hier begegnen, wirklich die Konfrontation aushalten, auch die Konfrontation mit einer möglichen Veränderung, die nicht ohne Folgen bleiben wird, weder für die, die wirklich helfen wollen, noch für den, dem geholfen werden soll.

Und dann spricht Petrus die denkwürdigen Worte: „Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, gebe ich dir!“

Ob Petrus sich in diesem Moment erinnert hat an ein Lehrstück, das die Jünger mit Jesus hatten? 5000 waren Jesus nachgefolgt an einen einsamen Ort. Jesus hatte dort vom Reich Gottes gepredigt. Es war Abend geworden und die Leute hatten Hunger. Die Jünger sahen keine Möglichkeit, den Menschen zu Essen zu geben und forderten Jesus auf: „Schick sie weg!“ Doch Jesus tut ihnen diesen Gefallen nicht, vielmehr fordert er sie auf: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Jetzt besinnen sich die Jünger auf die Ressourcen besinnen, die vorhanden sind. Sie sind nicht gerade üppig, aber sie sind vorhanden: Fünf Brote und 2 Fische. Im Teilen vermehrt sich das Wenige und reicht am Ende für alle.

Das Geld war Petrus und Johannes offensichtlich ausgegangen. Mit frommen oder schlauen Worten können sie den Gelähmten auch nicht abspeisen. Also besinnen sie sich auf eine andere Ressource, auf einen Namen, genauer gesagt auf den Namen Jesus Christus.

Das ist weder der Name eines berühmten Orthopäden noch eines bekannten alternativen Mediziners. Jesus Christus ist der Name des Nazareners, dem sie nachgefolgt sind. Später wird Petrus mehr von Jesus erzählen, was er gepredigt und getan hat, dass er gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Dieser Jesus hat auch dem Gelähmten die Kraft gegeben aufzustehen, auf seinen eigenen Füßen zu stehen, erste Schritte zu gehen und schließlich sogar zu tanzen und zu springen.

Petrus erinnert sich an eine Ressource, über die er nicht einfach verfügen kann und die er dennoch aufruft. Er selbst ist es nicht, der wirkt was hier geschieht. Gott selbst ist es, der gesund machen kann, der Leben und Sterben in der Hand hält.

Was wäre geschehen, wenn der Gelähmte trotz der Aufforderung, trotz des großen Glaubens der beiden Apostel nicht hätte aufstehen können? Das ist eine berechtigte Frage, die wir uns oft genug stellen in anderen Situationen unseres Lebens: Warum Gott, greifst du nicht ein? Warum lässt du Menschen nicht gesund werden, so wie wir es uns wünschen.

Das ist eine berechtigte Frage, die uns aber jetzt davon abbringt zu sehen, was hier geschehen ist: Jahrelang hat der Kranke an der Schwelle verbracht, ohne dass er den heiligen Ort selbst betreten konnte. Jetzt kann er den Tempel selbst betreten und mit den anderen Gott loben. Die anderen wundern sich: In Gottes Namen helfen, ja natürlich, aber wirklich gesund werden, geht das nicht zu weit? Ist das nicht überzogen? Soll man da nicht lieber auf dem Teppich bleiben?

Gut, dass Petrus und Johannes einmal nicht so gedacht haben, sonst säße der Lahme immer noch auf seinem Teppich vor der schönen Pforte und wäre nicht hindurch gekommen, hätte nicht erfahren können, dass Glaube und Kirche nicht nur etwas für Gesunde sind, sondern für alle.

Ich weiß wohl um die Bedeutung des Geldes, dass es vielen Notleidenden in unserem Land und erst Recht in unserer Welt gerade daran fehlt. Nicht zuletzt auch, um den Arzt oder Medikamente zu bezahlen. Almosen allein können einen Menschen nicht wirklich heilen, schon eher, dass Menschen einander ansehen mit den Augen Gottes, als Geschöpfe Gottes, als Schwestern und Brüder Jesu, in dessen Namen Heil zu finden ist, Heil, das weit mehr ist als Gesundheit, das aber auch dazu führen kann, dass Menschen gesund werden.

Mit diesen Gedanken bin ich, liebe Gemeinde, längst bei dem Namensgeber ihrer Gemeinde und ihres Hauses: Dietrich Bonhoeffer. In seinem Buch „Gemeinsames Leben“ beschreibt er wie der andere mir durch Christus zum Bruder wird, wie die andere mir durch Christus zur Schwester wird und wie sich dadurch unsere Beziehung grundlegend verändert.

Weitere Beziehungen zwischen dem Leben und Wirken Bonhoeffers und unserem heutigen Predigttext lassen sich aufzeigen.

„Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andre da ist“, schreibt er in seinen Briefen und Aufzeichnungen aus der Haft, „… sie muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend“.

Bonhoeffer hat diese Einstellung gelebt, er hat sie sich hart erarbeiten müssen. Im Herbst 1931 hat der junge Pfarrer und Privatdozent auf Anweisung der vorgesetzten Kirchenbehörde eine verwilderte Konfirmandenklasse im Arbeiterviertel Prenzlauer Berg in Berlin übernommen. „Das ist so ungefähr die tollste Gegend von Berlin mit den schwierigsten sozialen und politischen Verhältnissen“ schreibt er und fährt fort: „Anfangs benahmen sich die Jungen wie verrückt..“ Es ist spannend nachzulesen, wie Bonhoeffer, der aus gelehrtem und reichem Haus kommt, das Vertrauen dieser Jungen gewinnt. Das ist alles andere als ein für die damalige Zeit klassischer Konfirmandenunterricht. Moderne Erlebnispädagogen können staunend zur Kenntnis nehmen, dass er mit ihnen Fußball spielt, Ausflüge unternimmt, Schach spielt und Englisch lernt. Vor der Konfirmation besorgt er einen Ballen Stoff, von dem jeder seiner Jungs so viel bekommt, dass es für einen Anzug reicht.
Bonhoeffer, weiß, dass er die der Kirche entfremdeten Kinder nicht einfach in die Kirche zurückholen kann, sondern dass  er mit ihnen auf eine ganz unkirchliche Weise Kirche sein und leben muss.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, schon im Frühjahr 1933 hält Bonhoeffer einen Vortrag, in dem er ausführt, dass die Kirche den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet ist, auch dann, wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören. Darüber hinaus ist die Kirche aber nicht nur verpflichtet, die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.

Für Bonhoeffer gehört zusammen, was uns in unserem Predigttext bei Petrus und Johannes begegnet: Es beginnt mit einem Blick, es folgt das Wort und schließlich die Tat. Es geht um den ganzen Menschen, ihn mit den Augen Gottes zu sehen. So wird es möglich ihn in seiner Situation wahrzunehmen und anzusprechen mit dem Wort, das helfen und heilen kann und das Menschen verändern kann.

So für andere in der Gemeinde und darüber hinaus da zu sein, das können wir, wenn unser Glaube Kraft schöpft aus dem Gebet und aus der Gemeinschaft, die sich aus den Quellen speist, die Petrus und Johannes im Tempel, im Gebet, im Gottesdienst suchen.

Das Bonhoeffer-Haus ist seit 40 Jahren ein Haus des Gebetes, des Gottesdienstes, der Gemeinschaft, die vielfältige Formen weit über den klassischen Gottesdienst hinaus gefunden hat und immer neu findet – so wie in dem Glaubenskurs, der in der nächsten Woche hier beginnt und für den zum Schluss des Gottesdienstes noch einmal eingeladen wird.

Ich wünsche auch in Zukunft Gottes Segen für dieses Haus, allen die hier ein- und ausgehen, dass sie hier finden, was sie suchen, Hoffnung und Trost, Stärkung und Orientierung –  und noch viel mehr, Unerwartetes und Heilsames, das ihr Leben verändert, so dass sie laufen, springen, tanzen können, hier drin und draußen – ganz egal ob auf den eigenen Füßen oder im Rollstuhl, ob blind oder sehend, Frau oder Mann, alt oder jung, evangelisch oder katholisch.  Amen
 

Propst Bernd Böttner, An der Ochsenwiese 14, 63450 Hanau

14. Sonntag nach Trinitatis 2011: Das Messiasgeheimnis im Markusevangelium

Von Pfarrer Marvin Lange

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus

und die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit euch allen.


TXT: Mk 1,40-45: Die Heilung eines Aussätzigen

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

41 Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein!

42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich a

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du a niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und b opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so daß Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

  1. Der Mensch: Ein Schwätzer

Das kennt man doch gut. Man macht etwas, will aber nicht so gern, dass es bekannt wird. „Lass mal“, sagt man dann, „ich hätte lieber, dass das unter uns bleibt.“ Und dann verbreitet sich das Geschehene wie ein Lauffeuer. Ich sag noch: Erzähl´s  nicht weiter!“ und am nächsten Tag weiß es der ganze Freundeskreis. Die Nachbarschaft. Das Dorf.

Woran liegt das?

Menschen schwätzen gern. Sie erzählen sich Dinge gern weiter, die sie eigentlich nicht unbedingt etwas angehen.

Bilder steigen auf: „Die Frau Meyer, die hat für die Orgel der Bonhoeffergemeinde ein ganzes Register gespendet, für 10.000€, aber erzähl´s keinem weiter, die will lieber anonym bleiben!“

Andere Bilder: Das von meiner geschwätzigen Nachbarin von früher.

Das von dem gehörnten Ehemann, der als Einziger nicht weiß, dass ihn seine Frau betrügt.

Das Bild eines Gerüchtes, das uns zu Ohren kommt. Das wir kaum glauben können. Und gerade deshalb erzählen wir es weiter.

Der Mensch. Ein Schwätzer.

2. Messiasgeheimnis

Jesus will nicht, dass zu viele auf ihn aufmerksam werden. Er fährt den frisch geheilten an: „Hau ab und erzähl es keinem! Zeige dich nur dem Priester und vollziehe das vorgeschriebene Opfer!“

Jesus weiß: Gott hat den Aussatz besiegt und nicht er selbst. Also soll der nun Geheilte sich so verhalten, wie es dem Gesetz in Leviticus 14 entspricht. Einen Vogel opfern, einen Vogel freilassen. Den Ritus vollziehen. Nicht Jesus selbst steht im Mittelpunkt seines Tuns, sondern Gott. Ärgerlich für Jesus, dass nun alle auf ihn zeigen.

Hat Jesus noch nicht begriffen, dass er selbst auch Gott ist?

Wer hat da was wohl nicht verstanden?

3. Freudenschreie

Der hat mich geheilt.

Der hat das geschafft, was undenkbar war.

Mein verfaultes Fleisch ist wieder fest.

Meine schuppige Haut ist wieder glatt.

Meine Gliedmaßen kann ich wieder bewegen.

Jesus hat die Lepra besiegt. Oder Gott. Oder beide. Oder welche Macht auch immer.

Jesus hat nur ein Wort gesagt: katharísthäti! Sei rein!

Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.

Gleich gehe ich nach Hause zu meiner Familie und zu meinen Freunden.

Ob meine Frau mich noch liebt?

Ob meine Kinder mich erkennen?

Ich freue mich ja so.

Und ich bin ihm unglaublich dankbar.

Ich könnte die ganze Welt umarmen, denn jetzt bin ich gesund!

4. Jesus der Kautz

Er ist ja schon ein seltsamer Kautz, dieser Jesus. Kaum heilt er mich, schon jagt er mich fort.

Gleich zu den Priestern soll ich gehen.

Opfer darbringen.

Die Priester haben mir doch gar nicht geholfen!

Jesus hat geholfen!

Alle sollen das wissen: Da ist einer, der wirklich helfen kann!

Sagt es allen Kranken weiter!

Sollte Jesus wirklich gesagt haben, dass ich darüber Stillschweigen wahren soll?

Er ist ja schon ein seltsamer Kautz, dieser Jesus…

5. Die Geheimnistheorie im Markusevangelium

Um das Markusevangelium zu verstehen, kann es hilfreich sein, sich eine Entstehungstheorie dieses Evangeliums anzuschauen.

Was trieb den Evangelisten, das Evangelium so aufzuschreiben, wie wir es heute lesen können?

Es sind einige Merkmale, die uns auf eine Fährte führen können.

Im Markusevangelium ermahnt Jesus Leute immer wieder dazu, über dies und das Stillschweigen zu bewahren.

Geheimniskrämerei ist ein typisches Merkmal, das das Markusevangelium durchzieht.

Bei einigen Heilungen ermahnt er die Geheilten, Stillschweigen zu bewahren, so etwa bei unserem Aussätzigen aus dem heutigen Predigttext.

Die Dämonen erkennen ihn: Ihnen gebietet er gleich zu Beginn des Evangeliums mit dem Wirken Jesu in Kapernaum (1,21ff.), sie sollten ihn und seine Mission keinem verraten.

Auch von den Jüngern verlangt er, dass sie über das wahre Sein Jesu als Gottessohn niemandem etwas sagen sollen.

„Je mehr er es aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.“ (Mk 7,36).

Sogar als Petrus ihm gegenüber – übrigens genau auf der Hälfte des Evangeliums im Kapitel 8 – bekennt, dass Jesus der Christus sei, will Jesus nicht, dass das weiter bekannt wird.

Erst nach der Auferweckung von den Toten, nach Kreuz und Auferstehung sollten alle weitererzählen, was sie gesehen haben.

Und noch etwas kann man herauslesen:

Weder die Jünger, noch die „normalen“ Zuhörer verstanden Jesus wirklich.

Auf die Leidensankündigung in Mk 8,31ff. reagiert Petrus mit einer Abwehr, die das völlige Unverständnis zeigt, und die Gleichnisse in Kapitel 4 zeugen davon, dass das Volk sie nicht versteht.

Also: Schweigegebote auf der Seite von Jesus – Unverständnis auf der Seite der übrigen Menschen.

Warum dieser Aufwand?

Der Evangelist Markus schrieb sein Evangelium um 70 n.Chr.

Das heißt, etwa 40 Jahre nach der Kreuzigung.

Den irdischen Jesus wird er kaum gekannt haben.

Vielmehr schöpft er aus verschiedenen Quellen, die ihm vorlagen. Mündliche wohl wie schriftliche.

Auffällig ist, dass die Wunder Jesu eigentlich ziemlichen Eindruck gemacht haben müssten.

Das heißt, Markus war klar, dass zwischen dem Erzählten von Jesus (nämlich: mit Macht über die Dämonen, Krankheiten, das Wetter [etwa Stillung des Sturmes] und Speisung von 5000 Menschen)  und der Wirkung, die davon ausging, eine hohe Diskrepanz, ein großer Graben liegt.

Wenn dieser Jesus diese gewaltigen Taten in der Öffentlichkeit vollbracht hat, dann hätten sich schon zu Lebzeiten unglaubliche Anhängerscharen bilden müssen.

Dann hätte die Mehrzahl der Juden ihn als den Messias anerkennen müssen, weil er eben über Kräfte verfügen konnte, die zweifellos göttlichen (oder zumindest übernatürlichen) Ursprungs waren.

Schon zu Lebzeiten Jesu´  hätte es gewaltige Menschenmassen geben müssen, die ihm nachfolgten.

Das war aber nicht der Fall.

Nicht in der Zeit des Wirkens des irdischen Jesus.

Da wird von den Zwölfen gesprochen, von einigen weiteren Jüngerinnen und Jüngern, immerhin von 72 Jüngern, die er im (später verfassten) Lukasevangelium aussendet.

Und auch nach der Auferstehung verbreitet sich das Christentum zwar schneeballsystemmäßig, aber doch eher langsam und mit Hindernissen.

So dass zur Entstehungszeit des Markusevangeliums zwar in jedem Winkel des römischen Reiches kleine christliche Gemeinden vorhanden waren, aber von einer Reichs- oder gar Weltreligion war man doch weit entfernt.

Der Evangelist merkte diesen Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Und ihm war bekannt, dass sich die Wunder eher im Verborgenen abgespielt haben sollen.

So wurde für ihn – vielleicht beim Verfassen des Evangeliums, wahrscheinlich aber schon früher – immer deutlicher, dass Jesus erst nach Kreuz und Auferweckung in der Welt bekannt werden wollte.

Wahrscheinlich kannte der Evangelist die Briefe des Paulus und die in ihnen ganz starke Kreuzestheologie.

Durch Kreuz und Leid wurde die Welt – wurden wir alle! – erlöst.

Nicht die großmächtigen Einzelwunder sind es, die uns zu Gott und zum Ewigen Leben bringen, sondern die Tatsache, dass Gott Mensch wurde und bis zum Äußersten ging und er den Tod alles Irdischen starb.

Wahrscheinlich kannte Markus diese Theologie, die in krassem Gegensatz zu dem mächtigen Gottesmann Jesus steht, der von Wunder zu Wunder eilt und über Legionen von Engeln und Dämonen gebieten kann.

Da passte es, diesen Geheimniskomplex aufzunehmen und noch auszubauen.

Ein fortwährendes Ineinander von Hoheit und Niedrigkeit, von Offenbarung und Verbergung begegnet uns beim Wirken Jesu im Markusevangelium.

Stillschweigen und laut verkünden – über die Elemente gebieten und von den Soldaten verspottet werden. Beides beobachtet man im Evangelium deutlich. Beides gilt es auch auszuhalten.

Was bleibt für uns?

Wir können Markus in einem schon einmal zustimmen:

Darin nämlich dass auch wir nicht wirklich verstehen, wie das sein kann:

Jesus ist Gott und Mensch zugleich. Und Kreuz und Leid sind der Schlüssel zum Verständnis des Wirkens von Jesus, nicht seine Wundertaten.

Insofern sind wir, wenn wir da einstimmen können, sogar ein wenig weiter als die Jünger.

Aber ich für mich kann nur sagen, dass ich aus diesem Glaubenswissen immer wieder herausfalle und den Wundermann Jesus dem Gekreuzigten immer wieder vorziehe. Und damit lebe auch ich noch in großem Unverständnis.

Wir können außerdem dem Markus darin zustimmen, dass der heutige Predigttext nur vor dem Hintergrund vom Ende her, von Kreuz und Auferstehung her, verstanden werden kann.

Denn hinterher, nach der Auferstehung, da sollten ja die Jünger in alle Welt gehen und das Evangelium verkündigen.

Wenn wir so auf das große Ganze schauen, dann geht es nicht mehr bloß darum, dass sich einer einmal darüber gefreut hat, dass er geheilt ist. Und wir am liebsten auch so einen Arzt hätten.

Es kann uns heute auch nicht darum gehen, dass man über seine Heilung Stillschweigen wahrt:

Sondern es geht darum, dass Jesus sich durch Kreuz und Auferweckung allen Menschen zuwendet:

Mehr noch als dem Aussätzigen wendet er sich dir zu! Und dir! Und dir! Und dir!

Nämlich insofern als dass er dir und der ganzen Menschheit zuruft: katharisthäti!

„Sei rein!“

Amen.

Und der Friede Gottes,…

6. Sonntag nach Trinitatis 2010 – „Der Tod kann über ihn hinfort nicht herrschen.“ Von Namen und Nummern

Von Pfarrer Marvin Lange

PREDIGT ZU RÖM 6,3-11
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.


1. KZ-Stimmung: Der „äußere Mensch“
Liebe Gemeinde,
Das KZ Buchenwald an einem Juli-Tag im Jahr 1939.
Ein neuer Häftling kommt an. Mit über 400 anderen Männern und einigen Frauen muss er mehrere Stunden lang im hellen Sonnenschein auf dem Apellplatz warten. Er blickt auf das Lagertor, darüber steht in metallenen Lettern: „Jedem das Seine.“
Ein Karren wird vor den Wartenden vorbeigefahren.
Auf ihm türmen sich Leichen in Häftlingskleidung.
Ihre Körper sind ausgemergelt, die Gesichter schmal und schmutzig.



Der neue Häftling soll sich nun einreihen, um sich die gesamte Körperbehaarung entfernen zu lassen. Auch ein Bad in beißendem Desinfektionsmittel gehört dazu.

Dann beraubt man ihn seines Namens. Niemand braucht, ja niemand soll ihn mehr nennen.
Im KZ haben die Häftlinge eine Nummer, mit der sie angeredet werden.
Namen sind nur für Menschen, Nummern dagegen für Häftlinge.

Damit man weiß, welche Art Häftling er ist, bekommt er zwei Abzeichen. Einen gelben Winkel, weil er ein Jude ist. Und einen schwarzen Winkel, weil er als Schauspieler als „nicht arbeitswillig“, sprich asozial gilt. Übereinandergelegt ergeben die beiden Winkel einen schwarz-gelben Stern.
Der neue Häftling zieht seine gestreifte Sträflingskleidung an.

Von nun an gilt er als seiner Würde beraubt.
Ohne Namen.
In den Schubladen der Mächtigen als „asozialer Jude“ registriert.
In der Sträflingskleidung mit geschorenen Haaren für die Aufseher nur noch an Nummer und Kennzeichnung erkennbar.
Dass der neue Häftling 16 Stunden am Tag im Steinbruch zu arbeiten hat, interessiert ohnehin keinen mehr.

2. Taufsonntag: Der innere Mensch
Liebe Gemeinde,
Sonntagmorgen hier im Bonhoefferhaus.
Die Tauffamilie zieht mit dem Pfarrer ein.
Die Gemeinde erhebt sich und bittet um den Heiligen Geist.
Der Täufling schläft, der Gottesdienst nimmt seinen Lauf.
Das Taufevangelium wird verlesen.
Irgendwann werden Taufeltern und Paten vom Pfarrer befragt, ob sie bereit sind, das Kind im christlichen Glauben zu erziehen.

Die Antwort ist immer „Ja“; mal laut, mal vorsichtig gesprochen.
Keine weiteren Fragen, keine Prüfung der Herzen.
Als Bekräftigung spricht die ganze Gemeinde das Glaubensbekenntnis (– manchmal sogar nur die Gemeinde, wenn die Tauffamilie diese Worte nie gelernt oder bereits vergessen hat).

Dann kommt die Tauffamilie nach vorn.
Die Eltern werden nach dem Namen des Kindes gefragt, den sie laut und deutlich aussprechen sollen. Jeder in der Gemeinde soll hören: Dieser – dieser und kein anderer Mensch wird jetzt getauft.
Und der Pfarrer gießt dem Kind 3x Wasser über den Kopf und spricht dabei die Worte: „Ich taufe dich in den Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Das Kind erhält noch einen Taufspruch mit auf den Lebensweg, das Köpfchen wird abgetrocknet.
Vielleicht schreit es.
Als Zeichen der Erinnerung wird eine Kerze angezündet.
Die Tauffamilie wird vor dem Altar gesegnet.
Dann setzen sich alle wieder hin.
Ein neuer Christ ist da.

Und wir können nichts sehen.
Das Baby hat sich nicht verändert.
Es geht kein besondere Glanz von ihm aus.
Die Wassertropfen am Taufkleid trocknen schon.
Nicht einmal einen neuen Namen hat es bekommen.

Und doch ist hier mehr geschehen, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausmalen können.
Es ist insbesondere weit mehr passiert als bei der sehr sichtbaren, lauten und entsetzlichen Aufnahmeprozedur im KZ.

3. Taufe in Tod und Auferweckung
Wie sagt Paulus im heutigen Predigttext Röm 6?
3 (Oder) wißt ihr nicht, daß alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, daß unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so daß wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden,
9 und wissen, daß Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.
10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott.
11 So auch ihr, haltet dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.


Ein Satz hat es mir besonders angetan, ich möchte ihn immer und immer wieder lesen: „Der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.“
Romans 6:9 qa,natoj auvtou/ ouvke,ti kurieu,eiÅ
qa,natoj – das Wort bedeutet Tod (Sie kennen es durch das verballhornte Wort der Nazis „Euthanasie“)
qa,natoj auvtou/ ouvke,ti kurieu,eiÅ
Kyrios, der Herr, bekannt aus „Kyrie eleison“, Herr erbarme dich.
kurieu,ein = Herr sein, herrschen, befehlen, Übermensch sein über lauter Nummern, die vom Tod verschlungen werden sollen.

Wer getauft ist, über den kann der Tod hinfort nicht mehr herrschen.
Was für eine unglaubliche Macht, die wir in uns tragen, die wir getauft sind!
Weil die Taufe uns von der Sünde befreit – ja weil in der Taufe in uns die Sünde gestorben ist.
Und von der Sünde befreit sein heißt:
Den Tod, der der Sünde Sold ist, nicht schmecken zu müssen.

Stattdessen hat sich dem Getauften ganz tief Christus eingegraben.
In der Taufe ist der Mensch Christus gleichgeworden.

Spätestens hier sehen wir: Es bedarf keiner Priester, keiner sogenannten höher gestellten Menschen oder Mächte, die uns Christus vermitteln müssten.
Es bedarf allein der Taufe – und mit der Taufe ist jeder Mensch Christus aufs Engste verbunden.
Christus bietet sich dir selber als Mittler an, weil er in Dir seit der Taufe wohnt.

Äußerlich sieht man´s nicht.
Und innerlich ist es nicht immer erfühlbar, begreifbar, verstehbar.
Aber vor Gott ist es so und nicht anders, ganz egal, was wir darüber nun denken.

In der Taufe seid ihr:
– mitbegraben,
– mitverbunden,
– mitgekreuzigt,
– mitgestorben,
– und lebt mit Christus.

4. Tod und Auferstehung im KZ Buchenwald
Ich komme noch einmal zurück auf die entsetzlichen Umstände von Buchenwald.
Sie sind mir deshalb gerade jetzt so nahe und stehen mir so eindrucksvoll vor Augen, weil die Jugendgruppen Bonhoeffergemeinde und St. Johann/Petersberg am letzten Dienstag einen Tagesausflug mit mir dorthin gemacht haben.

Wer dorthin kam, dem sollte die Würde genommen werden. Die Gottebenbildlichkeit sollte ihm ausgetrieben werden.
Der Mensch galt weniger denn das Vieh.

Hoffnung auf Überleben gab es wenig.
Durch sadistischen Umgang wurde den Häftlingen gezeigt, welchen Status sie haben: Ohne Namen usw.

Lauter äußere Zeichen, die das Innere der Menschen brechen sollten.

Lauter äußere Schikanen und Grausamkeiten, die auch aus jungen Männern bei der SS entsetzliche Monster werden ließen.
Oder anders: Die Sünde des Menschen konnte sich in Buchenwald bei der SS auf erschreckende Weise entfalten.
In jedem von uns steckt ein Kain, der seinen Bruder Abel zu erschlagen imstande ist.
Damit geht die Menschheitsgeschichte nach der Vertreibung aus dem Paradies los: Mit einem Mord.

Junge Männer wurden zu Mördern, Sadisten und Henkern, die sicher ohne solche Absichten bei der SS ihren Dienst angetreten hatten.

Da soll mir noch einmal einer kommen und über das Wort „Sünde“ lachen!
Der lacht den Opfern der Sünder ins Gesicht!

Der äußeren Zeichen waren viele: Diese sollten alle zeigen: Man hat es nur noch mit Menschen 2. Klasse zu tun, das sind doch nur sogenannte Untermenschen.
Laut und deutlich wurden die Häftlinge gequält.

Wo war eigentlich Gott in Buchenwald?
Wo ist Gott in Guantanamo?
War er auch da?
Wo war Gott im KZ? möchte man fragen.

Ich will nicht zynisch erscheinen mit dem was ich jetzt sage – ich meine es ganz ernst:
Gott war da.
Er war da in jedem einzelnen Opfer.

„Mitbegraben, mitverbunden, mitgekreuzigt, mitgestorben, mit Christus leben“:

Das gilt ja nicht bloß für uns in Bezug auf Christus!
Sondern nur in beide Richtungen gedacht wird ein Schuh daraus:
Von Christus her in Bezug auf uns.
Jesus lässt sich mit uns mitbegraben etc.

Gott war auch in Buchenwald, wie er gleichzeitig auch in den anderen Arbeits- und Vernichtungslagern bis auf den heutigen Tag sich hat immer wieder für und mit uns kreuzigen lassen.

Und all die Tränen?
Das sind auch die Tränen Gottes, die er über jeden der Sünder verliert, die mit ihren Sünden dem Geschenk der Taufe ins Gesicht speien.

Es ist an uns, dass sich solche Dinge nicht wiederholen.
An uns Getauften, die wir in besonderer Verantwortung auf dieser Erde leben.
„Haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus!“

5. Des Beispiel Paul Schneider
Von einem Mann, der das Wort Gottes auch in der finstersten Stunde nicht vergaß, sondern immer wieder laut aussprach, will ich kurz berichten, dessen Biographie eindrücklich nachzulesen ist in dem Buch „Der Prediger von Buchenwald“.

Kleine Zeichen der Hoffnung gab es freilich auch dort, inmitten des Naziterrors.

Was es bedeutet, in Christi Tod getauft zu sein, das hatte dieser Mann besonders deutlich gemacht:
Paul Schneider, dessen 71. Todestag sich nächsten Sonntag jährt.
Ein Pfarrer aus dem Hunsrück, der von den Nazis eingekerkert und zu Tode gefoltert worden ist, weil er sich weigerte, die Hakenkreuzfahne zu grüßen.
(„Es gibt nur einen Gott.“)

Unser „neuer Häftling“ von vorhin, der die Hölle des KZ Buchenwald überlebte, berichtete:

„Mehrfach wurde Schneiders Stimme, wenn Tausende zum Appell angetreten waren, laut und deutlich aus dem Arrestgebäude gehört:

„Kameraden hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

PREDIGTLIED: EG 320,1-5: NUN LAßT UNS GOTT DEM HERREN